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In "Die Islandfischer" entführt Pierre Loti seine Leser in die abgelegenen und verführerischen Gewässer Islands, wo er das Leben der Einheimischen und ihre mühevolle Existenz als Fischer eindrucksvoll schildert. Der literarische Stil Lotis ist geprägt von einer dichten, atmosphärischen Prosa, die die rauen Landschaften und die Gefühlswelt der Protagonisten lebendig werden lässt. In einer Zeit des aufkommenden Kolonialismus und der Exotisierung ferner Länder schafft Loti ein feinfühliges Porträt einer Kulturdimension, die sowohl anziehend als auch herausfordernd ist und hinterfragt die romantisierte Sicht auf das "Fremde". Pierre Loti, ein französischer Marineoffizier und Schriftsteller, war bekannt für seine Reisen und die Fähigkeit, fremde Kulturen in seiner Literatur zu reflektieren. Seine eigenen Erlebnisse als Seemann und seine tiefen Romanzen mit den verschiedenen Kulturen, die er während seiner Reisen kennenlernte, beeinflussten stark sein Œuvre. In "Die Islandfischer" verarbeitet Loti nicht nur seine persönlichen Erfahrungen, sondern beleuchtet auch die Zerrissenheit zwischen Tradition und Moderne. Dieses Buch ist eine fesselnde Lektüre für alle, die an kulturellen Begegnungen und den Herausforderungen des menschlichen Daseins interessiert sind. Lotis feinsinnige, poetische Sprache und seine tiefen Einsichten in menschliche Beziehungen machen "Die Islandfischer" zu einem zeitlosen Werk, das sowohl auf emotionaler als auch auf intellektueller Ebene ansprechen kann. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Zwischen der unbarmherzigen Anziehungskraft des Meeres und der fragilen Wärme des Landes spannt sich in Die Islandfischer die existenzielle Sehne eines Lebens, das vom Rhythmus der Jahreszeiten, von Pflicht, Hoffnung und der stets drohenden Leere bestimmt wird, wenn Männer in schmalen Schiffen hinausfahren, um den Fang in den fernen Gewässern zu suchen, während daheim Stille, Arbeit und Erwartung ineinander greifen, und jedes Herz, ob an Bord oder am Kai, denselben Takt aus Mut und Furcht schlägt, weil Liebe und Gefahr, Herkunft und Weite, Treue und Verlust dort unauflöslich miteinander verschlungen sind.
Pierre Loti veröffentlichte den Roman Die Islandfischer 1886; er zählt zu seinen bekanntesten Büchern der maritimen Literatur des späten 19. Jahrhunderts. Das Werk spielt vor allem in einem bretonischen Küstendorf und auf den fischreichen, kargen Fanggründen vor Island. Loti, selbst Marineoffizier und durch Seefahrten geprägt, bündelt Beobachtungsgabe und stilistische Sensibilität zu einer eindringlichen Darstellung des Lebens am Rand der Welt. Ohne dokumentarisch zu sein, wahrt der Roman Nähe zur Realität harter Arbeit, saisonaler Fahrten und der sozialen Bindungen, die ein raues Klima formt und zugleich bedroht. Der Schauplatz wechselt dabei zwischen Dorf, Hafen und offener See und entfaltet kontrastreiche Räume.
Ausgangspunkt ist der alljährliche Aufbruch der Fischerflotte: Mit dem Frühling werden Boote ausgerüstet, Segel gesetzt, und für Monate trennen sich die Wege derer, die hinausziehen, und derer, die zurückbleiben. Loti erzählt diese Bewegungen mit einer ruhigen, zugleich atmenden Stimme, die große Linien malt und doch zarte, alltägliche Gesten beachtet. Der Ton ist ernst, würdevoll, von verhaltener Melancholie durchzogen, nie sentimental, sondern getragen von einer Achtung vor Menschen und Elementen. Leserinnen und Leser erleben ein stetiges Pulsieren zwischen Weite und Enge, zwischen Außenwelt und Innerlichkeit, das den Roman durchzieht und sein besonderes, tiefes Tempo bestimmt.
Stilistisch verbindet der Text bilderreiche, oft von Licht, Wind und Wasser dominierte Beschreibungen mit einer zurückhaltenden, genau beobachtenden Erzählweise. Die Sprache trägt die Salzigkeit der See: geruchlich, klanglich, mit dem Gewicht von Tauwerk und Wetter, doch ohne prunkvolle Überladung. Wo nötig, greift Loti auf präzise maritime Termini zurück, die die Arbeit an Bord begreifbar machen, während an Land einfache Tätigkeiten und Riten eine leise Symbolik entfalten. Die Komposition wirkt zyklisch, dem Jahreslauf folgend, mit Wiederkehr und Variation; daraus erwächst eine eindringliche Rhythmik, die Leserinnen und Leser weniger antreibt als sachte, aber unwiderstehlich fortzieht.
Im Mittelpunkt stehen Themen, die sich aus Arbeit und Element ergeben: Gefahr, Ausdauer, Zusammenhalt und die Erfahrung von Trennung. Das Meer erscheint nicht als bloße Kulisse, sondern als Gegenüber, dessen Gaben und Zumutungen das Leben ordnen. Liebe zeigt sich hier als Geduld und Haltung, nicht als spektakuläre Geste; Heimat als ein Netz aus Wegen, Stimmen und Blicken, das auch in Abwesenheit trägt. Gleichzeitig verhandelt der Roman die Würde körperlicher Arbeit, die Ordnung der Gemeinschaft und die Frage, was Beständigkeit bedeutet, wenn alles in Bewegung ist und der Zufall zur täglichen Realität gehört.
Heute bleibt Die Islandfischer relevant, weil es über eine konkrete Küstenwelt hinaus von der Prekarität abhängiger Arbeit, von Unsicherheit und Resilienz erzählt. Wer sich in globalen Lieferketten, saisonalen Beschäftigungen oder in Berufen mit realem Risiko wiederfindet, erkennt die existenziellen Konturen, die Loti zeichnet. Ebenso spricht das Buch Leserinnen und Leser an, die die Erfahrung des Wartens, der Distanz und des geteilten Alltags kennen. Es macht sichtbar, wie fragile Sicherheiten durch Gemeinschaft, Rituale und Sprache gestützt werden, und wie Sinn aus wiederkehrenden Handlungen entsteht, selbst dort, wo Planung ständig durch Natur und Zufall unterlaufen wird.
Wer diesen Roman aufschlägt, sollte sich auf eine Lektüre einlassen, die mehr durch Atem, Takt und Atmosphäre als durch dramatische Wendungen getragen wird. Die Islandfischer lädt dazu ein, den Blick zu schärfen: für Wetterwechsel, für Arbeitsschritte, für Schweigen, in dem Beziehungen sichtbar werden. Loti verlangt kein Vorwissen, doch belohnt Geduld mit einer dichten Welt aus Klang und Geste, in der jedes Detail Bedeutung gewinnt. So entsteht ein stilles, zugleich spannungsvolles Lesen, das die Gegenwart der Figuren ernst nimmt und weit über das letzte Kapitel hinaus nachhallt. Wer bereit ist, langsam mitzuschwingen, entdeckt darin eine seltene Form von Intensität.
Pierre Loti veröffentlichte 1886 den Roman Die Islandfischer, der das Leben bretonischer Fischer aus Paimpol schildert, die jeden Sommer auf entlegene Fanggründe vor Island auslaufen. Der Roman eröffnet mit dörflichen Szenen, frommen Bräuchen und der angespannten Stimmung vor dem Abschied. Loti verbindet ethnografische Genauigkeit mit poetischer Bildkraft; die See erscheint als unberechenbare Hauptfigur. Von Beginn an wird ein Grundkonflikt etabliert: Erwerb und Gefahr, Bindung und Entwurzelung, Hoffnung und Aberglaube. Das Werk rahmt persönliche Geschichten durch den zyklischen Rhythmus der Jahreszeiten und der Kampagnen, wodurch Ernst der Arbeit und das soziale Gefüge plastisch werden.
Im Zentrum stehen einzelne Lebensläufe, die das Kollektiv spiegeln. Yann Gaos, ein stolzer junger Seemann aus einer Fischerfamilie, gilt als geachtet und ungebunden. Gaud Mével, Tochter eines wohlhabend gewordenen Küstenhändlers, lebt im Haus ihres Vaters zwischen Komfort und den strengen Sitten der Küste. Zwischen beiden entsteht eine leise, von Stolz und unterschwelligen Standesgrenzen geprägte Anziehung. Daneben rückt Loti Sylvestre Moan in den Blick, einen sanften Cousin Yanns, und dessen Großmutter Yvonne, deren stilles Haus das Warten verkörpert. Religiöse Feste, Segnungen der Boote und Dorfsitten strukturieren den Alltag, während die Vorbereitung auf die Abfahrt jedes Gefühl schärft.
Die erste Ausfahrt führt auf kalte, nebelreiche Gewässer, wo Monate harter, gleichförmiger Arbeit beginnen. Loti zeigt das Leben an Bord mit genauen Beobachtungen: ständige Nässe, Schlafmangel, knappe Nahrung, strenge Hierarchien und die Konzentration auf Fang und Navigation. In ruhigen Passagen wird die Kameradschaft der Männer spürbar, in Stürmen ihre Ohnmacht. Die Erzählung wechselt regelmäßig zurück an Land, wo Gaud und die Zurückgebliebenen mit Gerüchten, Listen und spärlichen Nachrichten leben. Die Spannung entsteht aus dem Gegensatz zwischen täglicher Routine und jederzeit möglichem Unheil sowie aus Gauds stiller Erwartung, die Yanns Freiheitsdrang und Eigenwillen gegenübersteht.
Parallel dazu greift der Staat in die Familiengeschichte ein: Sylvestre wird zum Dienst auf einem Kriegsschiff eingezogen und in ferne Gewässer geschickt. Seine Briefe aus Übersee, schlicht und staunend, verbinden exotische Eindrücke mit Heimweh und Pflichtgefühl. Für seine Großmutter verdichten sich Alltag und Religiosität zu einer stillen Liturgie des Wartens; jede Nachricht wird zum Zeichen. Loti kontrastiert so zwei Formen von Seefahrt: die traditionelle, ökonomisch motivierte Kampagne und den militärischen Dienst im Zeichen nationaler Interessen. Beide entziehen die jungen Männer der Gemeinschaft und verlängern die Kette von Abwesenheiten, auf der die dörfliche Zeitrechnung beruht.
Zwischen Gaud und Yann verdichtet sich die Beziehung in vorsichtigen Annäherungen, die ständig von Gerede, Unsicherheit und verletztem Stolz überschattet werden. Yann, der Freiheit und Kameradschaft auf See idealisiert, scheut das feste Versprechen; Gaud, geprägt von Pflichtgefühl und innerer Festigkeit, sucht Nähe ohne ihn zu bedrängen. Kleine Gesten, zufällige Begegnungen und feierliche Umzüge des Dorfes markieren Fortschritte und Rückschritte. Schließlich scheint ein gemeinsamer Weg in Reichweite, doch er bleibt fragil und an Bedingungen gebunden, die die See jederzeit unterlaufen kann. Loti zeigt Liebe als Aushandlung zwischen persönlichem Wunsch, sozialem Kodex und der Tyrannei des Rhythmus der Fahrten.
Eine weitere Kampagne verschärft den Druck. Die Männer arbeiten an der Grenze der Kräfte, gesteuert von Wind, Strömung und der Hoffnung auf reiche Fänge. Nebel, Eis und plötzliche Stürme fordern Disziplin und erhöhen die Abhängigkeit von Erfahrung, Zeichen und Aberglauben. Loti verdichtet die Naturbeschreibung zu einem Element moralischer Prüfung: Die See belohnt selten und mahnt oft. Die Kommunikation mit dem Festland bleibt brüchig; Gerüchte dringen verzögert durch. In der Crew entstehen stilles Einverständnis und latente Spannungen, während an Land Vorbereitungen und Erwartung ineinandergreifen. Alles steuert auf Entscheidungen zu, die von Wetter, Zufall und Charakter gleichermaßen geprägt sind.
Die Islandfischer entfaltet damit weniger eine Abfolge spektakulärer Ereignisse als eine tragfähige Studie über Arbeit, Seßhaftigkeit und Entwurzelung im Bann der See. Loti verbindet zarte Liebesgeschichte, Dorfalltag und maritime Härte zu einem Bild kollektiver Existenz, in dem persönliche Wahl stets von Schicksal, Ökonomie und Ritual begrenzt wird. Der Roman wirkt nachhaltig durch seine sinnliche Sprache und die Empathie für eine marginalisierte Berufsgruppe, ohne Idealisierung und ohne sentimentale Ausflucht. Er hinterlässt das Gefühl einer stillen Größe des Gewöhnlichen und die Frage, wie Liebe und Hoffnung in einem Leben bestehen können, das vom Takt der Natur beherrscht bleibt.
Die Islandfischer (Pêcheur d’Islande, 1886) verortet seine Handlung im späten 19. Jahrhundert zwischen der bretonischen Hafenstadt Paimpol und den fischreichen Gewässern vor Island. Der Rahmen ist die Dritte Französische Republik, deren Institutionen – von der Inscription maritime, dem staatlichen Register seefahrender Männer, bis zur stark verankerten katholischen Kirche – die Lebensläufe bestimmen. Auch die neuen, laizistischen Schulgesetze der Jahre 1881–1882 prägen die Küstengesellschaft, in der bretonische Sprache und französische Staatlichkeit aufeinandertreffen. Die staatliche Marineverwaltung, Hafenbehörden und frühe meteorologische Warnsysteme strukturieren den Alltag. In dieser Welt verknüpft Loti lokale Tradition, nationale Regulierung und die Härten einer gefährlichen Erwerbsarbeit.
Die sogenannte Islandfahrt war eine saisonale Hochseefischerei, die vom 18. bis späten 19. Jahrhundert vor allem aus bretonischen Häfen wie Paimpol betrieben wurde. Segelnde Goéletten legten im Frühjahr ab, erreichten die Gewässer vor Island nach Wochen und nutzten Langlinien, um Kabeljau zu fangen. An Bord wurde gesalzen und gepökelt; die Ware deckte in Frankreich eine starke Nachfrage, die auch durch katholische Fast- und Abstinenztage begünstigt war. Die Reisen dauerten bis in den Spätsommer, oft ohne Kontakt zur Heimat, da drahtlose Telegrafie auf See noch nicht verfügbar war. Unfälle, Krankheiten, Vereisung und Stürme machten die Arbeit lebensgefährlich.
In den Küstenorten der Côtes‑du‑Nord (heute Côtes‑d’Armor) lebten viele Familien von der Seefahrt, während Frauen und ältere Angehörige Landwirtschaft, Handel und Handwerk zu Hause aufrechterhielten. Die katholische Kirche strukturierte das Jahr mit Messen, Prozessionen und Pardons; sie prägte auch Rituale des Abschieds und Gedenkens für auf See Verschollene. Bretonisch blieb Alltagssprache vieler, doch die republikanische Schule förderte Französisch als Nationalsprache. Armut, saisonale Abwesenheit der Männer und Verwundbarkeit gegenüber Unfällen verstärkten lokale Formen gegenseitiger Hilfe, etwa Bruderschaften und Unterstützungsvereine. Diese sozialen Realitäten bilden den Hintergrund der Figuren, deren Bindungen durch Distanz, Pflichtgefühl und religiöse Praxis geformt sind.
Seit dem Ancien Régime regelte die Inscription maritime die Zugehörigkeit von Küstenbewohnern zur Seefahrt und ihre Wehrpflicht für die Marine. Im 19. Jahrhundert blieb dieses System wirksam: Einschreibung brachte Zugänge zu Unterstützungsfonds wie der historischen Caisse des Invalides de la Marine, verpflichtete aber zugleich zu Dienst und Disziplin. Der Staat investierte in Leuchttürme und Baken entlang der gefährlichen bretonischen Küste; zugleich wachte die Marinepräfektur in Brest über Rekrutierung und Sicherheit. Pierre Loti, selbst Marineoffizier, kannte diese Strukturen aus erster Hand und lässt ihre Auswirkungen auf Arbeit, Risikoabschätzung und familiäre Lebensplanung mitschwingen.
Die Fischgründe lagen in internationalen Gewässern nahe einer Insel, die im 19. Jahrhundert unter dänischer Herrschaft stand. Französische, britische und deutsche Schiffe nutzten die Saison parallel; Konflikte entstanden weniger aus Hoheitsfragen als aus Konkurrenz, Wetter und begrenzten Ressourcen an sicheren Ankerplätzen. Die Seenotrettung war erst im Aufbau: In Frankreich entstand 1865 die Société Centrale de Sauvetage des Naufragés, doch auf hoher See blieben Hilfe und Kommunikation lückenhaft. Friedhöfe und Gedenktafeln an der Nordküste der Bretagne zeugen von Verlusten der Islandfahrer und verankern die Erinnerungskultur, die auch Lotis Leserschaft berührte und mobilisierte.
Literarisch steht das Buch in einer Epoche, die Realismus und Naturalismus bevorzugte. Zeitgenossen wie Émile Zola beschrieben Arbeitswelten, Victor Hugo hatte mit Les Travailleurs de la mer (1866) das Meerthema geprägt. Loti verband dokumentarische Beobachtung, gesammelt als Marineoffizier, mit einer poetischen, melancholischen Sprache und starkem Regionalkolorit. Pêcheur d’Islande erschien 1886 und machte die bislang periphere Welt der Islandfahrer einem breiten, städtischen Publikum zugänglich. Die Resonanz wirkte über die Literatur hinaus: In den 1890er Jahren popularisierten Lieder wie La Paimpolaise von Théodore Botrel das Bild der Fischer aus Paimpol und verankerten es in der französischen Populärkultur.
Zur Entstehungszeit des Romans waren die meisten Paimpoler Islandfahrer noch Segelschiffe; Dampfkraft setzte sich in der Hochseefischerei erst nach und nach durch. Ein staatliches Sturmwarndienst‑Netz und die elektrische Telegraphie verbesserten Küstennavigation und Hafensicherheit, doch auf See blieben Entscheidungen Erfahrungswissen und Barometerbeobachtung überlassen. In den 1890er Jahren verband die Eisenbahn Paimpol stärker mit Binnenmärkten, und um 1900 begannen neue Fangtechniken und andere Fanggründe die Wirtschaft zu verändern. Diese Übergangsphase – zwischen traditioneller Seemannschaft und beginnender Technisierung – prägt die im Buch dargestellten Lebenslagen, ohne sie bereits grundsätzlich zu revolutionieren. Funktelegrafie kam erst Ende der 1890er Jahre auf und blieb zunächst der großen Schifffahrt vorbehalten.
Als Roman über Arbeit, Risiko und Gemeinschaft in einer Randregion der Republik kommentiert Die Islandfischer die Epoche, die Frankreich durch Schule, Armee und Markt integrierte und zugleich ungleiche Lasten verteilte. Loti zeigt – ohne politische Programmatik –, wie nationale Nachfrage nach billigen Proteinen auf der Gefahr und Disziplin der Seefahrt beruhte und wie religiöse Praxis, lokale Sitten und staatliche Register den Alltag rahmten. Einzelne Schicksale illustrieren die Kosten dieser Ordnung, ohne das historische Panorama zu romantisieren. Das Buch machte Loti zum vielgelesenen Autor seiner Zeit und prägte das öffentliche Bild der bretonischen Seefahrt dauerhaft.
1
In einer dunklen Kabine, die nach Seewasser und Salzlake roch, saßen fünf Männer von gewaltig breiten Schultern, mit aufgestützten Ellbogen beim Trinken. Der Raum, der für diese Gestalten viel zu niedrig war, spitzte sich gegen das eine Ende hin zu, wie das Innere einer großen, ausgenommenen Möwe; schläfrig und langsam schaukelte er hin und her, wobei das Gebälk einen klagenden Ton auszustoßen schien.
Den Zugang zu dieser Kajüte bildete ein viereckiger Ausschnitt in der Decke, den ein Holzdeckel verschloß; man merkte nicht viel davon, daß sich draußen das Meer befand und daß es Nacht war; eine alte Hängelampe beleuchtete das Zechgelage der Männer mit ihrem flackernden Licht.
Um den geheizten Ofen hingen nasse Kleidungsstücke zum Trocknen; der Dunst der von ihnen ausstieg, vermischte sich mit dem Qualm der Thonpfeifen.
Der massive Tisch nahm fast den ganzen Raum der Kajüte ein; es blieb gerade nur so viel Platz, um sich durchquetschen und auf die an der Wand festgenagelten Schiffskisten setzen zu können. Die schweren Deckenbalken berührten fast die Kopfe der Männer; hinter ihnen lagen die Kojen, die dunkel wie Grabnischen aussahen; das ganze Holzwerk war roh und verwittert, von Feuchtigkeit und Salz durchsetzt, nur die Tischkante sah vom beständigen Anfassen wie poliert aus.
Aus den Bechern auf dem Tisch war Wein und Eiderschnaps[2] getrunken worden, und Freude leuchtete aus den offenen Gesichtern der tapferen Männer, die vergnüglich beisammen saßen und im Dialekt ihrer bretonischen Heimat über die Weiber und vom Heiraten redeten.
An der Hinterwand der Kajüte, auf dem Ehrenplatz, stand auf einem Wandbrettchen eine Jungfrau Maria[4] aus Steingut. Wohl war diese Schuhpatronin der Seeleute schon alt und mit höchst naiver Kunst recht bunt bemalt; da aber die Steingutfiguren länger aushalten als die Menschen, so sah das rot und blaue Kleid inmitten des düsteren Grau der armseligen Holzbehausung noch ganz frisch aus. Diese heilige Jungfrau hatte in Stunden der Angst manch inbrünstiges Gebet gehört; zu ihren Füßen waren zwei Sträuße künstlicher Blumen und ein Rosenkranz auf dem Standbrettchen festgenagelt.
Die fünf Männer waren gleich gekleidet; der Hosengurt umspannte ein dichtgewebtes Tricothemd[3] aus blauer Wolle, und auf dem Kopf trugen sie eine Art Helm aus geteerter Leinwand, den Südwester[1], welcher seinen Namen von dem Wind hat, der in unseren Himmelsstrichen Regen zu bringen pflegt.
Die Männer standen in ganz verschiedenem Lebensalter; ihr Kapitän mochte ein Vierziger, drei etwa fünfundzwanzig bis dreißig Jahre alt sein; der Jüngste aber, den sie bald Sylvester, bald Lurlu nannten, war nicht älter als siebzehn. In Gestalt und an Kräften war er aber bereits ein Mann; ein feiner krauser Vollbart umrahmte die frischen Wangen, seine blaugrauen Augen hatten aber einen kindlichen Ausdruck behalten und blickten unschuldig und ungemein sanft in die Welt. Dicht aneinander geschmiegt saßen sie da, denn um bequem zu sitzen, dazu gebrach es an Raum; sie schienen sich ganz behaglich in ihrem dunklen Loch zu fühlen, obschon es draußen Nacht war und das Meer brauste, und man das Aufklatschen des Regens aufs Verdeck deutlich vernahm. Die kupferne Wanduhr stand eben auf Elf[1q].
Ohne etwas Unpassendes zu sagen, verhandelten sie auf lustige Weise über Heiratsangelegenheiten, im Interesse derjenigen unter ihnen, die noch ledig waren; oder sie erzählten drollige Geschichten, die sich bei dieser oder jener Hochzeit daheim zugetragen hatten. Zuweilen fiel wohl unter lustigem Lachen eine etwas derbe Anspielung auf die Freuden der Liebe, aber bei diesen rauhen Leuten, die in beständiger Gefahr leben, ist es etwas Gesundes um die Liebe, und bei aller Derbheit darf man sie fast als keusch bezeichnen.
Sylvester wurde endlich die Zeit lang, da Jean, dessen Name im bretonischen Dialekt Yann heißt, immer noch nicht kommen wollte. Wo steckte er auch nur, dieser Yann? immer noch droben bei der Arbeit? warum kam er nicht herab und half das Fest ein wenig mitfeiern?
»Beinah Mitternacht!« sagte der Kapitän. Er stand auf und reckte sich, und rückte den Holzdeckel mit dem Kopf ein wenig zur Seite. Ein seltsames Licht fiel durch die Luke auf den Untenstehenden. »Yann! Yann! He, Mann!« rief er hinauf. Mit rauher Stimme gab »der Mann« Antwort.
Wohl war es nahe an Mitternacht, aber das Licht, welches durch den halbgeöffneten Deckel fiel, glich fast der Tageshelle, eine Art abgeblaßten Sonnenlichtes, das in wundersamem Dämmerschein leuchtete, als käme es aus unendlicher Ferne, durch geheimnisvolle Spiegel zurückgeworfen.
Sobald das Loch wieder geschlossen, war es wieder Nacht in der Kajüte, die Lampe flackerte wie vorher in gelblichem Schein, und man hörte »den Mann« mit seinen groben Holzschuhen die Leiter herabsteigen.
Da Yann fast ein Riese war, mußte er sich hier unten zusammenkauern. Er verzog das Gesicht, und hielt sich für einen Augenblick die Nase zu, so stark schlug ihm der Dunst und Qualm entgegen. Yann überragte seine Kameraden gewaltig; der Rücken sah so breit und massiv aus, wie aus Balken gebaut, und von vorn gesehen, zeichneten sich die Schultern durch das blaue Wollhemd ab wie Kugeln, die am Oberarm saßen. Er hatte sehr bewegliche braune Augen, deren Ausdruck wild und stolz war.
Sylvester schlang den Arm um Yann und zog ihn zärtlich an sich, wie Kinder zu thun pflegen; er war mit Yanns Schwester verlobt und betrachtete ihn daher als älteren Bruder. Der Riese ließ sich liebkosen wie ein gezähmter Löwe und lächelte gutmütig, wobei er seine weißen Zähne zeigte. Obwohl sie bei ihm mehr Platz gehabt hätten als bei anderen Leuten, waren sie klein und etwas auseinander stehend. Der blonde Schnurrbart war ein wenig kurz, obwohl nie geschnitten, er lag, zwei regelmäßigen Wellen gleich, auf der sehr schön geschwungenen Oberlippe, die Spitzen aber waren etwas borstig und hingen weit an den Mundwinkeln herab. Die frischen gebräunten Wangen hatten das samtartige einer noch unberührten Frucht.
Man füllte die Becher noch einmal, und der Schiffsjunge wurde gerufen, um die Pfeifen frisch zu stopfen und anzuzünden. Das war eine Gelegenheit für ihn, auch ein wenig zu rauchen! Er war ein kräftiger Junge mit rundem Gesicht, der mit jedem der fünf Männer irgendwie verwandt war, die ihrerseits wiederum alle in näherem oder entfernterem Verwandtschaftsverhältnis zu einander standen. Neben der harten Arbeit, an der ihm nichts geschenkt ward, hätschelten ihn die Männer um die Wette. Yann ließ ihn aus seinem Becher trinken, darauf wurde er zu Bett geschickt.
Die Männer nahmen nun ihr Gespräch wieder auf.
»Wann werden wir endlich deine Hochzeit feiern?« fragte Sylvester den Freund.
»Ein Kerl von deiner Größe und mit siebenundzwanzig Jahren noch nicht verheiratet! schämst du dich nicht?« rief der Kapitän. »Was sollen die Mädchen nur von dir denken, wenn sie dich sehen?«
Yann schüttelte seine gewaltigen Schultern, als wollte er damit seine Verachtung für das ganze weibliche Geschlecht ausdrücken.
»Ich halte nur für eine Nacht Hochzeit, oder auch nur für eine Stunde, je nachdem es ist,« antwortete er.
Yann hatte kürzlich sein fünftes Dienstjahr in der Marine beendet; unter den Matrosen hatte er aber neben der französischen Sprache auch höhnische Redensarten gelernt. Jetzt fing er an von seiner letzten Hochzeit zu erzählen, die, wie es schien, vierzehn Tage gedauert hatte.
Das war in Nantes gewesen, und zwar mit einer Sängerin. Eines Abends, als er Urlaub hatte an Land zu gehen, war er in angetrunkenem Zustand in eine Singspielhalle geraten. An der Thür stand eine Frau, die Bouquets so groß wie ein kleines Wagenrad für zwanzig Frank verkaufte; ohne zu wissen, was er damit machen sollte, nahm Yann eines und warf es der Sängerin auf offener Scene »mitten ins Gesicht,« halb als Liebeserklärung, halb aus Spott darüber, weil die angeputzte Puppe allzurotgeschminkt war. Der Wurf aus Yanns Hand hatte zunächst bewirkt, daß die Sängerin ohnmächtig niederstürzte, danach aber hatte sie ziemlich drei Wochen lang für den Riesen geschwärmt.
»Und wie unser Schiff weiter fuhr, hat sie mir zum Abschied auch noch eine goldene Uhr geschenkt,« schloß Yann, indem er die Uhr wie ein wertloses Spielzeug auf den Tisch warf.
Yann hatte diese Geschichte auf seine Art und mit den ihm eigenen bilderreichen Ausdrücken erzählt; das banale Erlebnis aus der civilisierten Welt paßte aber nicht recht zu diesen ursprünglichen Menschen inmitten des Schweigens, das über der ungeheuren Wasserwüste draußen lag; die Erzählung paßte auch nicht zu dem mitternächtlichen Licht, das durch die Deckenluke brach und Kunde gab vom zu Ende gehen des Sommers am fernen Nordpol.
Was Yann erzählt hatte, überraschte Sylvester und that ihm weh, denn er war reinen Gemüts und von einer alten Großmutter, die als Witwe eines Fischers im Dorf Ploubazlanec wohnte, streng religiös erzogen worden. Tagtäglich war sie mit dem kleinen Knaben auf das Grab seiner Mutter gegangen, um dort auf den Knieen einen Rosenkranz mit ihm zu beten. Von diesem Kirchhof aus, der auf den Klippen lag, erblickte man in der Ferne das graue Gewässer des Kanals, in dessen Wogen sein Vater bei einem Schiffbruch ums Leben gekommen war. Da die Leute arm waren, hatte er schon sehr früh mit auf den Fischfang hinaus gemußt und seine Kindheit geradezu auf dem Meer verbracht. Auch jetzt noch betete er gewissenhaft jeden Abend, und seine Augen hatten sich eine fromme Reinheit bewahrt. Er war ein schöner Mensch und nach Yann der Kräftigste an Bord; seine überaus sanfte Stimme und kindliche Redeweise kontrastierte mit seiner großen Gestalt und dem schwarzen Bart, und da er sehr schnell gewachsen, war er ganz verlegen ob der Thatsache, auf einmal so groß und breit geworden zu sein. Er gedachte sich bald mit Yanns Schwester zu verheiraten, hatte aber das Entgegenkommen anderer Mädchen nie beachtet.
Das Schiff hatte nur drei Kojen, in welchen die Männer abwechselnd schliefen.
Es war etwas über Mitternacht, als sie ihr Trinkgelage aufhoben, das sie heute an Maria Himmelfahrt zu Ehren ihrer Schutzpatronin, der Jungfrau Maria, abgehalten. Ihrer drei verschwanden in den dunkeln Löchern von Kojen, und die drei andern stiegen die Leiter zum Deck hinauf, um der unterbrochenen Arbeit des Fischfangs obzuliegen, Yann, Sylvester und einer aus ihrer Gegend, der Guillaume hieß.
Draußen war es ewiger Tag, aber es war ein bleiches Licht, als wäre es der Reflex einer erstorbenen Sonne[2q]. Um sie her eine ungeheure, farblose Leere, und außer den dunklen Planken ihres Schiffes erschien alles durchsichtig, ungreifbar und gespenstisch. Das Auge unterschied kaum was das Meer sein mochte: zuerst erschien es wie eine Art zitternden Spiegels, der jedoch kein Bild zurückwarf; erst bei längerem Hinsehen glich es einer nebelreichen Ebene, und außerdem sah man nichts, gar nichts, weder Horizont noch Umrisse.
Die feuchte Frische der Luft war durchdringender als wirkliche Kälte, und beim Atmen empfand man ihren starken Salzgehalt. Es hatte aufgehört zu regnen und alles war ruhig; form- und farblose Wolken schienen das blasse Licht zu enthalten, für dessen Töne sich kein Name hätte finden lassen; man sah vollkommen deutlich, obwohl man das Bewußtsein davon hatte, daß es Nacht war, bei dem fahlen Licht, das auf das Schiff fiel.
