Die Frauen vom Löwenhof - Solveigs Versprechen - Corina Bomann - E-Book
oder
Beschreibung

Eine Frau greift nach den Sternen. Band 3 der großen Löwenhof-Saga von Corina Bomann!

Nach einem Unfall liegt Solveigs Welt in Scherben. Gerade noch glaubte die junge Braut, die Zukunft glänzend vor sich zu sehen. Traurig zieht sie zurück auf den Löwenhof zu ihrer Mutter und Großmutter. Dort wird sie gebraucht, die Zeit hat dem ehrwürdigen Gut zugesetzt. Solveig hat viele Ideen, doch welcher Weg ist der richtige? Ein Besucher aus Amerika und ein attraktiver Geschäftsmann aus Stockholm stoßen für Solveig die Tür auf in die weite Welt. Doch kann sie die Trauer um ihr verlorenes Glück wirklich schon loslassen? Solveig will noch einmal von vorne anfangen, für den Löwenhof und auch für eine neue große Liebe.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl:796


Die Frauen vom Löwenhof - Solveigs Versprechen

Die Autorin

Corina Bomann ist in einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsen und lebt mittlerweile in der Nähe von Berlin. Seit ihr mit dem Roman »Die Schmetterlingsinsel« der absolute Durchbruch gelang, gehört sie zur ersten Garde der deutschen Unterhaltungsschriftstellerinnen.Mit ihrer neuen Saga um die schwedische Familie Lejongård erfüllt sie sich einen Traum: Sie erzählt generationsübergreifend vom Schicksal einer Adelsfamilie im Lauf des zwanzigsten Jahrhunderts mit allen Umbrüchen und Herausforderungen.Besuchen Sie die Autorin unter www.corina-bomann-buecher.de.Von Corina Bomann sind in unserem Hause bereits erschienen:Die SchmetterlingsinselDer MondscheingartenDie JasminschwesternDie SturmroseDas MohnblütenjahrSturmherzDie Frauen vom Löwenhof: Agnetas Erbe, Mathildas Geheimnis, Solveigs VersprechenEin zauberhafter SommerEine wundersame WeihnachtsreiseWinterblüte WinterengelEin Zimmer über dem Meer (unter dem Pseudonym Dana Paul)

Das Buch

Die Löwenhof-Saga: Im Mittelpunkt steht das prächtige Landgut Löwenhof in Südschweden, das seit Jahrhunderten im Besitz der adeligen Familie Lejongård ist. Das Landgut ist berühmt für seine erfolgreiche Pferdezucht. Das Gut und der Titel wurden der Familie für die Treue und Unterstützung im Dreißigjährigen Krieg übertragen, unter der Auflage, dass die Lejongårds der Königsfamilie bei allen Skandalen und Schwierigkeiten beistehen.Dabei sind es immer wieder die mutigen, eigenwilligen Frauen vom Löwenhof, die Familie und Gut retten.

Corina Bomann

Die Frauen vom Löwenhof - Solveigs Versprechen

Roman

Ullstein

Besuchen Sie uns im Internet:www.ullstein-buchverlage.de

Originalausgabe im Ullstein Taschenbuch1. Auflage Januar 2019© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2019 Umschlaggestaltung: bürosüd° GmbH, München Titelabbildung: plainpicture / © Dave and Les Jacobs (Tür), Arcangel Images / © Malgorzata Maj (Frau), www.buerosued.de (Landschaft , Fliesen)Autorenfoto: © Hans ScherhauferE-Book-Konvertierung powered by pepyrus.comAlle Rechte vorbehalten. ISBN 978-3-8437-1791-5

Auf einigen Lesegeräten erzeugt das Öffnen dieses E-Books in der aktuellen Formatversion EPUB3 einen Warnhinweis, der auf ein nicht unterstütztes Dateiformat hinweist und vor Darstellungs- und Systemfehlern warnt. Das Öffnen dieses E-Books stellt demgegenüber auf sämtlichen Lesegeräten keine Gefahr dar und ist unbedenklich. Bitte ignorieren Sie etwaige Warnhinweise und wenden sich bei Fragen vertrauensvoll an unseren Verlag! Wir wünschen viel Lesevergnügen.

Hinweis zu UrheberrechtenSämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken, deshalb ist die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich die Ullstein Buchverlage GmbH die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.

Inhalt

Titelei

Die Autorin / Das Buch

Titelseite

Impressum

Erster Teil 1967

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

Zweiter Teil 1968

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

Dritter Teil 1969

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

Vierter Teil 1972

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

Anhang

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

Erster Teil 1967

Erster Teil 1967

1. Kapitel

»Das wäre alles für heute, meine Herrschaften!«

Professor Kersten schlug sein Buch zu und wischte ein imaginäres Stäubchen vom Revers seines weißen Kittels. Niemand wusste, warum er ihn in der Vorlesung trug, gab es hier doch nichts, was wir sezieren mussten. Aber es war eine Angewohnheit von ihm, die er wohl nie ablegen würde.

Das Klopfen Dutzender Fingerknöchel auf den Tischen des Hörsaals folgte seinen Worten wie Donnergrollen einem Blitz. Wenig später kam in den Bankreihen Bewegung auf.

Auch Kitty neben mir erhob sich. Eigentlich hieß sie Katrina Vaderby, aber so wurde sie nur von den Professoren gerufen. Sie selbst nannte sich Kitty, ebenso wie ihre Kommilitonen und Freunde. Eine braune Locke fiel ihr ins Gesicht, als sie sich ihren Schal um den Hals schlang. Sie war meine Freundin, mit der ich mir ein Zimmer im Studentenwohnheim teilte. Früher hatte meine Mutter ein Haus in Stockholm besessen, doch dieses war verkauft worden, um dem Löwenhof nach dem Krieg wieder auf die Beine zu helfen.

»He, Solveig, wie wäre es, wenn ich bei Kersten mit dem Thema ›Geschlechtskrankheiten bei Pferden‹ promovieren würde?«, sagte sie kichernd, während sie ihre Schreibutensilien zusammenraffte.

»Wahrscheinlich würde er einen Schock erleiden. Das kannst du nicht tun.« Lachtränen stiegen mir in die Augen. Sie hatte immer solche Bemerkungen auf Lager. Das war einer der Gründe, wieso ich sie so sehr mochte.

Professor Kersten war noch von der alten Garde, er hatte bereits während des Weltkrieges gelehrt und stand mittlerweile kurz vor seiner Pensionierung. Ob er uns noch durch unsere Doktorandenzeit begleiten würde, war fraglich. Aber Kittys Vorschlag brachte mich zum Schmunzeln.

»Die Beschälseuche ist ein ernstes Thema!«, ahmte sie seinen Tonfall nach. »Du hast das doch letzte Woche bei Professorin Rubinstein gehört! Ich meine, dass Pferde deswegen getötet werden müssen …«

»Dann solltest du besser bei ihr promovieren«, gab ich zurück und packte ebenfalls meine Sachen. »Ich halte das ohnehin für eine gute Idee. Die Professorin hat moderne Ansichten. Wenn ich meinen Doktor mache, dann bei ihr.«

Damit verließen Kitty und ich den Hörsaal der Veterinärhögskolan. Überall standen kleine Grüppchen plaudernd zusammen, einige trotz des kalten Wintertags in schrillbunte Kleider und Pullover gehüllt. Dagegen wirkte ich ein wenig farblos mit meinem grauen Wollmantel und den groben braunen Stiefeln. Der einzige Farbtupfer an mir war eine lindgrüne Wollmütze, die ich mir im Kaufhaus zugelegt hatte. Kitty fand, dass sie mir stand und meine grünen Augen, die ich von meinem Vater geerbt hatte, gut zur Geltung brachte.

»Was hast du eigentlich in den Semesterferien vor?«, fragte ich, wohl wissend, wohin mich meine freie Zeit führen würde. Seit den Weihnachtsferien war ich nicht mehr auf dem Löwenhof gewesen. In den kommenden Wochen würde ich endlich wieder Zeit haben, auszureiten und anschließend im warmen Salon meiner Großmutter zu sitzen, um ein Buch zu lesen.

»Wenn ich ehrlich bin, weiß ich es noch nicht genau«, antwortete Kitty. »Eigentlich wollten wir zum Skifahren, aber Marten will nach Frankreich. Bei dem Wetter, kannst du dir das vorstellen?«

»Im Süden ist es sicher sonnig und warm.« Ich wusste nicht, warum sie sich beschwerte. Marten Ingersson trug sie auf Händen, und eine Reise nach Frankreich klang sehr romantisch. Vielleicht wollte er ihr dort einen Heiratsantrag machen?

»Nur ist Frankreich eher was für den Sommer, nicht wahr? Außerdem will Marten mit dem Auto dorthin fahren.«

»Aber eine Flugreise wäre doch viel einfacher.«

»Und teurer.« Kitty seufzte. »Ich sehe mich schon in seinem klapprigen Fiat durch Dänemark tuckern, dann durch Deutschland und Luxemburg … Ehe wir dort sind, sind die Semesterferien um.« Sie sah mich an. »Du hast da mehr Glück.«

»Inwiefern?«

»Sören würde sich eine Flugreise leisten können. Und wenn nicht er, dann du.«

»Da wäre ich mir nicht so sicher.« Ich fragte mich, wann Kitty endlich einsah, dass mit einem Adelsnamen nicht auch automatisch Reichtum kam. Der Löwenhof mochte vielleicht ein berühmtes Gut sein, aber für meine Mutter und Großmutter war es in diesen Zeiten eine Herausforderung, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Pferde wurden nur noch selten in größeren Mengen gekauft. Die einstmals lukrativen Verträge mit dem Königshaus existierten nicht mehr. Außerdem war meine Mutter stark eingespannt durch die Lenkung unseres zweiten Gutes. Ekberg lief immerhin gut genug, dass sie einen Verwalter anstellen konnte. Das Geschäft führen wollte Mathilda Lejongård aber allein.

»Außerdem bin ich sehr gern auf dem Hof«, fuhr ich fort. »Das Reiten fehlt mir in der Stadt richtig.«

»Dann solltest du hier einen Joggingklub gründen, wie es sie seit einiger Zeit in Amerika gibt.«

»Haha«, machte ich. Ich mochte es, mich zu bewegen, aber selbst laufen und mit einem Pferd über die Wiesen preschen war nicht dasselbe.

Kitty schaute auf ihre Armbanduhr. »Na gut. Ich muss jetzt erst mal zum Hansen. Du hast Glück, dass du in den Kurs von Professor Harland gekommen bist.«

»Der ist nicht viel besser als Hansen, was die Anforderungen angeht.«

»Aber er sieht wesentlich besser aus.« Sie schnalzte mit der Zunge und grinste, dann zog sie von dannen.

Ich trat vor die Tür und reckte die Nase gen Himmel. Noch war es Winter, doch das Wetter hatte sich in den vergangenen Tagen etwas gebessert. Vielleicht bildete ich es mir ein, aber irgendwie lag Frühling in der Luft – und das im Februar! Ich stellte mir vor, wie der Campus aussehen würde, wenn das erste Grün erschien.

Obwohl es jedes Jahr das Gleiche war, fühlte man sich zu Beginn des Frühlings, als würde man die Pracht zum ersten Mal in seinem Leben sehen. Es war schon seltsam, wie der Winter einen die Schönheit vergessen lassen konnte.

Eine Berührung riss mich aus meinen Gedanken fort. Eine Hand legte sich sanft um meine Taille. Erschrocken riss ich die Augen auf, und bevor ich aufschreien konnte, blickte ich in die braunen Augen von Sören Lundgren.

»Hallo, du Schöne, träumst du?«, fragte er, und ehe ich antworten konnte, gab er mir einen Kuss. Die Wärme seiner Lippen ließ mich vergessen, dass wir auf dem Campus standen, wo jeder uns sehen konnte.

Erst hatten wir es nicht an die große Glocke hängen wollen, aber inzwischen ertappte ich mich dabei, wie stolz es mich machte, einen Mann wie ihn an meiner Seite zu haben. Aus anfänglichen Heimlichkeiten und gestohlenen Küssen war mehr geworden, und mittlerweile kümmerte es mich nicht mehr, wenn wir gesehen wurden. Ich wollte sogar, dass man uns zusammen sah und beneidete.

»Hey«, sagte ich. »Was suchst du denn hier? Ich dachte, du musst heute in die Praxis.«

Sören war bereits im zehnten Semester und stand kurz vor seinem Abschluss. Derzeit absolvierte er ein Praktikum bei einem Tierarzt am Stadtrand von Stockholm, wo er vorrangig Hunde und Katzen untersuchte.

»Der Doktor ist krank und hat die Praxis geschlossen. Meinen Einwand, dass ich die Arbeit für ihn übernehmen könnte, hat er nicht gelten lassen.«

»Du bist schließlich noch nicht approbiert.«

»Aber ich führe die Praxis praktisch. Ein wenig mehr Vertrauen hätte ich durchaus verdient.«

»Ich habe Vertrauen in dich«, sagte ich und küsste ihn neckend.

»Das bedeutet mir alles.« Er zog mich wieder dichter an sich. »Du hast nicht zufällig Zeit für mich?«

Ich schüttelte den Kopf. »Seminar bei Professor Harland.«

»Ah, bei dem Beau!«, erwiderte er lachend.

»Er ist kein Beau. Was ihr nur alle habt. Ich sehe in ihm bloß einen fachlich kompetenten Professor.«

»Auf den alle Mädchen der Veterinärschule fliegen – außer dir, wie es scheint.«

»Ich habe ja dich. Außerdem ist Harland bereits vierzig! Meinst du nicht, er wäre ein bisschen zu alt für mich?«

»Die anderen scheint es nicht zu interessieren. Außerdem bekommt er als Professor sicher ein gutes Gehalt.«

»Und ich bin adelig!«, sagte ich und reckte gespielt die Nase in die Luft. »Mit Geld kann man mir nicht imponieren.«

»Womit dann?« Er schlang die Arme um meine Hüften.

»Das weißt du genau!« Ich küsste ihn und warf ihm ein vielsagendes Lächeln zu. Es war wirklich zu dumm, dass ich jetzt zum Seminar musste.

»Wie sieht es denn heute Abend aus?«, fragte Sören.

»Kofferpacken für die Fahrt nach Hause«, sagte ich. »Du möchtest mich nicht zufällig begleiten?«

Sören legte den Kopf schief. »Das hängt davon ab, wie der heutige Abend verläuft.«

Ich zog die Augenbrauen hoch. »Willst du mich davon abhalten, die Koffer zu packen?«

»Vielleicht.«

»Und warum willst du das tun? Hast du andere Pläne für die

Ferien?«

»Triff dich heute Abend hier auf dem Campus mit mir«, sagte er ausweichend. »Dann werde ich es dir zeigen.«

»Willst du Sternschnuppen anschauen?«, fragte ich und blickte wieder nach oben. Wolkenschleier trieben über das winterliche Blau. Es konnte leicht passieren, dass es sich ganz bezog, und dann würde es eine sehr schwarze Nacht werden.

»Besser. Lass dich einfach darauf ein.« Er lächelte mir aufmunternd zu. Mein Herz klopfte. Ich mochte es sehr, wenn er eine Überraschung für mich plante. Gleichzeitig hasste ich es, dass er mir nicht einmal den geringsten Hinweis gab. Wenn er eine Reise vorhatte, musste ich zu Hause Bescheid geben. Großmutter vertrug es gar nicht, wenn ich plötzlich wegblieb.

»Okay«, sagte ich, denn ich spürte, dass auch das innigste Flehen ihn nicht dazu bewegen würde, etwas von seiner Überraschung zu verraten.

Sören runzelte leicht die Stirn. Ich musste ein wenig verstimmt geklungen haben, denn er fragte: »Ist alles in Ordnung?«

»Ja, natürlich«, erwiderte ich und lächelte. »Ich bin nur neugierig, das ist alles.«

»Gut«, sagte er erleichtert. »Ich verspreche dir, es wird eine schöne Überraschung.«

»Daran habe ich keinen Zweifel.«

Ich legte meine Hände um seinen Nacken, und wir küssten uns erneut. Von irgendwoher pfiff jemand anzüglich, doch das ignorierten wir. In diesem Augenblick waren wir unbesiegbar.

Mit klopfendem Herzen fand ich mich kurz vor acht Uhr auf dem Campus ein. Nur noch wenige Fenster in dem großen Gebäude waren beleuchtet. Natürlich gab es hin und wieder späte Vorlesungen, aber um diese Zeit war hier größtenteils Ruhe eingekehrt. Bald würden nur noch die Reinigungskräfte in den Fluren unterwegs sein.

Ich fragte mich immer noch, warum mich Sören gerade hier treffen wollte. Normalerweise gingen wir in ein Lokal, in der Nähe des Campus fand man etliche Cafés und Restaurants.

Die Kälte kroch mir unter den Mantel, und neben meiner Verwirrung stieg leichter Ärger in mir auf. Wo blieb er? Ich blickte auf meine Armbanduhr. Fünf vor acht. Noch hatte er ein wenig Zeit. Warum war ich eigentlich so früh hergekommen?

Möglicherweise, weil ich vor Kittys Fragen fliehen wollte. Als sie erfahren hatte, dass Sören eine Überraschung für mich plante, hatte sie sich in wilden Spekulationen ergangen. »Vielleicht entführt er dich nach Davos«, sagte sie. »Oder ihr fahrt nach Italien.«

»Wenn dem so wäre, hätte er mir doch sicher geraten, andere Garderobe mitzunehmen.«

»Vielleicht hat er alles schon da. Deinen Körper kennt er sicher schon gut genug, um deine Größe abzuschätzen.«

»Kitty!«, hatte ich empört ausgerufen, aber sie hatte recht. Sören und ich genossen unsere Körper, wann immer wir konnten und Lust hatten. Dass wir beide nicht zusammenwohnten, schien unser Begehren nur noch anzuheizen. Wenn wir dann, meist am Wochenende, in seiner Wohnung waren, wollte ich oft nicht mehr fort.

Ich blickte mich um. Unruhe wühlte in mir. Ob meine Finger vor Aufregung kalt waren oder ich einfach nur fror, konnte ich nicht unterscheiden.

Dann hörte ich Schritte hinter mir.

»Da bist du ja!«, sagte Sören, als hätte ich mich verspätet. »Bist du bereit?«

»Bereit wofür?«

Sören zog etwas aus seiner Tasche. Auf den ersten Blick sah es wie eine dunkle Herrensocke aus. Ich schreckte zurück.

»Keine Angst, ich will dir nur die Augen verbinden«, sagte er.

»Mit einer deiner Socken?«

»Das ist keine Socke. Tu mir den Gefallen. Bitte.«

»In Ordnung.« Ich wandte mich um und spürte im nächsten Augenblick, dass die vermeintliche Socke ein seidiges Stück Stoff war. Sören verknotete es hinter meinem Kopf. Dann legte er seine Hand auf meinen Arm.

»Du willst mich doch hoffentlich nicht entführen.«

»Nicht wirklich«, antwortete er. »Aber du sollst die Überraschung erst dann sehen, wenn du dort bist.«

Er geleitete mich über Schnee und schließlich über etwas, das sich unter meinen Schuhen wie ein Gehweg anfühlte. Unsere Schritte hallten von einem Gebäude wider, dann machte er plötzlich halt.

»Da wären wir«, sagte er.

Als er mir die Augenbinde wieder abnahm, blickte ich in ein Meer von Kerzen, die auf dem Boden ein großes Herz bildeten.

Schnee glitzerte in ihrem Licht, und es beleuchtete auch ein paar künstliche Rosenblätter.

»Was hat das zu bedeuten?«, fragte ich.

»Das wirst du gleich sehen.«

Er führte mich in das Herz aus Kerzen, dann kniete er sich vor mich hin wie jemand, der den Ritterschlag erhalten wollte.

Jetzt zog er noch etwas aus der Jackentasche. Kein Stoffstück, sondern eine kleine Schachtel. Er klappte sie auf, entnahm etwas und streckte es mir hin.

»Solveig Lejongård«, begann er, »du bist die Liebe meines Lebens. Seit ich dich kennenlernte, kann ich mir ein Leben ohne dich nicht mehr vorstellen. Jeder Tag, an dem wir nicht zusammen sind, schmerzt mich zutiefst. Bitte, beende meine Pein, und werde meine Frau!«

Für einen Moment hielt ich die Luft an. Mein Herz pochte wie wild. Ich konnte nicht glauben, dass er das tat. Wir hatten noch nie wirklich darüber gesprochen zu heiraten. Und jetzt machte er so etwas.

»Du bist verrückt!«, presste ich hervor.

»Mag sein. Aber eigentlich weißt du das ja.« Er sah mich hoffnungsvoll an. »Also, was sagst du? Willst du einen verrückten Ehemann?«

Wollte ich? Ich liebte es, mit Sören zusammen zu sein. Ich konnte mir keinen liebevolleren und aufmerksameren Mann vorstellen. Keinen anderen Mann. Auch wenn meine Eltern meinten, dass ich mich nicht zu früh auf jemanden einlassen sollte.

»Ja!«, platzte es aus mir heraus. »Ja, ich will.« Ich schluchzte auf und beugte mich zu ihm hinunter, um ihn zu küssen.

»Warte«, sagte er und nahm meine Hand. »Ich will dir erst einmal den Ring anstecken.«

Er schob ihn mir auf den Ringfinger meiner linken Hand und küsste sie. Eine Welle des Glücks schwappte durch meinen Körper. Ich würde schon bald seine Frau sein! Endlich gab er meine Hand frei. Ich beugte mich zu ihm hinunter und küsste ihn leidenschaftlich.

Wenig später saßen wir eng aneinandergeschmiegt auf der Treppe und blickten auf die Kerzen, die nacheinander erloschen. Mein Kopf lag auf seiner Schulter, und eigentlich hätten wir über unsere Zukunftspläne reden sollen, aber in diesem Augenblick wollte ich einfach nur seine Nähe spüren. Ich wollte das Glück genießen, das mir zuteilwurde.

Als die Tür hinter uns ging, zuckten wir zusammen. Ich wandte mich um und sah eine der Putzfrauen, die missbilligend auf die Kerzen im Schnee blickte.

»Ich hoffe, das schaffen Sie wieder weg!«, murrte sie.

»Keine Sorge, das kriegen wir hin. Ich habe extra einen Müllsack mitgebracht.« Sören zog eine Tüte aus der Jackentasche. Ich musste mir das Lachen verkneifen. Augenbinde, Ring, Mülltüte.

»Na gut, aber ich schaue nach! Wenn es morgen noch da ist, melde ich Sie dem Rektor.«

Ich fragte mich, wie sie das machen wollte. Kannte sie alle Gesichter und Namen der Studierenden? Das war eher unwahrscheinlich und ihre Bemerkung nur eine leere Drohung.

»Wie romantisch, nach einem Heiratsantrag aufzuräumen«, sagte ich, als die Frau wieder hinter der Tür verschwunden war.

»Oh, für die echte Romantik sorge ich zu Hause«, entgegnete er.

»Und warum hast du mir den Antrag nicht zu Hause gemacht?«

»Weil ich wollte, dass es etwas Besonderes ist. Und ich mir nicht sicher war, wie du reagieren würdest. Ich wollte nicht riskieren, dass du mir die Wohnung demolierst.«

Ich lachte auf. Ich war von ihm einige Sprüche gewöhnt, aber heute schien er besonders gut drauf zu sein.

»Hast du jemals erlebt, dass ich etwas bei dir kaputt gemacht hätte?«, fragte ich. »Du warst doch derjenige, der die Vase von deiner Tante Clara runtergeworfen hat.«

»Ich konnte diese Vase nicht leiden.«

»Dafür hast du aber ziemlich erschüttert gewirkt.« Ich reckte den Hals und gab ihm einen Kuss auf den Mund. »Danke. Das war einer der besten Heiratsanträge, die ich je bekommen habe.«

»Dann hoffe ich mal, du hast niemals Lust, diesen mit einem anderen Antrag zu vergleichen.«

»Ich glaube nicht, dass dich jemand übertreffen könnte.«

»Da bin ich ja beruhigt.«

Er legte seinen Arm um meine Schultern, und wieder fanden sich unsere Lippen zu einem langen, innigen Kuss. Ich spürte, wie Lust in mir aufwallte. Wenn wir in seiner Wohnung gewesen wären, hätte ich ihn womöglich gleich zum Bett gezerrt. Aber er hatte recht, dieser Antrag war etwas Besonderes. Und er passte gut zu uns.

Wir waren uns auf dem Campus begegnet. Damals war ich im ersten Semester und hatte noch Mühe, mich in Stockholm zurechtzufinden. Da ich mein bisheriges Leben auf dem Löwenhof verbracht hatte, war die Stadt so aufregend neu für mich. Kitty und ich hatten uns gerade erst kennengelernt, und ich wusste nicht, ob ich sie im Wohnheim länger als einen Monat ertragen konnte.

Eines Tages lief mir dieser Mann über den Weg. Er war kein Junge mehr, sondern ein richtiger Mann. Ich wusste noch nicht, dass er nur zwei Jahre älter war als ich, obwohl er erfahrener aussah. Er lächelte mich an mit solch einem Strahlen auf seinem Gesicht, dass ich wie angewurzelt stehen blieb. Auch Minuten später konnte ich an nichts anderes denken als an dieses Lächeln. Es verwirrte mich dermaßen, dass ich beinahe meine Vorlesung versäumt hätte. Es verfolgte mich auch danach noch, sodass ich den Bus verpasste, mit dem ich zum Wohnheim zurückfahren wollte.

Und sogar in der Nacht dachte ich daran.

Ich machte mir keine Hoffnungen, dass ich ihn wiedersehen würde. Und selbst wenn: Möglicherweise war er ein Dozent. Jemand, der sich nicht mit einer kleinen Studentin abgeben würde. Dennoch hielt ich Ausschau nach ihm. Diese kurzen Augenblicke hatten gereicht, um mir sein Gesicht einzuprägen. Doch er tauchte nicht auf. Nach und nach verlor ich die Hoffnung.

Wider Erwarten freundete ich mich aber mit Kitty an, und der Mann mit den braunen Augen und dem wunderbaren Lächeln rückte aus meinem Bewusstsein.

Und dann stand er plötzlich vor mir. Er wartete vor der Treppe, auf der wir jetzt saßen, und lächelte mich an. Mir fiel vor Schreck mein Rucksack aus der Hand.

»Hej«, sagte er. »Hättest du vielleicht Lust auf einen Kaffee?«

»Ich … wieso … ähm …« Etwas anderes kam nicht über meine Lippen. Mein Herz begann zu rasen, und augenblicklich stieg Hitze in mir auf. So viele Wochen hatte ich versucht, ihn zu finden. Und jetzt war er hier, als hätte mein Wunsch ihn geleitet.

Er lachte auf. Sofort schoss mir das Feuer in die Wangen. Warum verhielt ich mich nur so dumm? Kitty hätte einfach Ja gesagt, sich bei ihm untergehakt und wäre dann mit ihm von dannen gezogen.

»Habe ich dich erschreckt?«, fragte er. »Das war nicht meine Absicht. Ich dachte mir nur, dass heute ein guter Zeitpunkt wäre, dich anzusprechen, nachdem ich dich wochenlang nicht aus dem Kopf bekommen habe.«

Nahm er mich auf den Arm? Ich konnte nicht glauben, dass mir das hier passierte.

»Nein, ich … ich bin nur überrascht.« Allmählich hatte ich mich wieder unter Kontrolle. Was war schon dabei, dass ein junger Mann mich ansprach? Außerdem hatte ich von einem Moment wie diesem schon lange geträumt!

»Und, was meinst du? Hättest du Zeit für einen Kaffee, oder wartet jemand auf dich?«

»Nein, ich meine, ja. Ich hätte Zeit. Und es wartet niemand auf mich. Höchstens meine Zimmergenossin.«

Er lächelte und blickte mich versonnen an. Dann schien ihm etwas einzufallen.

»Oh, verzeih, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Sören Lundgren.«

»Solveig Lejongård«, gab ich zurück und streckte ihm ungelenk die Hand entgegen. Er ergriff sie, und ich spürte, dass seine Finger eiskalt waren. Er schien genauso aufgeregt zu sein wie ich. Das war mir irgendwie sympathisch.

Wir gingen in ein kleines Lokal, bestellten zwei Kaffee und saßen uns im ersten Moment ziemlich beklommen gegenüber. Was sollte ich mit ihm reden? In den vergangenen Wochen war ich so damit beschäftigt gewesen, nach ihm Ausschau zu halten, dass ich mir keine Gedanken darüber gemacht hatte, wie es sein würde, wenn wir uns endlich trafen.

»Ich glaube, du warst nicht der Einzige, der jemanden nicht aus dem Kopf bekommen hat«, begann ich schließlich. »Ich habe eigentlich schon nach dir gesucht, seit wir uns das erste Mal gesehen haben. Leider habe ich dich nicht gefunden.«

»Ich war eine ganze Weile krank«, antwortete er. »Du weißt doch, die Grippe, die hier grassierte.«

Ich erinnerte mich. Einer nach dem anderen um mich herum hatte Fieber und musste hustend im Bett bleiben. Es war mir wie ein Wunder erschienen, dass Kitty und ich in einem Wohnheim, in dem mindestens die halbe Bewohnerschaft krank war, verschont geblieben waren.

»Jedenfalls habe ich eine Weile gebraucht, um wieder auf die Beine zu kommen. Und dann musste ich sehr viel nachholen. Meine Freunde haben mich schon für einen Einsiedler gehalten.«

»Und ich dachte schon, du wärst nur zufällig auf dem Campus gewesen.«

Er lächelte mir zu. »Dann war das wohl Schicksal, was?«

»Ja. Schicksal«, antwortete ich und blickte ein wenig verlegen in meinen Kaffee.

Nachdem wir – ganz die braven Studenten – die verloschenen Kerzen eingesammelt hatten, gingen wir zu Sören. Er wohnte in einer kleinen Wohnung unweit des Campus. Sie gehörte einem Onkel, doch der war für einige Jahre in Amerika, und wie es aussah, trug er sich mit dem Gedanken, dort zu bleiben. Ich liebte diese Räume. Sören hatte sie in Gelb und Orange gestrichen, sodass sie selbst im Winter einen Hauch Sommer verströmten.

Wenn wir erst einmal verheiratet waren, konnten wir hier wohnen, jedenfalls in der ersten Zeit. Ich wusste, dass Sören vorhatte, eine Kleintierpraxis zu eröffnen. Wir hatten noch nicht darüber geredet, aber vielleicht wäre er damit einverstanden, in Kristianstad zu beginnen. Ich könnte dort mitarbeiten, solange Mutter noch in der Lage war, das Gut zu führen. Sie war im November dreiundfünfzig geworden und wirkte immer noch ziemlich jugendlich. Danach, das stand für mich fest, würde ich die Geschicke des Löwenhofes leiten.

Aber das war alles noch Zukunftsmusik. Ich hatte den besten Mann der Welt gefunden und war nun eine Braut. Alles andere würde sich finden.

Kaum waren wir durch die Tür, trat ich auf ihn zu und küsste ihn.

»Was …«, begann er ein wenig verwirrt.

»Du hast doch davon gesprochen, dass du hier für Romantik sorgen möchtest«, sagte ich. »Vielleicht sollten wir gleich damit beginnen.«

»Aber ich muss dazu noch etwas vorbereiten.«

»Ich brauche keine Vorbereitungen dazu. Ich brauche nur dich.« In diesem Augenblick wollte ich nur eines: ihn bis zur völligen Erschöpfung lieben. Ob Rosenblätter auf dem Bett lagen, war mir völlig egal.

Sören ließ den Sack mit den Kerzen fallen und drückte mich fest an sich. Ich spürte deutlich, dass es ihm ähnlich ging wie mir. Wir küssten uns leidenschaftlich, und wenig später zog ich ihn mit mir ins Schlafzimmer, zum Bett, das mir schon so vertraut war.

»Vielleicht sollten wir besser bis zur Hochzeitsnacht warten«, witzelte er, während ich ihm den Pullover über den Kopf zog.

»Ich glaube, mit dem Wunsch, eine Jungfrau zu heiraten, kommst du zu spät. Außerdem, wer weiß, wie lange das dauert.«

Bevor er antworten konnte, verschloss ich seinen Mund mit einem Kuss, dann sanken wir auf die Matratze.

2. Kapitel

Am folgenden Morgen erwachten wir erst spät. Ich fragte mich, was Kitty wohl darüber dachte, dass ich nicht nach Hause gekommen war. Aber wahrscheinlich ahnte sie, dass ich zu Sören gegangen war. Es war in der letzten Zeit nicht unüblich, dass ich auch unter der Woche bei ihm schlief.

Jetzt floss das Sonnenlicht durch die Fenster, und ich spürte seine Wärme an meiner Haut. Ich blickte zur Seite und sah sein Gesicht. Die Augenlider mit den dunklen Wimpern waren geschlossen, eine Haarsträhne fiel ihm ins Gesicht. Instinktiv streckte ich die Hand aus, um sie beiseitezuschieben. Als meine Fingerkuppen seine Haut berührten, schlug er die Augen auf.

»Guten Morgen«, sagte er, viel zu munter für jemanden, der gerade erst erwachte.

»Guten Morgen«, erwiderte ich. »Wie lange bist du schon wach?«

»Eine Weile. Genug, um meine schöne Verlobte beim Schlafen zu betrachten.«

»Und warum hast du dich dann schlafend gestellt?« Ich strich ihm über die Wange. Sie fühlte sich stoppelig an. Ich mochte das, besonders, wenn er mich küsste. Ob ich ihn wohl je dazu bewegen konnte, sich einen Bart wachsen zu lassen?

»Um dir die Gelegenheit zu geben, mich zu betrachten, wie du es manchmal tust. Ich wusste ja nicht, dass du gleich übergriffig werden würdest.«

»Du wirkst so, als würdest du es nicht mögen.«

»Oh doch, ich mag das. Sehr sogar. Und nicht nur an der Stirn.« Er legte seinen Arm unter der Decke um meine Taille.

Seine Berührung ließ meinen Körper kribbeln. Begehren wallte in mir auf. Ich hätte nichts dagegen gehabt, den ganzen Tag mit ihm im Bett zu verbringen. Aber ich hatte meiner Mutter zugesagt, noch heute auf den Löwenhof zu kommen. Und ich wollte, dass sie die tolle Nachricht so schnell wie möglich erfuhr.

»Auf dem Löwenhof werden wir viel Zeit für Berührungen haben«, entgegnete ich und küsste ihn. »Aber jetzt sollten wir aufstehen.«

»Nur noch einen Kuss«, sagte er und zog mich in seine Arme.

Wir holten mein Gepäck aus dem Wohnheim und machten uns dann auf den Weg.

Kitty war zum Glück nicht da, sonst hätte ich womöglich ein Dutzend Fragen über mich ergehen lassen müssen.

Bis zum Löwenhof waren es etwa sechseinhalb Stunden Fahrt. Wir hatten beschlossen, die Strecke zwischen uns aufzuteilen. Ich fuhr die ersten drei Stunden, Sören übernahm den Rest.

Ich genoss es, hinter dem Steuer zu sitzen. In Stockholm hatte ich wenig Gelegenheit, meine Fahrkünste anzuwenden, denn die meisten Wege legte ich mit dem Bus zurück. Außerdem besaß ich kein eigenes Auto. Sören vertrat glücklicherweise nicht die Ansicht seines Vaters, dass Frauen hinter dem Steuer nichts zu suchen hatten.

Auf ungefähr halber Strecke hielten wir auf einem Rastplatz. Zu dieser Jahreszeit pausierten hier nur wenige andere.

»Was hältst du davon, wenn wir eine große Rundreise machen?«, fragte ich Sören, während wir unseren Proviant aus den Taschen holten. »Vielleicht als Hochzeitsreise?«

»Da hatte ich eher an das Mittelmeer gedacht. Südfrankreich. Wir könnten in Nizza und St. Tropez wohnen und uns die Herrschaften der feinen Gesellschaft anschauen.«

Ich lächelte. »Das wäre schön.« Ich verkniff mir die Bemerkung, dass ich eigentlich ebenfalls zu dieser »feinen Gesellschaft« gehörte. Auch wenn unser Gut seine glanzvollsten Zeiten hinter sich hatte. Doch von den Damen, die in den Magazinen mit großen Sonnenbrillen, Designerkleidern und Juwelen abgebildet wurden, unterschied ich mich ziemlich. Ich fühlte mich eher als einfache Frau.

»Wenn der Termin unserer Hochzeit feststeht, werde ich mich nach einer Reise umschauen.« Sören strahlte. »Was meinst du, wann wird es so weit sein?«

»Das kommt ganz darauf an, was meine Eltern sagen.«

»Meinst du, sie haben etwas dagegen?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, das sicher nicht. Für meine Mutter bist du der ideale Schwiegersohn.«

»Oh Gott, hat sie das gesagt?«

Ich lachte auf. »Nein, aber ich weiß die Zeichen zu deuten. Bei einer Hochzeit wie der unsrigen müssen viele Dinge beachtet werden. Es gab schon lange kein richtig großes Fest mehr auf dem Löwenhof. Viele Gäste müssen eingeladen werden, unsere Verwandten, Freunde, Geschäftspartner …«

»Was, die auch noch?«

»Sie wären sonst beleidigt. Außerdem deine Familie, Freunde.«

»Geschäftspartner«, setzte er spöttisch hinzu. »Ich frage mich, ob Dr. Larsen kommen würde.« Larsen war der Tierarzt, bei dem er assistierte.

»Wenn du willst, laden wir ihn ein. Außerdem wäre es mir lieb, wir könnten unsere Hochzeit draußen feiern. Du weißt, wie traumhaft unser Garten im Sommer ist.«

»Oh ja, das weiß ich.«

»Und du weißt, dass ich in der Hinsicht sehr altmodisch bin.«

Sören nickte. »Zum Glück bist du in vielen anderen Dingen sehr modern.«

»Dann wäre es doch angebracht, über einen Termin in diesem Sommer nachzudenken. Juni oder Juli vielleicht?«

»Juni oder Juli?« Sören stieß ein erleichtertes Lachen aus. »Das ist großartig! Ich habe schon befürchtet, dass ich eine mehrjährige Verlobungszeit mit dir einhalten müsste.«

»So etwas gab es seit meiner Urgroßmutter Stella nicht mehr«, antwortete ich.

»Diese streng dreinblickende Frau auf dem Gemälde in eurer Eingangshalle?«

Meine Großmutter redete nicht häufig über sie, doch das Porträt in der Halle vermittelte dem Betrachter eine Ahnung, wie es zu damaligen Zeiten zugegangen war. Mehrjährige Verlobungen waren da wahrscheinlich ebenso üblich gewesen wie das Tragen eines Korsetts.

»Kannst du es ihr verübeln? In der Blüte ihres Lebens hat sie ihren Ehemann und ihren Sohn verloren. Da kann man schon ein wenig griesgrämig dreinschauen. Obwohl ich ja finde, dass sie eigentlich sehr würdevoll wirkt.«

»Und altmodisch.«

»Das werden wir in hundert Jahren auch sein, mein Lieber.«

Ich sah ihm tief in die Augen. Wie würde es sein, mit ihm alt zu werden? Wie würden uns unsere Kinder sehen? Ich wünschte mir Kinder, mindestens zwei. Auch wenn es vielleicht anstrengend sein würde, die Arbeit dann mit dem Muttersein zu verbinden, wollte ich unbedingt beides.

Nach der kurzen Rast setzten wir unseren Weg fort. Hier und da gab es noch ein paar Schneehaufen, aber sonst waren die Straßen frei.

Wir hatten die Plätze gewechselt, und ich war froh, mich ein wenig ausruhen zu können, denn mein Nacken fühlte sich steif an. So lange zu fahren war ich nicht gewohnt.

Das Brummen des Wagens machte mich schließlich schläfrig. Ich kuschelte mich in die Kapuze meiner Jacke und schloss die Augen. Gedanken an meine Hochzeit tauchten vor mir auf. Was für ein Kleid sollte ich tragen? Ein langes oder ein kürzeres? Meine Mutter würde eindeutig für ein langes Kleid sein, aber mir persönlich gefiel die Vorstellung, ein Kleid zu wählen, das im Schnitt denen ähnelte, die Fürstin Gracia Patricia von Monaco bei hohen Anlässen trug. Damit würde ich sicher auffallen.

Mit dem Bild des Hochzeitskleids vor Augen versank ich in tiefen Schlaf.

3. Kapitel

Ich stand auf einer grünen Wiese. Die Sonne schien, und in der Luft lag ein süßer Duft. Bienen summten über mich hinweg, gefolgt von einem Schmetterling, der gen Himmel strebte. Ich beobachtete kurz, wie sie ins Sommerblau verschwanden, dann schaute ich an mir herunter.

In meinen Händen hielt ich einen Strauß mit weißen Lilien. Der Rock meines Kleides war glockig und mit feiner Spitze besetzt. Ich sah es nicht, aber ich wusste, dass weiße Bänder in mein Haar geflochten waren. Mir war schon recht früh klar gewesen, dass ich bei meiner Hochzeit keinen Schleier wollte. Der Schleier war ein archaisches Symbol für Jungfräulichkeit, das mir völlig unpassend erschien für eine Braut, die schon etliche Male mit ihrem Geliebten geschlafen hatte.

Der Tag meiner Hochzeit. Das Glück öffnete sich in meiner Brust wie der Blütenkelch einer Rose. Ich blickte nach vorn und sah die kleine Kirche vor mir. Sie gehörte ins Gutsdorf, auch wenn sie sich ziemlich verändert hatte. Einen weißen Turm hatte sie zuvor nicht gehabt. Vielleicht waren während meiner Abwesenheit Umbauarbeiten erfolgt. Aber an diesem Tag war es mir egal, wie die Kirche aussah. Ich würde heiraten.

Als das Glockengeläut begann, schritt ich auf das Gotteshaus zu. Zahlreiche Leute hatten sich dort versammelt. Ich erkannte allerdings keinen Einzigen von ihnen. Müsste meine Familie nicht dort sein? Kitty?

Wahrscheinlich warten sie drinnen, sagte ich mir und blickte zur Seite. Eigentlich war es Brauch, dass der Brautvater seine Tochter zum Altar führte, doch neben mir war niemand. Hatte er es vergessen?

Kurz wallte der Impuls in mir auf, ihn zu suchen, doch dann sagte ich mir, dass es zu spät war. Von drinnen hörte ich Orgelklang. Ich durfte Sören vor dem Altar nicht warten lassen.

»Solveig?«, rief da plötzlich jemand. Ich blickte mich um, doch in dem Gewirr unbekannter Gesichter konnte ich niemanden ausmachen, dem diese vertraute Stimme gehörte.

Ich richtete meinen Blick wieder nach vorn, doch die Kirche war verschwunden. Und auch der Rest der Landschaft löste sich langsam in Weiß auf. Dann wurde die Welt um mich herum schwarz.

»Solveig!« Wieder diese Stimme.

Langsam tauchte ich aus der Dunkelheit auf. Das Atmen schmerzte ein wenig. Kehle und Mund fühlen sich furchtbar trocken an. Meine Augen öffneten sich, doch im ersten Moment konnte ich nichts weiter erkennen als eine leuchtende Kugel an der Zimmerdecke.

Dann sah ich noch etwas anderes. Eine Eisenstange über meinem Kopf, an der eine Art Griff befestigt war. Im Hintergrund ertönte ein Piepen, weit entfernt.

»Solveig, Gott sei Dank!«

Ich wollte meinen Kopf zur Seite drehen, doch das gelang mir nicht. Mein Hals schien in etwas eingespannt zu sein. Außerdem wollten die Schlieren vor meinen Augen nicht weichen. Was war nur los mit mir? Wo war ich?

Das Letzte, an das ich mich erinnern konnte, war, dass ich mit Sören in Richtung Löwenhof gefahren war. Wir hatten auf halber Strecke die Plätze getauscht, und ich hatte mir ein kleines Nickerchen gegönnt …

Warum war ich jetzt hier und nicht mehr im Wagen?

Neben mir hörte ich, wie ein Stuhl beiseitegeschoben wurde. Das Geräusch machte mir eine Gänsehaut. Kurz darauf zog ein Schmerz durch meinen Arm, als hätte mir jemand einen Stromschlag verpasst.

»Solveig, hörst du mich?«, fragte die Stimme, dann verdunkelte etwas das Licht über mir. Zunächst sah ich nur einen Schatten, dann bekam er langsam Konturen.

Nur einen Augenblick später realisierte ich, dass es das Gesicht von Mathilda Lejongård war, meiner Mutter. Sie war noch immer sehr hübsch, auch wenn sich die weißen Strähnen in ihrem Haar langsam mehrten. Sie trug sie halblang, zu einem modernen Schnitt geformt. Eine tiefe Sorgenfalte hatte sich zwischen ihre Augenbrauen in die Haut gegraben.

»Mama«, formten meine Lippen, doch der Ton, der ihnen entwich, war kaum zu verstehen.

»Mein Kind.« Ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Wie schön, dass du wieder bei uns bist.«

Ich verstand nicht. Wo sollte ich gewesen sein? Warum weinte sie?

Das Piepen wurde lauter. Dann hörte ich meinen Herzschlag. Meine Mutter streckte die Hand nach mir aus und strich mir ganz vorsichtig über die Stirn. Ihre Berührung merkte ich kaum.

»Wo … bin … ich?«, fragte ich. Die Wörter auszusprechen erschien mir so anstrengend. Doch mein Verstand wurde mit jedem Augenblick wacher. Mein Herz klopfte ängstlich in meiner Brust. Warum war auf einmal alles so seltsam? Was war geschehen?

»Du bist in Kristianstad, Liebes«, antwortete meine Mutter. »Im Hospital.«

Kristianstad war der Ort, an dem ich geboren worden war. Nicht weit davon entfernt lag unser Gut.

Aber das Hospital? Was hatte ich dort zu suchen?

Ich schaffte es nicht, die Worte zu formulieren, doch meine Mutter schien mir die Frage von den Augen abzulesen.

»Ihr hattet einen Unfall, in einem Waldstück nahe Kristianstad. Zum Glück war ein Autofahrer dicht hinter euch, der Hilfe holen konnte.«

Ihre Worte trafen mich wie kalter Regen. Ein unangenehmer Schauer kroch mein Rückgrat hinauf.

Wir sollten einen Unfall gehabt haben? Aber warum erinnerte ich mich dann nicht? War es passiert, als ich geschlafen hatte? Hatte ich das Gedächtnis verloren?

»Was ist mit ihm?«, fragte ich leise.

»Mit wem?«, fragte meine Mutter und blickte auf, als wäre noch jemand im Raum. War das tatsächlich der Fall?

Noch immer konnte ich meinen Kopf nicht rühren. Etwas Hartes verhinderte das.

»Sören«, sagte ich. »Er ist auch verletzt, nicht wahr?«

Jemand erhob sich und kam auf mich zu.

»Ja, das ist er«, hörte ich meine Großmutter sagen. Ihr Gesicht erschien nun ebenfalls über mir. Ihr silbernes Haar war zu ordentlichen Locken onduliert, und ihre schmale Gestalt steckte in einem blauen Kostüm. Die Farbe der Agneta Lejongård. Mittlerweile war sie achtzig, doch sie hatte sich gut gehalten. Wenn sie redete, konnte man ihr Alter für einen Irrtum halten. »Aber du solltest dir jetzt keine Sorgen um ihn machen. Er ist in guten Händen. Wichtig ist, dass du erst einmal wieder gesund wirst.«

»Was ist mit mir geschehen?«, fragte ich. Mehr als den dumpfen Schmerz im Arm spürte ich nicht. Es kam mir so vor, als hätte ich überhaupt keinen Körper, von meinem pochenden Herzen abgesehen.

»Du hast eine Gehirnerschütterung erlitten«, antwortete meine Mutter. »Außerdem ist eines deiner Beine gebrochen und der Arm. Drei Rippen sind ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen worden, und dein Nacken hat eine Stauchung erlitten, weshalb du jetzt eine Halskrause trägst.«

Deshalb konnte ich den Kopf nicht drehen.

»Aber ich spüre nichts«, hörte ich mich antworten. »Bis auf den Arm …«

»Das kommt von den Schmerzmitteln, die sie dir gegeben haben. Drei Tage lang warst du bewusstlos …«

Das Geräusch einer sich öffnenden Tür unterbrach sie.

»Meine Damen, es tut mir leid, aber ich muss Sie jetzt bitten, das Zimmer wieder zu verlassen.« Die Männerstimme klang dunkel und sehr bestimmt. Ein Arzt, schoss es mir durch den Kopf.

»Sie ist aufgewacht«, erklärte meine Mutter. Indem sie sich aufrichtete, verschwand sie aus meinem Sichtfeld. »Und sie sagt, sie spürt ihren Arm.«

Der Arzt trat neben mich. Sein Gesicht war das eines Endvierzigers mit leicht ergrauten Schläfen in seinem ansonsten braunen Haar. Mit seinen blauen Augen musterte er mich aufmerksam. Ich versuchte, ein Lächeln hinzubekommen. Ich wusste nicht, ob es mir gelang.

»Fräulein Lejongård?«, fragte er.

»Das bin ich«, gab ich zurück.

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, dann holte er eine kleine Lampe aus der Brusttasche seines Kittels. Mit dieser leuchtete er mir in die Augen. Ein scharfer Schmerz durchzog meinen Kopf und zwang mich, die Augen zuzukneifen.

»Schon gut, Sie können die Augen wieder öffnen«, sagte der Arzt. »Hat Ihnen Ihre Mutter schon mitgeteilt, was passiert ist?«

»Ja, der Unfall«, antwortete ich. »Mein …«

Ich stockte. Um ein Haar hätte ich »Mein Verlobter« gesagt. Sollten Mutter und Großmutter auf diese Weise erfahren, dass wir uns verlobt hatten? Nein, das würde ich mir für den Zeitpunkt aufheben, wenn es Sören und mir wieder besser ging.

»Ja?«, fragte der Arzt.

»Mein Freund … Geht es ihm gut?«

Der Arzt blickte kurz zu meiner Mutter. »Den Umständen entsprechend. Er ist wesentlich schwerer verletzt worden als Sie. Aber machen Sie sich keine Sorgen. Er wird so gut versorgt, wie es uns möglich ist.«

Sören war schwer verletzt. Mein Magen krampfte sich zusammen. Am liebsten hätte ich aufgeschrien, doch ich hatte keine Kraft dafür.

»Die Schwester wird gleich nach Ihnen sehen und Ihnen etwas zu trinken bringen. Leider müssen Ihre Mutter und Ihre Großmutter Sie jetzt wirklich verlassen. Sie brauchen Ruhe.«

Als ob ich nicht tagelang geschlafen hätte! Doch der Arzt hatte recht, je mehr ich meinen Körper wieder spürte, desto mehr fühlte er sich an, als bestünde er aus Blei.

»Mach es gut, mein Liebling«, sagte meine Mutter und beugte sich über mich, um mir einen Kuss auf die Stirn zu geben. »Morgen komme ich wieder.«

»Danke, Mama.«

Auch meine Großmutter trat noch einmal neben mich und streichelte mir übers Haar. »Gib auf dich acht, mein Mädchen. Heute werde ich immerhin etwas ruhiger schlafen können.«

»Ich komme schon wieder in Ordnung, Mormor«, sagte ich und versuchte mich abermals an einem Lächeln, das wahrscheinlich misslang.

Als alle gegangen waren, strömten die Gedanken nur so auf mich ein.

Wie hatten wir einen Unfall haben können? Sören war doch ein geübter Fahrer. Und die Straßen waren nicht mehr glatt gewesen. Ich blickte zum Fenster. Mehr als grauen Himmel und kahle Äste sah ich dort allerdings nicht. Wie meine Eltern wohl Bescheid bekommen hatten? Wahrscheinlich hatte die Polizei angerufen, vielleicht war sie auch persönlich erschienen. Mein Herz wurde mir schwer, wenn ich mir vorstellte, wie meine Familie reagiert hatte. Sicher hatte Mutter sofort zu mir fahren wollen. Und Großmutter … Sie würde sicher für einen Moment wie erstarrt gewesen sein. Mutter hatte mir erzählt, dass sie eine Zeit lang sehr mit Depressionen zu kämpfen hatte. Besonders schlimm soll es kurz vor meiner Geburt gewesen sein.

Doch seit ich auf der Welt war, hatte sich ihr Zustand gebessert. »Du warst das Licht der Hoffnung, Solveig«, sagte sie mir, nachdem sie mir wieder einmal erklärt hatte, dass mein Name »Weg der Sonne« bedeutete. »Du bist die Sonne für den Löwenhof. Die Zukunft.«

Ich konnte nur hoffen, dass meine Großmutter, Mormor, wie ich sie nannte, nicht wieder erstarrte.

Nachts konnte ich lange nicht schlafen. Immer wieder kreisten meine Gedanken darum, wie es Sören jetzt wohl ging. Ob seine Eltern Bescheid wussten? Saßen sie ebenso an seinem Krankenbett wie Mama und Großmutter bei mir?

Jetzt wünschte ich, wir hätten sie zuvor noch aufgesucht, um ihnen von der Verlobung zu erzählen. Mir war schleierhaft, warum Sören nicht darauf bestanden hatte. Aber wahrscheinlich wollte er meine Pläne nicht durchkreuzen. Und möglicherweise hatten seine Eltern schon von seiner Absicht gewusst.

Irgendwann versank ich doch in den Schlaf und erwachte erst, als die Schwester kam, um mich neu zu lagern und mir das Frühstück zu bringen. Hunger hatte ich keinen besonders großen. Noch immer bekam ich Schmerzmittel, aber mein Gipsarm und mein Gipsbein behinderten mich ziemlich. Doch ich zwang mich zu essen und wurde dafür von der Schwester gelobt, die das Tablett wieder abholte.

»Können Sie mir vielleicht sagen, wie es Sören Lundgren geht?«, fragte ich. »Er ist mit mir eingeliefert worden. Er ist mein Freund.«

»Ich werde mal nachfragen, Schätzchen«, sagte sie in mütterlichem Ton und verließ das Zimmer wieder.

Minuten verstrichen. Wie lange mochte es dauern, bis sie etwas herausfand? Natürlich musste sie sich noch um andere Patienten kümmern.

Ich versuchte, meine Ungeduld beiseitezudrängen. Sie wird schon kommen, sagte ich mir.

Doch die Schwester erschien nicht.

Dafür stellte sich die Visite ein. Einige Männer und eine Frau in Weiß traten durch die Tür. Die meisten von ihnen trugen ein Stethoskop um den Hals. Ein wenig erinnerte mich die Gruppe an meine Kommilitonen, wenn sie aus dem Sektionssaal kamen, wo sie ein Pferd oder ein anderes Tier seziert hatten.

»Guten Morgen, Fräulein Lejongård, wie fühlen Sie sich heute?«, fragte der Arzt von gestern, der sich als Dr. Marold vorstellte.

»Gut«, antwortete ich. »Na ja, den Umständen entsprechend. Aber die Schmerzmittel wirken.«

»Das freut uns zu hören«, antwortete Dr. Marold und holte eine kleine Lampe aus der Tasche. »Ich mache mit Ihnen jetzt einige Tests. Keine Bange, es geht ganz schnell. Wir wollen nur feststellen, wie es um Ihre Gehirnerschütterung steht.«

Am Nachmittag kam Mutter wieder zu Besuch, diesmal in Begleitung von Vater. Dieser schien jetzt noch mehr graue Haare zu haben als sonst.

»Kind, was machst du nur für Sachen«, sagte er, als er mir vorsichtig über die Wange streichelte. Ich roch den Duft von frisch gesägtem Holz. Offenbar hatte er wieder etwas repariert. Früher einmal hatte er bei seinem Vater in einer Möbelfirma gearbeitet. Ich erinnerte mich nur schwach daran, dass wir mal in Stockholm bei meinen Großeltern väterlicherseits gewesen waren. Das war sehr lange her, und ich wusste nicht, was zwischen ihnen und meinem Vater vorgefallen war, doch es musste gravierend gewesen sein. Danach waren wir nie mehr bei ihnen. Später erfuhr ich, dass sie im Abstand von einem Jahr gestorben waren.

Ich erinnerte mich kaum noch an sie. Aber der Geruch von Holz rief immer die kleine Erinnerung an sie in meinen Verstand zurück. Er gehörte zu meinem Vater wie das Tweedjackett und die Krawatte, die er trug.

»Du hast uns zu Tode erschreckt!«

Und dabei sollte es doch ein fröhlicher Tag werden.

Ich rang mit mir. Sollte ich ihnen von der Verlobung erzählen? Unter diesen Umständen und ohne Sören? Ich entschied, dass ich noch eine Weile warten würde.

»Ich weiß nicht einmal, was passiert ist«, antwortete ich. »Habt ihr mit der Polizei gesprochen?« Ich blickte zu meiner Mutter. Sie hatte mir beim Aufwachen etwas erzählt, doch mehr, als dass unser Wagen im Wald gelandet war, hatte ich nicht behalten.

»Wie es aussieht, hattet ihr einen Wildunfall. Unweit des Wagens hat der Förster einen verendeten Hirsch gefunden. Seine Verletzungen lassen darauf schließen, dass euer Wagen ihn gerammt hat.« Tränen stiegen meinem Vater in die Augen. Bisher hatte ich ihn höchst selten weinen sehen. »Sören hat offenbar versucht, ihm auszuweichen, dabei habt ihr einen Baum gestreift und seid in den Graben gestürzt.«

Ich seufzte auf. »Warum erinnere ich mich nicht daran? Ich habe geschlafen, aber das hätte ich doch mitbekommen müssen!«

»Der Arzt meint, dass du einen Gedächtnisverlust erlitten hast. Das wäre in solch einer Situation nicht ungewöhnlich.«

»Möglicherweise ging es auch zu schnell«, sagte meine Mutter. »Ehe du wach wurdest, warst du schon bewusstlos. Vielleicht ist es besser so, dass du dich nicht daran erinnerst.«

Ich nickte. Doch wenn ich ehrlich war, wäre es mir lieber gewesen zu wissen, wie der Moment vor dem Unfall ausgesehen hatte.

»Ich soll dich von Svea grüßen. Sie war in der vergangenen Woche bei uns. Das Rheuma plagt sie ein wenig, aber sonst ist sie noch sehr rüstig.«

Die ehemalige Köchin unseres Hauses war vor ein paar Jahren in Rente gegangen. Ich erinnerte mich noch gut daran, wie sie mir immer Kekse zusteckte, wenn ich durch die Küche lief.

Manchmal hatte sie mir auch erzählt, wie es früher war, als meine Urgroßmutter noch lebte. Diese Geschichten kamen mir vor, als wären sie einem Märchenbuch entsprungen. Aber welchen Grund hätte Svea haben sollen, etwas zu erfinden?

»Das freut mich«, sagte ich. »Danke. Sie kann vom Löwenhof nicht lassen, nicht wahr?«

»Als ich in deinem Alter war, vielleicht etwas jünger, habe ich mich gefragt, warum das so ist. Heute weiß ich, dass dieses Haus die Menschen an sich bindet. Auch wenn man einen Weg einschlägt, der einen vom Löwenhof wegführt, kommt man doch früher oder später dorthin zurück. Selbst wenn man denkt, dass einem die Umstände keine Wahl lassen, kehrt man zurück, weil man es will.« Ein versonnener Ausdruck erschien auf ihrem Gesicht.

Ich wusste, dass auch ihr Weg sie vom Löwenhof fortgeführt hatte. Und sie war zurückgekehrt. Agneta hatte sie um Hilfe gebeten, doch als sie mir davon erzählte, gestand sie mir, dass sie insgeheim eine tiefe Sehnsucht nach diesem Ort gehabt hatte.

Ich sehnte mich ebenfalls nach dem Löwenhof. Das Krankenzimmer ödete mich an. Ich wollte durch den Wald reiten, über die Wiesen. Sicher, zu dieser Jahreszeit war dort noch kein Grün zu sehen, aber ich wollte frei sein. Und mehr als alles andere wollte ich in der Lage sein, Sören zu besuchen. Ihm zu sagen, dass es mir gut ging.

Ein Klopfen ließ uns verstummen. »Herein«, sagte mein Vater.

Eine Schwester erschien. »Hier ist ein Herr von der Polizei, der Sie sprechen möchte. Wäre das in Ordnung?«

Mein Vater sah mich an. »Fühlst du dich danach?«

Mein Magen krampfte sich zusammen. Polizei. Wahrscheinlich wollte er wissen, wie es zu dem Unfall gekommen war. Ich nickte. Jetzt oder später, welchen Unterschied machte es schon?

Der Beamte war noch recht jung, vielleicht etwas älter als Sören. Er trat neben das Bett. »Guten Tag, ich bin Wachtmeister Ole Nilsson von der Polizei in Kristianstad«, stellte er sich vor. »Ihr behandelnder Arzt teilte mir mit, dass Sie wieder ansprechbar seien. Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich Ihnen ein paar Fragen bezüglich des Unfalls stellen.«

»Fragen Sie ruhig«, antwortete ich.

»Können Sie eine Aussage zum genauen Zeitpunkt des Vorfalls machen? Wir gehen davon aus, dass es sieben Uhr abends war, als Ihr Fahrzeug mit einem Hirsch kollidierte.«

»Ich kann mich nicht erinnern«, sagte ich. »Ich habe geschlafen. Als ich wach wurde, lag ich in diesem Bett.«

»Haben Sie eine Ahnung, ob der Fahrer Alkohol zu sich genommen hat oder übermüdet wirkte?«

Ich schüttelte den Kopf. »Sören hat nichts getrunken. Und ob er müde war … Wir sind gegen Mittag aus Stockholm losgefahren. Die erste Hälfte der Strecke bin ich gefahren, dann haben wir uns abgelöst.«

Der Bleistift des Polizisten kratzte über das Papier.

»Aber ein Zusammenprall mit einem Hirsch kann doch auch jemandem passieren, der hellwach ist, oder?«

»Wir haben Anzeichen gefunden, dass Herr Lundgren sehr spät reagiert hat«, sagte der Polizist. »In welchem Verhältnis steht Herr Lundgren zu Ihnen? Ist er ein Bekannter?«

»Er ist mein Freund.« Ich blickte auf meine linke Hand. Der Verlobungsring fehlte, aber ich meinte, mich zu erinnern, dass die Schwester in meiner ersten Nacht hier gesagt hätte, mein Schmuck liege im Nachttischchen.

»Im Sinne von einfach befreundet, oder haben Sie ein intimes Verhältnis?«

»Herr Wachtmeister, ich muss doch bitten!«, brauste meine Mutter auf. »Was hat das mit dem Unfall zu tun? Glauben Sie vielleicht, Herr Lundgren wollte meine Tochter umbringen?«

Der Polizist wurde rot. »Nein, keinesfalls, aber … Ich bin angewiesen worden, diese Informationen zu sammeln.«

»Wir sind schon lange zusammen«, sagte ich. »Und ich bin sicher, dass er mir nicht schaden wollte. Das Ganze muss ein dummer Zufall gewesen sein. Als angehende Veterinärin weiß ich, dass sich Damwild vorwiegend am Abend auf Futtersuche befindet. Besonders im Winter kommen die Tiere dabei auch Straßen nahe. Es ist also nichts Geheimnisvolles daran, es sei denn, Sie verschweigen uns etwas.«

Der Polizist steckte verlegen sein Schreibzeug in die Tasche. »Es tut mir leid, ich wollte Sie nicht verärgern. In Fällen mit Personenschaden müssen wir Ermittlungen anstellen und herausfinden, ob der Fahrer fahrlässig gehandelt hat.«

»Dann sollten Sie vielleicht warten, bis der Fahrer wieder ansprechbar ist.« Meine Stimme klang schärfer, als ich es beabsichtigte. Es regte mich auf, dass Sören ein Verfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung bekommen sollte. Er war bei dem Unfall schwer verletzt worden! »Ich versichere Ihnen, Sören Lundgren hat keineswegs verantwortungslos gehandelt«, sagte ich. »Wir lieben uns. Keiner würde dem anderen fahrlässig irgendeinen Schaden zufügen.«

Der Polizist zog eine kleine Karte aus der Brusttasche seiner Jacke. »Vielen Dank. Wenn Ihnen noch etwas einfallen sollte, melden Sie sich bitte unter dieser Telefonnummer.«

Ich nahm die Karte an mich. »Das werde ich tun.«

Der Polizist nickte, und bevor er sich der Tür zuwandte, sagte er: »Gute Besserung. Es wird sich alles klären.« Er verabschiedete sich von meinen Eltern und ging.

Ich starrte ihm wütend hinterher. »Sören und fahrlässig gehandelt«, murrte ich. »Als ob er so etwas tun würde.«

»Es kann aber durchaus sein, dass er müde gewesen ist«, wandte mein Vater behutsam ein.

»Er war nicht müde. Nicht um sieben Uhr und nachdem ich die ersten drei Stunden gefahren bin.«

»Aber du hast auch geschlafen. Möglich wäre es.«

»Glaubst du wirklich, Sören wäre so verantwortungslos?«

»Solveig, beruhige dich«, sagte meine Mutter beschwichtigend. »Die Polizei muss diesen Dingen nachgehen. Du wurdest verletzt. Schon allein aus versicherungstechnischen Gründen muss einwandfrei klar sein, ob das Ereignis unausweichlich war oder ob der Fahrer müde war.«

»Aber was ändert das schon? Wir haben beide was abbekommen, und der Hirsch kann nicht belangt werden.«

»Bei einem so großen Unfall müssen sie Ermittlungen anstellen. Irgendwer muss den Schaden zahlen.«

»Sörens Versicherung.«

Mutter nickte. »Darauf wird es hinauslaufen.«

Plötzlich fühlte ich mich so unendlich müde. Ich starrte an meinen Eltern vorbei. Daran, dass man Sören die Schuld geben könnte, hatte ich vor dem Besuch des Polizisten nicht gedacht.

»Ich glaube, es ist besser, wenn wir dich jetzt ausruhen lassen«, sagte meine Mutter und streichelte mir übers Haar. »Was meinst du?«

Ich nickte schwach. Eigentlich hatte ich mich auf den Besuch gefreut, aber die Befragung hatte mich sehr mitgenommen.

»Gut. Ich komme morgen wieder«, sagte meine Mutter. »Und Großmutter vielleicht auch. Mach es gut, mein Schatz.«

Die Schwester, bei der ich mich nach Sören erkundigt hatte, hatte ich schon beinahe vergessen, als sie am Abend wieder in meinem Zimmer erschien.

»Entschuldigen Sie, dass es so lange gedauert hat«, begann sie und trat neben mein Bett, um die Kissen für die Nacht aufzuschütteln. »Wir hatten kurz nach dem Frühstück Schichtwechsel.«

»Konnten Sie etwas herausfinden?«, fragte ich.

Die Schwester nickte, doch ihr Gesicht nahm einen bekümmerten Zug an. »Ja. Er ist gestern nach Stockholm verlegt worden.«

»Warum?«, fragte ich erschrocken.

»Seine Verletzungen sind sehr schwer, er liegt im Koma. Die Universitätsklinik in Stockholm hat ganz andere Möglichkeiten als wir.«

»Und ist er gut in Stockholm angekommen?« Tränen stiegen in meine Augen. Jetzt war er so weit weg. Ich hatte mir vorgenommen, ihn zu besuchen, sobald ich einigermaßen mit Krücken humpeln konnte. Doch nun war er fort.

»Soweit wir wissen, ist alles in Ordnung, jedenfalls seinem Zustand entsprechend. In Stockholm wird man ihn gut betreuen, da bin ich sicher.«

»Das hoffe ich«, sagte ich und begann zu weinen. Es erschien mir alles so furchtbar, so unglaublich. Eben noch waren wir das glücklichste Paar der Welt, und nun lag ich in diesem Krankenhaus und Sören in Stockholm. Und niemand wusste, was aus ihm werden würde. Ich mochte vielleicht nur eine angehende Tierärztin sein, doch ich wusste, was Koma bedeutete.

»Wir wollen heiraten«, schluchzte ich auf. »Eigentlich wollten wir zu meinen Eltern, um ihnen von unserer Verlobung zu erzählen.«

Die Schwester legte ihre Hand auf meinen Arm. »Das tut mir so leid, Schätzchen. Aber ich bin sicher, dass man ihn in Stockholm wieder hinbekommt. Und ehe Sie es sich versehen, ist er wieder bei Ihnen und wird Sie heiraten.«

Ich nickte, auch wenn mir klar war, dass die Schwester das nur sagte, um mich zu beruhigen.

4. Kapitel

Zwei Wochen lang war ich zur Reglosigkeit verdammt. Abwechselnd erschien meine Mutter in Begleitung meiner Großmutter oder meines Vaters, manchmal auch allein. Beinahe täglich saß sie neben mir auf dem kleinen weißen Stuhl.

»Du musst doch nicht jeden Tag kommen«, sagte ich. »Du hast doch mit Gut Ekberg zu tun und mit dem Löwenhof. Es gibt so viel Arbeit.«

»Aber ich habe nur eine Tochter, nicht wahr?«, entgegnete sie darauf. »Ich will sicherstellen, dass sie dich hier gut behandeln.«

»Das tun sie doch, Mutter. Sie behandeln mich wie ein rohes Ei.« Ich machte eine kurze Pause. »Wenn ich doch nur wüsste, wie es Sören geht.«

Mathilda seufzte. »Sie können dir nichts sagen, nicht wahr?«

Ich schaute sie an. »Dürfte ich dich um etwas bitten?«

»Um alles, mein Schatz.«

»Würdest du vielleicht nach Stockholm fahren und nach ihm schauen?«

»Ich fürchte, sie werden mich nicht zu ihm lassen. Immerhin ist er nicht mit mir verwandt.«

Aber bald würde er es sein. Wenn wir erst einmal geheiratet hatten.

»Mama, ich muss dir etwas erzählen.«

Mathilda zog die Augenbrauen hoch, als würde sie etwas Schlechtes erwarten. »Ja, mein Kind?«

Ich presste die Lippen zusammen. Eigentlich hätte alles anders sein sollen. Wir wären auf dem Löwenhof angekommen, Mutter hätte sich über die Anwesenheit von Sören gewundert, dann aber gefreut, weil sie ihn seit dem vergangenen Jahr nicht mehr gesehen hatte. Und dann hätten wir beim Abendessen die frohe Botschaft verkündet. Meine Eltern und Großmutter hätten uns zunächst angesehen, als wäre der Blitz eingeschlagen. Doch dem wäre pure und überschwängliche Freude gefolgt. Dieser Moment würde niemals stattfinden.

Und jetzt machte es vielleicht einen Unterschied, wenn ich es ihr beichtete.

»Er hat um meine Hand angehalten.«

»Wie bitte?«

»Sören hat mir einen Heiratsantrag gemacht. Und ich habe ihn angenommen. Wir sind verlobt, Mama.«

Ich blickte auf meine linke Hand. Den Ring hatte ich bislang nicht aus dem Schubfach nehmen können.

»Schau in den Nachtschrank hier, wenn du mir nicht glaubst.«

Mutter wirkte wie erstarrt. War es doch keine gute Idee gewesen, ihr davon zu erzählen? Sie zog die Schublade auf. Der kleine goldene Ring schimmerte im Licht der Neonröhren über mir.

»Wir wollten euch damit überraschen. Ich dachte, ihr würdet euch freuen.«

»Ich freue mich ja auch.« Mutter bemühte sich um ein Lächeln. »Das ist einfach wunderbar. Aber …«

Sie stockte, und ich sah, dass ihre Augen feucht zu glänzen begannen.

»Was?«, fragte ich sanft.

»Ich wünschte … ihr wärt angekommen.«

Jetzt schossen mir ebenfalls die Tränen in die Augen. »Das wünschte ich mir auch. So sehr …«

Mutter beugte sich über mich und schloss mich in ihre Arme. Wir beide weinten, doch ich spürte, wie sich dabei auch ein Stück meiner inneren Spannung löste.

»Vielleicht lassen sie dich zu ihm, wenn du ihnen sagst, dass wir verlobt sind«, sagte ich, nachdem wir uns wieder beruhigt hatten. Mit der gesunden Hand wischte ich mir übers Gesicht.

Meine Mutter nahm den Ring und steckte ihn mir an. »Du solltest ihn tragen. Wenn du eine Braut bist, dürfen das auch alle wissen.«

Er spannte ein wenig, wahrscheinlich waren meine Hände durch das Liegen geschwollen. Doch ich fühlte mich jetzt wieder vollständig.

»Wirst du es Großmutter sagen?«

»Soll ich?«, fragte Mutter. »Vielleicht möchtest du es ihr auch selbst mitteilen.«

»Nein, sag du es ihr ruhig. Ich weiß ja, wie ungern du Geheimnisse hast.«

Mutter zog die Stirn kraus. »Das ist wohl wahr.«

»Wenn Sören und ich wieder gesund sind, können wir feiern.« Ich griff nach der Hand meiner Mutter. »Sören. Wirst du ihn besuchen?«

»Ich glaube, ich rufe lieber erst die Klinik an. Sollten sie mir die Erlaubnis geben, werde ich hinfahren.« Sie machte eine Pause, dann fragte sie: »Wissen es Sörens Eltern schon?«

»Ich habe keine Ahnung. Wir wollten erst zu euch. Man hält ja bei den Eltern der Braut um die Hand an.«

»Eigentlich schon.« Mutter strich lächelnd über meine Hand. »Aber die Zeiten ändern sich, wie ich sehe.«

»Ich wusste, dass ihr nichts dagegen haben würdet. Sonst hätte ich gewartet.«

»Und Sörens Eltern haben auch nichts dagegen?«

»Ich glaube nicht. Sie waren mir gegenüber niemals ablehnend. Ganz im Gegenteil.«

»Dann sollte ich auch seine Eltern kontaktieren. Sie können mir sicher sagen, wie es ihrem Sohn geht. Klingt das gut?«

Ich nickte. »Das klingt gut.«

»Fein. Möglicherweise erreiche ich sogar heute Abend noch jemanden.«