Die Inseln im Westen - Peter Nathschläger - E-Book

Die Inseln im Westen E-Book

Nathschläger Peter

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Beschreibung

Die Kanaren verschwinden in eine düstere und unheimliche alternative Realität, wo zwei Zivilisationen um die Vorherrschaft streiten. Zwei Zivilisationen, in denen Männer bei Männern leben, wo es Jäger und Beute, Herren und Diener gibt, ein Jahrtausend altes Geheimnis und die Prophezeiung über den Untergang ihrer Wirklichkeit BAND I Der Schriftsteller Frank Ostrowski lebt allein in der Finca in den Bergen von Gran Canaria, die er und sein Mann kurz vor dessen Tod kauften. Als er drei Jahre nach dem tragischen Tod seines Ehepartners versucht, die tragischen Ereignisse aufzuschreiben, entdeckt er nicht nur, dass sein Mann ein mystisches Geheimnis hütete, sondern auch, dass eines Nachts der Polarstern vom Himmel verschwunden ist. Am nächsten Tag stürzen leere Passagierflugzeuge auf die Inseln ab und am Horizont erscheint ein den ganzen Himmel ausfüllender Planet. Spätestens jetzt wird Frank klar, dass das Geheimnis seines verstorbenen Mannes und die furchteinflößenden Ereignisse direkt miteinander zusammenhängen ...

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Seitenzahl: 496

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Peter Nathschläger

DIE INSELN IM WESTEN

TEIL 2

Roman

Bibliographie

Alle Bücher im Himmelstürmer Verlag:

„Mark singt“, Roman. ISBN 978-3-934825-35-2

„Die Legende vom heiligen Dimitrij“, ISBN 978-3-934825-38-3

„Dunkle Flüsse“, ISBN 978-3-934825-43-7

„Es gibt keine Ufos über Montana“ ISBN 978-3-934825-50-5

„Patrick’s Landing“ ISBN 978-3-934825-66-6

„Geheime Elemente“ ISBN 978-3-940818-02-7

„Im Palast des schönsten Schmetterlings“ ISBN 978-3-86361-157-6

„Der Falke im Sturm“ ISBN 978-3-86361-290-0

„Fluchtgemälde“ ISBN 978-3-86361-370-9

„Die Inseln im Westen“ Band 1 978-3-86361-576-5

Alle Bücher auch als E-book erhältlich.

Himmelstürmer Verlag, Kirchenweg 12, 20099 Hamburg,

Himmelstürmer is part of Production House GmbH

www.himmelstuermer.de

E-mail: [email protected]

Originalausgabe, Oktober 2016

Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages.

Zuwiderhandlungen werden strafrechtlich verfolgt

Rechtschreibung nach Duden, 24. Auflage.

Coverfoto: Copyright:

NASA, www.nasa.gov/multimedia/guidelines/index.html

Umschlaggestaltung: Olaf Welling, Grafik-Designer AGD, Hamburg.

www.olafwelling.de

E-Book-Konvertierung: Satzweiss.com Print Web Software GmbH

ISBN print: 978-3-86361-579-6

No somos los cazadores

No somos los presas

No somos los esclavos

Nosotros somos

los dueños

de nuestras vida

Was bisher geschah

Und eines Nachts verschwanden die Kanarischen Inseln und wurden nie mehr gesehen ...

Der Schriftsteller Frank Ostrowski lebt allein in der Finca in den Bergen von Gran Canaria, die er und sein Mann kurz vor dessen Tod kauften. Als er drei Jahre nach dem tragischen Tod seines Ehepartners versucht, die tragischen Ereignisse aufzuschreiben, entdeckt er nicht nur, dass sein Mann ein mystisches Geheimnis hütete, sondern auch, dass eines Nachts der Polarstern vom Himmel verschwunden ist. Am nächsten Tag stürzen leere Passagierflugzeuge auf die Inseln und am Horizont erscheint ein den Himmel ausfüllender Planet. Spätestens jetzt wird Frank klar, dass das Geheimnis seines verstorbenen Mannes und die Furcht einflößenden Ereignisse direkt miteinander zusammenhängen.

Die Kanaren finden sich in einer düsteren und unheimlichen alternativen Realität wieder, wo zwei Zivilisationen um die Vorherrschaft streiten.

In dem Chaos, ausgelöst dadurch, dass die alte Ordnung nichts mehr gilt, Geld wertlos ist und Machtverhältnisse sich verkehren, versuchen Frank und seine Freunde, in der neuen Lebenssituation zu bestehen und ihre menschlichen Werte zu bewahren. Ihnen gegenüber stehen die destruktiven Kräfte jener Menschen, die sich nicht mit dem Verlust von Macht und Ansehen abfinden können und wollen.

Während der Teenager Arturo von den Bewohnern des nahen Planeten gerettet wird, als ein aufgeheizter Mob versuchte, ihn zu ermorden, und auf der fremden Welt unfreiwillig in die Rolle des Revolutionsführers rutscht, verhärten sich auf den Kanaren die Fronten zwischen jenen, die versuchen wollen, mit den Außerweltlichen zusammenzuleben und jenen, die ihnen keine Zuflucht gewähren wollen.

Gegen sie alle arbeitet die Zeit, denn ihnen bleibt nur noch ein Vierteljahr, ehe sich die Wirklichkeit der fremden Welt auflöst und sie alle im Nichts versinken, wenn sie keinen gemeinsamen Weg finden, sich zu retten …

Teil 4

Die Verborgenen

Streichholz und Benzinkanister

Als der Präsident der Kanarischen Inseln seine Rede beendete, ging Winston Gonzales aus dem Haus und sah hinauf zu Nib und fragte sich, ob er überhaupt wollte, dass sein Sohn zurückkehrte, denn was würde er hier vorfinden? Wenn sie ihn geholt hatten, um ihn zu retten, und davon ging Winston aus, dann war er dort oben unter Freunden, die ihn pflegten und schützten. Hier würde alles sehr bald auseinanderbrechen. Die Ansprache von Victor Moriana ließ keine anderen Schlüsse zu, und Winston hatte die Ansprache gar nicht gebraucht, um zu vergegenwärtigen, dass die Lage bald dramatisch werden würde, als sie jetzt schon war. Winston dachte in erster Linie an die dünne und unzuverlässige Vernunftehe, die Touristen und die Einheimischen miteinander bisher auskommen ließ. Die einen brauchten Geld, die anderen brachten es. Die einen boten Dienste an, die anderen nahmen sie in Anspruch. Das war schon immer so, und es war auch in Ordnung, solange es funktionierte. Nun hatten sich die Verhältnisse verkehrt, weil nun alle vor dem Ausnahmezustand gleich waren, und Geld nichts mehr zählte. Wer nur Geld vorzuweisen hatte, war arm und musste sich denen unterordnen, die das hatten, was lebensnotwenig für sie war: Unterkünfte, Verpflegung und medizinische Versorgung.

Wieder sah er hinauf zu Nib, auf dessen brodelnde, graue und tornadogrüne Oberfläche - eine Wolkendecke, wie man jetzt wusste, unter der sich eine fremde Welt verbarg. Und sein schöner, wilder, und manchmal zum Verrücktwerden starrsinniger Sohn. Komm zurück, bewegte er seine Lippen. Denn natürlich wollte er ihn in die Arme schließen, an sich drücken und nie mehr loslassen. Als er den Atem seiner Frau an seiner Seite spürte, die aus dem Haus gekommen war, um mit ihm gemeinsam hinaufzusehen, sagte er leise: „Komm zurück und sei du, wenn du kommst.“

„Er wird zurückkommen, und er wird uns mit Stolz erfüllen. So wie er das bisher immer getan hat. Wir wollten nicht, dass er allein mit dem Fahrrad fährt. Er tat es trotzdem und er kam heil zurück. Wir wollten nicht, dass er skatete, er tat es trotzdem, und als wir sahen, wie gut er das konnte, waren wir stolz auf ihn. Er bringt gute Noten, und als er surfen wollte, glaubten wir, dass das keine gute Idee ist. Weil Jungs sich nun mal an Felsen wehtun, sich manchmal die Füße brechen, die Arme oder sogar den Hals.“

„Aber er lernte surfen und wir hatten ihn einfach wieder unterschätzt.“

„Wir haben vielleicht auch uns selbst unterschätzt“, sagte Winston rau und nahm Lizbet in den Arm, „weil wir bei diesem Jungen einfach alles richtig gemacht haben. Ich wünschte, er käme zurück und ich hoffe irgendwie, dass er dort oben alle Abenteuer hat, die man einem Jungen wie ihm nur wünschen kann. Aber er soll nach Hause kommen und nicht verrückt geworden sein von dem, was er dort oben erlebt und sieht. Ich will unseren Sohn zurück. Ich will unseren Arturo zurück und ihn in die Arme nehmen und spüren, wie er atmet und mich drückt, wie sein Herz schlägt. Ich ... ich ...“

Sie nahm Winston in beide Arme und küsste ihm die Tränen von den Wangen. Langsam drehten sie sich im Kreis und blickten abwechselnd hinauf zu Nib, zu den Wolkenbahnen und Nestern, den dichteren Klecksern, die wie angerührte und Schlieren ziehende Farbe auf nassem Papier aussahen: rosa, altrosa, orange.

Unter einer dieser altrosafarbenen Wolkenformationen schwebten Arturo und Saarí. Unter ihnen drehte sich der größte Planetoid der Beutevölker, Brosan. Gerade eben hatte Saarí ihnen beiden einen leichten Stoß gegeben, um sie in eine Rotation zu versetzen, die der des Kleinplaneten entsprach. Arturo konnte inzwischen über den Planetoiden und Asteroiden schweben, ohne dass ihm vom Anblick und dem Gefühl des freien Falls übel wurde. Im Gegenteil: Seitdem ihn Saarí in den Eisnebeln des Planetoidenrings einen Orgasmus verschafft hatte, genügte schon der Gedanke ans Schweben, um ihn in eine zumindest erotisch gefärbte Stimmung zu versetzen.

„Sind wir alleine?“, fragte er Saarí, nur noch mit angedeuteten Worten und zum Großteil in der Farbsprache, die er seit der Rückkehr vom Steinring erstaunlich rasch erlernte. Nicht nur sie zu lesen, sondern selbst zu zeigen. Zwischen seinen Schulterblättern spürte er seit dem Aufenthalt auf dem Ring der Kaleiden ein stetes Jucken - irgendetwas wuchs ihm dort unter der Haut. Und seitdem da dieses Jucken war, fühlte er auch ein Zusammenlaufen von Energie, die sich dort, in dieser juckenden Stelle zu bündeln schien wie in einer Gewitterzelle. Das Kitzeln war lästig, aber dieses Energiefließen war einfach scheißgeil. Hinter ihrem Kopf flackerte ein roter Lichtimpuls, fast wie eine rauchige Flamme hinter einem roten Farbfilter. Sie nickte: Ja.

„Ich glaube, es ist trotzdem besser, wenn wir mit dem Mund sprechen. Wir können besser in unserem Bogen bleiben, wenn wir laut sprechen. Sie sehen Farben besser, als sie Worte hören.“

Sie nickte wieder und sah ihn aufmerksam an: „Was?“

„Ich spüre, dass die Beutevölker einen einzigen, brutal geführten Befreiungsschlag wollen. Einen Angriff. Und selbst, wenn es möglich ist, so etwas zu organisieren, weil man das irgendwie über Ströme und Wellen dirigieren kann, ja, trotzdem meine ich, wir sollten es anders machen. Ich kanns nicht genau erklären, aber ich habe eine Idee, die ... nachhaltiger ist, als ein einziger, großer Angriff.“

„Wieso Arturo, wieso? Bei einem Angriff können wir bestimmen, wann wir zuschlagen, wie wir das tun und wann. Und wir müssen es bald tun und hart, denn die Zeit der Entscheidungen steht kurz bevor. Es ist noch ein wenig Zeit, bis der Raum der Väter sich um uns öffnet, aber nicht mehr zu lange. Und der Jagdbogen schließt sich in ein paar Tagen. Was willst du tun?“

„Ich will nicht, dass der Angriff zu einem Massaker wird. Ich meine, ja, es wird sowieso zu einem Massaker. Aber meine Idee ist überraschender, und wir hätten mehr Gewissheit, keine Unschuldigen zu töten.“

„Unschuldige? Alle sind schuldig, die jagen!“

„Nein, nein, nein, das ist nicht richtig. So, wie es bei den Beutevölkern viele gibt, die nicht mehr Beute sein wollen, gibt es auch bei den Jägern viele, die nicht mehr jagen, und aus diesem Zwang raus wollen. Wir sollten die Träumer töten und die, die jagen gehen. Nicht diejenigen, die vielleicht, so wie wir auch, aus dieser Kultur des Verkümmerns ausbrechen wollen.“

„Wie stellst du dir das vor, Arturo?“

Er erklärte es ihr.

Sie saßen nebeneinander auf dem feuchten Moos auf der Lichtung im Bambuswald, wo der Stamm, zu dem Saarí und Moon gehörten, das Lager aufgeschlagen hatte. Die sich über ihnen langsam drehenden und einander umkreisenden Planetoiden und Asteroiden nahm Arturo schon gar nicht mehr wahr. Sie trugen die Bandagen locker, sodass Haut zwischen den Spalten zu sehen war. Arturo strich an ihrer Hüfte über eine dünne Spur Haut, die zwischen zwei Bahnen hell leuchtete. Ihm war aufgefallen, dass sie zwar meist die gleiche Farbe für ihre Bekleidung wählte, aber oft das Material wechselte. Das schien auch damit zusammenzuhängen, wo sie sich herumtrieben. Es gab in der Sphäre von Nib kältere und wärmere Zonen, feuchte und trockene, und je weiter man nach außen reiste, desto dünner wurde die Luft. Weit weg, in den Spalten und Schluchten zwischen den sich drehenden Planetoiden fast nur zu erahnen, tobte über ihnen ein heftiges Gewitter in der Wolkendecke der Sphäre. Der Donner war fern und so dumpf, dass er ihn wie Kitzeln auf den Fußsohlen spürte.

„Du bist kein Jäger“, sagte sie schließlich und legte ihr Kinn auf seine angezogenen Knie. Wie selbstverständlich legte sie ihre Hand auf seinen Schoß. Arturo wurde rot und bemühte sich, ruhig zu atmen. „Du bist auch nicht die Beute. Du bist nicht der Herr und du bist auch nicht der Sklave. Bist du denn Herr deines Lebens, Arturo von den Inseln?“

Er nickte: „Ich hab nie darüber nachgedacht. So richtig, meine ich, denn für mich war es immer selbstverständlich, dass ich so bin, wie ich bin. Ich hab schon mitgekriegt, dass andere Menschen in mir was anderes sehen, als ich selbst. Oder die, die mich gut kennen. Aber wenn ich jetzt drüber nachdenke - ich will seit immer schon frei sein. Und alles, was ich bisher getan habe, war darauf ausgelegt, dass ich im Gefühl lebe, frei zu sein.“

„Aber was verstehst du unter frei sein? Was ist das?“

„Frei sein? Oh, ich meine, das klingt so einfach, das Wort und das, was man vielleicht, also was man sich drunter vorstellt und so. Frei sein bedeutet, dass man niemandem verantwortlich ist. Dass man nicht Bitte und Danke sagen muss, zu niemandem. Dass man sich vollkommen selbst gehört. Es ist kein Denken, eher ein Gefühl, weißt du?“

Sie nickte skeptisch.

„Es ist ein Gefühl, das ich habe, wenn ich auf dem Surfbrett aufs Meer hinaus paddle, wenn es windig ist und der Himmel grau und schwer, nur wenige Leute im Wasser sind und ich den Scheitel erreicht habe, auf das Board klettere, und das Wasser rinnt am Neoprenanzug runter und es glänzt kalt und silbern im Gewitterlicht, ja, und wenn ich dann die richtige Welle erwische, ja? Ich meine, die sind bei uns da unten nichts Besonderes. Auf Hawaii müsste man surfen, oh Mann, da hat es Wellen, da kriegst du die Tür nicht mehr zu, und ja ... Also wenn ich dann die Welle gut anschneide, das Glück habe, dass sie über mir bricht und ich für den Bruchteil einer Sekunde wie durch einen Tunnel aus türkisblauem Wasser surfe, dann spüre ich so ein irres Gefühl in mir. Freude, weißt du? Einsamkeit auch. Mein Körper ist gespannt, ein einziger Muskel. Dann bin ich frei. Bin der Herr meines Lebens. Wenn ich surfe, und die Welle gut erwische.“

Saarí sah ihn eine Weile mit sanfter Aufmerksamkeit an, dann flüsterte sie: „Wir sind frei. Wir von Nib. Wir sind frei, weil wir uns innerhalb unserer Rollen, die uns von Geburt an zugedacht, sind, das Leben einrichten können, wie wir wollen, solange wir bereit sind, unsere Rollen ehrenwert zu leben. Und jetzt nehmen wir das, was du als Langboard bezeichnest, und fliegen zum Lichtstrahl des Nodus. Und dort will ich dein Kind empfangen. Arturo. Ich will, dass du mich zur Mutter machst. Es soll in mir heranreifen, wenn wir unsere Revolution erleben. Komm“, sagte sie mit einem gehauchten Lächeln, „komm mit mir in die kristalline Wolke.“

Lizbet sagte direkt am Ohr ihres Mannes: „Ich kann und will nicht mehr hierbleiben, in diesem Haus. Ich habe das Gefühl, hier ersticken wir an der Abgeschiedenheit. Ich möchte weggehen von hier. Verstehst du?“

„Ja. Doch wohin willst du gehen?“

Sie saßen einander im Schneidersitz gegenüber auf der Tagesdecke mit dem indianischen Muster, die sie aus Arturos Zimmer mitgenommen hatten, weil er sie seit dem Tag, als sie sie ihm geschenkt hatten, heiß und innig liebte. Die Tagesdecke lag auf dem gemachten Bett. Nib stand auf halber Höhe, und das Licht von Imra gleißte auf dem Scheitel des Planeten, doch hier unten war es trüb und grau. Wolken zogen von der Ostküste herein - oder aus der Richtung, die einmal Osten gewesen war. Die lang gezogene Ortschaft El Cerrillo im Süden des Barranco de los Bañaderos schloss sich um sie wie eine Faust oder wie eine Stille, die nicht Frieden vermittelte, sondern Erstarrung.

„Frank, ich vertraue dem Mann und diesem einbeinigen Jungen ...“

„Daniel. Ein guter Kerl. Hat grausige Haare, aber ist ein guter Bursche. Wie Frank. Der ist wirklich ein guter Mann. Ernsthaft, nachdenklich. Ich glaube, sogar Arturo mochte ihn irgendwie.“

„Ich mag ihn. Arturo mag ihn.“

„Du hast recht. Ich will zu ihnen gehen, rauf zu Franks Finca in den Bergen. Dort ist es vielleicht noch abgeschiedener, aber hier ist es ... ich weiß nicht. Meine Kindheit hier war toll, und wenn ich an diese Tage zurückdenke, dann sehe ich Sonnenuntergänge und Vater, der von den Plantagen kommt, verschwitzt und müde. Da wusste ich noch nichts davon, wie besessen er von seinem Land ist.“

Lizbet rupfte sanft an seinen kurzen Haaren, strich über den sonnenverbrannten Nacken und dann nahm sie seine Hand in ihre und sagte: „Ich verstehe die Besessenheit deines Vaters nicht. Nein, ich verstehe sie schon, aber sie kommt mir so dumm vor. Welchen Sinn hat es denn noch, sich so um den Fortbestand der Orangenplantagen zu bemühen, wenn es gar nicht sicher ist, dass es eine nächste Ernte geben wird?“

Sie hörten ein Hüsteln hinter sich. Winstons Vater stand an der Ecke und stopfte seine Pfeife. Seine Silhouette sah im fremden Licht wie Geist aus.

„Der Sinn ist, dass ich weitermache, was ich am besten kann. Ich weiß nicht, ob es eine nächste Ernte geben wird, oder ob wir alle wie Asche verwehen, ob wir gerettet werden oder alles verloren ist. Ich muss daran glauben, dass es weitergeht, dass es irgendwie immer weitergeht, denn sonst hätte das Leben keinen Sinn. Dann müsste ich mich nur noch in diesen bequemen Lehnstuhl setzen und darauf warten, dass ich sterbe. Ich kann nicht sehr viel, Winston. Ich kann am Geruch der Erde erkennen, ob es gute Erde ist, und am Wetter,, wie die Ernte wird. Ich kann Scheiße von Schuhwichse unterscheiden und ich glaube, dich haben deine Mutter und ich auch ganz gut hingekriegt. Was meinst du, Schatz?“ Er sah Lizbet an.

Ertappt lächelte sie und nickte. „Er ist ein Prachtkerl. Und das, was er von dir gelernt hat, hat er an Arturo weitergegeben.“

„Ihr wollt also zu dem Schriftsteller nach Tejeda, und eine Kolonie gründen, oder was?“

Winston Gonzales nickte. „Ich glaube, dass er eine Rolle spielen wird, wenn sich die Dinge wirklich spürbar zu ändern beginnen. Er hat Einfluss, und ich halte ihn für einen guten, gerechten Mann.“

„Und der Tod seines Mannes hat ihn nicht schwächer, sondern stärker gemacht, wie ich finde“, fügte Roberto Gonzales hinzu, der sich inzwischen zu dem Ehepaar auf die Bank gesetzt hatte und mit ihnen den fremden Sternenhimmel über dem Bogen Nibs betrachtete. Vor dem graugrünen Gebrodel der Wolkendecke waren schwarze Punkte auszumachen, die sich bewegten. Gonzales nickte zum Himmel hinauf. „Was ist das?“

Sein Vater blies Rauch aus und knurrte: „Keine Ahnung. Aber wenn ihr wirklich zu Frank Ostrowski wollt, wäre jetzt der beste Zeitpunkt, alles zusammenzupacken, was ihr braucht. Wir gehen mit. Ich habe mit deiner Mama geredet, Winston, und sie ist der Meinung, dass es in den nächsten Wochen, vielleicht sogar schon in ein paar Tagen, zu Unruhen kommt. Zu Aufständen und Versuchen, die Autorität des Militärs und der Polizei zu untergraben und Lebensmittel, und was man sonst noch so alles brauchen kann, an sich zu reißen. Es gibt immer und überall auf der Welt unanständige Menschen, die es einfach nur brennen sehen wollen, damit sie ihren Auftritt im Feuerschein haben. Und hier wird es genauso sein: Es gibt die üblen Typen und sie sind hier. Sie werden überall hingehen und plündern und Feuer machen, wo Leute sind, die sich etwas erschaffen haben. Ich lasse meine Plantagen nicht gerne zurück, weil ich weiß, dass sie in schlechte Hände fallen werden, aber es kommt noch viel weniger in Frage, meine Familie ziehen zu lassen. Wir gehen mit. Wenns euch nichts ausmacht.“

„Gar nichts! Gar nichts macht uns das aus, Papa.“ Lizbet umarmte ihren Schwiegervater und zwinkerte Winston über die Schulter des alten Mannes hinweg begeistert zu.

Zwei Stunden später wussten sie, dass es mehr als angemessen war, zumindest sehr ernsthaft darüber nachzudenken, wie sie sich ihr Leben vorstellten und was sie bereit waren zu tun, um ihre Werte hochzuhalten.

Die Gewissheit kam ihnen, als sie auf dem einzigen funktionierenden Fernsehsender erfuhren, dass sich immer mehr Menschen Otto Feinberg anschlossen, der zwar wirre, aber irgendwie überzeugende Reden hielt, in denen es in erster Linie darum ging, gegen den Schulterschluss zwischen Menschen und Außerirdischen zu wettern. Seine moralische Legitimation war, dass der Sohn des prominenten Lokalbesitzers Winston Gonzales in Las Palmas ihn überfallen und schwer verwundet hatte. Und dass der Übeltäter von Außerirdischen gerettet worden war, die auf Hippieskateboards vom Himmel gekommen waren. Einwürfe, dass Leute mit Eisenstangen auf den Teenager eingeprügelt hatten, und dass dies durchaus die Rettung gerechtfertigt hätte, wischte Feinberg als maßlose, dramatische Übertreibungen vom Tisch. Als urbane Legenden, verbreitet von Menschen, die von der Schönheit des Übeltäters geblendet waren, und nicht erkennen wollten, was die Rettung des Attentäters durch die Außerirdischen, die von manchen Leuten sogar als Engel bezeichnet wurden, implizierte. Es war laut Feinberg zumindest fraglich, ob die Außerirdischen, von diesem seltsamen Planeten, ein ähnliches moralisches Wertesystem hatten wie wir. Und ob sie, das fragte er tatsächlich in die Kamera, ob sie an Gott glaubten, wie all die guten Menschen hier auf den Kanaren.

„Sind sie gottesfürchtige Kreaturen, die unseren Glauben teilen? Ich hoffe inständig für uns alle, dass sich nicht eines Tages herausstellt, dass ihre Kultur, wenn sie denn eine haben, völlig inkompatibel zu unserer ist.“

Roberto Gonzales steckte sich nach der Sendung zwei Finger in den Mund und tat so, als ob er sich übergeben müsste. Yoana, seine Frau, kicherte unangenehm berührt, und tätschelte seine Hand, so wie sie es immer tat, wenn sie ihn in der Öffentlichkeit dabei ertappte, dass er sich unangemessen verhielt oder übermüdet von der langen Arbeit, einnickte.

Den Ausschlag, wirklich zu gehen, gab ihnen der Anblick der von Nib herüberschwebenden Planetenmaschinen. Winston kicherte entsetzt, als er sie sah. Sie waren aus dem Haus gekommen, nachdem sie genug gesehen hatten von der Politik in Las Palmas, den Fluchtversuchen der Delfine im Aquapark von Teneriffa, dem Fischsterben in den Süßwasserteichen von Lanzarote und den Ausschreitungen zwischen englischen und deutschen Touristen in Playa de las Americas auf Teneriffa. Nib stand höher und es war fast dunkel. Das wenige, natürliche Licht, das sie hatten, kam vom hauchdünnen Lichtbogen, der Nibs Horizont darstellte, und das eigentümliche, dunkle Leuchten der gewittergrünen Bewölkung.

„Ach herrje“, rief Lizbet und zeigte mit der rechten Hand zum Himmel.

Winston sagte, die Dinger sähen aus wie schwarz lackierte Legosteine, nur eine Scheißladung größer als echte Legosteine. Die herabschwebenden Maschinen sahen aus wie vollkommen glatte und pechschwarze Monolithen, etwa dreihundert bis fünfhundert Meter hoch, hundert Meter breit und sehr schmal, vielleicht zehn oder fünfzehn Meter tief. Als sie näher kamen und nun nicht nur mehr herabsanken, sondern auch einen Kurs einschlugen, der sie in einem Winkel von rund fünfundsiebzig Grad rund um die Inselgruppe verteilte, sahen sie, dass auf den Vorderseiten Risse oder Adern zusehen waren, in denen orangerote Lava zu pulsieren schien. Yoana flüsterte: „Die sind ja mindestens, also ich weiß nicht, die sind ja größer als Kirchen!“

„Kirchen? Die sind höher als der Eiffelturm. Verdammte Scheiße, die sind hunderte Meter hoch.“

Yoana gab Winston einen nur halb im Scherz gemeinten Klaps auf den Nacken. „In meiner Gegenwart wirst du nicht solche Reden führen, Junge!“ Lizbet lächelte, doch als sie sich wieder den Maschinen zuwandte, die von Nib kamen, gefror ihr Grinsen zu einer Totenmaske, und sie flüsterte: „Wir gehen. Jetzt. Ich hab Angst.“

Als sie zwei Stunden später alles beieinander hatten und im Jeep von Winston Gonzales saßen, fragte Yoana Gonzales in die Stille: „Ist euch aufgefallen, dass all die Leute, die da bei diesem Feinberg standen und ihm zuhörten, alle die gleichen Sachen an hatten?“

Winston nickte und betrachtete die Tankanzeige. Halbvoll. Halbleer. Es war vielleicht die letzte Fahrt dieses Benzinfressers.

„Weiße T-Shirts und Jeans. Sehr adrett“, sagte Lizbet und erntete ein abschätziges Lachen.

„Ich weiß nicht, was dieser Mann vorhat“, brummte Roberto Gonzales.“ Aber ich weiß, dass ich ihn nicht mag. Er ist wie zum Leben erwachte Zahnschmerzen.“

Stöhnend vor Schmerzen lag Daniel auf der gepolsterten Liege. Seine Hände waren geschwollen und die Handflächen blutig. Er war wütend und übermüdet und alles tat ihm weh, sogar das Atmen erschöpfte ihn. In den letzten Tagen hatte er für die unterschiedlichsten Leute, Canarios wie Touristen, die unterschiedlichsten Aufträge angenommen. Vor allem Schnappfallen aus Eisen, Gitter, Schlösser und Gewehrläufe. Wer keine Waffen hatte, baute sie selbst, oder ließ sie sich bauen. Daniel war gut in seinem Beruf, und konnte mit den richtigen Werkzeugen alles bauen. Gewehrläufe, Schlagstöcke, Gitter, Schlösser und Gewichte für Brustwarzenklammern. Hatte er auch schon gemacht. Doch die Sechzehnstundentage forderten ihren Tribut. Rosalia massierte Hautcreme auf seine Handflächen und tat dies mit großer Ernsthaftigkeit. Ihr Blick ruhte auf seinem bloßen Oberkörper, der eher sehnig als muskulös war, und sie dachte, dass er das hatte, was einen Mann ausmachte: Das Herz eines sanften Kriegers. Er war ein Macho, der die Frau, die er liebte, sehr, sehr ernst nahm. Er arbeitete bis zum Umfallen, damit sie auf so wenig wie nur irgend möglich verzichten musste. Er nahm seine Verpflichtungen ernst. Er nahm sie ernst.

„Dan?“

„Ja?“

„Ich will deine Frau werden.“

Arturo spürte die Wirkung der Kristalline, bevor Saarí es ihm erklärte. Sie schwebten nackt, nur mit den Gurten ihrer Tornister bekleidet, in einer zartviolett schimmernden Wolke inmitten des Gewitters, das sie gerade noch von tief unten gesehen hatten. Die Eiskristalle berührten Arturos Haut und drangen in ihn ein. Es war ein schmerzloses Ziehen, ein bestürzendes Begehren und Streben. Es war wie die Gischt einer aufgebrachten See unter einem wütenden Himmel. Und es war wie Extasy. Im Sommer vorigen Jahres hatte er eine halbe Extasy von einem der Surf-Freaks bekommen, die an der Nordküste von Gomera eine Meisterschaft veranstalteten. Das hier war in etwa genau so, nur fühlte er sich gleichzeitig weniger entrückt, und reiner, als von der lustigen, gelben Tablette mit dem Smiley. Etwa hundert Meter neben dem Board schwebend, auf dem sie hierher gekommen waren, spürte er eine tiefgehende, vorbehaltlose Begeisterung für seinen eigenen Körper und für sie. Die Sehnsucht, sie zu spüren, in ihr zu sein, und all das ohne das geringste Schamgefühl, war vollkommen. Näherschwebend lächelte Saarí ihn an und senkte ihren Kopf zwischen seine Beine und nahm den sich aufrichtenden Penis in den Mund. Arturo streckte Arme und Beine von sich und strahlte verklärt das Universum an. Seine Hüften bewegten sich wie die eines leidenschaftlichen Salsatänzers und sie wusste, was sie mit ihren Lippen, mit ihrer Zunge und mit ihren Zähnen zu tun hatte, um aus dem coolen Surfer von Las Palmas einen Bettler zu machen. Um sie herum flackerten purpurne Blitze in den dichten, wehenden Wolken, doch in dem violetten Nebel mit den Drogenkristallen schwebten sie wie in einer schützenden Hand. Als Saarí auf ihn glitt, sah Arturo, wie sich etwa ein Dutzend fingerdicke Tentakel aus ihrem Rücken schlängelten. Feuchte, warme, pulsierende, tastende und suchende Tentakel, die seine Hoden und seinen Schwanz umwickelten, abtasteten und an den Rand eines verfrühten Orgasmus brachten. Einer der tastenden, fingerdicken Fangarme schob sich in seinen Hintern, aber da es nicht wehtat, sondern ihm das Gefühl gab, von innen abgewichst zu werden, war das auch okay. Sie blieben fast regungslos, während sie seine Brustwarzen leckte, biss und ihn dann mit ihren Armen umschlang. Die Drogen verlangsamten alles, was sie taten, auch das Weltall um sie. Selbst die Blitze mit all ihren Verästelungen waberten und flappten träge, und pulsierten lüstern. Arturo stöhnte und keuchte dem Orgasmus entgegen. Saarís Lächeln war süß, aber es konnte nicht verbergen, dass es ihr Freude bereitete, die Quelle seines bittersüßen Leidens zu sein. Als es ihm kam, sah er ihr, ohne ein einziges Mal zu blinzeln, in die Augen. Sah in wirrer Ekstase, wie ihre Pupillen dunkelviolett zoomten und ihn fixierten, und sie sah seine Pupillen und wie sie sich mit goldenen Splittern füllten, die seiner Augenfarbe etwas Unbestimmbares gaben. Die Fangarme molken ihn, sie holten den letzten Tropfen Sperma aus ihm, und Saarís Zunge leckte über seine Lippen, seine Wangen und seine Augenlider. Arturo schrie heiser und zuckte, bis der Orgasmus abklang. In der Hitze, die sie teilten, schmiegte sie sich an ihn und sie umarmten einander und wollten nie mehr voneinander lassen.

Für den Moment waren sie ein Gestirn aus Herzschlag und Hitze und Erschöpfung in der Sphäre von Nib.

Daniel hatte eine Handvoll T-Shirts mit dummen bis sehr dummen Sprüchen, die er anzog, wenn er arbeitete oder wenn er die Tunten von der Schlangengrube foppen wollte. Seine Favoriten waren die schwarzen T-Shirts mit den Aufdrucken: BÜCK DICH ICH MACH DICH GLÜCKLICH. Oder: DortMund, mit Pfeil zum Schoß. Das BÜCK DICH T-Shirt hatte er an, als die Eltern des verschwundenen Jungen ankamen und er war froh, dass sie nur spanisch sprachen. Jedenfalls hoffte er, dass sie nur spanisch sprachen, denn wenn sie auch Deutsch verstanden, dann war das wohl ziemlich peinlich, oder? Daniel war nicht sicher, wie er sich wegen der Neuankömmlinge fühlen sollte, und dass sie gekommen waren, um zu bleiben, war ihm klar, als sie die Heckklappe des Jeeps öffneten und ihre Koffer und Taschen herauspurzelten. Weil Frank und er einige Male bei ihnen im Lokal Fisch essen waren, kannte Daniel das Paar. Seit Jahren schwärmte Frank von Winston Gonzales Kochkünsten, die er mit dem stämmigen Gehabe des perfekten Wirten verband. Und Daniel wusste, dass nicht Frank, sondern Richard das Lokal entdeckt hatte.

Sie hatten Winstons Eltern mitgebracht. Rosa, die zuerst ein wenig überrumpelt herumgestanden hatte, nahm die sich etwas deplatziert fühlende Frau von Winston unter ihre Fittiche und erwies sich als ruhige und freundliche Gastgeberin. Daniel half Frank, Weinflaschen, kaltes Bier, Schweinebraten und Kalbsteaks aus der Küche auf die Terrasse zu schaffen, und nach zwanzig Minuten saßen sie alle am Tisch und aßen und tranken. Obwohl er nie viel übrig gehabt hatte für Liturgie und spirituellen Aberglauben, hatte Daniel das durchdringende und wärmende Gefühl, das es von großer Bedeutung war, dass sie ihre gemeinsame Zukunft mit einem gemeinsamen Essen begannen. Sie redeten ohne Wut und ohne große Besorgnis, aber sie sprachen deutlich. Als sie nach dem Essen Cola-Rum und Bier tranken, nur Winstons Mutter bat um eine Tasse Milchkaffee, wurden die Zungen lockerer. Winston Gozales und sein Vater teilten sich die Rolle des Sprechers der Familie aus Las Palmas, und Frank sprach ganz selbstverständlich für Daniel, Rosa und sich. Und für Roscoe, der schmatzend in der Ecke lag und selig an einem Knochen nagte, schabte und kaute.

Im Wesentlichen arbeiteten sie in dem Gespräch während und nach dem Essen heraus, dass die möglichen Schwierigkeiten, die auf sie zukamen, nur zum einen Teil von dem sowieso unabänderlichen Öffnen des Lud geprägt waren, sondern vielmehr von den Menschen, und vielleicht auch den Außerirdischen, die in dieser fatalistischen Endzeitstimmung versuchten, Macht und Einfluss zu gewinnen, und dabei vor nichts zurückschreckten. Denen jedes Mittel recht war. Daniel und die Frauen räumten ab und gingen in die Küche, um das Geschirr zu waschen. Frank und Winston blieben am Tisch und rauchten eine von Franks kubanischen Zigarren. Winstons Vater sagte, er wolle sich ein wenig die Beine vertreten und nach Tejeda gehen. Er marschierte krummbeinig aber trittfest los und sah nicht so aus wie jemand, der sich von etwas abbringen ließ, das er sich vorgenommen hatte.

Sie sprachen leise über Otto Feinberg. Wie er sich nach seiner Genesung neu orientierte, und innerhalb kürzester Zeit weiß gekleidete Jünger um sich scharte. Nicht, weil er ein Programm hatte, oder eine Lösung anbot, sondern weil er allen, die ihm zuhörten, das Gefühl gab, er würde ihnen zuhören und sie wirklich hören. Er war gut darin, zuzuhören und er war gut darin, Menschen zu täuschen. Frank verglich ihn mit dem unsäglichen Donald Trump während seines Wahlkampfes zur Präsidentschaft: „Otto ist halt ein Stück weit kultivierter als der hellblond toupierte Fetzenschädel aus den USA.“

„Ich habe wirklich, ich schwöre es dir, ich habe wirklich bis vor Kurzem fest geglaubt, Feinberg steht auf den Typ kubanischer Straßenbauarbeiter, kanarischer Müllmann, du weißt schon, Macho durch und durch, mit vollen Eiern und so abgebrüht, dass es ihm scheißegal ist, ob er eine Frau vögelt oder einen Typ an die Palme knallt.“

„Nein, ich weiß nicht“, grinste Winston, wurde aber gleich wieder ernst. „Aber ich verstehe, was du meinst. Es schien kaum jemand gewusst zu haben, dass er auf Halbwüchsige steht. Oder kleine Jungs eben. Er war ja ein paarmal bei uns im Lokal, und ich habe gesehen, wie er Arturo nachblickte, wenn er im Lokal arbeitete und auf seine Art, du weißt ja, so total entspannt, zwischen den Tischen herumschlurfte.“

„Ich glaube, dass es ihm gut geht. Arturo ist dort oben, dort drüben bei denen unter den Wolken. Schau dir diese Dinger am Himmel an, ich meine, Junge Junge, das sieht beängstigend aus!“

Frank legte den Kopf in den Nacken und nickte, sprachlos.

„Was in Gottes Namen werden sie tun? Sie sehen so aus, als ob sie dazu da wären, irgendetwas ... irgendetwas Scheißendgültiges zu tun.“

„Wo schweben die hin? Und wieso hört man nichts, bei der Größe?“

„Arthur C. Clarke sagte einmal, jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden“, antwortete Frank.

Daniel schrie aus dem Wohnzimmer: „Jetzt seht euch diesen Mist an. Feinberg hält eine Rede. Und leck mich am Arsch, wenn wir jetzt nicht den besten Empfang hier seit Wochen haben. Hast du was mit der Antenne gemacht, Frank?“

Die beiden Männer sahen einander verblüfft an, warfen noch einen Blick auf die sechs Maschinen, die sie von der Terrasse aus sehen konnten, und deren kantige Schatten auf das schroffe Land fielen wie Verwünschungen, dann standen sie gleichzeitig auf, nahmen ihre Bierdosen und gingen ins Haus.

„Wir wissen nun, wir wissen, meine lieben, guten Freunde, dass uns noch ein Vierteljahr bleibt, bis etwas geschieht, das unser aller Leben beenden, oder jedenfalls für immer verändern wird. Wir haben alle Angst vor den dunklen Tagen, die vor uns liegen, wie eine Last, ja und auch ich habe Angst. Doch mich quält nicht nur die Angst vor dem unbekannten Land, das die Außerweltlichen Lud nennen, nein, mich ängstigt, was aus uns Menschen werden kann, auf dem Weg zu diesem Tag. Manche von uns sprechen von einem gemeinsamen Weg. Das ist gut. Es ist besser, miteinander in eine Richtung zu gehen, die Mühsal und Ängste zu teilen, als herumzulaufen ohne Hirn und Verstand. Aber, meine lieben, guten Freunde, ist es denn gewiss, dass sie mit uns den gleichen Weg gehen wollen? Wissen wir wirklich, ob für sie die gleichen moralischen, ethischen und ... sittlichen Grundlagen gelten wie für uns? Wissen wir das? Wir sind hier ja nicht einmal mehr in dem uns bekannten Universum. Wir sind in einer anderen Wirklichkeit! Vielleicht nur einen Hauch weit entfernt von dem, was uns vertraut und lieb ist, meine lieben, guten Freunde. Aber seht doch, wie anders alles ist! Dieser Planet aus Wasser, der andere da oben, aus Wolken und keiner weiß, was darunter verborgen ist. Ja, verborgen! Vor uns verborgen! Wir sollen unseren Politikern trauen und dem Militär und wir sollten unserem Glauben, unseren Sitten, unserer Moral vertrauen. Aber in diesen schweren Stunden, nein, Tagen, Monaten, da müssen wir uns fragen, ob wir nicht allein vertrauensvoll in unsere knapp bemessene Zukunft sehen sollen, sondern auch mit gesundem Misstrauen, mit wachem Geist. Mit bürgerlicher, menschlicher Umsicht. Vielleicht müssen wir noch nicht vorsichtig sein, aber es wird uns allen gut anstehen, sehr, sehr aufmerksam zu sein. Was tun sie? Was tun ihre Maschinen? Und wie denken eure Nachbarn, eure Gäste, eure Kollegen darüber? Es ist Zeit für erhöhte Aufmerksamkeit, dafür, dass wir füreinander einstehen. Für uns Menschen. Und wir müssen darauf achten, wie ernst die Politikereliten hier unsere Sorgen nehmen! Wir müssen auf uns achten, auf uns schauen! Zuerst für uns Menschen. Ich danke euch für eure Aufmerksamkeit, meine lieben, guten Freunde. Danke!“

„Was macht der Scheißkerl da? Dieser elende Brandstifter?“

Winston zunickend antwortete Frank: „Er zündelt noch nicht. Aber er richtet schon mal Streichholz und Benzinkanister.“

Sie zündeten die Stumpen an und gingen hinaus, äugten hinauf zu Nib, wo Arturo und Saarí gerade nach dem Liebesspiel zum Board zurück schwebten. Das kristalline Feld schimmerte hinter ihnen wie ein pochender Amethyst.

Mitten in der Nacht stand Daniel auf und bewegte sich langsam und rücksichtsvoll, um Rosa nicht zu wecken, die leise und ruhig atmend im Bettzeug eingegraben schlief. Nahm die Krücken und verzichtete auf die Prothese. Er hatte Übung, sich aus dem Schlafzimmer zu stehlen, weil er, als er bei ihr im Appartement schlief, oft mitten in der Nacht aufgestanden, durch das dunkle Wohnzimmer auf die kleine Terrasse hinaus gegangen war, um auf die Straße zu sehen, die im rötlichen Licht der Natriumdampflampen stilllag.

Den Stumpf spürte er wirklich nur noch selten, aber heute Nacht juckte er. Er setzte sich an den halb abgeräumten Tisch, nahm eine Dose Bier aus dem Wasserkübel und machte sie so leise wie möglich auf. Im Westen konnte er den rosafarbenen Schimmer sehen, den das große Schiff der Amidianer ausstrahlte. Die anderen Schiffe oder Raumkreuzer oder was auch immer sie waren, schwebten noch immer in ein paar hundert Metern Höhe in einem Kreis rund um die Kanarischen Inseln. Über sie wollte er nachdenken. Das wie nebenher eingeworfene Angebot von Bru[1] hatte er nicht vergessen. Und es war ein Angebot gewesen, war Daniel vollkommen sicher. Hatte er Daniel am Ende die Sache mit der Folterung nur gezeigt, um ihm verständlich zu machen, warum sie die Fähigkeiten und Fertigkeiten entwickelt hatten, selbst Amputationen vollständig zu heilen? Bru hatte Daniel ganz bewusst zu verstehen gegeben, dass sie mithilfe ihres Raumschiffvoodoos alle Arten von Verletzungen heilen konnten. Offenbar waren Quälen und Heilen zwei Grundpfeiler ihrer Kultur. Was waren die anderen?

Keuchend stemmte sich Daniel auf die Krücke, humpelte zu der steinernen Mauer und setzte sich auf den kühlen Stein. Hier war nichts mehr so, wie es einmal war, also konnte er auch über seine moralischen, sittlichen und sonstigen Werte nachdenken. Kopfschüttelnd schaute er sich um. Das schroffe Land lag im scharfen Schatten unter dem Licht der Gewitterwolken von Nib. Die Sonne stand hinter dem Gewitterplanet; er verursachte also eine fast vollkommene Sonnenfinsternis. Und doch leuchtete die Sonne matt golden durch Nib hindurch, weil er nicht fest, sondern hohl war. Ein Wolkenplanet, angefüllt mit Planetenschutt. Sie drehten sich von Nib weg ins Dunkel, und das bedeutete, dass die Nacht lange dauernd würde. Langsam tastete er sich an den Gedanken, an den Traum heran, der ihn aufgeweckt, und aus dem Haus auf die Terrasse getrieben hatte. Er hatte sich der Operation durch die Amidianer unterzogen und sein Bein zurückerhalten. An das Gefühl von Freude und Gewissensbisse konnte er sich erinnern, weil sie eng miteinander verwoben waren. Freude, weil er sein Bein wieder hatte, genauso, wie es gewesen war, mit der behaarten Wade, den langen Zehen und der leicht nach innen gekrümmten großen Zehe. Der Bogen seiner O-Beine war wieder vollkommen. Und Gewissensbisse, weil er sich seine Genesung mit der Freundlichkeit und Zuwendung für eine Kultur erkauft hatte, der er bestenfalls äußerst reserviert gegenüberstand. In seinem Traum war er geheilt und hatte mit Rosa geschlafen, und sie war schwanger geworden. Und als sie mit dem Kind niederkam, war es kein Kind. Es war etwas, das blau und feucht schimmerte, und zur Hälfte aus herumzuckenden, feucht zischelnden Tentakeln bestand. Es schrie wie ein neugeborenes Kind, aber gleichzeitig flappten Farben aus seinem Rücken.

Wenn er Bru kontaktierte, um sein Angebot anzunehmen, dann würden sie das nicht nur mit ihrer Technologie tun, sondern auch mit ihren Geheimnissen. Mit Sternenstaub und etwas, das nur sie kannten. Wäre er noch ein vollständiger und ganzer Mensch, wenn er sich von ihnen heilen lassen würde? Und welche Auswirkungen hätte das auf die Elternschaft, die sie sich beide ohne viele Worte wünschten? Würde sein Samen dann mit den Genen der Amidianer vermischt sein?

Er dachte an Bru mit großer Sehnsucht und Wut. Es war ein machtvolles Rufen in seinem Kopf. Und er stellte überrascht fest, dass es um ihn herum auf einmal nicht mehr dunkel war. Ein matter, rostroter Schimmer blühte um ihn. Eine Wärme stieg von einem Punkt zwischen seinen Schulterblättern auf. Nervös stand Daniel auf, griff nach der Krücke, die er an die Mauer gelehnt hatte, und ging bis zur wandgroßen Terrassentür, die aus Glas bestand. Nach einigen Sekunden bemerkte er, dass er zu atmen vergessen hatte. Keuchend schnappte er nach Luft und spürte einen erschreckend intensiven Lufthunger unter dem Solarplexus. Vom Punkt auf seinem Rücken stiegen Lichtschlieren empor wie reine Energie. Sie waren perlmuttfarben und bewegten sich elegant wie Seetang aus Feuer in der Strömung. Ein Ziehen und Kneten umschlang einen Punkt zwischen seinen Schulterblättern. Es war ein gutes Gefühl. Fremd und gut.

„Was ist das?“, fragte er flüsternd. „Was in Gottes Namen ist das?“ Auf die Krücke gestützt stolperte er zurück zum Tisch und sah dabei, dass die Farbbänder verblassten und sich auflösten wie leuchtender, öliger Rauch. Schwerfällig ließ er sich auf einen der gepolsterten Klappstühle fallen, nahm eine Zigarette aus der Schachtel, die am Tisch lag, und zündete sie an. Rauchte, kratzte sich am Ohr und fragte die Nacht, was zum Teufel mit ihm geschah. Ob er das wirklich gesehen hatte. Er zündete sich an der einen Zigarette eine neue an und kicherte, halbwegs beunruhigt: „Voll Doc Octupus aus dem All, fuck!“

Als Antwort erhielt er ein blassblaues Flackern, das hinter ihm waberte und tänzelte.

„Fürchte dich nicht, Daniel“, sagte eine sanfte, männliche Stimme. Betont langsam drehte Daniel sich um und sah einen Amidianer vor sich. Erst auf den zweiten Blick erkannte er den Sklaven von Bru. Sein Name war ...

„Ich bin Lduuri. Der Ngib von Bru.“

„Ach ja, ich weiß, ich erinnere mich an dich. Sprich leise, die anderen schlafen.“

„Sprich du in Farben. Ich habe gesehen, dass du es kannst. Oder sehr bald können wirst. Immerhin haben deine Farben Bru erreicht und darum bin ich nun hier.“

„Bru schickt seinen Ngib, wenn man ihn ruft?“

„Ich bringe dich zu ihm. Ich glaube, er ist sehr ... beruhigt, dir helfen zu können. Da ist meine Barke. Komm!“ Daniel drehte sich noch einmal im Kreis, blickte zu den schroffen Felsen der Berge, zu den Kakteen und den tönernen Blumenvasen beim Pool. Dann atmete er tief ein und aus, nahm die Krücken und klemmte sie unter die Arme. Langsam ging Lduuri voraus und Daniel fühlte sich erneut von seiner demütigen Anmut unangenehm berührt. Und jetzt, da sie zu der kleinen Barke gingen, die auf der anderen Seite der Mauer schwebte, direkt über der nachtschwarzen, steinernen Schlucht, wurde ihm klar, was ihn so tief und so befremdlich berührte. Der Wunsch, Lduuri zu schlagen, ihn zu treten, ihn auf dem Boden kriechen zu sehen, wurde nur noch von dem Hunger überschattet, ihn zu vergewaltigen. Das erschreckte Daniel so sehr, dass er innerlich erstarrte und mit eisernem Blick in die Ferne starrte.

Als sich die Plattform drei oder vier Meter in die Höhe bewegt hatte, erschien mit einem silbrigen Plopp ein Schutzschild. Lduuri lächelte Daniel zaghaft und entschuldigend zu: „Wir fliegen schnell. Uns würde der Wind von der Plattform fegen. Riechst du die süße Schärfe?“

„Ja“, nickte Daniel. „Es riecht nach Eukalyptus.“

Lduuri machte eine eigentümlich herausfordernde, rekelnde Bewegung: „Du bist kein Mensch mehr, Daniel, denn du atmest nun reine Amidluft. Vor ein paar Tagen noch wäre sie für dich tödlich gewesen.“ Der Ngib wandte sich der hauchdünnen, gläsernen Konsole zu und wischte mit den dünnen Fingern über die sich umschlingende Farbkleckse. Über seine Schulter hinweg blickte Daniel wie ein Kapitän in die Nacht, sah unter sich das zur Küste hin abfallende Land. Die Beleuchtung der Gebäude und Straßen. Ein Auto hier, einsam in der Dunkelheit. Er konnte nichts dagegen tun, dass ihm Schauder über den Rücken liefen und die Härchen auf den Unterarmen und im Nacken aufstellten. Vor ihnen lag das blaugrün leuchtende Schiff, dessen Kapitän Bru war. Daniel murmelte: „Bist du mein weißer Wal?“

„Was?“

„Ich dachte an ein Buch, das ich gelesen habe, als ich“, er deutete mit dem Kinn auf sein halbes Bein, „deswegen in Behandlung war. Es heißt Moby Dick und erzählt von der Besessenheit eines Kapitäns, dem ein Wal das Bein abgerissen hat.“

„Wenn du wegen Bru böse Gefühle hast, bedenke, dass er sich für die Menschen einsetzte - und es auch jetzt noch tut. Wenn du ihm zürnst, dann werde ich mich vor ihn stellen und dich bitten, mich an seiner Stelle anzugreifen. Ich werde mich nicht wehren und ich werde es dir so angenehm wie möglich machen, mich zu bestrafen.“

Einem kalten Gefühl folgend, das sich anfühlte wie krabbelnde Insekten im Hirn, antwortete Daniel leise: „Ich werde darüber nachdenken, Ngib!“

Bru stand am weiten Bogenfenster in der obersten Ebene der Arche, ein dünner Schatten vor Nib, der hinter den scharfkantigen Bergen Gran Canarias bedrohlich am Himmel hing und flackerte wie fernes Wetterleuchten. Er schickte Lduuri in seine Gemächer, um zu meditieren. Daniel stand hinter ihm und fühlte sich durch die Rückenansicht des Kapitäns, der ihn vor Kurzem den Schmerz der Erinnerung aufgebürdet hatte[2], aufs Neue brüskiert, und verzog den Mund zu einem wütenden Grinsen. Seine Mundwinkel zogen sich nach unten, und er holte Luft, um ein obszönes Donnerwetter vom Stapel zu lassen, als Bru sich zu ihm umdrehte und lächelte. Hinter ihm faserten Farbbänder und schlängelten sich lasziv in der matten Luft. Das sah friedlich und freundlich aus. Bru bewegte die Hände und formte Figuren. Und erst, als er Daniels fassungsloses Gesicht sah, sprach er:

„Willkommen auf dem Schiff, Daniel. Ich bin sehr froh, dass du meinem Ngib gefolgt bist. Ich habe dir, ohne es so auszudrücken, wie ihr das macht, ein Versprechen gegeben. Und ich halte mich an meine Farben, folge meinem Bogen.“

„Dein Bogen hat mir Sachen gezeigt, die mich sehr erschreckt haben.“

„Aber das bist du nicht mehr. Du bist ...“

„Woher weißt du das?“

„Ich sehe deine Farben. Du hast keine Angst vor der Gewalt. Du hattest sie, als du ein Knabe warst. Doch spätestens seit deinem Unglück bist du vom Leiden besessen. Deinem eigenen und dem der anderen. Das bindet dich an deinen alten Freund. Und das bindet dich an dein Weib. Ihre Hingabe verspricht die Bereitschaft, für dich Leiden zu erfahren. Doch du wirst ihr kein Leid zufügen. Du kämpfst gegen dich selbst und das ist für mich - für uns so ... extravagant. Du verbietest dir Freuden und Abenteuer, weil es eine Lehre in dir gibt, eine Stimme, die dir sagt, dass nicht alles, was dir Freude bereiten kann, deinen moralischen Werten entspricht.“

„Du redest von Moral, als wäre sie etwas völlig Fremdes für dich. Ist es das?“

„Oh nein, ist es nicht. Komm mit. Wir besuchen die medizinische Abteilung.“

Bru ging mit schwebendem Schritt voran und Daniel folgte ihm. Beim gläsernen Lift blieb Bru stehen, wandte sich um und sagte: „In der Sphäre von Nib gibt es bald eine Schlacht. Eine große Schlacht. Und sie wird aus einem Grund ganz besonders interessant.“

„Aus welchem?“, fragte Daniel, als sie in den Lift stiegen und nach unten rasten.

„Ein Mensch wird einen Teil des Volkes von Nib führen. Er ist dein Doppelgänger. Er denkt und fühlt wie du. Ihr habt unterschiedliches Blut und Herkunft. Und doch ist er dein ... ich suche das Wort ... er ist dein Seelenverwandter. Er ist dein Geist. Und du bist seiner. Du hast eine Fähigkeit in dir, die dich zu einem ganz besonderen Anführer macht. Schau in dich. Du weißt, welche Qualität ich meine. Wir Amidianer haben sie nicht mehr, und auf Nib? Die haben diese Qualität, diese Fähigkeit schon so lange vergraben, dass es sie zu Tode überraschen wird.“ Er wies Daniel an, auf einer weich gepolsterten Liege Platz zu nehmen.

Daniel legte sich nieder und sagte: „Gnade. Es ist Gnade. Der Krieger, den du meinst, das ist Arturo. Der Junge, der in Las Palmas fast ermordet wurde, wenn ihn die Nibianer nicht geholt hätten.“

„Genau. Es war überraschend für uns, dass die Rettung durch einen Jäger und einen Gejagten erfolgte.“

Die Räume, hatte Daniel festgestellt, als er sich umsah, waren alle spärlich möbliert, aber angenehm. Es war die Mischung aus Material, Farben und Formen, die zum Verweilen und Entspannen einlud. Ein fasriger Lichtstrahl kam aus der Decke und flimmerte in der Luft, als wäre sie mit Rauch gefüllt - was sie aber nicht war. Der Lichtfächer tastete Daniels linkes Bein ab und dann das rechte bis zum Stumpf. Die Krücken lagen ordentlich neben der Liege, die sich unter Daniels Gewicht seinen Konturen angepasst hatte.

„Die Schlacht beginnt jetzt. In diesem Moment. Es gab seit unzähligen Generationen keinen Kampf mehr. Nur das Jagen und Töten der Beute. Es wird für die Jagdvölker ein grausamer Schock sein, wenn sie lernen müssen, dass die Beutevölker mehr vom Töten wissen als sie selbst. Die Sphere wird im Blut ertrinken. Es macht mich wirklich unglücklich, dass ich nicht dort sein kann, um sie in ihrer Arroganz sterben zu sehen.“

„Du hasst sie wirklich, was?“

„Ich? Ach nein! Ich will nur sehen, wie ihre verrückte Kultur in dieser Revolution niedergeschlagen wird. Ich werde jetzt dein Bein heilen. Ich nehme an, du willst, dass ich deine Nerven einschläfere, bis die Heilung vollendet ist?“

Zaghaft nickte Daniel und sah Bru aufmerksam an. Er konnte sich nicht helfen, aber er begann, den eleganten, sadistischen, nachdenklichen Kapitän zu mögen.

„Gut. Denn es wäre wirklich sehr, sehr schmerzhaft. So wie der Verlust, nur anders herum.“

Er ging zu der Liege und legte seine kühle, trockene Hand auf Daniels Stirn. Augenblicklich spürte er vollkommenen Frieden, Zuversicht und Freude. Und eine angenehme Entspannung, wie sie sich üblicherweise nach einem Orgasmus einstellte. Es war das körperliche Wohlgefühl, das aus lustvoller Verausgabung entsteht, und das nach Proteinen, zerwühlten Bettzeug und Liebe roch. Er schloss die Augen und hörte Bru noch sagen: “Erstaunlich, wie ähnlich ihr uns seid. Die Frequenz deiner Saiten erinnert sich perfekt an den verlorenen Körperteil. Es wird leicht, ihn wieder herzustellen. Ruh dich aus.“

Der Hinterhalt

Bis jetzt hatte Arturo immer Angst vor Streit und gewalttätige Konfrontationen gehabt. Er war nie zurückgewichen, wenn ihm jemand zu Leibe gerückt war, und er verstand, dass dies der Kern waren Mutes ist: der eigenen Furcht nicht nachzugeben. Die Angst hatte ihn klug gemacht und nicht verrückt, und er hatte Strategien und Taktiken entwickelt, mit ihr umzugehen, ohne dabei wie ein Verlierer auszusehen. Jetzt war er von einem Volk, das er gerade ein paar Tagen kannte und das ihm im Grunde genommen noch immer fremd war, an die Spitze einer Auseinandersetzung gestellt worden, die ihm das Gefühl gab, sich vor Angst und Widerwillen übergeben zu müssen. Gleichzeitig aber erfüllte es ihn mit adrenalinschwangerem Stolz, als er in der nebelgrünen Sphäre auf dem Brett, das die Beutevölker für ihn aus einer dieser mysteriösen Maschinen geholt hatten, die Reihen abflog, die sich zusehends verdichteten. Sie waren Zehntausende, oder vielleicht sogar Hunderttausende, und sie wollten ihn sehen. Saarí hatte ihm gesagt, dass der Bogen der Jagd bevorstand, und dass die Jäger bald kommen würden, um ihre Opfer auszuwählen. Nicht verstehend, wie sie es geheim halten konnten, dass sie eine Revolution planten, schwebte Arturo auf dem Board, das er inzwischen so beherrschte, als wäre er damit verwachsen, über die von Nibianern bedeckte Oberfläche des größten Wohnplanetoiden der Beutevölker. Sie erwarteten eine Rede von ihm, einen Plan. Und Arturo, der schon rot wurde und stotterte, wenn er vor der gesamten Klasse an die Tafel gerufen wurde, sah sich vollkommen außerstande, Worte zu finden. Er fand nicht einmal eine Geschichte, ein Thema, auf dem er seine Rede, seine Parolen aufbauen sollte. Er wollte ihnen aus tiefstem Herzen Mut machen, aber er wollte nicht die Galionsfigur einer blutrünstigen Schlacht werden, für die er selbst weder eine moralische noch ein ideologische Rechtfertigung finden konnte.

Die Massen von Nibianern bewegten sich in Wellen auf und ab. Sie saßen, hockten oder standen, so wie er, auf ihren Boards. Sie waren bewaffnet und sie waren bereit, allesamt. Vor drei Tagen hatte Saarí ihm eröffnet, dass der Bogen sich nun über sie erstreckte, und dass er zu ihnen sprechen muss, wenn er seinen Plan in die Tat umsetzen wollte. Sie unterstützte ihn dabei, seine Gedanken zu ordnen. Und kurz vor seinem Auftritt hatte sie ihm quälend langsam den Schwanz gelutscht und die Milch abgesaugt, damit er entspannt auftreten konnte. Er hatte geseufzt, als würde er dem Tod entgegensegeln, als es ihm in ihrem Mund gekommen war, und er hatte irre vor Befriedigung gelächelt, als er sah, dass sie seinen Samen schluckte. Und da, endlich, fand er einen Einstieg in das, was er ihnen vermitteln wollte. Weil sich ihm die einfachste und bekannteste Geschichte der Welt anbot.

Als er sich räusperte und gleichzeitig die Schultern anspannte, um das Zentrum der Farbsprache zu stimulieren, krallte sich unten auf dem Wasserplanet Daniel Rabenreich in die Polsterung der Liege, als der magische Strahl aus dem silbernen Rohr den Beinstumpf öffnete, die Atome und Moleküle abtastete, und noch viel tiefer darunter, die Frequenz der Strings maß, die sich ganz genau an die Beschaffenheit des verlorenen Beins erinnerten. An jede Hauttönung, an jedes Haar auf der Wade, an jedes Muttermal. In seiner Ekstase webte und formte Daniel wilde Farbmuster, die sich zu Blumen und Feuergeflacker anordneten, zu blauen Wasserkaskaden und quecksilbrigen Eruptionen. Bru sah das und weinte ein Farbfeuerwerk der Rührung, denn eine solche Heilung hatte er in seinen vielen Jahren noch nicht gesehen. Er teilte sie mit allen Amidianern, die in Ergriffenheit erstarrten und alles, was sie gerade taten, liegen und stehen ließen, um diese unendlich tiefe Dankbarkeit, die in Farbkaskaden aus dem Rücken des Menschen flackerte, explodierte und tänzelte, samt und sonders in aufzunehmen. Es war kraftvoll und vollkommen neu, von dieser Dankbarkeit und diesen unerschütterlichen Glauben an die Gnade einer höheren Macht mitgerissen zu werden.

Oben auf Nib, über den Heerscharen der kampfbereiten Nibianer, zuckten und pulsierten korrespondierende Muster aus Arturos Rücken, so hell, dass die in den Schatten eines kleineren Planetoiden versammelten Krieger geisterhaft beleuchtet wurden. Sie sahen ihn an und lauschten.

„Nicht alle Jäger gehen auf die Jagd“, sagte Arturo, „und ich glaube, ich weiß auch, wieso. Nicht alle von ihnen gehen auf die Jagd, weil sie zwar in den Stämmen der Jäger geboren wurden, aber nicht wie Jäger empfinden. Sie könnten vielleicht spielerisch jagen, aber sie könnten es nicht zu Ende bringen. Und nicht alle aus den Beutestämmen stellen sich der Jagd. Sie wollen keine guten Opfer, sie wollen gar keine Opfer sein, und sie vermeiden die Auswahl, weil sie fürchten, dass sie den Jäger überwältigen und töten könnten. Mitleid ist, wenn man den Schmerz des anderen spürt, und sich wünscht, er würde diesen Schmerz nicht empfinden und man könnte etwas tun, um ihn von seinem Leid befreien. Das will ich euch sagen. Wir werden kämpfen, und wir werden uns wehren. Viele werden sterben, aber wir sollen keine Mörder und keine Schänder sein. Wir sollen Krieger sein, die wissen, welche Kraft in der Gnade verborgen ist. Besiegt sie in den Kämpfen, überrumpelt sie, trickst sie aus. Aber tötet sie nicht. Zeigt ihnen, was Gnade ist, gebt ihnen die Hand, wenn ihr sie besiegt habt, und helft ihnen auf. Erschlagt sie mit Güte, mit einer Umarmung. Die Bauherren der Ringe haben einen Spruch hinterlassen. Und zwar so, dass er erst jetzt, da wir zusammengefunden haben, entschlüsselt wurde. Ihr wisst, welchen Spruch ich meine. Er wäre auf unsere Banner gewoben, wenn wir welche hätten: Wir sind nicht die Jäger, wir sind nicht die Beute, wir sind nicht die Herren und wir sind nicht die Sklaven. Wir sind die Herren des Lebens. Seid das! Seid die Herren des Lebens in euren Träumen. Und wenn es euch auch schwerfällt: Liebt die Jäger. Entwaffnet sie mit eurer Liebe. Aber weicht nicht zurück. In keiner Sekunde des Kampfes. Weicht nicht zurück.“

Er ließ sie seine Ergriffenheit sehen. Weil er wusste, dass sie dahinter die Unerschrockenheit erkennen konnten. Ihre Zustimmung und Anerkennung erhoben sich in einer rosafarbenen Lichtwolke, in der sie alle schimmerten.

Elegant und langsam schwebte Arturo auf dem Board die vorderste Reihe ab und sagte, mit mühsam geformten Worten: „Verletzt sie. Vielleicht auch schwer, wenn es nicht anders geht, aber nehmt ihnen nicht die Würde. Keiner von euch, keiner von uns, soll sich an einem von ihnen vergehen. Habt ihr mich verstanden?“

Das Licht pulsierte.

„Dann lasst uns hier auf den Krieg warten. Geht zurück, gleitet zurück zu dem, was ihr sonst immer tut. Und wenn die Jäger kommen, nehmt die Jagd an. Ihr wisst, dass sie diesmal anders enden wird. Mir ist inzwischen klar geworden, dass die kluge Beute jede Strategie des Jägers kennt. Ihr habt nicht nur gelernt, euch ihnen möglichst elegant zum Opfer zu machen. Ihr habt von Generation zu Generation jede Strategie, jedes Manöver weitergegeben. Jeden Trick, jede Finte, jede Technik. Ihr wisst alles über die Jagd. Nutzt das. Überwältigt sie und beendet den Kampf.“

Veem, Kaan und Moon standen auf ihren Boards, schwebten am Hang eines Hügels. Arturo surfte durch das silbergrüne Licht zu ihnen.

„Unten auf den Inseln droht auch eine Auseinandersetzung“, sagte Moon leise. „Nicht jetzt. Noch nicht. Aber die Amidianer ziehen ihre schwimmenden Städte zusammen und bringen sie zum Archipel. Sie wissen, dass sie in einem direkten Kampf den Menschen unterlegen wären, und setzten nun auf Einschüchterung durch Größe!“

„Wie können sie uns unterlegen sein? Mit all den utopischen Sachen, die sie da haben. Und Hyperantrieben und Lichtmotoren. Die werden doch Laserstrahlen haben und Phaserpistolen und ... und, ich weiß nicht!“

„Technisch sind wir, die Nibianer und die Amidianer den Menschen weit überlegen, doch diese Überlegenheit ist nicht der Verdienst unserer Zivilisationen oder das Resultat einer ... wie ihr es nennt: Evolution. Aber was noch viel schwerer wiegt: Sie haben keine Waffen, weil es in der Geschichte der amidianischen Kultur nie einen Grund gab, Waffen zu bauen. Sie haben bestimmt die Technik, sich gegen Angriffe zur Wehr zu setzen, weil sie ja sogar die Wasserbewegungen steuern können, da unten, so wie unsere Maschinisten unter der Leitung der Träumer durchaus auch Planetoiden bewegen können und ...“

„Wie“, fragte Arturo, plötzlich außer Atem, „wie ist es möglich, dass wir hier eine Revolution planen und offen darüber reden, dass wir gerade hier versammelt sind, und wir sind Zigtausende, wie kann das sein, dass niemand aus den Jägerstämmen oder den Träumern etwas davon mitbekommt?“

Veem kam näher zu Arturo und lächelte. Obwohl Arturo sich jetzt Moon näher fühlte als Veem, verband ihn und den jungen Fährmann ein starkes Band der Vertrautheit. Als wären sie Geschwister, die sich lange nicht gesehen hatten und nun, da sie einander wieder hatten, dort weitermachten, wo sie vor langer Zeit getrennt wurden. Veem war der wilde Surfer an seiner Seite, Moon war der sensible Junge, von großer innerer Kraft beseelt. Und Saarí? Sie war das wilde Mädchen, das er sich auf der Erde, auf der Insel, auf dem Meer, an seiner Seite wünschte. Gut, gestand er sich ein, die Fangarme und Tentakel, die sie aus Licht und Luftplankton erzeugen konnten, und die ihnen aus dem Rücken wuchsen, irritierten ihn noch, aber bei Gott: Sie konnte Sachen damit machen ...

„Wir beherrschen das Abschirmen ebenso gut wie das Aufbauen der Verbindung. Wir können andere in den Strom holen oder noch näher und verbindlicher, in den Bogen. Können auch ablenken und täuschen. Die anderen wissen natürlich, dass wir hier heute eine große Versammlung haben, aber wir schickten falsche Wellen aus, die eine andere Legende in die Ströme der Jäger und Träumer mischen. Sie haben die Versammlung wahrgenommen, und dass es um die bevorstehende Jagd geht. Wir haben unterschiedlich starke Denker hier. So wie es auch bei dir vermutlich Menschen gibt, die besser als andere reden und überzeugen können, nicht wahr?“

Mit einem Nicken bedeutete Arturo, Veem soll fortfahren.

„Die Stärksten sind oft Gejagte, die drei oder vier Jagden überstanden, und nun in einem Zustand der stillen Gnade leben. Sie perfektionieren ihre Fähigkeiten als Illusionisten und Gaukler. So schaffen wir es, Beute zu verstecken und vor den Jägern zu beschützen, wenn wir denken, dass einer von ihnen besonders wertvoll sein kann. Eine besonders gesunde Frau, ein besonders kluger Mann. Wir konnten mehr vor ihnen verstecken, als sie ahnen.“

„Wo?“

Veem grinste übermütig und antwortete: „In den Lüftungsschächten der Planetenmaschinen. Du kennst die Öffnungen. Deltebere organisiert seit vielen Jahren Flucht und Verpflegung der Verborgenen. Er trainiert sie und viele von uns, die Jagden überlebten und geheilt wurden, bringen den Verborgenen bei, was wir wissen. Auch Jäger sind unter den Lehrern. Und heute kommen die Verborgenen aus ihren Schatten und werden uns im Kampf beistehen.“

Moon streckte die Hand aus und zeigte nach oben: „Sie kommen. Die Jäger kommen, um die Beute zu wählen. Wir werden uns wehren. Bei den Ringen. Wir werden uns wehren und sie ihr eigenes Blut trinken lassen.“

Kopfschüttelnd schwebte Arturo heran: „Besiegen. Nicht ermorden. Wir lehren sie, dass das Verlieren zum Leben gehört wie das Siegen. Vielleicht sehen sie dann ein, dass es einen anderen Weg geben muss, um auszuwählen, wer auf die Inseln darf, wenn der Raum der Väter sich öffnet.“

„Du sprichst schon wie einer von uns“, sagte Kaan und schlitterte zu Arturo, sprang auf sein Board und umarmte ihn, raunte: „Bruder!“

Veem und Moon wiederholten das Wort: „Bruder!“

„Vater meines Sohnes.“ Saarí.

Arturo sah sie mit weit aufgerissenen Augen an und strahlte vor Glück. Sie nickte bestätigend. Lächelte so unglaublich schön. Und dann kam die Welle, der Chor aus hunderttausend Stimmen: Bruder!