Die Kojotin - Rebekka John - E-Book

Die Kojotin E-Book

Rebekka John

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Beschreibung

Unerbittlich brennt die blasse Sonne über der Wüste von New Mexiko. Tödliche Dürre herrscht in den einsamen Weiten. Es gibt kaum Siedlungen, nur hier und da ein verlassenes Eisenbahncamp. Wer hier unterwegs ist, muss einen guten Grund haben, genügend Wasser und sehr viel Glück. Viehzüchter, Farmer und jede Menge Gesetzlose besiedeln das Land dort, wo etwas Leben aus dem Staub wächst, wo es Wasser, vielleicht einen Fluss gibt. Die Eisenbahn bahnt sich ihren Weg durch die karge Landschaft. Von der Ostküste hat sie es bis tief in den Westen geschafft. Bringt Glücksritter und Siedler in die einsamen Gegenden der weiten Prärie. Sie bauen kleine Städte, Farmen, betreiben Viehzucht und hoffen auf das große Glück. Für eine Frau ist das Leben hier draußen hart. Die Einsamkeit, der ewige, trockene Wind. Sie müssen viel aushalten, die Frauen im Westen, ob als Farmerin, Viehzüchterin, Freudenmädchen in einem der zahlreichen Bordelle und Hurenhäuser, oder als Banditin. Sie sind Teil dieser rauen Gesellschaft. Kämpfen sich durch. Und behaupten sich. Sombrero Sally ist eine von ihnen. Eine Frau, die ihr Glück sucht, ob als Goldschürferin oder Hilfskraft auf einer Farm. Sie braucht Geld. Letztendlich will sie selbst eine Farm, will Pferde züchten. Doch ohne Geld ist das nicht einfach, und ohne Mann noch viel schwieriger. Sally versucht alles um an Geld zu kommen. Das Goldschürfen hat ihr nichts eingebracht. Auch auf der Farm hat sie kein Glück und muss überstürzt alles verlassen. Was bleibt da einer Frau schon noch? Sie versucht es als Tanzmädchen in einem Saloon. Schließlich arbeitete sie als Prostituierte. Doch das Schicksal meint es nicht gut. Zu Geld kommt sie nicht. Sie flieht in die Wüste. Wo soll sie hin? Versucht woanders ihr Glück zu finden. In einem Forts lernt sie einen Mann kennen, einen Farmer. Sally scheint ihrem Ziel ganz nah. Doch auch dieser Traum zerplatzt auf schreckliche Weise. Im Westen kann sie nicht bleiben. Mittlerweile wird sie als Gesetzlose gesucht. Sie geht in den Osten. Dort boomt das Geschäft mit Wildwestshows. Hier kann sie ihr Können als Gungirl unter Beweis stellen. Sie macht sich gut. Ist beliebt und endlich verdient sie Geld. Doch ihr Herz schlägt für die Freiheit und die Weite des Westens, der Prärie. Und noch immer träumt sie von einer eigenen Farm. Die Kojotin ist eine Wild West Story aus den Blickwinkel einer Frau, die selbstbewusst und grenzüberschreitend ihren Weg ins Glück sucht.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Prolog

Es brannte. Die Atemzüge, hastig und flach, füllte seine Lunge nur mit Rauch und verbranntem Leben. Unter seinen Pfoten brach der Boden der Wüste auf. Nur mühsam konnte sich der Kojote davon schleppen. Den Kopf geneigt. Die Nasenspitze am Ende eines schmalen Gesichts zog Linien durch den Sand. Geisterhafte Wege, Zeichen eines letzten Überlebenden.

Der Kojote schnappte nach Luft, wie nach einer lästigen Fliege. Nur um nicht im nächsten Moment kraftlos zusammenzubrechen. Zweifellos war er von allen Kräften verlassen. Doch noch schlug ein Herz in seiner Brust. Auch wenn hinter ihm das Feuer gierig zischte, ihn einzuholen versuchte, fast die Haare an seinem langen Schwanz versenkte. Ihn würde es nicht holen. Ihn nicht!

Kapitel 1

Es war verdammt heiß. Die Sonne brannte mir im Nacken und die wenigen Schatten versteckten sich unter dornigen Büschen. Ich hatte mir das Tuch meiner Mutter, das Einzige, was mir von ihr geblieben war, fest um die Schultern gebunden. Schweiß ran an mir herunter, als wäre ich ein Wasserfall. Einzelne Tropfen fielen in den Wüstensand und verdunsteten sofort. Doch hatte ich nicht vor, als Verliererin aus diesem Duell hervorzugehen. Dafür war mein Hunger zu groß.

Kleine, glänzende Augen, schwarze Perlen im Sandgelb der Wüste waren auf mich gerichtet. Die kleinste Bewegung und diese kümmerliche Mahlzeit, die die Maus mir bot, wäre mit einem Sprung auf und davon.

Jetzt nur nicht bewegen, Sally. Ganz ruhig. Vergiss nicht, was LongPeat dich gelehrt hat. Augen gerichtet, schmale Schlitze. Flaches Atmen. Stille.

Wenn ich es wollte, konnte ich Stunden so hocken und warten. Das hatte ich in den Bergen gelernt. Long Peat war ein erfahrener Pelzjäger. Fährten lesen, Spuren suchen, Fallen stellen. Es gab keinen Besseren als ihn.

Doch er ist jetzt nicht hier. Es gib nur mich und dich.

Die Springmaus scharrte mit den Pfoten im heißen Sand. Drehte jeden Stein um. Sie war auf der Jagd. Dankbar hatte sie es sich in meinem Schatten bequem gemacht. Putzte sich ab und zu die Barthaare, bevor sie weiter grub. Ich saß in der sengenden Sonne und dachte nach.

Ich hatte dem Fluss den Rücken gekehrt und war in die Wüste gegangen, nachdem ich in der Ferne das Grollen der Eisenbahn wahrgenommen hatte. Bis in die Berge waren die Eisenbahner noch nicht vorgedrungen. Man musste sich schon in die Wüste wagen, wenn man in eine der neuen Eisenbahnstädte wollte. Und dass ich das wollte, war klar. Für eine Farm brauchte man schließlich Geld. Und wo konnte man nicht besser Geld verdienen als in den Boomstädten der Eisenbahner und Goldschürfer?

Gold. Das war auch so eine Sache. Ich hatte es versucht. In Virginia City, Montana, wollte auch ich vom Goldrausch profitieren. Doch die Stadt war mit Glücksrittern überfüllt. Und leider gab es schon genug Männer, die Tag für Tag an jeder erdenklichen Stelle nach Gold gruben. Als Frau hatte man es da schwer ernst genommen zu werden. Da half es auch nicht, dass man ein gern gesehener Gast in den Shows der Saloons war. Geld brachte das aber nicht viel. Zumindest nicht genug. Und als ich auch noch mein Pferd beim Pokern verlor, war mir klar geworden, dass ich weiter ziehen musste.

Und nun saß ich in der Wüste, irgendwo zwischen New Mexiko und Texas mit dem Sombrero in der ausgestreckten Hand und wartete darauf, dass mir eine Maus in die Falle ging.

Das kleine, unbekümmerte Tier wühlte pfeilschnell mit den Pfoten nach seiner Beute. Ich wartete. Sobald sich die Maus einen fetten Käfer geschnappt hätte, würde sie jede Veränderung in der Umgebung nicht mehr wahrnehmen. Ganz von ihrem Jagderfolg eingenommen, konnte ich den Hut auf sie herab sausen lassen und die Maus säße in der Falle.

In diesem Moment bemerkte ich hinter dem Nager eine sanfte Bewegung im Sand. Die Sandkörnchen verschoben sich unmerklich. Etwas kam auf uns zu. Lautlos züngelnd.

Die Klapperschlange spürte die Maus. Hatte sie, genau wie ich, fest im Blick. Der Sand, so schien es, trug sie näher. Mich nahm die Schlange nicht wahr. Ich gehörte zur Landschaft wie die Sträucher und Steine hier. Warf einen Schatten, mehr nicht.

Eine Klapperschlange wäre ein feines Mahl. Ich hätte ein paar Tage ausgesorgt. Doch würde ich mit dem Hut die Schlange fangen können?

Seit Tagen lief mir kein einziger Beweis für Leben über den Weg. Und nun das. Hätte ich gewusst, dass auch nur die geringste Chance auf ein größeres Tier als eine Maus bestünde, hätte ich eine Schlinge bereit gehabt. Damit wäre mir die Klapperschlange so gut wie sicher gewesen.

Ich ließ den Blick über meinen müden Arm zum Hut, zur Maus, zur Schlange wandern. Sollte ich mich für die Maus entscheiden, würde ich einen Biss der Klapperschlange riskieren. Entschied ich mich für die Schlange, wäre die Maus mit Sicherheit weg und ob ich die Schlange erwischen würde? Ich wusste es nicht.

Der Sombrero sauste auf die Schlange herab. Genau in diesem Moment sprang ein Kojote aus dem Nichts heran, schnappte sich meine Mahlzeit und rannte mit ihr im Maul und meinem Hut über den Ohren davon.

«He, bleib stehen.» So schnell ich konnte, rannte ich hinter dem Dieb her. Meine Beine waren steif und mein Arm kribbelte, als endlich wieder Blut durch ihn hindurch floss.

Mir blieb nichts anderes übrig. Ich zog mein Schießeisen und zielte auf meinen flüchtenden Hut. Ein bewegtes Ziel mit einem Revolver zu treffen, war aussichtslos. Ein Gewehr hätte ich gebraucht. Dann hätte ich den Dieb erledigt und neben meinem Hut hätte ich noch einen schönen Braten gehabt.

«Jetzt bleib stehen du verdammtes Biest. Gib mir wenigstens meinen Hut zurück“, schrie ich wütend dem Kojoten nach.

Nach einer halben Meile gab ich auf. Ich ließ mich atemlos in den Sand fallen und blieb einfach liegen.

«Solln mich doch die Geier holen. Mich und dich auch!» Mein Herz schlug wild und mein Kopf pochte.

Ich hätte nie den Fluss verlassen dürfen. Long Peat hatte Recht. „Mädchen, hatte er gesagt, Mädchen, was immer du tust, bleib in der Nähe vom Fluss.» Ich seufzte und setzte mich auf.

Ein paar Schluck Wasser blieben mir noch. Grad so viel, um die Lippen zu benetzen. Ich ließ einige Tropfen auf meine Zunge fallen und verschloss die Flasche wieder. „Ich könnte schon noch einige Tage damit durchkommen. Doch wer weiß, wo diese verdammte Wüste endet.“

Mit Sand in den Augen blinzelte ich in die Weite der schwirrenden Landschaft.

Keine Stadt, kein Wald, kein Fluss, und die Berge am Horizont entfernen sich auch mit jedem Schritt. Vielleicht sollte ich zum Fluss zurückkehren?

Ich sah mich um, doch wo lag der Fluss?

„Verdammt. Jetzt habe ich den Fluss völlig verloren.“ Ich trat in den Sand, an dem sich die Silhouette einer Frau schmiegte. Einer Frau in Männerhosen und ohne ihren Sombrero.

„Wenn ich nur so genügsam wäre wie du. Aber ich bin kein Schatten. Ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut. Und ich habe Hunger.“

Erschöpft ließ ich mich wieder fallen. Verschmolz mit der dunklen Silhouette. Über mir tanzte die heiße Luft und verschlang Formen und Farben.

„He. Da, da bewegt sich etwas. Da bewegt sich etwas.“ Ich sprang auf und jubelte. Irgendetwas bewegte sich in der Ferne.

Obwohl ich vollkommen erschöpft war, raffte ich meine Sachen zusammen und ging darauf zu.

«Was verdammt noch mal ist das? Nein Sally, jetzt fluch nicht gleich. Wo sind denn deine guten Manieren geblieben?» Mit einem breiten Grinsen im Gesicht spuckte ich in den Sand neben meinen Füßen, dort entdeckte ich noch etwas anderes, kleine Pfotenabdrücke, die der Sand gerade wieder verschlang. Ich ließ die Sachen fallen.

«Hier ist vor kurzem etwas entlang gelaufen», flüsterte ich, «etwas Diebisches, das meinen Hut trägt, vermute ich.» Ich sah schmale Schleifspuren im nahen Gebüsch verschwinden. Mein Blick wanderte zwischen den Spuren und dem Horizont hin und her. Noch immer bewegte sich etwas in der Ferne. Ich kniff die Augen zusammen und hielt mir die Hand an die Stirn. Durch den kleinen Schatten über meinen Augen konnte ich endlich die Eisenbahn erkennen, die die Wüste vom Himmel trennte.

„Okay, dort ist die Eisenbahn. Du behältst sie im Auge, während ich mich hierum kümmere “, sagte ich und nickte meinem Schatten zu.

Im Gestrüpp raschelte es. Ich griff nach meinem Revolver und schob damit die dürren Zweige beiseite. Gerade noch rechtzeitig erkannte ich meinen Hut. Mit einem Lächeln setzte ich das gute Stück wieder auf meinen Kopf.

«Beinahe hätte ich dich erschossen. Dass du mir so etwas nicht wieder machst. Einfach so ausbüchsen und dann noch mit einem dahergelaufenen Kojoten.»

Da sprang der Kojote auf der anderen Seite aus den Büschen und lief davon.

«Er mag mich wohl nicht», sagte ich und hob mit einer großzügigen Geste den Hut zum Gruß. Dann wand ich mich der Eisenbahn zu. Die war natürlich schon weg. Doch wo auch immer sie hinwollte, da musste eine Stadt sein und es war für mich an der Zeit, mal wieder eine zu betreten. Und wenn es nur für ein ordentliches Bad und einen Teller Maisbrei wäre.

Kapitel 2

Wie lange silbrige Schlangen zogen sich die Gleise durch die Prärie. Von Norden nach Süden. Da ich in eine fruchtbarere Gegend wollte, wand ich mich nach Norden. Am Horizont zeichneten sich bereits dunkle Wolken an einem orange-blauen Abendhimmel ab. Ich hatte also kaum noch zwei Stunden, bevor die Nacht hereinbrechen würde. Ein geeigneter Platz zum Schlafen und etwas zu Essen wäre jetzt wirklich nicht schlecht. Ich durfte aber die Schienen nicht aus den Augen lassen.

Nach einigen Metern spürte ich etwas hinter mir. Ich kniete mich in den Staub und berührte die Schienen. Kalt. Kalt und völlig ruhig. Den Kopf langsam drehend, nahm ich ein leises Geräusch wahr. Schritte kamen auf dem Kies zwischen den Gleisen langsam auf mich zu. Sie berührten kaum den Boden, wie es schien und doch hatte ich sie gehört.

Vorsichtig drehte ich mich um. Noch immer die Hand an dem kalten Metall, sah ich in einiger Entfernung einen Kojoten stehen. Völlig ruhig sah mich das Tier an.

Langsam sog ich die Luft ein, ließ dabei meine Hand von den Schienen gleiten und griff dann blitzschnell zu meinem Revolver. Doch der Schuss ging daneben. Der Kojote war weg, eh auch nur meine Kugel seinen Schatten streifte. Ich spähte in die Dämmerung, die immer näher kam. Doch nichts war zu sehen. Nichts zu sehen, nichts zu hören.

Um sicherzugehen, dass der Kojote wirklich weg war, blieb ich noch eine Weile hocken und drehte mir eine Zigarette.

«Bist du jetzt doch weitergezogen?», murmelte ich in die Schatten. Ich spuckte in den Staub und scharrte mit den Füssen den trockenen Boden zusammen.

„Na komm Sally, wir müssen auch weiter. Es wird bald dunkel“, murmelte ich vor mich hin. Ich lud mir meine Sachen auf die Schultern und trabte langsam den Schienen folgend, dem Zug hinterher.

„Ich glaube, es ist an der Zeit, dass wir uns ein neues Pferd besorgen. So richtig passt mir der Sattel nicht. Und mit einem Pferd wären wir bereits viele Meilen weiter. Vielleicht wären wir jetzt schon in Colorado oder Kansas. Wer weiß das schon? Dort ist der Boden fruchtbar. Dort könnten wir uns niederlassen.“ Ich sah den langen Schatten an, der neben mir her glitt und weniger Mühe mit dem Weg hatte. Doch er schwieg. Ein genügsamer Begleiter, nur leider allzu oft zu still.

Noch bevor mich die Nacht gänzlich einholen konnte, hatte sich der Kojote wieder herangeschlichen. Ich hatte ihn gehört, scherte mich aber nicht um ihn. Er ging auf der anderen Seite der Gleise entlang, tänzelte über die Schienen oder sprang von Schwelle zu Schwelle.

«Keine Ahnung, warum du mir folgst, aber an deiner Stelle würde ich die Fliege machen.

Hörst du, du sollst abhauen, hab ich gesagt.» Wütend warf ich Steine nach ihm. Er wich den Steinen aus, kam dann aber wieder zu den Gleisen zurück.

«Du verdammtes Biest, was willst du von mir?» Ich zog meinen Revolver, legte ihn über den linken Arm an und schoss. Doch der Kojote war schneller. Wieder und wieder versuchte ich es. Und wieder und wieder verfehlte ich ihn. Schließlich feuerte ich nur noch in seine Richtung, um ihn zu verjagen. Doch er kehrte immer wieder zurück.

Es blieb mir nichts anderes übrig. Ich packte meine Sachen und ging weiter. Immerhin war ich auf der Suche nach einem Nachtlager. Und da der Kojote nicht viel davon hielt, mein Abendessen zu werden, musste ich mich auch noch um etwas zu essen kümmern.

Es war dunkel geworden, doch der Mond schien sehr hell in dieser Nacht.

«Wenn du denkst, ich überlass dir auch meine nächste Mahlzeit, dann hast du dich aber geirrt», rief ich dem Kojoten zu, der mir auf der anderen Seite der Gleise immer noch folgte. Mittlerweile war ich überzeugt, dass es dasselbe jämmerliche Tier war, welches mir die Klapperschlange vor der Nase weggeschnappt hatte und mit meinem Hut davon gelaufen war. Dürr war er. Dürr und ausgemergelt. Indem waren wir uns also ziemlich ähnlich.

«Wie wär’s, wenn du dich dieses Mal ums Essen kümmerst? Ich hätte nichts dagegen. Ein paar Meilen noch und wir müssten auf den Rio Grande stoßen oder wenigstens auf einen Ausläufer davon. Kannst du fischen? Ein schöner gebratener Fisch, das wäre doch jetzt was. Oder?

Bist der Schweigsame, was? Macht nichts. Ist mir auch lieber so.»

Wir erreichten ein paar größere Sandsteine, die von Büschen umgeben waren.

«Na, das sieht doch gemütlich aus», rief ich meinem ungewollten Begleiter zu. «Aber du musst ja nicht. Ich meine, wenn du willst, kannst du ruhig weitergehen. Ich komm dann morgen früh nach.»

Ich verließ die Gleise und sah mir die Büsche genauer an. Es war ein geschützter Platz, das war das Wichtigste.

Ich tat es dem Kojoten gleich und scharrte mir eine Kuhle in den Sand. Meine Taschen schob ich unter die Sträucher. Dann machte ich es mir in meiner Kuhle bequem. Den Sombrero über den Augen hörte ich leises, pfeifendes Atmen. Anscheinend war der Kojote bereits eingeschlafen.

Wir hatten den Rio Grande noch nicht ganz erreicht, da kreuzte eine Herde wilder Pferde unseren Weg. Sie sprengten über die Bahngleise, als würde der Wind sie tragen. Es mussten an die hundert Tiere sein. Wie aus dem Nichts kamen sie in einer dicken Staubwolke heran,sodass es mich glatt von den Füßen riss. Deckung suchend, schmiegte ich mich dicht an den Bahndamm. Die Erde bebte. Aufgerüttelt vonHunderten von Hufen. Der Lärm war ohrenbetäubend.

Ich erkannte meine Chance. In jederHerde gab es das eine Tier,das schwächerwar als die anderen.Eines, dass die Orientierung verloren hatte und bevor es diese wiederfand, musste ich das Tier gefunden und bezwungen haben.

Ich verließ mein Versteck. Meine Blicke suchten im Durcheinander der glänzendenLeiber nach dem einen Tier. Braune, graue, gescheckte, schwarze Pferde sprangen durcheinander, rissen ihre Köpfe nach oben, um aus dem Meer der Tiere einmal aufzutauchen und dann wieder zu verschwinden. Dann sah ich es. Es warbraunweiß gescheckt. Es taumelte. Ein anderes Pferd muss es hart am Kopf getroffen haben, als es über die Gleise gesprungen war und in der Luft nachzutreten versuchte, um seinen Sprung weitervoranzutreiben.

Ich rannte drauf los. Schlängelte mich blitzschnell zwischen den Tieren hindurch, die in ihrem Freudentaumel mich nicht zu bemerken schienen. Ich hatte mein Lasso fest im Griff. Hielt den losen Knoten zwischen Zeigefinger und Daumen, um dann im richtigen Moment auf das Pferd aufzuspringen, ihm gleichzeitig die Schlinge über den Kopf zu werfen und den Knoten fest um seinen Hals anzuziehen.

Der Gescheckte türmte sich auf, als er das Gewicht auf seinem Rücken spürte. Er wieherte und trat in die Luft. Er schüttelte sich und warf seinen Kopf hin und her. Doch die Schlinge saß fest um seinen Hals. Ich presste mich auf seinen Rücken und verschmolz mit ihm.

Als sich der Staub legte und die Herde am Horizont verschwand, beruhigte sich die Stute. Sie tänzelte unruhig auf der Stelle. Ich aber thronte königlich auf meiner Jagdtrophäe, als sich von der Seite ein kleiner, grauer Schatten nährte.

«Und ich? Soll ich etwa laufen?», fragte mich der Kojote und sprang zu mir auf den Pferderücken.

Die Sonne kitzelte mich wach. Ich streckte mich genüsslich aus, rieb mir den Schlaf aus den Augen und sah mich blinzelnd um. Leider stand da kein Pferd neben den Büschen. Es wäre auch zu schön gewesen. Der Kojote stand schon an den Gleisen und wartete auf mich.

«Na dann wollen wir mal. Wenn wir heute nicht auf eine Stadt treffen oder wenigstens einen Zug sehen, dann will ich nicht Sombrero Sally heißen.» Ich schob mir den Hut auf den Kopf und ging zu den Gleisen.

«Und ich heiße Sombrero Sally. Das ist mal klar.

Aber essen müssen wir heute auf jeden Fall etwas. Und wenn mir nicht bald ein fetter Braten vor die Füße läuft, dann endet unsere Freundschaft hier.»

Mein Begleiter ließ sich durch diese Drohung nicht beeindrucken. Er ging einfach los, den Schienen folgend Richtung Norden.

«He, jetzt warte doch.» Ich klopfte mir den Staub von der Hose und lief dem Kojoten nach. «Das hab ich nicht so gemeint. Wir werden sicher was finden. Es kann ja auch nicht mehr weit sein bis zum Rio Grande. Dann fangen wir ein paar prächtige Fische. Du wirst schon sehen.»

Kapitel 3

„Es tut mir leid, dass ich dich töten musste, kleiner Bruder. Aber ich brauchte dein Fleisch. Um deinen Mut, deine Kraft und deine Schönheit zu ehren, verbrenne ich diesen Tabak hier“, murmelte ich ein altes Lied der Cherokee. Ich streute etwas Tabak ins Feuer, aus dem Rest drehte ich mir eine Zigarette. Die Zeilen des Liedes kamen mir in den Sinn, als ich das mickrige Kaninchen über dem Feuer drehte.

„Long Peat hat mir oft dieses Lied vorgesungen. Er kennt die Weisheiten der alten Stämme, ihre Riten und Mythen.

Wenn wir der Erde etwas wegnehmen, müssen wir ihr auch etwas zurückgeben, sagen die Navajo.“ Ich sah den Kojoten an.

„Wir haben das Kaninchen genommen. Also sollten wir wenigstens unsere Ehrerbietung erweisen.“ Meine Worte rührten den Kojoten nicht. Er wartete ungeduldig auf einen Brocken Fleisch. Leckte sich das Maul und sah mich gierig an.

„Ich werde das Herumwandern aufgeben, will sesshaft werden, eine Farm betreiben. Dann kann ich all meine Schuld begleichen. Der Erde etwas zurückgeben.“

Ich blickte ins Feuer. Hing meine Träume nach, die in den Flammen tanzten.

Im schwellenden Rauch sah ich eine große Herde aus wilden Mustangs. Weiden breiteten sich bis zum Horizont aus. Dann fiel mein Blick auf meinen kleinen Begleiter.

Er hatte sich bereits eingerollt. Seit zwei Tagen folgte er mir nun schon. Was ihn wohl antrieb?

„Du bist mir schon ein komisches Kerlchen. Hast wohl auch kein zu Hause?

Der Kojote hob den Kopf und sah mich mit verständnislosem Blick an. Dann legte er den Kopf auf seine Pfoten und atmete tief und sehnsüchtig.

«Wir haben wohl beide unsere Geheimnisse.» Ich ließ das Feuer langsam runter brennen und legte mich schlafen.

Mitten in der Nacht weckte mich ein Heulen. Sofort rollte ich mich zur Seite, griff nach meinem Revolver und zielte in die Dunkelheit.

Der Kojote saß einige Meter entfernt und heulte in die pechschwarze Nacht. Unser Feuer war so weit niedergebrannt, dass ich nur noch Umrisse erkennen konnte.

„Was soll das? Kein Schmatzen, kein Knurren und nun das. Bisher warst du mir ein guter und schweigsamer Freund. Aber einen so zu erschrecken, du bist wohl direkt aus der Hölle entkommen?“ Mit zittrigen Fingern steckte ich den Revolver wieder ins Halfter, dann sah ich mich noch mal vorsichtig um. Der Kojote saß mit gespitzten Ohren auffordernd auf seinem Platz und wartete darauf, dass ich etwas bemerkte. Aber was?

Ich hob meinen Kopf über die Felsen, hinter denen mein kleines Lager versteckt war.

„Feuer“, flüsterte ich. „Das wolltest du mir also sagen. Wir sind nicht allein. Gut gemacht, mein Freund.“

Leise pirschte ich mich durch Ufergehölz. Das Feuer gehörte zu einem Mann, einem Cowboy, ein Viehdieb, ein Gesetzloser vielleicht. Er schien allein zu sein. Einige wilde Mustangs waren nicht weit von seinem Lager angebunden. Sie tänzelten unruhig auf der Stelle. Um ihre Hälse schnitten sich grobe Seile in die Haut.

Da ich mich sehr langsam und vorsichtig dem Lager genähert hatte, hatten selbst die Pferde mich nicht bemerkt. Geschickt nutzte ich den Windschatten und die Geräusche der Pferde für mein Vorankommen. Hierbei begleitete mich der Kojote nicht.

Das Feuer brannte knisternd nieder. Der Mann döste, vom Whiskey eingeschläfert, schnarchend vor sich hin.

Es war schon merkwürdig, dass er allein unterwegs war. Ich wartete, vielleicht versteckte sich sein Kumpane ganz in der Nähe.

Doch es blieb alles ruhig. Zwei Pferde gesattelt, standen neben den wilden Mustangs. Zwei Pferde. Wo war also der andere Cowboy?

Ich schlich näher heran. Das Lager sah nicht aus, als wäre hier noch ein zweiter Mann gewesen. Er kann auch nicht vorausgeritten sein, wenn sein Pferd noch hier stand.

Das Schnarchen wurde lauter. Ich entdeckte hinter dem Mann, der seinen Hut unter den Kopf geschoben hatte, eine leere Whiskeyflasche. Wenn die zuvor voll gewesen war, würde selbst eine Herde Büffel, die durch das Lager trampelte, den Mann nicht wecken können. Doch ich konnte mir nicht sicher sein.

Ich beugte mich vorsichtig über ihn. Dicht an seiner Wange spürte ich den Whiskeyatem. Spürte das Vibrieren seiner Stimmbänder und roch seine fauligen Zähne. An seinem Hemd und der dreckigen Hose klebte Blut, sein Colt hing haltlos im Halfter. Vorsichtig griff ich danach. Der Mann schlug mit den Händen um sich, drehte sich auf die Seite, schmatzte und schlief weiter. Der Revolver lag nun oben auf seiner rechten Hüfte. Ich brauchte ihn nur herauszuziehen.

Mit dem Colt in der Hand schlich ich einen großen Bogen um das Lager machend, von hinten an die Pferde heran. Ich scharrte dabei leise mit den Schuhen im Sand, sodass die Tiere mich hören konnten und nicht erschraken.

Da schon zwei Tiere gesattelt waren, suchte ich mir eines von ihnen aus. Von dem anderen durchschnitt ich den Sattelgurt. Ich nahm mein neues Pferd, strich ihm über die Nase und ging mit ihm zu den wilden Mustangs. Unruhig schnaubten sie mir ihre Wut entgegen, tänzelten und zogen ungeduldig an den Seilen.

Schnell waren die Stricke durchschnitten und gerade als ich aufsitzen wollte, sprengten die Mustangs davon und rissen das gesattelte Pferd mir unterm Hintern weg.

Ich fiel zu Boden. Ein paar Meter zog mich das Pferd mit, bevor ich mich von den Zügeln befreien konnte.

Erschrocken blieb ich im Staub liegen. Ich lauschte zum Lager. Doch nichts bewegte sich dort. Wie ich es schon geahnt hatte, der Whiskey hatte den Mann betäubt. Er merkte nichts von seinem Verlust. Dafür würde die Überraschung am Morgen um so größer sein. Denn da nun das eine gesattelte Pferd weg war, nahm ich das andere.

Was ging mich der Pferdedieb an. Ich brauchte ein Pferd. Ich nahm mir das letzte Tier, welches ruhig und zahm war. Ohne aufzusitzen führte ich es zu meinem Lager. Dort warf ich ihm meinen eigenen Sattel über den Rücken, nahm meine Taschen und sprang schließlich selbst hinauf.

Bevor ich mein Lager verließ, sah ich mich nach dem Kojoten um. Doch es war keine Spur von ihm zu sehen.

„Vielleicht ist er weitergezogen hinter den wilden Mustangs her“, sagte ich und tätschelte sanft den Hals meines gescheckten Hengstes.

„Na dann lass uns mal das Glück suchen.“

Ich presste meine Schenkel fest in die Flanken des Pferdes. Wir ritten davon, noch bevor die Sonne aufging. Jetzt sollte es kein Problem mehr sein, eine Stadt zu erreichen.

Kapitel 4

Im Osten stieg die Sonne über den Horizont, streckte sich weit über die Grasebenen und warf lange Schatten. Das Pferd, das ich Coyote getauft hatte, führte mich bis zu den Ufern des Rio Grande. Anscheinend wollte es ebenfalls dorthin.

Ich ließ mich von seinem Rücken gleiten, warf die Zügel um einen Baum und befreite Coyote vom Sattel und den Taschen. Das Ufer war an dieser Stelle seicht. Spuren von anderen Besuchern gab es nicht. Die Eisenbahnschienen verliefen ganz in der Nähe. Man konnte nie sicher sein, dass man allein war. Nicht einmal Mitten in der Wüste. Doch wir konnten uns beruhigt hier niederlassen.

Ich streifte mir die Kleidung ab, die ich seit Wochen nicht gewechselt hatte und erleichterte mich hinter ein paar Sträuchern. Von hier aus suchten meine Augen noch einmal das ganze Ufer ab. Doch alles war ruhig.

„Ein guter Platz. Hier können wir bleiben. Meinst du nicht auch?“ Ich ging zu dem Pferd und tätschelte seine Nüstern. Staub klebte darin.

„Ich glaube, ein Bad könnte dir nicht schaden. Sieh uns nur an. Wie Gespenster sehen wir aus. Völlig mit Staub bedeckt.“

Vorsichtig führte ich Coyote zum Ufer. Wir glitten die schlammige Böschung hinunter und stiegen in den kühlen Fluss.

„Wasser. Wasser. Komm.“ Ich winkte und das Pferd folgte mir tiefer hinein.

Gierig schöpfte ich mir Wasser ins Gesicht, trank und wusch mich. Warf die Hände voll Wasser in die Luft. Rieb mir den Staub von der Haut und ließ mir das erfrischende Nass über die Haare laufen.

Der Fluss war nach all der Trockenheit berauschend. Ich ließ mich fallen und trieb mit der Strömung ein Stück weit hinab.

Coyote war weniger übermütig. Er stieß lediglich mit der Schnauze und den Nüstern ins Wasser und prustete den Dreck der Wüste aus. Anscheinend war auch er schon sehr lange unterwegs gewesen. Er schüttelte den Kopf und spritzte dabei kleine Wassertropfen herum, die im Sonnenlicht silbrig glitzerten.

Schließlich waren wir erschöpft. Hin und wieder tranken wir noch etwas, doch die Freude über den rettenden Fluss hatte sich etwas gelegt. Ich ging auf das Pferd zu, das jeder Zeit hätte davon springen können. Doch es stand still im Wasser und beobachtete mich interessiert.

Mit den Fingerspitzen berührte ich vorsichtig seine Stirn, rieb ihm über die Nüstern und tätschelte ihm die Flanken. Es war ein kräftiges Tier. Etwas dünn vielleicht. An seinen Schenkeln glitten meine Finger über einige Narben. Gut hatte er es in seinem früheren Leben nicht unbedingt gehabt.

„Da verbindet uns wohl einiges? Wenn du bei mir bleibst, sorge ich dafür, dass du es in Zukunft besser haben wirst.

Ich will nach Norden. Du könntest mich begleiten. Und vielleicht hast du auch Lust, mich bei meinem Vorhaben zu unterstützen. Ich werde mir eine Farm kaufen, oben in Kansas oder Nebraska, vielleicht schon in Colorado.“ Während ich redete, strich ich Coyote über die Beine. An den Sprunggelenken zuckte er kurz. Doch er blieb ganz still stehen. Ich beugte mich nach vorn und sah mir seine Hufe an. Der Weg war noch weit. Doch es schien alles in Ordnung zu sein.

Der Hengst stieß mich an und ich fiel rücklings in den Fluss. Dann wieherte er und trat ins Wasser, das es spritzte. Ich stieg in die Wasserschlacht ein und wertete sein Verhalten als Zustimmung.

Wir blieben am Fluss. Einige Meilen weiter flussaufwärts fanden wir eine geeignete Stelle zum Lagern. Am Ufer wuchsen Gräser und Büsche und Coyote konnte sich satt fressen. Ich hatte ein paar Fische gefangen und briet sie über einem kleinen Feuer.

„Der Kojote hätte sich gefreut“, sagte ich zu dem Hengst, der nicht weit von mir entfernt stand und genüsslich am Gras kaute.

„Der arme kleine Kerl. Ans Herz ist er mir gewachsen. Doch nun hab ich dich. Und das ist doch viel besser.“ Ich warf ein paar Steine ins Wasser und sah den Wellen zu.

Mein Blick wanderte am Ufer entlang flussaufwärts. Ich dachte an den nächsten Tag und meinen Weg. Da entdeckte ich etwas in den Büschen hundert Meter vor uns. Es war nur eine Ahnung, doch ich stieß den Fisch vom Feuer und scharrte die Feuerstelle zu. Dann nahm ich meinen Colt und schlich am Ufer entlang.

Wir waren schon ein paar Stunden hier und mit dem Feuer hätte man uns schnell entdeckt. Doch niemand kam auf uns zu oder hatte sich in der Zeit bemerkbar gemacht.

Leise raschelte das Gras unter meinen Füßen. Ich hielt meine Hand nach hinten ausgestreckt, damit Coyote mir nicht folgte. Er verstand und blieb zurück. Doch er ließ mich nicht aus den Augen.

Unter den Büschen weiter oben am Fluss lagen ein paar Stiefel. In ihnen steckten die Füße eines Mannes, der anscheinend tief ins Gebüsch gekrochen war.

Es war alles sehr ruhig, kein Feuer, kein Pferd, nichts.

«He da», rief ich. Doch der Mann bewegte sich nicht. Ich stieß mit dem Fuß gegen einen der staubigen Stiefel. Das Gras hier war glatt, als hätte man etwas darüber gezogen. Mit dem Revolver in der Hand sah ich mich vorsichtig um. In der heraufziehenden Dunkelheit war nichts zu erkennen.

Langsam kniete ich mich nieder und schob mit dem Lauf meines Colts die Büsche zur Seite. Glasige Augen eines Toten starrten mich an. Der Mund war leicht geöffnet, als wollte er gerade etwas sagen. Doch da war es wohl schon zu spät gewesen. Eine Kugel hatte ihn genau auf der Stirn getroffen. Sein Revolver lag schussbereit in seiner Hand. Das Blut, das ihm über das Gesicht gelaufen war, war bereits getrocknet.

Ich sah mich um. Doch wir waren allein. Und jetzt? Sollte ich den Mann hier so liegen lassen? Weiterziehen? Oder zum nächsten Marshall reiten, den Toten melden?

Ich entschloss mich, den Mann zu begraben. Ich konnte ihn nicht einfach so liegen lassen.

Mühsam zog ich den schweren Körper aus den Büschen, da näherte sich Coyote. Er beugte sich über den Toten, dessen Haut dunkler war, als meine und dessen Haare schwarz glänzten.

«Vielleicht war seine Mutter eine Mexikanerin oder eine Lakota gewesen. Das allein wäre für manche Männer schon Grund genug für seinen Tod. Doch weißt du, niemand hat es verdient als Aas für die Geier liegen zu bleiben, egal ob schwarz, rot oder weiß, Mann oder Frau.»

Ich scharrte das Gras etwas beiseite und grub eine kleine Mulde. Dann legte ich den armen Kerl hinein. Coyote strich mit den Nüstern über das Gesicht des Mannes und da verstand ich. Er gehörte zu dem Pferdedieb, dem ich meinen Hengst zu verdanken hatte. Und anscheinend hatte Coyote dem Toten im Sand gehört.

Wir häufelten Erde auf das Grab und ich murmelte ein einfaches Gebet.

Ich war nicht unbedingt der gläubigste Mensch auf dieser Erde, doch ich tat, was mir meine Mutter vor vielen Jahren beigebracht hatte. Ich bekreuzigte mich und wünschte dem Toten viel Glück dort, wo er jetzt war.

Gerade als ich die letzten Worte des Gebets gesprochen hatte, hörte ich in der Ferne Pferde wild galoppierend näher kommen. Ich sprang auf meinen Hengst, schnappte mir weiter unten am Fluss meine Sachen und wir ritten einige Meilen in südwestlicher Richtung flussabwärts, auch wenn das nicht unser Weg war.

Kapitel 5

«Jemand muss dem Marshall einen Tipp gegeben haben», flüsterte ich nachdenklich.

Er hatte schnell hierher gefunden. Oder war er gar nicht auf der Suche nach dem Toten? Vielleicht suchte er mit seinen Männern ja nur nach zwei Pferdedieben.

«Wie auch immer. Wir haben nichts mit dem Tod des Mannes zu tun. Lass uns hier verschwinden. Viel zu schnell werden Urteile gesprochen, ohne einen Richter.» Ich zog die Zügel an und wir ritten flussabwärts.

Nach ein paar Meilen verließen wir den Fluss in westlicher Richtung, um dann in einem Bogen zum Fluss zurückzukehren und den Weg wieder nach Norden einzuschlagen.

«Ganz in der Nähe muss eine Stadt sein. Der Marshall und seine Männer kamen ja nicht aus dem Nichts. Sie gehören zu einer Stadt. Und wenn wir nur weit genug den Bogen schlagen und die Stadt von Westen her betreten, kann niemand ahnen, dass wir von dem Toten wissen.» Ich trat Coyote sanft in die Flanken.

Es war fast Mittag, als wir endlich die Stadt erreichten. Milestown war eine Stadt, wie viele in dieser Zeit. Aus dem Wüstenboden gestampft und vielleicht irgendwann vom Staub wieder verschluckt.

«Rio Grande Western Railroad Gesellschaft», las ich auf einer Zeltplane. Nun war ich ganz froh, dass meine Mutter mir ein wenig Lesen und Schreiben beigebracht hatte. Auch wenn ich damals lieber mit meinem Vater bei unseren Rindern gewesen wäre. Dass ich lesen konnte, war schon einige Male von Vorteil gewesen.

Das Eisenbahncamp im Norden erweiterte die Stadt um eine halbe Meile.

«Vielleicht würde diese Stadt doch nicht im Wüstensand untergehen», murmelte ich, während wir langsam an den Zelten entlang trabten. Hier herrschte ein geschäftiges Treiben. Man konnte allerhand Waren erwerben und tauschen. Barbiere und Schneider boten ihre Dienste an. Wäschereien und Suppenküchen, ein Schmied und natürlich die Leute von der Eisenbahngesellschaft mit ihren Dynamitvorräten und Planungskarten.

Ich sah mich um, während Coyote träge dahin trottete. Irgendwo hier musste es einen Job für mich geben. Ich spürte neugierige Blicke auf mir. Auch wenn ich vielleicht nicht willkommen war, ich brauchte Geld.

«Wir müssen bleiben», seufzte ich Coyote zu, der sich anscheinend auch nicht sehr wohl fühlte.

Es waren viele Menschen hier. Die Stadt quoll fast über. Schwarze, Weiße, Rote. Chinesen, Iren, Engländer, Mexikaner.

Frauen in langen, schwingenden Kleidern standen vor dem General Store zusammen und tuschelten. Dann schlug jemand in der kleinen Kirche die Glocke und die Frauen liefen aufgeregt davon.

Was hatte ich mir nur dabei gedacht, so weit nach Süden zu ziehen? Doch diese Stadt war so gut wie jede andere. Ich wollte nur ein paar Dollar verdienen, meine Vorräte auffrischen und dann würde ich auch schon wieder «Lebe wohl» sagen. Es würde einige Tage dauern, vielleicht ein paar Wochen. Doch dann konnte ich weiter ziehen.

Ich machte also Coyote vor dem Saloon fest. Sofort tauchte er seine Nüstern schnaubend in den Trog mit Wasser. Ich klopfte ihm den Staub von den Flanken, während ich von allen Seiten her beobachtet wurde.

«Die Stadt sollte eigentlich an Fremde gewöhnt sein. Wenn hier regelmäßig die Eisenbahn entlangfährt, werden noch mehr Fremde kommen», raunte ich Coyote zu, während ich ihm das Zaumzeug lockerte.

Eine Bahnstation stand bereits und mindestens ein Zug musste schon einmal hier gewesen sein, denn ich hatte ihn ja vor einigen Tagen in der Wüste gesehen.

«Nur ein bisschen arbeiten und ein paar Dollar verdienen», besänftigte ich den Hengst, der zur Antwort schnaubte und mit dem Kopf in die Luft stieß.

«Du suchst Arbeit?» Ein Typ wie ein Bär war auf mich zu gekommen. Über sein unrasiertes Gesicht glitt ein freches Lächeln. Sein Blick wanderte über meine schmale Gestalt.

«Arbeit sucht sie», rief er seinen Freunden zu, die aus dem Saloon gekommen waren. Alle lachten. Der Mann tätschelte mein Pferd.

«Und was kannst du? Tanzen? Singen? Oder … ?» Er drehte eine meiner aschblonden Haarsträhnen, die sich aus dem Zopf gelöst hatten, um seinen Finger. In mir kroch die Angst empor. Der Kerl war zwei Köpfe größer als ich und ich war allein.

«Arbeiten. Aber zuerst einmal etwas zu essen», erwiderte ich auf seine Schuhe blickend. Dann fasste ich Mut. Ich zog mit einer schnellen Bewegung mein Messer aus der Tasche und schnitt mir die Haarsträhne ab, die sich der Dicke um den Finger gewickelt hatte. Nun sah ich ihm in die erstaunt aufgerissenen Augen.

«Kannste behalten», sagte ich über die Schulter zu ihm blickend und schritt auf den Saloon zu. Mein Herz pochte laut in meiner Brust. Ich versuchte mich zu beruhigen.

---ENDE DER LESEPROBE---