Die Insel der dreißig Särge - Maurice Leblanc - E-Book

Die Insel der dreißig Särge E-Book

Maurice LeBlanc

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Beschreibung

"Die Insel der dreißig Särge" erzählt die unheimliche Geschichte der jungen Véronique d'Hergemont, die auf der Suche nach der eigenen Vergangenheit einem schrecklichen Geheimnis auf die Spur kommt. Auf einer Insel in der Bretagne erfüllen sich grausige Prophezeiungen: Véronique muss mit ansehen, wie ihr totgeglaubter Sohn seinen Großvater ermordet, drei alte Frauen gekreuzigt und flüchtende Inselbewohner erschossen werden. Véronique stellt sich den unheimlichen Mächten. Und sie trifft wieder auf einen der abscheulichsten aber auch schillernsten Bösewichter der französischen Literatur, auf ihren verschollen geglaubten Ehemann Graf Alexis Vorski. Und welche Rolle spielt der berühmte Gentleman-Gangster Arsène Lupin in dieser Geschichte? Die Verfilmung von 1979 ist bis heute eine der erfolgreichsten Sendungen im französischen Fernsehen und wird kultartig verehrt. Null Papier Verlag

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Maurice Leblanc

Die Insel der dreißig Särge

Roman

Maurice Leblanc

Die Insel der dreißig Särge

Roman

Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2019Übersetzung: Lothar Schmidt EV: Th. Knaur Nachf., Berlin, 1927 (358 S.) 1. Auflage, ISBN 978-3-962813-77-2

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Inhaltsverzeichnis

An­mer­kung des Ver­le­gers

Vor­spiel

I. Die ver­las­se­ne Hüt­te

II. An der Küs­te des Ozeans

III. Vors­kis Sohn

IV. Die ar­men Leu­te von Sa­rek

V. Vier Frau­en am Kreuz

VI. Al­les­gut

VII. François und Ste­phan

VIII. To­des­angst

IX. Die To­des­kam­mer

X. Die Flucht

XI. Die Got­tes­gei­ßel

XII. Der Weg nach Gol­ga­tha

XIII. Eli Eli Lama Sa­ba­tha­ni

XIV. Der alte Drui­de

XV. Der un­ter­ir­di­sche Op­fer­saal

XVI. Der Grab­stein der Kö­ni­ge von Böh­men

XVII. »Grau­sa­mer Fürst, ge­hor­sam dem Ge­schick«

XVIII. Der Got­tes­stein

Epi­log

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Anmerkung des Verlegers

Ich habe mir er­laubt, die in der ur­sprüng­li­chen Über­set­zung ein­ge­deutsch­ten Na­men (An­ton, Franz, Rein­hold etc.) durch die rich­ti­gen Na­men (An­to­i­ne, François, Éric etc.) der fran­zö­si­schen Ori­gi­nal­fas­sung zu er­set­zen.

Jür­gen Schul­ze, Neuss 2018

Vorspiel

In­fol­ge der Um­wäl­zun­gen, die der Krieg her­vor­ge­ru­fen hat, er­in­nert sich heu­te kaum noch je­mand des so­ge­nann­ten Her­ge­mont-Skan­dals.

Ru­fen wir uns kurz die Er­eig­nis­se von da­mals ins Ge­dächt­nis zu­rück.

Im Juli 1902 ging An­to­i­ne d’Her­ge­mont – des­sen Stu­di­en über die me­ga­li­thi­schen Denk­mä­ler der Bre­ta­gne sehr ge­schätzt sind – mit sei­ner Toch­ter Véro­ni­que im Pa­ri­ser Bois de Bou­lo­gne spa­zie­ren, als er von vier un­be­kann­ten In­di­vi­du­en an­ge­fal­len und mit ei­nem Stock­schlag ins Ge­sicht nie­der­ge­schla­gen wur­de.

Nach kur­z­em Kampf und ver­zwei­fel­tem Wi­der­stand wur­de Véro­ni­que, die schö­ne Véro­ni­que, wie sie von ih­ren Freun­den ge­nannt wur­de, fort­ge­schleppt und in ein Au­to­mo­bil ge­wor­fen, das Zeu­gen die­ses sich sehr schnell ab­spie­len­den Vor­gan­ges in der Rich­tung nach Saint-Cloud da­von­fah­ren sa­hen.

Eine Ent­füh­rung also. Am fol­gen­den Mor­gen wuss­te je­der, worum es sich han­del­te. Graf Ale­xis Vorski, ein jun­ger pol­ni­scher Edel­mann von ziem­lich schlech­tem Ruf, aber groß­ar­ti­gem Auf­tre­ten, noch dazu an­geb­lich von kö­nig­li­chem Blu­te, lieb­te Véro­ni­que d’Her­ge­mont und Véro­ni­que lieb­te ihn wie­der. Vom Va­ter ab­ge­wie­sen und so­gar ver­schie­dent­lich von ihm be­lei­digt, war er auf die­ses Aben­teu­er ver­fal­len, bei dem üb­ri­gens Véro­ni­que auch nicht im ge­rings­ten die Hand im Spie­le hat­te.

An­to­i­ne d’Her­ge­mont, der – wie ei­ni­ge Brie­fe, die in die Öf­fent­lich­keit ge­lang­ten, be­stä­tig­ten – gleich­zei­tig hef­tig und zu­rück­hal­tend war und der durch sei­ne wun­der­li­chen Lau­nen, sei­nen grau­sa­men Ego­is­mus und sei­nen schmut­zi­gen Geiz sei­ne Toch­ter über­aus un­glück­lich ge­macht hat­te, schwor jetzt vor al­ler Welt, dass er sich in der un­ver­söhn­lichs­ten Wei­se rä­chen wür­de.

Er gab sei­ne Ein­wil­li­gung zu der Hei­rat, die zwei Mo­na­te spä­ter in Niz­za statt­fand, aber schon im nächs­ten Jahr er­fuhr man eine Rei­he auf­se­hen­er­re­gen­der Neu­ig­kei­ten. Ge­treu sei­nem Ra­che­schwur, ent­führ­te Herr d’Her­ge­mont das Kind, das aus der Ehe sei­ner Toch­ter mit Vorski her­vor­ge­gan­gen war, und in Vil­le­fran­che ging er an Bord der klei­nen Lust­jacht, die er neu ge­kauft hat­te.

Das Meer war be­wegt. Un­weit der ita­lie­ni­schen Küs­te sank die Jacht; die vier Ma­tro­sen, die an Bord wa­ren, wur­den von ei­ner Bar­ke auf­ge­nom­men. Nach ih­rem Zeug­nis wa­ren Herr d’Her­ge­mont und das Kind in den Wel­len um­ge­kom­men.

Als Véro­ni­que den si­che­ren Be­weis ih­res To­des er­langt hat­te, zog sie sich in ein Kar­me­li­te­rin­nen-Klos­ter zu­rück.

Dies sind die Tat­sa­chen. Vier­zehn Jah­re spä­ter soll­ten sie die ent­setz­lichs­ten und au­ßer­ge­wöhn­lichs­ten Ge­scheh­nis­se nach sich zie­hen. Ge­scheh­nis­se, die, ob­wohl ver­schie­de­ne Ein­zel­hei­ten auf den ers­ten Blick er­dich­tet schei­nen, sich doch wirk­lich zu­ge­tra­gen ha­ben. Aber der Krieg hat un­ser Le­ben so aus der Bahn des Ge­wöhn­li­chen her­aus­ge­ris­sen, dass auch vom Krie­ge un­be­rühr­te Er­eig­nis­se wie die, die wir er­zäh­len wol­len, gleich­sam et­was Un­ge­wöhn­li­ches, Un­lo­gi­sches und mit­un­ter Selt­sa­mes be­kom­men ha­ben. Es be­darf der gan­zen blen­den­den Hel­lig­keit der Wahr­heit, um die­sen Er­eig­nis­sen den Stem­pel ei­ner Wirk­lich­keit auf­zu­drücken, die letz­ten En­des sehr ein­fach ist.

I. Die verlassene Hütte

Mit­ten im Her­zen der Bre­ta­gne liegt das ma­le­ri­sche Dörf­chen Faouët. Dort fuhr an ei­nem schö­nen Mai­mor­gen ein Wa­gen ein, des­sen In­sas­sin eine Dame von so großer Schön­heit und so voll­kom­me­ner An­mut war, dass auch die wei­te graue Rei­se­klei­dung und der dich­te Schlei­er, der das gan­ze Ge­sicht be­deck­te, die­sen Ein­druck nicht ver­wi­schen konn­te.

Die Dame früh­stück­te in al­ler Eile in dem bes­ten Gast­haus des Dor­fes. Ge­gen Mit­tag bat sie den Wirt, ih­ren Kof­fer auf­zu­be­wah­ren, ließ sich ei­ni­ge Aus­künf­te über die Ge­gend ge­ben und ging, nach­dem sie das Dorf durch­quert hat­te, auf die Fel­der hin­aus.

Bald zweig­ten von der Stra­ße zwei Wege ab, der eine führ­te nach Quim­per­lé, der an­de­re nach Quim­per. Sie wähl­te den letz­te­ren, stieg eine Tal­sen­kung hin­un­ter, dann wie­der hin­auf und be­merk­te zu ih­rer Rech­ten am An­fang ei­nes Feld­we­ges einen Weg­wei­ser mit der Auf­schrift: Lo­criff 3 km.

»Das ist der Ort«, sag­te sie.

Nach­dem sie ge­naue Um­schau ge­hal­ten hat­te, be­merk­te sie nichts von al­lem, wo­nach sie such­te. Hat­te sie die An­ga­ben, die man ihr ge­macht hat­te, falsch ver­stan­den?

Rings­um­her war nie­mand zu se­hen, kei­ne Men­schen­see­le so­weit der Blick auch über die bre­to­ni­sche Erde schweif­te, über die von Bäu­men ein­ge­fass­ten Wie­sen und die wel­li­gen Hü­gel. Un­weit des Dor­fes er­blick­te sie die von jun­gem Früh­lings­grün um­sproß­te Front ei­nes Sch­löss­chens, des­sen Fens­ter sämt­lich ge­schlos­sen wa­ren. Es schlug zwölf und das An­ge­lus­läu­ten zit­ter­te durch die Luft. Dann wie­der laut­lo­se Stil­le und tiefer Frie­de.

Die Dame setz­te sich auf eine frisch­ge­mäh­te Bö­schung und zog einen Brief aus ih­rer Ta­sche, des­sen zahl­rei­che Blät­ter sie ent­fal­te­te.

Die ers­te Sei­te zeig­te oben fol­gen­den Fir­men­auf­druck:

A­gen­tur Du­treil­lis De­tek­tiv­bü­ro Ver­trau­li­che Aus­kunft Dis­kre­ti­on.

dann dar­un­ter fol­gen­de Adres­se:

»An Frau Véro­ni­que, Mo­de­haus, Be­sançon.«

Sie las:

Sehr ge­ehr­te gnä­di­ge Frau!

Sie ah­nen nicht, mit wel­chem Ver­gnü­gen ich mich des dop­pel­ten Auf­tra­ges ent­le­digt habe, den Sie mir mit Ihrem Geehr­ten vom Mai des Jah­res 1917 er­teilt ha­ben. Ich habe nie­mals ver­ges­sen, un­ter wel­chen Um­stän­den es mir mög­lich war, Ih­nen vor vier­zehn Jah­ren wirk­sa­me Diens­te zu leis­ten, ge­le­gent­lich der pein­li­chen Er­eig­nis­se, die so dunkle Schat­ten auf Ihr Da­sein war­fen. Ich war es in der Tat, dem es ge­lang, völ­li­ge Ge­wiss­heit über den Tod Ihres lie­ben und eh­ren­wer­ten Va­ters, des Herrn An­to­i­ne d’Her­ge­mont, und Ihres heiß­ge­lieb­ten Soh­nes François zu ver­schaf­fen. Das war der ers­te Sieg ei­ner Lauf­bahn, die noch an­de­re glän­zen­de Er­fol­ge zei­ti­gen soll­te.

Ich war es gleich­falls, ver­ges­sen Sie dies nicht, der auf Ihre Bit­te hin und in der Ein­sicht wie nütz­lich es sei, Sie dem Hass und – spre­chen wir es ru­hig aus – der Lie­be Ihres Gat­ten zu ent­zie­hen, die ers­ten Schrit­te ge­tan hat, um Ihren Ein­tritt in das Kar­me­li­te­rin­nen-Klos­ter zu er­mög­li­chen. End­lich war auch ich es, der, nach­dem Ihre Zu­rück­ge­zo­gen­heit im Klos­ter Ih­nen ge­zeigt hat­te, dass die­ses Le­ben der Fröm­mig­keit Ih­rer Na­tur wi­der­sprach, Ih­nen jene be­schei­de­ne Stel­lung als Mo­dis­tin in Be­sançon ver­schafft hat, fern von den Stät­ten, wo sich die Jah­re Ih­rer Kind­heit und die Wo­chen Ih­rer Ehe ab­ge­spielt hat­ten. Sie hat­ten Ge­schmack, hat­ten das Be­dürf­nis nach Ar­beit, um zu le­ben und zu ver­ges­sen. Es muss­te Ih­nen ge­lin­gen und es ist Ih­nen ge­lun­gen.

Kom­men wir zur Sa­che, zu der dop­pel­ten Tat­sa­che, die uns be­schäf­tigt.

Zu­nächst die ers­te Fra­ge.

Was ist im Stru­del der Er­eig­nis­se aus Ihrem Gat­ten, dem Herrn Ale­xis Vorski, nach sei­nen Pa­pie­ren Pole von Ge­burt, nach sei­nen Re­den Sohn ei­nes Kö­nigs, ge­wor­den? Ich wer­de mich kurz fas­sen. Po­li­tisch ver­däch­tigt, seit Be­ginn des Krie­ges in ei­nem Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger ge­fan­gen ge­hal­ten, ist Herr Vorski ei­nes Ta­ges ent­flo­hen, in die Schweiz ent­wi­chen und schließ­lich nach Frank­reich zu­rück­ge­kehrt. Hier wur­de er fest­ge­nom­men und der Spio­na­ge über­führt. Das To­des­ur­teil war un­ver­meid­lich. Er ent­wich zum zwei­ten Male. Sei­ne Spu­ren ver­lo­ren sich im Wal­de von Fon­tai­nebleau, wo er schließ­lich, man wuss­te nicht recht von wem, durch einen Dolch­stich er­mor­det wur­de.

Ich er­zäh­le Ih­nen dies ganz scho­nungs­los, gnä­di­ge Frau, weiß ich doch, wel­che Ver­ach­tung Sie für die­ses We­sen emp­fin­den, das Sie so ab­scheu­lich ver­ra­ten hat, und dann ist mir ja auch be­kannt, dass Sie aus den Zei­tun­gen schon die meis­ten von die­sen Tat­sa­chen wuss­ten, ohne dass Sie in­des­sen ihre ab­so­lu­te Zu­ver­läs­sig­keit hät­ten fest­stel­len kön­nen.

Doch die Be­wei­se sind da. Ich habe sie ge­se­hen. Es gibt kei­nen Zwei­fel mehr. Ale­xis Vorski ist in Fon­tai­nebleau be­gra­ben.

Im An­schlus­se an die­se Mit­tei­lung er­lau­be ich mir, Sie, gnä­di­ge Frau, auf die selt­sa­men Um­stän­de die­ses To­des auf­merk­sam zu ma­chen. Sie er­in­nern sich wohl noch der merk­wür­di­gen Pro­phe­zei­ung, von der Sie mir spra­chen und die Herrn Vorski be­traf. Herr Vorski, des­sen an­ge­bo­re­ne In­tel­li­genz und un­ge­wöhn­li­che Ener­gie durch Un­klar­heit und Hang zum Aber­glau­ben be­ein­träch­tigt wur­den und den Hal­lu­zi­na­tio­nen und Angst­zu­stän­de pei­nig­ten, war von die­ser Weis­sa­gung sehr be­un­ru­higt. Sie las­te­te auf sei­nem Le­ben – sie war ihm von ver­schie­de­nen Leu­ten ge­macht wor­den, die in ok­kul­ten Wis­sen­schaf­ten be­wan­dert wa­ren.

›Vorski, Sohn des Kö­nigs, du wirst von der Hand ei­nes Freun­des ster­ben und dei­ne Frau wird ans Kreuz ge­schla­gen wer­den.‹ Gnä­di­ge Frau, wäh­rend ich die­se letz­ten Wor­te schrei­be, la­che ich! Das ist denn doch eine Stra­fe, die ein we­nig au­ßer Mode ge­kom­men ist, und in Be­zug auf Ihre Per­son bin ich be­ru­higt! Aber, was den­ken Sie über den Dolch­stoß, den Herr Vorski nach den ge­heim­nis­vol­len Wei­sun­gen des Schick­sals be­kom­men hat?

Aber ge­nug von die­sen Be­trach­tun­gen. Es han­delt sich jetzt dar­um …

Véro­ni­que ließ einen Au­gen­blick den Brief in ih­ren Schoß sin­ken. Die an­ma­ßen­de Schreib­wei­se, die ver­trau­li­chen Scher­ze des Herrn Du­treil­lis ver­letz­ten ihr Zart­ge­fühl. Auch hielt das tra­gi­sche Schick­sal von Ale­xis Vorski sie im Bann. Ein Schau­er durch­lief sie bei der schreck­li­chen Erin­ne­rung an die­sen Men­schen. Sie fass­te sich und be­gann von neu­em zu le­sen.

Gnä­di­ge Frau, es han­delt sich nun­mehr um eine zwei­te Mis­si­on, die wich­ti­ge­re in Ihren Au­gen, da al­les üb­ri­ge nur noch der Ver­gan­gen­heit an­ge­hört.

Stel­len wir ein­mal die Tat­sa­chen fest. Es war vor drei Wo­chen, als Sie an ei­nem Don­ners­tag abends aus­nahms­wei­se die stren­ge Ein­för­mig­keit Ihres Da­seins un­ter­bra­chen und mit Ihren An­ge­stell­ten ins Kino gin­gen. Hier be­geg­ne­te Ih­nen et­was höchst Selt­sa­mes. Der Haupt­film, ›Die bre­to­ni­sche Le­gen­de‹ ge­nannt, stell­te im Ver­lauf ei­ner Wall­fahrt eine Sze­ne dar, die sich an ei­nem Wege vor ei­ner klei­nen ver­las­se­nen Hüt­te ab­spiel­te, die mit der Hand­lung durch­aus nichts zu tun hat­te. Die­se Hüt­te stand of­fen­bar rein zu­fäl­lig da, aber et­was wahr­haft Un­ge­wöhn­li­ches lenk­te Ihre Auf­merk­sam­keit auf sie. Auf den ge­teer­ten Bret­tern der al­ten Tür stan­den mit der Hand ge­schrie­ben fol­gen­de drei Buch­sta­ben: ›V. v. H.‹ und die­se drei Buch­sta­ben wa­ren ganz ein­fach die An­fangs­buch­sta­ben Ihres Mäd­chen­na­mens, wie Sie sie frü­her in Ihren Fa­mi­li­en­brie­fen ge­braucht hat­ten und wie Sie sie seit 14 Jah­ren nicht ein ein­zi­ges Mal mehr an­ge­wandt ha­ben! Véro­ni­que d’Her­ge­mont! Kein Irr­tum mög­lich. Zwei große Buch­sta­ben, ge­trennt durch das klei­ne v, und was noch be­son­ders auf­fäl­lig war, der Qu­er­strich des Buch­sta­bens H war un­ter­halb der drei Buch­sta­ben nach rück­wärts ge­zo­gen, gleich­sam einen Schnör­kel bil­dend, ge­nau so wie Sie es frü­her ge­tan ha­ben. Der Schre­cken über die­ses selt­sa­me Zu­sam­men­tref­fen ver­an­lass­te Sie, mei­ne Hil­fe in An­spruch zu neh­men. Sie war Ih­nen von vorn­her­ein si­cher, und Sie wuss­ten, dass sie wirk­sam sein wür­de.

Wie Sie wohl er­war­ten dürf­ten, bin ich zum Ziel ge­langt.

Mei­ner Ge­wohn­heit ge­mäß wer­de ich mich wei­ter kurz fas­sen.

Gnä­di­ge Frau, neh­men Sie in Pa­ris den Abend­zug, der Sie am fol­gen­den Mor­gen nach Quim­per­lé brin­gen wird. Von da mie­ten Sie einen Wa­gen bis nach Faouët. Dann ge­hen Sie zu Fuß auf der Stra­ße nach Quim­per wei­ter. Nach dem ers­ten Hü­gel, ein we­nig vor dem Feld­weg, der nach Lo­criff führt, steht auf ei­ner im Hal­brund von Bäu­men ein­ge­fass­ten An­hö­he die ver­las­se­ne Hüt­te, die jene In­schrift trägt. Nichts Be­mer­kens­wer­tes ist an ihr zu se­hen. Das In­ne­re ist nichts als ein lee­rer Raum. Ein ver­faul­tes Brett dient als Bank. Als Dach ein Rah­men aus Holz, durch den es hin­durch­reg­net. Ich wie­der­ho­le, es steht au­ßer Zwei­fel, dass nur der Zu­fall die­se Hüt­te in den Ge­sichts­kreis des auf­neh­men­den Ki­ne­ma­to­gra­fen ge­bracht hat. Ich will noch hin­zu­fü­gen, dass der Film ›Die bre­to­ni­sche Le­gen­de‹ im ver­flos­se­nen Sep­tem­ber auf­ge­nom­men wur­de, dass mit­hin die In­schrift also min­des­tens acht Mo­na­te zu­rück­da­tiert wer­den muss.

So­weit der Tat­be­stand, gnä­di­ge Frau. Mei­ne dop­pel­te Auf­ga­be ist be­en­det. Ich bin zu be­schei­den, um Ih­nen zu sa­gen, nach wel­chen An­stren­gun­gen und durch wel­che sinn­rei­che Mit­tel ich sie in so kur­z­er Zeit habe er­le­di­gen kön­nen. Sie wür­den sonst die Sum­me von 500 Frank, auf die ich das Ho­no­rar mei­ner Be­mü­hun­gen be­stimm­te, wirk­lich et­was lä­cher­lich fin­den. Ge­neh­mi­gen Sie, gnä­di­ge Frau …

Véro­ni­que fal­te­te den Brief wie­der zu­sam­men und über­ließ sich ei­ni­ge Mi­nu­ten dem Ein­druck, den die­se Lek­tü­re in ihr her­vor­ge­ru­fen hat­te. Ein sehr schmerz­haf­tes Ge­fühl war es, wie al­les, was ihr die gräss­li­chen Tage ih­rer Ehe in die Erin­ne­rung zu­rück­rief. Ein Ein­druck be­son­ders war in ihr eben­so wach ge­blie­ben wie am Tage, da sie, um sich ihm zu ent­zie­hen, in den Schat­ten ei­nes Klos­ters ver­schwun­den war. Es war das Ge­fühl, die Ge­wiss­heit so­gar, dass all ihr Un­glück, dass der Tod ih­res Va­ters, der Tod ih­res Soh­nes, al­les von der Schuld her­rühr­te, die sie durch ihre Lie­be zu Vorski auf sich ge­la­den hat­te. Ge­wiss, sie hat­te sich ge­gen die Lie­be die­ses Man­nes ge­wehrt, sie hat­te sich nur ge­zwun­gen zu der Hei­rat ent­schlos­sen, rein aus Verzweif­lung und um Herrn d’Her­ge­mont der Ra­che Vors­kis zu ent­zie­hen. Aber trotz al­le­dem hat­te sie ihn ge­liebt, die­sen Mann. Trotz al­le­dem war sie im An­fang er­bleicht un­ter sei­nem Blick und von al­lem, was ihr heu­te eine un­ver­zeih­li­che Feig­heit schi­en, blieb in ihr ein Ge­fühl der Reue, das die Zeit nicht ge­mil­dert hat­te.

»Vor­wärts«, mur­mel­te sie, »ge­nug ge­träumt, ich bin nicht hier­her ge­kom­men, um zu wei­nen.«

Die Neu­gier­de, die sie aus ih­rer Zu­rück­ge­zo­gen­heit in Be­sançon her­aus­ge­lockt hat­te, er­wach­te von neu­em, und – zum Han­deln ent­schlos­sen – stand sie auf.

»Ein we­nig vor dem Feld­weg, der nach Lo­criff führt, auf ei­ner im Hal­brund von Bäu­men ein­ge­fass­ten An­hö­he« be­sag­te der Brief des Herrn von Du­treil­lis. Sie war also schon an dem Ort vor­über. In großer Eile ging sie zu­rück und be­merk­te als­bald zu ih­rer Rech­ten die Baum­grup­pe, wel­che die Hüt­te ih­ren Bli­cken ent­zo­gen hat­te. Als sie nä­her hin­zu­kam, konn­te sie die Hüt­te se­hen.

Es war eine Art Schutz­hüt­te für einen Hir­ten oder einen Chaus­see-Ar­bei­ter, die un­ter dem Ein­fluss der Wit­te­rung schon bau­fäl­lig ge­wor­den war. Véro­ni­que trat nä­her und stell­te fest, dass die In­schrift, die durch Son­ne und Re­gen schon ge­lit­ten hat­te, weit we­ni­ger deut­lich zu se­hen war als auf dem Film; aber die drei Buch­sta­ben wa­ren gut zu er­ken­nen, eben­so der Schnör­kel. Und sie ent­deck­te so­gar dar­un­ter et­was, was Herr Du­treil­lis nicht fest­ge­stellt hat­te, näm­lich einen Pfeil und eine Num­mer, die Num­mer 9.

Ihre Er­re­gung wuchs. Ob­wohl man in kei­ner Wei­se ver­sucht hat­te, ihre Hand­schrift nach­zuah­men, war es doch die Un­ter­schrift ih­res Mäd­chen­na­mens. Wer hat­te hier in der Bre­ta­gne, wo sie nie­mals ge­we­sen war, auf ei­ner ver­las­se­nen Hüt­te die­se Buch­sta­ben an­brin­gen kön­nen?

Véro­ni­que kann­te auf der Welt kei­nen Men­schen, mehr. Durch eine Fol­ge von Um­stän­den war mit dem Tode al­ler de­rer, die sie ge­liebt und ge­kannt hat­te, ihre gan­ze Ver­gan­gen­heit ver­sun­ken. Wie war es also mög­lich, dass die Erin­ne­rung an ih­ren Na­mens­zug au­ßer in ihr und de­nen, die nicht mehr leb­ten, noch fort­be­stand? Und dann vor al­lem: was soll­te die­se In­schrift hier an die­sem Orte? Was be­deu­te­te sie?

Véro­ni­que ging um die Hüt­te her­um. We­der hier noch auf den Bäu­men rings­um fand sie ein an­de­res Zei­chen. Sie er­in­ner­te sich, dass Herr Du­treil­lis die Hüt­te ge­öff­net und auch im In­nern nichts ent­deckt hat­te. Trotz­dem woll­te sie sich selbst ver­ge­wis­sern, ob er sich nicht ge­täuscht habe.

Die Tür war durch einen ein­fa­chen höl­zer­nen Rie­gel ver­schlos­sen. Sie hob die­sen Rie­gel, und merk­wür­dig ge­nug, sie muss­te sich un­er­klär­li­cher­wei­se einen zwar nicht kör­per­li­chen, so doch see­li­schen Zwang an­tun und ihre gan­ze Wil­lens­kraft auf­wen­den, um die­sen Rie­gel zu he­ben. Es schi­en, als ob sie mit die­ser Be­we­gung in eine Welt von Ge­scheh­nis­sen und Tat­sa­chen ein­trä­te, vor der sie un­be­wusst zu­rück­schreck­te.

»Was soll das?« sag­te sie zu sich selbst, »was hält mich zu­rück?« und sie öff­ne­te has­tig. Ein Schrei des Ent­set­zens ent­fuhr ihr. In der Hüt­te lag der Leich­nam ei­nes Man­nes, und in dem glei­chen Au­gen­blick, wo sie den Leich­nam sah, be­merk­te sie auch das be­son­de­re Merk­mal die­ses To­ten: die eine Hand fehl­te.

Es war ein Greis, des­sen Bart fä­cher­ar­tig aus­ein­an­der­fiel und des­sen lan­ges wei­ßes Haar ihm bis zum Hal­se her­ab­hing. Die schwärz­li­chen Lip­pen, eine ge­wis­se fle­cki­ge Far­be der Haut brach­ten Véro­ni­que auf den Ge­dan­ken, dass er viel­leicht ver­gif­tet wor­den sei, denn sein Kör­per zeig­te kei­ne Spur ei­ner Ver­wun­dung, mit Aus­nah­me der klaf­fen­den Wun­de am Arm, ober­halb des Hand­ge­len­kes, die schon ei­ni­ge Tage alt sein moch­te. Sei­ne Klei­dung war die ei­nes bre­to­ni­schen Bau­ern, sau­ber, aber sehr ab­ge­tra­gen. Die Lei­che lag in sit­zen­der Stel­lung auf dem Bo­den, den Kopf an die Bank ge­lehnt und die Bei­ne ein­ge­zo­gen.

Alle die­se Fest­stel­lun­gen mach­te Véro­ni­que halb un­be­wusst. Erst spä­ter soll­ten sie ihr zum Be­wusst­sein kom­men, denn im Au­gen­blick blieb sie zit­ternd, mit star­rem Blick, wie an­ge­wur­zelt ste­hen und stam­mel­te:

»Ein Leich­nam, ein Leich­nam …«

Plötz­lich kam ihr der Ge­dan­ke, dass sie sich viel­leicht täu­sche, und dass die­ser Mann viel­leicht nicht tot sei. Als sie aber sei­ne Stir­ne be­rühr­te, er­schau­er­te sie bei der Berüh­rung die­ser eis­kal­ten Haut.

Die­se Be­we­gung riss sie aus ih­rer Starr­heit. Sie be­schloss zu han­deln, und da rings­um nie­mand zu se­hen war, woll­te sie nach Faouët zu­rück­keh­ren, um die Be­hör­de zu be­nach­rich­ti­gen. Vor­her aber be­trach­te­te sie sorg­fäl­tig den Leich­nam, um zu se­hen, ob nicht ein An­halts­punkt für sei­ne Iden­ti­tät zu fin­den wäre.

Die Ta­schen wa­ren leer. Wä­sche und Klei­der wa­ren nicht ge­zeich­net. Als sie aber, um ihre Nach­for­schun­gen aus­zu­füh­ren, den Leich­nam ein we­nig bei­sei­te schob, neig­te sich der Kopf nach vorn, der Ober­kör­per sank vorn über die Bei­ne, und der Raum un­ter der Bank wur­de sicht­bar.

Un­ter der Bank ent­deck­te sie ein zu­sam­men­ge­roll­tes Pa­pier mit ei­ner fast ver­wisch­ten Zeich­nung. Es war zer­knit­tert, gleich­sam mit Ge­walt zer­rie­ben und zu­sam­men­ge­dreht. Sie hob es auf und fal­te­te es aus­ein­an­der. Aber kaum hat­te sie dies ge­tan, als ihre Hän­de zu zit­tern be­gan­nen, und sie stam­mel­te: »O mein Gott … O mein Gott!« Mit al­ler Wil­lens­kraft woll­te sie sich zur Ruhe zwin­gen und mit Au­gen schau­en, die ru­hig prüf­ten, und mit ei­nem Ge­hirn ar­bei­ten, das die Din­ge er­fass­te.

Dies ge­lang ihr für höchs­tens ei­ni­ge Se­kun­den, aber wäh­rend die­ser Se­kun­den un­ter­schied sie durch einen im­mer dich­ter wer­den­den Ne­bel hin­durch, der ihr Auge zu ver­schlei­ern droh­te, eine rote Zeich­nung, die vier an vier Bäu­men ge­kreu­zig­te Frau­en dar­stell­te.

Und als ers­te sah sie auf die­ser Zeich­nung im Mit­tel­punkt des Bil­des eine ver­schlei­er­te, schon er­starr­te Ge­stalt, de­ren Züge trotz der ent­setz­li­chen Qua­len noch deut­lich zu er­ken­nen wa­ren. Die­se ge­kreu­zig­te Frau war sie selbst. Kein Zwei­fel, sie war es, sie selbst, Véro­ni­que d’Her­ge­mont. Auch be­fand sich ober­halb des Haup­tes, nach an­ti­kem Mus­ter, ein Schild mit ei­ner stark her­vor­tre­ten­den In­schrift.

Es war der Na­mens­zug: V. v. H. Véro­ni­que d’Her­ge­mont.

Ein krampf­ar­ti­ges Zit­tern durch­lief sie. Sie rich­te­te sich auf, tas­te­te schwin­delnd nach der Tür und sank ohn­mäch­tig in das Gras.

Véro­ni­que war eine ge­sun­de, große und kräf­ti­ge Frau von be­wun­derns­wer­tem Gleich­ge­wicht, de­ren see­li­sche Har­mo­nie nie­mals durch die Prü­fun­gen, die sie er­dul­det hat­te, er­schüt­tert wur­de. Es be­durf­te schon au­ßer­ge­wöhn­li­cher, un­vor­her­ge­se­he­ner Er­leb­nis­se, wie die­se im Ve­rein mit zwei im Zug ver­brach­ten Näch­ten, um ihre Ner­ven und ihre Wil­lens­kraft völ­lig zu er­schüt­tern.

Die­se Schwä­che dau­er­te üb­ri­gens nur zwei bis drei Mi­nu­ten, dann wur­den ihre Ge­dan­ken wie­der klar, und sie fand ih­ren Mut wie­der.

Sie er­hob sich, trat noch ein­mal in die Hüt­te, er­griff das Pa­pier und las es, wenn auch mit un­sag­ba­rer Her­zens­angst, so doch mit Au­gen, die ru­hig prüf­ten, und mit ei­nem Ge­hirn, das die Din­ge er­fass­te.

Zu­erst die Ein­zel­hei­ten, die un­be­deu­tend schie­nen oder de­ren Be­deu­tung ihr zu­nächst nicht klar ward. Links eine schma­le Spal­te von un­ge­fähr vier­zehn Zei­len, die kei­ne Wor­te ent­hiel­ten, son­dern nur aus Buch­sta­ben be­stan­den, aus im­mer glei­chen Stri­chen, die nur zum Aus­fül­len be­stimmt zu sein schie­nen.

An ver­schie­de­nen Stel­len wa­ren im­mer­hin ei­ni­ge Wor­te zu le­sen und Véro­ni­que ent­zif­fer­te:

»Vier Frau­en am Kreuz«

wei­ter un­ten:

»Drei­ßig Sär­ge«

und am Schluss eine gan­ze fol­gen­der­ma­ßen lau­ten­de Zei­le:

»Stein Got­tes, der Tod oder Le­ben gibt.«

Die­se gan­ze Spal­te war von zwei re­gel­mä­ßig ge­führ­ten Li­ni­en ein­ge­rahmt. Die eine mit ro­ter, die an­de­re mit schwar­zer Tin­te ge­zo­gen. Oben, gleich­falls rot, sah man eine Dar­stel­lung zwei­er von ei­nem Mis­pel­zweig um­schlun­ge­ner Si­cheln, und dar­un­ter den Schat­ten­riss ei­nes Sar­ges.

Der rech­te, bei wei­tem wich­tigs­te Teil des Bil­des war ganz aus­ge­füllt durch die blut­far­be­ne Zeich­nung, die der gan­zen Sei­te mit der da­ne­ben­ste­hen­den Er­klä­rung das Aus­se­hen ei­ner Buch­sei­te gab oder viel­mehr der Nach­ah­mung ei­ner Buch­sei­te – das Blatt sah aus wie das ei­nes großen mit Bil­der­schmuck ver­se­he­nen al­ter­tüm­li­chen Bu­ches – worin die Ge­gen­stän­de ein we­nig naiv, in völ­li­ger Un­kennt­nis der Ge­set­ze der Per­spek­ti­ve dar­ge­stellt sind.

Es wa­ren vier Frau­en an Kreu­zen. Drei von ih­nen füll­ten, im­mer klei­ner wer­dend, den Hin­ter­grund. Sie tru­gen bre­to­ni­sche Tracht und auf dem Kopf eine bre­to­ni­sche Hau­be von be­son­de­rer Art, die nur an be­stimm­ten Or­ten üb­lich war, mit brei­ter, schwar­zer, nach El­säs­ser Art ge­kno­te­ter Schlei­fe. In der Mit­te der Sei­te aber be­fand sich das Schreck­li­che, von dem Véro­ni­que ih­ren ent­setz­ten Blick nicht los­lö­sen konn­te: Das Haupt­kreuz, an dem rechts und links die Arme der Frau her­un­ter­hin­gen.

Hän­de und Füße wa­ren nicht durch Nä­gel ge­hal­ten, son­dern durch einen Strick, der bis zu den Schul­tern und bis hin­auf zur Ga­be­lung der Bei­ne reich­te. An Stel­le der bre­to­ni­schen Tracht trug die­ses Op­fer eine Art Schul­ter­tuch, das fast bis zur Erde reich­te und den durch die Mar­te­rung ab­ge­ma­ger­ten Kör­per noch ma­ge­rer er­schei­nen ließ.

Der Aus­druck des Ge­sich­tes war herz­zer­rei­ßend. Es war ein Aus­druck schmerz­li­cher Er­ge­ben­heit. Es war das Ge­sicht Véro­ni­ques, so wie sie sich er­in­ner­te, als Zwan­zig­jäh­ri­ge aus­ge­se­hen zu ha­ben, wenn sie in trü­ben Stun­den mit hoff­nungs­lo­sen Au­gen und trä­nen­über­strömt in den Spie­gel ge­se­hen hat­te.

Und da war auch die dich­te Flut ih­res Haa­res, das in gleich­mä­ßi­gen Wel­len bis auf den Gür­tel her­ab­fiel.

Und oben die In­schrift V. v. H.

Véro­ni­que blieb lan­ge in Nach­den­ken ver­sun­ken, sie be­frag­te ihre Ver­gan­gen­heit und ver­such­te in dem Dun­kel eine Ver­bin­dung her­zu­stel­len zwi­schen den Er­eig­nis­sen von jetzt und den Erin­ne­run­gen ih­rer Kind­heit; aber ihr Geist konn­te es zu kei­ner Klar­heit brin­gen. Die Wor­te, die sie las, die Zeich­nung, die sie sah, nichts von all­dem hat­te auch nur den ge­rings­ten Sinn für sie, nichts hät­te zu der kleins­ten Auf­klä­rung füh­ren kön­nen.

Meh­re­re Male prüf­te sie das Pa­pier, end­lich zer­riss sie es lang­sam in lau­ter klei­ne Stück­chen, die der Wind fort­trug. Als das letz­te Stück­chen da­von­flog, war ihr Ent­schluss ge­fasst. Sie schloss die Tür und ent­fern­te sich ei­ligst in der Rich­tung nach dem Dor­fe, um die­sem Ge­scheh­nis den ge­richt­li­chen Ab­schluss zu ge­ben, der im Au­gen­blick al­lein mög­lich war.

Als sie aber eine Stun­de spä­ter mit dem Bür­ger­meis­ter von Faouët, dem Feld­hü­ter und ei­ner An­zahl Neu­gie­ri­ger, die durch ihre Er­zäh­lung an­ge­lockt wa­ren, zu­rück­kam, war die Hüt­te leer.

Der Leich­nam war ver­schwun­den.

All dies war so son­der­bar und Véro­ni­que wuss­te wohl, dass es ihr in dem Wirr­warr ih­rer Ge­dan­ken un­mög­lich war, auf die Fra­gen, die man an sie rich­te­te, zu ant­wor­ten; eben­so­we­nig gab sie sich Mühe, den Zwei­fel, den man viel­leicht ge­gen ih­ren ge­sun­den Ver­stand heg­te, zu zer­streu­en. Sie mach­te kei­nen Ver­such, Miss­deu­tun­gen zu ver­mei­den. Der Wirt war auch da und so frag­te sie ihn, wel­ches das nächs­te Dorf sei, das auf dem Wege lie­ge, und ob sie auf die­se Wei­se an eine Bahn­sta­ti­on käme, die ihr die Rück­kehr nach Pa­ris er­mög­lich­te.

Sie merk­te sich die bei­den Na­men Scaër und Ros­por­den, be­stell­te einen Wa­gen, der mit ih­rem Kof­fer sie un­ter­wegs ein­ho­len soll­te, und ging.

Sie reis­te ab, so­zu­sa­gen ins Blaue hin­ein. Der Weg war lang. Mei­len und wie­der Mei­len, aber sie hat­te es so ei­lig, die­sen un­be­greif­li­chen Er­eig­nis­sen ein Ende zu ma­chen und wie­der Ruhe und Ver­ges­sen zu fin­den, dass sie mit großen Schrit­ten vor­wärts streb­te, ohne zu be­den­ken, dass die­se An­stren­gung über­flüs­sig war, da ja der Wa­gen ihr folg­te.

Sie stieg bergan, dann wie­der tal­wärts, und sie dach­te an nichts mehr. Sie wehr­te sich da­ge­gen, eine Lö­sung zu su­chen für all die Rät­sel, die sich ihr dar­bo­ten, und sie hat­te eine fürch­ter­li­che Angst vor die­ser ih­rer Ver­gan­gen­heit, die den Zeit­raum von ih­rer Ent­füh­rung durch Vorski bis zu dem Tode ih­res Va­ters und ih­res Kin­des um­fass­te …

An nichts wei­ter woll­te sie den­ken als an das ganz be­schei­de­ne Le­ben, das sie sich in Be­sançon ge­schaf­fen hat­te. Dort gab es kei­nen Kum­mer, kei­ne Träu­me, kei­ne Erin­ne­run­gen, und sie zwei­fel­te nicht dar­an, dass sie in­mit­ten ih­rer klei­nen täg­li­chen Ver­pflich­tun­gen, die sie in dem be­schei­de­nen, von ihr ge­wähl­ten Be­ruf ein­hüll­ten, die ver­las­se­ne Hüt­te, den ver­stüm­mel­ten Leich­nam, die ent­setz­li­che Zeich­nung und die ge­heim­nis­vol­le In­schrift ver­ges­sen wür­de.

Als sie aber noch vor dem Markt­fle­cken Scaër den Huf­schlag ei­nes Pfer­des hin­ter sich hör­te, sah sie an der Stel­le, wo die Land­stra­ße nach Ros­por­den ab­bog, ein al­tes Ge­mäu­er, das von ei­nem hal­b­ein­ge­stürz­ten Haus üb­rig­ge­blie­ben war.

Und auf die­ser Mau­er stand über ei­nem Pfeil und der Num­mer neun mit wei­ßer Krei­de jene schick­sals­schwe­re In­schrift: V. v. H.

II. An der Küste des Ozeans

Véro­ni­ques see­li­sche Ver­fas­sung schlug plötz­lich um. So sehr sie mit al­ler Ent­schie­den­heit vor der Ge­fahr zu­rück­wich, die ihr von ih­rer schlim­men Ver­gan­gen­heit her­zu­kom­men schi­en, so sehr war sie den­noch ent­schlos­sen, den furcht­ba­ren Weg, der sich vor ihr zeig­te, bis zu Ende zu ge­hen.

Die­ser Um­schwung rühr­te wohl da­her, dass plötz­lich et­was Licht in das Dun­kel zu drin­gen schi­en. Sie ver­stand plötz­lich, um was es sich han­del­te. Um eine ganz ein­fa­che Sa­che üb­ri­gens, dass näm­lich der Pfeil eine Rich­tung an­zeig­te, und dass die Num­mer Zehn die zehn­te ei­ner Rei­he und die Mar­kie­rung ei­ner Weg­stre­cke be­deu­ten muss­te.

War es ein Zei­chen, das je­mand ei­nem an­de­ren gab, um sei­ne Schrit­te zu len­ken? War hier­mit ein Fin­ger­zeig zur Lö­sung des Rät­sels ge­ge­ben, in­wie­fern die Un­ter­schrift aus ih­rer Mäd­chen­zeit mit all die­sen tra­gi­schen Um­stän­den ver­ket­tet war?

In die­sem Au­gen­blick er­reich­te sie der Wa­gen, der ihr von Faouët nach­ge­schickt war. Sie stieg ein und be­fahl dem Kut­scher, in lang­sa­mem Tem­po in der Rich­tung nach Ros­por­den zu fah­ren. Ge­gen Mit­tag lang­te sie dort an, und ihre Vorah­nun­gen hat­ten sie nicht ge­täuscht. Zwei­mal sah sie, je­des Mal, wenn ein Weg ab­zweig­te, ih­ren Na­mens­zug in Ver­bin­dung mit den Zah­len elf und zwölf.

Véro­ni­que ver­brach­te die Nacht in Ros­por­den, und gleich am fol­gen­den Mor­gen nahm sie ihre Nach­for­schun­gen wie­der auf.

Die Zahl zwölf, die sie auf ei­ner Kirch­hof­mau­er fand, führ­te sie auf die Stra­ße von Con­car­neau, die sie auch er­reich­te, ohne dass an­de­re In­schrif­ten zu fin­den ge­we­sen wä­ren.

Sie nahm also an, dass sie sich ge­täuscht habe, kehr­te um und ver­lor einen gan­zen Tag mit un­nüt­zem Su­chen.

Erst am fol­gen­den Tag wies ihr die stark ver­wit­ter­te Num­mer drei­zehn die Rich­tung nach Fou­es­naut.

End­lich kam sie an den Ozean, und zwar an den wei­ten Strand von Beg-Meil.

Hier im Dor­fe ver­brach­te sie zwei Näch­te, ohne dass ihr auf ihre vor­sich­ti­gen Fra­gen eine Ant­wort ge­wor­den wäre. Ei­nes Mor­gens end­lich, nach­dem sie lan­ge Zeit bald zwi­schen Fel­sen, die halb un­ter Was­ser sich längs der Küs­te hin­zie­hen, bald an der nied­ri­gen Fel­sen­küs­te um­her­ge­irrt war, ent­deck­te sie vor ei­nem aus Erde und Zwei­gen ge­bil­de­ten Un­ter­schlupf, der frü­her ein­mal den Grenz­be­am­ten ge­dient ha­ben moch­te, einen klei­nen Men­hir Man nennt Men­hir die aus der Ur­zeit der Bre­ta­gne stam­men­den Denk­mä­ler in der Form ei­ner Säu­le.

Auf die­sem Men­hir stand jene In­schrift mit der Zahl sieb­zehn da­hin­ter.

Kei­ner­lei Pfeil dies­mal … son­dern nur ein ein­fa­cher Punkt da­ne­ben. Das war al­les.

In der Höh­lung drei zer­bro­che­ne Fla­schen und lee­re Kon­ser­ven­büch­sen.

»Hier ist das End­ziel«, sag­te sich Véro­ni­que. »Man hat hier ge­ges­sen, viel­leicht schon auf Vor­rat Le­bens­mit­tel un­ter­ge­bracht.«

In die­sem Au­gen­blick be­merk­te sie, dass gar nicht weit von hier, am Ran­de ei­ner klei­nen Bucht, die sich in­mit­ten der be­nach­bar­ten Fel­sen wie eine Mu­schel run­de­te, ein Mo­tor­boot schau­kel­te.

Sie hör­te Stim­men, die aus dem Dor­fe her­über­dran­gen. Eine Män­ner- und eine Frau­en­stim­me.

Von ih­rem Stand­ort aus konn­te sie vor­erst nur einen ziem­lich be­jahr­ten Mann se­hen, der ein hal­b­es Dut­zend Sä­cke schlepp­te, die er mit fol­gen­den Wor­ten ab­setz­te: »Ihr habt also eine gute Rei­se ge­habt, Mut­ter Ho­no­ri­ne?«

»Aus­ge­zeich­net.«

»Und wo war’t Ihr?«

»In Pa­ris. Acht Tage fort­ge­we­sen. Be­sor­gun­gen für mei­nen Herrn …«

»Zufrie­den, dass Ihr wie­der da seid?«

»Na, das will ich mei­nen!«

»Und seht Ihr wohl, Mut­ter Ho­no­ri­ne? Euer Boot liegt noch an der­sel­ben Stel­le. Alle Tage habe ich da­nach ge­se­hen. Heu­te Mor­gen habe ich end­lich das Se­gel ein­ge­zo­gen; die Scha­lup­pe läuft noch im­mer gut?«

»Wun­der­bar.«

»Ihr ver­steht aber auch et­was vom Steu­ern, Mut­ter Ho­no­ri­ne! Wer hät­te je ge­dacht, dass Ihr ein­mal die­ses Hand­werk be­trei­ben wür­det!«

»Das macht der Krieg. Alle jun­gen Leu­te von un­se­rer In­sel sind fort, die an­de­ren sind auf Fisch­fang, auch gibt es kei­ne Schiffs­ver­bin­dung wie frü­her alle vier­zehn Tage. So ma­che ich eben die Be­sor­gun­gen.«

»Aber das Ben­zin?«

»Da­von ha­ben wir ge­nug. In der Be­zie­hung ist nichts zu fürch­ten.«

»So wäre also al­les in Ord­nung, Mut­ter Ho­no­ri­ne? Kann man geh’n oder soll ich Euch hel­fen, die Sa­chen auf­la­den?«

»Ist nicht nö­tig, Ihr habt es ei­lig.«

»Für heu­te also wäre al­les in Ord­nung«, wie­der­hol­te der bie­de­re Mann, »bis aufs nächs­te Mal, Mut­ter Ho­no­ri­ne. Ich wer­de die Pa­ke­te schon vor­her zu­recht ma­chen«, und er ging da­von, in­dem er im Weiter­schrei­ten noch ein­mal zu­rück­rief:

»Gebt nur acht auf die Klip­pen, die Eure ver­damm­te In­sel um­ge­ben. Sie hat ge­ra­de kei­nen gu­ten Ruf, Eure In­sel. Nicht um­sonst nennt man sie die In­sel mit den drei­ßig Sär­gen. Viel Glück zur Über­fahrt, Mut­ter Ho­no­ri­ne!«

Er ver­schwand hin­ter ei­nem Fel­sen.

Véro­ni­que war zu­sam­men­ge­fah­ren. Die drei­ßig Sär­ge! Die glei­chen Wor­te, die sie am Ran­de der ent­setz­li­chen Zeich­nung ge­le­sen hat­te!

Sie beug­te sich vor. Die alte Frau nä­her­te sich in­zwi­schen dem Boot, und nach­dem sie an­de­re Vor­rä­te, die sie selbst ge­tra­gen hat­te, ver­staut hat­te, wand­te sie sich um. Jetzt sah Véro­ni­que sie von vorn. Sie trug die Tracht der bre­to­ni­schen Frau­en und auf ih­rer Hau­be eine große Schlei­fe aus schwar­zem Samt.

»O mein Gott«, stam­mel­te Véro­ni­que. »Es ist die­sel­be Hau­be wie die der drei Frau­en am Kreuz!«

Die Frau moch­te un­ge­fähr vier­zig Jah­re sein. Ihr großes, ener­gi­sches, von Wind und Wet­ter ge­bräun­tes Ge­sicht hat­te kno­chi­ge Züge und war grob ge­schnit­ten, doch zwei große, schwar­ze und klu­ge Au­gen be­leb­ten es. Eine schwe­re gol­de­ne Ket­te hing an ih­rer Brust. Sie trug ein eng an­lie­gen­des Samt­mie­der.

Wäh­rend sie ihre Pa­ke­te in das Boot trug, wo­bei sie auf einen großen Stein nie­der­kni­en muss­te, an dem es ver­an­kert war, sang sie lei­se vor sich hin. Es war ein lang­sa­mer und ein­tö­ni­ger Sang, eine Art Wie­gen­lied. Wäh­rend sie es sang, lä­chel­te sie, und Véro­ni­que sah ihre schö­nen wei­ßen Zäh­ne leuch­ten.

Sprach die Mut­ter zu dem Kind: Wei­ne nicht und schlaf ge­schwind! Wenn sie dich so wei­nen schaut, Wei­net auch die Him­mels­braut. Nimm die Händ­chen, fal­te sie: Bete lä­chelnd zu Ma­rie.

Sie konn­te nicht zu Ende sin­gen, denn plötz­lich stand Véro­ni­que vor ihr, ihr Ge­sicht war bleich und ver­zerrt. Be­stürzt mur­mel­te sie:

»Was ist denn?«

Mit zit­tern­der Stim­me frag­te Véro­ni­que:

»Wer hat Sie die­ses Lied ge­lehrt? … Wo­her ken­nen Sie es? Es ist ein Lied von mei­ner Mut­ter … Es ist aus ih­rer Hei­mat Sa­voy­en … Und seit dem sie tot ist, habe ich es nie mehr ge­hört … Ich möch­te gern …«

Sie ver­stumm­te. Die Frau be­trach­te­te sie mit stum­mem Er­stau­nen, es schi­en, als ob auch sie Lust hät­te, Fra­gen zu stel­len.

Véro­ni­que aber wie­der­hol­te:

»Wer hat es Sie ge­lehrt?«

»Je­mand aus der Ge­gend«, ant­wor­te­te end­lich die Frau, die man Mut­ter Ho­no­ri­ne nann­te.

»Von dort?«

»Ja, je­mand von mei­ner In­sel.«

Mit ei­ner Art schau­ri­ger Ah­nung un­ter­brach sie Véro­ni­que.

»Das ist die In­sel mit den drei­ßig Sär­gen?«

»So nennt man sie, ei­gent­lich heißt sie Sa­rek.«

Stumm sa­hen sie ein­an­der an, mit ei­nem Blick ge­mischt aus Miss­trau­en und Neu­gier, mehr zu er­fah­ren; und plötz­lich fühl­ten sie bei­de, dass sie sich nicht als Fein­de ge­gen­über­stan­den.

»Ver­zei­hen Sie, aber es gibt Din­ge, die einen au­ßer Fas­sung brin­gen!«

Die Frau nick­te zu­stim­mend mit dem Kop­fe, und Véro­ni­que fuhr fort:

»Die uns so aus der Fas­sung brin­gen und so ver­wir­ren … Wis­sen Sie zum Bei­spiel, warum ich hier an die­ser Küs­te bin? Ich muss es Ih­nen sa­gen, und Sie al­lein kön­nen mir viel­leicht eine Auf­klä­rung ge­ben … Der Zu­fall … ein ganz un­schein­ba­rer Zu­fall, von dem sich doch im Grun­de al­les her­lei­tet, hat mich hier­her ge­führt. Ich bin zum ers­ten Male in der Bre­ta­gne, und auf der Tür ei­ner al­ten ver­las­se­nen Hüt­te an ei­nem We­grand sah ich die An­fangs­buch­sta­ben mei­nes Mäd­chen­na­mens, den ich seit vier­zehn bis fünf­zehn Jah­ren nicht mehr füh­re. Als ich wei­ter wan­der­te, be­merk­te ich noch mehr­mals die­sel­be In­schrift in Ver­bin­dung mit ei­ner je­des Mal fort­lau­fen­den Zahl. So bin ich bis hier­her an den Strand von Beg-Meil ge­kom­men. An die­sen Teil der Küs­te, der folg­lich der End­punkt ei­ner be­ab­sich­tig­ten und aus­ge­führ­ten Rei­se ist. Von wem, das weiß ich nicht.«

»Ihr Na­mens­zug steht da?« sag­te Ho­no­ri­ne leb­haft, »wo denn?«

»Auf je­nem Stein dort oben am Ein­gang in die klei­ne Höh­le.«

»Ich kann es von hier aus nicht se­hen, wel­che Buch­sta­ben es sind.«

»V. v. H.«

Die Bre­to­nin un­ter­drück­te ihre Be­we­gung. Sie stieß zwi­schen den Zäh­nen her­vor:

»Véro­ni­que? … Véro­ni­que d’Her­ge­mont?«

»Wie«, rief die Frem­de, »Sie ken­nen mei­nen Na­men, Sie ken­nen ihn?«

Ho­no­ri­ne er­griff ihre bei­den Hän­de und hielt sie fest in den ih­ren. Ein freund­li­ches Lä­cheln zeig­te sich auf ih­rem stren­gen Ge­sicht. Trä­nen tra­ten ihr in die Au­gen, und sie wie­der­hol­te:

»Fräu­lein Véro­ni­que … Frau Véro­ni­que … Sie sind es also, Véro­ni­que? … O mein Gott! ist es denn mög­lich! Hei­li­ge Jung­frau, sei ge­be­ne­deit!«

In höchs­tem Er­stau­nen stam­mel­te Véro­ni­que im­mer wie­der:

»Sie ken­nen mei­nen Na­men … Sie wis­sen, wer ich bin? … So kön­nen Sie mir also die­ses gan­ze Rät­sel er­klä­ren?«

Nach län­ge­rem Schwei­gen ant­wor­te­te Ho­no­ri­ne:

»Er­klä­ren kann ich Ih­nen nichts … Ich ver­ste­he eben­falls nicht … aber viel­leicht kön­nen wir zu­sam­men su­chen … Wie heißt doch das bre­to­ni­sche Dorf?«

»Faouët.«

»Faouët … das ken­ne ich … Wo war die ver­las­se­ne Hüt­te?«

»Zwei Ki­lo­me­ter von dort ent­fernt.«

»Sind Sie drin ge­we­sen?« …

»Ja, und das ist das Schreck­lichs­te von al­lem … In die­ser Hüt­te lag …«

»Spre­chen Sie, was denn?«

»Der Leich­nam ei­nes al­ten Man­nes in bre­to­ni­scher Tracht. Er hat­te lan­ges, wei­ßes Haar und einen grau­en Bart … O, ich wer­de die­sen To­ten nie ver­ges­sen … Er muss wohl er­mor­det wor­den sein … Oder ver­gif­tet, wer weiß.«

Ho­no­ri­ne hör­te ge­spannt zu. Die­ses Ver­bre­chen schi­en ihr je­doch kei­nen Fin­ger­zeig zu bie­ten und so sag­te sie nur:

»Wer war es denn? Hat man die Sa­che un­ter­sucht?«

»Als ich mit den Leu­ten aus dem Dorf zu­rück­kam, war der Leich­nam in­zwi­schen ver­schwun­den.«

»Ver­schwun­den? Wer hat­te ihn denn fort­ge­schafft?«

»Ich weiß es nicht.«

»So wis­sen Sie also gar nichts?«

»Gar nichts, nein. Das ers­te­mal hat­te ich in der Hüt­te eine Zeich­nung ge­fun­den, die ich zer­ris­sen habe, de­ren Erin­ne­rung mir aber noch wie ein Alp auf der Brust liegt … Ich kann die­se Erin­ne­rung nicht los wer­den. Hö­ren Sie … es war ein Blatt, auf dem man of­fen­bar ver­sucht hat­te, ein al­tes Bild wie­der­zu­ge­ben. Das gan­ze stell­te, o, et­was Furcht­ba­res dar, et­was Grau­si­ges … Vier Frau­en am Kreuz! Und die eine Frau war ich selbst, sie trug mei­nen Na­men … die an­de­ren drei tru­gen Hau­ben wie Sie.«

Ho­no­ri­ne hielt Véro­ni­ques Hän­de krampf­haft um­schlos­sen.

»Was sa­gen Sie, vier Frau­en am Kreuz?«

»Ja, es war noch die Rede von drei­ßig Sär­gen, und das be­zog sich folg­lich auf Ihre In­sel.«

Die Frau leg­te Véro­ni­que die Hand auf den Mund.

»Schwei­gen Sie, schwei­gen Sie. Sie dür­fen da­von nicht spre­chen. Nein, spre­chen Sie nicht da­von … Es gibt teuf­li­sche Din­ge! Da­von zu spre­chen … ist Got­tes­läs­te­rung … Wir wol­len nicht da­von spre­chen … Spä­ter wer­den wir se­hen … Nächs­tes Jahr viel­leicht … Spä­ter … Spä­ter …«

Sie schi­en von Schre­cken ge­schüt­telt wie von ei­nem Ge­wit­ter­sturm, der die Bäu­me peitscht und die gan­ze Na­tur in Aufruhr bringt. Plötz­lich knie­te sie auf den Fel­sen nie­der und be­te­te, tief ge­beugt, den Kopf in die Hän­de ver­gra­ben, so ganz dem Ge­bet hin­ge­ge­ben, dass Véro­ni­que kei­ne Fra­ge wei­ter stell­te. End­lich stand sie auf und fuhr fort:

»Ja, all dies ist schreck­lich, aber ich sehe nicht ein, was dies an un­se­rer Pf­licht än­dern könn­te. Wir dür­fen nicht zö­gern.«

In tie­fem Ernst fuhr sie dann fort:

»Sie müs­sen mit mir dort hin­über.«

»Dort hin­über auf Ihre In­sel?« er­wi­der­te Véro­ni­que, ohne ihr Ent­set­zen da­vor zu ver­ber­gen.

Ho­no­ri­ne er­griff von neu­em ihre Hän­de, und in dem­sel­ben et­was fei­er­li­chen Tone, der Véro­ni­que voll ge­hei­mer un­aus­ge­spro­che­ner Ge­dan­ken schi­en, fuhr sie fort:

»Sie hei­ßen wirk­lich Véro­ni­que d’Her­ge­mont?«

»Ja.«

»Und Ihr Va­ter hieß?«

»An­to­i­ne d’Her­ge­mont.«

»Sie ha­ben einen an­geb­li­chen Po­len mit Na­men Vorski ge­hei­ra­tet?«

»Ja, Ale­xis Vorski.«

»Sie ha­ben ihn ge­hei­ra­tet nach ei­ner auf­se­hen­er­re­gen­den Ent­füh­rung und nach ei­nem Bruch mit Ihrem Va­ter?«

»Ja.«

»Sie ha­ben ein Kind von ihm?«

»Ja, einen Sohn François.«

»Den Sie so­zu­sa­gen nicht ge­kannt ha­ben, denn er war Ih­nen von Ihrem Va­ter weg­ge­nom­men wor­den?«

»Ja.«

»Und alle bei­de, Ihr Va­ter und Ihr Sohn, sind bei ei­nem Schiff­bruch ums Le­ben ge­kom­men?«

»Ja, sie sind tot.«

»Wie kön­nen Sie das wis­sen?«

Véro­ni­que, ohne sich über die­se Fra­ge zu wun­dern, ant­wor­te­te:

»Die Nach­for­schun­gen, die ich an­ge­stellt habe, und die ge­richt­li­che Un­ter­su­chung stüt­zen sich bei­de auf das un­an­fecht­ba­re Zeug­nis der vier Ma­tro­sen.«

»Und wer sagt Ih­nen, dass sie nicht ge­lo­gen ha­ben?«

»Wa­rum hät­ten sie lü­gen sol­len?« rief Véro­ni­que er­staunt.

»Ihre Aus­sa­ge kann er­kauft wor­den sein …«

»Von wem?«

»Von Ihrem Va­ter.«

»Welch ein Ein­fall! Und wie denn …? Mein Va­ter war doch tot.«

»Ich fra­ge Sie noch ein­mal: Wie kön­nen Sie das wis­sen?«

Jetzt schi­en Véro­ni­que zu stut­zen.

»Was wol­len Sie da­mit sa­gen?« mur­mel­te sie.

»Ei­nen Au­gen­blick. Ken­nen Sie die Na­men je­ner vier Ma­tro­sen?«

»Ich kann­te sie, aber ich er­in­ne­re mich ih­rer nicht mehr.«

»Sie er­in­nern sich nicht, dass es bre­to­ni­sche Na­men wa­ren?«

»Doch, aber ich be­grei­fe nicht …«

»Wenn Sie selbst nie­mals in der Bre­ta­gne wa­ren, so ist doch Ihr Va­ter oft hier ge­we­sen, schon sei­ner Stu­di­en we­gen. Zu Leb­zei­ten Ih­rer Mut­ter hat er so­gar hier ge­wohnt. Da­durch kam er in Ver­bin­dung mit Leu­ten aus dem Volk. Set­zen wir also den Fall, dass er die vier Ma­tro­sen seit lan­gem kann­te, dass die­se Leu­te ihm er­ge­ben wa­ren, oder dass er sie be­zahlt und sie für sei­ne Zwe­cke ei­gens ge­dun­gen hat­te. Neh­men wir an, dass sie zu­erst Ihren Va­ter und dann Ihren Sohn in ei­nem klei­nen ita­lie­ni­schen Ha­fen an Land ge­setzt ha­ben, dass dann alle vier, gute Schwim­mer wie sie wa­ren, an­ge­sichts der Küs­te die Jacht zum Schei­tern ge­bracht ha­ben. Neh­men wir an …«

»So le­ben die­se Leu­te noch!« rief Véro­ni­que mit im­mer stei­gen­der Er­re­gung. »Man könn­te sie also be­fra­gen?«

»Zwei sind ei­nes na­tür­li­chen To­des ge­stor­ben, schon vor Jah­ren. Der drit­te ist ein ge­wis­ser Ma­guen­noc, ein al­ter Mann, den Sie in Sa­rek fin­den wer­den. Den vier­ten ha­ben Sie viel­leicht eben selbst ge­se­hen. Mit dem Geld, das die­se An­ge­le­gen­heit ihm ein­brach­te, hat er in Beg-Meil einen Krä­mer­la­den auf­ge­macht.«

»Ach, der war es. Den kann ich also gleich spre­chen«, sag­te Véro­ni­que zit­ternd vor Er­re­gung. »Ge­hen wir gleich zu ihm.«

»Wes­halb, ich weiß mehr von der Sa­che als er.«

»Sie wis­sen et­was?«

»Ich weiß al­les, was Sie nicht wis­sen. Ich kann Ih­nen alle Ihre Fra­gen be­ant­wor­ten. Fra­gen Sie nur.«

Véro­ni­que je­doch wag­te nicht die wich­tigs­te Fra­ge an sie zu stel­len. Sie fürch­te­te sich vor ei­ner Wahr­heit, die sie im­mer­hin als mög­lich er­kann­te und die sie dun­kel ahn­te. In schmerz­li­chem Tone stam­mel­te sie:

»Ich be­grei­fe nicht … Wa­rum soll­te denn mein Va­ter so ge­han­delt ha­ben? Wa­rum soll­te er ge­wollt ha­ben, dass man an sei­nen und mei­nes un­glück­li­chen Kin­des Tod glaub­te?«

»Ihr Va­ter hat ge­schwo­ren sich zu rä­chen.«

»An Vorski wohl, aber an mir?« …

»An sei­ner Toch­ter … Und auf die­se Wei­se. Sie lieb­ten Ihren Gat­ten. Sie stan­den un­ter sei­nem Ein­fluss, und an­statt ihn zu flie­hen, ha­ben Sie ein­ge­wil­ligt, ihn zu hei­ra­ten. Au­ßer­dem war die Be­lei­di­gung eine öf­fent­li­che ge­we­sen, und Sie kann­ten Ihren Va­ter als auf­brau­sen­den, rach­süch­ti­gen Cha­rak­ter.«

»Aber seit­her? …«

»Seit­her, ja, seit­her! … Seit­her hat sich mit zu­neh­men­dem Al­ter auch die Reue ein­ge­stellt. Er lieb­te das Kind, und so hat er Sie über­all su­chen las­sen … Was habe ich nicht für Rei­sen ge­macht! Zu­erst nach Char­tres zu den Kar­me­li­te­rin­nen, aber dort wa­ren Sie schon lan­ge nicht mehr … und wo, wo nur soll­te ich Sie fin­den?«

»Wes­halb ha­ben Sie nicht einen Auf­ruf in die Zei­tung ge­setzt?«

»Er hat es ge­tan, aber die­se An­zei­ge war sehr vor­sich­tig ge­hal­ten, schon we­gen des da­ma­li­gen Skan­dals. Es hat sich auch je­mand ge­mel­det. Es wur­de eine Zu­sam­men­kunft ver­ein­bart, und wis­sen Sie, wer sich ein­stell­te? Vorski! Vorski such­te Sie auch, er lieb­te Sie noch im­mer und hass­te Sie auch. Ihr Va­ter wur­de ängst­lich und hat nicht mehr ge­wagt, öf­fent­lich Schrit­te zu tun.«

Véro­ni­que schwieg, sie droh­te um­zu­sin­ken und setz­te sich auf den Stein. Hier blieb sie mit ge­senk­tem Kopf sit­zen.

»Sie spre­chen von mei­nem Va­ter, als ob er noch leb­te«, mur­mel­te sie.

»Er lebt.«

»Und als ob Sie ihn häu­fig sä­hen …«

»Je­den Tag sehe ich ihn …«

Aber Véro­ni­que sprach lei­ser: »Aber Sie re­den kein Wort von mei­nem Sohn … Ich zit­te­re bei dem Ge­dan­ken … Ist er nicht ge­ret­tet wor­den? … Ist er etwa ge­stor­ben? Spre­chen Sie dar­um nicht von ihm?«

Müh­sam wand­te sie Ho­no­ri­ne ihr Ge­sicht zu. Die­se lä­chel­te.

»Oh, ich fle­he Sie an, sa­gen Sie mir die Wahr­heit, es ist ent­setz­lich, sich Hoff­nun­gen hin­zu­ge­ben, die … Ich fle­he Sie an …«

Ho­no­ri­ne leg­te ihr den Arm um den Hals.

»Aber mei­ne lie­be, gute Dame, wür­de ich Ih­nen dies al­les er­zählt ha­ben, wenn er nicht leb­te, mein lie­ber, klei­ner François?«

»Er lebt, er lebt?« rief Véro­ni­que wie von Sin­nen.

»Aber ge­wiss, und es geht ihm gut. Oh, es ist ein kräf­ti­ger Jun­ge, er steht fest auf sei­nen Bei­nen und ich kann mit Recht stolz auf ihn sein, denn ich bin es, die ihn er­zo­gen hat, Ihren François.«

Un­ter der Wucht ih­rer Ge­füh­le, die eben­so­viel Schmerz wie Freu­de in sich bar­gen, lehn­te sich Véro­ni­que an Ho­no­ri­ne, die ihr freund­lich zu­sprach.

»Wei­nen Sie nur, mei­ne Lie­be, das wird Ih­nen wohl­tun. Die­se Trä­nen sind bes­ser als die frü­he­ren, nicht wahr? Wei­nen Sie nur, da­mit Sie all Ihr Elend ver­ges­sen. Ich gehe jetzt ins Dorf. Sie ha­ben si­cher noch einen Kof­fer dort? Man kennt mich. Ich hole ihn, und wir fah­ren ab.«

Als Ho­no­ri­ne eine hal­be Stun­de spä­ter zu­rück­kam, sah sie Véro­ni­que auf­recht im Boot ste­hen, die ihr zu­wink­te und rief:

»Schnell doch, wie lang­sam Sie sind! Wir ha­ben kei­ne Mi­nu­te zu ver­lie­ren.«

Ho­no­ri­ne ging aber trotz­dem nicht schnel­ler, sie ant­wor­te­te nicht. Kein Lä­cheln zeig­te sich auf ih­rem stren­gen Ge­sicht.

»Fah­ren wir denn nicht ab?« rief Véro­ni­que, »wes­halb zö­gern wir, was hin­dert uns? Sie schei­nen mir ver­än­dert.«

»Aber ja, aber ja …«

»Be­ei­len wir uns also.«

Zu­sam­men tru­gen sie den Kof­fer und die Sä­cke mit Vor­rä­ten in das Schiff. Plötz­lich aber trat Ho­no­ri­ne dicht an Véro­ni­que her­an und sag­te:

»Sind Sie wirk­lich si­cher, dass die Frau auf dem Kreuz Sie selbst dar­stell­te?«

»Voll­kom­men si­cher; au­ßer­dem stand mein Na­mens­zug dar­über! …«

»Wie selt­sam«, mur­mel­te Ho­no­ri­ne, »und wie be­un­ru­hi­gend.«

»Wie­so? … Ir­gend­je­mand, der mich viel­leicht kann­te, hat sich ein Ver­gnü­gen dar­aus ge­macht … Ein blo­ßer Zu­fall, ein rät­sel­haf­tes Zu­sam­men­tref­fen hat Ver­gan­ge­nes her­auf­be­schwo­ren.«

»Ach, nicht die Ver­gan­gen­heit ist es, die mir Sor­gen macht, es ist die Zu­kunft.«

»Die Zu­kunft?«

»Erin­nern Sie sich an die Pro­phe­zei­ung?«

»Sie ken­nen sie?«

»Ja, ich ken­ne sie, und es ist gräss­lich, dar­an und an an­de­re Din­ge zu den­ken, die Sie nicht wis­sen und die noch viel ent­setz­li­cher sind.«

Véro­ni­que brach in La­chen aus.

»Und des­halb zö­gern Sie, mich mit­zu­neh­men? … Denn dar­um han­delt es sich doch?«

»La­chen Sie nicht! Wenn man die Höl­le vor sich sieht, ver­geht ei­nem das La­chen!«

Bei die­sen Wor­ten schloss Ho­no­ri­ne die Au­gen und be­kreu­zig­te sich, dann fuhr sie fort:

»Es scheint, dass Sie sich über mich lus­tig ma­chen! Sie glau­ben, ich bin eine Frau, die wie an­de­re in der Bre­ta­gne aber­gläu­bisch ist, an Ge­s­pens­ter und Irr­lich­ter glaubt. Ich leug­ne es nicht durch­aus, aber es gibt noch ganz an­de­re Din­ge. Sie kön­nen mit Ma­guen­noc dar­über spre­chen, wenn Sie sein Ver­trau­en ge­win­nen.«

»Ma­guen­noc?«

»Der eine von den vier Ma­tro­sen. Er ist ein al­ter Freund Ihres Soh­nes, er hat ihn er­zo­gen, Ma­guen­noc weiß mehr als alle Ge­lehr­ten, mehr als Ihr Va­ter.«

»Ja, ja … aber …?«

»Ma­guen­noc hat das Schick­sal her­aus­for­dern wol­len und hat das er­fah­ren wol­len, was man kein recht hat zu wis­sen.«

»Was hat er denn ge­tan?«

»Er woll­te mit ei­ge­ner Hand, wie er mir selbst ge­sagt hat, an das Dunkle rüh­ren.«

»Und was ge­sch­ah?« rief Véro­ni­que, die, ob­wohl sie da­ge­gen an­kämpf­te, ein Angst­ge­fühl über­kam.

»Sei­ne Hand ver­brann­te in den Flam­men. Er trägt eine furcht­ba­re Wun­de, die er mir selbst ge­zeigt hat, die ich mit ei­ge­nen Au­gen ge­se­hen habe, ähn­lich ei­ner Krebs­wun­de. Und er litt der­ar­tig, dass … dass er mit sei­ner lin­ken Hand zur Axt grei­fen muss­te und sich da­mit selbst die rech­te Hand ab­schlug.«

Véro­ni­que ver­stumm­te voll Ent­set­zen. Die Erin­ne­rung an den Leich­nam in Faouët tauch­te auf, und sie stam­mel­te:

»Sei­ne rech­te Hand! Sie be­haup­ten, dass Ma­guen­noc sich die rech­te Hand ab­ge­schla­gen hat?«

»Ja, mit der Axt. Es sind jetzt zehn Tage her, ge­ra­de kurz vor mei­ner Abrei­se. Ich habe ihn da­mals ge­pflegt … Wa­rum fra­gen Sie da­nach?«

»Weil dem To­ten, dem al­ten Mann, den ich in der ver­las­se­nen Hüt­te fand und der dann ver­schwun­den war, die rech­te Hand fehl­te, sie war frisch ab­ge­schla­gen.«

Ho­no­ri­ne fuhr zu­sam­men. Auf ih­rem Ge­sicht mal­te sich star­rer Schre­cken, der zu der ge­wöhn­li­chen Ruhe ih­rer Züge im Ge­gen­satz stand.

»Sind Sie si­cher?« stieß sie her­vor. »Ja, Sie ha­ben recht, er ist es, Ma­guen­noc, er hat lan­ge wei­ße Haa­re, nicht wahr, und einen brei­ten Bart …«

Sie hielt inne und blick­te sich um, als fürch­te sie, zu laut ge­spro­chen zu ha­ben. Von neu­em be­kreu­zig­te sie sich und sag­te lang­sam, wie zu sich selbst: