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Auf Norderney wartet dein Glück Im Wohlfühlroman »Die Inselschäferin« ist Weltenbummlerin Ruth auf der Suche nach einem echten Zuhause – und nach der Liebe. Eigentlich will Ruth mit ihrem Hund Neruda nur für eine Weile bei ihrer Freundin Nela auf der Insel Norderney unterkommen, bis sie ihren Platz im Leben gefunden hat: Nach einer ausgedehnten Weltreise empfindet sie das Entwurzelte, das sie immer so genossen hat, auf einmal als seltsam schmerzhaft. Zwar erliegt Ruth bald dem Charme der zauberhaften Nordsee-Insel, doch das Geburtshaus, das Hebamme Nela auf Norderney eingerichtet hat, ist definitiv nicht der richtige Ort für sie. Ruth ist überzeugt, keine Kinder zu wollen. Dumm nur, dass der attraktive Witwer Hanno nicht nur ihr Herz höherschlagen lässt, sondern auch zweifacher Vater ist. Ruth muss sich entscheiden: Will sie nur mit kleinem Einsatz spielen oder geht sie aufs Ganze? Die Geschichte von Hebamme Nela, die sich auf Norderney einen Lebenstraum erfüllen möchte, erzählt Emma Jacobsen im Wohlfühl-Liebesroman »Die Inselhebamme«. Als Julie Peters hat die Bestseller-Autorin die Insel-Romane um »Friekes Buchladen« veröffentlicht.
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Seitenzahl: 403
Veröffentlichungsjahr: 2023
Emma Jacobsen
Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Wo das Glück zu Hause ist: Willkommen auf Norderney
Auf der Suche nach einer vorübergehenden Bleibe für sich und ihren Hund verschlägt es Ruth zu ihrer Freundin Nela nach Norderney. Nach einer zweijährigen Weltreise braucht sie einen Punkt, von dem aus sie sich endlich ein neues Leben aufbauen kann. Zwar erliegt Ruth rasch dem Charme der zauberhaften Nordsee-Insel, doch Nelas Geburtshaus ist definitiv nicht der richtige Ort für sie – Ruth will keine Kinder. Dumm nur, dass der attraktive Witwer Hanno nicht nur ihr Herz höherschlagen lässt, sondern auch zweifacher Vater ist. Ruth muss sich entscheiden: Will sie nur mit kleinem Einsatz spielen oder geht sie aufs Ganze?
Der neue charmante Wohlfühlroman von der Autorin der erfolgreichen »Inselhebamme«
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Epilog
So hatte sich Ruth die Heimkehr nicht vorgestellt. Kalt, nass, dunkel. Die Landung war etwas holprig, weil gerade ein Frühlingsgewitter niederging.
Der Münchner Flughafen an einem verregneten, kalten Morgen im Mai – das war kein schöner Ort. Vom Jetlag geplagte Reisende, die zu den Gepäckbändern taumelten. Ruth steckte sich die Noise-Cancelling-Kopfhörer in die Ohren und schloss für einen Moment die Augen. Diese Ruhe! Dann wählte sie auf ihrem Smartphone eine Playlist aus. Lenny Kravitz, Fly Away. Ja, da hätte sie schon Lust drauf. Direkt wieder losfliegen, hinaus in die Welt. Aber nein. Das Reisen hatte ein Ende. Zwei Jahre waren genug. Nicht nur für sie.
Sie hörte ein Rumpeln, die Gepäckbänder setzten sich in Bewegung, und Ruth schob sich näher heran. Als Erstes kamen die Hundeboxen, das wusste sie schon.
Und da war sie schon. Ruth atmete auf, als sie die schwarze Knopfnase von Neruda sah, der an den Gitterstäben schnupperte. Sah so aus, als hätte ihr bester Freund die vorerst letzte Flugreise gut überstanden. Ruth zog die Ohrstöpsel heraus und steckte sie in die Hosentasche.
Zwei junge Männer halfen ihr, die Transportbox vom Gepäckband auf Ruths Gepäckwagen zu laden. Sie gab Neruda ein paar Leckerchen und lobte ihn ausgiebig. Er jibbelte beleidigt.
»Was ist das denn für ’ne Rasse?« Der eine junge Mann ging neben Ruth in die Hocke und spähte in die Transportbox.
»Ein peruanischer Hirtenhund.«
»Oh, klasse. So einen hatten meine Eltern auch mal.«
Ruth verbiss sich ein Lachen. Die Rasse gab’s nicht, aber sie fand es immer wieder faszinierend, wie die Menschen auf Neruda und sie reagierten. Wie oft ihr erzählt wurde, man hätte ja auch mal so einen Hund besessen! Die wenigsten gaben zu, dass sie noch nie von dieser Rasse gehört hatten.
Mit seinem schwarzbraunen Wuschelfell und den wachen Augen sah er aber auch wirklich aus wie ein Hirtenhund – zumal er eine gewisse Größe hatte. Ruth reichte er bis auf halbe Höhe ihres Oberschenkels, und sie war nicht klein. Als sie sich wieder aufrichtete und der junge Mann ebenfalls aufstand, befand sie sich mit ihm auf Augenhöhe. Er schien sichtlich irritiert, dass sie so groß war, schulterte seinen Trekkingrucksack und verabschiedete sich. »Gute Reise noch!«
»Zum Glück haben wir’s nicht mehr so weit, Dickerchen«, flüsterte Ruth ihrem Hund zu. Ihr Koffer kam gerade an ihr vorbei, und sie holte ihn vom Gepäckband. Sie schulterte den kleinen Rucksack und wuchtete den Koffer neben Neruda. »Bald darfst du raus. Versprochen!«
Es dauerte noch mal zehn Minuten, bis auch ihr Trekkingrucksack langsam an Ruth vorbeiglitt. Sie legte ihn auf den Koffer und schob dann den Gepäckwagen in die Ankunftshalle. Ihr Herz pochte laut in der Brust. Wer wohl gekommen war, um sie daheim willkommen zu heißen?
Ihr Blick ging an den vielen Menschen vorbei, die hinter der Absperrung warteten, suchte nach bekannten Gesichtern … nichts. »Sieht aus, als würden wir nicht erwartet, Kumpel.« Sie blieb stehen, von hinten drängten andere Reisende nach. Der Lärm in der Ankunftshalle überwältigte sie. Ruth merkte, dass sie schleunigst hier rausmusste.
Sie schob den Wagen nach draußen. Auch hier schaute sie sich noch mal um. Komisch. Sie hatte ihren Mitbewohnern ihre Ankunftszeit mitgeteilt. Sie war sogar dreißig Minuten zu spät gelandet, also selbst wenn Thorunn und Jake sich verspätet hätten – was ihnen sonst nie passierte! –, hätten sie doch wenigstens eine Nachricht geschickt …
Ruth wühlte nach ihrem Handy. Auch nichts! Es war wie verhext. Kein Anruf, keine Nachricht. Sie wählte Thorunns Nummer aus ihrem Adressbuch und rief sie an. Konnte ja nicht sein, dass ihre besten, ältesten Freunde – Nela mal ausgenommen – und Mitbewohner sie vergessen hatten!
Thorunns Mailbox sprang nach dreimaligem Klingeln an. Ebenso lief es bei Jake. »Orrr, Leute!«, schimpfte Ruth. »Ihr könnt mich doch nicht am Flughafen sitzen lassen!«
Doch, konnten sie offenbar. Ruth schrieb Thorunn eine Nachricht (»Wo steckt ihr? Bin grad gelandet, aber ihr seid nicht hier? Hoffe, es ist nix passiert!«), dann schob sie den Gepäckwagen zum nächstgelegenen Taxistand. Mit ihrem Gepäck und Nerudas Kiste musste sie ein Großraumtaxi nehmen. Aber so konnte der Hund wenigstens sicher in seiner Kiste bleiben. Der Taxifahrer war ein Münchner Original; für ihn war sogar Neruda mit seiner beeindruckenden Größe ein Zamperl, für den er Leckerlis im Handschuhfach hatte.
»Bin ja spezialisiert auf Hunde!«, erklärte der Mittfünfziger, wuchtete seinen mit reichlich Bier und Schweinshaxe gepflegten Bauch hinters Lenkrad und gab die von Ruth genannte Adresse in sein Navi ein, obwohl sie sicher war, dass er wusste, wie er dort am schnellsten hinkam. »Mach das hier seit dreißig Jahren, aber so ein hübsches Zamperl hatte ich noch nie. Mischling, was?«
»Genau.« Ruth lehnte sich zurück. Ihr war nicht nach Plaudern zumute, und das merkte der Fahrer bald. Den Rest der Fahrt verbrachten sie schweigend.
Als sie die Adresse in Schwabing erreichten, half der Taxifahrer ihr beim Ausladen. Ruth gab ihm ein großzügiges Trinkgeld. Sie blickte an der hellgelb gestrichenen Fassade des hübschen Altbaus hoch. Seufzte glücklich. Der Münchner Himmel spannte sich unfassbar blau über den Dächern der Stadt, nur ein paar Federwölkchen schwebten darüber hinweg. Als hätte es das Gewitter vor einer Stunde nie gegeben. Perfektes Münchner Frühlingswetter. Die beste Jahreszeit, um nach zwei Jahren in der Ferne wieder daheim ein paar Wurzeln zu schlagen.
Sie ärgerte sich auch gar nicht mehr, dass Thorunn und Jake sie versetzt hatten; irgendwas musste den beiden dazwischengekommen sein. Gestern vor ihrem Abflug hatte Ruth noch mit Thorunn geschrieben, außerdem hatte sie noch mal bei ihrem Zwischenmieter Maik gefragt, ob alles okay und die Wohnung geräumt sei. Der hatte allerdings auch noch nicht geantwortet. Komisch, sonst war er immer zur Stelle, wenn sie Fragen hatte.
Sie ließ Neruda aus der Box und nahm ihn an die Leine. Er wollte natürlich an jeder Ecke schnüffeln, das war hier alles ziemlich aufregend für ihn. Ruth hockte sich neben ihn und kraulte ihn hinter den Ohren. »Versteh dich, Dickerchen. Aber guck, das Haus steht schon mal noch, das ist die Hauptsache.« Sie schulterte den Trekkingrucksack, nahm den kleinen Rucksack vor die Brust und zog den Rollkoffer hinter sich her. Die Box musste sie für ein paar Minuten unten stehen lassen.
»Dritter Stock. Fahrstuhl, Dickerchen?«
Doch Neruda nahm lieber die Treppe. Alles Beengte war nichts für ihn – oder erst nach langer Gewöhnung. Ruth ließ den Koffer im Hausflur stehen. Wenn gleich jemand meckerte, konnte sie es nicht ändern.
Im dritten Stock klingelte sie Sturm. Nichts. Das wurde wirklich immer merkwürdiger.
Sie musste tief in ihrem kleinen Rucksack nach dem Schlüssel wühlen, der sie all die Jahre begleitet hatte. Neruda legte sich auf die Fußmatte vor der Tür.
Gegenüber öffnete sich die Tür der Nachbarn. »Hunde sind hier aber nicht erlaubt!« Eine ältere Dame mit schwarz gefärbten Haaren und einem schmalen grauen Haaransatz spähte durch den Türspalt. »Ich meld das dem Vermieter!«
»Ja, machen Sie das ruhig, Frau Krauthuber. Sonst geht’s Ihnen gut?« Ruth bemühte sich, freundlich zu bleiben. Sie hatte gehofft, nicht direkt nach ihrer Ankunft mit jemandem über Neruda diskutieren zu müssen. Sie kannte die Hausordnung, wonach die Haltung von Hunden verboten war. Noch so ein Problem, das sie bisher erfolgreich verdrängt hatte.
»Alles bestens!«
»Herr Krauthuber ist auch wohlauf?«
Die Nachbarin spitzte die Lippen. »Der ist ausgezogen.«
»Ach so.«
»Wollte lieber mit so einer Pudelmutti nach Berlin ziehen.«
»Das tut mir leid.« Endlich hatte sie den Schlüsselbund gefunden. Sie zog ihn hervor und schloss die Tür auf.
»Mir tut’s nicht leid«, keifte Frau Krauthuber. »Ich wünsch ihm die Pest an den Hals und Genitalherpes obendrauf! Und sehen Sie zu, dass der Hund verschwindet, den will hier keiner haben. Punkt acht der Hausordnung!«
»Komm, Neruda.« Ruth betrat die Wohnung, schloss die Tür hinter sich und atmete auf. Stille. Gegenüber knallte Frau Krauthubers Wohnungstür. »Uff«, machte sie. Dann sah sie sich um. Und erkannte ihre eigene Wohnung nicht wieder. »Was ist denn hier passiert?«, fragte sie leise. Doch niemand war da, um ihr eine Antwort zu geben.
Als Ruth vor zwei Jahren ihre Weltreise plante, hatte sie eine genial einfache Idee. Für die Zeit, die sie arbeitend auf Reisen war, wollte sie ihre Hälfte der Wohnung, die sie mit Thorunn und Jake teilte, an Maik vermieten. Maik war Informatiker, verdiente gut, besaß Manieren und zahlte immer pünktlich. Sie hatten einen Vertrag zur Untervermietung geschlossen, den Ruth vor drei Monaten fristgerecht gekündigt hatte, als absehbar war, dass sie bald zurückkommen würde. Also müsste Maik seit ungefähr zwei Wochen seinen Teil der Wohnung geräumt haben.
Die Wohnung war ein Glücksfall, den Ruth keineswegs aufgeben wollte, solange sie in München lebte: Vom gemeinsamen Flur gingen zwei kleine Wohnungen ab, die irgendwann mal zusammengelegt worden waren. Beide hatten ein Schlafzimmer, eine Wohnküche und ein kleines Tageslichtbad. Dazu gab es noch einen Balkon, der aber nur über die Wohnung von Thorunn und Jake zugänglich war. Ruth hatte ihre Hälfte inklusive Möbel vermietet.
Als sie jetzt allerdings im Flur stand und durch die offene Tür in ihre Wohnung zur Rechten schaute, waren dort nicht ihre Möbel aufgestellt, sondern – vermutlich – die von Maik. Die einst rot lackierten Küchenfronten erstrahlten in Weiß, dasselbe war mit dem Tisch aus Kiefernholz und den Stühlen passiert. Also, es waren schon noch ihre Möbel – aber eben weiß gestrichen.
»Bleib«, sagte sie zu Neruda, der sich auf den Holzboden legte, die Schnauze auf den Pfoten. Ruth betrat die Wohnküche. Ihr Sofa war weg. Das rote Sofa von IKEA, das sie schon über zehn Jahre besessen hatte, war einem merkwürdig leblosen grauen Monster gewichen, das nur leidlich bequem aussah. Auch die Obstkisten-Wohnwand hatte etwas Modernerem Platz gemacht – und einem ziemlich großen Fernseher. Unter dem Fenster der Schreibtisch war geblieben, doch ihr Stuhl war gegen einen hohen schwarzen Gaming-Sessel ausgetauscht worden.
Ruth fluchte leise. Was kam als Nächstes? Sie hatte gedacht, Maik wäre längst ausgezogen …?
Und dann der zweite Gedanke: Wo sollte sie eigentlich heute Nacht schlafen, wenn Maik weiter hier wohnte? Viel wichtiger aber: Wieso war er nicht ausgezogen?
Ein Schlüssel rasselte im Schloss der Wohnungstür. Ruth ging zurück in den Flur, weil Neruda aufsprang. Sie nahm sein Halsband und hielt ihn fest.
Die Tür ging auf. Maik streckte den Kopf herein. Als er Ruth erkannte, fiel sein Lächeln in sich zusammen. »Oh«, sagte er.
»Mehr hast du nicht zu sagen?«, fragte Ruth.
Er hielt eine Bäckertüte hoch. »Ich hab Butterbrezen geholt. Falls das hilft?«
Sie hätte ihn am liebsten mit den Butterbrezen erwürgt, konnte sich aber gerade so beherrschen. »Wieso bist du noch nicht ausgezogen?«, fragte sie betont ruhig. Brachte ja keinem was, wenn sie hier die Krauthuberin gab. »Und wann genau planst du, auszuziehen? Wo stecken Thorunn und Jake, sie wollten mich vom Flughafen abholen und sind nicht gekommen?«
»Puh. Darf ich erst mal reinkommen? Also, ohne dass dein Höllenhund mich frisst?«
»Er heißt Neruda und frisst niemanden.« Ruth machte ein wenig Platz, damit Maik in den Flur konnte. Er schob sich mit größtmöglichem Abstand an Neruda vorbei in seine – nein, Ruths! – Küche. »Bekomme ich auch Antworten?«
»Ja, bekommst du. Versprochen. Soll ich uns ’nen Kaffee kochen und Frühstück machen?«
Ruth seufzte. »Na gut«, sagte sie, obwohl sie hundemüde war. Für den Augenblick schien Kaffee das Beste, was sie kriegen konnte.
Sie ließ sich auf das Sofa plumpsen, während Maik sich in der Küche zu schaffen machte. Leider war es genauso unbequem, wie es auf den ersten Blick ausgesehen hatte. Neruda lag auf dem grauen Teppich vor dem Sofa und beobachtete Maik scharf.
»Wo sind meine Sachen?«, fragte Ruth. Maik gab ihr einen Becher Kaffee.
Er sah sich in der Wohnküche um. »Ich habe einige Sachen eingelagert. Auf meine Kosten«, fügte er hinzu, und fast hätte Ruth ihn angefaucht, dass das ja wohl das Mindeste sei.
»Und wieso bist du noch hier?«
Maik seufzte. »Warte, ich mach gerade noch das Rührei.«
Ruth nippte an dem Kaffee, der zum Glück gut schmeckte und so stark und süß war, dass sie langsam wieder munter wurde. Hach, sie war normalerweise auch gar nicht so grummelig, aber sie hatte gerade einen über dreizehnstündigen Nachtflug von Uruguay nach München hinter sich.
Maik tischte reichhaltig auf: eine Aufschnittplatte, drei Sorten Käse, Quark mit Früchten aus der Dose, Butterbrezen und Brötchen frisch vom Bäcker und Orangensaft, den er unter Höllenlärm frisch presste. Ruth wurde das Gefühl nicht los, dass er versuchte, sie durch die reichhaltige Mahlzeit zu besänftigen.
Als sie kurz darauf gemeinsam am Tisch saßen, sprang Maik sofort wieder auf. »Mag dein Hund auch was?« Ratlos schaute er in den Kühlschrank, als würde er erwarten, dass darin köstliches Fleisch oder Dosenfutter stand.
»Ich habe was für ihn dabei. Wir brauchen nur ’ne Schüssel.«
Maik reichte ihr eine bunte Schüssel, deren Rand mehrfach angeschlagen war. Ruth erkannte die Schüssel – sie hatte zu ihren Sachen gehört. »Die war vor zwei Jahren aber noch nicht so abgemackelt«, sagte sie leise.
»Nee, stimmt. Sorry.«
Ruth hielt die Schüssel in der Hand. Sie wollte noch mehr sagen. Dass ihre Sachen ihr wichtig waren. Dass sie nicht mochte, wie Maik damit umgegangen war. Doch dann seufzte sie nur und füllte Nerudas Trockenfutter aus einem Beutel in die Schüssel. Maik brachte eine zweite Schüssel mit Wasser. Dann setzte er sich an den Tisch und reichte ihr das Rührei. Neruda machte sich über das Trockenfutter her. Ihm war’s egal, ob die Schüsseln angeschlagen waren, Hauptsache, es gab was zu fressen.
Ruth merkte, dass sie auch Hunger hatte. Sie schaufelte sich eine große Portion auf den Teller, nahm eine Butterbreze und biss hinein. Maik beobachtete sie.
»Also, deine Sachen. Die sind eingelagert«, fing er an.
Ruth nickte mit vollem Mund. Frisch gestärkt fühlte sie sich auch gewappnet, ihm die unangenehmen Fragen zu stellen.
»Du bist aber nicht ausgezogen. Wie wir es vor zwei Jahren vereinbart haben, sobald ich die Untermiete kündige.«
Maik zuckte unbehaglich mit den Schultern. »Ich hab nichts gefunden. Der Münchner Mietmarkt war ja vor zwei Jahren schon eine Katastrophe, darum habe ich mich überhaupt auf diese Sache mit der Untermiete eingelassen. Ist seitdem nicht besser geworden.«
»Das ist jetzt aber nicht mein Problem«, sagte sie leise.
Doch, war es. Denn Maik war immer noch hier, mit all seinen Sachen. Außerdem war da noch die Angelegenheit mit Neruda, oder wie Frau Krauthuber sagen würde: Hausordnung Punkt acht.
»Und wo soll ich dann wohnen?«, fragte sie ratlos. »Ich meine, du haust hier immer noch? Du könntest ja vorübergehend in ein Hotel ziehen, bis du was gefunden hast.«
Er schob die Unterlippe vor und spielte mit seinem Buttermesser. »Das will ich aber nicht. Ich mag die Wohnung.«
»Es ist aber nicht deine Wohnung.«
»Streng genommen haben Thorunn und Jake sie gemietet. Sie stehen im Mietvertrag und haben an mich untervermietet, solange du auf Weltreise warst.«
Ruth begriff, was er da sagte. Scheiße, dachte sie. Plötzlich wurde ihr eiskalt. Wenn Thorunn und Jake lieber Maik als WG-Mitbewohner behalten wollten, hatte sie schlechte Karten … Aber so schnell wollte sie sich nicht geschlagen geben.
»Ich habe ihnen und dir früh genug mitgeteilt, dass ich zurückkommen werde. Wenn es also ein Problem gegeben hätte, wäre das der richtige Zeitpunkt gewesen, mir das mitzuteilen. Vor drei Monaten zum Beispiel. Meinetwegen vor drei Wochen.«
»Ich hatte ’ne echt hübsche Wohnung in Aussicht«, fiel ihr Maik ins Wort. »Ehrlich, super gelegen, nicht weit von hier, mit eigenem Balkon und so weiter … Aber da habe ich eben letzte Woche eine Absage bekommen.«
»Auch da hättest du mir das einfach mitteilen können. Wie soll das denn jetzt gehen? Ich schlafe hier auf dem Sofa, bis du was gefunden hast?«
Er wich ihrem Blick aus. »Ehrlich gesagt … nein. Ich mag keine Hunde. Und Gesellschaft schon gar nicht.«
»Aber es ist meine Wohnung! Ihr könnt mich nicht rauskicken, nur weil du nichts Neues gefunden hast!«
Maik blieb stumm. Ruth konnte das nicht glauben. Was erlaubte er sich eigentlich? Ihr verging der Appetit, und am liebsten hätte sie ihm den inzwischen lauwarmen Kaffee über den Kopf gekippt, einfach um ihren Frust irgendwo loszuwerden.
Zum Glück hörte sie in diesem Moment einen Schlüssel in der Wohnungstür. Dann zwei Stimmen. »Wir sind wieder da! Hast du Ruth abgeholt? Wir haben ihren Koffer und eine Transportkiste gefunden!« Das war Thorunn.
Ruth sprang auf. Sie stürmte in den Flur und stand ihrer Freundin gegenüber. Thorunn mit den kurzen braunen Haaren, mit dem breiten Lächeln und dem Piercing im Nasenflügel.
Ruth sah Thorunn stumm an. Sie brauchte gar nichts zu sagen; sie kannten sich so gut, Thorunn las den Vorwurf in ihrem Blick. »Du weißt es also schon«, sagte sie. »Scheiße, Ruth. Tut mir leid.«
»Was genau?«, fragte Ruth. Plötzlich war sie ganz ruhig. »Dass ich keine Bleibe habe oder dass ihr mich am Flughafen habt sitzen lassen? Oder nein, vielleicht auch, dass ihr mich bis heute früh im Unklaren gelassen habt, was hier los ist?«
Jake schob sich an Thorunn vorbei in die Wohnküche zur Linken. »Macht ihr das untereinander aus.«
»Echt jetzt?«, rief Thorunn ihm nach.
»Ich koche uns Tee!« Für Jake war Tee immer die Lösung aller Probleme. Er stammte aus Aberdeen, ihn hatte erst das Studium nach München geführt, und dann war er wegen der Liebe hiergeblieben.
»Also? Was ist hier eigentlich los?«, wollte Ruth wissen. »Da ist doch noch mehr, oder? Geht ja nicht nur darum, dass Maik nix Neues gefunden hat.« Sie sah Thorunn herausfordernd an. »Ich dachte, wir sind Freundinnen.«
»Sind wir auch.« Thorunn seufzte und holte ein Heftchen aus der Umhängetasche, aus dem sie ein schwarz-weißes, krisseliges Blatt hervorzog. »Das ist los«, sagte sie leise. »Ich vermute, du wirst ohnehin ausziehen wollen. Darum …« Sie zuckte mit den Schultern.
Ruth starrte auf das Ultraschallbild. Sie konnte gar nicht sagen, wie viele Gefühle sich gerade in ihrem Bauch zusammenbrauten. »Ein Baby. Du bist schwanger?« Sie blickte von dem Bild zu Thorunn, konnte das immer noch nicht glauben. Fühlte sich verraten.
»Es kommt im November.« Thorunn zuckte mit den Schultern. »Tut mir leid, Ruth.«
Ja, dachte Ruth, mir tut es auch leid.
Daran, wie Thorunn zusammenzuckte, merkte sie, dass sie das gerade laut gesagt hatte.
»Normalerweise sagt man wenigstens ›Glückwunsch‹ oder so«, gab sie spitz zurück.
Ruth gab ihr das Ultraschallbild wieder. »Glückwunsch«, murmelte sie. Obwohl sie weit davon entfernt war, sich für ihre Freundin zu freuen.
Denn Thorunn hatte recht – wenn sie ein Baby bekam, konnte Ruth hier nicht länger wohnen.
Es dauerte, bis sich alle beruhigt hatten. Bis Ruth es über sich brachte, Thorunn und Jake zum Nachwuchs zu gratulieren. Und sich auf Maiks Angebot einzulassen, über Nacht auf dem Sofa zu bleiben. Aber sie war zu müde, um seinen Vorschlag abzulehnen.
Sie brauchte Ruhe. Schlaf. Idealerweise ab morgen eine neue Bleibe. Und so saß sie nun auf dem Sofa, das Maik mit Bettzeug für sie hergerichtet hatte. Die Jalousie nach unten, nur ein kleines Licht brannte noch neben dem Sofa. Maik war drüben bei Thorunn und Jake, um sie nicht zu stören.
Auf ihrem Schoß lag ein Päckchen. Von Nela.
»Wenigstens du hast an mich gedacht«, murmelte Ruth. Sie seufzte, schnitt die Paketschnur mit ihrem Schweizer Taschenmesser durch und wickelte einen Kinderschuhkarton – ausgerechnet! – aus dem Packpapier. Sie klappte ihn auf. Obenauf eine Möwenpostkarte, die Möwe hatte eine Sprechblase am Schnabel. »Moin!«, rief sie. Darunter kamen ein paar Köstlichkeiten zum Vorschein: Sanddornlikör, ein Päckchen Heidesand, eine Tafel dunkle Schokolade.
Nela schrieb: Liebe Ruth, endlich leben wir wieder auf einem Kontinent, in einer Zeitzone! Na ja, du halt in Bayern, das ist immer noch Welten weg vom Meer. Aber wann immer du magst, kannst du zu uns auf die Insel kommen. Für dich haben wir immer ein Bettchen frei. XOXO, Nela
Ruth musste ganz tief durchatmen, denn Nelas Nachricht war im Moment wie eine warme Decke, in die sie sich einhüllen konnte. Seht ihr?, hätte sie Thorunn und Jake am liebsten zugerufen, Nela hat immer ein Bettchen für mich frei, bestimmt auch ein Tellerchen für Neruda und ein Gäbelchen und … ein Becherchen Sanddornlikör.
Sonst trank sie ja nie Alkohol. Aber ehrlich gesagt war heute so ein Tag, an dem sie diesen Grundsatz über Bord werfen konnte.
Nachdem Ruth sich einigermaßen beruhigt hatte, zog sie den Stopfen aus der Flasche und schnupperte an dem Sanddorngesöff. Sie wollte Maik nicht nach Gläsern fragen (Wer weiß, was sie in den Schränken fand, sie fürchtete Schlimmstes! Vermutlich besaß er nur Designergläser und hatte ihre aus Senfkristall und die alten Wassergläser mit Ernie und Bert, Krümelmonster und Grobi dem Altglas überantwortet …), darum nahm sie einen ordentlichen Schluck direkt aus der Flasche.
»Puh, sauer«, murmelte sie. Aber auch lecker. Ging ein bisschen schwer durch den Hals. Sie genehmigte sich gleich noch einen Schluck. Wie angenehm – dieser Likör brannte gar nicht in der Kehle.
Die kleine Flasche war halb leer, als sie schließlich mal das Etikett genauer studierte. »Sanddornliebe – der kleine Sanddornsirup mit viel Vitamin C«, las sie. »Genießen Sie ihn als Ergänzung zu sommerlichen Schorlen oder im Tee.«
Ruth musste lachen. Herrje, hatte sie wirklich gerade versucht, sich mit einem ultragesunden Saft abzuschießen?
»Da will ich schon mal trinken, klappt das auch nicht richtig«, murmelte sie. Und schon ging es ihr ein bisschen besser. Solange sie noch über sich selbst lachen konnte, war es nicht so schlimm, oder?
Sie griff zum Telefon und wählte Nelas Nummer. Nach dem zweiten Klingeln wurde sie weggedrückt. Huch?
Als sie es das zweite Mal versuchte, meldete Nela sich nach dem fünften Klingeln mit einem geflüsterten »Ja?«
»Du glaubst nicht, was mir gerade passiert ist. Also, du wirst auch nicht glauben, was mir heute den ganzen Tag schon passiert ist, aber vorhin hab ich dein Päckchen aufgemacht – danke dafür, wenigstens von dir fühle ich mich willkommen geheißen – und dachte, geil, Sanddornlikör, Nela ist die Beste, die hat gewusst, dass ich den brauche, obwohl ich nie Alkohol trinke. Hab ernsthaft versucht, mich damit zu betrinken, damit ich endlich schlafen kann. Bin todmüde, ernsthaft.« Sie machte eine kurze Pause. »Nela, alles okay?«
»Ja, ja, alles okay.« Nela flüsterte immer noch so komisch. »Ich lieg nur gerade bei Jonte, und er ist eben erst eingesch…« Ein schrilles Brüllen schnitt ihr das Wort ab. Nela seufzte. Ruth seufzte ebenfalls und hielt das Handy weit weg von ihrem Ohr. Jonte, ach ja. Das hatte sie fast vergessen.
Oder nein, sie hatte es wohl lieber verdrängt, dass ihre längste, beste und allertollste Freundin Nela Westhues vor zwei Jahren, kaum dass Ruth ihr und München den Rücken zugekehrt hatte, um durch die Welt zu reisen, nach einem Zusammenbruch zu ihrer Familie nach Norderney geflohen war. Dort hatte die gelernte Hebamme sich nicht nur Hals über Kopf in einen gewissen Simon verliebt, der auf sämtlichen Fotos irgendwie steif wirkte mit seinem hellen Hemd und der Weste zur Stoffhose, nein, sie hatte sich auch einen lang gehegten Traum erfüllt und ein Geburtshaus eröffnet. Letztes Jahr im September war ihr Glück dann durch die Geburt von Jonte komplettiert worden.
Dieser machte seinem Unmut über die späte Ruhestörung gerade lautstark Luft.
»Soll ich später noch mal anrufen?«, fragte Ruth.
»Ach, ich muss eh ein wenig mit ihm rumlaufen. Warte, ich pack ihn in die Trage und geh danach mit ihm raus.« Ruth hörte, wie Nela das Handy beiseitelegte, dann sprach sie mit dem Baby.
»Alles gut, mein Schatz. Ich weiß, du bist müde. Ja, komm her. In der Trage kannst du bestimmt bald schlafen, hm?« Ruth musste an sich halten, dass sie nicht die Augen verdrehte bei diesem süßlichen Gesäusel. Und dann dachte sie, ist doch egal, Nela sieht’s ja nicht. Sie schloss die Augen und legte den Arm auf die Stirn. Neruda jibbelte, weil er mit aufs Sofa wollte. Dem steckte die Reise auch noch in den Knochen.
»Da bin ich wieder.«
Das Baby brabbelte zufrieden.
»Wir gehen raus ans Meer, da schläft er immer ein.« Nela lief eine Treppe runter, sie rief etwas, eine Männerstimme antwortete. Dann Nelas Schritte auf Asphalt. »Soso, mit Sanddornsirup wolltest du dich betrinken. Als würde ich dir Alkohol schicken. Was um alles in der Welt war denn so schlimm, dass das nötig wurde?«
»Alles«, jammerte Ruth. Und dann erzählte sie. Von ihrer Ankunft. Davon, dass niemand sie abholte, dass sie keine Wohnung mehr hatte und sich morgen was Neues suchen musste. »Und jetzt ist auch noch Thorunn schwanger, ich kann gar nicht hierbleiben, weil in einem halben Jahr so ein kleiner Glatzkopf alle terrorisiert. Ich glaube ja, Maik hat das noch nicht zu Ende gedacht, aber ich werde hier nicht länger als unbedingt nötig bleiben.«
Nela hörte zu. Sie machte zwischendurch beruhigende Geräusche, summte gelegentlich, machte die Laute ihres quakenden Babys nach – und wurde immer stiller.
»Bist du noch da?«, fragte Ruth irgendwann.
»Ja«, sagte Nela leise. »Ich bin grad bis zur Weißen Düne gelaufen, während du geredet hast. Und jetzt lausche ich dem Meer. Und dir.« Sie hörte Nela durchatmen. »Du klingst ziemlich erschöpft, Liebes.«
»Das bin ich auch.«
»Und ein bisschen verbittert.« Nela war noch nicht fertig. »Ich versteh dich. Du hast dich auf dein Zuhause gefreut. Du warst zwei Jahre unterwegs, kommst heim, und alles hat sich verändert, niemand hat sich offensichtlich auf dich gefreut. Nicht mal Kuchen hat jemand für dich gebacken.« Beide lachten. »Weiß doch, wie gern du Kuchen magst … Bitte, Liebes … nimm es dir nicht so sehr zu Herzen. Du hast dich weiterentwickelt. Und wir alle, deine Freundinnen … wir eben auch.«
Ruth stellte sich vor, wie Nela das bemützte Köpfchen ihres Babys küsste. Und sie verstand. »Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss …« Ihre Stimme klang rau. »Meinst du das?«
»So ungefähr. Weißt du noch, damals vor zwei Jahren? Du warst gerade abgereist, und ich stürzte in die tiefste Krise meines bisherigen Lebens. Mein Fluss hatte einige Stromschnellen.« Natürlich erinnerte Ruth sich. »Und ich dachte echt, das kann’s nicht gewesen sein. Dass mich das Leben so ausspuckt, nach der Sache mit meinem Ex und meinem Zusammenbruch … Ich dachte, ich komme nie mehr auf die Beine.«
»Dann hast du Simon kennengelernt.«
»Nee. Das hatte nichts mit Simon zu tun. Also, doch schon insofern, da er an mich in dem Moment geglaubt hat, in dem ich es nicht konnte. Und weißt du was? Jetzt bin ich diejenige, die mal an dich glaubt. Mein Angebot steht. Wenn du herkommen und durchschnaufen willst, bist du uns von Herzen willkommen.«
»Ich komme aber nicht allein.« Ruth kraulte Nerudas Ohren. Ihr Hund war auf ihren Beinen eingeschlafen, und vermutlich würden ihre Beine bald folgen, weshalb sie morgen früh beim Aufstehen sofort hinknallen und sich beide Kniescheiben auskugeln würde. Hätt sich was mit Norderney.
»Das macht nichts. Omama mag Hunde, ihr müsstet sowieso bei ihr im Gästezimmer übernachten.«
Wenigstens sagte sie nicht als Erstes, dass Ruth aber aufpassen müsse, damit Neruda nicht das Baby abschlabbere. Ruth atmete tief durch. Sie dachte nach.
»Norderney also?«, fragte sie.
»Sieh’s mal so. Entweder das oder ihr schlaft über kurz oder lang unter einer Isarbrücke.«
Wie recht sie hatte. Ruth gab nach. »Morgen oder übermorgen. Okay? Ich meld mich.« Sie musste sich das erst in Ruhe durch den Kopf gehen lassen.
Nela legte auf. Sie blickte aufs Wasser, das still ans Ufer glitt. Ihr wurde ganz friedlich ums Herz, sie konnte all das abschütteln, was sie den Tag über genervt hatte.
Jonte war in der Trage eingeschlafen. Sie streifte die hellen Segeltuchschuhe von den Füßen und ging zum Wasser. Es umspülte kühl ihre Füße, es flüsterte und lockte. Sie lächelte. Hier zu sein, das brachte sie nach dem stressigsten Tag wieder zu sich.
Und was war das für ein Tag gewesen! Fast konnte Nela jetzt darüber lachen, denn sie war kurz nach Mitternacht von ihrem Handy geweckt worden – eine Geburt stand an, und die werdende Mama hatte sie quasi im Stundentakt darüber informiert, wie es ihr ging, in welchem Abstand die Wehen kamen … Das war okay, die Fruchtblase war geplatzt; trotzdem hatte Nela in der Nacht keine Ruhe gefunden. Kurz nach fünf traf sie sich mit den Eltern im Geburtshaus, das in einem anderen Teil ihres Wohnhauses untergebracht war. Während Alissa Wehen veratmete und Torben ihr mitfühlend den Rücken massierte, hatte Nela ihre Kollegin Greta informiert. Keine Minute zu früh, denn kaum war Greta da, ging die Geburt bereits in die heiße Phase über, und schon eine knappe Stunde später wurde der kleine Eric geboren. Nela musste danach schnell rüber in ihre eigene Wohnung, denn dort war Jonte gar nicht damit einverstanden, dass seine Mama beim Aufwachen nicht da war und ihm nur ein Fläschchen abgepumpte Milch und den Papa dagelassen hatte. Beides war ja wohl unverantwortlich, wenn man Zähne bekam, fand der Kleine. Nela stillte ihn, stürzte einen Kaffee runter, den Simon ihr gekocht hatte, und musste dann auch schon wieder los, denn ab acht Uhr hatte sie einige Vorsorgetermine angesetzt. Bis mittags hatte sie viel zu tun, und das meiste bewältigte sie mit Jonte auf dem Schoß, während Simon in die Apotheke am Kurpark radelte und dort in seinem Büro arbeitete und Kunden bediente. Manchmal beneidete sie ihn um seinen Job, denn dass er ein Baby auf dem Arm trug, während er Medikamente ausgab, war für ihn undenkbar.
Mittags wollte Jonte nicht schlafen, dabei hätte Nela sich so gern etwas ausgeruht. Nachmittags erledigte sie allerlei Dinge im Geburtshaus – Wäsche waschen, Papierkram fiel ja auch immer an, und als sie damit fertig war und in die Wohnung zurückkehrte, traf sie fast der Schlag, denn Simon hatte offenbar heute früh gar nicht aufgeräumt, bevor er aus dem Haus ging. Außerdem klopfte Omama bei ihr und fragte, wann sie denn mal wieder gemeinsam einen Rummarmorkuchen backen könnten, der letzte sei schon drei Tage her, und sie könnte schon wieder so ein paar Stückchen vertragen. Zum Glück retteten Tini und ihre Freundin Sabine, die auch im Haus wohnten, Nela vor einem kleinen Zusammenbruch, denn sie holten den jüngsten und die älteste Westhues für ein, zwei Stündchen zu sich rüber, damit Nela etwas Schlaf nachholen konnte. Nicht zum ersten Mal dachte Nela, dass sie ohne ihre Schwester ganz schön aufgeschmissen wäre.
Nach einer Stunde wachte sie wieder auf, weil Simon unten in der Küche lärmte. Als sie runterkam, stand er vor dem offenen Kühlschrank und machte seinem Unmut Luft, weil noch niemand das Abendessen vorbereitete.
»Du hast zwei gesunde Hände und bist nicht auf den Kopf gefallen, oder?«, fragte Nela ihn spitz. Er musterte sie verwirrt, als könnte er nicht glauben, dass sie gerade wirklich meinte, er solle das Abendessen zubereiten.
»Ich habe den ganzen Tag gearbeitet!«
»Ich auch«, erwiderte Nela nur. Sie schob sich an ihm vorbei, holte ein paar Paprika aus dem Kühlschrank und begann, mit Quinoa gefüllte Paprika und einen Salat vorzubereiten. Simon setzte sich an den Küchentisch und las irgendwas auf seinem Tablet, während sie in den Kochpausen noch eine Maschine Wäsche anschmiss und im Wohnzimmer aufräumte, das aussah, als wäre eine kleine Bombe eingeschlagen, die gerade eifrig krabbeln übte und auf den Namen Jonte hörte.
Als sie in die Küche zurückkam, war der Tisch noch nicht gedeckt, und Simon war in seinem Arbeitszimmer verschwunden. Nela seufzte. Die Paprika brauchten noch zehn Minuten. Sie schnippelte etwas Gurke und Banane für Jonte, der noch kein großer Freund von fester Nahrung war frei nach dem Motto »food under one is just for fun«, und ging rüber zu Tini und Sabine, um Jonte zu holen.
Der war inzwischen von der Bespaßung dreier begeisterter Frauen, die froh waren, ihn nach ein paar Stunden wieder abgeben zu können, auf dem Teppich eingeschlafen. Durch die kleine Erdgeschosswohnung zog der köstliche Duft von Rummarmorkuchen, und Omama saß mit einer Tasse Tee am Küchentisch und wirkte ganz zufrieden mit sich.
Nela wusste also, dass sie heute Abend noch ziemlich lange mit Jonte beschäftigt sein würde. Aber sie machte niemandem einen Vorwurf, weil der Kleine so spät noch ein Nickerchen gemacht hatte. Brachte ja nix. Sie nahm ihn mit, es gab Abendessen, und während sie danach mit Jonte spielte, räumte Simon die Küche auf.
Und kaum hatte Jonte endlich mühsam in den Schlaf gefunden, brummte ihr Handy. Beim ersten Mal hatte sie die Anruferin noch weggedrückt, aber weil Nela Ruth nicht ein zweites Mal abwürgen wollte, war sie dann rangegangen. Prompt wachte Jonte auf. Nela stand trotz ihrer Müdigkeit noch mal auf. Beim Spaziergang hatte sie ein bisschen ihren Frust von der Seele laufen können, und sie hatte Ruth zugehört, deren Tag auch eher direkt aus der Hölle kam.
Und nun lauschte sie mit ruhigem Herzen dem leisen Rauschen der Wellen. Eine Möwe stieg über ihr auf, legte sich auf den Wind und stand fast in der Luft. Nela sah ein paar letzte Spaziergänger, die sich mit Einbrechen der Dunkelheit rasch zerstreuten.
Sie war allein. Und doch wieder nicht, denn vor ihrer Brust schlief ihr kleiner Sohn. Manchmal wollte ihr Herz schier zerspringen vor Glück, weil sie ihn hatte. Weil sie nie damit gerechnet hatte, dass ihr Leben noch mal so viel für sie bereithalten würde.
»Trotzdem«, murmelte sie, »Simon könnte sich auch mal ungefragt um die Wäsche kümmern.«
Und dann musste sie über sich selbst lachen. Weil sie Selbstgespräche führte, weil sie lieber im Meer stand, als zu Hause auf dem Sofa zu sitzen und sich von Simon die Füße massieren zu lassen.
Sie machte sich auf den Heimweg. Der Spaziergang hatte ihr gutgetan, aber müde war sie jetzt erst recht.
»Wo warst du denn so lange?«
Simon wartete schon auf sie. Er saß im Wohnzimmer in seinem Sessel am Fenster und las ein Buch. Als Nela mit Jonte in der Trage eintrat, ließ er das Buch sinken.
Sie wusste nicht, wie sie ihre ganzen Gedanken und Vorwürfe – denn so würde er’s auffassen, oder? – in nette Worte verpacken könnte. Darum legte sie den Finger auf die Lippen. »Ich versuche mal, ihn hinzulegen.«
»Okay«, flüsterte Simon. Er stand auf, und sie hörte ihn in der Küche rumoren, während sie nach oben ging und Jonte ganz behutsam aus der Trage hob und ihn ins Elternbett im Schlafzimmer legte. Das Fenster war auf Kipp, und sie schloss es, denn auch wenn sie in einem ruhigeren Teil von Norderney wohnten, kam es gelegentlich vor, dass ein paar Inselgäste laut palaverten, während sie vom Restaurant zurück in ihre Ferienwohnung gingen. Das störte Nela nicht, aber es störte manchmal Jontes Schlaf.
Am liebsten hätte sie sich einfach dazugelegt. Aber Simon wartete auf sie.
Als sie nach unten kam, saß er wieder auf seinem Sessel, und für sie standen auf dem Tischchen vor dem Sofa eine kleine Schale Chips und ein Glas Cola. Seufzend ließ Nela sich auf das Sofa sinken. Sie fröstelte und zog eine helle Wolldecke mit Fransen über ihre nackten Beine und Füße.
»Langer Tag?«
»Oh ja.« Sie machte sich über die Chips her. Chips und Cola, das war nun wirklich keine gesunde Ernährung, aber sie hatte keine Energie, darüber nachzudenken, und sie brauchte noch ein wenig Energie, weil sie ahnte, dass Simon in Plauderlaune war. Das war er abends nämlich immer.
»Warst du am Meer?«
»Jonte ist aufgewacht, als Ruth anrief, und dann sind wir eben noch mal raus.«
»Ach so.«
Er klappte das Buch zu. Nela merkte, wie er sie belustigt beobachtete. »Was ist?«, mümmelte sie zwischen zwei Chips. Mhmm, Paprika. Ihre Lieblingssorte.
»Du siehst müde aus.«
Sie warf ihm einen Blick zu, den Simon ohne Probleme als »no shit, Sherlock?!« übersetzen konnte. »Und das amüsiert dich? Gibt so Tage.«
»Ja, aber morgen wird’s bestimmt besser.«
Nela hatte wenig Lust, mit Simon zu plaudern. Sie machte sich um Ruth Sorgen und überlegte, wie sie Omama, die ja mit dem Alter langsam tüdelig wurde, schonend beibringen konnte, dass sie demnächst eine Mitbewohnerin mit Hund bekam. Der Hund wäre vermutlich das kleinere Problem, da Omama Hunde mochte. Die tranken ihr jedenfalls nicht den Rumvorrat weg. Dass Ruth nicht trank, würde Omama vermutlich erst mal nicht glauben.
»Dann sollte ich wohl bald ins Bett, hm?«, fragte Nela. Sie war müde, stimmte schon. Zugleich hätte sie aber gern mal wieder eine Serie geguckt oder einfach mit Simon gequatscht, der den Finger immer noch im Buch stecken hatte. Als wüsste er, dass er gleich weiterlesen durfte.
»Wie du willst. Ich schick dich nicht.«
Es hatte in der Vergangenheit ein paar nicht so schöne Situationen gegeben, als er Nela ins Bett geschickt hatte und sie empört behauptete, sie sei nicht müde, nur um fünf Minuten später auf dem Sofa einzuschlafen.
»Ich sollte aber. Hab morgen viel vor. Ach so, und Ruth kommt vielleicht zu Besuch. Für länger.« Sie erzählte ihm von Ruths Notlage.
»Ist ja fast wie bei dir damals.«
»Was, dass München sie ausspuckt und sie dann hier erst mal zur Ruhe kommt? Nun ja … Platz haben wir nicht unbegrenzt, aber sie ist meine beste Freundin. Oder war sie, bevor sie auf Weltreise ging. Seitdem ist ja ein bisschen was passiert.«
Simon wiegte den Kopf. »Meinst du, das ist so klug, sie einzuladen? Vielleicht versteht ihr euch gar nicht mehr.«
Nela stellte das Chipsschälchen auf den Couchtisch. Wieso waren die immer so schnell leer? Sie nahm einen letzten Schluck Cola.
»Noch eine?«, fragte Simon, bevor sie auf seine letzte Frage antworten konnte.
»Ja. Und ja.«
Er holte ihr Nachschub, während sie über seine Frage nachdachte.
Kannte sie Ruth noch? Zwei Jahre konnten vieles verändern. Sie musste ja nur anschauen, was aus ihr geworden war. Vor zwei Jahren hatte sie in einem Schwesternwohnheimzimmer gehockt, hatte Sonderschichten als Klinikhebamme geschoben und ihrem Ex hinterhergeweint. Als sie nach einem Zusammenbruch nach Norderney kam, lernte sie Simon kennen und lieben, sie träumte erfolgreich den Traum von einem Geburtshaus auf der Insel, verabschiedete sich von ihren Eltern, die es im Alter aufs Festland zog, und übernahm mit ihrer Schwester Tini, mit der sie vorher nie viel verbunden hatte, die volle Verantwortung für Omama, die langsam, aber sicher in ihrer Demenz verschwand, doch immer wieder so helle, lichte Momente hatte, dass keine es übers Herz brachte, noch mal vorzuschlagen, sie könnte in ein Heim ziehen. Solange in Omamas Wohnung der Herd abgeklemmt war und ein paar andere Vorkehrungen getroffen wurden, ging es allen gut. Nela hatte ein Baby, ein erfolgreiches Unternehmen, war mit Simon glücklich – nichts davon hätte sie sich vor zwei Jahren auch nur im Traum ausmalen können. Doch hier war sie. Und ja, vermutlich würde Ruth sie nicht wiedererkennen, und das nicht nur, weil Nela seit ein paar Monaten die Haare nur noch kinnlang trug, da der hormonbedingte Haarausfall nach der Schwangerschaft sie so genervt hatte.
»Weißt du, sie war damals vor drei Jahren die Einzige, die zu mir gehalten hat. Während mein Ex sich lieber zur Next verzogen hat und alle, die wir zur Hochzeit eingeladen hatten, so ein lauwarmes ›Ach schade!‹ schickten, war sie zur Stelle und hat mir geholfen, aus der Wohnung auszuziehen. Nächtelang waren wir zusammen, und sie hat sogar die geplante Weltreise um ein paar Monate verschoben. Damals brauchte ich sie. Und jetzt braucht sie eben einen Ort, wo sie sein kann, und den habe ich hier. Wäre ziemlich gemein, wenn ich da nicht wenigstens anbiete, dass sie zu uns kommt. Ob sie es macht, ist eine andere Frage, Norderney ist ja nicht so um die Ecke wie der Starnberger See.«
»Okay. Musst du wissen. Ich will nur nicht, dass du dich noch mehr überforderst.« Simon legte das Buch beiseite und stand auf. »Ich geh ins Bett.«
Nela nickte. Sie merkte trotz der Cola, wie müde sie auch war. »Ich komme mit.«
Bevor sie Mutter wurde, hatten ihr die Nächte mit Geburten nichts ausgemacht. Aber damals hatte sie sich auch nicht die Nächte mit dem eigenen Baby um die Ohren geschlagen. Das erste halbe Jahr nach der Geburt hatte sie ganz bewusst ausgesetzt. Seit sie wieder dabei war, merkte sie, dass sie ständig von einer Überforderung in die nächste stolperte.
Vielleicht hatte Simon recht, und sie mutete sich zu viel zu. Aber was sollte sie denn machen? Weder das Geburtshaus noch das Baby konnte sie jetzt einfach von sich schieben, oder?
Zwei Tage lang blieb Ruth noch in München und schlief bei Maik auf dem Sofa. Zwei Tage, die sie zum Wäschewaschen nutzte, die vertraglichen Details mit Thorunn und Jake regelte, mit den beiden auf ihrem Balkon abends grillte und ihre Reise nach Norderney plante. Am dritten Tag stand sie mitten in der Nacht auf, bestellte sich ein Taxi und fuhr zum Bahnhof. Neruda immer an ihrer Seite, so bestieg sie den Zug, der sie bis zum Morgen nach Hannover brachte, wo sie in einen Regionalexpress umstieg, der direkt bis an den Fähranleger von Norddeich fuhr. Diesmal hatte sie nur ihren Trekkingrucksack und eine große Tasche gepackt. Neruda lag die ganze Reise brav zu ihren Füßen, und als sie in Norddeich aus dem Zug stieg, hätte sie zwar die nächste Fähre erreichen können, aber sie entschied sich stattdessen dafür, ihr Gepäck in einem Schließfach zu verwahren und mit Neruda erst mal eine große Runde spazieren zu gehen.
Norddeich gefiel ihr schon mal. So viel Landschaft! Zwischen dem Strand für Badegäste und dem Fährhafen gab es direkt am Meer eine große Hundewiese, auf der Neruda herumtoben und neue Freundschaften schließen konnte. Die kühle Brise schmeckte nach Meer, so ein bisschen muffelig wie vermoderte Erde. Ganz anders als die würzige Bergluft Bayerns, mit der Ruth aufgewachsen war.
Sie war noch nie so weit nördlich in Deutschland gewesen, fiel ihr auf. Sie hatte die ganze Welt bereist, doch war sie nie über das Ruhrgebiet hinausgekommen. Schade eigentlich, denn das hier war ein hübsches Fleckchen Erde.
Am Nachmittag bestiegen sie die Fähre. Eine Servicekraft ging rum, und Ruth bestellte bei ihr einen Kaffee. Inzwischen machte sich die Müdigkeit doch bei ihr bemerkbar. Erst der Jetlag, dann zwei miese Nächte auf dem schmalen Sofa in Maiks Wohnküche und dann eine Nacht im ICE, ständig aufgeschreckt von Durchsagen. Hoffentlich hatte Nela ein gutes Bett auf der Insel.
Sie zog ihr Handy aus der Hosentasche und schrieb Nela eine Nachricht. Komme ich vom Hafen zu Fuß zu euch oder soll ich lieber den Bus nehmen?
Nela antwortete prompt: Wann kommst du an? Ich kann mit dem Lastenfahrrad kommen, zumindest für dein Gepäck …
Ruth lächelte müde. Am liebsten wäre ihr ein Lastenrad gewesen, auf dem sie liegen konnte, während Neruda nebenherlief und Nela sich abstrampelte. Puh, sie war wirklich müde, dass sie solche Gedanken hatte.
Dann nehme ich ein Taxi. Sitze schon auf der Fähre.
Sie steckte das Handy weg und genoss den Kaffee, der leider nicht stark genug war, um ihre Lebensgeister vollständig zu wecken. Sie wühlte in ihrem Rucksack und fand einen Schokoriegel, der offenbar schon einige Kilometer mit ihr gereist und etwas aus der Form geraten war. Er schmeckte trotzdem ganz hervorragend, und Ruth verträumte ein wenig die letzte Etappe ihrer Reise.
Am Norderneyer Fährhafen erwischte sie ein Großraumtaxi, das sie die letzten zwei Kilometer bis direkt vor Nelas Haus brachte. Die Taxifahrerin war total nett und zwang Ruth kein Gespräch auf; sie merkte wohl, wie müde ihre Fahrgästin war. Und Ruth, die sonst gern das Gespräch mit anderen Menschen suchte, weil Menschen immer viel zu erzählen hatten, war zum ersten Mal seit Langem froh, dass sie nicht reden musste.
Das weiß gestrichene Haus im klassizistischen Stil, das sich hinter einem kleinen Vorgarten erhob, hatte drei Geschosse und neben der Haustür eine alte Kastanie. Ruth blickte an der Fassade hoch. Große Fenster, die offen standen und die kühle Luft einließen. Sie hörte die helle Stimme einer Frau, die gerade eine Yogasequenz ansagte, zu der sich ein paar andere Frauen mit Kugelbäuchen mehr oder weniger elegant bewegten, wie Ruth durch eines der offenen Fenster beobachten konnte.
Ihre Schritte verlangsamten sich. Ach ja, das hatte sie irgendwie verdrängt. Dass Nela in diesem Haus nicht nur wohnte, sondern auch ihr Geburtshaus Storchennest betrieb.
Und dann fiel ihr ein, dass Nela darüber hinaus ein Baby hatte. Wie hatte sie das vergessen können? Jonte war doch bei Nela gewesen, als sie telefoniert hatten. Aber danach kommunizierten sie nur über Nachrichten, und da hatte Nela kein Wort mehr über das Baby verloren.
Fast hätte sie auf dem Absatz wieder umgedreht. Aber Neruda blickte zu ihr hoch, als wollte er fragen: Was denn, vor Babys hast du Angst? Wieso das? Die sind doch niedlich!
»Du findest sie nicht mehr niedlich, wenn sie sich an deinem Fell hochziehen, Kumpel«, murmelte Ruth. Sie stieg die Stufen zum Eingang hinauf und klingelte bei N. Westhues/S. Rodenbrock.
Ach ja, einen Mann gab es auch in Nelas Leben, den sie noch nicht kannte. Nun gut. Hoffentlich lohnte das Gästezimmer den Aufwand. Ruth seufzte. Wenn sie müde war, zog sie alles in Zweifel, und offensichtlich war sie gerade sehr müde.
»Hey!« Nela riss die Tür auf. Barfuß, mit einem langen, bunt gebatikten Rock, einem rosa Shirt, das ihr von der einen Schulter rutschte, und einem Baby auf der anderen Hüfte stand sie vor Ruth. Einen Moment lang starrte Ruth ihre Freundin an. »Wie schön, dass du da bist.« Nela trat vor und legte Ruth behutsam den freien Arm um die Schultern. Sie drückte Ruth an sich und löste sich dann wieder von ihr. »Und das ist also Neruda«, sagte sie. Ihr Blick war so offen, freundlich und gelöst, dass Ruth völlig aus dem Konzept geriet. Sie wusste selbst nicht so genau, was sie erwartet hatte. Aber wohl nicht, dass Nela so fertig aussah und zugleich so … strahlte.
»Hi, Nela.« Ruth umfasste Nerudas Leine fester, als wäre sie das Einzige, was sie davor bewahrte, den Halt zu verlieren. »Das ist Neruda, genau.«
Sie kraulte den Kopf ihres Hundes. Nela lächelte immer noch, als wäre der Gesichtsausdruck bei ihr festgetackert. Sie schien auf etwas zu warten, und als Ruth nicht wie erhofft reagierte, meinte sie: »Das ist übrigens Jonte, hast du dir sicher schon gedacht.«
»Äh, ja. Hallo, Jonte.«
Das Baby gluckste und strampelte auf Nelas Arm, hickste, und ein kleiner Schwall gelbliche Milch schwappte auf Nelas T-Shirt. »Ach herrje, du wilde Fressraupe. Warst du wieder zu gierig? Moment.«
Nela drehte sich um. Auf der kleinen Kommode hinter ihr lag ein Stapel Mulltücher, von denen sie das oberste nahm, Jonte den Mund abwischte und sich selbst notdürftig von der säuerlich riechenden Milch säuberte. Dabei hörte sie nicht auf zu lächeln und in einem absurd gurrenden Tonfall ihr Tun zu kommentieren. Nelas Lächeln wirkte gänzlich entrückt. Wie konnte sie so happy sein, während sie sich Babykotze vom Shirt wischte?
»Komm doch rein.«
Ruth wollte umdrehen und wegrennen. Aber die Müdigkeit siegte, und sie betrat das Haus. »Du siehst glücklich aus«, krächzte sie. »Hallo.«
Nelas Lächeln wurde ganz weich. »Das bin ich auch.« Sie gab sich einen Ruck. »Ich wollte gerade Jonte wickeln, aber Neruda und du könnt es euch erst mal gemütlich machen.« Sie ging voran und zeigte Ruth das Wohnzimmer mit Essbereich und die angrenzende Küche. »Da vorn ist das Bad. Brauchst du was? Kaffee? Ich mach dir gleich welchen. Wir haben für Omama Alma Kuchen gebacken, ich hab dir ein dickes Stück gesichert.« Barfuß lief Nela die Treppe hoch. Jonte blickte über die Schulter seiner Mama und zeigte auf Neruda. »Gaga!«, rief er.
Was auch immer das heißen sollte.
Ruth setzte sich in der Küche auf einen der Stühle. »Platz«, flüsterte sie Neruda zu, und der legte sich zufrieden neben ihren Stuhl. Es dauerte ein paar Minuten, bis Nela zurückkam. Sie setzte das Baby in einen Hochstuhl, drückte ihm ein Püppchen in die Hand und machte sich an der Siebträgermaschine zu schaffen, die auf der Anrichte stand. Ruth konzentrierte sich ganz auf Nela. Das Baby irritierte sie, wie es da pausbäckig und selbstzufrieden im Hochstuhl saß, das Püppchen einspeichelte und sie mit den zwei Zähnchen oben und unten angrinste.
