Die Kendricks: Die Erben des Südens - Lonnie Coleman - E-Book

Die Kendricks: Die Erben des Südens E-Book

Lonnie Coleman

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Beschreibung

Der Traum eines neuen Lebens: Die dramatische Familiensaga »Die Kendricks: Die Erben des Südens« von Lonnie Coleman jetzt als eBook bei dotbooks. Savannah am Ende des 19. Jahrhunderts. Sein Leben lang hat Benjamin Kendrick die goldenen Sonnenstrahlen und die langen Schatten der Zedern, die seinen Familiensitz »Beulah Land« säumen, geliebt. Doch nun muss der junge Mann muss lernen, wie fragil dieser Frieden ist: Eugene Betchley, der Herr der benachbarten Ländereien, setzt alles daran, das Erbe der Kendricks zu zerstören. Während Benjamin seinem Konkurrenten die Stirn bietet, versucht er gleichzeitig das kostbare Band zu seiner großen Liebe Frankie zu beschützen. Doch dann eröffnet sie ihm, dass ihre Hand einem anderen versprochen wurde … und dieser andere ist niemand geringeres als Eugene. Entschlossen nimmt Benjamin den Kampf auf – für sein Land … und seine Liebe! Jetzt als eBook kaufen und genießen: Die mitreißende Südstaaten-Saga »Die Kendricks: Die Erben des Südens« von Bestseller-Autor Lonnie Coleman wird alle LeserInnen von Tara Haigh und Catherine Tarley begeistern – für die Fans von »Vom Winde verweht«. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 801

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Über dieses Buch:

Savannah am Ende des 19. Jahrhunderts. Sein Leben lang hat Benjamin Kendrick die goldenen Sonnenstrahlen und die langen Schatten der Zedern, die seinen Familiensitz »Beulah Land« säumen, geliebt. Doch nun muss der junge Mann muss lernen, wie fragil dieser Frieden ist: Eugene Betchley, der Herr der benachbarten Ländereien, setzt alles daran, das Erbe der Kendricks zu zerstören. Während Benjamin seinem Konkurrenten die Stirn bietet, versucht er gleichzeitig das kostbare Band zu seiner großen Liebe Frankie zu beschützen. Doch dann eröffnet sie ihm, dass ihre Hand einem anderen versprochen wurde … und dieser andere ist niemand geringeres als Eugene. Entschlossen nimmt Benjamin den Kampf auf – für sein Land … und seine Liebe!

Über den Autor:

Lonnie Coleman (1920–1982) wurde in Georgia geboren und verbrachte seine Jugend im amerikanischen Süden. Während des Zweiten Weltkriegs diente er bei der US-Marine. Er schrieb zahlreiche Romane und Theaterstücke. Seine große Familiensaga rund um die Kendricks wurde weltweit gefeiert und machte ihn international berühmt.

Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seine große Südstaatensaga um die Familie Kendrick mit den Bänden »Die Kendricks: Die Stimme der Hoffnung«, »Die Kendricks: Das Leuchten der Träume« und »Die Kendricks: Die Erben des Südens«.

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eBook-Neuausgabe April 2023

Die amerikanische Originalausgabe erschien erstmals 1980 unter dem Originaltitel »The Legacy of Beulah Land« bei Doubleday, New York. Die deutsche Erstausgabe erschien 1981 unter dem Titel »Die Tage der Erben« bei Schoeller & Co.

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 1980 by Lonnie Coleman

Copyright © der deutschen Erstausgabe 1981 Verlag Schoeller & Co., Ascona

Copyright © der Neuausgabe 2023 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/masson, Yakolev Sergey

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (fb)

ISBN 978-3-98690-563-7

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In diesem eBook begegnen Sie möglicherweise Begrifflichkeiten, Weltanschauungen und Verhaltensweisen, die wir heute als unzeitgemäß oder diskriminierend verstehen. Bei diesem Roman handelt es sich um ein rein fiktives Werk, das vor dem Hintergrund einer bestimmten Zeit spielt oder geschrieben wurde – und als solches Dokument seiner Zeit von uns ohne nachträgliche Eingriffe neu veröffentlicht wird. Diese Fiktion spiegelt nicht unbedingt die Überzeugungen des Verlags wider.

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Lonnie Coleman

Die Kendricks:Die Erben des Südens

Roman – Die große Familiensaga

Aus dem Amerikanischen von Margarete Längsfeld und Fritz Thorn

dotbooks.

Für Howard Siegman

Erster Teil

1879

Kapitel 1

Bessie Marsh zog die Zügel an, Maultier und Wagen blieben stehen. Sie sagte zu dem Jungen neben ihr auf dem Brettersitz: »Du kannst es deutlich sehen, jetzt wo der Obstgarten kahl ist.« Er blickte durch die entlaubten Obstbäume und die Eichen und Zedern, die die Auffahrt nach Beulah Land säumten, in die Richtung, in die seine Mutter zeigte. Das Haus am Ende der Allee blickte nicht auf die Hauptstraße, wie das alte es getan hatte, das von Shermans Soldaten niedergebrannt worden war, sondern wandte sich den Feldern und Waldungen zu, die die Kendricks und ihre Angehörigen fast hundert Jahre lang ernährt hatten, seit der erste von ihnen im Jahre 1783 die Plantage anlegte. Sie galt immer noch als Besitz der Kendricks, obwohl mittlerweile alle, die diesen Familiennamen trugen, mit Ausnahme einer einzigen alten Frau Schwarze waren. Sie waren dort geboren und hatten nach dem Krieg beschlossen zu bleiben, andere waren weggezogen und zurückgekehrt. Das Haus war nicht so stattlich wie das alte, aber immer noch vornehm genug mit seinen weiten Räumen und luftigen Veranden, um den ärmeren Bauern des Kreises wie ein Palast zu erscheinen, wenn sie hingingen und um irgendeine Vergünstigung baten.

»Da würden wir wohnen, wenn die gedacht hätten, daß deine Ma für Ben Davis gut genug ist.«

Wie jedermann wußte Leon Marsh, daß Benjamin Davis, der mit seiner Großmutter Sarah Troy die Plantage bewirtschaftete, sein Vater war. Obwohl er erst im April fünf wurde, hatte der Junge sein ganzes Leben lang diese Geschichte gehört. Der rauhe Januarmorgen machte ihn frösteln, und er dachte an die Wärme im Laden von Highboro, wohin sie fuhren, um für die neunzehn Eier und die vier Hennen mit den zusammengebundenen Füßen hinten im Wagen Mehl und Zucker einzutauschen. Sie waren vor Tagesanbruch aufgestanden, um die Kuh zu melken und das Vieh zu füttern. Bessie hatte sich nicht die Mühe gemacht, in der Küche ein Feuer in Gang zu bringen, da sie ja in die Stadt fuhren; sie hatten also Buttermilch und kalte Maiskuchen gefrühstückt, und Bessie hatte ihrer Mutter, die fast blind war, geraten, wegen der Wärme im Bett zu bleiben, bis sie zurückkämen.

»Es ist kalt, Ma«, sagte Leon.

Sie starrte durch die Bäume. »Dort drinnen ist es warm, da kannst du sicher sein. Die haben ein Feuer in jedem Zimmer, und der Tisch ist fürs Frühstück gedeckt. Gebratener Schinken und Eier, Grütze mit Soße, warmes Gebäck und Eingemachtes, Kaffee und kalte Pastete. Lassen mehr stehen, als sie essen, würd’ ich wetten. Kein Wunder, daß sie die fettesten Säue und Nigger haben.«

»Fahren wir, Ma!«

Sie machte eine ausladende Handbewegung: »Was es nur gibt, die haben alles.«

»Ma ...« Sie versetzte ihm einen kräftigen Schlag mit den Enden der Zügel. Er zuckte zurück, aber völlig lautlos. Sie fand, daß er mehr denn je seinem Vater ähnlich sah, und lachte. Der Klang zersplitterte die Luft wie fallende Eiszapfen. »Spuck aus und sag: Ich spucke auf Beulah Land.«

Er dachte an die Wärme, die ihn in Highboro erwartete, spitzte die aufgesprungenen Lippen, beugte den Kopf über die Wagenseite und spie auf den Boden. Bessie akzeptierte das als Gehorsamsbeweis und ließ die Zügel über den Rücken des Maultiers schnellen, dann setzten sie ihre Fahrt fort.

Der Wagen knarrte an den alten Lagerschuppen vorbei und über die Holzbrücke, dann sahen sie die erste Häusergruppe. Die Frau sagte: »Ich will nicht, daß du wieder weinst wie beim letzten Mal. Wenn Mr. Sullivan Lust hat, mich ein bißchen zu tätscheln, dann macht dir das nichts aus, verstanden? Vielleicht kann ich ihm eine Büchse Schnupftabak für deine Großmutter abschmeicheln. Sie lebt von Schnupftabak.« Der Junge sah böse aus, sagte aber nichts. Auch die Herrin von Beulah Land war vor Tagesanbruch aufgestanden. Sie ließ ihren Mann weiterschlafen und ging in die Küche, wo die Köchin Josephine Teig ausrollte und das Mädchen Mabella den ersten Kaffee kochte.

Josephine fragte: »Wie geht’s ihr heute?«

»Ich habe noch nicht nach ihr geschaut, ich brauch’ erst meinen Kaffee.« Sarah Troy zog sich einen Stuhl an den Küchentisch, während Mabella Schale und Untertasse vor sie hinstellte und aus dem Topf am Ofen eingoß. »Hat nicht lang genug gekocht«, warnte sie. »Mir genügt’s«, sagte Sarah, und dann, zu Josephine gewandt, »ich glaube nicht, daß es ihr schlechter geht, sonst hätte Bianca während der Nacht an meine Tür geklopft.«

»Ja, Ma’am.« Josephine seufzte und streute Mehl über den ausgewalzten Teig. »Ich mach’ Batate-Küchlein.« Das war eine der vielen Lieblingsspeisen, an denen sich die dicke kleine Frau, die in ihrem Zimmer im Sterben lag, noch erfreute. Sarah trank ihren Kaffee aus, klopfte Josephine zum Dank leicht auf den Rücken und ging, um ihrer Tante Nell Kendrick den ersten Besuch des Tages abzustatten. Sie fand sie oftmals schlafend oder, wenn sie wach war, im Geist so verschwommen, wie es ihre Augen waren, aber heute morgen war ihr Blick klar und verständig. Ihr Mädchen Bianca hingegen war im Sessel neben dem Bett eingenickt. Als sie hörte, wie Tante und Nichte sich begrüßten, öffnete sie müde die Augen. Nell sagte: »Es riecht nach Kaffee. Bringt ihn mir, Mabella?«

»Ich werd’ ihn holen«, verkündete Bianca und verließ das Zimmer.

»Sie will ihren haben«, sagte Nell, und sie lächelten einander zu.

»Wie alt bin ich, Sarah?«

»Siebenundneunzig.«

»Wirklich?« Nell dachte nach und sagte: »Ich war ein zartes Kind, niemand glaubte, ich würde lange genug leben, um mein erstes Korsett anzuziehen.«

»Josephine macht Batate-Küchlein.«

»Die gute Seele.«

Eine Stunde später hatten alle je nach Appetit gefrühstückt und ihr Tagewerk begonnen. Casey Troy, Sarahs zweiter Mann – der erste war Leon Kendrick gewesen, der Besitzer von Beulah Land –, war Maler und Photograph. Mit seinen fünfundsechzig Jahren war er um drei Jahre jünger als seine Frau, doch beide führten ein tätiges Leben und hatten sich dadurch ein gut Teil ihrer Gesundheit und ihres guten Aussehens bewahrt. Mit zehn ein unscheinbares Kind, wurde Sarah mit zwanzig interessant und war ab dreißig schön zu nennen.

Casey sattelte sein Pferd und ritt nach Highboro. Das Skizzenbuch baumelte am Sattelknauf. Er wollte mit der Arbeit an einem Porträt beginnen, das Mrs. Bonard Saxon in Auftrag gegeben hatte, die immer noch »die schöne Miss Frankie« genannt wurde, obwohl sie zwei Kinder geboren hatte und nun schon seit über fünf Jahren Gattin und Mutter war.

Benjamin Davis begann seinen Arbeitstag immer zeitig. Er kam frühmorgens die halbe Meile von seinem Haus auf der Lichtung herunter und teilte den Leuten ihre Arbeit zu. Die meisten pflügten zur Zeit auf den Hügeln. Nachdem er die kranken Tiere untersucht hatte, frühstückte er zusammen mit seiner Großmutter. Er trank später zu Hause Kaffee, während seine Frau Priscilla, die später aufstand als er, ein leichtes Frühstück einnahm – wenn sie überhaupt etwas aß. Sie war im achten Monat schwanger, und ihrer beider Hoffnung auf eine sichere Niederkunft wurde mit jedem Tag zuversichtlicher. In den vier Jahren ihrer Ehe hatte sie zwei Fehlgeburten gehabt.

Es war Benjamins Gewohnheit, Sarah bei einem herzhaften Frühstück Gesellschaft zu leisten, das sie beide genossen, und dabei die Pläne für den Tag mit ihr zu erörtern. Ungeachtet eines Altersunterschiedes von dreiundvierzig Jahren verband sie die gleiche Liebe für Beulah Land und füreinander. Es war richtig – wie sowohl seine Frau als auch ihr Mann zugaben –, daß jeder des anderen vertrautester Freund war. Während Benjamin sich reichlich mit Pfirsichmarmelade bediente, fragte Sarah: »War Priscilla wach, als du weggingst?«

»Ich weiß es nicht.« Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Ich mag sie nicht stören, wenn sie schläft.«

Sie brauchten einander nicht anzusehen, um zu verstehen, was unausgesprochen blieb. Die Freundschaft und schließlich Heirat zwischen Benjamin Davis und Priscilla Oglethorpe hatten die Stadt und den Kreis sehr überrascht, so verschieden waren die beiden. Aber sie handelten mit solcher Entschlossenheit, daß es wie Schicksal wirkte, als sie die Bedenken der Freunde und den Widerstand von Priscillas Mutter endlich überwanden.

Sarah sagte lebhaft: »Sie wird froh sein, wenn das Kind geboren ist.« Jetzt sah er sie an. »Gebe Gott. Bei Stadtmädchen braucht’s eine Weile, bis sie sich an das Leben auf dem Land gewöhnen.«

Sie nickte, als ob sie an das glaubte, was sie sagten, dann bot sie ihm den Trost eines Scherzes: »Du bist ja unheimlich sicher, daß es ein Junge wird.«

»Ja, Ma’am, und er wird Bruce Davis heißen, nach seinem Großvater.«

Sie sah ihm zu, wie er einen Löffel Eingemachtes auf den letzten knusprigen Happen Schinken strich. »Wie kannst du nur solches Zeug zusammenessen? Ich mag Salziges, und ich habe auch Süßigkeiten gern, aber das Salzige zuerst und das Süße hinterher.«

»Ich mag beides zusammen. Otis hat die besten Leute auf die oberen Westfelder geschickt. Die verbringen jetzt den Rest der Woche damit, bis herunter zu pflügen.« Sie nickte. »Ich denke, ich sollte heute morgen in die Stadt reiten und einen Blick auf die Egreniermaschine werfen. Nur hier und da ein Stück prüfen und schauen, ob es richtig klappert.«

»Wenn es falsch klappert, dann wüßte Isaac es bereits, aber du tust trotzdem gut daran hinzugehen.« Als er den Teller wegschob, sagte sie: »Schau bei Sullivan vorbei und frage, ob die frischen Muskatnüsse angekommen sind. Josephine will das alte Muskat, das er ihr verkauft hat, nicht mehr verwenden, und Batate-Küchlein brauchen ein bißchen.«

Benjamins Schwester Jane Todd wohnte mit ihrem Mann Daniel und ihren beiden Söhnen gleich nebenan, auf einem Grundstück, das zu Beulah Land gehört hatte. Als ihr zweiter Sohn geboren wurde, fanden sie, daß das kleine Haus in Sarahs Seitenhof zu eng wurde. Sarah und Benjamin besprachen heimlich einen Plan, den sie schon seit langem hatten, und beschlossen, eine Schenkungsurkunde für vierhundert von den sechzehnhundert Morgen von Beulah Land für Jane und Daniel aufzusetzen.

Daniel Todd war ein Soldat der Union gewesen, der im letzten Kriegsjahr verwundet und halbverhungert desertierte und sich nach Beulah Land durchschlug, wo ihn die Herrin aufnahm. Er lohnte es ihr mit harter Arbeit. Ohne ihn wäre der Besitz vielleicht zugrunde gegangen, dessen Schuldenlast die Folge der drakonischen Besteuerung bei Kriegsende und während der Reconstruction war. Jane wußte, was Sarah und Benjamin nur ahnten: Tief in seiner Vermont-Seele sehnte sich Daniel danach, ein Stück des Landes sein eigen zu nennen, das mit seiner Hilfe gerettet worden war und das er lieben gelernt hatte. Und er sah zufrieden aus, obwohl er protestierte, als man es ihm anbot. Nachdem er die Schenkung angenommen hatte, machte er sich daran, ein Haus und Stallungen zu bauen, und schmiedete Zukunftspläne für seine Söhne, nicht wissend, daß die, die nach uns kommen, ihr eigenes Leben finden müssen.

»Großmutter!«

»Großmutter!«

Die Rufer waren Robert E. Lee Todd und Jefferson Davis Todd, vier und zwei Jahre alt, die man nach dem General und dem Präsidenten genannt hatte, nicht nur, um neue Namen in die Familie zu bringen, sondern auch, um der Vergangenheit zu gedenken. Sarahs Antwort erfolgte im gleichen Augenblick, da sie um eine Ecke des Hauses bog, nachdem sie mit Mabella Eier eingesammelt hatte. Es traf sich gut, daß Mabella die Eier trug, denn die beiden Buben stürzten sich, des Willkommens sicher, auf ihre Urgroßmutter, und sie trug sie die Treppe des rückwärtigen Eingangs zur Küche hinauf, wo Jane wartete.

Sie sagte: »Du verwöhnst sie.«

»Das pflegte deine Mutter auch zu sagen, wenn ich dich schaukelte«, antwortete Sarah. »Gott geb’ ihr die ewige Ruhe«, intonierte Josephine. Sie hatte beide Kinder gern; Jefferson, den alle Davy nannten, liebte sie besonders. »Wer ist das Baby, das Josephine besuchen kommt?« fragte sie jetzt.

Er umschlang ihre Beine in den langen Röcken, als ob er sie erdrücken wollte. »Ich bin kein Baby – bin zwei Jahre alt!«

»Kommt mir vor wie ein Baby, dir nicht, Mabella? Schätze, wir geben ihm einen Zuckerschnuller, damit er ruhig ist.«

»Ich bin zu groß für Zuckerschnuller, ich möcht’ ein Küchlein!« Josephine zierte sich: »Vielleicht ist eins übrig, vielleicht auch nicht. Wen habt ihr am liebsten?«

»Dich, Josephine«, schrien beide Buben wie aus einem Mund. »Gut«, sagte sie wohlgefällig. Sie folgten ihr, als sie zum Küchenherd ging und das warme Gebäck aus der Pfanne auf der Herdplatte nahm. Sie bohrte mit dem Finger ein Loch in die Küchlein und füllte es mit Sirup. Sie hielt sie hoch, bis sie aufgehört hatten zu tropfen, dann gab sie sie den Kindern und sah zu, wie die sie verschlangen.

»Immer hungrig wie Jagdhunde. Mabella, mach die Eier sauber vom Hühnerdreck, wie ich dir’s gezeigt hab’. Wie oft muß ich dir sagen, du sollst kein Wasser nehmen, das macht die Schale schwach. So macht man es, mit der Hand.«

Ein wenig später hörte Jane, die bei Nell saß, während Bianca ruhte, wie jemand im Flur flüsterte und auf Fußspitzen zur Türe kam. »Wer ist es, Jane?« fragte Nell.

»Bobby Lee und Davy.«

»Und wer ist das?«

»Meine und Dans Kinder.«

»O ja.« Sie erinnerte sich.

»Ich schick’ sie weg.«

»Laß sie hereinkommen«, sagte Nell zu Janes Überraschung, denn sie hatte nie Kinder in ihrer Nähe gemocht. Sie erwarteten keine weitere Einladung. »Kommt näher, so daß ich euch anschauen kann«, sagte Nell, und die Buben gehorchten. Vom Unerwarteten eingeschüchtert und still, starrten sie Nell ebenso neugierig an wie Nell sie. »Du siehst Daniel ähnlich«, sagte sie zu Bobby Lee, und dann zu Davy: »Du schaust gar niemand ähnlich.«

Davy sagte mutig: »Komm mit uns Murmeln spielen.«

»Lieber nicht«, sagte sie, nachdem sie das Angebot scheinbar ernsthaft erwogen hatte. »Ich muß hier liegen und darauf warten, in den Himmel zu kommen.«

»Kommst du heute in den Himmel?« fragte Davy, und Bobby Lee versetzte ihm mit dem Ellbogen einen Rippenstoß.

»Könnt’ sein«, sagte Nell, »hab’ mich noch nicht entschieden, wann ich gehe.«

Bobby Lee wollte wissen: »Wirst du Flügel bekommen?«

»Ich verrate dir ein Geheimnis: Sie haben schon angefangen zu wachsen.«

Davy fragte: »Können wir sie sehen?« Nell runzelte die Stirn.

»Eine Dame zeigt ihre Flügel keinem Herrn.«

Davy strahlte sie bewundernd an. »Gibt’s im Himmel Batate-Küchlein?«

»Wenn’s keine gibt, bleibe ich nicht«, antwortete Nell.

Kapitel 2

Casey Troy wußte nicht recht, was er mit seinem Pferd anfangen sollte. Er und Sarah besuchten die Familie Bonard Saxon ein- oder zweimal im Jahr, aber dann kamen sie im Einspänner oder in der Kutsche, weil Jane und Daniel mitfuhren, und ein Bediensteter wartete auf sie, um Wagen und Pferde wegzuführen. Heute war er allein und kam sozusagen geschäftlich. Er stieg ab und blieb mit den Zügeln in der Hand stehen, wie jemand, der die Aussicht bewundert – Miss Frankie war stolz auf ihren Besitz –, hoffte aber, daß man ihn von drinnen bemerken würde. So geschah es auch. Annabel Saxon öffnete die Eingangstür zum Haus ihres Sohnes und begrüßte Casey mit den Worten: »Da sind Sie ja, Maler Troy!«

Sie wußte nie, wie sie ihn anreden sollte. Sie nannte Sarah »Tante«, um sie zu ärgern und obwohl sie nicht wirklich verwandt waren. Sarahs Tochter hatte Annabels Bruder James Davis geheiratet, und Sarahs Enkel Benjamin war demnach Annabels Neffe. Casey Troy war niemand, wie sie bereits damals gesagt hatte, als er Leon Kendricks Witwe heiratete, und manchmal sprach sie heute noch von dem »Niemand, der die Herrin von Beulah Land geheiratet hat«. Casey fühlte sich sicherer als sie, da er die Sitten des Südens kannte, obwohl er als Nordstaatler zur Welt gekommen war, und er wußte sehr wohl, daß ein Gentleman jede Dame mit dem Vornamen anreden durfte, wenn er ihm nur ein »Miss« voransetzte, gleichgültig, ob sie Fräulein oder Frau war. »Miss Annabel«, erklärte er jetzt, »Sie sehen so hübsch aus wie ein Bild, wenn ich das sagen darf.« Sie lachte anerkennend. »Wer dürfte das eher als Sie, Sir, der Maler von Ausdruck und Seele? Kommen Sie, schauen wir, was Sie aus Miss Frankie machen. Der Diener wird sich um Ihr Pferd kümmern.«

Casey nahm sein Skizzenbuch vom Sattelknauf und folgte ihr ins Haus. Sarah würde es Spaß machen, wenn sie hörte, daß Annabel als Anstandsdame oder eher als Leiterin der Sitzung beiwohnte. Frankie Saxon kam ihnen in der Eingangshalle entgegen. Da sie es ihrer Schwiegermutter überlassen hatte, die Tür zu öffnen, heuchelte sie Überraschung, so als ob sie sich erst jetzt, da der Maler vor ihr stand, daran erinnerte, daß sie ihn bestellt hatte. »Mr. Troy! Gerade in diesem Augenblick habe ich ...« Sie führte die beiden durchs Wohnzimmer in einen kleineren, Raum in dem sie die Vormittagsbesuche empfing.

Man tauschte Artigkeiten aus. Frankie erkundigte sich speziell nach Jane und Mrs. Troy. Bei ihrem ersten Besuch in Highboro vor sechs Jahren hätte Frankie beinahe Benjamin Davis geheiratet, und erst als sie herausfand, daß Bessie Marsh mit Benjamins Kind schwanger war, beschloß sie, statt seiner den Bankierssohn zu nehmen. Die Amme kam geschäftig hinter zwei hüpfenden Kindern herein, die streng aufgefordert wurden, »dem Herrn guten Tag zu sagen« und sich dann zu trollen. Sie blieben eine Viertelstunde, um sich bewundern zu lassen. Der fünfjährige Blair Saxon III. sagte mehrere Verse aus den Psalmen auf, wohl wissend, daß niemand die Bibel unterbricht, und die dreijährige Fanny führte ihren Knicks so oft vor, bis sie schwindelig wurde und hinfiel. Sie schlug mit dem Kopf auf den Boden und weinte. Daraufhin wurden die Amme, Klein-Blair und Fanny liebenswürdig aufgefordert, die Erwachsenen allein zu lassen. Als sie zögerten, befahl man ihnen zu gehen, und als sie immer noch im Korridor herumlungerten wie abgedankte Schauspieler, die widerstrebend die Bühne verlassen, schrie Annabel: »Raus!«

Obwohl Casey Frankie gesagt hatte, daß er bei der ersten Sitzung nur Skizzen von ihrem Gesicht machen würde, war sie mit erlesener Sorgfalt gekleidet – aber das war sie eigentlich immer. Frankie, die Schönheit – einer armen Familie aus Savannah, verwandt mit Annabels zweiter Schwiegertochter, entstammend –, hatte erkannt, daß es für sie ein Glück war, selbst den zweiten Sohn eines Bankiers zu heiraten, und sie hatte die Vorteile ihrer Stellung schnell erfaßt. Sie mochte ein großer Frosch in einem kleinen Teich sein, aber ein Teich, ganz gleich wie groß, bedeutet für die, die in ihm leben, die Welt, und Frankie wußte das.

Annabel sagte: »Dieses Porträt, Troy, war meine Idee.« (Sie hatte entschieden, daß für einen geschäftlichen Besuch der Familienname die passende Anrede sei.) »Mein Gott, ja. Ich erinnerte mich daran, wie sehr man das Bild bewunderte, das Sie vor so langer Zeit von mir malten ...«

»Sie haben sich kaum verändert, Madam.«

»Jeder sagt, daß meine Schwiegertochter eine Schönheit ist, und das stimmt auch, aber wir müssen die Blüte verewigen, bevor sie welkt. Ich sagte zu meinem Sohn: ›Laß doch Troy kommen, er ist der Richtige‹. Sie arbeiten heutzutage mehr mit dem Photoapparat, höre ich, aber für das Bleibende gibt’s meiner Ansicht nach keinen Ersatz für Farbe auf Leinwand, mit einem soliden Rahmen rundherum. Also wo wollen Sie sie posieren lassen?«

Casey öffnete das Skizzenbuch und nahm das ernste Gehaben des Künstlers an. Er benutzte Schweigen als einen Schutzschild. Als Annabel nochmals fragte, wo Frankie sitzen oder stehen sollte, runzelte er bloß die Stirn und ignorierte die Frage. »Vielleicht auf dem kleinen Sofa? Ich finde, neben einem Piedestal zu stehen, sieht gewöhnlich aus.«

Immer noch stirnrunzelnd und schweigend deutete Casey mit einer Handbewegung zu einem Stuhl im Erker, wo das Morgenlicht klar, aber nicht blendend war und wo es keine störenden Schatten gab. Annabel machte noch ein paar Vorschläge, als sie aber weder vom Maler noch von seinem Modell zur Kenntnis genommen wurden, sank ihr Geplapper in kurze Ausbrüche zurück, wie bei einem Vogel im Gebüsch, der uns von Zeit zu Zeit durch einen Triller an seine Anwesenheit gemahnt, ohne jedoch unsere Aufmerksamkeit für ein volles Konzert zu beanspruchen.

»Mein Gott, wie genau besinne ich mich. Alle waren entzückt. Kamen aus der ganzen Gegend, um mein Bild zu bewundern, sobald es fertig war. Troy war danach sehr begehrt, das versichere ich dir. Jeder wollte ihn. Das Porträt aber, das er von mir machte, blieb das von allen am meisten bewunderte. Und nur du, Frankie, hast mich darauf nicht erkannt, als du’s zum erstenmal gesehen hast! Alle anderen schwören bis zum heutigen Tag, daß es mein genaues Ebenbild ist.«

Casey begann zu arbeiten, und Frankie heftete den Blick auf eine Rose aus Wachs in einer Miniaturvase.

»Und Tante Nell – wie geht’s der guten Seele jetzt?«

Keine Antwort, nur das Kratzen des Bleistifts auf dem Papier.

»Armes Ding. Ich wünschte, sie könnte endlich sterben. Wäre besser für sie und für euch alle. Sie klagt ihr ganzes Leben lang, daß sie krank ist. Jeder tanzt um sie herum, man scheut keine Mühe, und schaut sie an, fast hundert ist sie geworden? Nicht zufrieden mit ›Unser Leben währet siebenzig Jahre‹, wie der Schöpfer es so vernünftig empfiehlt. Frankie, dreh den Kopf nach rechts. Dein linkes Profil – macht nichts, das Künstlerauge wird das schon richten. Nichts Häßliches, nur nicht so gut wie das andere. Würde einem bei niemandem auffallen, aber bei dir erwartet man Perfektion.«

Ihre Schwiegermutter zu ignorieren genügte nun nicht mehr, und die Frage, die Frankie an Casey richtete, klang gereizt: »Wie geht es Mrs. Ben?«

»Frankie?« rief Annabel in zurechtweisendem Ton. »Genaugenommen gehört Troy nicht zur Familie. Man fragt einen Gentleman, der nicht zur Familie gehört, nicht nach dem Gesundheitszustand von jemandem, der ...«

»Ich hoffe nur, daß es ihr gesundheitlich gutgeht und daß sie sich wohl fühlt.«

»Ich glaube, beides trifft zu«, sagte Casey in einem Ton, so abwesend, als käme er vom Mond. Er kniff ein Auge zu, hielt den Bleistift senkrecht und blickte mit gespannter Aufmerksamkeit auf sein Modell. Beide Frauen schwiegen verschüchtert. Das wirkt immer, dachte Casey befriedigt.

Kapitel 3

Isaac war ein hellhäutiger Neger um Mitte Fünfzig, der aber – vielleicht wegen seines Einsiedlerlebens – älter aussah. Er hatte ein gesundes Bein und eines aus Holz als Ersatz für jenes, das ihm ein Ballen Baumwolle zerschmettert hatte. Er kippte um und fiel auf ihn, als er noch ein junger Mann war und gerade an der Egreniermaschine zu arbeiten begonnen hatte. Er empfand eine tiefe Leidenschaft für Maschinen aller Art, was ihm bei seinem Posten als Wächter wunderbar zustatten kam.

Als er und Benjamin nach ihrer Inspektionsrunde an der Bürotür stehenblieben, hob Isaac ein Kätzchen vom Boden auf und hielt es hoch. »Nehmen Sie es, Mr. Ben. Meine alte Mäusejägerin will es umbringen. War nie eine besonders gute Mutter, aber noch nie so bös wie jetzt. Ein Wurf von fünf, und sie bringt alle um bis auf das da, und das hätt’ sie auch erwischt, wenn ich sie nicht zurückgehalten hätte. Denk’ die ganze Zeit nach, was ich mit ihm anfangen soll.«

Benjamin nahm ihm das Tierchen ab und betrachtete es eingehend. Das Kätzchen war schwarz mit Ausnahme eines weißen Ringes rund um das linke Hinterbein und ein paar weißen Haaren auf der Brust. »In Ordnung, Isaac.«

»Vielleicht, daß Miss Priscilla was an ihm findet.«

»Fürchte, sie macht sich nicht viel aus Katzen.« Benjamin lächelte und kraulte das Kätzchen hinter den Ohren. »Ich bringe es Tante Doreen. Sie und Miss Kilmer decken den Katzenbedarf von Highboro.« Benjamin stopfte das kleine Tier in eine Außentasche seines Mantels, wo es nach anfänglichem Zappeln ganz zufrieden sitzen blieb, als Benjamin aufs Pferd stieg und im Schritt durch die Stadt zurück zu Sullivans Laden ritt. Unter dem Schild mit der Aufschrift Lebensmittel und Kurzwaren hielten zwei Bauernwagen. Auf einem stand ein zerlumpter kleiner Junge, den er nicht beachtet hätte, wenn nicht gerade jetzt Bessie Marsh aus dem Laden gekommen wäre. Er sah sich daraufhin den Jungen genauer an und erkannte sein und Bessies Kind. Er stieg ab, band das Pferd an einen Pfosten und begrüßte sie. »Morgen, Mrs. Marsh.« Alle ließen Bessie die Höflichkeitsanrede »Mrs.« zukommen, seit Leon geboren war. »Als ob ich mit mir selbst verheiratet wäre«, pflegte Bessie zu sagen.

»Morgen«, erwiderte sie, »Leon, du erinnerst dich doch noch an Mr. Davis. Er besuchte uns draußen ...«, sie wandte sich an Benjamin, »im letzten Herbst, nicht wahr? Sag guten Tag, Leon.«

»Guten Tag, Sir.«

Benjamin antwortete: »Guten Tag, mein Sohn.« Der Mann und das Kind erröteten, als sie einander ansahen, und Bessie blickte mit vergnügter Bosheit von einem zum anderen. Sie griff mit der Hand unter ihren Schal und zog eine kleine Dose mit aufgedrucktem Etikett heraus. »Bruton-Schnupftabak«, las sie vor. Der Junge errötete noch tiefer, und als sich Benjamin ratlos fragte, warum, lachte Bessie über seine Verlegenheit. »Ich habe mir nicht das Schnupfen angewöhnt, obwohl man sagt, daß es gut sei für sorgenvolle Gemüter. Der Tabak ist für Mutter. Mr. Sullivans Zugabe zu Mehl und Zucker, die er für meine Hennen und Eier getauscht hat – und für ein paar kleine Begünstigungen.«

Der Junge starrte auf Benjamins Manteltasche, die sich bewegte. Benjamin zog das Kätzchen heraus. »Hab’ ihn bei der Maschine aufgelesen. Seine Mutter wollte ihn nicht behalten.«

»Unnatürlich«, warf Bessie ein, »ich nenn’ das unnatürlich, wenn man sein eigen Fleisch und Blut verleugnet, nicht?«

Leon fragte: »Was werden Sie mit ihm machen?«

»Ach – es dir geben, wenn du es willst«, Benjamin war selbst überrascht, als er sich das sagen hörte.

»Darf ich, Ma?«

»Sicher, Junge. Immer nehmen, was man dir anbietet, und danke sagen.« Benjamin reichte das Tier über die Wagenplanke hinauf. Bessie sagte: »Ich hoffe, du findest den Jungen nicht allzu zerlumpt. Er hat bessere Sachen zu Hause, Miss Sarahs Weihnachtsgeschenke, aber die sind nicht für alle Tage. Der alte Pullover da ist noch warm genug, was, Junge?« Sie zog die Schultern so zurecht, daß die groben Flicken und verschlissenen Stellen noch deutlicher sichtbar wurden.

Benjamin trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen und sagte: »Großmutter bat mich, Muskat mitzubringen.«

Bessie klatschte in die Hände. »Kocht jemand was Gutes? Du wirst überrascht sein, wie munter sich Mr. Sullivan heute fühlt!« Benjamin nickte ihr und dem Jungen zu und ging auf den Laden zu, aber Bessies Stimme hielt ihn zurück: »Hab’ gehört, daß Mrs. Davis wieder in Hoffnung ist. Die letzten Male habt ihr Pech gehabt, was?« Sie benutzte die Speichen des Rades als Leiter, um auf den Brettersitz zu klettern, knüpfte den Zügelknoten auf und zerrte das Maultier in einen steifen Rückwärtsschritt, bevor sie es auf die Straße lenkte.

Das Tier kannte seinen Weg. Der Junge kümmerte sich um das Kätzchen, und die Frau hing ihren Gedanken nach. Bessie und Benjamin waren zusammengekommen, als er neunzehn war und sie fünfundzwanzig, aus gegenseitigem Bedürfnis, ohne daß einer den anderen verführte. Es war ein ungestümes, rein sexuelles Verhältnis gewesen, das sie beide genossen. Um nichts wurde gebeten, und nichts wurde versprochen. Sie war die unansehnliche Tochter armer Bauern, er der Erbe von Beulah Land. Heirat kam gar nicht in Frage, obwohl er die Schuld an ihrer Schwangerschaft auf sich nahm und versprach, ihrer Familie auf jede Weise zu helfen, außer durch eine Eheschließung. Und dieses Versprechen hatten er und Sarah gehalten.

Später im gleichen Sommer warb er um die schöne Fremde aus Savannah, Miss Frankie-Julia Dollard. Sie aber heiratete Bonard Saxon, als sie Benjamins Entschlossenheit, Bessie Marsh beizustehen, erkannte. Und er heiratete schließlich Priscilla Oglethorpe. Damals war Bessie Marsh nicht böse gewesen. Die hatte eine Mutter und einen Vater und andere Verehrer, und sie hatte nicht erwartet, bald zu heiraten, geschweige denn gut, denn die Reihen der jungen Männer waren dünn nach dem Krieg. Und so war er es, der heiratete, und sie trug das Kind aus. Ihr Vater bekam die Schwindsucht und starb daran. Ihre Verehrer begnügten sich damit, bei ihr zu schlafen, ohne mit ihr aufzuwachen; das Stückchen Land, das ihr gehörte, reichte als Köder für eine ständige Bindung nicht aus.

Sarah und Benjamin halfen den Marshs, aber durch Pech und schlechte Bewirtschaftung wurde das Wenige weniger, bis sie nur noch ein paar Hühner hielten, drei oder vier Schweine, ein Maultier und eine Kuh. Bessie bebaute ein Fleckchen mit Gemüse, hauptsächlich Rüben und Kartoffeln, aber der Boden war steinig, kalt und naß und der Ertrag kärglich. Mit der Jugend verging Bessies Stolz, und jetzt war sie schon froh, wenn Gunstbezeigungen dem Ladenbesitzer gegenüber ihr ein gewisses Gefühl der Unabhängigkeit von Sarah Troy und ihrem Enkel gewährten. Bessie schien es, daß die von Beulah Land alles hatten und sie nichts. Als aber der Fluch der Fehlgeburten Priscilla Davis verfolgte, begann sie, sich über ihren Vorteil klar zu werden: sie hatte einen Sohn. Doch manchmal fühlte sie den Zorn in sich aufsteigen, wie heute morgen, als sie Benjamin Davis traf, der mit fünfundzwanzig jung war, während sie sich mit einunddreißig alt vorkam.

Sie erreichten das Flüßchen am Stadtrand, und nachdem sie die Brücke überquert hatten, hielt Bessie den Wagen an. Sie sagte zu ihrem Sohn: »Nimm’s und ersäuf es.«

Leon starrte sie an. »Du hast gesagt, ich darf’s behalten.«

»Ich habe gesagt, du kannst es annehmen. Geber haben’s nicht gerne, wenn man ihre Geschenke zurückweist. Ich will aber nichts haben, das meine Hühner umbringen könnte.«

»Ich werd’ es abrichten, so daß es nichts tut, Ma.«

»Wir haben nichts, um es zu füttern.«

»Es fängt Mäuse.«

»Die Ratten sind größer als es.«

»Ma, laß’ mich’s behalten!«

»Tu, was ich gesagt habe, und laß uns nach Hause fahren. Es ist kalt.«

Er war auf dem Sitz von ihr abgerückt. Das Tierchen, das er mit einer Hand festhielt, jammerte. Er ließ sich an der Seite des Wagens auf den Boden gleiten, und die Frau folgte ihm. Er war nur ein kleines Stück gelaufen, als sie ihn einholte. Als sie ihn packte und ohrfeigte, ließ er das Kätzchen fallen. Sie riß einen Zweig aus dem Gebüsch und schlug den Jungen damit über den Rücken und um die Beine. Sie führte die Auspeitschung schnell und gründlich durch, es war ihr fast warm, als sie ihn von sich wegstieß. Das Tierchen kauerte in der Nähe, unbeweglich vor Angst.

»Du wirst jetzt folgen, oder ich schlag’ dich krumm«, sagte Bessie. Der Junge nahm das Tier vom Boden auf. »Trag es zum Fluß und halt es unters Wasser.« Der Junge trug die Katze ans Ufer, wo er niederkniete und tat, was die Mutter befohlen hatte. Als das Tierchen aufgehört hatte, sich zu sträuben, sagte sie: »Laß es los.«

Als sie wieder im Wagen saßen und weiterfuhren, sagte Bessie:

»Du mußt lernen, hart zu sein.«

Kapitel 4

Die Lichtung bestand aus ein paar Morgen Bergland mit Bäumen und Gras und einer Quelle, die einen Bach speiste. Der Boden war felsig, und dadurch war das Stück Land als Acker unbrauchbar. Benjamin, der die Lichtung sein Leben lang geliebt hatte, baute dort sein Haus, als er ein Mann wurde und ans Heiraten dachte. An dem Tage, an dem er und Priscilla zum erstenmal als Ehepaar den Hügel hinaufstiegen, träumte er, daß die nächsten Jahre das Haus mit Kindern segnen würden und daß ihre lärmenden Spiele, ihre Ponys und ihr Lachen die Stille der Lichtung mit Leben füllen würden. Heute ritt er heim zur Lichtung, nachdem er Josephine die Muskatnüsse übergeben und eine Einladung seiner Großmutter, zum Essen zu bleiben, abgelehnt hatte. Als er die Lichtung betrat, schien es ihm, daß sie jetzt noch ruhiger sei als früher in seiner Kinderzeit. Aber das Schweigen damals war intim und abwartend gewesen, jetzt war es bloße Stille. Kein Hund kam, ihm ein Willkommen entgegenzubellen, keine Katze wandte den Kopf, in die Wintersonne blinzelnd, um zu sehen, wer da nahte. Priscilla war gegen Hunde und Katzen, weil es bei Benjamins Hin und Her unmöglich war, sie draußen zu halten, und weil sie überall Haare ließen. Auch kein Krähen eines Hahns, kein Muhen einer Kuh war zu vernehmen, denn die Tiere waren im unteren Hof bei Zadoks Haus und in seinen Ställen untergebracht. Als Benjamin an Zadoks Familie dachte, kam ein feuchter Schimmer in seine Augen. Sein Verwalter wohnte mit seiner Frau Rosalie und ihren fünf Kindern in einem wirren Durcheinander von Vieh und Geflügel, Heuduft, Schweinegeruch und Kochdünsten. Dort unten konnte Benjamin fühlen, wie die Dinge in den Höfen und Stallungen und auf den Feldern ringsum wuchsen, hier oben aber war Leere, Stillstand.

Priscilla Oglethorpe hatte sich in Benjamin vor allem um seiner Familie willen verliebt. Ihre eigene – Mutter, Vater, eine Schwester – erschien ihr geschnürt und zugeknöpft, steif mit im Schoß gefalteten Händen im halbdunklen Salon darauf wartend, daß »Dein Reich komme«. Die Kendricks und Davis’ dagegen waren allezeit in Bewegung, gerieten in mißliche Lagen und befreiten sich wieder daraus, waren mit Freude und Kummer gleichermaßen vertraut. Ihr Verlangen war niemals zahm und mäßig, und die Mittel, mit denen sie es befriedigten, waren manchmal außergewöhnlich, ja sogar verwerflich. Es war ihre Energie, die Priscilla anfangs so stark anzog, denn ihre eigene Familie hatte keine. Ihre beiden älteren Brüder waren im Krieg gefallen, und ihr Vater Philip, dem es bei Shilch den Arm abgerissen hatte, überließ sich seither für den Rest seines Lebens der Trauer um die verlorenen Söhne und um die verlorene Sache. Die einzige Erwartung ihrer Mutter Ann war das Jenseits. Die Mahnung, die ihr häufig über die Lippen kam, war: »Bereite dich aufs Jüngste Gericht vor.« Diese Mutter, der Priscilla durch die Heirat nach Beulah Land zu entrinnen gehofft hatte, übte einen ständigen und – wie Benjamin fürchtete – sogar wachsenden Einfluß auf ihre ältere Tochter aus. Und Benjamin erinnerte sich, daß es diese Mutter war, die man heute mit ihrem Reisekoffer erwartete, weil sie den Rest »dieser schmerzlichen Zeit« mit Tochter und Schwiegersohn auf der Lichtung zu verbringen gedachte. Keine Totenwache konnte finsterer gehalten werden als Mrs. Oglethorpes Warten auf die Geburt eines Enkelkindes. Anläßlich der Fehlgeburten ihrer Tochter pflegte sie weder Kummer noch Enttäuschung zu zeigen.

Benjamin nahm seinem Pferd den Sattel ab und trat durch den Hintereingang ins Haus. Rosalie hatte ihre älteste Tochter Freda für Priscillas Küche ausgebildet. Sie selbst war vor der Ehe Benjamins Haushälterin gewesen. Freda war rührig und sauber, eine gute Köchin, die versprach, eine noch bessere zu werden. Bis jetzt hatte sie nur kärgliches Lob geerntet. Priscilla war die robusten Mahlzeiten, die man auf Beulah Land genoß, nicht gewohnt und schränkte Fredas Handlungsfreiheit in der Küche bald ein. Ob als Ergebnis oder Ursache davon – Benjamin begann, außer Haus zu essen, gewöhnlich bei seiner Schwester oder Großmutter oder bei Zadok. Oft nahm er nicht mehr als eine Mahlzeit am Tag zu Hause ein.

Als er über die hintere Veranda die Küche betrat, fand Benjamin Freda mit schmollend gespitzten Lippen. Sie sagte: »Mrs. Oglethorpe ist angekommen«, und warf den Kopf zurück. Er gab ihr einen Klaps auf die Schulter, was sie gerade genug besänftigte, um zu fragen: »Werden Sie jetzt öfter hier essen, Mr. Ben?«

»Auf alle Fälle bin ich zum Mittag- und Abendessen da. Was kochst du?«

»Mein Sonntagsbackhuhn, obwohl’s Dienstag ist. Wollte auch Apfeltörtchen machen, aber Mrs. Oglethorpe sagt, niemand mag sie, und so ist es eine Verschwendung, und ich soll’s sein lassen.«

»Mach sie fürs Abendessen. Ich eß sie gern.«

»Jawohl, Sir«, sagte Freda und lächelte beinahe.

Benjamin ging auf die hintere Veranda zurück, wo er Wasser aus einem Eimer in ein Becken goß und sich schnell Gesicht und Hände wusch. Dann ging er zu Priscilla und Mrs. Oglethorpe ins Zimmer neben dem Schlafzimmer seiner Frau, das man während Priscillas erster Schwangerschaft für das erwartete Kind ausgestattet, aber seither in eine Art Krankenstube verwandelt hatte. Sein Willkommensgruß an Mrs. Oglethorpe war voll Höflichkeit, aber ohne Wärme. Er hatte seit langem jeden Versuch, sie zu mögen, aufgegeben und wußte, daß auch sie ihn nie lieben würde. Sie konnte ihm nicht verzeihen, daß er die einzige Revolte ihrer Tochter inspiriert hatte. Nachdem sie diese Schlacht verloren gab, würde sie keinen Zoll des Feldes mehr abtreten. Er beugte sich über den Sessel seiner Frau, um zu fragen, wie sie sich fühlte, und bemerkte den angespannten Ausdruck um Augen und Mund. Mrs. Oglethorpe hatte die Zeit genutzt.

Sie war es, die für Priscilla antwortete. »Ich fand sie recht niedergeschlagen. Das Mädchen ließ das Fenster offen, und die Hände meines armen Kindes waren kalt wie die einer Leiche, als ich sie in meine nahm. Ich schloß das Fenster und schürte das Feuer, aber ich fürchte, ich kam zu spät, denn sie hat als Folge der erlittenen Zugluft zu fiebern begonnen.«

Benjamin sagte: »Die Sonne scheint heute recht warm.«

»Es war bitterkalt, als ich ankam. Meine Füße sind immer noch wie Eis.« Sie ließ nicht locker. Obwohl selbst dort, wo die Dielen sichtbar waren, keinerlei Risse vorhanden waren, fühlte sie etwas – ja doch, selbst durch den Teppich. Sie zog den Schal enger um sich, wie um den Beweis zu liefern. Benjamins Gesicht brannte durch die übermäßige Hitze des Feuers. Mrs. Oglethorpe wedelte mit einem Taschentuch vor ihrer Nase herum und erklärte, da wäre immer so ein Küchengeruch zu verspüren.

»Das Mädchen muß das Essen zubereiten«, protestierte Priscilla sanft.

»Für jemanden in deinem Zustand sicherlich widerwärtig. Ich wünschte, du ließest mich ein Mädchen in der Stadt suchen, das bessere Umgangsformen hat.«

»Uns genügt Freda«, sagte Benjamin unfreundlich.

Mrs. Oglethorpe erörterte sodann ausführlich, ob Dr. Platt wohl Priscillas Konstitution richtig verstünde, und fragte, ob er die Komplikationen genügend in Erwägung gezogen habe. Vielleicht hätten sie einen Spezialisten aus Savannah zu Rate ziehen sollen, aber jetzt war es zu spät. Schließlich war es nicht so, als ob sie nicht alle sehr viel zu befürchten hätten. Priscilla hatte schon zwei Kinder verloren und nie zuvor bis zum achten Monat durchgehalten. Gab es denn keine Vorsichtsmaßnahmen, die jetzt noch zu ergreifen wären? Sie wollte niemanden beunruhigen, aber sie läge oft die ganze Nacht wach, voll der schrecklichsten Befürchtungen. Dadurch, daß all das wohlbekannt war, wurde es nicht weniger lästig. Benjamin ertrug es, so gut er konnte, da er keine andere Wahl hatte. Wenn er versuchte, seiner Schwiegermutter zu antworten, wurde Priscilla erregt und nervös. Er hatte sie dringend um die Erlaubnis gebeten, Mrs. Oglethorpe im letzten Monat der Schwangerschaft das Haus verbieten zu dürfen, aber sie hatte zuviel Angst vor ihr. Benjamin hatte oft genug zugehört, wie Priscilla sich schüchtern verteidigte und ihrer Mutter versicherte, daß sie sich gut fühlte und weiter so fühlen werde, und er hatte bei diesen Gelegenheiten beobachtet, wie Mrs. Oglethorpe das Gesicht ihrer Tochter mit unerbittlichem Mitleid betrachtete und den Kopf in der Gewißheit schüttelte, daß Böses kommen würde. Böses war gekommen, und sie hatte recht behalten. Wußte sie’s denn nicht? Hatte sie nicht vier eigene Kinder in Schmerzen geboren?

Benjamin wandte sich an Sarah, die ihm jedoch erklärte, daß sie nicht zwischen Mutter und Tochter treten könnte. Jane tat, was in ihrer Macht stand, um mit ihrer natürlichen guten Laune und ihrer eigenen glücklichen Erfahrung der Mutterschaft die Situation zu bessern. Priscilla schien von ihrer Schwägerin Kraft zu schöpfen, die Tröstung, die sie bei ihr fand, verschwand jedoch immer wieder beim nächsten Zusammensein mit der Mutter.

Das Mittagessen nahmen die drei gemeinsam, wenn auch nicht einheitlich. Priscilla aß ein wenig vom weißen Fleisch des Huhns und einen Löffel Reis ohne Soße, da Mrs. Oglethorpe sie als zu fett bezeichnet hatte. Die Mutter lehnte ihrerseits alle besseren Stücke ab und aß vom Rücken. Sie behauptete, daß sie ihn vorzöge, weil sie sich daran gewöhnt hatte, indem sie ihr ganzes Leben ihrem Gatten und den Kindern opferte. Sie zupfte jedes Faserchen Fleisch und Haut ab, nahm dann die Knochen in den Mund und saugte auf eine Art an ihnen, daß Benjamin danach lechzte, sie anzuschreien, um Ruhe herzustellen.

Kaffee lehnte sie ab und auch die Torte, die ihr zu trocken aussah. Als aber die anderen davon übrigließen, nahm sie ein Stück mit der Bemerkung, daß sie gut daran getan hätte, das Mädchen von den Apfeltörtchen abzuhalten. Benjamin machte keine Einwände. Er wußte, daß er damit nur Priscilla unglücklich machen würde.

Nach dem Essen legte Mrs. Oglethorpe ihren Arm um Priscillas Schultern und führte sie weg. Sie würden sich zusammen hinlegen und ruhen, sagte sie. Benjamin sattelte sein Pferd und machte seinen Rundritt über die Felder, um den Fortschritt der Tagesarbeit zu überprüfen. Am späten Nachmittag machte er sich auf den Weg zum Haus seiner Schwester, wo er in Daniels ruhiger ungezwungener Gesellschaft seine gute Laune wiederfand. Als Jane ihm dringend zuredete, zum Abendessen zu bleiben, und Davy und Bobby Lee an seinen Armen zerrten, auf seine Stiefel traten und auf ihm herumpurzelten, um ihn zum Bleiben zu bewegen, erinnerte er sich an Fredas Apfeltörtchen und ging nach Hause.

Priscilla bat um Nachsicht, wenn sie nicht mit Mutter und Mann zu Tisch käme. Sie versprach, daß sie vor dem Zubettgehen ein Glas Buttermilch trinken würde, mochte aber im Augenblick noch nichts zu sich nehmen. Mrs. Oglethorpe begleitete Benjamin schweigend ins Eßzimmer. Sie riß die Augen auf, als sie die Platte mit gebratenen Schweinekoteletts sah, die Freda auf den Tisch stellte, und tat noch entsetzter, als dieser eine große Schüssel Kartoffeln in Sahnesoße folgte sowie eine weitere mit gekochtem Kohl, eine mit gedünsteten Tomaten und eine mit gebackenen Bataten. Benjamin nötigte Mrs. Oglethorpe, sich zu bedienen. Sie ersuchte ihn, das Mädchen zu rufen und ihr zu sagen, daß sie das kalte Huhn bringen möge, das vom Mittagessen übriggeblieben war. Dies geschah, und als man es ihr vorsetzte, spießte sie einen Flügel auf ihren Teller. Nachdem Freda gegangen war, hielt Mrs. Oglethorpe einen Monolog über das Thema Verschwendung. Benjamin flüchtete in seine Mahlzeit, die er jedoch mit weniger Genuß zu sich nahm, als er vorgab.

»Was geschieht mit all dem, was ihr nicht eßt?«

»Es wird von anderen gegessen, Madam.«

»Kein Wunder, daß dein Angestellter Zadok eine so große Kinderschar aufziehen kann.«

»Sie arbeiten mit ihm für mich.«

»Gebratenes Fleisch am Abend kann nicht gesund sein.«

»Dann sterbe ich eben, bevor ich dreißig bin.«

»Wenn du den Herrn verspottest, macht’s dem Teufel Spaß.«

»Es ist nicht der Herr, den ich verspotte, Madam, und an meinem eigenen Tisch esse ich, was mir schmeckt.«

»Dann möge Gott dir gnädig sein.«

»Amen.« Er nahm noch ein Schweinekotelett, das er gar nicht wollte, und streute ein bißchen schwarzen Pfeffer auf die Bataten. Als er das letzte Stückchen vom Teller geputzt hatte, schob Mrs. Oglethorpe ihren Stuhl zurück, wie um die Tafel aufzuheben. Doch Freda kam aus der Küche und trug eine neue gehäufte Schüssel auf. »Apfeltörtchen«, sagte sie triumphierend.

Kapitel 5

»Bobby Lee! Davy!«

Die Stille war ganz ungewöhnlich. Nell hatte verlangt, daß es kein Auf-den-Zehenspitzen-Gehen und kein Flüstern gäbe, denn sie hatte die Geräusche des Hauses gern.

»Robert E. Lee, willst du, daß man dir den Hintern verhaut? Jefferson Davis, augenblicklich hierher!« Sarah änderte die Taktik. »Bobby Lee, du bist der Ältere, und ich verlasse mich darauf, daß du dich entsprechend benimmst.« Sie hätte ebensogut die Sterne im Himmel anrufen können.

»Wenn ihr nicht beide auf der Stelle kommt, gehen wir ohne euch!«

Unterdrücktes Kichern wies ihr den Weg durch die Diele zu einem Zimmer, in dem die Schmutzwäsche aufbewahrt wurde. An Regentagen wusch man sie hier, während der offene Hof bei gutem Wetter vorgezogen wurde. Sie blieb vor der Tür stehen, und das unterdrückte Lachen hörte auf. Als sie die Tür vorsichtig öffnete, wurde sie von zwei in Laken gehüllten Zwergen überfallen und kreischte. Ihre Urenkel warfen die Tücher von den Köpfen und wollten jauchzend vor Mitleid wissen: »Haben wir dich erschreckt, Großmutter?«

Sie beteuerte, daß sie einer Ohnmacht nahe sei, und sank in einen Sessel, während die beiden stolz herumschrien und auf ihren Schoß kletterten, mit den Ellbogen scharf um die besten Positionen kämpfend, bis Sarah beide an sich heranzog.

»Erzähl uns eine Geschichte«, forderte Davy.

»Keine Zeit mehr.«

»Eine kurze«, redete Bobby Lee ihr zu.

»Also gut«, sagte sie, »es war einmal ein Ort, der hieß Beulah Land ...« Sie kicherten zufrieden. Wenn sie eine Anekdote begann, die sie so gut kannte, daß sie sie im Fieber hätte erzählen können, sagte eine Stimme in ihrem Innern: »Guter Leon, wie sehr du sie doch geliebt hättest!« In ihrem Herzen gab es keine Verwirrung der Gefühle und Treue, die sie ihren beiden Männern hielt, jeder ihrer Gatten hatte seinen eigenen Platz.

Als Jane sie fand, begann sie zu schelten. »Kommt jetzt, wir sind spät dran, und sie wissen ohnehin alles über Lovey und Floyd und Onkel Ezra. Sie fangen schon an, mich zu verbessern, wenn ich zerstreut bin.«

Die Jungen glitten auf den Boden, und Sarah stand auf und glättete ihr Kleid. Davy fragte: »Dürfen wir auf der Heukiste sitzen?«

»Wenn ihr nicht rauft«, sagte Jane.

Zebra brachte Janes Einspänner zur Seitentür vor Sarahs Büro, und sie fuhren los. Es war ein kalter, windstiller Morgen, und das Pferd lief willig und flink, sein Atem war so deutlich sichtbar wie der Dampf einer Lokomotive. Als sie sich dem Elkschen Institut näherten, sagte Jane, die lenkte: »Ich habe ein paar Sachen in der Stadt zu erledigen, werde mich aber nirgends länger als zehn Minuten aufhalten. Wir holen dich in zwei Stunden wieder ab. Bist du sicher, daß das nicht zu lange ist?«

»Ich könnte zwei Tage bleiben, zwei Monate«, sagte Sarah beruhigend. Jane hielt an, und Sarah stieg aus. »Grüß alle recht schön«, sagte Jane, und Sarah nickte. Die Buben riefen im Chor: »Sag, daß ich grüßen lasse.«

»Sag Onkel Roman, er soll uns besuchen kommen.«

»Sag Onkel Roscoe, er soll auch kommen.«

»Grüß Tante Selma schön!«

»Grüß Tante Pauline schön!«

»Leb wohl, Großmutter!« Sarah rief: »Seid brav«, und sie antworteten: »Du auch, Großmutter!«

Als der Wagen wendete und zurück zur Hauptstraße fuhr, verloren sich ihre Rufe. Sarah sah sich das Gebäude, vor dem sie stand, genau an. Es war dem ursprünglichen Haus auf Beulah Land, das bei Shermans Vormarsch niedergebrannt worden war, ähnlich und fremd zugleich. Der Grund, auf dem es stand, war einstmals die Plantage Oaks, das Heim der Davis gewesen; Benjamins Vater James aber, der im Krieg sein Augenlicht verloren hatte, fand, daß er sie nicht bewirtschaften konnte und verkaufte sie bei Kriegsende an Junior Elk. Junior war der Sohn von Roscoe Elk, Beulah Lands altem Feind, der lange Zeit Aufseher bei Kendrick gewesen war, bevor er einer von Georgias reichsten Negern wurde. Junior teilte Oaks in Pachtgüter auf, behielt das größte Land für sich und baute ein Haus darauf, das jenes nachahmte und zugleich verhöhnte, in dem sein Vater gedient und das er so gehaßt hatte.

Das war das Haus, vor dem Sarah stand. Als sie den breiten Ziegelweg, der zur Eingangstür führte, entlangschritt, dachte sie über die Ironie in ihrer aller Leben nach. Das Haus war jetzt eine Schule, das Elksche Institut, in dem die Negerkinder des Bezirks kostenlos unterrichtet wurden, und der dritte Roscoe Elk war Sarahs Freund. Durch die Schenkung der Schule nach Juniors Tod an dessen Stiefbruder Roman verwandelte Roscoe den Traum des alten Elk ins Gegenteil, denn Roman war von Leon Kendrick gezeugt worden, acht Jahre bevor Sarah ihn heiratete. Roman wurde Sarahs Schützling und der erste Schüler der Einrichtung, die sich im Laufe der Jahre zum Elkschen Institut entwickelte.

Als sie eintrat, war niemand zu sehen, und sie ging die breite Mittelhalle entlang, einer Stimme folgend, die sie als Romans erkannte. Sie öffnete eine Tür und fand sich am hinteren Ende eines Klassenzimmers, in dem etwa fünfzehn schwarze Kinder saßen. Roman stand an der Tafel hinter dem Lehrerpult und wandte ihr den Rücken zu. Er schrieb mit Kreide in jener eleganten, schwungvollen Schrift, die er nur im Unterricht verwendete. Er drehte die Kreide, um einen soliden Punkt hinzusetzen, dann rollte er sie zwischen beiden Händen und las langsam die Worte: »Mädchen springen Seil, Jungen spielen Ball.« Als er sich umdrehte, erblickte er Sarah, und sein mageres, fast strenges Gesicht wurde sanft. Die Kinder, die den Wandel augenblicklich bemerkten, wandten sich um, weil sie sehen wollten, wer hereingekommen war. »Achtung, Ruhe«, sagte Roman und klopfte mit der Kreide auf die Tafel. Die Kinder blickten wieder nach vorne. »Wir haben fünf Minuten bis zur Pause, und ich möchte, daß alle auf ihre Schiefertafeln abschreiben, was ich auf die große Tafel geschrieben habe, und zwar so oft ihr könnt. Dabei muß jeder Buchstabe klar und deutlich lesbar sein. Nach der Pause sehe ich mir die Tafeln an. Wenn jemand schwätzt, während ich draußen bin, soll Herman den Namen notieren, und der Betreffende wird nachher in Öl sieden.«

Sie beugten die Köpfe über ihre Pulte, und als Roman zu Sarah trat, schlüpfte sie in die Vorhalle. Er schloß die Tür hinter ihnen, und sie sagte: »Du hättest nicht aufhören sollen. Ich habe nur ein paar Minuten, aber ich konnte nicht widerstehen und mußte den Kopf reinstecken, als ich dich hörte.«

»Ich wußte nicht, daß du kommst.«

»Roscoe ließ mir ausrichten, daß er mich sprechen möchte.«

»Warum kam er nicht zu dir?« Sie traten in sein Büro direkt neben dem Klassenzimmer. »Willst du Kaffee?«

»Nein ... Ich werde wissen, was los ist, wenn ich Roscoe sehe.« Sie setzte sich und zog die Handschuhe aus. »Du siehst müde aus, mein Guter, wie geht’s dir?«

»Manchmal scheint alles hoffnungslos.«

»Du führst die beste Schule im Land, schwarz oder weiß.«

»Wenn wir die Kinder nur länger hätten. Je älter sie werden, desto weniger sind die Eltern bereit, sie herzuschicken. Sie brauchen sie auf den Feldern. Sie sehen nicht ein, daß die Kinder noch multiplizieren und dividieren lernen sollen, wenn sie bereits addieren und subtrahieren können. Ich weiß, daß wir Glück haben, wenn wir sie für die vorgeschriebenen achtzig Tage pro Jahr bekommen. Aber das sind nur sechzehn Wochen von zweiundfünfzig. Im nächsten Jahr haben sie vergessen, was sie in diesem gelernt haben.«

»Du leistest eine Menge. Jeder weiß es.«

»Vielleicht bin ich zum Unterrichten zu alt«, sagte er wehmütig.

»Quatsch. Du bist zehn Jahre jünger als ich.« Er lächelte sie an und fragte: »Wann wirst du je alt werden?«

»Niemals. Wie geht es Selma und Pauline?«

»Sie haben beide Schnupfen, weil sie aber die Schule nicht versäumen wollen, bekommen jetzt alle Kinder Schnupfen.«

»Ich schau’ bei ihnen vorbei, wenn ich bei Roscoe war. Nimm dir einen freien Tag, Roman, und verbring ihn bei mir auf Beulah Land. Das wird uns beiden guttun. Wir gehen überallhin spazieren, wie früher, und reden, reden, reden.«

»Und du wirst mir erklären, daß K-a-t-z-e eine Katze ist.«

»Tante Nell würde dich gern sehen.«

»Ich komme bald. Ist sie bei klarem Bewußtsein?«

»An manchen Tagen.« Sarah schüttelte den Kopf. »Sie ißt noch immer alles, aber nicht mehr viel.«

»Sie hatte stets eine zarte Konstitution«, flötete er mit einer Jungmädchenstimme, Nell nachahmend. Sarah zupfte an den Fingern ihrer Handschuhe und stand auf, er erhob sich ebenfalls. Beide griffen sich an den Rücken und lachten – die vertraute Geste des anderen erkennend. »O Sarah«, sagte Roman, »es ist nicht zu fassen. Du achtundsechzig und ich nicht viel jünger.«

»Wir sind einfach zu schnell aufgestanden«, erklärte sie, »das kann Zehnjährigen passieren.«

Er begleitete sie in die Halle. Eine Glocke läutete, und die Türen der Klassenzimmer öffneten sich. Die Kinder standen in Zweierreihen, wie man es ihnen beigebracht hatte, aber sie rannten ausgelassen, und Roman verwandelte sich in den strengen Oberlehrer. Er klatschte in die Hände und befahl: »Nicht schubsen! Langsam hinuntergehen. Wenn ich jemand drängeln sehe, bleibt er drinnen! Ethel, du bist schon ein viel zu großes Mädchen, um dich so aufzuführen. Komm sofort hierher!«

Sarah gesellte sich dem Haufen in der Halle zu. Alle Schüler kannten sie, und die, die am nächsten standen, grüßten, als sie sich einen Weg durch die Gruppen bahnte, die sich auf dem Schulhof versammelt hatten.

Roscoe Elk hatte sein Haus nicht direkt neben der Schule gebaut, sondern eine Reihe japanischer Quitten als Abschirmung dazwischengepflanzt. Aber er hörte die Kinder gern, wenn man sie zum Spielen auf den Hof ließ. Er hatte in Philadelphia Jura studiert und verbrachte seine Tage jetzt mit der Leitung der Schulangelegenheiten und der Pachthöfe, die sein Vater eingerichtet hatte. Obwohl er die ursprünglichen Verträge annulliert und die Bedingungen erleichtert hatte, wurden die Pachthöfe immer noch im alten Stil geführt. Seine Haushälterin Geraldine ließ Sarah eintreten, und sie begab sich gleich in Roscoes Büro. Ebenso, wie sie sich in ihrem am wohlsten fühlte, erging es ihm mit dem seinen; das war eines der Dinge, die sie gemeinsam hatten. Geraldine brachte Kaffee und einen Zitronenkuchen, von dem sie sagte, Roxanne hätte ihn eigens für Sarah gebacken. Sarah wußte, daß Roscoe ihr sagen würde, warum er sie heute hergebeten hatte, wenn er soweit war, und so entspannte sie sich und ließ ihn Kaffee eingießen und den Kuchen anschneiden. Roscoe war ein untersetzter Mann Ende Zwanzig, ziemlich unansehnlich und nicht weiter auffallend, wenn man von den blauen Augen absah und von den Sommersprossen, die er zusammen mit der hellbraunen Haut von seiner Mutter geerbt hatte. Sie sprachen von Nell Kendrick, und Roscoe, dem die diskrete Art Annabel Saxons fehlte, erkundigte sich offen nach dem Gesundheitszustand und der Stimmung von Mrs. Benjamin Davis. Sie sprachen ein wenig über Roman. Roscoe beruhigte sie: »Oh, er ist an einem Tag verzweifelt und am nächsten himmelhochjauchzend.« Sarah gab zu bedenken, daß er sich vielleicht einsam fühlte. »Einsam, hier?«

»Einsam ohne seinen toten Freund.«

»Wir sind hier alle seine Freunde«, sagte Roscoe sanft. Er verstand sie sehr wohl, gab aber vor, es nicht zu tun.

»Er ist zuviel allein. Man verliert sich, wenn man zuviel arbeitet.« Roscoe gab zu bedenken, daß für Roman vielleicht nichts mehr übrig sei außer seiner Arbeit. Sie sagte: »Daran habe ich nicht gedacht. Wenn sich’s so verhält, dann ist er einsam. Mir ist es genauso ergangen.«

Seine Hände schoben die Kaffeetasse hin und her, dann leerte er sie und stellte sie weg.

»Wie geht es Miss Jane und ihrer Familie?«

Er sah Sarah niemals an, wenn er sich nach Jane erkundigte, da sie seine Vertraute war und seine wahren Gefühle für Jane kannte. Als Roscoe und Jane Kinder waren, wurden sie von ihren miteinander verfeindeten Großvätern, Roscoe und Leon, mitgenommen, um das Wunder der Züge zu sehen, die ankamen, stehenblieben und weiterfuhren. Bei einem dieser Ausflüge war es, daß sie zum erstenmal voneinander Notiz nahmen. Das alles wußte Sarah. Später, nicht lange vor Kriegsende und kurz bevor Roscoes Vater ihn nach Philadelphia zum Studium geschickt hatte, war er eines Abends zu ihr gekommen. Er erzählte ihr, daß er gehört hatte, wie Junior Elk und ein Offizier der Union namens Ponder ihr Glas erhoben, anstießen und einander zutranken auf die Zerstörung von Beulah Land. Die Warnung des jungen Roscoe war die einzige Vorhersage dieses Anschlages. Schließlich kehrte Roscoe nach Highboro zurück, und zwar in dem Sommer, in dem sich Jane von – wie Nell klagte – »jedem Jungen im Land, der ein Paar Schuhe anzuziehen hat«, den Hof machen ließ. Sarah hatte die Wahrheit nicht erkannt, Casey aber fühlte sie: Roscoe Elk liebte Jane Davis. Nur sie wußten es, Jane merkte es nicht. Nach dem einen Mal hatten Casey und Sarah nie mehr davon gesprochen. Sarah und Roscoe hatten natürlich überhaupt nicht darüber gesprochen, denn so gute Freunde sie auch waren, wußten sie doch, daß gerade eine Freundschaft Geheimnisse respektieren muß, um gegenseitiges Vertrauen zu wahren.

Jetzt lächelte er, als er sie über Robert E. Lee und Jefferson Davis Todd prahlen ließ, aber sie spürte, daß er in Gedanken näher an die Ursache des erbetenen Besuchs heranrückte. Als sie eine Pause machte, wie um zu sagen: »Na, also?«, erhob er die Stimme, um seine Haushälterin zu rufen. »Geraldine! Wenn Claribell und Luck soweit sind, sag ihnen, daß sie herkommen sollen.«

»Darum geht’s also ...«, dachte Sarah.

Roscoes Vater Junior war von seiner betrunkenen Maitresse erstochen worden, als sie dahinterkam, daß er mit ihrer dreizehnjährigen Schwester Claribell ins Bett gegangen war. Nachher wurde der junge Roscoe Claribells Beschützer, der sie rettete, als ihre Mutter sie unbedingt verkaufen wollte, und der sie der Obhut einer energischen Lehrerin an der Schule einer Schwarzen aus Philadelphia namens Mathilda Boland anvertraute. Claribell schien keinen eigenen Willen zu haben, aber sie lernte Ordnungsliebe, Gehorsam und Manieren und reagierte dankbar auf die Güte ihres neuen Beschützers, obwohl sie zu schüchtern war, es zu zeigen. Acht Monate nach der Ermordung Junior Elks gebar Claribell ein Kind. So nachgiebig sie in anderen Dingen war, sie erwies sich als eine unerwartet selbständige Mutter. Sie beschloß, ihr Töchterchen »Luck« zu nennen. Niemand hatte einen solchen Namen je zuvor gehört, aber Südstaatler sind unvoreingenommen, was Namen angeht, und so hieß das Kind denn Luck und, da Roscoe darauf bestand, mit Nachnamen Elk.