Die Jasminschwestern - Corina Bomann - E-Book
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Beschreibung

Hoffnung auf ein Wiedersehen  

Melanie trauert um ihren verunglückten Freund. Sie muss raus aus ihrem Leben und fährt zu ihrer Urgroßmutter Hanna aufs Land. In Hannas betörend schönem Garten kommt sie zur Ruhe. Doch Trost findet sie erst, als Hanna sich ihr anvertraut und Melanie erstmals erfährt, was die ältere erlebt hat. Hannas dramatisches Schicksal öffnet ihr die Augen dafür, was in der Liebe wirklich zählt.  

Eine einzigartige Story von Nr. 1-Bestsellerautorin Corina Bomann – zum Träumen schön.

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Das Buch

Die Journalistin Melanie Sommer plant bereits die Hochzeit mit ihrem Freund Robert, als dieser einen schweren Unfall erleidet und ins Koma fällt. Unfähig, ihren Alltag normal zu bewältigen, flüchtet sich Melanie zu ihrer Urgroßmutter Hanna aufs Land. Hanna spürt, in welch existentieller Krise ihre Urenkelin sich befindet, und trifft eine folgenschwere Entscheidung: Sie erzählt Melanie von all den Schicksalsschlägen, die ihr in ihrem langen Leben widerfahren sind, und nimmt die junge Frau mit auf eine imaginäre Reise nach Vietnam, ins Berlin der zwanziger Jahre und nach Paris. Dabei erfährt ­Melanie Dinge über ihre eigene Familiengeschichte, die sie nicht im Geringsten geahnt hätte. Sie lernt, was in der Liebe wirklich zählt, und sie erkennt, dass das ­Leben bei allem Leid immer auch großes Glück für einen bereithält.

Die Autorin

Corina Bomann, geboren 1974 in Parchim, ist gelernte Zahnarzthelferin. Doch ihre ausgeprägte Phantasie und ihre Liebe zum Geschichtenschreiben waren so stark, dass sie diesen ­Beruf aufgegeben hat und heute als Bestsellerautorin große Erfolge feiert.

Von Corina Bomann sind außerdem in unserem Haus erschienen:

Die SchmetterlingsinselDer Mondscheingarten

Corina Bomann

Die Jasminschwestern

Roman

Ullstein

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Originalausgabe im Ullstein Taschenbuch

1. Auflage Mai 2014

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2014

Umschlaggestaltung: bürosüd° GmbH, München

Titelabbildung: © Marc Owen / Trevillion Images (Frau);© www.buerosued.de (Landschaft)

ISBN 978-3-8437-0720-6

Alle Rechte vorbehalten.

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Prolog

Januar

»Nun komm schon!« Fahrig schob sich Melanie eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte. Seit einer halben Stunde wartete sie am Gepäckband. Ein Koffer nach dem anderen fuhr an ihr vorbei – nur ihrer nicht.

So langsam befürchtete sie, dass er abhandengekommen war. Um ihre Garderobe war es nicht schade, auf Reisen und auf der Arbeit zog sie sich einfach und praktisch an. Jeans, Shirts, Hemden, grobe Boots und bei hohen Temperaturen Tops, Shorts und Flip-Flops. Das alles füllte jetzt als verschwitztes Bündel etwa siebzig Prozent ihres Koffers. Ihre Kamera trug sie glücklicherweise immer im Handgepäck bei sich.

Sie war keine Souvenirjägerin, aber von dieser Reise hatte sie einige Erinnerungsstücke mitgebracht, deren Verlust sie sehr bedauert hätte: einen kugelrunden Buddha aus Jade, den sie einem Straßenhändler in Saigon abgekauft hatte, ein uraltes Bild aus Reispapier, das die Aussicht auf einen Berg zeigte, und zwei zauberhafte Windspiele, eines für sich selbst und eines für ihre Großmütter.

Besonders stolz war sie auf das Mitbringsel für ihren Verlobten Robert. Es war ihr gelungen, zwei uralte Drachenmünzen aufzutreiben, von denen es hieß, dass sie Glück bringen würden. Sie stammten aus dem Jahr 1654 und waren ihr von einem Straßenhändler angeboten worden.

Ohne lange zu überlegen, hatte sie zugegriffen, um sich dann stundenlang mit der Frage zu martern, ob diese Münzen nicht irgendwo gestohlen worden waren. Nachdem ihre Pensionswirtin ihr versichert hatte, dass solche Münzen öfter in alten Häusern auftauchten und sicher alles mit rechten Dingen zugegangen war, hatte sie sie eingepackt und pro­blemlos durch den Zoll bekommen.

Da auch das nächste Gepäckstück nicht ihr Koffer war, zog sie ihr Handy aus der Jackentasche und schaltete es an. Sofort blinkte eine SMS von Robert auf dem Display. Geschrieben hatte er sie um 7.05 Uhr, wahrscheinlich war er da gerade aufgestanden.

Melanie lächelte. Wenn sie von einer Reise heimkehrte, begrüßte er sie immer mit einer kleinen Nachricht.

»Hallo, süße Heimkehrerin, kann dich leider nicht abholen, aber meine Gedanken sind bei dir. Muss zu einem Termin, heut Abend feiern wir ausgiebig. Ich freue mich so sehr, dich endlich wieder in meinen Armen halten zu können. Viele Küsse, dein Robert.«

Was er sich wohl diesmal ausgedacht hatte? Wenn sie lange unterwegs war, plante er immer etwas: einen Theaterbesuch, Kino oder ganz einfach nur eine wunderbar kuschelige Nacht mit Kerzen und Champagner.

Melanie tippte eine Antwort:

»Hallo, lieber Strohwitwer, bin gut angekommen, warte nur noch auf meinen Koffer. Kannst du nicht irgendeinen Zauber loslassen, damit er auftaucht? Ich habe dir viel zu erzählen und zu zeigen und sehne mich nach dir. Viele Küsse, deine Melanie.«

Seit fünf Jahren arbeitete Melanie als Modefotografin, ein Job, der hektisch war, sie aber an die schönsten Orte der Welt brachte. Farbenfrohe Saris vor dem Taj Mahal, traumhafte Seidenkimonos in der alten Kaiserstadt Kyoto, Abendroben in Venedig, gewagte Kreationen in New York und sagenhafter Schmuck in Kairo füllten ihre Bildordner und die Seiten von mehreren Modemagazinen. Mit ihren neunundzwanzig Jahren hatte sie bereits die halbe Welt bereist.

Als sie vor einigen Monaten von einer großen Modefirma das Angebot bekommen hatte, ein Fotoshooting in Vietnam zu machen, war sie ganz aus dem Häuschen gewesen. Zum einen, weil solche Aufträge nicht vom Himmel fielen, zum anderen, weil sie eine besondere Verbindung zu diesem Land hatte, denn ihre Urgroßmutter Hanna stammte von dort. Schon lange hatte sie das Land ihrer Vorfahren besuchen wollen, doch bisher nie die Gelegenheit dazu gehabt.

Am liebsten wäre sie mit Robert gefahren, doch selbst wenn er nicht hätte arbeiten müssen, wäre es bei der Agentur nicht gut angekommen, wenn sie den Tag mit romantischen Strandspaziergängen verbracht hätte. Ihr Terminplan war sehr straff gewesen. Die Modefirma wollte die Kosten so gering wie möglich halten.

So war ihr nur knapp ein halber Tag geblieben, um in Ho- Chi-Minh-Stadt, dem ehemaligen Saigon, die Tempel zu bewundern und ein paar Dinge einzukaufen. Und sie hatte fotografiert: Frauen mit den typischen Reishüten, Kinder, die verträumt am Straßenrand spielten, Marktstände, auf denen in allen Farben leuchtende Kräuter und Gewürze angeboten wurden, und betelnusskauende alte Männer, die auf Bänken vor ihren Häusern saßen und hin und wieder ihre rotgefärbten Zähne in einem Lächeln zeigten.

Während des Rückflugs war ihr dann ein Gedanke nicht mehr aus dem Sinn gegangen. Wenn sie ihre Hochzeitsreise nach Vietnam machen würden, konnte sie das Land richtig kennenlernen – und es auch gleich Robert zeigen. Da sie erst im August heiraten wollten, hatten sie noch keine konkreten Pläne für die Reise. Vielleicht konnte sie ihren Verlobten überzeugen.

Na endlich, mein Koffer!, dachte Melanie und hob ihr Gepäck vom Band.

In der Wartehalle herrschte dichtes Gedränge. Vor den Schaltern diverser Fluggesellschaften hatten sich lange Schlangen gebildet. Einige Wartende vertrieben sich die Zeit in den zahlreichen Geschäften. Melanie war froh, das Flughafengebäude endlich verlassen zu können.

Berlin begrüßte sie mit einem tiefhängenden bewölkten Himmel und eisigen Temperaturen. Das Januargrau konnte auch durch die farbenfrohen Reklametafeln nicht vertrieben werden. Melanie zog fröstelnd die Jacke um ihre Schultern enger. Wie schön war es doch am Südchinesischen Meer gewesen!

Der Bus ließ zum Glück nicht lange auf sich warten, war aber trotzdem überfüllt. Die Menschenmassen zwängten sich hinein, und eingekeilt zwischen zwei Geschäftsleuten, blieb Melanie schließlich stehen.

Sie freute sich schon auf ein heißes Bad und etwas Ruhe. Da Robert für gewöhnlich nicht vor fünf aus dem Büro kam, würde sie die Zeit nutzen und ihre Mutter besuchen. Diese führte ein kleines Hutgeschäft in der Invalidenstraße. Das Handwerk hatte sie von Hanna gelernt, die in den 50er Jahren mit ihren Hutkreationen bei der Pariser Schickeria großes Aufsehen erregt hatte. Mit großem Stolz erzählte sie jedem, dass selbst die junge englische Königin Elisabeth bei ihr eingekauft hätte.

Plötzlich summte es in Melanies Tasche. Wer rief sie um diese Zeit an? Robert? Nein, der saß jetzt sicher in seinem Termin. Ihre Mutter? Nein, das war untypisch. Wahrscheinlich war es Charlotte aus der Agentur, die wissen wollte, ob sie gut gelandet war.

Ihre Assistentin in der Bildagentur war eine quirlige Mittdreißigerin, die das Talent hatte, die besten Fotografenjobs in der Modebranche an Land zu ziehen. Melanie sah sie vor sich, wie sie während des Klingelzeichens ihre verschiedenfarbigen Nägel prüfte und dann, wenn die Mailbox dranging, anfing, munter draufloszuplappern.

Da sie auf keinen der Geschäftsleute fallen wollte, wenn der Bus ruckartig in eine Kurve einbog, ließ Melanie es klingeln und blickte hinaus auf die Reinickendorfer Hausfassaden. Bei einem Brautmodengeschäft, das Kleider anbot, die wie pastellgefärbte Wattebäusche aussahen, musste sie schmunzeln. Ob Robert sie in solch einem Aufzug heiraten würde? Bestimmt, aber eigentlich war das Pompöse nicht so ihr Fall.

Sie stellte sich ein schlichtes, körpernahes Kleid vor, vielleicht an einen historischen Entwurf angelehnt. Im Modemuseum ihrer Urgroßmutter stand ein wunderschönes Modell, das man zwar nicht mehr tragen, aber nacharbeiten konnte. Statt eines Schleiers wollte Melanie Jasminblüten in den Haaren tragen. Robert würde das sicher umwerfend finden.

Wieder summte das Handy. Meine Güte, Charlotte, du bist heute aber hartnäckig!, dachte Melanie, und da sich an der Enge im Bus nichts geändert hatte, ließ sie es weiterklingeln. Gleichzeitig nahm sie sich vor, zurückzurufen, wenn sie in der Wohnung angekommen war. Vielleicht gab es ja etwas Wichtiges.

Eine halbe Stunde später hatte sie ihre Haltestelle endlich erreicht. Sie hievte den Koffer nach draußen, froh, dem Gedränge entkommen zu sein, und ging dann die Straße hinauf. Ihr Wohnblock lag in der Nähe eines Kindergartens. Schon von weitem hörte man das Kreischen der Kleinen, die trotz des kalten Wetters draußen spielten.

Wenn wir mal eigene Kinder haben, witzelte Robert manchmal, kannst du sie dort unterbringen. Melanie war allerdings nicht sicher, ob sie so bald Kinder wollte. Natürlich war sie im besten Alter dafür, aber Kinder zu bekommen bedeutete in ihrem Fall, einige Zeit in ihrem Job pausieren zu müssen. Das wollte sie jetzt noch nicht.

Die Wohnung empfing sie wie immer mit warmen Farben und einem zarten Rosenduft, der von einem herrlichen, in Rosa und Weiß gehaltenen Strauß neben dem Telefontischchen ausging.

Lächelnd legte Melanie ihre Schlüssel auf dem kleinen Tisch neben der Tür ab. Das rote Lämpchen des Anrufbeantworters blinkte.

Sie roch kurz an den Rosen, drückte die Abspiel-Taste und trug ihre Tasche ins Schlafzimmer. Die Lautstärke des Anrufbeantworters war hoch genug eingestellt, um die Nachrichten in der ganzen Wohnung hören zu können.

»Sie haben drei neue Nachrichten«, verkündete das Gerät mit monotoner Stimme, und schon ging es los.

»Hi, hier ist Charlotte, ich weiß, du bist sicher noch im Flieger, aber wenn du wieder da bist, melde dich bitte, ja? Ich habe hier einen Auftrag für dich, nach dem du dir alle Finger lecken wirst! Ich sage nur zwei Wochen Karibik! Also, ruf an!«

Piep!

»Liebe Frau Sommer, Sie sind eine glückliche Gewinnerin … Hallo? Hallo? Tuut, tuut, tuut …«

Piep!

»Polizeiobermeister Werner hier. Bitte melden Sie sich unverzüglich unter der Nummer …«

Melanie hatte gerade noch über den konfusen Werbeanruf geschmunzelt, jetzt erstarrte sie.

Die Polizei sprach auf ihren Anrufbeantworter? Ihr Herz begann zu rasen. Hastig zog sie das Handy aus der Jacken­tasche. Die beiden verpassten Anrufe kamen von genau der Nummer, die ihr der Polizist gerade aufsagte.

Sofort rief sie zurück. Dabei begann sich das Gedankenkarussell zu drehen. War etwas mit Robert? Oder ihrer Mutter?

Nach fünfmaligem Klingeln meldete sich endlich jemand.

»Ja, Sommer hier, Sie haben bei mir angerufen?«

Der Polizist bestätigte und erklärte ihr, woher er die Nummer hatte. Und nur einen Atemzug später zerbrach Melanies Welt in tausend Stücke.

»Herr Michaelis hatte gegen sieben Uhr dreißig einen Unfall auf der Autobahn Richtung Oranienburg«, erklärte der Polizeiobermeister.

»Was?«, fragte Melanie verwirrt. Sie hatte die Worte deutlich gehört, aber sie war nicht fähig, die Information aufzunehmen. Robert sollte einen Unfall gehabt haben? Aber er fuhr doch vorsichtig! Und er konnte mit seinem Volvo gut umgehen!

»Er ist, wahrscheinlich bedingt durch die Straßenglätte heute Morgen, mit dem Wagen von der Fahrbahn abgekommen. Der Volvo hat die Leitplanke durchbrochen und sich überschlagen«, sprach der Polizist weiter, ohne auf ihre Frage einzugehen.

Melanie schüttelte den Kopf. Ihre Knie wurden so weich, dass sie sich auf die Bettkante sinken ließ. Straßenglätte, Leitplanke … Nein, das konnte doch nicht sein!

»Sind Sie sicher, dass es wirklich Robert Michaelis war?«, fragte sie. Es war ja möglich, dass jemand den Wagen gestohlen hatte und die Papiere zufällig im Handschuhfach gelegen hatten.

»Wir haben ihn anhand seiner Papiere eindeutig identifizieren können. Außerdem hatte er sein Handy bei sich.«

Das Wort »identifizieren« ließ Melanie panisch fragen: »Was ist mit ihm? Ist er am Leben?«

»Nach meinen Informationen wurde er in das Unfallzen­trum der Charité gebracht. Wenn Sie möchten, gebe ich Ihnen die Nummer.«

Melanie bejahte und notierte die Zahlenfolge mechanisch, dann legte sie, ohne weitere Erklärungen des Polizisten abzuwarten, auf.

Robert hatte einen Unfall gehabt. Um sieben Uhr dreißig! Melanie rief seine Nachricht auf. 7.05 Uhr. Fünfundzwanzig Minuten später war es passiert. Hatte er aufs Handy geschaut, in Erwartung ihrer Antwort? Sie hatte ihm doch immer wieder gesagt, dass er die Finger vom Handy lassen sollte, wenn er im Auto saß!

Melanie ließ das Telefon in der Tasche verschwinden, griff ihre Handtasche und stürmte zur Tür. Sie wollte nicht einfach nur anrufen. Sie wollte den Arzt sprechen, der sich um ihn kümmerte. Sie wollte ihm sagen, dass er auf den Mann, den sie liebte, achtgeben sollte.

Am Unfallzentrum der Charité angekommen, parkte sie ihren blauen Toyota zwischen zwei riesigen Geländewagen auf dem Besucherparkplatz und rannte dann in Richtung Eingang. Während der Fahrt waren ihr mehrfach die Tränen gekommen. Es konnte einfach nicht wahr sein! Warum hatte es gerade Robert treffen müssen? Er tat niemandem etwas, war immer lieb und nett … Aber wahrscheinlich zählte das bei einem Unfall nicht. Es konnte jeden treffen, egal ob Engel oder Arschloch.

Zischend öffneten sich die Glastüren, Klinikgeruch schlug ihr entgegen. Die Schwester an der Rezeption blickte sie ein wenig mürrisch an. Ein Mann auf einer Trage wurde von Sanitätern gerade durch eine Schwingtür bugsiert. An dem grau­blonden Haarschopf erkannte Melanie sofort, dass es sich nicht um Robert handelte.

»Entschuldigen Sie bitte, mein Name ist Melanie Sommer, ich bin die Verlobte von Robert Michaelis. Die Polizei hat mich angerufen und mir gesagt, dass er hier eingeliefert wurde.«

»Nehmen Sie bitte einen Moment Platz, ich erkundige mich«, entgegnete die Schwester und griff dann nach dem Telefonhörer.

Beinahe wäre Melanie herausgeplatzt, ob sie das nicht aus dem Kopf wisse – immerhin wurden die Notfallpatienten an ihr vorbeigeschoben und angemeldet. Aber sie schwieg und bemerkte erst jetzt die anderen Wartenden, denen es gleichgültig zu sein schien, was um sie herum geschah. Eine Frau hatte ihre dicke Jacke unter ihren Kopf geschoben und schlief. Ein älterer Mann hielt sich eine Zeitung vors Gesicht, eine junge Frau tippte hektisch auf dem Handy herum.

Melanie hatte keine Lust, sich zu ihnen zu setzen, also blieb sie vor dem Tresen stehen.

Minuten vergingen. Die Schwester telefonierte sich anscheinend von einer Stelle zur anderen. Wusste man nichts von Robert? War es vielleicht doch eine Verwechslung gewesen? Hatte jemand sein Handy gestohlen? Seine Papiere? Aber der Polizist hatte gesagt, dass sie ihn zweifelsfrei identifiziert hatten …

»Frau Sommer?«

Die Stimme der Schwester riss sie aus ihren Gedanken.

»Herr Michaelis ist momentan im OP, es kann eine Weile dauern, bis ich Ihnen mehr sagen kann. Wollen Sie solange hier warten oder lieber noch mal nach Hause fahren?«

Würden Sie nach Hause fahren, wenn Ihr Verlobter vielleicht gerade um sein Leben kämpft?, wäre es Melanie beinahe rausgerutscht, doch dazu fehlte ihr die Kraft. Ihr Magen fühlte sich flau, ihre Beine weich an. Er lebte, aber sie spürte, dass sein Leben am seidenen Faden hing.

»Ich bleibe hier«, hörte sie sich sagen und trottete dann zu den anderen Wartenden. Weil ihr plötzlich sehr warm war, zog sie ihre Jacke aus und faltete sie auf ihrem Schoß. Dabei kam sie sich vor, als wäre sie in eine Blase gerutscht, die die Zeit und andere Menschen hinter einer dünnen Membran ausschloss. Sie dachte nicht daran, jemanden anzurufen. Auf keinen Fall wollte sie ihre Mutter in Panik versetzen. Stattdessen ließ sie ihre Gedanken wandern, durch die Gänge der Klinik, auch wenn sie diese nicht kannte, und als sie im OP angekommen waren, in dem sich die Ärzte um Robert bemühten, bat sie ihn zurückzukommen. Lass mich nicht allein, bitte …

Nach einer Stunde Herumsitzen und Beobachten, wie weitere Notfallpatienten eingeliefert wurden, überkam sie eine alles durchdringende Müdigkeit. Hallo, Mr Jetlag, dachte sie und schloss die Augen. Vielleicht ist es gut, wenn ich ein bisschen schlafe.

Dann schien sich alles zurückzuziehen. Ihre Magenschmerzen, die Stimmen und sogar das Martinshorn eines ­heranbrausenden Rettungswagens. Alles wurde still, und dann meinte sie, das Rauschen des Meeres zu hören …

Melanie tauchte die Fingerspitzen in die heranbrandende Gischt. Mit einem leisen Zischen glitt das Wasser über den Sand, umspülte ihre Hand und zog sich dann wieder zurück.

An diesem Morgen war das Meer sehr ruhig. Die Wellen brachen sich träge und trugen etwas Seetang und ein paar Muscheln an den Strand. Passend zu der sanften Stimmung war der Himmel mit zartrosa Schleiern verhängt. Die Felsen ragten wie dunkle Wächter aus dem Spiegel des Meeres.

Tief sog Melanie die warme, nach Algen duftende Luft ein und lächelte vor sich hin. Das hier war wirklich das Paradies.

»Melanie?« Die sanfte dunkle Stimme, die sie stets an mitternachtsblauen Samt erinnerte, riss sie aus ihren Gedanken. Sie wandte sich um und sah ihn nur wenige Schritte entfernt hinter sich stehen.

Sein hochgewachsener, durchtrainierter Körper steckte in Khakihosen und einem weißen Hemd. Sein Bart gab seinen markanten Zügen einen verwegenen Akzent. Seine kurze Lockenmähne hatte der Morgenwind verwuschelt.

Mit dem Pfahlhaus und dem sanften Morgenhimmel im Hintergrund wirkte er wie ein Model, das bereit war, in einem Hochglanzmagazin die Damenwelt zu verzücken.

Melanie lächelte, kehrte dem Meer den Rücken zu und lief zu ihm. Sie küssten sich, dann sagte Robert: »Wir müssen zur Fähre. Sie soll doch nicht ohne uns abfahren, oder?«

Am Steg angekommen, sah Melanie weitere Passagiere, die ebenfalls die Fähre erreichen wollten. Es herrschte ziemlich großes Gedränge.

»Keine Sorge, ich bin bei dir«, sagte Robert, während er ihre Hand hielt und sie durch die Menge zog. »Wir gehen schon nicht verloren.«

Wenig später tauchte die Fähre auf. Das Schiff landete seitlich an den Steg an, ein Arbeiter warf die Leine aus. Passagiere stiegen nicht aus, dafür ging plötzlich ein Ruck durch die Menge.

Melanie konnte die Ursache nicht erkennen, doch die Menschen wurden panisch, einige versuchten, zum Schiff hin­zukommen, andere schienen es sich überlegt zu haben und wollten wieder zurück.

An ihren Körpern wurde gezerrt, so stark, dass sie fürchtete, Robert zu verlieren.

»Halt mich fest!«, rief sie, doch obwohl seine Hand fest um ihre geschlossen war, wurden sie auseinandergezerrt. Obwohl sie eigentlich auf das Schiff wollte, wurde Melanie von denen, die Richtung Land drängten, mitgezogen. Roberts Haarschopf verschwand in der Menschenmenge.

Sie rief nach ihm, doch aus ihrer Kehle kam kein Laut. Immer weiter wurde sie zurück ans Festland gezogen, während Robert mit der Menge auf dem Schiff verschwand.

Bemerkte er denn gar nicht, dass sie nicht mehr bei ihm war? Oder konnte er einfach nicht mehr zurück?

In Panik versuchte Melanie, sich durch die Leute zu kämpfen. Als sie es endlich geschafft hatte, legte das Schiff bereits ab. Sie sah Robert auf dem Oberdeck stehen, er winkte ihr zu und sagte etwas, das sie aber nicht verstand. Verzweifelt streckte sie die Hand nach ihm aus, doch er verschwand.

»Frau Sommer?«

Melanie schreckte aus dem Traum, als jemand ihre Schulter berührte. Verwirrt blickte sie auf. Mittlerweile war es Nachmittag geworden. Die Sonne hatte das Regengrau ein wenig vertrieben, doch zu spät, denn nun versank sie hinter den Klinikgebäuden.

Vor ihr stand die Schwester von der Anmeldung. Erst jetzt wurde ihr klar, dass sie sich nicht wie zunächst vermutet im Flughafen befand, sondern im Wartezimmer des Unfallzen­trums. Wie viele Stunden hatte sie hier geschlafen?

Die Schwester wirkte besorgt. »Alles in Ordnung mit ­Ihnen?«

Melanie nickte.

»Herr Michaelis ist vorhin aus dem OP gekommen und liegt jetzt auf der Intensivstation. Dr. Paulsen, der behandelnde Arzt, würde Sie gern sprechen.«

Die Worte durchzuckten sie wie ein Stromschlag. »Dann lebt er? Wie geht es ihm?«

»Sie sollten mit Dr. Paulsen sprechen, er wird Ihnen alles genau erklären …« Die Schwester nickte ihr aufmunternd zu und deutete dann auf die Tür.

»Danke.« Melanie erhob sich von ihrem Platz, raffte ihre Jacke zusammen und lief los.

Hinter den geschlossenen Türen, an denen die zuständige Schwester sie vorbeiführte, piepte es in verschiedenen Tonlagen, dazwischen schnauften und tickten irgendwelche Maschinen. Hinter einer dieser Türen ist Robert, ging es ihr durch den Sinn. Dabei schnürte sich ihre Kehle zusammen, und ihr Magen begann wieder zu schmerzen.

Die Schwester führte Melanie in ein Sprechzimmer und bat sie, dort zu warten. Ein paar Minuten später erschien der Arzt, ein hochgewachsener Mann in blauer OP-Kleidung.

»Frau Sommer?« Er reichte ihr die Hand, die nach Seife und Desinfektionsmitteln roch. Seine Haare waren an den Schläfen ein wenig ergraut, seine braunen Augen musterten sie freundlich. »Dr. Paulsen, ich habe Herrn Michaelis aufgenommen und operiert.«

Melanie nickte, ein »Freut mich, Sie kennenzulernen« brachte sie aber nicht über die Lippen. Glücklicherweise schien der Arzt das auch nicht zu erwarten.

»Wie … wie geht es ihm?«, fragte Melanie mit rasendem Herzen, während der Arzt hinter dem Schreibtisch Platz nahm.

»Das ist im Moment schwer zu sagen. Er ist am Leben, aber sein Zustand ist sehr ernst.« Dr. Paulsen griff nach Roberts Behandlungsakte. »Er wurde gegen acht Uhr eingeliefert, mit zahlreichen Knochenbrüchen und einer Fraktur der Schädeldecke. Röntgenaufnahmen haben eine verletzungsbedingte Blutung am Gehirn gezeigt, die wir durch die Operation entlasten mussten.«

Acht Uhr. Etwa um diese Zeit hatte sie im Bus gestanden, eingepfercht zwischen den anderen Reisenden.

Melanie war froh, dass sie saß. »Er … er ist am Kopf verletzt worden?«

»Ja, unter anderem. Durch die Blutung hatte sich sehr großer Druck unter der Schädeldecke aufgebaut, wir wollten nicht, dass das Gehirn weitere Schäden erleidet, also haben wir für Entlastung gesorgt.«

Melanie schloss die Augen. Sie konnte sich so eine schlimme Verletzung des Kopfes nicht genau vorstellen, aber Druck auf die Schädeldecke, Blutung und Entlastung klangen schrecklich. »Und wie ist sein Zustand jetzt?«

»Soweit stabil, aber in diesem Stadium können sich stündlich Änderungen ergeben. Wir tun alles in unserer Macht Stehende, damit er wieder gesund wird.«

Melanie konnte darauf erst einmal nichts sagen. Das, was Dr. Paulsen sagte, klang für sie nach irgendwelchen Arzt­serien, die sie für gewöhnlich abschaltete.

Ein tonnenschweres Gewicht schien plötzlich auf ihrer Brust und ihren Schultern zu lasten. Gleichzeitig fühlte sich ihr Innerstes merkwürdig taub an.

»Kann ich ihn sehen?«

Dr. Paulsen nickte. »Ja, aber nur ganz kurz. Er wird intensiv versorgt und überwacht. Und Sie sollten wissen, dass er im Koma liegt. Sie könnten ihn also nicht einmal sprechen.«

Die Worte trafen Melanie wie eine Ohrfeige. »Koma? Sie meinen künstliches Koma?«

»Das Koma ist spontan aufgetreten. Der Körper reagiert damit auf die Verletzungen.«

»Und wann wird er daraus aufwachen?« Melanie suchte in ihrer Erinnerung fieberhaft nach Informationen zum Koma, die sie irgendwann aufgeschnappt hatte. Aber ihr wollte nichts einfallen.

»Wahrscheinlich dann, wenn der Körper bereit dazu ist. Im Moment tut das Koma ihm gut. Es unterstützt seinen Organismus bei der Heilung so gut wie möglich.«

»Und … wird er bleibende Schäden davontragen?«, fragte Melanie unsicher weiter und schalt sich augenblicklich selbst. Sei froh, dass er noch am Leben ist!

»Das kann ich Ihnen jetzt noch nicht sagen, es ist einfach zu früh. Ich schlage vor, dass Sie morgen oder übermorgen noch einmal vorbeikommen oder anrufen. Vielleicht wissen wir dann schon mehr. Und sollte sich irgendeine Veränderung einstellen, werden wir Sie natürlich benachrichtigen.«

Wie betäubt verließ Melanie einige Minuten später das Krankenhaus. Sie merkte nicht, dass ihr die Kälte ins Gesicht schlug, als sie zum Parkplatz ging. Sie hörte nicht, dass festgefrorene Schneereste unter ihren Stiefeln knirschten. Das Bild von Roberts reglosem, an verschiedene Geräte angeschlossenem Körper brannte vor ihren Augen, und die Worte des Arztes waren alles, woran sie in diesem Augenblick denken konnte. Robert lag schwerverletzt im Koma. Wie lange, wusste niemand. Und ob er sich erholen würde, stand in den Sternen.

Dieser blöde Traum … Die Fähre, wofür stand sie noch mal? Wollte ihr der Traum sagen, dass Robert verloren war? Dass er sich auf dem Weg ins Jenseits befand? Nein, das durfte er nicht! Er durfte nicht fortgehen, nicht jetzt, nie!

Sie schaffte es gerade so zu ihrem Wagen, bevor ihre Knie sie nicht mehr tragen konnten. Angst schnürte ihre Kehle zu. Sie setzte sich auf den Fahrersitz, legte die Hände aufs Lenkrad, dann endlich kamen die ersehnten Tränen …

1

April

Mein Liebster,

seit drei Monaten bist du nicht mehr bei mir. Das heißt, natürlich bist du da, ich sehe deinen Körper in der Klinik, angeschlossen an Maschinen, die dich am Leben erhalten, während du schläfst. Aber ich höre deine Stimme nicht, spüre deine Berührungen nicht, und du siehst mich auch nicht an.

Wo bist du? Irrst du vielleicht durch ein Labyrinth, dessen Ausgang du nicht findest? Ja, so stelle ich mir dein Koma vor. Es ist wie ein Irrgarten, der dich gefangen hält. Vielleicht suchst du nach einem Ausgang, vielleicht hast du dich aber auch deinem Schicksal ergeben und lebst nun in einer Nische, zu schwach, um weiterzumachen.

Ich selbst fühle mich mit jedem Tag schwächer und weiß nicht, wie lange ich das alles noch aushalten kann.

Hörst du vielleicht meine Stimme? Versuchst du, ihr zu folgen? Wenn ja, dann rufe ich dich weiterhin jeden Tag. Ich versuche, die Hoffnung nicht aufzugeben, dass du die Kraft findest, wieder zu mir zurückzukommen.

Du weißt doch sicher noch, dass wir beide im Sommer heiraten wollen, nicht wahr? Sicher weißt du das. Vier Monate sind es noch. Genug Zeit, nicht wahr? Genug Zeit, um einen Weg zu finden. Ich werde versuchen durchzuhalten.

Wenn du kannst, gib mir bitte einen Hinweis, was ich tun soll, um dich nach draußen zu führen. Ich schlafe derzeit zwar schlecht, aber vielleicht findest du eine Lücke in einem meiner Träume.

Bitte komm zu mir zurück, ich vermisse dich so sehr.

In Liebe, deine Mel

Die Villa hatte sich nicht verändert. Ihre rot-weißen Mauern, die von einem kleinen Turm überragt wurden, erhoben sich aus einem Meer von Grün. Die ersten zartgrünen Blätter zeigten sich an den Bäumen, in den Wiesen leuchtete das Gelb ­unzähliger Butterblumen.

Melanie verlangsamte ihren Wagen, um den See betrachten zu können, der an das Anwesen grenzte und dessen Ober­fläche zu gut einem Drittel mit Seerosen bedeckt war. Ein Schwan zog majestätisch seine Kreise. Wie rosa Wattebäusche wirkten die Abendwolken, die sich in dem Wasser spiegelten.

Zum ersten Mal seit Monaten durchströmte Melanie ein Gefühl der Wärme. Wie lange war sie schon nicht mehr hier gewesen! Sie erinnerte sich an glückliche Ferientage und Wochenenden, Weihnachtsfeiern im Foyer und Gewitternächte, in denen sie alle wach geblieben waren, bis das Donnergrollen vorüber gewesen war.

Wahrscheinlich hatte ihre Mutter recht gehabt, als sie sagte, dass Melanie ein Aufenthalt bei den Großmüttern guttun würde. Melanie hatte sich zunächst gesträubt, dann aber eingesehen, dass es besser war, ein wenig Abstand zu gewinnen.

Die vergangenen Monate waren die Hölle gewesen. Beinahe jeden Tag hatte Melanie an Roberts Krankenbett gesessen in der Hoffnung, dass sich etwas tun würde. Doch das Koma hatte ihren Verlobten nach wie vor fest im Griff. Die Ärzte hielten das nicht für ungewöhnlich, doch mit jedem Tag, der verging, schwand Melanies Hoffnung, ihm je wieder in die Augen blicken und ihm sagen zu können, dass sie ihn liebte.

Nachdem sie den See umrundet hatte, fuhr sie den Schotterweg hinauf, vorbei an dem Schild mit der Aufschrift »Mode­museum Blumensee«. Das Museum hatten ihre Großmutter und ihre Urgroßmutter vor etwa fünfzehn Jahren eröffnet. Damals waren beide aus Vietnam zurückgekehrt, nachdem sie dort eine Näherei aufgebaut hatten. Sie brauchten eine neue Herausforderung, und da traf es sich gut, dass die Villa Blumensee, am Rande einer brandenburgischen Kleinstadt gelegen, einen neuen Besitzer suchte.

Die Wende hatte den Bau marode zurückgelassen, eigentlich war das nichts für zwei ältere, alleinstehende Frauen. Doch Hanna und Marie hatten sich gegen alle Bedenken durchgesetzt und auch ignoriert, dass die Nachbarn im Ort ihr Vorhaben zunächst belächelt hatten.

Melanies Großmütter hatten es allen gezeigt. Seit etwa fünf Jahren rechnete sich das Museum – und die Besucherzahlen nahmen zu!

Auf dem Parkplatz neben dem Haupthaus stellte Melanie ihren Wagen ab, zog die Reisetasche von der Rückbank und stieg aus. Kiesel knirschten unter ihren Schuhen, und der Duft der ersten Frühjahrsblüher stieg ihr in die Nase. Dichte Jasminbüsche trennten den vorderen Teil des Gartens vom hinteren ab, der für Besucher nicht zugänglich war.

Jetzt war das Museum geschlossen, das Gelände vollkommen leer. Nur ein Rasenmäher brummte in der Ferne.

Melanie erklomm die Treppe, die zur Eingangstür führte, und klingelte. Urgroßmutter Hanna hatte die alte Klingel­anlage restaurieren lassen. Das wunderschöne antiquierte Läuten konnte Melanie bis draußen hören.

Während sie wartete, betrachtete sie den alten Springbrunnen in der Mitte des Rondells. Wegen der immensen Wasserkosten wurde er nur während der Öffnungszeiten betrieben. Die leuchtend bunten Blumenrabatten, die die Wege säumen, wirkten sehr gepflegt.

Da hallten Schritte durch das Foyer. Eine zierliche Gestalt erschien kurz im Fenster neben der Tür, dann wurde geöffnet.

Marie Bahrenboom, Melanies Großmutter, war trotz ihrer siebenundsiebzig Lebensjahre noch immer eine Schönheit. Ihr silbergrau meliertes Haar trug sie zu einem eleganten Knoten geschlungen. Wie immer nach Feierabend trug sie eines ihrer Áo dàis, der traditionellen Gewänder, die sie während ihrer Zeit in Vietnam schätzen gelernt hatte. Sie besaß Dutzende davon. Dieses hier war aus pflaumenblauer Seide, geschmückt mit silbernen Stickereien.

Lächelnd schloss Marie ihre Enkelin in die Arme. »Meine Kleine, lass dich drücken! Es ist schön, dass du ein paar Tage zu uns kommst. Es wird dir sicher guttun.«

»Das hoffe ich«, entgegnete Melanie. Die Erinnerungen, die sie mit diesem Ort verband, waren schön, doch sie wusste genau, dass die Grübeleien wiederkommen würden, sobald sie allein in ihrem Zimmer war und die Nacht anbrach. »Die letzten Wochen waren … schrecklich.«

Sie schämte sich oft dafür, dass sie nicht mit Geduld und Gleichmut an Roberts Krankenbett sitzen konnte. Nur schwer hatte sie sich an seinen Zustand gewöhnt. Obwohl sie ihn liebte, waren die Krankenbesuche eine Belastung. Nach drei Monaten hatte sich ihr Körper auf seine Weise gewehrt. Panik­attacken hatten sich eingestellt, und ihr Hausarzt hatte schon befürchtet, dass sie eine Depression entwickeln würde. Schweren Herzens hatte sie sich gezwungen gesehen, die Notbremse zu ziehen.

Marie, die Melanies Gedanken zu spüren schien, streichelte ihr sanft übers Haar, das nicht wie das ihrer Großmutter schwarz war, sondern braun – der europäische Einfluss in ihrer Familie setzte sich allmählich durch. Aber Melanies Augen hatten immer noch die Mandelform, die alle Frauen der Familie besaßen. Das vietnamesische Erbe, wie Robert es immer nannte.

»Und wie geht es ihm jetzt?«, fragte Marie, nachdem sie Melanie einen Moment lang betrachtet hatte.

»Noch immer unverändert. Er schläft. Es scheint so weit alles unter Kontrolle, aber …«

Melanie schloss kurz die Augen und versuchte, die Bilder abzuschütteln. Der schöne, kräftige Mann, den sie eigentlich im Sommer heiraten wollte, war abgemagert. Hilflos lag er in seinem Bett, bewegt von hydraulischen Matratzen und überwacht von zahlreichen Monitoren.

Melanie öffnete die Augen wieder und unterdrückte die Tränen, dann löste sie sich sanft aus der Umarmung ihrer Großmutter. »Wo ist Grand-mère?«

Als Kind hatte sie sich angewöhnt, ihre Urgroßmutter Grand-mère zu nennen, um Hanna von Marie unterscheiden zu können. Sie war dreisprachig aufgewachsen: Hanna hatte ihr Vietnamesisch beigebracht, Marie Französisch, und Elena hatte darauf geachtet, dass sie über all den fremden Wörtern Deutsch nicht vergaß. Wenn sie alle vier zusammen waren – was in letzter Zeit leider nur sehr selten vorkam –, geriet ihr Gespräch zu einem bunten Gemisch aus den drei Sprachen, je nachdem, in welcher Sprache ihnen ein Begriff durch den Kopf schoss.

»Maman ist in ihrem Salon, ihre Beine machen heute nicht so mit, wie sie sollen, also habe ich sie vor dem Fenster platziert.«

»Das wird sie sicher ärgern«, entgegnete Melanie, denn sie kannte Hanna als agile alte Dame, die es hasste, untätig zu sein. Aus welchem Grund zog man sonst mit über achtzig ein Modemuseum auf?

»Und wie! Sie war heute Morgen ganz ungnädig. Sie hasst diese Rheumaschübe. Aber glaub mir, spätestens morgen oder übermorgen läuft sie wieder wie ein Windhund und kommandiert unsere Museumswärterin und den Gärtner herum.«

Marie führte sie an den Ausstellungsräumen vorbei zur Treppe. Kurz erhaschte Melanie einen Blick auf die Kleider, die in Glasvitrinen ausgestellt waren mit allem, was die ­Damen vergangener Jahrhunderte getragen hatten. Ihre Großmütter hatten eine wunderbare Sammlung, in verschiedenen Farben und Stilrichtungen und inklusive Accessoires wie Täschchen, Schuhen und Hüten. Kaum zu glauben, wie sich die Mode vom Mittelalter bis zur Jetztzeit entwickelt hatte.

»Was macht eigentlich Elenas Laden?«, riss Marie ihre Enkelin aus der Betrachtung. »Ich habe schon viel zu lange nicht mehr mit deiner Mutter telefoniert.«

»Dem Geschäft geht es gut. Mama hat eine neue Kollektion entworfen, die sie im Juli bei der Fashion Week vorstellen will.«

»Und deine Arbeit?«

»Nun ja, ich … ich habe schon lange keine Auslandsaufträge mehr angenommen.« Melanie senkte den Kopf. Das Foto­grafieren und Reisen fehlte ihr sehr. Doch aus Angst, dass es Robert plötzlich schlechter gehen könnte, lehnte sie Aufträge, die sie ins Ausland führten, ab. Wenn überhaupt, fotografierte sie im Inland. Aber diese Jobs waren selten, weil die jungen Modemacher dort aus Kostengründen selbst zur Kamera griffen oder Freunde beauftragten. »Aber mit etwas Glück besorgt meine Agentur noch den einen oder anderen Auftrag in Berlin.«

»Robert würde wollen, dass du dich um deine Arbeit kümmerst. Das musst du dir immer sagen. Es würde ihm gar nicht gefallen, wenn du wegen ihm ständig zu Hause sitzt.«

Melanie seufzte. »Das ist richtig, aber es fällt mir schwer, mich auf etwas anderes zu konzentrieren, wenn ich wieder in die Klinik muss. Und danach bin ich immer so fertig, dass an Arbeit nicht zu denken ist.«

Marie streichelte ihr tröstend über den Arm. »Du leistest gerade Großes. Als dein Großvater gestorben ist, habe ich ähnlich gefühlt. Bei ihm waren es nur drei Wochen, aber das waren die schlimmsten meines Lebens.«

Melanie senkte den Kopf und kniff die Lippen zusammen. Im Moment wollte sie nicht darüber reden. Und sie wollte auch keine Anerkennung für das, was sie tat. Oder Mitleid. Es änderte ja doch nichts. Marie schien das zu bemerken und verstummte augenblicklich.

Schweigend ließen sie die Treppe und den Korridor hinter sich, bis sie an der Salontür ankamen, die leicht offen stand.

Die Möblierung des Salons war schlicht gehalten und stellte sehr gut verschiedene Stationen aus Hannas Leben dar. Es gab einen hübsch bemalten chinesischen Lackschrank, der sehr alt wirkte und sicher das Herz jedes Antiquitätenhändlers hätte höher schlagen lassen. In der Raummitte standen schwere lederne Hocker, die wohl aus der Kolonialzeit stammten. Eine schneeweiße Orchidee wucherte in einem Steintopf aus den 50ern, das Beistelltischchen bestand aus Glas und Metall und wirkte sehr modern zwischen den anderen Möbelstücken.

An der offenstehenden Balkontür hing das Windspiel, das Melanie von ihrer letzten Reise mitgebracht hatte. Der Anblick versetzte ihr einen Stich. Ihr eigenes lag noch immer ­unangetastet in einer Schublade. Elena hatte vorgeschlagen, es in Roberts Krankenzimmer aufzuhängen, doch das hatte Melanie abgelehnt.

In dem breiten Rattansessel vor dem Fenster wirkte Hanna klein und zerbrechlich, erst recht, weil sie in eine dicke Decke eingewickelt war, die sie vor der Kälte schützen sollte.

Hannas Gesicht war eine Landkarte ihres Lebens, mit vielen Wegen, die nur sie kannte. Ihre Augen, die so dunkel glänzten wie Onyxe, hatten viel gesehen. Sie war mittlerweile sechsundneunzig und sah doch keinen Tag älter aus als achtzig. Ihr Aussehen hatte sich seit ihrem achtzigsten Geburtstag nicht mehr verändert. Offenbar bewahrheitete sich an ihrer Urgroßmutter, was ein befreundeter Fotograf mal behauptet hatte: Ab einem gewissen Alter verschwand das ­Alter. Hatten die Falten erst einmal eine bestimmte Tiefe erreicht, wurden sie nicht mehr tiefer.

Auch Hanna trug ein Áo dài, eines mit wesentlich präch­tigerer Stickerei. Mittlerweile bevorzugte sie die Kleider ihrer Heimat. Aus Bequemlichkeit und sicher auch aus Nos­talgie.

»Melanie, da bist du ja!«, begrüßte sie ihre Urenkelin und versuchte, sich zu erheben. Das fiel ihr sichtlich schwer, auch wenn sie sonst sehr frisch und lebendig wirkte.

»Bleib bitte sitzen, Grand-mère, ich bin gleich bei dir.« Melanie ging zu ihr und umarmte sie, ganz vorsichtig, aus Angst, diese zarte Frau zu zerdrücken. Dabei spürte sie jedoch, dass dieser Körper nicht zerbrechen würde, denn die Knochen, die sie unter der dünnen Haut fühlte, waren stark. Ein leichter Jasminduft ging von ihr aus. Sie ließ diesen Duft aus Paris kommen und hatte wohl seit Jahren kein anderes Parfüm mehr ­getragen.

»Es ist schön, dass du mal wieder hier bist. Ich wollte dir ja eigentlich entgegenstürmen, aber das Rheuma.« Hanna lachte kurz auf und deutete auf einen der dunklen Hocker. »Setz dich doch und erzähl mir, was es Neues gibt.«

»Ich fürchte, nicht viel. Mama arbeitet gerade fieberhaft an ihrer neuen Kollektion, und ich versuche, mich mit Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten.«

»Das heißt, du hast keine neuen Zeitschriften für mich?«

Melanie lächelte. »Doch, natürlich. Gerade sind ein paar erschienen, für die ich im vergangenen Winter Fotos gemacht habe. Ich bringe sie dir nachher, sie sind ganz unten in der ­Tasche.«

Hanna nickte zufrieden. »Danke schön, dann habe ich wenigstens etwas zu lesen während meiner Rheumahaft.« Sie betrachtete Melanie kurz, dann setzte sie hinzu: »Die nächste Frage wäre natürlich, wie es Robert geht, aber seit deinem letzten Anruf hat sich sicher nichts geändert, sonst wärst du nicht hier.«

Melanie schüttelte traurig den Kopf. »Nein, leider hat sich wirklich nichts geändert. Und ich fürchte mittlerweile, das wird es auch nicht mehr.« Sie seufzte tief, dann setzte sie hinzu: »Manchmal frage ich mich, wie lange ich den Druck noch aushalten kann. Dass ich jetzt hier sitze, anstatt an Roberts Krankenbett, zeigt wohl, dass ich an der Grenze meiner Kräfte ­angekommen bin.«

»Es zeigt nur, dass du mal eine Pause brauchst«, wandte Marie ein, die mittlerweile neben ihr Platz genommen hatte. »Es ist beileibe kein Zeichen von Schwäche. Kein Mensch kann immer nur für andere da sein, irgendwann braucht er Zeit für sich.«

Melanie senkte den Kopf. Ihr habt ja auch nicht gesehen, wie ich zusammengebrochen bin, dachte sie.

Ihr Zusammenbruch war der Grund gewesen, weshalb Elena Melanie geraten hatte, sich ein paar Tage Ruhe zu ­gönnen. Bei einem Krankenbesuch war Melanies Blick auf den Schlauch gefallen, mit dem Robert beatmet wurde. Sie hatte die Wassertropfen betrachtet und sich vorgestellt, wie es wäre, wenn sie diesen Schlauch in einem Schnitt am Hals hätte. Plötzlich war ihr die Luft weggeblieben, ihr Herz hatte zu rasen begonnen, und ihr Kreislauf war abgesackt. Während sich in ihrem Kopf alles gedreht hatte, hatte sie versucht, zur Tür zu kommen, doch das war ihr nicht gelungen. Sie war umgekippt, die Schwester hatte sie gefunden und nach draußen gebracht. Der herbeigeeilte Arzt hatte ihr daraufhin geraten, die Besuche ein wenig einzuschränken. Als sie Elena davon erzählt hatte, war für ihre Mutter alles klar gewesen.

»Fahr ein paar Tage zu Hanna und Marie«, hatte sie gesagt. Ihre Miene duldete keine Widerrede. »Ich lasse nicht zu, dass du daran kaputtgehst.«

»Aber er ist mein Verlobter«, hatte Melanie schwach protestiert, doch Elena hatte nur erwidert: »Das stimmt. Und würde er dich so sehen, würde er dich auf der Stelle wegschicken.«

Damit war es entschieden gewesen.

»Ich denke, wir sollten jetzt was essen«, begann Hanna, nachdem sie eine Weile schweigend beieinandergesessen hatten. »Hilf mir auf die Beine, mein Kind.«

»Ich kann das Abendessen auch hierherbringen«, schlug Marie vor, doch Hanna schüttelte den Kopf und streckte die Arme aus. Melanie half ihr auf und stützte sie, während sie zum Esszimmer gingen. Dieses lag auf dem anderen Ende des Ganges. An der Art, wie sich Hannas Finger in ihren Arm krallten, merkte Melanie, wie schwer ihr das Laufen fiel. Am liebsten hätte sie ihre Urgroßmutter getragen, aber das hätte ihr wohl massiven Protest eingehandelt.

Melanie nahm den Duft von Gewürzen und Reis wahr. Obwohl Hanna und Marie eigentlich viel mehr Zeit ihres ­Lebens in Europa verbracht hatten, kochten sie lieber vietnamesisch, was Melanie sehr begrüßte.

Die Einrichtung des Esszimmers war schlicht und stilvoll. Das Einzige, was von den Banketten der früheren Besitzer zeugte, waren die hohen Spiegel, die sich das Abbild der Essenden gegenseitig zuwarfen und damit den Eindruck erweckten, der Raum wäre ein Saal. Der Kronleuchter, der früher in der Raummitte gehangen hatte, war nicht mehr zu retten gewesen und mittlerweile durch eine einfachere, aber dennoch elegante Lampe ersetzt worden.

»Ich habe mir etwas überlegt, was deinen Aufenthalt hier vielleicht noch ein bisschen interessanter machen könnte«, begann Hanna, als sie sich auf ihren Platz an der Kopfseite des Tisches niedergelassen hatte, an dem locker bis zu zehn Personen Platz hatten.

Melanie zog fragend die Augenbrauen hoch, während sie sich zu Hannas Linker niederließ.

»Was hältst du davon, wenn du mal ein bisschen Ordnung in unseren Dachboden bringst?«, fragte Hanna mit einem verschmitzten Lächeln. »Ich habe dort oben viele Kisten stehen, von denen ich nicht mehr weiß, was sie eigentlich enthalten. Vielleicht kannst du das für mich herausfinden? Wie du siehst, bin ich im Moment nicht gerade gut zu Fuß, und Marie hat alle Hände voll zu tun.«

Die Bitte überraschte Melanie ein wenig. Aber warum nicht auf dem Dachboden herumstreunen und in alten Kisten wühlen? »Ja, gern. Was vermutest du denn da oben?«

»Ich habe vor ein paar Jahren etliche Kisten aus Saigon dort abgestellt und sie seitdem nicht wieder angerührt. Sie enthalten alles Mögliche, Kleinigkeiten, Stoffe, Kleider.«

Melanie erinnerte sich, was die Großmütter ihr schon oft erzählt hatten. Nachdem der Vietnamkrieg zu Ende gewesen war, hatten sich Hanna und Marie auf den Weg gemacht, um dort zu helfen. Nach einigen Schwierigkeiten mit den kommunistischen Behörden war es ihnen gelungen, eine kleine Stofffabrik mit zugehörigem Laden aufzubauen. Sie beschäftigten dort vor allem in Not geratene Frauen, deren Männer im Krieg gefallen waren oder die unehelich schwanger geworden waren. Sie holten Prostituierte von der Straße und gaben ihnen Arbeit in der Näherei. Auch wenn ihre Namen in keinem Geschichtsbuch auftauchten, hatten sie doch viel getan, um den Menschen und besonders den Frauen in Saigon zu helfen.

»Hast du etwas Besonderes mit den Sachen auf dem Dachboden vor, oder soll ich einfach nur ausmisten?«, erkundigte sich Melanie, denn sie konnte sich nicht vorstellen, dass Hanna ­etwas ohne Grund tat oder getan haben wollte. Die Sachen standen schon so lange auf dem Dachboden, sie hätte eigentlich schon früher mal nachfragen können, ob jemand dort aufräumen wollte.

»Nun, ich spiele schon seit einiger Zeit mit dem Gedanken, die Ausstellung zu erweitern. Wir haben unten noch einen Raum frei. Vielleicht findest du ja etwas, das wir gebrauchen könnten. Alles andere, was nicht mehr gut genug ist, um es auszustellen, kannst du gern ausmisten.« Hanna lächelte sie verschmitzt an.

»In Ordnung, ich schaue, was ich dort oben finden kann.«

»Sehr schön. Ich bin mir sicher, dass du ein paar Schätze ­heben wirst.« Und dass es dir guttun wird, mal etwas anderes zu sehen, schienen ihre Augen zu sagen. Aus Rücksicht darauf, dass Melanie sich mit Mitleid ziemlich schwertat, verzichtete Hanna jedoch darauf, es auszusprechen, wofür ihre Enkelin ihr sehr dankbar war.

In ihrem Zimmer versuchte Melanie, sich abzulenken, indem sie ihre Tasche auspackte. Der mit Bauernrosenmalerei verzierte Schrank war viel zu groß für die wenigen Sachen, die sie mitgenommen hatte.

Als sie nach ihrem Handyladegerät angelte, streifte ihre Hand das Briefpapier, das ihr ständiger Begleiter geworden war. Die zarten Bögen mit den eingeprägten blauen Blüten hatte sie vor einiger Zeit von einer Freundin geschenkt bekommen, die gerade Spaß daran gehabt hatte, eigenes Papier zu fertigen.

Zunächst hatte sie dem Stapel kleiner Blätter und handgefalteter Briefumschläge keinen Zweck zuordnen können – wenn sie auf Reisen war, schrieb sie meist E-Mails oder Postkarten. Doch einen Monat nach dem Unfall hatte sie das Set wiedergefunden und sofort gewusst, was sie damit anfangen sollte.

Da sie nicht mit Robert reden konnte, schrieb sie ihm Briefe. Nicht jeden Tag, denn so viel ereignete sich in ihrem Leben nicht. Sie schrieb nur, wenn sie es gar nicht mehr aushielt, wenn der Schmerz und die Sehnsucht so groß wurden, dass sie ihr Herz zu zerreißen drohten.

Als ihre Tasche leer war, trat sie ans Fenster. Der Park lag ruhig im Mondschein. Dunkel erhoben sich die Bäume in den klaren Nachthimmel. Der Mond spiegelte sich im Wasser des Sees.

Wehmut überkam sie. Sie erinnerte sich plötzlich wieder an den ersten Urlaub, den sie gemeinsam mit Robert verbracht hatte.

»Hier könnte ich bleiben«, sagte Melanie, während sie auf die Ostsee schaute, die man nur noch schwach vom Himmel unterscheiden konnte. Das Sonnenlicht verschwand langsam hinter dem Horizont, mit ihm auch das letzte rote Glitzern auf dem Wasser. An diesem Ende des Strandes waren sie ganz allein. Irgendwo hinter ihnen tönte Lounge-Musik aus einer Strandbar, aber das hypnotische Rauschen des Wassers war stärker.

»Findest du das nicht ein bisschen unbequem hier am Strand?«, fragte Robert etwas unromantisch. »Außerdem ist es ziemlich kalt.«

»Ich spüre keine Kälte«, gab Melanie zurück und kuschelte sich fest an seinen Körper, von dem komischerweise selbst im tiefsten Winter eine anziehende Wärme ausging. »Ich meine auch nicht, dass ich die ganze Nacht am Strand herumlungern möchte. Ich dachte eher, dass es schön wäre, am Meer zu ­leben.«

Robert küsste ihren Scheitel. »Da hast du recht, das hätte wirklich was. Allerdings müssten wir uns beide dann eine andere Arbeit suchen.«

»Als Journalist kannst du überall arbeiten, oder?«, gab Melanie zurück. »Und ich als Fotografin auch.«

»Ja, aber der Weg zu meiner Agentur wäre mörderisch. Und du musst öfter zum Flughafen, selbst bis nach Hamburg ist es weit.«

»Das heißt aber nicht, dass wir es nicht schaffen könnten. Und was ist schon dabei, wenn du in eine Lokalredaktion wechselst und ich meine Fotos hier im Künstlerkaten ausstelle. Wir werden so zwar nicht im Geld schwimmen, aber es würde reichen.«

»He, weißt du eigentlich, dass wir beide hier gerade dabei sind, Zukunftspläne zu schmieden?«, bemerkte er daraufhin breit lächelnd.

»Das ist mir durchaus bewusst.« Melanie sah ihn an. Im letzten Abendlicht waren von seinem Gesicht nur noch ­Konturen erkennbar, doch sie kannte mittlerweile jeden Zug: die schön geschwungenen Augenbrauen, die weichen Lippen, die lange Nase und die dunklen Augen mit den dichten Wimpern, die beinahe etwas weiblich wirkten. »Aber ich habe so das Gefühl, dass es für uns eine Zukunft geben könnte. Oder?«

Robert zog sie an sich und küsste sie. »Wenn es nach mir geht, werden wir eine ganze Ewigkeit haben«, sagte er und ­behielt sie dann fest in den Armen, bis die Dunkelheit sie vollkommen einhüllte.

Als sich das Bild entfernte, bemerkte Melanie, dass ihre Wangen nass waren. Für einen Moment hatte sie geglaubt, wirklich wieder dort zu sein, doch nun erkannte sie, dass es nicht das Meer war, auf das sie blickte, sondern der See, über den ein paar Nachtvögel lautlos hinwegzogen. Noch immer flossen die Tränen, und Melanie hatte nicht vor, sie zu unterdrücken. Sie wandte sich um, legte sich aufs Bett und drückte das Kissen fest an sich. Ihre Gedanken wanderten zu dem kleinen Krankenzimmer, in dem die Geräte piepend und summend bemüht waren, Robert am Leben zu erhalten. Dann stieg in ihrer Kehle ein Schluchzen auf, und sie hieß es willkommen.

Als alles im Haus ruhig geworden war, erhob sich Hanna mühsam aus dem Bett. Die Zeiten, da sie ruhig und lange durchschlafen konnte, waren längst vorbei.

Die Nachricht, dass Melanies Verlobter verunglückt war, hatte ihr gezeigt, wie viel Glück sie hatte, noch immer am Leben zu sein. Sie näherte sich ihrem hundertsten Geburtstag, manchen Menschen war dagegen nicht mal die Hälfte vergönnt. Als es nach einem Monat Koma sehr schlecht um ihn gestanden hatte, hatte sie sich gewünscht, an Roberts Stelle sterben zu dürfen. Doch sie war immer wieder wach geworden und hatte erkannt, dass es wohl einen Grund gab, warum sie noch nicht an der Reihe war.

Hanna wandte sich der Tür zu. So leise, wie es schon immer ihre Gewohnheit gewesen war, verließ sie ihr Schlafzimmer und humpelte langsam durch den Gang. Die Schmerztabletten wirkten nur schlecht, aber immerhin schaffte sie es nun, sich zu bewegen.

Zu dieser Stunde hatte sie keine Eile. Marie schlief, das Alter machte auch ihr zu schaffen, wenn auch nicht im gleichen Ausmaß wie Hanna. Sie versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen, aber Hanna sah deutlich, dass die Falten und die weißen Strähnen im Haar ihrer Tochter nicht die einzigen Zeichen waren. Ihre Hüfte schmerzte, sie war wetterfühlig und manchmal ziemlich launisch.

Ein Schluchzen ließ sie plötzlich innehalten. Melanie weinte. Das war ihr gutes Recht. Ihre Liebe war gefangen in einer Dunkelheit, die sich niemand vorstellen konnte.

Hanna legte die Hand auf die Klinke. Sollte sie zu ihr gehen und sie trösten? Sie verstand die Trauer, die sie erfüllte, nur zu gut, gleichzeitig wusste sie aber, dass Melanie sich dem Schmerz nicht einfach überlassen sollte.

Deshalb hatte sie die Idee mit dem Dachboden gehabt. Den Krempel, der da oben stand, brauchte Hanna eigentlich nicht. Vieles davon wollte sie auch lieber vergessen. Aber Melanie musste etwas zu tun bekommen. Und vielleicht war es wirklich an der Zeit, aufzuräumen – auf dem Boden und in ihrem Kopf.

Nachdem sie sich dagegen entschieden hatte, zu ihrer Urenkelin zu gehen, humpelte sie weiter.

An der kleinen Tür angekommen, hinter der sich das Altarzimmer befand, machte sie halt. Sie hatte den kleinen Raum, der wohl als Ankleidezimmer der Hausherrin gedient hatte, kurz nach ihrer Ankunft eingerichtet. In ihrer Heimat war es Brauch, den Verstorbenen ein Zimmer im Haus einzurichten, in dem ihrer gedacht wurde und in dem ihre Seelen wohnen konnten.

Sie trat an den Altar, für den sie und Marie immer frische Blumen besorgten, und grüßte ihre Ahnen leise auf Vietnamesisch, dann betrachtete sie die Bilder, strich über einige liebevoll mit dem Finger, neigte vor anderen respektvoll den Kopf. Egal, was die Ahnen uns angetan haben, sie verdienen unsere Achtung, dachte sie. Dieselbe Achtung, die wir uns wünschen, wenn wir davongegangen sind.

Nachdem sie ein Räucherstäbchen angezündet hatte, wandte sie sich um und ging zu dem etwas schiefen Schränkchen, zu dem es nur einen Schlüssel gab – jenen, den sie um den Hals trug und niemals ablegte. Diesen Schrank hatte sie nun schon so viele Jahre, stets hatte er sie an den Ort begleitet, der ihr neues Zuhause geworden war. Den Schmerz in ihren Fingern ignorierend, zog sie die lange Kette mit dem Schlüssel unter ihrem Nachthemd hervor und schloss die Tür auf.

Aus dem Schrankinnern drang ihr der vertraute Geruch nach vertrockneten Blüten, Papier und zerfallenem Stoff entgegen. Vorsichtig ließ sie die Hand über die Gegenstände gleiten. All das würde Melanie gehören, wenn sie selbst eines ­Tages aus dieser Welt fortging.

Schließlich nahm sie zwei Dinge aus dem Schränkchen. Einen braunen Umschlag und eine Fotoplatte. Damit würde es beginnen. Manche Geschichten nahmen ihren Anfang nicht einfach so, sie brauchten einen Anstoß. Hanna wollte Melanie den Zeitpunkt überlassen, an dem sie fündig wurde und vielleicht nachfragte.

Sie verschloss den Schrank wieder, blickte noch einmal zu den Ahnen und verließ den Raum. Leise schlich sie über den Gang zu der Tür, hinter der eine Treppe nach oben führte. Diese kam ihr aufgrund ihrer schmerzenden Knochen wie eine unüberwindbare Hürde vor. Doch sie hatte die ganze Nacht, um hinauf- und wieder herunterzukommen. Und morgen begann ein neuer Tag.

2

Sonnenschein riss Melanie aus dem Schlaf. Vögel zwitscherten vor ihrem Fenster, der Wind strich durch die Bäume.

Sie genoss die Geräusche einen Moment lang, dann öffnete sie langsam die Augen. Die geblümte Tapete und der blaue Betthimmel wähnten sie zunächst in einem Traum, doch die Erinnerung kehrte schnell wieder zurück. Sie war in der Villa ihrer Großmütter.

Nach ihrem Weinkrampf am Vorabend hatte sie es irgendwie geschafft, ihr Nachthemd anzuziehen und unter die ­Decke zu schlüpfen.

Es wunderte sie, wie gut sie geschlafen hatte. Kein Alptraum hatte sie heimgesucht, wie es in den vergangenen ­Wo­chen häufiger der Fall gewesen war. Sie war nicht einmal aufgeschreckt, und ihr Bettzeug war auch nicht vollkommen nassgeschwitzt.

Gähnend räkelte sie sich in ihrem Bett, dessen Matratze unter ihrem Körper leicht knarzte. Natürlich war die Sorge sofort wieder da, auch der Druck auf ihren Magen, der sie seit der Unfallnachricht nicht verlassen wollte. Aber irgendwas war wirklich anders gewesen in der Nacht. Ihre Augen waren nicht verquollen, und sie fühlte auch keine bleierne Schwere in ihrem Kopf.

Wahrscheinlich liegt das an der Landluft, dachte sie, als sie sich erhob. Sofort wanderte ihr Blick zu dem alten Nachttischchen, auf dem ihr Handy lag. Keine neue Nachricht. Das ist gut, sagte sie sich. Jeden Morgen war sie auf eine Nachricht aus der Klinik gefasst. So sehr, wie sie eine gute Nachricht erhoffte, fürchtete sie sich vor einer schlechten. Wenn jemand über Nacht starb, riss man die Angehörigen nicht aus dem Schlaf, sondern wartete bis zum Morgen.

Sie glitt von der Bettkante, die viel höher war als die normaler Betten und ihr das Gefühl gab, wieder zwölf Jahre alt zu sein, dann ging sie zum Fenster. Die Morgensonne hatte den See in einen glitzernden Spiegel verwandelt. Enten paddelten darauf herum, tauchten mit dem Kopf kurz unter, setzten dann ihren Weg fort. Der Schwan, den sie bereits am Tag zuvor gesehen hatte, teilte mit seinem Körper das Wasser.

Vielleicht sollte ich eine Runde laufen, ging es Melanie durch den Sinn. Das hatte sie schon lange nicht mehr getan. Die Aussicht, mutterseelenallein den See zu umrunden, erschien ihr plötzlich so verlockend, dass sie sich von dem wunderbaren Anblick losriss und aus dem Schrank etwas nahm, das einem Sportoutfit am nächsten kam. Dann verschwand sie im Bad.

Sie verzichtete darauf, ihren MP3-Player mitzunehmen, doch was war mit dem Handy? Wenn nun ein Anruf kam? Zu dumm, dass Leggings keine Taschen hatten.

Vielleicht sollte ich doch nicht laufen gehen, dachte sie. Während sie mit sich rang, blickte sie zum Fenster. Der Morgen war wirklich wunderschön. Sie blickte auf ihr Handy. Ich könnte es in der Hand tragen, fiel ihr plötzlich ein. Und damit stand ihr Entschluss fest.

Das Sonnenlicht hatte nicht zu viel versprochen. Der Morgen war für April ungewöhnlich warm. Melanie reckte das Gesicht gen Himmel.

Auf der Haut spürte sie schon deutlich, wie warm die Sonne bereits war. Früher hatte sie bei gutem Wetter immer eine ­gewisse innerliche Leichtigkeit verspürt, aber die blieb jetzt aus.

Ihre Mutter war der Meinung, dass Melanie innerlich einen Schutzwall errichtet habe, damit es ihr nicht den Boden unter den Füßen wegzog. Melanie wusste jedoch, dass sie jedes positive Gefühl aus schlechtem Gewissen unterdrückte.

Aber immerhin hatte sie jetzt zu etwas Lust, was in letzter Zeit nicht häufig vorgekommen war. Das Handy fest in der Hand, folgte sie ein Weilchen dem Kieselweg und lief dann über die Wiese, die an den See grenzte.

Der Weg, auf dem man ihn umrunden konnte, war schmal, aber ziemlich ausgetreten. An Wochenenden bei schönem Wetter spazierten Ausflügler auf diesem Weg. Jetzt war hier niemand. Melanie blickte kurz über den See, dann begann sie zu laufen. Grashalme streiften ihre Waden und piksten ihre Knöchel, schon auf den ersten Metern stolperte sie fast, denn sie war nicht auf die Unebenheit des Weges gefasst. Aber sie lief weiter und bekam schließlich ein Gefühl für den Untergrund.

Ein Kuckuck rief in der Ferne. Melanie kam wieder in den Sinn, was ihre Großmutter väterlicherseits immer gesagt hatte. Dass man mitzählen solle, wenn der Kuckuck rief, dann könne man herausfinden, wie alt man werden würde. Das war natürlich Unsinn und auch ein bisschen makaber.

Diesmal hielt der Kuckuck sehr lange durch, seine Rufe begleiteten sie ein ganzes Stück an den Trauerweiden vorbei, bis an eine Stelle, an der das Schilfrohr bis weit ins Land hineinwucherte. Auch dort hindurch führte der Weg, doch das Röhricht nahm ihr nun die Sicht auf den See.

Ein Rascheln kam von der Seite. Sie hatte keine Angst vor irgendwelchen Wildtieren, dennoch wollte sie nicht unbedingt einer aufgeschreckten Schwanenmutter oder einem streunenden Hund begegnen.

Es war ein Mensch, der ihr entgegenkam. Der Mann hatte struppiges blondes Haar und trug Jeans und T-Shirt. In seiner Hand hielt er einen Eimer, seine Angelrute trug er lässig auf der Schulter.

Jemand angelt sich Fische aus dem See?, fragte sich Melanie. Das Gewässer war zwar nicht klein, und sicher lebten hier Fische, doch schmeckten die?

»Guten Morgen!«, grüßte er sie, und Melanie erwiderte den Gruß mit einem Nicken, denn ihre Lunge ließ sie durch ein scharfes Brennen wissen, dass sie ihr das fehlende Training übelnahm.

Eigentlich hätte es keinen Grund gegeben, stehen zu bleiben, doch der Mann rief ihr plötzlich hinterher: »Gehören Sie zu den beiden alten Damen?«

Melanie blieb stehen und wandte sich um. »Warum wollen Sie das wissen?«, keuchte sie. Erst jetzt erkannte sie, dass der Mann noch ziemlich jung war, schätzungsweise nicht mal vierzig. Der Dreitagebart ließ ihn von weitem älter wirken. Das erwartungsvolle und auch ein wenig freche ­Lächeln machte Melanie verlegen. Schon lange hatte sie nicht mehr bewusst darauf geachtet, ob ein Mann sie anlächelte.

»Ich bin Thomas Hansen, der Gärtner«, stellte er sich vor. »Wäre schon gut zu wissen, ob Sie dazugehören, nicht, dass ich Sie unberechtigt vom Grundstück weise.«

Melanie runzelte unverständig die Stirn. »Haben Ihnen meine Großmütter gesagt, dass Sie das tun sollen?«

Der Mann lächelte breit. »Nein, natürlich nicht. Trotzdem passe ich auf, dass sich hier nicht zu viele Unbefugte herumtreiben. Sie machen nur die Schwäne scheu.«

»Das meinen Sie nicht im Ernst, oder?« Melanie fragte sich, wann ihre Großmütter einen anderen Gärtner eingestellt hatten. Hatten sie überhaupt davon erzählt? Oder hatte sie es in ihrem Gram nur nicht mitbekommen?

Der Mann lachte auf. »Nein, nicht wirklich. Hier kann ­jeder rumlaufen, wie er möchte. Ich wollte Sie nur daran hindern, gleich weiterzulaufen. Ich habe mir schon gedacht, dass Sie zu den Damen gehören. Sie sind die Enkelin, stimmt’s?«

»Meine Großmütter reden mit Ihnen über mich?«

»Hin und wieder. Und sie erzählen nur Gutes, da brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Ich habe mich schon oft gefragt, wann Sie mal auftauchen.«

Was sollte Melanie zu diesem Typen sagen? Er liebte es offenbar, zu reden, und wie ein Gärtner wirkte er nun ganz und gar nicht.

»Und, haben Sie was gefangen?« Melanie deutete auf den Eimer.

»Nicht wirklich. Einen alten Schuh und eine Blechdose. Beinahe einen Karpfen, aber langsam fange ich an zu glauben, dass es nur diesen einen gibt. Seine Schuppen kamen mir so bekannt vor, als ich ihn kurz unter der Wasseroberfläche gesehen habe. Da habe ich meine Angel schnell wieder eingezogen, denn den alten Burschen will ich wirklich nicht in der Pfanne haben.« Er lächelte sie einen Moment lang an, dann setzte er hinzu: »Aber ich möchte Sie nicht mit meinem Fang aufhalten. Außerdem muss ich los, die Rabatten gießen.«

Melanie nickte. »In Ordnung. War nett, Sie zu treffen.«

»Ebenso. Man sieht sich!« Er winkte und zog weiter.

Erst jetzt wurde Melanie klar, dass sie ihm nur mit Leggings und dem schon etwas ausgeleierten Shirt bekleidet gegenübergestanden hatte. Sofort wurde sie rot, aber jetzt war es für Scham zu spät. Sie beschloss, die Sache zu vergessen – und besser gekleidet zu sein, wenn sie dem attraktiven Angestellten ihrer Großmütter das nächste Mal über den Weg lief.

»Hat euer Gärtner eigentlich immer die Angewohnheit, Leute einfach so anzusprechen und auszufragen?«, fragte Melanie, als sie beim Frühstück saßen. Hanna sah ziemlich mitgenommen aus. Die dunklen Ränder unter den Augen zeugten von einer Nacht, in der ihr das Rheuma heftig zu schaffen gemacht hatte.

»Du meinst Thomas?«, fragte Marie, die wesentlich ausgeruhter wirkte. Sie goss Melanie etwas Kaffee ein und reichte ihr dann ein frisch aufgebackenes Croissant.

»Ja, genau! Seit wann ist er bei euch? Ich wusste gar nicht, dass ihr einen neuen Gärtner habt.«

»Er ist uns vor einem Monat zugelaufen«, antwortete Hanna lächelnd.

»Zugelaufen? Wie ein Kätzchen?«

»Wir hatten die Gärtnerstelle ausgeschrieben, nachdem wir eingesehen hatten, dass unser früherer Gartenservice nicht wirklich was von Pflanzen verstand. Als Thomas fragte, ob er die Stelle haben könnte, haben wir ihn angestellt. Er schien ein netter Junge zu sein.«

»Und ein attraktiver Junge ist er obendrein«, setzte Marie verschmitzt hinzu. »Außerdem scheint er Ahnung zu haben. Du hättest mal sehen sollen, wie liebevoll er die Trompetenblumen in die Kästen gesetzt hat!«

»Und auch um den Jasmin kümmert er sich gut.«