Die irische Meerjungfrau - Carolin Römer - E-Book

Die irische Meerjungfrau E-Book

Carolin Römer

4,5

  • Herausgeber: Conte Verlag
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2011
Beschreibung

"Ein Brummen weckte ihn. Ein Diesel, der monoton vor sich hin nagelte. Er spürte Gewicht und Wärme der tuckernden Maschine. Vorsichtig öffnete er ein Auge. Ein orangefarbenes Auto. Mit grünen Scheinwerfern. Er öffnete beide Augen. Sofort hörte das Brummen auf. Es war kein Auto. Es war eine Katze." Für Detective Sergeant Fin O'Malley kommt es knüppeldick. Frau und Tochter lassen ihn sitzen und sein Chef schiebt ihn aufs Abstellgleis. Er soll in einem Nest an der nordwestlichen Küste Irlands einen Verdächtigen aufspüren, der schon zehn Jahre tot ist. Hier in Foley, zwischen redseligen Iren und schweigenden Lämmern, beißt Fin erst mal auf Granit. Besonders bei Charlotte Quinn, die Kirchenfresken repariert und in einem einsamen Leuchtturm wohnt. Spannend und mit viel Humor erzählt Carolin Römer in ihrem Krimierstling eine Story, wie sie nur in Irland spielen kann. Hier tauchen ehemalige Piraten auf, atheistische Pfarrer, untergetauchte IRA-Leute, trinkfeste Großmütter, unsichtbare Kobolde, verschwundene Rennpferde - und eine geheimnisvolle Meerjungfrau.

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Seitenzahl: 318

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Carolin Römer

Die irische Meerjungfrau

Ich danke ganz besonders John Ryan und Danny Kelly für ihre Hilfe. Ohne sie wäre die irische Meerjungfrau nur halb so irisch geworden.

Prolog

Die lange farblose Kutte des Alten war voller mottenzerfressener Löcher. Sie flatterte im Wind und folgte dabei einem ganz eigenen Rhythmus. Der grobgewebte Stoff schien zu atmen, als ob außer dem klapprigen Knochengestell noch etwas anderes darin hauste und sich ganz offensichtlich wohlfühlte. Eine dürre, fast fleischlose Hand ragte aus dem ausgefransten Ärmel, die Haut, die sich über die Knöchel spannte, schimmerte wachsfarben und brüchig wie altes Pergament, blaue Adern liefen über sie hinweg wie Priele über einen Strand. Fingernägel gleich Tierklauen umklammerten einen langen, geschnitzten Gehstock. Mühsam hob er den schmutzstarren Saum, um vorsichtig einen Fuß vor den anderen zu setzen. Er trug Sandalen, das Leder dünn und abgewetzt, und doch war jeder Schritt, als hätte er eiserne Ketten an den Füßen.

Das Auffälligste an dem Alten aber war sein Bart. Eine verfilzte und verschimmelte Matte reichte ihm fast bis zu den Knien herab, vielleicht auch nur bis zu seinem Hintern, die gebückte Haltung verfälschte die Erscheinung. Im haarigen Gestrüpp wimmelten Essensreste wie hilflose kleine Fische in einem Netz. Als hätte sein Träger vorsichtshalber ein paar Vorräte für eine lange Reise eingepackt.

Der glasige Blick aus wässrigen Augen war gen Himmel gerichtet als suche er dort Eingebung, mindestens aber Ermutigung für sein Tun, wenigstens jedoch eine Antwort auf die Frage aller Fragen – warum er es tat.

Hinter dem Alten stakste ein untersetztes, unscheinbares Männchen auf kurzen, krummen Beinen. Wo andere einen einzigen Schritt taten, brauchte es drei. Seine graue Kutte war um einige Ellen zu groß, ständig geriet der Kleine ins Straucheln und fiel seinem Vordermann in den Rücken. Die schwarze struppige Mähne hing ihm wirr ins Gesicht, selbst wenn er die schmierigen Strähnen bei jedem Schritt zur Seite strich, konnte er unmöglich sehen, wohin er trat. Es blieb ihm nicht viel mehr übrig, als an dem Alten zu kleben wie ein Schatten.

Der Dritte im Bunde überragte sie alle. Er schleppte ein wahres Gebirge von Buckel mit sich, sein spiegelblanker Schädel war zwischen die Schulterblätter gesunken, weshalb er anatomisch gar nicht in der Lage schien, die Augen vom Boden zu lösen. Sein Atem war ein müdes Rasseln, seine schweren Schritte hinterließen tiefe Pfützen im nassen Sand.

Hinter den Dreien folgten weitere Gestalten, alle im Gänsemarsch, eine lange, schweigende Prozession von Mönchen, die über den Strand zogen, bis sich der letzte als unbedeutende Silhouette im Nebel verlor.

1. Pleurants

Er blinzelte.

Mit etwas Phantasie sahen die Felsen tatsächlich aus wie eine düstere Prozession mittelalterlicher Mönche, besonders wenn die Phantasie von fünfzehn Jahre altem schottischen Single Malt beflügelt wurde. Im Reflex klopfte er gegen die Innentasche seiner Barbourjacke. Der Flachmann klang erschreckend hohl. Er sollte ihn im nächsten Pub nachfüllen.

Sein Reiseführer hatte das Naturschauspiel beschrieben. Welchem unergründlichen Muster auch immer Gott gefolgt war, als er diese Steine in den Sand geworfen hatte, sie gaben den Menschen seit jeher Rätsel auf. Mannshohe Felsbrocken, die in einer geheimnisvollen Ordnung über den Strand zu marschieren schienen, die aber anders als prähistorische Steinkreise nicht von Menschenhand dorthin gestellt worden waren, sondern allein das Werk von Mutter Natur waren. Sonne und Wind, Ebbe und Flut hatten den Steinen über die Jahrtausende zugesetzt. Algen und Flechten wucherten Bärten gleich auf der verwitterten Oberfläche. Muscheln hatten sich in den winzigsten Winkeln festgekrallt und bizarre Muster gebildet, während das Salzwasser stetig am Fundament nagte. Es war abzusehen, dass in ein paar hundert Jahren nichts mehr da sein würde, das die Phantasie eines Betrachters beflügeln konnte.

Im vergangenen Jahrhundert hatte ein findiger Tourismusmanager der Felsformation den Namen Pleurants gegeben. Das war Französisch und bedeutete frei übersetzt so viel wie Trauerzug, in Anlehnung an steinerne Figuren bedeutender Grabmale noch bedeutenderer Könige. Genützt hatte es nichts, Touristen waren keine gekommen, und die rätselhaften Steine wanderten weiter unbeachtet über einen menschenleeren Strand. Es gab weit und breit nichts Bemerkenswertes. Keine bedeutenden Kulturschätze, weder römische Ausgrabungen noch himmelstürmende Zeugnisse mittelalterlicher Baukunst. Nur Landschaft. Und selbst die war wenig spektakulär. Eintöniges Grün, Wiesen und Weiden, die ohne Vorwarnung in scharfen Klippen zum Meer hin abbrachen, ein schmaler Streifen Strand, mit Felsen gespickt, schließlich eine langweilig graue Pampe, die sich Atlantik nannte. Und über allem ein wolkenverhangener Himmel, aus dem es meistens regnete. Wer’s mochte …

Nein, hierher kam niemand freiwillig. Im Gegenteil, seit mehr als tausend Jahren hatten die Menschen alles daran gesetzt, von hier fortzukommen.

Day’s Forelandwar eine Halbinsel im äußersten Nordwesten Irlands. Wobei Day eine englische Verballhornung des gälischen Wortes dia war. Dia bedeutete nichts Geringeres als Gott, und ursprünglich hieß der Landstrich An Lámh Dé – die Hand Gottes. Tatsächlich sah die Küstenlinie mit ihren tief ins Land reichenden fjordähnlichen Buchten auf der Landkarte aus wie eine Hand mit fünf ausgestreckten Fingern. Aber diese Gegend schien von Gott ebenso verlassen wie von allen anderen Lebewesen.

Die ersten Spuren menschlichen Wirkens hinterließ – wie sollte es in diesem Lande anders sein – eine Handvoll Mönche, die im achten Jahrhundert hier durchgezogen war. Sie hatten sich nicht lange aufgehalten. Der Legende nach waren sie mit einem Boot, einem lederbezogenen Curach, von einer Landzunge aus in See gestochen. Sie waren dem Zeigefinger Gottes gefolgt, der ihnen den Weg ins Gelobte Land weisen sollte. Wenn sie unterwegs nicht abgesoffen waren, hatten sie wahrscheinlich Grönland entdeckt. Was am Ende aus ihnen wurde, ist nicht überliefert. Aber es ist unwahrscheinlich, dass sie nach dieser Entdeckung noch große Lust verspürt hatten, mehr vom Rest dieser Welt zu sehen.

Wenig später begannen auf dem Nachbarfinger ganz andere Elemente einem eher unchristlichen Handwerk nachzugehen. Denn ganz oben, sozusagen auf der Kuppe des fast schon obszön langen Mittelfingers, lag das Dorf Foley – und der eigentliche Grund für Fins Anwesenheit.

Denn er war ganz und gar nicht freiwillig hier, und er hätte sonst was dafür gegeben, in diesem Augenblick woanders zu sein.

Fin schlug den Kragen seiner Jacke hoch und schniefte.

An sonnigen Tagen konnte er einer solchen Landschaft durchaus etwas Reizvolles abgewinnen, aber an Tagen wie heute? Er war ein Stadtmensch. Völlig ungeeignet für das Leben unter freiem Himmel. Das einzige Grün, das er gelten ließ, waren die Parks in Dublin mit all ihrem staubigen Laub, den überquellenden Abfalleimern, umherirrenden Touristen und vierundzwanzigstündigem Lärmpegel. Autoabgase waren auch nicht schlechter als der muffige Geruch von abgestandenem Salzwasser, verwesenden Krabben und modernden Algen.

Es war viel zu still hier. Kaum ein Laut war zu hören, nicht mal eine einzige keifende Möwe. Das Meer kotzte lustlos auf den Strand und ließ den schmutzigbraunen Seetang hin und her schwappen. Kein Wind, der die Wellen dramatisch aufwühlte oder wenigstens die winzigen Mücken vertrieb. Dazu ein Nebel, der den dicksten Großstadtsmog in den Schatten stellte, milchig, sämig und unappetitlich wie Haferschleim. Der Horizont war hinter einem dichten Schleier aus feinem Nieselregen verschwunden. Während der ganzen Autofahrt hatte es geregnet, und noch immer trommelten die stecknadelfeinen Tropfen auf die harte Schale seiner nagelneuen Wachsjacke.

Er hatte sich gut vorbereitet. Nicht nur eine neue Jacke gekauft. Oder diesen handgestrickten Pullover aus handgesponnener Wolle von freilaufenden Schafen, der eigentlich bloß unangenehm auf der Haut kratzte und bei der ersten Wäsche wahrscheinlich auf Zwergengröße einschrumpfte. Er hatte sich sogar knöchelhohe, wetterfeste Schnürschuhe gekauft, bloß lagen die jetzt im Kofferraum seines Wagens oben an der Straße, weil er es viel zu unbequem fand, mit diesen klobigen Waldbrandaustretern Auto zu fahren.

Seine hellen Wildlederschuhe waren komplett durchweicht. Der kurze Spaziergang über den Strand hatte genügt. Nein, es waren keine handgenähten italienischen Maßschuhe, bloß ein Sonderangebot, aber es wurmte ihn dennoch. Sie waren fehl am Platz. Genau wie er.

Er hätte Gummistiefel mitbringen sollen. Auf der Fahrt war er an einem noblen Country Hotel vorbeigekommen. Dort hatte eine ganze Reihe von Gummistiefeln an der Garderobe ausgeharrt, kein Paar unter zweihundert Euro wert. Im hoteleigenen Pub hatten ihre Besitzer an der Theke gestanden und zwanzig Jahre alten Whisky geschlürft. Unternehmensberater, Investmentbanker und Topmanager, die ein Event-Weekend gebucht hatten und eine Menge Geld dafür hinlegten, in einem Selbsterfahrungskurs mit Anglerstiefeln bis zum Bauch im kalten Wasser zu stehen und ahnungslosen Lachsen aufzulauern. Für einen kurzen Moment hatten ihn Marmorbäder und Internetanschluss, Bibliothek und Rauchersalon gereizt, aber ihm war schnell klar geworden, dass die Preise sein Budget sprengten. So hatte er es bei einem feudalen Mittagsmahl belassen.

Mangels echter Alternativen hatte er sich für ein Bed&Breakfast entschieden. An der Tankstelle in Foley hatte er gefragt und die Adresse der Witwe MacCormack erhalten, die am Ausgang des Dorfes wohnte und Zimmer vermietete. Er fand einen Bungalow aus den frühen achtziger Jahren, dessen große Panoramafenster über einen akkurat geschnittenen Rasen, ebenso akkurat gestutzte Büsche und weniger akkurat verblühte Astern auf eine weite Bucht hinausgingen. Im Garten die unvermeidliche Wäschespinne, auf deren Leine selbst bei strömendem Regen wenigstens ein einzelner Bettbezug die unermüdliche Hausfrau verriet. Auf einem Pfosten neben der Auffahrt zur Garage thronte eine kitschig bunte Marienstatue aus Gips, zu ihren Füßen ein Ewiges Licht. Hier würde man ihn gewiss nicht von der Schwelle weisen. Dennoch hatte ihn die Witwe MacCormack – fünfundsiebzig (geschätzt), hundertachtzig Pfund (über den Daumen gepeilt) und schwarzgefärbt (todsicher) – misstrauisch angesehen, als er vor ihrer Tür aufgekreuzt war. Die Urlaubssaison war längst vorbei, kein Mensch im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte verbrachte Anfang November seine Ferien an der rauen Nordwestküste, da pflichtete Fin ihr insgeheim bei. Aber schließlich hatte sie ihm doch ein Zimmer aufgesperrt, die Plastikschutzhülle vom Bett genommen und den Geruch von Mottenkugeln zum Fenster hinausgejagt. Ein gutes Geschäft ließ sich hier eben niemand entgehen. Wahrscheinlich tackerte sie in diesem Augenblick gerade den plüschigen blassgelben Bettvorleger auf dem Boden fest und nahm das vergoldete Kruzifix über dem Bett herunter. Nicht dass sie ihm nicht über den Weg traute …

Er hatte seine Reisetasche abgestellt, sich mit seiner Straßenkarte bewaffnet und war wieder ins Auto gestiegen. Erst mal wollte er die Gegend erkunden und war einfach der Straße nachgefahren. Am Kap vorbei mit dem alten Leuchtturm, immer die kurvenreiche Küste entlang bis ein Schild am Straßenrand ihn auf dieses touristische Highlight aufmerksam gemacht hatte.

Vom Parkplatz führte ein schmaler Trampelpfad durch Gras und Heidekraut bis zum Rand der Dünen. Er spazierte eine Weile über den Strand, die Hände in den Taschen vergraben. An manchen Stellen hatten Wind und Meer den nackten Fels unterm Sand freigefegt, im Dunst konnte er in der Brandung verborgene Riffe erahnen. Die Küste galt seit Menschengedenken als gefährlich. Vor Inbetriebnahme des Leuchtturms hatten die Menschen ihr karges Dasein aufgebessert, indem sie Schiffe mit falschen Lichtsignalen auf die Klippen lockten und ausplünderten. So auch die Einwohner von Foley. Das gälische Wort für Pirat lautete nicht von ungefähr foghlai …

Muscheln knirschten unter seinen Schuhen, als er den Hinterlassenschaften der allgegenwärtigen Schafe auswich. Der Spülsaum lag voller Treibgut. Im vertrockneten Tang hatten sich Reste eines Fischernetzes verfangen, etwas weiter lag eine Holzplanke, die wahrscheinlich schon seit hundert Jahren im Salzwasser badete. Hier ein rosa Flipflop mit abgerissenem Riemen, dort die unvermeidliche Plastikflasche, grün von Algen. Auch an den abgelegensten Stränden war man nicht sicher vor Zivilisationsmüll.

Da stand er, mitten im trostlosen Nichts, und betrachtete ein paar verwitterte Felsbrocken. Er fragte sich, ob diese Trauergesellschaft dieselben Mönche darstellen sollte, die damals im achten Jahrhundert zu neuen Ufern aufgebrochen waren. Der Ausflug schien ihnen nicht bekommen zu sein, irgendwie sahen sie aus wie eine Schar Schiffbrüchiger, die sich mit letzter Kraft ans rettende Ufer schleppte.

Zähe Nebelschwaden zogen in die Bucht, das Meer war kaum noch zu erkennen. Es war wie in einer Waschküche, nur kälter. Fin gönnte sich den letzten Schluck Whisky, verschloss mit klammen Fingern die leere Flasche und ließ sie wieder in die Jacke zurückgleiten. Dann machte er kehrt und stapfte zurück zum Parkplatz.

Der Strand erbebte.

Fin drehte sich um.

Aber da war nichts. Nichts außer den gespenstischen Nebelfetzen, die lautlos übers Wasser glitten. Nichts, das dieses eigenartige Geräusch verursachen könnte, dieses dumpfe, rhythmische Hämmern, das immer lauter wurde. Zuerst dachte er an das Tuckern eines Schiffsdiesels, ein Fischkutter draußen auf See. Aber dieses Geräusch stammte nicht von einer Maschine. Und es war viel näher als jeder Kutter sein konnte.

Er merkte, dass er unbewusst den Atem anhielt, als könne er dadurch besser hören. Seine Augen tasteten sich durch den Nebel, suchten nach einem Schatten, einer Bewegung. Das Vibrieren des Sandbodens unter seinen Füßen wurde stetig stärker, so als ob sich etwas Schweres, etwas Gewaltiges näherte. Langsam tastete er sich rückwärts in Richtung Dünen. Was da auch immer auf ihn zu kam, vielleicht war es nötig, in Deckung zu gehen …

Eine Gestalt schälte sich aus dem Dunst, wurde größer, begleitet von heftigem Schnaufen.

Dann konnte er das Geräusch einordnen.

Hufschlag.

Er atmete auf.

Ein Pferd tauchte aus dem Nebel auf. Ein riesiger Schimmel, der mit langen Sprüngen am Wasser entlanggaloppierte, aus tiefen Nüstern quoll jeder Atemzug als weiße Dampfwolke. Auf seinem Rücken eine dunkel gekleidete Gestalt, ein weiter Mantel bauschte sich im Wind.

Fin war stehengeblieben und starrte die Erscheinung so entgeistert an wie eine heranfliegende Untertasse. Keine fünfzig Meter trennten sie. Den Kopf tief über die flatternde Mähne gebeugt war der Blick des Reiters unbeirrt nach vorn gerichtet, als fixierten seine Augen ein imaginäres Ziel in der Ferne. Er schien Fin gar nicht zu bemerken. Wie ein Gespenst schwebte das Pferd über den Strand, kein Huf schien den Sand zu berühren. Der Nebel verzerrte nicht nur jedes Geräusch, er schien auch die Gesetze der Schwerkraft zu ignorieren und jede Bewegung auf ein Minimum zu verringern.

Wasser spritzte, Sandklumpen flogen in hohem Bogen auf. Dann verschwand der Schimmel wieder im Nebel, sein Hufschlag folgte ihm wie ein Echo und verstummte schließlich.

Fin blickte noch eine ganze Weile auf die Stelle, an der er verschwunden war. Er war sich nicht ganz sicher, ob er das eben wirklich gesehen oder sich nur eingebildet hatte. Er ging hinunter ans Wasser und suchte vergeblich den glattgespülten Sand ab. Entweder hatten die Wellen die Hufspuren schon weggewischt, oder es hatte sie nie gegeben.

Er sollte wirklich mit dem Trinken aufhören.

Er schüttelte den Kopf und machte sich auf den Rückweg. Dort, wo der Strand zu Ende war und ein Weiterkommen von scharfkantigen Felsen vereitelt wurde, führte der Trampelpfad durch die Dünen zur Straße hinauf. Er fand seine Fußspuren wieder, die er beim Runtergehen hinterlassen hatte, aber sie waren nicht alleine. Tiefe Hufabdrücke hatten den feuchten Sand aufgewühlt.

Oben bei seinem Wagen blieb er stehen und lauschte. Fast erwartete er, irgendwo in der Ferne Hufe auf Asphalt klappern zu hören, aber alles war still.

Immerhin, der Reiter war real gewesen. Keine Halluzination. Kein sagenumwobener kopfloser Kerl. Kein Rächer auf einem feuerschnaubenden, glutäugigen Ross, geradewegs einer irischen Legende entsprungen. Nicht einmal einer der apokalyptischen Vier. Nur ein ganz normaler Mensch auf einem Pferd aus Fleisch und Blut.

Glaubte er wenigstens.

Mit einem Blick auf die Uhr beschloss Fin, dass es Zeit war für ein Pub. Zeit für ein Abendessen und einen verdammt großen Whisky.

2. The Fisherman

Das Fisherman war das angesagteste Pub in Foley. Und das einzige. Und wo es keine Konkurrenz gab, bestand auch keine Notwendigkeit, irgendetwas zu verändern.

Die Holzverkleidung der Wände und Nischen, die verschrammten Tische und Stühle, die wuchtige Theke, alles war im Laufe von Jahrzehnten durch Nikotin und Torffeuer dunkel geworden. Die letzte Generalüberholung der rissigen, dunkelroten Lederpolster musste mehr als zwanzig Jahre zurückliegen. An den kleinen Fenstern filterten brüchige Gardinen das Licht und verhinderten die freie Sicht auf staubige Scheiben. Auf dem blankgescheuerten Boden fristete ein abgetretener Teppichläufer ein trauriges Dasein vor einem rußgeschwärzten Kamin, zwischen dessen schiefen Mauern ein Feuer bläulich flackernd vor sich hin kümmerte und wenig Wärme verbreitete. Aber die war auch nicht nötig, das Pub war gut besucht, fast alle Nischen und Tische waren besetzt. Es roch nach Zigaretten, nassen Pullovern und verbranntem Kaffee.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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