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Große Träume und eine große Liebe auf Norderney: »Die Inselhebamme« ist ein wunderschöner Wohlfühl-Liebesroman mit viel Insel-Feeling um eine junge Hebamme auf der Suche nach dem Glück und sich selbst. Für Nela Westhues ist ihr Beruf als Hebamme der schönste auf der Welt, doch der wachsende Zeitdruck in dem großen Klinikum, in dem sie arbeitet, macht ihr sehr zu schaffen – ebenso wie die Trennung von ihrem Verlobten kurz vor der Hochzeit. Auf ihrer Heimat-Insel Norderney will Nela neue Kraft tanken, und tatsächlich bringen sie nicht nur die Spaziergänge im Watt schnell auf andere Gedanken: Da ist ihre alte Oma, die nicht mehr so gut allein zurecht kommt, ihr Jugendfreund Thore, der mehr als nur Erinnerungen weckt, und der etwas steife aber auch unglaublich süße Simon. Und da ist Nelas Traum von einem Geburtshaus auf der Insel. Wird die engagierte Hebamme den Mut finden, ihrem Herzen zu folgen? Sommer, Sonne und die große Liebe auf Norderney: Emma Jacobsens Liebesroman um die Hebamme Nela Westhues ist Urlaub pur für die Seele. Unter ihrem Pseudonym »Julie Peters« hat die Bestseller-Autorin u. a. die Wohlfühlromane über »Friekes Buchladen« veröffentlicht.
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Seitenzahl: 450
Veröffentlichungsjahr: 2021
Emma Jacobsen
Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Große Träume und eine große Liebe auf Norderney:
»Die Inselhebamme« ist ein wunderschöner Wohlfühl-Liebesroman mit viel Insel-Feeling um eine junge Hebamme auf der Suche nach dem Glück und sich selbst.
Für Nela Westhues ist ihr Beruf als Hebamme der schönste auf der Welt, doch der wachsende Zeitdruck in dem großen Klinikum, in dem sie arbeitet, macht ihr sehr zu schaffen – ebenso wie die Trennung von ihrem Verlobten kurz vor der Hochzeit.
Auf ihrer Heimat-Insel Norderney will Nela neue Kraft tanken, und tatsächlich bringen sie nicht nur die Spaziergänge im Watt schnell auf andere Gedanken: Da ist ihre alte Oma, die nicht mehr so gut allein zurecht kommt, ihr Jugendfreund Thore, der mehr als nur Erinnerungen weckt, und der etwas steife aber auch unglaublich süße Simon. Und da ist Nelas Traum von einem Geburtshaus auf der Insel. Wird die engagierte Hebamme den Mut finden, ihrem Herzen zu folgen?
Sommer, Sonne und die große Liebe auf Norderney: Emma Jacobsens Liebesroman um die Hebamme Nela Westhues ist Urlaub pur für die Seele.
Unter ihrem Pseudonym »Julie Peters« hat die Bestseller-Autorin u. a. die Wohlfühlromane über »Friekes Buchladen« veröffentlicht.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Epilog
Danksagung
Die Stille in der Nacht liebte Nela Westhues ganz besonders, doch war sie es nicht gewohnt, mit dieser Stille allein zu sein. Sie starrte auf das blanke Asphaltband, das sich in der tiefen Dunkelheit der Nacht vor den Scheinwerfern ihres roten Corsa erstreckte. Kurz nach drei, da waren kaum Autos unterwegs auf der A31 Richtung Emden. Die Autobahn war sowieso schon wenig befahren, wer wollte mitten in der Nacht nach Ostfriesland? Die Urlauber kamen in den Sommermonaten meist samstags, wenn Bettenwechsel war.
Aber Nela war keine Urlauberin. Oder doch? Die letzten sechs Stunden im Auto hatten ihr viel Zeit gelassen, darüber nachzudenken. Und auch bei den beiden Kaffee- und Pinkelpausen, die sie unterwegs eingelegt hatte, saß sie still vor dem dampfenden Becher. Das Handy ließ sie in der Hosentasche, es hätte ihr ohnehin keine Antwort geliefert. Wie denn auch? Diese ganze Situation fühlte sich so existenziell an, und in Gedanken sah sie ohnehin alles glasklar vor sich.
Die vorangegangene Nacht zum Beispiel. Als sie Nachtdienst gehabt hatte, bei dem sie selbst an ihre Grenzen gestoßen war – und nicht nur die Frauen, die sie bei den Geburten betreute. Nach dieser Nacht und dem anschließenden Tag hatte Nela das Gefühl, als könnte sie ihren Beruf nie wieder so ausüben wie bisher.
Dabei liebte sie es, Hebamme zu sein. Aber nicht so. Nicht, wenn der Stress sie allmählich kaputtmachte. Oder hatte ihre Kollegin Sandra recht? Machte sie sich selbst kaputt?
Sie schaltete das Radio ein, aber das seichte Popgedudel ging ihr schnell auf die Nerven, und so schaltete sie wieder aus. Die Stille war es, die ihre Gedanken anzog, und auch wenn einige davon überraschend schmerzhaft waren, ließ sie sich davon tragen.
Manchmal musste man das zulassen. Sich der Einsamkeit stellen, den Fragen lauschen, die dabei aufstiegen. Eine lange, nächtliche Autofahrt war in der Hinsicht nicht das Schlechteste. Allein mit der kritischen Stimme im Kopf. Mit den Erinnerungen, mit Fetzen nur, dann wieder ganzen Sequenzen. Die letzten dreißig Stunden hatten sich ihr eingebrannt, dabei war doch nichts Schlimmes passiert. Niemand war zu Schaden gekommen, oder?
Trotzdem. Nachts allein mit den Gedanken – da sah manches finster aus, das man bei Tageslicht und ausgeschlafen nicht so empfunden hätte.
Die Stille war das Beste an ihren Nachtschichten.
Jene allzu seltenen Momente, wenn sie zwischen den drei Kreißsälen stand und nicht wusste, was die nächsten Stunden bringen mochten.
Sie hatte gerade für die Nachtschicht von ihrer Kollegin übernommen, gemeinsam mit zwei anderen Hebammen. Den Gang hinunter gab es drei weitere Kreißsäle. Früher war es selten vorgekommen, dass alle Kreißsäle belegt waren.
Heute waren nur drei belegt, das versprach einen eher ruhigen Dienst. Eine Erstgebärende hörte sie durch die nicht ganz geschlossene Schiebetür von Kreißsaal 1 – ihren Tönen nach zu urteilen, würde es nicht mehr allzu lange dauern. In Saal 2 befand sich eine Dreifachmutter, die ihr viertes Kind bekam – der Vater saß bei ihr und feuerte sie schon an, weil heute der Letzte des Monats war und sie dann noch Kindergeld für den Mai bekämen. Aber das war unnötig; Nela ahnte, dass die Mehrfachmama gleich ganz schnell zur Sache kommen würde.
In Kreißsaal 4 saß das Überraschungsei dieser Nacht in der Wanne – schwanger mit Zwillingen. Auch erstgebärend, sie hatte ihre Mutter und ihre Frau mitgebracht. Dort ging es sehr ruhig und gesittet zu. Sie wollten es erst auf natürlichem Weg versuchen, aber das klappte nicht immer. Die Oberärztin hatte bei der Übergabe darum gebeten, diese Gebärende besonders im Blick zu behalten.
Eine Ermahnung, die Nela nicht gebraucht hätte. Sie seufzte, blickte zur Uhr über dem Fahrstuhl und rechnete. Noch 95 Minuten bis Mitternacht.
»Na? Wollen wir?« Ihre Kollegin Sandra kam aus dem Schwesternzimmer, in dem auch die Hebammen sich zwischendurch ausruhten oder die Patientenakten ablegten. »Welche möchtest du? Eins, zwei oder vier?«
»Such du aus«, sagte Nela. Es war ihr im Grunde egal, denn letztlich würde sie im Laufe der Nacht vermutlich überall dort einspringen müssen, wo gerade Not an der Frau war.
»Dann nehme ich die Zwillinge.«
Sie bewunderte Sandras Kraft und Elan. Die Zwillinge wären ihre letzte Wahl gewesen.
»Dann schaue ich mal nach der Erstgebärenden. Kommt Viola später?«
Sandra verzog das Gesicht. »Das weiß der Himmel. Entschuldigt hat sie sich nicht für ihre Verspätung.«
Mit ihren fünfundvierzig Jahren und über zwanzig Jahren Berufserfahrung war Sandra ein Fels in der Brandung. Nichts konnte sie aus der Ruhe bringen – außer jungen Kolleginnen, die nicht pünktlich zum Dienst erschienen. Viola war so ein Fall, und wären Hebammen nicht inzwischen so schwer zu bekommen, hätte sie der Klinikleitung bestimmt schon nahegelegt, sich von ihr zu trennen.
Hoffentlich ist Viola nichts passiert, dachte Nela. Sie desinfizierte ihre Hände, bevor sie Kreißsaal 2 betrat und sich vorstellte.
Die Schwangere stand vor dem Wickeltisch, stützte sich auf und ließ das Becken kreisen. Vorbildlich, dachte Nela, da brauchte sie nicht viel zu sagen. Sie befand sich bereits in der Übergangsphase.
Nela wartete eine Wehenpause ab, ehe sie sich dem jungen Pärchen vorstellte. Die Frau trug nur dicke Wollsocken und ein knielanges Nachthemd.
»Wenn es für Sie okay ist, würde ich Sie gleich kurz untersuchen«, sagte Nela.
»Ja, das ist okay, nach der nächsten …« Sie verzog das Gesicht, wandte sich ab und stützte die Unterarme auf. Diese Wehe war besonders kräftig, und sie endete mit einem lauten Platschen zwischen ihren wollsockigen Füßen.
»Das war wohl die Fruchtblase«, kommentierte Nela.
»Uhhhh, das drückt aber gerade ganz schön«, sagte die junge Frau und wischte sich mit einer Hand die verschwitzten roten Locken aus der Stirn. Ihr Mann hielt sich im Hintergrund. Gut so. Er wurde im Moment nicht gebraucht.
Nela untersuchte die junge Frau rasch. Es war nicht mehr viel, bald konnte sie mitschieben. Sie musste nun bei ihr bleiben, aber vermutlich war Sandra weiterhin bei der Zwillingsmutter, und Nela machte sich Sorgen um die Mehrfachgebärende nebenan. Vielleicht war es ihr Instinkt, der sie antrieb.
»Ein bisschen müssen Sie noch warten«, sagte Nela. Früher hatte man den Frauen geraten zu hecheln, aber das nannte sich jetzt pusten, beides irgendwie schwachsinnig, wenn die Frau eigentlich nur noch schieben oder pressen oder schlicht das Kind auf die Welt bringen wollte.
»Ich bin sofort wieder bei Ihnen.«
Nela hatte kein gutes Gefühl dabei, die beiden allein zu lassen. Aber wenigstens einen kurzen Blick musste sie bei der baldigen Vierfachmama reinwerfen.
Als sie durch den Flur ging, kam ihr Viola entgegen – erhitzt, mit Motorradhelm unterm Arm und in voller Ledermontur.
»Sorry, sorry!«, rief sie. »Ich komme gleich.«
»Kreißsaal zwei!«, warf Nela ihr über die Schulter zu. An der Anmeldung stand die nächste Frau in den Wehen, neben ihr ein älterer Mann, der ihr sichtlich hilflos den Rücken streichelte, während sie schon ordentlich pustete. Das geblümte kurze Sommerkleidchen spannte sich über dem großen Bauch, ihre Füße in den Birkenstocks waren ziemlich geschwollen.
»Es ist zu früh!«, jammerte sie.
Nela schloss für einen winzigen Moment die Augen. Einatmen, ausatmen. Es war tatsächlich zu früh für sie, bereits eine halbe Stunde nach Dienstantritt das Gefühl zu haben, an die Grenzen ihrer Kraft zu gelangen. Nachtschichtwochen hatten ihr früher nichts ausgemacht, aber inzwischen fühlte sie sich davon unglaublich gestresst. Sie fand tagsüber nicht genug Schlaf, und nachts hatte sie manchmal das Gefühl, sie könnte im Stehen einschlafen – bis sie dann in einer brenzligen Situation so viel Adrenalin ausschüttete, dass sie glaubte, gar nicht mehr zur Ruhe zu kommen. Und das hier war genau so eine Situation. Die meisten Babys kamen nachts – das war nicht einfach einer der vielen Mythen, die sich um das Thema Geburt rankten, sondern schlicht statistisch erwiesen. Wenn die Menschen zur Ruhe kamen, machten sich die kleinen Menschenkinder auf den Weg.
»Ich hole Ihnen einen Rollstuhl, und dann nehme ich Sie gleich auf«, sagte Nela und legte beruhigend die Hand auf die Schulter der jungen Frau. »In welchem Abstand kommen die Wehen?«
»Fünf Minuten. Es ist mein erstes Kind.« Sie hielt Nela den Mutterpass entgegen. Rasch überflog sie die Eintragungen. Okay, gut zwei Wochen vor Termin, das war alles noch im Rahmen. Und mit einem Abstand von fünf Minuten würde es noch dauern.
»Ich bin gleich bei Ihnen«, sagte sie möglichst ruhig.
Diese Nacht versprach wieder, eine von denen zu werden, in denen sie kaum Luft holen konnte.
»Puh!« Sandra ließ sich auf den Stuhl am Schreibtisch fallen. »Das haben wir aber gut hinbekommen.«
Nela nickte. Es war tatsächlich bei den vier Frauen geblieben, und aus der anfänglichen Hektik waren im Laufe der letzten fünf Stunden vier wunderschöne Geburten geworden – alle auf natürlichem Weg, sogar die Zwillinge. Im Moment ließen sie die Eltern noch in den Kreißsälen mit ihren Babys kuscheln, bevor sie nach und nach auf die Wöchnerinnenstation verlegt wurden. Die frischgebackene Vierfachmama war sogar schon wieder auf den Beinen und packte ihre Tasche, während der stolze Papa das Baby hielt, das selig in seinen Armen schlummerte. Sie würden bald nach Hause gehen und die Mama dann dort ins Wochenbett starten. Eine vertraute Umgebung tat Mutter und Kind in vielen Fällen gut, die Ruhe daheim war förderlich für die Stillbeziehung.
Viola schlüpfte ins Schwesternzimmer. Sie hatte sich bis zuletzt um die junge Mama gekümmert, die mit ihrem älteren Mann als Letzte gekommen war.
»Mit dir habe ich aber auch noch ein Hühnchen zu rupfen«, bemerkte Sandra.
Nela streifte die Crocs von den Füßen. Sie saß auf dem kleinen Zweisitzer, der zwischen Medikamentenschrank und Fenster eingezwängt stand. Ihr fielen fast die Augen zu vor Müdigkeit, und für einen winzigen Moment gab sie diesem Gefühl nach, während sie hörte, wie Viola ihr Zuspätkommen verteidigte und Sandra sie zur Schnecke machte.
»Hört doch auf zu streiten«, murmelte sie. Streiten, das mochte sie überhaupt nicht. Und es war doch alles gut gegangen, oder?
»Nee, das ist was Grundsätzliches«, meinte Sandra.
»Hört einfach auf damit.« Mit beiden Händen umfasste Nela ihren Kopf. Wo kamen denn plötzlich diese Kopfschmerzen her? Und wieso tanzten kleine, bunte Flecken vor ihren Augen? Sie blinzelte, aber davon wurde es nicht besser.
»Wir müssen uns aufeinander verlassen können.« Sandra konnte einfach keine Ruhe geben. »Wenn Viola nun gar nicht gekommen wäre, was hätten wir vorhin gemacht? Vier Geburten zu zweit, das hätte es früher nicht gegeben.«
»Sie ist aber gekommen«, murmelte Nela oder versuchte es zumindest. Denn das, was über ihre Lippen kam, klang in ihren Ohren eher nach »sischommn«.
»Nela? Ist alles okay mit dir?« Sandras Stimme drang wie aus weiter Ferne zu ihr durch. Sie klang besorgt.
»Hab nur so Kopfweh …« Auch diese Worte kamen ihr nur mühsam über die Lippen. Sie spürte, wie das Blut in ihren Ohren rauschte, wie sich etwas in ihrem Magen zusammenklumpte.
Ich habe gerade einen kleinen Zusammenbruch?
Nela wollte aufstehen, aber sie kippte zur Seite, und hätte Viola nicht beherzt nach ihr gegriffen, wäre sie wohl in die verglaste Vitrinentür des Medikamentenschranks gestürzt. Nela streckte eine Hand aus, suchte nach Halt, aber dann wurde ihr gänzlich schwarz vor Augen. Hinter dem Rauschen ihres eigenen Bluts hörte sie die Stimmen ihrer Kolleginnen, die krisenerprobt waren und deshalb sofort wussten, was zu tun war. Sandra hängte sich direkt ans Telefon und rief einen Arzt hoch zu den Kreißsälen; Viola stützte Nela. »Hier, das Sofa«, hörte Nela ihre Stimme, und dann sank sie auf das Sofa zurück, jemand drückte ihr ein Glas mit Wasser in die Hand, das ihr sofort wieder entglitt, ihr Schoß war nass, und sie hätte gelacht, wenn das alles nicht so absurd und, ja, beängstigend gewesen wäre.
Ich habe tatsächlich einen Zusammenbruch.
Danach: Dunkelheit. Nichts als selige Finsternis, und ihr letzter Gedanke war: Hoppla!
Als Nela die Augen wieder aufschlug, dauerte es einen Moment, bevor sie wusste, wo sie war. Sie richtete sich vorsichtig auf. Kreißsaal 5, dachte sie, mit den helltürkisen Wänden und der Gebärwanne. Es schien nicht so schlimm um sie zu stehen, wenn sie in einem Kreißsaal auf dem Bett lag und nicht nach einer ordnungsgemäßen Aufnahme in einem der Klinikbetten auf einer anderen Station.
Oder wir können es uns nicht leisten, dass ich für den Rest der Nacht ausfalle, und ich bin deshalb noch hier.
Okay, das war unfair. Sandra war streng, klar. Aber sie würde niemals eine Hebamme über die Erschöpfung hinaus arbeiten lassen.
Behutsam schwang Nela die Füße über den Rand des Betts. Sie setzte sich auf und wartete. Durst hatte sie, und die Kopfschmerzen waren immer noch da – jetzt aber eher dumpf pochend und nicht mehr so hämmernd. Als sie aufstehen wollte, hielt sie etwas zurück. Erst jetzt bemerkte sie die Infusionsnadel in ihrer Ellbogenbeuge. Am Infusionsständer neben dem Bett hing ein Beutel mit Ringerlösung, der Magnesium zugesetzt war. Eine Mischung gegen Stress und Dehydrierung.
Offenbar hatte die Infusion gewirkt, denn Nela fand, dass es ihr schon viel besser ging. Sie schob den Infusionsständer Richtung Tür. Wie praktisch – wenn ihr wieder schwarz vor Augen wurde, konnte sie sich immerhin daran festhalten.
Draußen auf dem Gang flutete bereits das morgendliche Sonnenlicht, das durch die Oberlichter fiel, den Eingangsbereich. Automatisch ging ihr Blick zur Uhr über dem Fahrstuhl. Halb sieben. Sie hatte den Rest ihres Nachtdiensts verschlafen …
Im Dienstzimmer fand gerade die Übergabe an die Frühschicht statt. Als Nela in der Tür auftauchte, blickten alle auf.
Sandra beendete den Überblick, und in der allgemeinen Aufbruchsstimmung trat sie zu Nela. »Hey, du bist wieder wach. Wie geht es dir?«
Sie zuckte mit den Schultern; so ganz genau wusste sie das selber nicht. »Tut mir leid, dass ich heute Nacht ausgefallen bin«, sagte sie.
»Hm. Komm mal mit. Möchtest du einen Kaffee?«
Kaffee war eine ausgezeichnete Idee, aber Nela wusste, dass Sandra selten welchen trank und den Vorschlag nur ihr zuliebe machte. Sie gingen ins Schwesternzimmer, das gerade leer war. Sandra schloss die Tür, bevor sie sich an der Kaffeemaschine zu schaffen machte, was allerdings nicht ohne ein paar deftige, bayrische Flüche abging, die Nela ein Lächeln entlockten. Auch nach über zehn Jahren im Süden der Republik hatte sie sich nicht an das bayrische Idiom gewöhnt; selbst die Zeit mit Peter hatte daran nichts geändert.
Peter. Sie hatte schon länger nicht mehr an ihn gedacht, und dass sie jetzt plötzlich wieder an ihren Ex-Verlobten denken musste, zeigte nur, wie schlecht es ihr ging. Normalerweise gelang es ihr, jede Erinnerung an den Mann, der ihr vor einem Jahr alles geraubt hatte, von dem sie geglaubt hatte, es gehörte ihr – eine gemeinsame Zukunft, die hübsche Wohnung in guter Münchner Wohnlage, die Träume von einer Familie –, weit von sich zu schieben. Geblieben war ihr nur der Job als Hebamme, und statt einer hübschen Erdgeschosswohnung mit Terrasse, Garten und drei Zimmern bewohnte sie jetzt ein winziges Zimmerchen drüben im Schwesternheim der Klinik, teilte sich mit drei deutlich jüngeren Frauen ein Bad und saß abends, wenn die anderen feiern gingen, allein in diesem kleinen Verschlag und versuchte, sich mit Lesen und Handarbeiten davon abzulenken, dass sie immer noch unter den Umständen ihrer Trennung litt.
»So, da wären wir.« Sandra drückte ihr einen Kaffeebecher in die Hand. »Milch ist drin, zwei Zuckerstückchen. Möchtest du Kekse?« Aus der untersten Schreibtischschublade holte Sandra eine Dose und hielt sie Nela hin. Der herrliche Duft von Chocolate-Chips-Cookies stieg auf, und Nela nahm eins, denn Widerstand wäre ohnehin zwecklos gewesen.
Sandra nahm auch einen Keks und biss genüsslich hinein. Sie hatte sich selbst ebenfalls einen Kaffee gekocht, trank einen Schluck und seufzte zufrieden. Nela folgte ihrem Beispiel. Der Cookie war perfekt – ein bisschen weich im Innern, der braune Zucker hatte eine zarte Karamellschicht gebildet, die beim Essen leise krachte.
»Wir machen uns Sorgen um dich, Nela.«
»Ich weiß.« Sie senkte den Kopf.
»Du hast allein in den letzten zwei Monaten über hundert Plusstunden angehäuft. Über die Monate davor will ich gar nicht reden. Wir alle wissen es zu schätzen, dass du immer da bist und einspringst, wenn es knapp ist. Aber wir fürchten auch, das geht zulasten deiner eigenen Gesundheit. Und dann hast du vorhin diesen Kreislaufkollaps gehabt. Du musst besser auf dich aufpassen, und da du das ja offensichtlich allein nicht schaffst, bin ich jetzt da.« Mit einem Lächeln nahm Sandra den Worten ihre Schärfe.
»Ich habe für nächsten Monat Urlaub eingereicht«, verteidigte Nela sich.
Sandra schnaubte nur. »Für eine Woche, ja. Und danach startest du wieder durch, oder wie?« Sie schüttelte den Kopf. »So geht’s nicht weiter.«
»Ich weiß.« Nela senkte den Kopf. Sie sah auf den Infusionsständer. Der Beutel war längst leer.
Sandra schüttelte den Kopf und lachte leise. »Schau uns an. Wir sind wohl beide etwas müde von dieser Nacht. Ich befreie dich erst mal von diesem Ding da, okay?«
Sie stand auf, holte Pflaster und Tupfer und desinfizierte ihre Hände, bevor sie die Infusionsnadel zog und einen Tupfer auf die Einstichstelle drückte. Während sie konzentriert arbeitete, hatte Nela noch ein paar Minuten Zeit, um sich ihre Argumente zurechtzulegen.
Sie wusste, worauf dieses Gespräch vermutlich hinauslaufen würde. Auf ein paar Wochen Zwangsurlaub für sie. Auf eine Vollbremsung. Man würde sie ausschließen, ihr das wegnehmen, wofür sie brannte – wenn es überhaupt noch etwas in ihrem Leben gab, für das es sich zu brennen lohnte. Natürlich würde das keiner so nennen. Es wäre eine »Auszeit«, die der »Erholung« dienen sollte, sie müsse »wieder zu Kräften kommen«, um den Anforderungen ihres Berufs gewachsen zu sein.
»So.« Sandra räumte den Infusionsständer beiseite und ließ sich mit einem tiefen Seufzer wieder aufs Sofa plumpsen. »Was machen wir denn jetzt mit dir?«
»Weiß nicht.« Nela zuckte mit den Schultern.
»Von den Überstunden musst du zumindest runter. Du hast schon die vom letzten Jahr verfallen lassen.«
»Machen wir doch alle«, wandte Nela ein. »Wir sind zu wenige.«
»Aber du hast die meisten und hast es nicht mal versucht. Zweitens: Du musst zum Arzt gehen. Hast du einen guten?«
»Meine Hausärztin ist okay.«
»Dann gehst du heute zu ihr. Sie soll dich mal ordentlich auf den Kopf stellen.«
Nela antwortete nicht. Sie ahnte schon, was ihre Ärztin sagen würde – sie würde sie streng über die goldgerahmte Halbmondbrille ansehen, die Nela immer an Professor Dumbledore erinnerte. Da sie unter dem weißen Arztkittel auch immer bodenlange Wallekleider trug und ihr Haar schlohweiß war, lag dieser Vergleich gar nicht so fern, und für Nela war sie seit eh und je »Dr. Dumbledore« gewesen.
»Versprochen?« Sandra hielt ihren Kaffeebecher hin, damit sie anstoßen konnten, und eher widerstrebend ließ Nela ihren dagegen klirren.
»Versprochen«, sagte sie leise.
Aber in Gedanken fügte sie trotzig hinzu: gebrochen.
Acht Stunden später saß sie trotzdem im Wartezimmer von Dr. Dumbledore zwischen Omis, die zufrieden mit ihren Lesezirkel-Blättchen raschelten. Montag – da hatte kein Friseur auf, bei dem sie das Neueste aus den Königshäusern nachlesen konnten. Dann musste eben die freundliche Hausärztin herhalten, die immer ein offenes Ohr hatte und sich etwas länger Zeit nahm, als es dem einzelnen Patienten laut Gebührenordnung zustand.
Darum hatte Nela auch Wartezeit mitgebracht und gleich noch was zu lesen. Sie las gerne, aber seit sie keinen Platz mehr für ihre vielen Bücher hatte, blieb ihr nur ein E-Book-Reader, den sie jetzt untätig auf den Knien ruhen hatte. Denn in Gedanken war sie ganz woanders.
Sie wäre nicht hergekommen. Sandras Versuch, ihr ins Gewissen zu reden, war ungehört verpufft, denn sobald sie das Klinikgebäude verließ, schüttelte sie alle negativen Gedanken ab. Sie sollte was sein? Ausgebrannt? Müde? Ach was!
Okay, müde war sie tatsächlich. So ein Nachtdienst ging an niemandem spurlos vorbei; meist aßen sie in solchen Nächten zu viel, zu süß, zu fettig. Und danach fand Nela nur schwer in den Schlaf. Manchmal halfen ihr dabei eine heiße Dusche, ein Kräutertee und ein Buch im Bett, bevor sie dann bis zum frühen Nachmittag schlief.
Aber heute war alles anders. Als wäre ihr kleiner Zusammenbruch, den sie in Gedanken auf keinen Fall so nennen würde – denn das hieße ja, sich ihre Schwäche einzugestehen –, der Startschuss gewesen für allerlei merkwürdige Symptome. Aber zunächst schob sie die Schlaflosigkeit trotz großer Müdigkeit auf den Becher Kaffee, den Sandra ihr kredenzt hatte. Dann verbrannte sie sich die Zunge am Kräutertee, und das Buch, das sie gerade las, war offenbar so spannend, dass ihr das Lesegerät nicht nach zehn Seiten auf die Nase knallte und sie es nur noch beiseitelegen musste, um einzuschlafen.
Und dann fing das Herzrasen an.
Die Schweißausbrüche.
Das Frieren.
Das liegt am Kaffee, redete sie sich ein. Nie wieder Kaffee nach einem Nachtdienst. Sie wusste es doch eigentlich besser …
Nachdem sie sich zwei Stunden unruhig hin und her gewälzt hatte, gab Nela auf. Sie verließ das Bett, bereitete sich ein gesundes Frühstück zu – Vollkorntoast, Orangensaft, Rührei und Tomate – und versuchte dann, sich dem zu widmen, was sie sich für den Tag vorgenommen hatte.
Aber weder die Suche nach einem Geschenk für Omama zum dreiundachtzigsten Geburtstag noch der tägliche Blick in die Immobilienseiten im Internet nach einer bezahlbaren kleinen Wohnung in der Nähe der Klinik (ein vergebliches Unterfangen, doch sie gab nicht auf) oder das Verfassen einer E-Mail an ihre beste Freundin Ruth, die seit einem halben Jahr um die Welt reiste und gerade von den größten Spargelfeldern der Welt in Peru schrieb, wo sie sich als Erntehelferin verdingt hatte, konnten Nela davon ablenken, dass es ihr körperlich einfach nicht gut ging.
Und als sie kurz darauf ihr schönes Frühstück wieder erbrach, erkannte sie, vor der Kloschüssel im Gemeinschaftsbad kniend, dass da mehr sein musste als nur eine klitzekleine Stressreaktion. Ihr Körper feuerte mit allem, was ihm zur Verfügung stand. Und sie konnte diese Symptome nun entweder noch ein paar Tage ignorieren, bis irgendwas wirklich Schlimmes passierte – oder sie ging zu Dr. Dumbledore. Damit konnte sie dann auch gleich Sandra den Wind aus den Segeln nehmen, wenn sie sich übermorgen das nächste Mal sahen. »Siehst du, wie erwachsen ich mich verhalten habe?«, könnte sie sagen. Und natürlich wäre sie bis dahin längst wieder fit und konnte noch ein paar zusätzliche Überstunden schieben.
Dr. Dumbledore rief sie überraschend schnell auf, noch vor den Omis, die vor ihr im Wartezimmer Platz genommen hatten. Silbrig gelockte Köpfe ruckten hoch, Tuscheln wurde laut, eine Omi zischte gar »Unverschämtheit, wir warten auch«, doch Dr. Dumbledore lächelte ihr gütiges Lächeln ringsum und erklärte, Nela sei ein Notfall, dafür hätten sie doch alle Verständnis. Und nachdem sie die wilde Meute beruhigt hatte, führte sie Nela mit einem sanften »kommen Sie« und einer Berührung am Arm in ihr Sprechzimmer.
»Nehmen Sie Platz, Frau Westhues. Was fehlt Ihnen denn?«
»Tja, also …« Etwas unbehaglich rutschte Nela auf der Sitzfläche des Plastikstuhls herum, denn in diesem Raum war alles hochmodern, viel Glas, viel Glanz, wenig Holz. Dafür waren die Farbakzente orange gehalten, bis hin zu den Handschuhen im Labor, das wusste sie von früheren Besuchen.
»Sie sehen jedenfalls nicht gut aus«, bemerkte Dr. Dumbledore und blätterte in Nelas beängstigend dicker Patientenakte. »Und wenn ich mir ansehe, wie oft Sie in den letzten Monaten bei mir waren …«
Zu oft, das wusste Nela selbst. Ständig hatten fiebrige Erkältungen und Infekte sie geplagt.
»Also. Wo drückt der Schuh?«
Nela machte den Mund auf. Aber bevor sie etwas sagen konnte, spürte sie, wie der dicke Kloß im Hals, den sie seit Tagen versuchte zu ignorieren, sich langsam, ganz langsam auflöste.
Dumm nur, dass er dies in Form von Tränen tat, die ihr haltlos über die Wangen liefen.
»Ich bin seit einem Jahr allein. Und in fünf Tagen jährt sich unser Hochzeitstag zum ersten Mal. Also, das heißt, wenn wir geheiratet hätten. Wieso darf er weiter so leben wie bisher und ich nicht?«
Dr. Dumbledore, die vermutlich schon so manches in diesem Zimmer gehört hatte, faltete die Hände über der Patientenakte und blickte Nela über den Goldrand ihrer Halbmondbrille an.
»Wollen Sie mir erzählen, was damals passiert ist?«
Nela schüttelte den Kopf. Was gab es da schon zu erzählen?
»Sie haben bestimmt keine Zeit …«
»Frau Westhues. Wie lange kennen wir uns nun schon? Das müssen über zehn Jahre sein, und ich hoffe, Sie hatten nie das Gefühl, ich hätte keine Zeit für meine Patientinnen.«
»Aber Ihr Wartezimmer ist voll, ich kann nicht …«
»Meinen Sie nicht, die älteren Damen können die zehn Minuten länger dort sitzen? Sie bekommen Kaffee und Wasser, und manche kommen ohnehin nur der Gesellschaft wegen.«
Nela schluckte. Vielleicht hatte Dr. Dumbledore recht. Sie musste einfach jemandem davon erzählen. Aber ihrer Ärztin?
Wortlos hielt Dr. Dumbledore ihr eine Schachtel Kleenex hin, und Nela rupfte eine ganze Handvoll heraus und putzte sich die Nase. »Mein Verlobter.« Sie lachte auf. »Ex-Verlobter müsste ich wohl sagen. Er hat heute vor einem Jahr die Hochzeit abgesagt. Fünf Tage vorher. Kann man sich das vorstellen? Einfach so, bumm. Nichts war mehr wie vorher.«
Dr. Dumbledore nickte verständnisvoll, sagte aber nichts. Nela holte tief Luft.
»Wir hatten ein schönes Leben. Waren das perfekte Paar. Wir dachten darüber nach, wie es wäre, wenn wir Kinder bekommen. Das ganze Paket, wenn man so will. Ich hätte dann für ein paar Jahre aufgehört zu arbeiten, aber das wäre okay gewesen, er hatte ja den guten Job. Na ja. Offenbar hatte er auch darüber hinaus viel Zeit. Ich hab mich für uns abgestrampelt. Den Haushalt geschmissen, mich um seine Eltern gekümmert. All das. Er hat in der Zwischenzeit sein Betthäschen verwöhnt.«
»Autsch«, sagte Dr. Dumbledore mitfühlend.
»Ja, autsch trifft es. Das erfuhr ich aber erst später.« Sie wischte sich wütend die Tränen aus den Augenwinkeln. Peter war keine einzige Träne mehr wert, das war endgültig vorbei!
»Danach bin ich ausgezogen. Ich habe mir gesagt … Ein Jahr gebe ich mir. Ein Jahr, danach schaue ich nach vorne. Wir waren acht Jahre zusammen, davon erholt man sich nicht so schnell.«
»Natürlich nicht«, stimmte Dr. Dumbledore zu. Sie zückte ihren Rezeptblock und schrieb etwas auf. Gab es denn tatsächlich ein Heilmittel für ein gebrochenes Herz? Sie riss den Zettel ab und schob ihn Nela hin; dann schob sie eine gelbe Krankschreibung in den Drucker und tippte etwas in die Tastatur ihres riesigen iMac.
Nela versuchte, Dr. Dumbledores Sauklaue zu entziffern. »Das ist aber nichts Homöopathisches, oder?«, fragte sie misstrauisch. »Ich stehe nicht so auf Zuckerkügelchen, Zucker kommt in den Kaffee, nicht in den Medizinschrank.«
»Keine Sorge. Das, was ich Ihnen verschreibe, ist ganz natürlich.«
Nela konnte es immer noch nicht lesen, aber in der Apotheke unten im Haus würde man ihr schon weiterhelfen.
»Drei Wochen Urlaub. Da steht ein Tapetenwechsel.«
Dr. Dumbledores Augen blitzten vergnügt.
»Kann ich Ihnen deshalb auch nur auf Privatrezept verschreiben.«
»Ach …«, sagte Nela enttäuscht. Und sie hatte sich einen klugen Rat oder etwas in der Art erhofft.
»Tun Sie das nicht einfach so ab. Sie sind … ah, ich hasse das Wort, jeder benutzt es, manchmal sogar nur, weil der Arbeitstag oder der Besuch an Ostern bei der Familie anstrengend war. Aber Sie sind tatsächlich ausgebrannt, Frau Westhues. Ich könnte Sie jetzt zu einem Psychologen schicken, der Sie für ein halbes Jahr aus dem Verkehr zieht oder Sie in eine Klinik überweist. Oder ich kann Ihnen raten, etwas an Ihrem Leben zu ändern. Aber Sie lieben Ihren Job, so viel weiß ich. Und das private Glück lässt sich auch nicht erzwingen. Also muss eine Luftveränderung her. Fahren Sie ans Meer! Das Reizklima der Nordsee stärkt die Lungen, und der Wind pustet den Kopf ordentlich frei. Ich weiß, wovon ich spreche – jedes Jahr im September mache ich die Praxis für drei Wochen zu und fahre nach Juist.«
»Juist …«, murmelte Nela. »Meine Familie stammt von Norderney.«
»Na, sehen Sie. Noch besser: Sie sehen auch Ihre Familie wieder. Oder ist das ein Problem?«
Nela schüttelte den Kopf, obwohl sie das gar nicht so genau wusste. Seit sie vor einem Jahr bei ihrer Mama angerufen und ins Telefon geschluchzt hatte, dass sie nicht zu kommen bräuchten, weil die Hochzeit nicht stattfand – ohne auf die Gründe näher einzugehen, das ging nur Peter und sie etwas an –, hatte sich der Kontakt zu ihrer Familie auf einen pflichtbewussten Anruf alle zwei Wochen nach dem Sonntagsfrühstück beschränkt. Bei dem sie ohnehin nur die Fragen ihrer Mutter abwiegelte. Ja, es ginge ihr ganz gut. Nein, sie wisse noch nicht, wann sie wieder auf die Insel käme. Nein, in den nächsten zwei Wochen sicher nicht.
Ihre Mama bekräftigte jedes Mal, dass sie sich alle sehr freuen würden, wenn Nela mal wieder vorbeikam. »Dein Zimmer ist immer frei, weißt du ja«, sagte sie dann immer.
Sie müsste sich also nicht mal um ein Hotelzimmer oder eine Ferienwohnung kümmern. Was zu dieser Jahreszeit ohnehin schwierig würde – die Hauptsaison stand vor der Tür, da wurde es schnell teuer, und die guten Quartiere waren oft schon ein Jahr im Voraus ausgebucht.
Fünf Minuten später stand sie wieder auf dem Bürgersteig vor dem Ärztehaus. Dr. Dumbledore hatte ihr zum Abschied die Hand gedrückt, und nun hielt sie das Privatrezept und den Krankenschein an den Bauch gedrückt, als könnten diese beiden Zettel sie vor dem Ertrinken bewahren.
Aber Nela ahnte, dass sie das nur allein schaffen konnte.
Sie betrat die Apotheke. Eine junge Apothekerin mit großen Schneidezähnen und einem gewinnenden Lächeln, die einen Kopf kleiner als Nela war, begrüßte sie freundlich.
»Ich brauche alles für eine Reiseapotheke«, hörte Nela sich sagen.
Offenbar hatte sie gerade eine Entscheidung getroffen. Sie fuhr nach Hause.
Der Himmel war hell und grau an diesem frühen Morgen. Nela parkte ihr Auto auf einem der Langzeitparkplätze der Reederei und zog ihren Rollkoffer hinter sich her die Rampe hoch zum Fährhafen. Dort kaufte sie an einem der Automaten ein Ticket ohne Rückfahrtdatum – denn sie wusste nicht, ob sie schon morgen zurückfahren würde oder vielleicht doch erst in drei Wochen – und wartete die letzte halbe Stunde, bis sie an Bord der ersten Fähre gehen konnte, die um kurz nach sechs ablegte. Das war der Moment, da sie sich erlaubte, kurz aufzuatmen.
Die salzige Luft. Der Wind, der an ihrem honigblonden Haar riss. Der Geruch von Meer und Schlick, das Kreischen der Möwen, die empört über dem Imbisswagen am Anleger kreisten. Das alles genügte, um ein Gefühl von Heimkommen zu bekommen.
Sie war die Nacht durchgefahren. Von München bis Norddeich, einmal das Land von Süden nach Norden durchqueren. Alle zwei Stunden machte sie eine Pause, sie überlegte, ob sie müde war, ob sie sich in ihrem Auto lieber ausruhen wollte, bevor sie weiterfuhr. Aber jedes Mal merkte sie, dass da keine Müdigkeit war, und sie gönnte sich eine kalte Cola, einen Schokoriegel – dann ging es weiter. Als würde sie auf einmal etwas nach Hause ziehen, kaum dass sie sich gestattet hatte, endlich heimzukehren.
Die ganze Nacht war sie unterwegs gewesen. Aber erst jetzt fand sie endlich den Mut, ihr Handy aus der Hosentasche zu ziehen und an ihre Mama die Nachricht zu schicken, die sie seit gestern Mittag in Gedanken zu formulieren versuchte.
Komme zum Frühstück. Soll ich Brötchen mitbringen?
Ihre Mama war so früh sicher schon wach, werkelte im kleinen Garten hinter dem Haus oder sortierte Wäsche. Wenn sie sich dann zum zweiten Kaffee in der Küche mit Omama und Papa einfand, bevor dieser hinüber zu seiner Apotheke ging, schaute sie sicher aufs Handy und freute sich über diese gute Nachricht.
An Bord der Fähre war noch nicht viel los. Ein paar Autos, einige frühe Tagesgäste, die mit ihren großen Strandtaschen auf den Bänken saßen und ihr Frühstück auf den Tischen ausbreiteten. Ein älterer Herr mit Anglerhut und grauem Vollbart packte einen Fleischwurstring und sein Schweizer Taschenmesser aus. Seine schmale Gattin, ganz in Rentnerbeige gekleidet, pellte derweil eine ganze Armada hart gekochte Eier und goss aus der Thermoskanne heißen Kaffee in zwei Emailbecher.
Nela ging ein Stückchen weiter und suchte einen ungestörten Platz. Frühstückshunger hatte sie um diese Zeit noch nicht, aber der nächste Kaffee ließ hoffentlich nicht zu lange auf sich warten. Tatsächlich ging ein junger Steward herum und nahm die Bestellungen der Fährgäste direkt am Platz auf. Sie bestellte einen Kaffee und lehnte sich müde zurück. Sie war die ganze Nacht unterwegs gewesen. Nachdem sie in der Apotheke gewesen war – eigentlich ein Unsinn, denn natürlich bekäme sie von Papa jedes nur erdenkliche Medikament, wenn sie ihn darum bat, aber die Kopfschmerzen meldeten sich gerade zurück und sie hatte kein Ibuprofen mehr zu Hause gehabt –, war sie heimgegangen und hatte gepackt. Sie wollte am nächsten Tag los und versuchte es noch mal mit ein bisschen Schlaf. Als sie abends um neun aufwachte, entschied sie spontan, die ruhigen Nachtstunden für die Fahrt zu nutzen, weil sie sich frisch und ausgeruht fühlte. Also kochte sie eine Thermoskanne Kaffee – in der Hinsicht war sie auch ein kleiner sparsamer Rentner –, schmierte ein paar Brote und war schon kurze Zeit später in ihrem kleinen, roten Corsa auf der Autobahn.
Ihr Telefon brummte, und sie zog es mit einem Lächeln hervor.
Das ist ja eine schöne Überraschung! Tini kommt auch morgen.
Na toll. Das war so ziemlich das Letzte, was sie im Moment brauchte – ihre perfekte Überfliegerschwester, die ihr fröhlich unter die Nase rieb, was in Nelas Leben schieflief und was sie – Tini – an ihrer Stelle anders und vor allem natürlich besser machen würde.
Brötchen nehmen wir gern!
Na, wenigstens.
Hoffentlich blieb Tini nicht zu lang. Aber vermutlich würde sie genauso schnell wieder verschwinden, wie sie auftauchte. Das war Tini – ein Kolibri, flatterhaft und unstet, immer auf der Durchreise, unterwegs zum nächsten Abenteuer. Niemand in der Familie wusste so genau, womit sie ihr Geld verdiente, nachdem sie ewig lange studiert hatte. Aber was es auch war, Tini war offenbar damit zufrieden und genoss ihr Leben.
Das sollte eigentlich genügen.
Aber etwas an Tinis Lebensart nagte stets an Nela, sobald sie darüber nachdachte. Als wäre ihre Schwester zu wenig auf das konzentriert, was in der Zukunft kam.
Nela hingegen bezahlte brav jeden Monat ihre Beiträge zur Berufsunfähigkeitsversicherung und zu einigen anderen Versicherungen, von denen sie überzeugt war, dass sie ihr das Leben erleichterten. Vor allem, solange sie diese nicht brauchte.
Die Überfahrt dauerte eine knappe Stunde, und danach ließ Nela den Bus und die Taxen links liegen und machte sich zu Fuß auf den Weg in das knapp zwei Kilometer entfernte Stadtzentrum.
Es gab Leute, die Norderney nicht mochten. Weil in den Sechzigern vom Stadtrat zu viele hohe, wuchtige Gebäude genehmigt worden waren, die jetzt die Optik des Stadtkerns und vor allem der Strandpromenade drüben im Westen prägten und in den Augen der Kritiker alles kaputt machten. Weil auf anderen ostfriesischen Inseln alles »so viel gemütlicher und pittoresker« zuging.
Nela war ganz froh, dass sie auf einer Insel aufgewachsen war, auf der ein bisschen mehr los war. Auf die auch im Herbst und Winter die Inselgäste kamen, die in ihren schnuckeligen Eigentumswohnungen lebten. Sie liebte es, wie lebhaft die Einkaufsstraßen waren und dass ihre Freunde mit ihr abends gern abhingen. Dass es eine große Buchhandlung gab und man nicht für jeden Kleinkram aufs Festland musste.
Nela lächelte. Das war bald zwanzig Jahre her, doch die Erinnerung an ihre moderat wilde Jugend ließ sie dann doch etwas wehmütig werden. Was wohl aus den anderen geworden war? Aus Finja, Thore und Björn? Damals waren die vier unzertrennlich gewesen … Von Finja hörte sie noch gelegentlich, bei den anderen beiden konnte sie nur spekulieren.
Und immer hatte ihre vier Jahre jüngere Schwester Tini an Nelas Rockzipfel gehangen. Okay, das war nicht ganz so cool gewesen, es hatte vor allem die Jungs oft genervt. Aber so war das eben, damals auf der Insel – Mama und Papa arbeiteten viel in der Apotheke, während Omama sich um den Haushalt und die Sommergäste in den Ferienwohnungen kümmerte. Da war oft keine Zeit für sie gewesen. Aber sie hatten das auch allein gut hinbekommen, und rückblickend hätte Nela nicht sagen können, was ihr damals gefehlt hätte.
Sie blieb vor dem Haus stehen. Eine Nebenstraße, weiß und imposant ragte die Gründerzeitvilla in den Himmel. Die Wolken hatten sich verzogen, ein makellos blauer Himmel spannte sich über dem Dachfirst, die Spatzen schimpften in der Kastanie, die sich im Vorgarten hielt, solange Nela denken konnte, obwohl ihr Papa jedes Jahr aufs Neue murrte, der Baum müsse weg, der könne unmöglich gedeihen mit so wenig Platz. Aber die Kastanie gedieh, jedes Jahr im Mai sprangen über Nacht Tausende Kerzenblüten auf, im Sommer spendete sie Schatten, den sie vor allem oben in der Mansarde zu schätzen wusste, denn direkt unterm Dach staute sich die Wärme, zumindest auf der Westseite, wo Nela ihr Zimmer hatte. Im Herbst knallten dann die Kastanien auf das Vordach, ein stetes Prasseln, dem wenig später dann das Rascheln der goldbraunen Blätter folgte, die manches Mal ein Herbststurm in einer einzigen Nacht vom Baum fegte. Im Winter kratzten die Äste dann an Nelas Mansardenfenster, als wollte die Kastanie ihr zuflüstern: »Weißt du noch, wie’s im Frühling war?«
Für dieses Jahr war die Kastanie schon verblüht, die Blütenblätter unter den Füßen der Passanten zu einem bräunlich weißen Matsch zertrampelt. Auch die Tulpenmagnolie an der anderen Hausecke hatte Nela verpasst.
Sie trat durch das Gartentörchen. Der Vorgarten war akkurat gepflegt, viel Lavendel und Bienentrost, schon zu dieser frühen Tageszeit herrschte dort ein aufgeregtes Summen. Die Haustür ging auf, bevor sie klingeln, klopfen oder in ihrer Umhängetasche nach dem Schlüssel kramen konnte, und da war schon ihre Mama, hochgewachsen wie eh und je, die Haare dunkelbraun und kurz geschnitten, die Augen wach, die gerade Nase leicht verzogen, als würde sie schnuppern, ob Nela noch der alte Stallgeruch anhaftete.
»Mama.«
»Nela.« Ihre Mutter schloss sie in die Arme. So herzlich und bedingungslos, dass sie schon wieder diese blöden Tränen spürte. Hatte sie in den letzten zwölf Monaten nicht genug geweint? Irgendwann musste doch mal genug sein mit dieser Traurigkeit, nur weil so ein blöder Kerl sie hatte sitzen lassen.
Nelas Mama schob sie auf Armeslänge von sich und musterte sie prüfend. »Dünn bist du geworden«, behauptete sie. »Na, da weiß ich aber, was wir dagegen tun können. Omama hat gestern Nachmittag Kuchen gebacken. Als hätt sie’s geahnt, die Gute.«
Mit dem Arm ihrer Mutter um die Schultern trat Nela in die Küche. Sie schloss kurz die Augen, atmete tief durch. Der Duft nach frisch gemahlenen Kaffeebohnen – aus einer Handmühle, wie Räuber Hotzenplotz sie Kasperls Großmutter geklaut hatte – und ganz schwach nach dem gebackenen Marmorkuchen, den nur Omama Westhues genau so hinbekam, dass Nela nie nach zwei Stücken genug davon hatte. Fragte man sie, was das Geheimnis ihres Marmorkuchens war, sagte sie stets lapidar: »Ein ordentlicher Schuss Rum hat noch keinem Kuchen geschadet.« Ein Lebensmotto, das die über Achtzigjährige übrigens auch auf sich bezog. Einem guten Grog war sie nie abgeneigt.
Papa Westhues saß auf der rustikalen Eckbank mit den friesisch blau und weiß gestreiften Polstern und stand nun auf, um Nela ebenfalls in die Arme zu schließen. »Das nenne ich eine Überraschung«, murmelte er dicht an ihrem Ohr. Und: »Wundere dich nicht. Fragen beantworten wir später.«
Bevor sie fragen konnte, was er damit meinte, kam auch schon die Dritte im Haushalt Westhues in die Küche gestapft. Omama Alma trug gelbe Gummistiefel und eine gestreifte Schürze mit Rüschen über ihrem besten Sonntagskleid. »Min Deern.« Auch von ihr bekam Nela einen dicken Schmatzer auf die Wange, auch wenn sie sich dafür nach unten beugen musste. Omama spähte an ihr vorbei. »Hast du ihn gar nicht mitgebracht, deinen Mann?«
»Wie bitte?«, fragte Nela. Über Omamas Kopf blickte sie fragend ihre Eltern an, die aber nur hilflos mit den Schultern zuckten. Ihre Mutter schüttelte sogar den Kopf, als wollte sie verhindern, dass Nela den Sachverhalt richtigstellte.
Sie beugte sich dem Wunsch der Eltern, drückte Omamas Hand und sagte fröhlich: »Der hat anderweitige Verpflichtungen.«
Was ja nicht mal gelogen war, denn was auch immer Peter gerade trieb, hatte nichts mehr mit ihr zu tun.
»Ach, natürlich. Er kümmert sich ums Baby, nicht wahr? Ich hätte es so gern auch kennengelernt. Bringst du es beim nächsten Mal denn mit, min Deern?«
»Baby?«, stotterte Nela. Das war nun völlig neu für sie. Dass Omama die Sache mit der geplatzten Hochzeit vielleicht auch ein Jahr später nicht so richtig auf die Reihe bekam, mochte ja noch angehen. Aber Nela ein Baby anzudichten …
Sie musste schwer schlucken. Als ob Omama ihre kühnsten Träume aussprach, die vor zwölf Monaten am Felsen der knallharten Realität zerschellt waren.
»Trudi hat mir davon erzählt. War doch so, Trudi?«, wandte sie sich an Nelas Mutter.
»Nein, Alma. Ich habe dir nur gesagt, dass Nela Babys auf die Welt holt. Nicht ihr Baby.«
»Ach«, machte Omama. »Stimmt ja. Du bist Hebamme wie die alte Knetterin drüben am Wasserturm.«
»Die ist schon lange tot«, brummelte Papa von der Eckbank her. »Komm mal zu mir.« Er winkte Nela heran, und sie schob sich dankbar neben ihn. Papa schenkte Kaffee in den Steingutbecher, auf dem Nelas Name stand. Auch so viele Jahre nach ihrem Weggang hatte sie hier noch einen eigenen Becher.
Und das, dachte sie, machte den Unterschied. In München hatte sie niemanden, zu dem sie einfach mal gehen konnte, der frischen Kaffee im Porzellanfilter aufbrühte – der beste, davon war sie überzeugt – und Milchkännchen und Zuckerdose im friesisch blauen Porzellan auf den Tisch stellte. Ruth wäre da gewesen, aber sogar ihre Freundin war verschwunden, gerade als Nela sie am meisten brauchte.
Ihre Mama schnitt den Kuchen auf, von dem ein sehr üppiges Rumaroma aufstieg. Omama hielt sich gar nicht erst mit den leckeren Vollkornbrötchen und Croissants auf, die Nela vorhin beim Bäcker geholt hatte, sondern nahm sich das dickste Stück, obwohl sie so schmal war, dass man hätte glauben können, dass sie wie ein Vögelchen nur die Krumen aufpickte. »Mh«, machte sie zufrieden. »Der hat grad genug Schuss bekommen. Ist noch Schlagsahne da?«
Nela konnte nicht anders – sie lächelte. Vor fünf Minuten noch hätte sie gedacht, ihre erste große Emotion, wenn sie heimkehrte, wäre abgrundtiefe Trauer, eben weil sie allein kam. Aber siehe da: Der Humor in dieser Familie war so abgedreht, dass sie gar nicht anders konnte, als mit ihren Eltern über Omama zu schmunzeln.
Doch eine Frage blieb, so nagend und schmerzhaft. Was, wenn sie tatsächlich mit Peter und einem Baby auf die Insel gekommen wäre? Wie ginge es ihr jetzt, wenn sich das, wovon sie vor einem Jahr noch geträumt hatte, erfüllt hätte?
Besser oder schlechter?
Machte es einen Unterschied?
Oh ja, das auf jeden Fall. Aber es war auch müßig, sich noch länger den Kopf über etwas zu zerbrechen, das sie nicht mehr ändern konnte.
»Dann gib mir auch mal ein Stück.« Sie hielt Omama ihren Teller hin. »Aber nicht so ’nen Krömmelstück, so ’nen dürres wie deins.«
Omama strahlte. »Das ist mein Mädchen.« Sprach’s und gab Nela das dickste Stück aus der Mitte.
Nach dem ausgiebigen Frühstück wollte Nela beim Abwasch helfen, doch Omama und Mama winkten gleichzeitig ab. »Wir schaffen das schon«, sagte Mama und schob sie aus der Küche. »Und so gern wir dich auch dabeihätten, wir wissen doch, wo du jetzt hinwillst.«
Natürlich wusste das auch Nela. »Kommst du mit?«, fragte sie ihren Papa, der gerade vom Klo kam, das iPad unter den Arm geklemmt. Er war mit der Zeit gegangen und las seine Zeitung inzwischen digital. Auch auf dem stillen Örtchen.
»Was denn, ans Meer? Nee, da musst du alleine hin. Ich muss wieder in die Pillendrehermanufaktur.« Er zauste ihre honigfarbenen Locken. »Halte dich von der Surfschule fern.«
»Was, wieso das denn?«
»Ach …« Er wirkte verlegen. »Nur so. Diese jungen Kerle da, die sind nichts für dich. Du brauchst doch einen, der mit beiden Füßen im Leben steht.«
So einen wie Peter.
Nela holte tief Luft. »Papa.«
»Ja.« Er sah sie ernst an. Seine grauen Augen, die sie von ihm geerbt hatte, waren blasser geworden mit den Jahren, heller. Aber immer noch strahlten sie so eine Wärme und Güte aus, dass Nela ihm die Worte unmöglich krummnehmen konnte.
»Was ist mit der Surfschule?«, fragte sie leise.
»Nichts«, behauptete er. »Nur dass du dort jemanden treffen könntest, von dem ich nicht weiß, ob du ihn wirklich sehen willst.«
Sie fragte ihn nicht, wieso. Weil sie es sich schon denken konnte, und ihr Herz war eh schon schwer genug. Keine Muße, um es zusätzlich zu belasten, keinen Platz darin zwischen all dem Dunkelgrau, das sich dort seit einem Jahr in immer neuen Sedimentschichten ablagerte.
Nela zog sich eine dünne Windjacke über. Der Himmel war blau, aber sie kannte ihre Insel, sie wusste, was auf Norderney allzu schnell passierte, selbst im Sommer. Erst drehte der Wind auf West, dann trieben Regenwolken über den Strand, und bevor man sichs versah, war man völlig durchnässt, aber nicht vom tröpfelnden Regen, sondern von der Gischt, die der Wind über die geriffelten Sandbänke trieb. So ein Tag war heute, und die Urlauber, die mit ihr unterwegs zum Strand waren, bedachten sie mit eher mitleidigen Blicken, als wollten sie ihr zurufen, dass Nela sich geirrt habe, es gäbe heute auf gar keinen Fall Regen.
Zwei Stunden später bekam sie recht und hatte relative Ruhe am Strand, denn die Urlauber hatten mit aufkommendem Wind rasch zusammengepackt und waren in eines der Cafés oder in ein Restaurant im Stadtkern geflüchtet. Das sah Nela aber schon gar nicht mehr, denn sie war in diesen zwei Stunden stramm marschiert, erst dicht am Wasser entlang. Das Salz auf ihren Lippen und ihren Wangen kam tatsächlich von den winzigen Tröpfchen Meerwasser, die der Wind versprühte, und nicht von irgendwelchen Tränen, die sie vergoss. Auf Höhe des FKK-Strands wandte sie sich dann Richtung Dünen, sie stieg hinauf und marschierte dort weiter, zwischen Strandhafer und Silbergras leuchteten winzig die wilden Stiefmütterchen auf, und sie entdeckte sogar eine Strand-Platterbse, die sich über den Boden rankte und an die anderen Pflanzen klammerte. Nela atmete tief durch und marschierte weiter, hinein ins Innere der Insel, denn jetzt wusste sie, wohin ihre Wanderung sie führte. Unterwegs kamen ihr nur wenige Radfahrer entgegen, mit verkniffenen Gesichtern unter den Kapuzen stemmten sie sich grimmig gegen den Wind.
Das war schon merkwürdig mit ihr und dem Meer, denn sobald sie sich ihm näherte, und zwar nicht der ruhigen, dem Watt zugewandten Seite im Süden der Insel, sondern dem wilden, schaumigen Meer, das im Norden gegen die Sandbänke brandete, war es, als ätzte es alle Schmerzen und jeden Kummer weg. Die Bewegung tat ein Übriges, und als sie innehielt und zurückblickte auf den weiten Weg, den sie gekommen war, bemerkte Nela, dass sie schon fast auf Höhe der Peilbake war, die sich auf der Möwendüne in den Himmel streckte. Sie hatte ihr Ziel erreicht, ganz weit im Osten der Insel, wo sich selbst bei gutem Wetter nur die eifrigsten Wanderer und Radler hin verirrten. Jetzt hatte sie diesen Ort für sich allein.
Früher, da waren sie mit den Fahrrädern hier rausgefahren, besonders an einen Winter konnte sie sich gut erinnern, eiskalt und sogar mit ein bisschen Schnee. Zu viert hatten sie sich am Fuß der Bake zusammengekauert, hatten dem Wind getrotzt und in den sternklaren Himmel aufgeblickt, wo der Komet Hale-Bopp seinen Schweif aus Eis und Gestein hinter sich über den Himmel zog; deutlich sichtbar in diesen Nächten. Damals war sie erst elf, und sie hatte daheim ordentlich Ärger bekommen, weil sie sich weggeschlichen hatte.
Die anderen hatten sich auch weggeschlichen, aber offenbar bekam keiner Ärger – oder sie verschwiegen es Nela.
Die Peilbake auf der Möwendüne aber – die stand auch fünfundzwanzig Jahre später tapfer dort oben. Wann war sie zuletzt hier gewesen? Nela wusste es nicht genau. Vielleicht kurz nach dem Abitur, als sie mit ihren Freunden einen letzten Abschiedsgruß an die Insel in einen der vier Holzpfosten ritzten. Thore hatte dafür extra sein Taschenmesser mitgebracht, und Björn hatte in stundenlanger Kleinarbeit geschnitzt, während sie kichernd danebenstanden und das mitgebrachte Bier tranken.
»Möge uns nie etwas trennen!«, hatte Finja in den lauen Sommernachthimmel gerufen.
Nela erreichte die Möwendüne. Eine Treppe führte hinauf zu der pyramidenförmigen Bake, auf der ein umgedrehtes Dreiecktoppzeichen steckte, alles aus Holz errichtet. Die Bake diente als Orientierung für die Schifffahrt.
Etwas außer Puste kam Nela oben an und fand nach einigem Suchen auch, was Björn damals mühevoll hineingeschnitzt hatte: BFNT4ever.
Björn, Finja, Nela, Thore – für immer.
Tja, dachte sie und ließ den Blick in alle Richtungen über die Dünen schweifen. Wie viel davon nach dem Abitur übrig blieb, hatte sie dann ja erlebt.
Was wohl aus den anderen geworden war? Finja hatte sich immer schon eher für einen geraden Lebensweg interessiert; bei ihr wusste Nela, dass sie schon bald einen Mann gefunden hatte, mit dem sie ihren Traum vom Häuschen mit Garten, Kindern und einer Katze erfüllt hatte.
Und die anderen? Björn traute sie es noch am ehesten zu, dass er noch irgendwo auf Norderney war; nach dem Abitur hatte er den Wunsch geäußert, auf Lehramt zu studieren. Er wollte immer das Vertraute behalten, nichts wagen, nichts riskieren.
Thore war da schon anders …
Thore, ach ja. Sie lächelte da oben auf der Möwendüne, ihre Finger fuhren das T nach, ein bisschen wehmütig, die Erinnerungen an damals …
Als er alles kaputt gemacht hat. Der Blödmann.
Ihr Lächeln wurde noch etwas breiter.
Thore jettete bestimmt um die Welt, dafür war er eindeutig der richtige Typ; die Surfreviere in Australien oder Portugal hatten ihn immer gelockt.
Es war irgendwie gut, hier oben zu stehen und mit so vielen Jahren Abstand auf eine Zeit zu blicken, die auf ihre Art schmerzhaft gewesen war. Die sie auch ein bisschen von der Insel vertrieben hatte. Vor allem Thore mit seinem für sie überraschenden Anflug von Romantik hatte sie verschreckt. Vielleicht war sie deshalb nach Hannover gegangen und hatte ihre Ausbildung zur Säuglingsschwester gemacht – und danach ergab sich eins zum anderen, erst die Hebammenschule, dann der Job in München. Und als sie Peter begegnete, schob sie die Erinnerung an die Insel und die Menschen hier in einen Winkel weit hinten in ihrem Herzen. Sie war in den vergangenen Jahren eigentlich nur gelegentlich zu Weihnachten und zu den runden Geburtstagen hergekommen. Das letzte Mal zu Omama Almas Achtzigstem vor knapp drei Jahren. Damals hatten sie das Wohnzimmer ausgeräumt und an einer langen Tafel den ganzen Tag die herrlichsten Köstlichkeiten geschlemmt und anschließend die Tische beiseitegeschoben und zu Omamas Schlagern getanzt, bis die Füße brannten.
Höchste Zeit, sich auf den Rückweg zu machen, damit sie pünktlich zum Mittagessen wieder daheim auf der Matte stand. Wenn sie nicht alles täuschte, war noch Kuchen vom Frühstück da.
Die Vorfreude auf Kuchen und die Gesellschaft ihrer Familie ließ Nela die Schritte beschleunigen. Vielleicht ergab sich ja nun die Gelegenheit, ein paar Takte mit ihrer Mutter darüber zu sprechen, was aus Omama geworden war.
So ganz richtig im Kopf war sie jedenfalls nicht mehr. Also die Omama.
Trudi Westhues kannte seit knapp vierzig Jahren nichts anderes als das Leben auf der Insel, und wenn man sie fragte, war das auch ganz in Ordnung so. Denn auch auf einer kleinen Insel wie Norderney, ein bisschen abgekapselt vom Rest der Welt, bekam man ja alles Wichtige mit, das da draußen vor sich ging. Und was nicht so wichtig war, nun, das bekam man nicht mit und brauchte sich deshalb überhaupt nicht erst aufzuregen.
Es gab allerdings zwei Dinge, die sie sehr beschäftigten. Das eine war Nela. Nela und ihre abgesagte Hochzeit. Nela und ihre Trennung von Peter. Nela und … ja, was? Sie wusste nicht viel über ihre Tochter. Darüber, was sie in den letzten zwölf Monaten getan hatte, außer vielleicht, dass sie weiterhin in der Klinik als Hebamme arbeitete. Aber Nela ließ ja auch nichts durchblicken; in der Hinsicht kam sie nach ihrem Vater Hinnerk, der nun mal, ganz der sture Ostfriese, sogar eine Erkältung durch Nichtbeachtung in die Knie zwingen konnte.
Und nun war Nela wieder da. Während Trudi sich über den Schmortopf beugte und den herrlichen Duft der Rouladen einsog, die sie heute früh in aller Eile aus dem Tiefkühler geholt hatte – Nelas Lieblingsessen! –, versuchte sie in Gedanken, das in Worte zu fassen, für das ihr eben genau diese fehlten.
»Mh, was duftet hier denn so lecker?«
Nela war zurück. Nass geregnet, vermutlich durstig von ihrer Wanderung, mit leicht geröteten Wangen von Wind und Sonne. Die honigfarbenen Haare klebten feucht an ihrer Stirn, und darunter funkelten die hellgrauen Augen zum ersten Mal seit ihrer Ankunft … ja, vergnügt? Trudi schöpfte Hoffnung. Vielleicht wurde es gar nicht so arg wie befürchtet.
Aber sie hatte noch ein zweites Sorgenkind im Haus, und eigentlich hätte sie gern vor dem Mittagessen mit Nela über Omama Alma gesprochen.
»Dazu gibt’s Blumenkohl und Kroketten. Für selbst gemachte blieb leider keine Zeit. Wasch dir die Hände, dein Vater kommt bestimmt auch gleich.«
