Die Kältezentrale - Inka Parei - E-Book

Die Kältezentrale E-Book

Inka Parei

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Beschreibung

Berlin im Jahr 2006: Ein Mann hat in den achtziger Jahren im Gebäude des Neuen Deutschland als Handwerker gearbeitet und später die DDR verlassen. Eines Tages bekommt er einen Anruf von seiner früheren Frau. Sie wartet in einem Krankenhaus auf die exakte Diagnose ihrer Krebskrankheit. Um ihr zu helfen, reist er zurück in die Stadt und versucht, die Ereignisse einiger Tage Anfang Mai 1986 zu rekonstruieren. War ein aus der Ukraine kommender Lastwagen, mit dem sie in Berührung kam, verstrahlt? Und warum erscheint der Tod eines Kollegen, an dem er sich die Schuld gab, zweifelhafter denn je? Sind die Geschehnisse von damals der Grund dafür, dass er in dem Leben, das er bis vor Kurzem geführt hat, nie wirklich Fuß fassen konnte? Schnell beginnen die Tage in Berlin ihm zu entgleiten, werden zu einer verzweifelten Suche nach Orientierung angesichts eines nie verkrafteten Bruchs in seinem Leben.

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Seitenzahl: 218

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Titel

Inka Parei

Die Kältezentrale

Roman

Schöffling & Co.

Für Henry

Wir nannten den …

Wir nannten den Raum die Kältezentrale. Er war groß, sechs mal vier Meter. Fenster gab es nur draußen im Korridor, unzählige kleine Vierecke, die sich über alle Stockwerke zogen. In meiner Erinnerung waren sie immer schmutzig. An zwei von drei Tagen stand der Dunst vom angrenzenden Heizkraftwerk über uns am Himmel. Niemandem wäre es gelungen, sie sauber zu halten.

Unser Abteilungsleiter hat oft vor den Scheiben haltgemacht, wenn er morgens die Treppe hochkam. Vom Schreibtisch aus konnte ich den Gang hinter der Glastür nicht sehen, aber wenn ich in der Frühschicht aufstand, um das Schichtbuch aus dem kleinen Schrank über dem Waschbecken zu nehmen und die Messeintragungen des Vorgängers zu entziffern, oder wenn ich morgens nicht gefrühstückt hatte und schon um Viertel vor sieben zum Spind lief, um die Dose mit Kaffee rauszuholen und von dort aus direkt zum Kühlschrank, dann fiel Buchwald mir auf.

Ich sehe ihn jetzt vor mir, wie er einen Moment innehält, durch den Schmutz nach draußen sieht. Gelegentlich hat er die Hand gehoben, mit der Spitze eines Fingers etwas davon weggewischt. Angeekelt, befremdet.

Was hat er gedacht, in solchen Momenten, und was an jenem Morgen im Mai? Ist ihm ein fremder Lastwagen aufgefallen, der schlingernd die Rampe passierte und gar nicht beladen war?

Mir bleiben noch zwölf Stunden Zeit, um alles, was ich in den letzten Tagen erlebt habe, zu verstehen, die gesammelten Bilder zu verknüpfen mit anderen, aus tiefer liegenden Erinnerungsschichten. Um die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Es ist der Moment, auf den ich hingearbeitet habe, aber ich habe ihn mir anders vorgestellt. Ich sah mich in dem Zimmer sitzen, das ich in Berlin vor einer Woche gemietet habe, in dem blauen Sessel, von dem aus man auf eine Weddinger Straßenkreuzung blickt. Hier wollte ich in Ruhe noch einmal alle Informationen sortieren, sie neu ordnen und nachdenken, immer wieder nachdenken, über eine Nacht vor zwanzig Jahren.

Irgendwann hätte ich eine Antwort gehabt und Martha angerufen. Sie hätte nichts gesagt und nichts erwartet. Mit sachlicher Stimme hätte ich ihr mitgeteilt, was ich herausgefunden habe. Durch ihr Ausatmen am anderen Ende der Leitung wäre fühlbar gewesen, unter welcher Spannung sie die letzten Tage gestanden hat. Ihre Stimme wäre sanft geworden wie lange nicht mehr. Sie hätte mich gefragt, wie es mir geht, und dann, fast im gleichen Atemzug, wie die letzten Jahre waren. Wir hätten gelacht, weil es jetzt auf einmal so viel zu erzählen gab, darüber gestaunt, aus wie vielen kleinen Dingen die Welt besteht, und uns gefragt, wie wir es aushalten konnten, alle glücklich machenden Nebensächlichkeiten so lange aus unserem Leben auszusparen.

Aber so ist es nicht, ich muss mich damit abfinden. Ich bin gestrandet.

Eine fremde Wohnung, ein großer Raum, hohe Decken. Zu meiner Linken sehe ich eine Wand, blau gestrichen. Pokale, Fotos, ein gerahmter Zeitungsausschnitt. Vergilbter Stuck. Sechs Fenster, fast ein Saal. Es ist dunkel. Lauter Betten, davor Pflanzen, ich kann nicht viel erkennen, aber es sind eine Menge Leute hier. Husten. Rascheln. Einer würgt. Knarren von Holz. Eine lange steife Gestalt, die rausläuft. Männergerüche.

Ich muss weg von diesem Ort, so schnell wie möglich. Und vorher muss ich meine Sachen finden.

Ich hasse es, an fremden Orten aufzuwachen. Man muss sich mühsam seines eigenen Körpers versichern, immer wieder, und diesmal war es besonders schwer. Meine Lider fühlen sich klebrig an, meine Lunge sticht beim Atmen. Nervös habe ich an meinem Körper entlanggetastet, die Hose trage ich noch und auch meine Armbanduhr, aber das T-Shirt nicht, das haben sie mir ausgezogen und meine Schulter mit irgendwas verbunden. Ich fühle Panik, habe dumpfe Schmerzen im Kopf.

Bevor ich in dieses Zimmer kam, lag ich in einem anderen. Es war klein und schmal, mit zwei Betten, die hintereinanderstanden. Eine Frau, sehr groß und sehr dick, mit blond gefärbten Haaren, hat mir Suppe gebracht und versucht, meine Schuhe auszuziehen. Sie sind also seit einer Woche hier in der Stadt, hat sie gesagt, wir glauben, dass Sie ungefähr die Hälfte der Zeit kaum geschlafen haben. Ehrlich gesagt, wir haben uns bei Ihrem Anblick überlegt, wie lange ein Mensch ohne Ruhe eigentlich auskommt.

Ich erinnere mich auch an einen Mann mit einer Weste und einem winzigen Pferdeschwanz, er hat mir Fragen gestellt, in einer großen Küche, das muss ganz am Anfang gewesen sein. In der Mitte des Raumes stand ein Herd, ähnlich wie in Gaststätten; entlang der Wände Kochgeräte, in offenen Regalen.

Wissen Sie, wie alt Sie sind?

Einundvierzig.

Wo geboren?

In Halle.

Haben Sie einen Personalausweis?

Ja.

Warum tragen Sie ihn nicht bei sich, haben Sie ihn verloren?

Er ist in meinem Zimmer.

Wo ist das, Ihr Zimmer?

Im Wedding.

Wo genau im Wedding? Da sind wir nämlich gerade. Hier in der Nähe?

Ich weiß es nicht.

Wie heißt Ihre Mutter?

Muss ich dazu was sagen?

Nein. Es geht bloß um Ihre Orientierung. Haben Sie eine Ahnung, wie Sie zu uns gekommen sind? Welchen Monat wir gerade haben?

Ich konnte nicht antworten. Eigentlich wusste ich das alles, aber dieses Wissen war nicht erreichbar, die richtigen Worte dafür weggeschwemmt, von einer Angst, die mir fremd war, die sich in mir ausgebreitet hatte wie eine Flüssigkeit.

Hatte ich ein fest umrissenes Ziel, eine genaue Aufgabe, als ich in diese Stadt kam? Ich habe es geglaubt, vielleicht war das der Grund meines Scheiterns. Ich hatte sieben Tage Zeit.

Sieben lange Tage.

Ich muss den Gedanken jetzt kommen lassen, ihm Raum geben. Das ist besser, als die Verzweiflung abzuwehren, sie bleibt dann umso hartnäckiger und macht mich müde. Als Nächstes käme das Brennen der Augen, die kühle Stelle an den Schläfen. Von den Schläfen strömt eine Gleichgültigkeit in meinen Kopf, die gefährlich ist.

Ein Wettlauf mit der Zeit. Wie im Film. Es gibt eine Aufgabe, der Held muss jemanden retten, bahnt sich einen Weg durch die Menge, zum Zug, zur Bank oder zum Telefon. Er könnte es schaffen, wenn da nicht so viele Widrigkeiten wären. Kleinigkeiten, die alles gefährden. Die stehen gelassene Aktentasche. Die Schlange am Schalter. Der Wagen, der die Straße versperrt. Eigentlich ist es zu spät, aber die Verzweiflung weckt Kräfte. Im Hintergrund: ein Stundenglas oder ein Zeitzünder.

Ich muss einen Mann suchen, den ich zwanzig Jahre nicht gesehen habe, in einer Stadt mit mehr als drei Millionen Einwohnern. Ich weiß seinen Namen, sonst weiß ich nichts.

Lange Zeit dachte ich, ich schaffe es ohne ihn. Ich hatte nicht einmal gewusst, dass es ihn noch gibt.

Auf einem Zettel, den ich bei mir trug, standen die Namen der Arbeitskollegen von damals. Ich war überzeugt, sie würden mir weiterhelfen. Wir kennen einander ja. Niemand kann der Versuchung widerstehen, von früher zu sprechen.

Morgen früh um sechs Uhr endet bei Martha im Krankenhaus die Nachtschicht. Um sieben Uhr gibt es Frühstück, und eine Stunde später fangen die Visiten an. Bis dahin muss ich ein Ergebnis haben, sonst sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie die nächsten fünf Jahre überleben wird, von achtzig auf zwanzig Prozent. Achtzig ist eine gute Zahl, eine Option, für die es sich zu kämpfen lohnt.

Ich schließe die Augen, sehe mein Gesicht, den entzündeten Rand zwischen Lid und Augapfel, leuchtend wie ein glühender Draht, wann war das? Wann habe ich das letzte Mal in den Spiegel gesehen?

Ein anderer Ort, nicht sehr weit weg, noch nicht lange her. Es ist dunkel bis auf ein funzliges rotes Licht, an den Wänden Holzverkleidung wie in einem Schuppen. Ein Wasserrohr, auf das ich blicke, während eine Faust mich von hinten am Kragen packt, mir die Knöpfe des Hemds an den Kehlkopf presst oder etwas anderes, kalt, hart, metallisch. Eine verdreckte Toilettenschüssel, der ich mich nähere, auf den Knien rutschend, von hinten gestoßen. Mit Spuren einer giftgrünen Flüssigkeit, mit hellgelben Pissespuren ist das Becken überzogen, mit obszönen schwarzen und braunen Placken, ich sehe es von der Seite, sehe den Fuß, auf graue Bretter geschraubt, mit schwärzlichen Schrauben, die wie Fußnägel einer bösartigen Kreatur immer näher kommen, und ich heule, ein hässliches, schnarrendes Heulen, das mir nicht helfen wird.

Nachts. Ein großes Einkaufszentrum, davor ein Parkplatz. Ich betrachte es, aus der Ferne, im Weitwinkel, als hätte es nichts mit mir zu tun. Lang gestreckt, weiß gestrichen, an eine Böschung mit Bahngleisen gebaut. Ein gläsernes Vordach. Mein Blick, der beängstigend schnell heranrückt, als hätte ich gar keinen Körper, als wäre ich eine Kameralinse oder ein wissender, extrem beweglicher Punkt im All, erkennt für einen Moment Abfall, Taubenkot und sogar die Rillen im Glas.

Roter Granit. Nasser Straßendreck. Fußabdrücke. Ein Papierkorb, ein verlorener Handschuh. Gegen die Scheiben der Eingangstür gelehnt sitzt jemand. Bärtig, erschöpft aussehend. Eine zweite Person erscheint, beugt sich nach vorne, betrachtet den Mann. Er hat eine Zeitung auf seinen Knien, und ein weiteres Stück Zeitung, halb durchnässt, liegt auf seiner Tasche. Papier mit kyrillischen Buchstaben. Kann ich Ihnen helfen?, fragt das Gesicht. Verstehen Sie mich? Ich sehe es ganz von Nahem. Es atmet. Es lächelt freundlich, hat ein Grübchen am Kinn. Ja, sage ich, ich verstehe. Und ich bin sehr müde. Möchten Sie, dass wir Sie an einen Ort fahren, wo Sie schlafen können? Ich nicke.

Die letzten Monate habe ich in einem kleinen Dorf in Süddeutschland verbracht.

An dem Tag, als Marthas erster Anruf kam, war ich morgens mit einem Nachbarn im Wald. Wir haben Holz auf ein geliehenes Fahrzeug geladen, einen Teil davon in seinem Hof in kleinere Stücke gespalten, und anschließend stapelte ich die Scheite unter einem Vordach hinter seinem Haus, damit sie den Sommer über trocknen können. Ich hatte mir bei meinem Umzug hierher vorgenommen, das von nun an regelmäßig zu machen, ein- oder zweimal im Jahr. Vielleicht würde ich den Leuten, die hier leben, dadurch etwas näherkommen.

Das Telefon klingelte laut und schrill, zerriss die Trägheit des Nachmittags. Sie muss ihren Namen nicht nennen, das weiß sie.

Sie sagte, man hat mich eingeliefert.

Also was Ernstes.

Ja. Was Ernstes.

Ich konnte den Sarkasmus in ihrer Stimme nicht einordnen.

Sag mir, wo.

Ich will nicht, dass du kommst.

Sag es mir trotzdem.

Als sie auflegte, stand ich in meinem engen, dunklen Flur, reglos wie ein Reptil. Ich fühlte, wie die Vergangenheit langsam hochkam, von tief unten, wie ein Wasserspiegel, der anstieg, meine Füße ergriff, meinen Bauch, die Brust und schließlich in meinen Kopf schwemmte. Ich versuchte, mir die letzten Stunden noch einmal ins Gedächtnis zu rufen, ein kleiner Rückzug, ein Zeitgewinn. Das Dampfen des Atems in der Luft, die noch kalt war. Die heißen Finger in den Arbeitshandschuhen. Der Ruck, mit dem der Impuls für das Spalten des Holzes von meiner Schulter in die Axt fuhr.

Im Schlafzimmer, in der untersten Schublade des Kleiderschranks, lagen die alten Papiere, Zeugnisse, mein Tagebuch. Ein Schweißerpass von 1985, die bei der Armee erworbene Fahrerlaubnis für Wagen über siebeneinhalb Tonnen, ein Adressbuch. Ich schlug es auf. Namen, Telefonnummern, Anschriften. Die meisten stimmten heute sicher nicht mehr.

Ich fand auch einen Berliner Stadtplan von 1991. Ich klappte ihn auf, durchsuchte das Straßenverzeichnis. Sie war in Neukölln untergebracht, fast am Stadtrand. Ich spürte meine Angst im Magen wie eine rotierende graue Kugel, und den Impuls, sie sofort zu fragen, warum sie nicht in der Charité lag.

Der zweite Anruf kam eine Stunde später.

Kannst du zuhören?

Natürlich! Ja.

Erinnerst du dich noch an den Lastwagen?

Die Bemerkung kam so unvermittelt, dass ich kurz zurückwich und den Hörer anstarrte. Kein: Wie geht es dir? oder ähnliche Fragen, sie riss die Tür zur Vergangenheit auf, ohne Vorwarnung. Ostberlin, 1986. Blauer Himmel und ein paar Wolken. Ich hatte Nachtschicht gehabt. Wir trafen uns auf einem der Dächer, bei der eisernen Treppe zwischen den Kühltürmen. Sie war aufgelöst. Ich habe Besen gesehen, sagte sie, Lappen und Kanister mit einer Flüssigkeit. Sie atmete schwer und hatte rote Flecken am Hals, ihre Augen glitzerten feucht, sie sah in dem Moment sehr schön aus.

Weißt du, wie lange ich damals in dem Wagen war?

Zwei, vielleicht drei Stunden? Rakowski hat dich mitgenommen, am Nachmittag. Er hat dir angeboten, die alte Truhe von deiner Mutter zu transportieren.

Nein, länger.

Wieso… länger?

Sie schwieg.

Das Gefühl, dass die Welt, in der man lebt, zusammenbricht, kündigt sich an durch ein Knistern, das plötzlich überall auf der Haut zu spüren ist, das fiel mir in dem Moment wieder ein. Dazu ein leises, knackendes Geräusch, für andere nicht wahrnehmbar. Orte, Vorstellungen und Gedanken, die einem vertraut sind, verschwinden, und man steht wieder da, wo man meint, ganz am Anfang gewesen zu sein, ein Anfang, der sich der konkreten Erinnerung entzieht. So ist es mir damals gegangen, und die seither vergangene Zeit war plötzlich nichts. Ich hatte immer dort gestanden, hatte nie aufgehört, im Nichts zu sein.

Ich aß etwas Kaltes, legte mich hin, nahm das Telefon mit ans Bett. Sie würde vielleicht ein drittes Mal anrufen. Es ist ihre Art, etwas einzurenken, was sich nicht wieder einrenken lässt. Ich lag da und dachte: Ich ertrage das. So, wie sie mich erträgt, klarkommt mit mir, ihr Leben lang. Mit den Folgen, die es für sie hatte, mich getroffen zu haben.

1998 habe ich sie das erste Mal nach langer Zeit wieder gehört. Ich erfuhr, dass sie nach unserer Trennung zurück nach Berlin gezogen war, wir redeten über dies und das. Dann versiegte das Gespräch. Wir hätten jetzt auflegen müssen, aber sie sprach eine ganze Zeit lang einfach weiter. Ich fühlte mich ratlos, spürte, dass sie etwas von mir wollte, ohne zu verstehen, was es war.

So war es auch in den kommenden Jahren, sie meldete sich in unregelmäßigen Abständen. Ich hatte mich daran gewöhnt. Vielleicht war sie einfach einsam.

Als ich das nächste Mal abhob, war es bereits ein Uhr morgens.

Um die Uhrzeit? Störst du niemanden?

Meinst du, wir könnten ihn doch noch finden?

Sie keuchte.

Wozu?

Vielleicht ergeben sich Hinweise auf Leute, die er gekannt hat.

Es ist vorbei.

Er war in dem Lastwagen. Sonst gibt es niemanden mehr. Rakowski ist tot.

Tot? Woher weißt du das?

Durch Telefonanrufe.

Wann?

In den letzten Stunden.

Ich hörte sie atmen. Sah an mir herunter, meine Beine, dünn, frierend. Der Schlafanzug. Das schwächliche Stück Mensch darin. Ich dachte, Stille ist Stille, ob tagsüber oder nachts, aber nachts empfindet man sie anders. Wenn man sie nah genug an sich heranlässt, dehnt sie sich endlos aus, und man hat in jeder Sekunde Angst, es nicht bis zur nächsten zu schaffen.

Was hast du eigentlich? Ich meine, welche Krankheit?

Ich dachte, ich würde sie das einfach fragen. Aber ich schaffte es nicht, ich krächzte, als würde ich die Antwort schon wissen, und so war es wohl auch.

Vergessen funktioniert nach seltsamen Regeln. Ich meine das Wegschieben von etwas Unerwünschtem. Nicht das, was angeblich unser Unbewusstes ausmacht. Man klammert sich an die Dinge direkt um einen herum: Das ist meine Arbeit, ich gehe jeden Tag dorthin. Meine Wohnung, mein Bett. Die Luft, die ich einatme. Seht her, die Sonne, jetzt scheint sie gerade, nur für mich. Man lebt ohne ein Davor oder Danach. Es ist wichtig, leere Zeit immer mit Beschäftigung zu füllen, man darf nicht ins Grübeln kommen.

Nach Marthas Anrufen stand ich von einem Moment zum anderen vor dem Abgrund, dessen Existenz ich immer geleugnet hatte.

Die nächsten Stunden verbrachte ich damit, mich über das zu informieren, was sie am Telefon nur einmal sehr leise ausgesprochen und gleich darauf nur noch als die Krankheit umschrieben hatte. Ich stieß auf die erste systematische Erfassung ihres Leidens im 18. und 19.Jahrhundert, ein Berufsrisiko von Schornsteinfegern, Berg- und Seeleuten. Ich sah, wie eine Zelle auszusehen hat, wenn sie sich unter normalen Umständen vermehrt, und die unförmig und beängstigend aussehenden Gebilde, die entstehen, wenn etwas schiefläuft. Eigentlich ist der menschliche Körper so beschaffen, dass Abweichler sich selbst töten, lernte ich; Chaos entsteht erst, wenn die Selbstzerstörung des Falschen nicht mehr funktioniert. Ich erfuhr, dass es Krebs auch bei Pflanzen und Tieren gibt, informierte mich über alle bekannten auslösenden Faktoren wie ionisierende Strahlung, Chemikalien, Onkoviren, las Theorien zum Entstehungsprozess von Tumoren, die allesamt darauf hinauslaufen, dass ein genetischer Defekt kleine Einheiten im Körper ausschaltet, die sich darauf spezialisiert haben, abweichende Wachstumsvorgänge zu analysieren, zu reparieren und gegebenenfalls den Befehl zu ihrer Zerstörung zu geben. Bösartige Wucherungen sind sehr zäh, eine merkwürdige Form von Leben. Es gelingt ihnen, im Körper autonome Areale zu schaffen, ausgestattet mit der Fähigkeit, unter Sauerstoffmangel zu überleben, eine eigene Blutversorgung aufzubauen und sich schließlich von ihrem angestammten Platz zu lösen und überall im Körper Kolonien zu bilden.

Am Ende war ich erschöpft. Ich schlief ein mit dem Gefühl, dass ich die Kräfte, die ich in meinem Leben gesammelt hatte, jetzt würde verausgaben müssen. Und irgendwo, ich wusste nicht wo und weiß es auch bis jetzt nicht, würde entschieden werden, ob das ausreichte, um Martha zu retten und mich selbst.

Am nächsten Morgen stand ich um sechs Uhr fertig angezogen in der Küche. Ich starrte aus dem Fenster, trank Kaffee in kleinen Schlucken. Ich hatte es eilig, blies immer wieder hektisch auf das heiße Getränk, das ich gleichzeitig mit beiden Händen umklammert hielt, als müsste ich mich wärmen.

Draußen raste der Morgenverkehr über die nahe Hauptstraße.

Das Telefon klingelte, wie oft um diese Uhrzeit. Aber ich ging nicht ran.

Ich packte ein paar Sachen in eine große Reisetasche und schloss die Fensterläden.

Hinter dem Haus verläuft ein kleiner Fluss. Der Lauf des Wassers ist an der Stelle verengt, es fließt laut und rasch. Ich trat auf den fast immer etwas feuchten Balkon, der zu meiner Wohnung gehört. Auf der anderen Seite des Ufers erstreckt sich hinter einem Zaun ein gepflasterter Platz, dahinter befindet sich die örtliche Videothek.

Ich sah hinüber. In den Monaten, in denen ich hier wohnte, hatte ich sie kein einziges Mal betreten.

Es war ein seltsamer Moment des Abschieds. An der Schaufensterscheibe hing ein Plakat des Films Gegen die Wand. Ich sah abwechselnd hinüber zu dem Foto und auf das immer wieder hochspritzende Flusswasser, das sich in den Verbundsteinen sammelte und in die trockenen Grasbüschel am Ufer floss. Von der Hauptdarstellerin sah man nur das Gesicht, groß, düster und schön. Der Mann war dagegen vollständig abgebildet, aber in einem viel kleineren Maßstab, als würde seine ganze Gestalt an ihren Lippen hängen. Die langen Haare fielen ihm ins Gesicht, und die Arme, blutig nach seinem Mord aus Eifersucht, hatte er hochgerissen, in einer Siegerpose, der man ansah, dass sie bald keine mehr sein würde.

Auf dem Weg zur Bushaltestelle dachte ich an die Zeit, die ich hier verbracht hatte. Sie war jetzt kaum noch fühlbar. Entlang hoher Mauern mit Holztoren lief ich die laute Straße entlang, die zum Ortsrand führte. Ich kam an einem Gemüseladen vorbei. Der Inhaber, ein Kroate, sah kurz hoch und grüßte. Ich wusste, er stand hier jeden Tag, mit Blick auf ein Trafohäuschen, ein Friseurgeschäft, eine Fußgängerüberführung. Ich hatte ihn in der ganzen Zeit nie gefragt, wo er genau herkam, was ihn an diese Straßenkurve gebracht hatte, für den Rest seines Lebens. Vielleicht war es ein Schicksal, das meinem ähnlich war.

Die Luft hier in der Notunterkunft ist feucht und übel riechend, gesättigt vom Schnarchen der Unglücklichen. Gerade hat jemand geschrien. Ich hebe den Kopf, sehe Flächen aus Stoff, grau wie Milch im Halbdunkel. Dazwischen einzelne Gliedmaßen, die herausragen aus dem Milchmeer und kleine Erhebungen bilden, die schnell wieder zusammenfallen.

Ich muss mir die Räumlichkeiten vor Augen führen. War da ein Flur? Ja, es muss einen geben, ich erinnere mich an braunen, abgewetzten Teppichboden und an eine Bank, auf der Jacken lagen, ordentlich übereinandergelegt.

Ich war noch nie in so großer Eile wie jetzt, deshalb ist es wichtig, dass ich ruhig bleibe, wie man es von Rettungssanitätern kennt, die sich am Unfallort oft quälend langsam zu bewegen scheinen, während in Wirklichkeit jeder Handgriff überlegt ist. Und was für meine Handlungen gilt, das gilt erst recht für meine Gedanken. Es ist nicht klar, ob ich es schaffen werde, mich zu erheben, auf eigenen Füßen zu stehen. Man weiß ja, dass das Handeln immer davon eingeschränkt ist, was der Körper leisten kann. Aber mit dem, was wir in unserem Kopf konstruieren, sieht es anders aus. Man kann leicht abschweifen, sich verirren, eine Hauptsache zur Nebensache machen und umgekehrt. Es gibt in der Welt der Gedanken kein Maß, das wir nicht selbst festlegen.

Gerade ist jemand aufgestanden. Die Fenster hier sind vergittert. Ein Mann tritt zum Licht einer Laterne, das spärlich hereinfällt. Wir befinden uns im Erdgeschoss. Parkende Autos. Ein Mann mit einem Hund läuft vorbei. Drinnen der Mann sieht ihm nach, tastet die Scheibe ab, fährt mit der Hand am Rahmen entlang, rüttelt am Griff. Ich sehe mich um, ob jemand reagiert. Ihn selbst scheint das nicht zu kümmern. Sein breiter Rücken wird verhüllt von einem weißen Sweatshirt mit dem Aufdruck Cargo-Lifter, darunter trägt er eine Schlafanzughose, er ist barfuß. Neben dem Fenster stehen kleine Schränke, Spinde. Sie erinnern mich an früher. An den Schrank von Alfred, unserem Meister. Er, als Einziger, hatte einen in seinem kleinen Büro stehen, wo er sich vor und nach Schichtbeginn umzog. Alles hier erinnert mich an früher, die klapprigen Betten, die altmodischen Nachttische, der Kalender an der Wand neben der Tür und auch die Tür selbst, was mir zu denken geben sollte. Kann ich in meiner Lage beurteilen, ob ich mich täusche?

Der Mann steht vor einer Schranktür. Es sieht nicht so aus, als wäre es sein Schrank. Jetzt dreht er sich um. Das war es also, was er wirklich wollte. Er legt sein Ohr an die Spindtür. Als gäbe es im Innern etwas zu horchen. Gleichzeitig nesteln seine Hände an einem kleinen Vorhängeschloss. Niemand sieht hin. Hier sind alle mit sich selbst beschäftigt. Zwischen einem der Pflanzenkübel sehe ich einen rothaarigen Mann mit einer Menge Pickel auf der Stirn, noch ziemlich jung, er sitzt auf der Bettkante und liest in Papieren, die amtlich aussehen. Das Bett neben mir ist leer. Weiter hinten packt jemand seine Sachen. Das gibt es also auch, man geht von hier weg; geht man einfach so, oder wird man entlassen? Die Leute hier sprechen nicht miteinander. Sie kennen sich nicht. Jeder tut so, als wäre er in seinem eigenen Schlafzimmer. Wenn Worte fallen, an so einem Ort, so stelle ich es mir vor, sind es nur wenige, das Nötigste, und diejenigen, die sie aussprechen, sehen sich dabei nicht an, sie reden miteinander, als trennten sie Wände.

Der Mann am Fenster hat es geschafft, die Schranktür ist offen. Drinnen erkenne ich meine Reisetasche.

He! Lassen Sie das! Lassen Sie die Finger von meinen Sachen!

Meine Stimme klingt leise, etwas belegt, aber ich kann sprechen.

Er zuckt nicht zusammen, natürlich nicht, solche Leute erschrecken nicht. Er dreht sich bloß um, langsam, aber mit ganzem Oberkörper, als wollte er mir zu verstehen geben, dass er jederzeit imstande ist, sich voll und ganz auf mich zu konzentrieren. Dann sieht er mich an, ruhig, ausdruckslos, völlig unpersönlich. Drei, vier Sekunden, ich kann diesen Blick nicht deuten, er könnte alles Mögliche heißen, stör mich nicht, womöglich, ich habe zu tun. Oder, du willst es nicht mit mir aufnehmen, mein Lieber, das weiß ich genau. Vielleicht auch, wir sprechen uns, Freundchen, später, wenn hier alle wegsehen und weghören, dann wirst du mich noch anflehen, dass ich diese Tasche nehme und alles andere, was du besitzt, mit dazu.

Jetzt geht die Tür auf. Licht fällt herein. Ich muss blinzeln. Momente, in denen Helligkeit nur reizt, anstatt Dinge deutlicher hervortreten zu lassen, habe ich immer gefürchtet. Niemand kommt herein, ich höre nur Geräusche: fließendes Wasser, den Hall von Stimmen. Vorsichtig richte ich mich auf, strecke den Fuß unter der Decke hervor, berühre den Boden, spüre Staub und Sand und etwas Spitzes, das sich in meiner Fußsohle festsetzt.

Der Mann wartet, bis ich direkt vor ihm stehe. Er hat ein Messer in der Hand und hält es mir entgegen. Mit kreisenden Bewegungen, weit ausholend, als hätte er einen großen, heißen Sud umzurühren. Wir schwitzen. Der ganze Raum scheint in eine Art Dampf getaucht, oder sind es Angst und Schweiß, die meinen Blick trüben?

Ich nähere mich der Tasche.

Der Mann steckt das Messer wieder ein, wirft sich auf mich, reißt mich zu Boden und umklammert meinen Kopf. Ich höre nichts, während wir ringen. Wir stoßen gegen die Wand, Staub und Kalk rieseln auf uns herab. Er ist groß und kräftig, und ich bin dünn und geschwächt, es wird nicht lange dauern.

Ich fuhr an diesem ersten Tag zuerst nach Karlsruhe. Ich habe diese Stadt immer gemieden, mich im Westen, wenn es ging, meistens auf dem Land oder in Kleinstädten aufgehalten.

Am Bahnhofsschalter holte ich die Briefumschläge heraus, in denen ich mein Geld aufbewahre, und verlangte eine einfache Fahrkarte nach Berlin. Die Kuverts sind uralt, mit Zahlen bekritzelt, sie stammen noch aus der Zeit in Marienfelde. Nichts von dem, was ich in den ersten Wochen bei mir hatte, konnte ich jemals wegwerfen. Der Mann hinter dem Tresen hob die Augenbrauen, als sein Blick darauffiel, aber er sah, dass meine Hände sauber waren, und nicht zitterten.

Im Zug versuchte ich, die Sache zu durchdenken. Was Martha von mir verlangte, war eine Zumutung. Es war ihr egal, wie mein jetziges Leben aussah. Sie ging davon aus, dass ich unterbrechen konnte, was auch immer ich gerade tat, und verschwinden konnte, von wo auch immer, um ihr zu helfen. Sie war sich sicher, dass es mir nicht gelungen war, nach unserer Trennung ein Leben zu führen, das die Bedeutung des alten, das ich mit ihr geteilt hatte, auch nur annähernd erreichte. Und das stimmte. Was auch immer ich mir eingebildet hatte zu sein in den letzten Jahren, sie hatte es zunichtegemacht, mit drei kurzen Anrufen.

Ich hatte einen Platz in einem halb leeren Großraumwagen gefunden. Es überraschte mich, wie lautlos wir aus dem Bahnhof rollten, ich war schon lange nicht mehr Zug gefahren. Ich warf meine Tasche auf die Gepäckablage und schlug ein kleines Notizheft auf, das ich im Vorbeigehen an einem Kiosk gekauft hatte. Es war jetzt wichtig, Pläne zu machen, meinem Vorhaben einen Rahmen zu geben, nichts brauchte ich in dieser Situation nötiger als einen festen Halt.