1915 - Sommer an der Somme - Rebekka John - E-Book

1915 - Sommer an der Somme E-Book

Rebekka John

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Beschreibung

1915, die Welt steht Kopf. Mitten in Europa tobt ein schrecklicher Krieg. Ein Krieg den es so zuvor noch nie gegeben hat. Unzählige Männer kämpfen um Ehre und Sieg, mit Waffen, die Tag für Tag grausamer werden. In Mitten dieses unmenschlichen Wirrwarrs macht sich eine junge Frau auf den Weg an die Front. Anna Sophia von Schellen muss ihrem Herzen folgen und den Mann finden, der mit seinen Worten ihr Herz zu tiefst berührt hat. Als Lazarettschwester begegnet sie zum ersten Mal den unmittelbaren Folgen des Krieges und in ihr wächst der Wunsch etwas an der Situation der Soldaten zu ändern.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Rebekka John

1915 - Sommer an der Somme

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Kapitel 1

Juli 1915, im Zug

Die Zugfahrt schien endlos lang. Tag für Tag zog eine fremde Landschaft am Fenster vorbei, kleine Wälder, grüne Wiesen und sanfte Hügel. Anna versuchte, das alles festzuhalten. Doch sie flogen einfach davon und hinterließen eine seltsame Leere.

Die Wagons ruckelten seit Tagen über abgenutzte Gleise. Hunderte Züge, schwer beladen, mussten bereits diesen Weg gefahren sein. Noch wollte sie nicht darüber nachdenken, nicht an das denken, was am Ende des Weges auf sie warten würde. Noch versuchte sie, die untrüglichen Zeichen zu übersehen, die zerstörten Dörfer, die zurückgelassenen Wagen, die toten Pferde zwischen den Wällen. Es gab jetzt kein Zurück mehr.

Mit ihr im Abteil saßen noch mehr junge Mädchen, Mädchen mit roten Wangen und kurz geschnittenen Haaren. Aufgeregt tuschelten sie miteinander. Es wirkte fast wie ein Schulausflug. Nur dass sie alle die gleiche graue Schwesternuniform trugen.

Dass sie alle auf dem Weg an die Front waren, konnte sie nicht glauben. Ein kleines Regiment Kriegsfreiwillige. Euphorisch, enthusiastisch, naiv. Unweigerlich musste Anna stolz lächeln, denn sie war eine von ihnen. Genau wie die anderen Mädchen träumte Anna davon, dem Kaiser und dem Vaterland zu dienen. Alles dafür zu tun, dass der Krieg nun bald gewonnen war und die Männer wieder nach Hause kommen konnten. Vergessen waren die Zeitungsberichte und die Todeslisten, vergessen der Kummer der Witwen und trauernden Mütter.

Anna wurde müde. Das monotone Rattern des Zuges machte sie schläfrig. Vor ihren Augen verdichtete sich der Nebel über der vorüberziehenden Landschaft. Ihre Gedanken verschmolzen mit dem milchigen Dunst und blieben schließlich an einem frostig kalten Wintermorgen hängen.

Dezember 1913

Der Dezember war nach diesem glorreichen Sommer nahezu ungenießbar. An den kahlen Bäumen hingen vereinzelt welke Blätter, auf den Feldern tummelten sich die Krähen in Scharen und ein steter Dunst ließ die Sonne tagelang nicht hindurch.

Die Luft war kühl und feucht. Daher verbrachten die Damen des Hauses auch ihre Zeit lieber im behaglichen Salon bei Stickerei, Tee und Gebäck.

Hinter den Flügeltüren zur Terrasse breitete sich im Garten der Winter aus. Raureif klammerte sich an die letzten Blätter und wenige verbleibende Hagebutten leuchteten an kahlen Ästen durch den trüben Nebel.

Die beiden Frauen arbeiteten schweigend. Das leise Geräusch des Fadens, wenn er durch den Stoff gezogen wurde, unterstrich die Stille.

Anna konnte sich jedoch nicht recht auf ihre Arbeit konzentrieren und begann stattdessen, die Katze aus der Nachbarschaft zu beobachten, wie sie durch den aufbrechenden Nebeldunst im schlafenden Rosengarten schlich und sich an ein paar Spatzen heranpirschte, die auf dem Rand des Springbrunnens saßen und eifrig zwitscherten.

Das Kätzchen setzte zum Sprung an. Aufgeregt reckte Anna den Hals und zog damit die Aufmerksamkeit ihrer Mutter auf sich. Ungeduldig musterte sie ihre Tochter und folgte ihrem Blick. Als sie die Katze im Garten bemerkte, legte auch sie ihre Handarbeit zur Seite und öffnete die Terrassentür.

«Kscht, kscht, fort mit dir», schimpfte sie und klatschte in die Hände. Doch die Katze ließ sich nicht stören. Sie saß auf dem Brunnenrand und leckte sich die Pfötchen.

«Ein freches Biest. Jetzt hat sie mir schon wieder die Vögel verjagt.»

«Aber Mama, die Vögel kommen schon wieder. Sie sitzen nur im Kirschbaum und lachen das Kätzchen aus.»

«Ach Liebes, was du wieder siehst. Lachende Spatzen. Du bist mir eine schöne Träumerin, Anna.

Doch das Leben ist nicht nur Träumerei. Du bist eine junge Frau geworden», bemerkte Augusta Henriette von Schellen, als sie liebevoll ihre Tochter betrachtete.

«Es ging so schnell, dass ich es kaum bemerkt habe. Aber andere haben es bemerkt und ich muss ihnen recht geben.» Augusta Henriette lächelte stolz.

Sanft strich sie über das lange braune Haar ihrer Tochter. «Es ist schon was, mit dem Leben», seufzte sie schließlich und setzte sich wieder in den hohen gemütlichen Sessel.

Anna kam es so vor, als wollte sie mit ihr über etwas reden. Doch die schweigsame Frau sah nicht mehr von ihrer Handarbeit auf. Da war es Anna, die die Stille unterbrach.

«In der Stadt ist der Weihnachtsmarkt aufgebaut worden», sagte sie. «Ich habe gehört, wie Käthie darüber gesprochen hat. Mit allerhand Verkaufsständen, sagt sie. Sicher gibt es überall feines Gebäck und vielleicht sogar ein Karussell?»

Käthie, das Hausmädchen der Familie, war jung und tüchtig. Nur etwas zu neugierig, fand die Hausherrin. Zu gern tratschte sie mit den Mädchen der Nachbarschaft, wenn sie Besorgungen erledigte. Doch wahrscheinlich war das eine Eigenschaft, die dem meisten Dienstpersonal innewohnte.

Frau von Schellen hatte sich damit abgefunden, solange nicht in ihrem Haus Tratsch verbreitet wurde. In diesem Moment ruhten ihre blauen Augen auf Anna, die nun unruhig auf ihrem Stuhl saß und auf eine Reaktion ihrer Mama wartete.

«Möchtest du denn auf den Weihnachtsmarkt gehen?», fragte Augusta Henriette und sah ihre Tochter eindringlich an. Aus der strengen Miene konnte Anna nicht herauslesen, ob ihre Mutter diesem Wunsch entgegenkommen würde. Doch wie so oft, konnte ihr die Mama keinen Wunsch abschlagen. Selbst Annas Papa war entzückt von der Idee, als er am Nachmittag die beiden Frauen auf diesen Ausflug begleitete.

Franz Philipp von Schellen war ein angesehener Arzt. Seine Praxis lag im Seitenflügel des Hauses. Er war ein eher kleiner schmaler Mann mit spitzem Kinnbart und Kneifer. Ging er aus dem Haus, fehlte ihm nie der Zylinder und der Spazierstock. Der Zylinder verlieh ihm Größe, wie er fand, und der Spazierstock wirkte elegant – legere, aber auch streng, je nachdem, wie er diesen führte.

Die Familie spazierte die breite Allee hinunter, an deren Ende sich der Weihnachtsmarkt befand. Anna konnte bereits hier den Duft von Bratäpfeln und süßen Kringeln riechen.

Sie war so aufgeregt, dass ihre Beine davonspringen wollten. Am liebsten wäre Anna sofort in Richtung des bunten Treibens losgerannt. Doch sie ging brav an der Seite ihrer Mama. Nur ihre Mundwinkel zuckten vor Vergnügen und ihre Augen waren weit aufgerissen, damit sie auch nichts verpasste.

Wie schön das alles hier war, staunte sie. So ein Leben, so ein Trubel. Der Weihnachtsmarkt war einfach etwas so Wunderbares, etwas märchenhaft Verzaubertes in den dunklen Dezembertagen. Das Schmalzgebäck duftete herrlich und in den Verkaufsständen leuchteten tausend Kerzen.

Wie ein kleines Kind zog Anna ihren Papa von einem Stand zum nächsten und einer war schöner als der andere. Schließlich kamen sie vor einem Stand mit Puppen zum Stehen.

«Sieh doch mal, wie schön sie sind, mit ihren Kleidchen. Sie können sogar die Augen schließen. Hast du so etwas schon einmal gesehen?», fragte Anna begeistert.

«Wäre es nicht schön, eine davon zu haben?» Liebevoll strich sie der ausgestellten Puppe das Kleid glatt.

«Bist du nicht schon ein bisschen zu alt, um noch mit Puppen zu spielen?» Franz Philipp lächelte milde.

«Um mit Puppen zu spielen, ist man nie zu alt», protestierte Anna und zupfte verträumt am Kleid der Puppe. Doch ihr Papa kaufte keine Puppe. Anna war etwas enttäuscht. Doch das hielt nicht lange an, denn an jedem Stand, an dem sie vorbeikamen, fand Anna etwas, das sie unbedingt haben musste. Anna war so überwältigt, dass sie wild drauf los plapperte und vor Freude hüpfte, sodass ihre Mama sie mehrmals ermahnen musste, an ihre Stellung zu denken. Immerhin war sie eine von Schellen.

Die Familie schob sich plaudernd durch die Menschenmenge. Die Kinder der Fabrikarbeiter jagten mit Ratschen an ihnen vorbei. Wie gern wäre Anna hinterhergelaufen, war sie doch selbst noch halb ein Kind. Doch das geziemte sich natürlich nicht für eine junge Dame. Was gehörte sich denn dann, fragte sich Anna. Nun waren sie hier auf dem wundervollen Weihnachtsmarkt, aber nichts durfte sie kaufen. Einmal war sie schon zu alt, einmal noch zu jung oder ihre Stellung war ihr im Weg. So langsam hatte Anna den Weihnachtsmarkt satt.

Ihre Eltern standen mit einigen Bekannten beisammen und unterhielten sich. Anna beobachtete die Kinder mit den Ratschen. Die hatten es gut, dachte sie. Plötzlich breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus.

Die Kinder verkauften die Ratschen für ein paar Pfennige. Anna zählte bereits die wenigen Münzen in ihrer Hand zusammen, als Frau von Schellen entschied, dass es Zeit wäre zu gehen. Anna wusste, eine Diskussion wäre unangebracht und zudem zwecklos und so wandten sie sich vom bunten Treiben ab. Anna sah noch einmal sehnsüchtig über ihre Schulter zurück, warf einen letzten Blick auf das Karussell und die vielen Lichter.

Wenigstens hatte sie auf dem Karussell fahren dürfen. Und sogar einen gebratenen Apfel hatte sie gegessen. Eigentlich war es doch ein schöner Ausflug gewesen. Sie hatte so viele wundervolle Dinge gesehen, dass ihr Herz glücklich in ihrer Brust schlug.

«Eine bessere Einstimmung auf das Weihnachtsfest gibt es nicht», meinte sie auf dem Heimweg. Ihr Papa klopfte zustimmend mit dem Spazierstock auf das Straßenpflaster und pflichtete ihr lächelnd bei.

«Da muss ich dir recht geben. Einen so schönen Tag habe ich lange nicht mehr gehabt.»

«Und doch weiß ich noch etwas, das euch sicher noch besser auf Weihnachten einstimmen wird», sagte Augusta Henriette und sah ihren Mann und die Tochter belustigt an. Sie gingen die Straße zum Haus entlang. Am Himmel zog bereits der Abend auf und die spärliche Straßenbeleuchtung erhellte den Weg.

Augusta Henriette zog einen Brief aus ihrem Muff. Sie hatte ihn die ganze Zeit darin getragen. Erst heute war er angekommen und sie hatte noch nicht den richtigen Zeitpunkt gefunden, ihrem Mann davon zu berichten.

Das musste ein wichtiger Brief sein, wenn ihre Mama ihn nicht aus der Hand gelegt hatte, dachte Anna. Sie sah den kleinen weißen Umschlag in der Hand ihrer Mama neugierig an.

«Von wem ist der Brief?», fragte sie schließlich neugierig.

Augusta lächelte und hielt das Papier in die Luft.

«Von deinem Bruder. Er wird an Weihnachten nach Hause kommen. Na, ist das eine Überraschung?»

Und ob das eine Überraschung war. Eigentlich hatte Ernst von Schellen über die Feiertage in Berlin bleiben und an einer ausstehenden Hausarbeit schreiben wollen. Dass er nun doch nach Hause kommen würde, war wahrlich das Schönste, was Anna sich vorstellen konnte.

Der junge Mann kam nur noch sehr selten zu Besuch. Doch noch immer liebte Anna ihn von ganzem Herzen. Nun konnte sie erst recht das Weihnachtsfest nicht mehr erwarten.

Kapitel 2

Wochenlang putzte Käthie das ganze Haus. Sie schrubbte die Böden, wusch Gardinen, staubte Bilder ab, polierte das gute Tafelsilber und putzte die Fenster. Das Haus glänzte und war ein wahrer Augenschmaus. Endlich war Weihnachten.

Anna sprang fröhlich singend durchs Haus, gerade so, als sei sie erst zehn Jahre alt. Frau von Schellen freute sich über den Übermut ihrer Tochter, ließ es sich jedoch nicht anmerken. Das würde Anna sonst noch als Aufforderung verstehen.

Am Weihnachtstag schritt Frau von Schellen, die Brust festgeschnürt, in ihrem neuen roten Leinenkleid mit den wunderbaren Puffärmeln wie die Kaiserin Auguste Viktoria höchstpersönlich die breite Treppe zum Salon herunter. Bei jedem Schritt raschelte der Rock und eine schwarze Feder wippte auf ihrem großen Hut auf und ab. Sie wurde von ihrem Mann am Arm geführt, der in Frack und Zylinder ebenfalls ganz vornehm aussah. Anna und Ernst standen am unteren Ende der Treppe und verbeugten sich tief vor dem elterlichen Paar. Sie lachten und Frau von Schellen schlug amüsiert verlegen mit ihrem Fächer durch die Luft.

Das Wohnzimmer war feierlich hergerichtet und der Braten war so schmackhaft, dass der Kaiser bestimmt keinen besseren gegessen hatte, sagte Ernst, als er sich mit einer Serviette die Mundwinkel wischte.

Am Saalfenster stand eine große Fichte mit Kerzen und Schleifen verziert und leuchtete in die sternenklare Nacht hinaus. Anna war überglücklich. Sie strahle wie der Stern von Bethlehem, meinte Augusta Henriette, ganz beglückt über so viel kindliche Freude, und strich der Tochter über die weichen Locken.

Nach der Kirche setzten sich Mutter und Tochter ans Klavier. Sie legten ihre Finger auf die Elfenbeintasten und ließen die zauberhaften Klänge von Chopin durch das Haus schweben. Nach ihrem Spiel trat andächtige Stille ein und die zarte Melodie verschmolz mit dem Abend zu einer wunderbaren Erinnerung.

Nach dem Musikstück ging Ernst auf seine Mutter zu, die mit Anna noch immer auf der Klavierbank saß.

«Ich habe Geschenke mitgebracht. Zuerst für Mama.» Diese wurde ganz rot. Vor Verlegenheit tupfte sie sich mit dem bestickten Taschentuch die Wangen.

«Das ist sehr aufmerksam von dir. Ich bin gerührt. Vielen Dank.» Sie stand von der Klavierbank auf, um sich auf das Canapé zu setzen. In ein kleines Seidentuch gewickelt, nahm sie ein goldenes Medaillon entgegen. Der junge Mann legte ihr das Schmuckstück vorsichtig um den Hals und küsste ihre Hand.

«Für die wunderbarste Frau Preußens. Das ist, damit du mich nicht vergisst. Jetzt, wo ich so weit weg bin und studiere. Du wirst sicher bald schon meinen Namen ganz vergessen haben und nur noch an unser Annichen denken», gab er belustigt von sich.

«Das werde ich ganz sicher nicht. Wenn hier jemand vergesslich ist, dann bist das wohl du. Denn ganz sicher, hast du deinen Papa vergessen.» Sie lächelte ihn gerührt an und hielt noch einen Moment seine Hände in den ihren.

«Wie könnte ich den Herrn Doktor vergessen? Nein, für Papa habe ich etwas ganz Besonderes. Das wollte ich mir aber noch aufheben.»

«Nur nicht so zögerlich. Ich bin nicht mehr der Jüngste und doch freue ich mich über ein Geschenk ebenso, wie es ein Kind tut. Wo ist es denn?» Der Doktor und Herr des Hauses setzte sich aufrecht hin und wartete ungeduldig auf sein Geschenk.

«Mein lieber Herr Papa. Ich weiß, du hättest gewollt, dass ich in deine Fußstapfen trete. Doch diese sind für meine kleinen Füße viel zu groß. Ich habe mich für Jura entschieden und wurde dennoch von dir wohlwollend unterstützt. Darum möchte ich dir etwas geben, das dir zeigt, wie sehr ich dich bewundere und liebe.»

Er gab seinem Vater ein Buch: «Studien über Hysterie»

«Von Josef Breuer und Sigmund Freud. Es ist derzeit ganz gefragt in Berlin», sagte er. Franz Philipp rückte sich gerührt den Zwicker zurecht.

«In der Tat, ein bedeutendes Buch», sagte er und vertiefte sich sofort in die Lektüre.

Anna verstand nicht viel davon. Für sie sah es aus wie ein gewöhnliches langweiliges Fachbuch. Es klang zumindest so, «Studien», das war doch kein Titel für ein Buch.

Wenn es geheißen hätte «Dem Wahnsinn verfallen – Die Hysterie greift um sich», dann hätte es Anna vielleicht auch gelesen.

Sie setzte sich auf dem Klavierhocker steif zurecht und zupfte an ihrem Kleid. Was würde Ernst wohl für sie haben? In Berlin gab es sicher die tollsten Sachen. Vielleicht würde er ihr einen hübschen Hut schenken, mit Federn und Gaze oder ein Parfum, wie es die Damen in Paris trugen oder vielleicht ein paar hübsche Samtschleifen für ihr Haar oder feine Lackschuhe?

Anna wurde unruhig und trommelte mit den Fingern über die Tastatur des Klaviers. Sie spielte eine stumme Partitur, nur um sich ihre Aufregung nicht anmerken zu lassen. Ernst drehte sich auf den Fersen zu ihr und lächelte schelmisch.

«Oje, nun hab ich dein Geschenk ganz vergessen.» Er ging langsam auf Anna zu, die so zauberhaft aussah, in ihrem hübschen Rüschenkleid, eine richtige kleine Dame war sie geworden. Anna rutschte nervös auf der Klavierbank hin und her.

Ernst hielt seine Hände hinter dem Rücken und Anna wusste, dass er ihr Geschenk versteckte.

«Ach, das macht doch nichts. Dass du hier bist, ist mir Geschenk genug», antwortete sie betont gelassen.

«Wenn das so ist, dann kann ich das hier ja einem anderen Fräulein schenken.» Er hielt ein kleines Päckchen in der Hand.

«Nein, gib es mir.» Anna sprang auf und streckte sich nach dem in knisterndes Seidenpapier gewickelten Geschenk.

«Welches andere Fräulein?», fragte Augusta Henriette in die aufgeregte Stimmung hinein.

«Gibt es denn eine Frau in Berlin?» Erschüttert sah sie von ihrem Sohn zu ihrem Mann.

«Eine? Tausende Mama.» Ernst lachte und wirbelte Anna durch die Luft.

«Aber Anna ist mir die Liebste.» Er küsste sie auf die Wangen und tanzte mit ihr durch den Salon.

Das beruhigte seine Mama keineswegs. Streng sah sie zu ihrem Mann hinüber. Der aber lachte amüsiert und klatschte vergnügt in die Hände.

Erschöpft ließ sich Anna auf den Stuhl fallen. Ihr Herz klopfte wild und noch immer drehte sich alles um sie herum. Mit zittrigen Händen löste sie nun die Schleife, die um das kleine Päckchen gebunden war. Das Papier knisterte leise in ihrer Hand. Im Raum war es still geworden und alle sahen erwartungsvoll zu Anna.

Etwas verwirrt sah sie schließlich auf das kleine rote Büchlein. Sie öffnete es. Leer. Es war leer.

«Darin kannst du deine Gedanken festhalten. Das wird dann dein erster Roman», sagte Ernst begeistert. Er sah seiner Schwester liebevoll in die braunen Augen.

Anna suchte nach Worten, doch es wollten ihr keine einfallen. Dann fiel sie ihrem Bruder um den Hals. Sie schlang ihre zarten Arme um seinen Körper und drückte ihren Kopf fest gegen seine Brust. Tränen standen ihr plötzlich in den Augen. Tränen, obwohl sie doch überhaupt nicht traurig war.

Ernst kannte sie einfach zu gut, obwohl er mittlerweile hunderte Kilometer entfernt wohnte. Ihren Traum, einmal eine Schriftstellerin wie George Sand oder Clara Viebig zu werden, hatte sie niemandem anvertraut, doch Ernst musste bemerkt haben, dass Anna immer wieder etwas auf lose Blätter notierte und sogar kleine Geschichten schrieb.

Die Wochen nach Weihnachten vergingen. Anna war noch unschlüssig, was sie schreiben sollte. Nachdenklich saß sie im Lehnstuhl vor dem Fenster und sah in das Treiben der Schneeflocken. Viel wusste sie von der Welt nicht. Noch nie war sie weg gewesen. Anders ihr Bruder, er studierte in Berlin. Er kannte die Welt. Ihr Papa sagte immer: «Wer Berlin kennt, kennt die Welt. In der Kaiserstadt ist immer was los, da fährt sogar die Elektrische.»

Franz Philipp war ganz vernarrt in die Kaiserstadt. Er hatte Ernst schon öfter besucht und genoss dann das Großstadtleben und die Berliner Luft in vollen Zügen.

Anna stellte sich das Leben dort sehr aufregend vor. Das konnte man mit dem Leben, welches sie führte, nicht vergleichen. Kaffeekränzchen und Handarbeitskreise, das war wahrlich nicht der Stoff, aus dem Träume waren und man konnte schon gar kein Buch daraus machen.

Doch Anna war voller Tatendrang. Sie ging im Haus und im Garten umher. Beobachtete die Menschen auf der Straße und fertigte kleine poetische Skizzen an.

Schließlich entschloss sie sich, für ihren Bruder etwas über ihr gemütliches Zuhause zu schreiben. Und wenn das Buch voll wäre, dann könnte er es lesen und denken, wie gut er es doch in seinem Berlin hatte.

Zuerst versuchte sie es mit einem Gedicht. Doch so sehr sie sich auch bemühte, es wollte ihr nicht gelingen. Eine Stunde saß sie im winterlichen Garten und beobachtete die frechen Spatzen, die zwitschernd und schimpfend auf den Rosensträuchern herum hüpften und an den trockenen Hagebutten zupften. Wie schön hatten die Rosen im Sommer geblüht und nun streckten sie ihre stacheligen Zweige kahl und drohend nach ihr aus, dass es sie gruselte. Nein, da fiel einem Fräulein aus gutem Hause kein Gedicht ein.

Doch dann hatte Anna eine Idee und sie schrieb ihre erste Geschichte. Eine Geschichte über ein unvergessliches Weihnachtsfest.

Kapitel 3

Juli 1915, im Zug

«Was liest du da?», fragte eine warme Stimme hinter ihr. Anna erschrak. Sie legte das kleine Büchlein zur Seite und sah die dralle Blondine, die sich über ihre Rückenlehne reckte, lächelnd an.

«Entschuldige. Ich wollte dich nicht erschrecken.» Die junge Frau stand auf und ging um die Sitzbank herum. Dann streckte sie ihre Hand aus und schenkte Anna einen herzlichen und festen Händedruck.

«Ich bin Inge.» Anna lächelte zögerlich.

«Anna, Anna Sophia von Schellen. Aber Anna reicht.» Sie war ganz verwirrt über die nette Dreistigkeit, mit der sich Inge einfach zu Anna auf die Bank setzte.

«Hallo Anna. Also, was liest du?» Die blonde Frau lächelte auffordernd und zeigte auf das Büchlein.

Anna sah in ihre Hände. Sie hatte in ihrem kleinen roten Buch geblättert. Das Geschenk von Ernst war bereits halb voll. Anna las oft darin und machte sich immer wieder kleine Notizen. Es war zu ihrem ständigen Begleiter geworden.

Januar 1914

Im Januar tobten eisige Winterstürme übers Land und jegliches Leben schien stillzustehen. Niemand streckte bei dieser Kälte auch nur einen Zeh unter dem dicken Federbett hervor. Doch an diesem Morgen war alles anders.

Ungeduldig hob Anna die Nase in die kühle Luft. Sie sog den Winterduft tief ein und sprang dann mit Schwung aus dem Bett. Das Federbett landete neben Käthie, die gerade den Ofen anheizte.

Anna streckte sich, drehte die Füße, die noch in den warmen Bettsocken steckten und im Fußgelenk knackten, dann gähnte sie ein tiefes und zufriedenes «Ahh» in den Morgen.

Mit einer Wolldecke über den Schultern ging sie zum Fenster. Eisblumen wuchsen daran empor. Verträumt fuhr sie die Struktur der zarten Blüten nach, die sich nicht nur außen, sondern auch innen auf den Fenstern gebildet hatten.

«Wie schnell sie tauen. So schnell ist ihre Schönheit dahin», seufzte sie. Doch diese Wehmut hielt sich nicht länger als die Eiskristalle auf ihrem Finger. Schon tanzte sie durch ihre Stube. Sie riss Käthie vom Ofen weg und drehte sich ausgelassen mit ihr im Kreis.

«Was ist denn hier los?» Augusta Henriette stand in der Tür. Missbilligung spiegelte sich in ihren erstarrten Zügen.

«Mama.»

«Die Öfen sind noch nicht gezündet. Und der Kaffee steht auch noch nicht bereit», sagte sie streng mit einer Handbewegung zur Tür. Mit gesenktem Kopf verließ Käthie eilig das Zimmer. Im Vorbeigehen murmelte sie eine undeutliche Entschuldigung.

«Was tust du schon wieder? Das Dienstpersonal vom Arbeiten abhalten. Das gehört sich nun wirklich nicht. Außerdem ist es noch viel zu kalt, warum also bist du schon auf? Schlüpf' schnell wieder unter die Decke, sonst holst du dir noch eine Erkältung.» Augusta Henriette hob die Federdecke auf und legte sie aufs Bett. Dann setzten sich die Frauen nebeneinander auf die Bettkante und Augusta begann ihrer Tochter das Haar zu kämmen.

«Konntest du vor Aufregung nicht schlafen?», fragte sie warmherzig lächelnd. «Ach du liebes Kind.» Sie fuhr liebevoll mit dem breiten Kamm durch das seidige rotbraune Haar.

«Ich war noch nie im Warenhaus. Und ich stelle es mir so schön vor! Ich freue mich so sehr, dass ich nicht schlafen konnte und essen möchte ich auch nicht. Lass uns sofort fahren.» Anna sprang auf und zog sanft an der Hand ihrer Mutter.

Doch sie musste sich noch einige Stunden gedulden. Schon allein das Anziehen dauerte heute länger als sonst. Sorgfältig frisierte ihr die Mama das Haar. Statt der mädchenhaften Zöpfe, die sie sonst trug, steckte sie es heute zu einem hübschen Knoten zusammen.

«Siehst du, so tragen das die jungen Frauen. Und dann hier noch einen hübschen Kamm hinein oder eine Klemme mit Perlen?» Frau von Schellen stand hinter Anna vor dem Spiegel, legte ihre Hände auf deren Arme und lächelte in den Spiegel hinein. So hübsch sah ihre Tochter aus, so hübsch und so fraulich.

Nach dem Kaffee, den sie in der behaglich warmen Küche einnahmen, fuhren Mutter und Tochter mit dem Zug in die Stadt. Sie bummelten unter den kahlen Linden entlang zum Park. Dort setzten sie sich für einen Moment auf eine Bank an der hergerichteten Eisfläche und beobachteten die elegant dahin fliegenden Eisläufer.

«Bald finden überall die Neujahrsbälle statt», begann Augusta Henriette und nahm Annas Hand.

«Die Bälle sind eine gute Gelegenheit, sich nach einem Mann umzusehen.»

«Aber Mama. Ein Mann, wozu brauchen wir noch einen Mann? Wir haben doch Papa.»

«Es wird Zeit, dass du dich verheiratest. Du bist fast zwanzig. Das ist ein gutes Alter dafür, nicht zu jung und nicht zu alt. Du solltest aber nicht mehr zu lang damit warten. Im letzten Jahr hast du dich gut amüsiert auf den Bällen. Doch da war wohl der Richtige noch nicht dabei. Du wirst sehen. Das wird in diesem Jahr schon anders sein.»

«Sind wir deshalb in die Stadt gefahren?», fragte Anna traurig. «Um eine passende Garderobe für eine zukünftige Braut zu kaufen?» Enttäuscht sah sie auf die Eisläufer, die sich auf dem Eis drehten. Soweit hatte sie nicht gedacht.

Sie hatte sich auf die Einkäufe so gefreut und sie dachte sich schon, dass das neue Kleid für einen der Bälle sein sollte. Dass sie aber für eine Brautschau zurecht gemacht werden würde, nein, das gefiel ihr nicht. Sie kam sich vor wie eine Kuh, die zum Markt geführt wurde.

Enttäuscht schwieg sie den Rest des Weges, bis sie schließlich vor den großen Türen des imposanten Warenhauses standen. Schlagartig war der Kuhhandel vergessen und das Herz schlug ihr bis zum Hals. Ein Palast war das, mit Säulen und Spiegeln und riesigen Kronleuchtern. Eine solche Pracht hatte sie noch nie vorher gesehen. Mit großen Augen lief Anna ehrfürchtig hinter ihrer Mutter her.

Die Frauen wollten zuerst zur Modenschau. Hier informierte man sich über die neuesten Modelle und tauschte Tratsch aus den Adelshäusern aus. Auf dem Weg dorthin liefen sie durch die Parfumabteilung, in der es so betörend roch, dass Anna davon ganz schwindelig wurde. Sie gingen nach links zu den Miederwaren, dann zu den Kragen und den Hüten, und dann an den Mänteln, Muffs und Pelzen vorbei. Überall sprudelten Brunnen und unter großen Palmen luden Bänke zum Verweilen ein.

Mehrere Stunden verbrachten Mutter und Tochter im Warenhaus und waren schließlich ganz erschöpft. Doch es hatte sich gelohnt. Zwei neue Kleider hatten sie bekommen. Edle Stücke mit filigranen Spitzenkragen und aus feinstem Stoff. Dazu silberne Ohrringe und Schuhe, feine Seidenstrümpfe und ein neues Mieder sowie einen kleinen Ausgehschirm. Alles war so fein, dass Anna es kaum erwarten konnte, es auf den Bällen zum Tanzen zu tragen. Vor allem die neuen Lackschuhe hatten es ihr angetan.

Sie gingen in ein nahes Kaffeehaus, um sich auszuruhen und dort auf den Zug zu warten. Anna schwärmte noch immer von den tollen Hüten, die sie gesehen hatte und den eleganten Handschuhen. Sie war ganz hingerissen gewesen. So viele Stoffe und Kleider, Hüte und Garnituren, es war einfach überwältigend.

Kapitel 4

Die Neujahrsbälle fanden im Januar statt. Man wollte sich damit wohl die grauen und kalten Wintertage erträglicher machen.

Wie gut Anna in ihrer neuen Garderobe aussah, konnte man an den Gesichtern der umstehenden Männer ablesen, als sie den Saal betraten. Das elfenbeinfarbene Mieder brachte ihre Figur ausgesprochen gut zur Geltung.

Die Schneiderin hatte an dem dunkelgrünen Kleid kaum etwas ändern müssen. Es saß perfekt an ihrem zierlichen Körper, schmiegte sich elegant an ihre schmale Taille, glitt dann schwungvoll über die Hüften und floss in kleinen Kaskaden auf den Boden. Frau von Schellen hatte Anna das Haar mit silbernen Nadeln festgesteckt. Kleine Steinchen waren darin eingefasst, die nun im Licht der Kronleuchter zauberhaft funkelten.

Anna selbst kam aus dem Staunen nicht heraus. In diesem Jahr wirkte alles prunkvoller denn je. Tausende Lichter spiegelten sich facettenreich in den kristallenen Kronleuchtern, orientalische Teppiche, Palmen und Diener im Livree, die umhergingen und den Gästen Gläser mit Champagner reichten.

Da alle Tische in der ersten Reihe bereits besetzt waren, gingen sie zu einem Tisch in der zweiten Reihe. Von hier konnten sie gut die Tanzenden beobachten. Sie selbst waren jedoch vor allzu aufdringlichen Blicken geschützt.

Augusta Henriette gefiel ihr Platz nicht so gut. Sie befürchtete wohl, dass ihrer Tochter in der zweiten Reihe weniger Aufmerksamkeit geschenkt werden würde. Doch ihre Sorge war unbegründet.

Nun spielte auf dem Podest das Regimentsorchester und unter dem Tisch tippelten Annas Füße leise mit. Doch sie musste sich gedulden. Vor dem Tanz gab es noch das Souper mit Lachs und Hummer, Hähnchen und Käse und herrlich duftendem Brot.

Anna aß mit Genuss und sah sich im Saal um. So viele Menschen. Und alle sahen sie ganz prächtig aus. Sie fühlte sich wie auf einem kaiserlichen Empfang. So musste im Sommer die Hochzeit der Kronprinzessin gewesen sein, dachte sie. Glänzend und prunkvoll, mit Königen und Kaisern und Zaren wie im Märchen.

Nach dem Festmahl stimmte das Orchester ein schwungvolles Lied an. Endlich war es so weit und der Tanz begann. Gleich ein Dutzend Paare fanden sich auf der Tanzfläche ein und wirbelten auch schon galant im Kreis herum.

Wie war das alles aufregend. Anna war so fasziniert und von den neuen Tanzschritten in Bann gezogen, dass sie kaum bemerkte, wie ihre Mama und ihr Papa miteinander tuschelten. Erwartungsvoll blickten sich die beiden im Saal um. Wann würde ein Herr an ihren Tisch treten und ihre Tochter zum Tanz auffordern?

Anna war im heiratsfähigen Alter. Und es gab weiß Gott nicht viele Gelegenheiten, um sie angemessen zu präsentieren. Die Neujahrsbälle waren bekannt dafür, Verbindungen zu knüpfen. Doch all das interessierte das junge Fräulein nicht. Sie wollte nur tanzen, sich im Kreis drehen, bis ihr schwindlig wurde, über die Tanzfläche springen, dass der Rock ihres Kleides nur so um sie herum wogte. Genau so stellte Anna sich das Leben vor.

Natürlich hielt sie auch ein Auge auf die jungen Männer im Saal. Denn wie wollte sie tanzen, wenn sie keiner führte. Vielleicht allein? Unvorstellbar, das wäre ein Skandal gewesen. Obwohl es ihr allein mindestens genauso viel Spaß gemacht hätte, da war sie sich sicher.

Sie erinnerte sich, wie sie als kleines Mädchen über die Wiesen gesprungen war und durch den Garten tanzte. Da brauchte sie weder Tanzpartner noch Musik. Die Musik klang ihr doch sowieso im Herzen. Genau wie jetzt. Oder was war das, was sie gerade spürte?

Ganz deutlich pochte ihr Herz in der Brust. War es der Takt des Orchesters? Die schnellen Tanzschritte der Pärchen auf dem Parkett? Oder war es der hübsche Leutnant, der in diesem Moment auf sie zukam?

Der junge Mann ging direkt auf den Tisch der Familie von Schellen zu. Er sah ehrerbietig den Vater an. Doch mit einem gekonnten unmerklichen Seitenblick, schickte er dem hübschen Fräulein ein sanftes Lächeln.

Anna errötete. In ihrem Bauch überschlugen sich nun die soeben verzehrten Köstlichkeiten. Der Bursche in Ausgehuniform, schmalem Kaiserbärtchen und strahlend blauen Augen, trat höflich auf Augusta Henriette zu.

«Dürfte ich ihr liebreizendes Fräulein Tochter um den Tanz bitten?» Augusta Henriette wirkte streng. War das der Richtige? Würde er der Tochter das bieten können, was sie verdiente?

Noch zögerte sie. Doch sie spürte die Hitze und die Aufregung ihrer Tochter. Da konnte sie nicht anders. Ihre Miene löste sich und sie lächelte zustimmend. Ein Tanz konnte nicht schaden. Und schon wenige Augenblicke später schien Anna zu träumen. Sie schwebte übers Parkett, flog durch die Lüfte und landete in den großen Händen ihres Kavaliers. Sie glaubte, sie könnte nie mehr glücklicher sein als in diesem Moment. Ihr Leben lang sollte dieser Tanz andauern, am besten nie enden.

«Es ist ein Glück, jung zu sein», sagte Franz Philipp und klatschte den Takt mit, als die Tochter überglücklich strahlend zurück an den Tisch gebracht wurde. Der Leutnant verbeugte sich galant, hauchte Tochter und Mutter einen Kuss auf die Handschuhe und verabschiedete sich.

«Bis zum nächsten Mal.» Seine blauen Augen funkelten Anna an. Sie war vom Tanzen noch ganz erregt und atmete heftig. Als sie in die Gesichter ihrer Eltern blickte, bemerkte sie die Leidenschaft in den Augen ihrer Mama.

«Warum tanzt ihr nicht?», fragte sie und ihr Papa lachte amüsiert.

«Nein, mein Kind. Tanzen ist etwas für junge Leute. Wir Alten dürfen uns dann an eurem Anblick erfreuen.» Anna sah die Mama an, die gerade erst 43 Jahre alt war. Diese lächelte milde. Doch ihre Enttäuschung konnte sie kaum hinter der aufgesetzten Miene verbergen. Sie hätte sicher gern getanzt. Immerhin war sie über 10 Jahre jünger als Franz Philipp und gehörte sicher noch nicht zu den Alten.

Anna sah sich im Saal um. Die ganze Zeit schon beobachtete sie ein älterer Mann in hellgrauem Frack und Spazierstock. Er trug über dem dicken Oberlippenbart einen vornehmen Zwicker und seine Hand rieb nachdenklich sein Kinn. Der Mann lächelte freundlich zu Anna hinüber.

Seine Blicke waren ihr sogar auf die Tanzfläche gefolgt. Hatte er ihre grazilen Bewegungen wahrgenommen, ihre Wärme gespürt, als sie an seinem Tisch vorbei gewirbelt war? Ihre feine weiße Haut, das zarte Parfum, den Schmuck und ihr Kleid bewundert? Verlegen wandte Anna ihren Blick ab.

Doch kurze Zeit später trat der Herr an ihren Tisch. Seine Verbeugung war steif und militärisch, ebenso wie sein schmales Kinn und der starre Blick. Doch der Doktor begrüßte ihn überschwänglich. Sie kannten einander. Anna nickte nur kurz. Was die Mama mit einem unterdrückten Husten tadelte und ihre Tochter sogleich anstupste, ihres unhöflichen Benehmens wegen. Ungeduldig wand sich Anna von den Tanzenden ab, stand höflich auf und knickste.

Sie sah den Herrn nur flüchtig an, der ihr gegenüberstand und freundlich lächelte.

«Einen Tanz kann ich Ihnen leider nicht schenken. Aber vielleicht hätten Sie die Güte, mir etwas Gesellschaft zu leisten?», fragte er und seine Augen strahlten dabei auffordernd. Anna sah ihre Mama aufgeregt an. Als diese unmerklich nickte, bot Anna freundlich lächelnd dem Herrn ihre Hand und sie gingen ein wenig umher. Interessiert folgten den beiden die Blicke der Mutter.

Der Mann schien ein steifes Bein zu haben. Sein Gang war leicht humpelnd. Natürlich konnte er so nicht tanzen. Doch er war ein ausgezeichneter Unterhalter. Aufmerksam und schmeichelnd führte er Anna an den Fenstern des Saals entlang, redete vom Liebreiz ihrer Person und wie zart ihr Tanz gewesen war, den er zuvor mit angesehen hatte. An den Fenstern stehend verglich er Anna mit den funkelnden Sternen am dunklen Himmel, dieses zarte Schimmern und Flackern, welches sich in ihren Augen widerspiegelte. Sie genoss seine Gegenwart.

«Wollen Sie mir nicht etwas von sich erzählen? Sie sollten weder mich noch den Nachthimmel so loben, wenn Sie beides doch so wenig kennen.» Anna drehte sich zum Fenster und sah zu den Sternen empor. «Wenngleich die Nacht ganz zauberhaft scheint. So sind die Sterne doch nur entfernte Lichter, denen wir niemals näherkommen. Wir aber sind hier.» Anna drehte sich zu dem Mann, der sich als Ulrich Poppenheimer vorgestellt hatte.

«Ja, wir sind hier unten, doch leuchtet ein Stern in dieser Nacht heller als alle anderen.» Herr Poppenheimer nahm Annas Hand und sah ihr tief in die Augen. Dann hauchte er einen zarten Kuss auf ihren Handschuh. Er lächelte sie an.

Anna errötete. In ihr stieg eine Wärme auf, die sie nicht kannte. Erhitzt musste sie sich Luft zufächeln.

Ulrich Poppenheimer war ein gutaussehender Mann. Zwar zogen sich schon erste weiße Strähnen durch das schwarze Haar, doch die kleinen Fältchen um seine strahlenden Augen, wenn er Anna anlächelte, bewirkten ein Kribbeln auf ihrer Haut. Auch wenn er mindestens so alt war wie ihre Mama, wirkte er sehr anziehend auf Anna.

Sie wusste nicht, was es war, aber er interessierte sie. Sie wollte mehr über ihn erfahren. Aufmerksam sah sie zu ihm auf, denn er war fast einen Kopf größer als sie. Anna lauschte seiner klaren tiefen Stimme. Ulrich erzählte ihr von der Zeitung, die ihm zu einem großen Teil gehörte und den faszinierenden Aufgaben, die damit verbunden waren. Obwohl die Zeitung ihn mehr interessierte, musste er die Fabrik seines Vaters übernehmen, denn er war einer der Erben des größten Stahlfabrikanten der Umgebung. Er wuchs schnell in die Fußstapfen des Großfabrikanten, schaffte neue Maschinen an, die die Produktion vereinfachten und schneller machten. Die Zeitung aber war seine Leidenschaft, sie öffnete sein Herz, so schien es Anna, die den Worten des Gentlemans huldvoll lauschte.

Auf einmal schien Anna der Tanz nicht mehr so wichtig zu sein. Die angenehme und interessante Unterhaltung löste ein ganz anderes Gefühl in ihr aus. Plötzlich tanzten tausend Sterne um Anna herum.

Juli 1915, im Zug

Anna sah aus dem Zugfenster. Wie lange war das her? Es kam Anna bereits jetzt schon vor, als wären Jahre vergangen. Dabei war der Neujahrsball im letzten Jahr gewesen. Doch zu viel war in der Zwischenzeit passiert.

Inge sah Anna freundlich an. Sie legte ihr eine Blechdose auf den Schoß.

«Jetzt wird erstmal gegessen.» Inge hatte bemerkt, dass Anna in der letzten halben Stunde in ihren Gedanken versunken gewesen war. Nun wollte sie sie etwas aufmuntern.

Inge nahm ein Butterbrot zur Hand und sah zufrieden aus dem Fenster. Anna sah auf die Brote in der Blechdose.

«Ich habe Angst», flüsterte sie abgewandt dem Fenster zu. Inge nickte verständnisvoll.

«Das haben wir alle, glaub mir. Schreiben hilft», sagte Inge kauend und nickte zu Annas Büchlein. «Viele Mädchen schreiben jetzt Tagebuch. Und zu Hause schreiben die Mütter täglich Briefe an die Front. Ich weiß nicht warum, aber es hilft ihnen in ihrem Kummer.» Inges dicke Backen tanzten beim Kauen auf und ab. Anna war froh, dass sie nicht mehr allein war.

Sie biss von ihrem Butterbrot ab und fühlte sich gleich ein bisschen wohler. Dann schweiften ihre Gedanken wieder ab und sie dachte an Ulrich und wie sie sich nähergekommen waren.

April 1914

«Ich kann nichts sehen. Wer? Wo? Was hat er getan? Ach Mama, bitte, so sag doch wo!»

«Unglaublich! Die jungen Männer sind völlig unerzogen, wo das nur hinführen wird. Nun sieh sich einer das an. Schon wieder. Ganz ungeniert starrt er dem Fräulein dort vorn auf die Knöchel. Und er unterhält sich ganz offensichtlich mit seinem Freund darüber. Nein, so etwas hätte es zu meiner Zeit nicht gegeben.» Entrüstet wendete sich Augusta Henriette von Schellen von der Szene ab.

Anna aber reckte neugierig ihren Kopf. Röte stieg ihr ins Gesicht. Denn die jungen Burschen hatten sie entdeckt und zogen nun keck ihre Zylinder vor ihr. Hoffentlich sah ihre Mama das nicht. Anna schob ihren Arm bei ihr unter und zog sie in Richtung Tribüne.

«Heute ist aber viel los», sagte Anna aufgeregt, als sie sich durch die Menschenmenge drängten.

«Das ist das erste Rennen der Saison, da ist immer viel los. Alle möchten ihre neuen Hüte präsentieren, die schicken Kleider und die noblen Anzüge, den Wohlstand zeigen, in dem sie leben», erklärte Frau von Schellen.

«Recht so. Hier erkennt man, ob Mann oder Maus. Darum gehe ich so gern auf die Rennbahn. Hier kann man die besten Kontakte knüpfen und die interessantesten Gespräche führen», pflichtete ihr Franz Philipp bei.

«Weißt du, mein Kind, hier kannst du genau sehen, wer wer ist und ob er der Richtige für dich ist.» Der Papa zwinkerte kurz und wandte sich dann ab. Da ertönte auch schon der erste Pfiff und alle strömten auf die Tribünen. Auch Familie von Schellen nahm ihre Plätze ein. Der zweite Pfiff und schon ging es los. Die Pferde schossen aus ihren Boxen, zogen wie Pfeile an ihnen vorbei und hinterließen eine große Staubwolke. Anna musste sich sehr zurücknehmen, um nicht wie ein Kind vor Aufregung aufzuspringen.

Mit einem Bündel Tickets in der Hand wedelnd, feuerte Annas Papa seinen Favoriten an. Er schien siegessicher, ob seiner Wahl. Er setzte sich, sprang aber sogleich wieder auf, als die Pferde erneut vorbei galoppierten. Die Menge johlte und pfiff und schrie und klatschte, der Lärm war ohrenbetäubend.

Einige Männer waren auf ihre Stühle gestiegen. Sie wedelten wild mit ihren Händen, hielten sich theatralisch die Augen zu, einer peitschte mit seinem Gehstock wie ein Jockey durch die Luft.

Man hörte vereinzelte Namen. Immer lauter, immer wilder gerieten die Schreie, Zylinder flogen durch die Lüfte und der Gentleman mit dem Gehstock hatte sich vor Aufregung schon selbst einige Schläge verpasst.

Wie gern wäre Franz Philipp dem Beispiel der Männer vor ihm gefolgt, doch die Höflichkeit und der strenge Blick seiner Frau hielten ihn davon ab. Er streckte sich soweit er konnte, um durch das brandende Publikum einen Blick zu erhaschen. Die Pferde preschten an ihnen vorbei, stürmten in die nächste Kurve und verschwanden wieder aus seinem Blickfeld. Das Galoppieren der Tiere war ohrenbetäubend. Der Boden bebte. Franz Philipp schob sich zwischen die Herren der vorderen Reihe und sah gerade noch, wie die Pferde ins Ziel flogen.

Plötzlich brachen ein Tumult und Jubel aus, die Musik begann zu spielen und die Massen stürmten zu den Kassen.

Franz Philipp von Schellen war vorausgegangen und kam seiner Frau und Tochter schon mit einem Bündel Geldscheine entgegen.

«Ich habe es gewusst. Heute ist ein Glückstag», strahlte er seine Familie an. Hinter den von Schellen näherte sich ein Gentleman. Er war groß und schlank, trug einen silbergrauen Anzug mit einem feinen Zylinder. Der dicke silbrig schimmernde Schnauzbart ließ ein Lächeln erahnen. Höflich zog er den Hut und hauchte den beiden Damen einen Kuss auf die behandschuhte Hand.

Anna errötete. Hitze stieg in ihr auf, als sie dem Blick des Mannes begegnete. Es waren Monate vergangen, seit sie Ulrich Poppenheimer beim Neujahrsball begegnet war.

Die junge Frau atmete tief ein, soweit es das enge Mieder zuließ. Dann nickte sie ihm freundlich zu. Mit Wohlwollen bemerkten die Eltern das Interesse auf beiden Seiten.

«Wollen wir ein paar Schritte spazieren gehen?» Ulrich bot Anna seinen Arm an. Sie sah sich nach ihrer Mama um, die ihr aufmunternd zunickte, also ging sie mit.

«Ich habe mich mit Ihrem Papa kürzlich getroffen», sagte er. «Er ist ein interessanter Mann, wie mir scheint, und er spricht in tausend guten Worten von Ihnen. Da wollte ich mir selbst ein Bild machen. Und wie schon auf dem Neujahrsball, muss ich sagen, dass Ihr Papa kein einziges falsches Wort gesprochen hat.»

Anna sah verlegen zur Seite. Da trat Ulrich vor sie, legte seine Hand auf ihren Arm und sah ihr tief in die Augen. Anna spürte ein sanftes Kribbeln im Bauch.

«Ich weiß, dass wir uns noch nicht richtig kennen und ich möchte dies alsbald nachholen.»

Nun überschlugen sich die Gefühle und Gedanken in Annas Kopf. Wie die Pferde auf der Rennbahn galoppierte ihr Herz in der Brust. Sie taumelte und gerade noch rechtzeitig konnte Ulrich Anna auffangen.

Juli 1915, im Zug

Anna erzählte Inge, wie sie Ulrich beim Neujahrsball zum ersten Mal begegnet war und wie sie sich später auf der Rennbahn nähergekommen waren.

«Ulrich führte Mama und mich ins Theater aus. Wir sahen ‹Casanova›. In Berlin war die Operette im Apollo Theater wochenlang ausverkauft gewesen. Das wusste ich von meinem Bruder, der zu gern ins Theater gegangen wäre, wie er mir in seinen Briefen schrieb.

Theater! Wann werden wir je wieder etwas so Leichtes und Unbeschwertes sehen?» Anna seufzte.

«Gut, dass du die Erinnerung hast. Vorerst muss das reichen.» Inge legte Anna tröstend ihren Arm um die Schulter.

«In der Gesellschaft von Ulrich fühlte ich mich wie eine richtige Dame. Ich glaubte, nun sei ich erwachsen und müsse mich auch so verhalten. Ich steckte mir das Haar sorgfältig hoch und kleidete mich hochgeschlossen und vornehm.» Anna sah aus dem Fenster. Die heiße Julisonne hatte das Gras vertrocknen lassen. Grau und braun lag die Landschaft da. Es wirkte alles auf einmal so trostlos auf sie.

«Ist alles in Ordnung?», fragte Inge mit einem Blick auf Annas nachdenkliches Gesicht.

«Es war eine so fröhliche Zeit. Der Frühling ließ die Bäume sprießen und Ulrich ging mit Mama und mir sonntags unter den Platanen spazieren. Zarte grüne Blätter trieben aus den dicken Knospen und Vögel sprangen zwitschernd in den Baumkronen herum. Wie ich diese Leichtigkeit und Freude vermisse.» Anna stockte.

«Bei unseren Spaziergängen erzählte uns Ulrich von seinem Automobil. Er hatte einen Unfall, bei dem er sich das Bein verletzte, das nun steif war. Seitdem stand das Automobil nur herum. Allerdings hatte er weitaus mehr bei dem Unfall verloren als nur die Beweglichkeit seines Beines. Am Rande erwähnte er, dass seine Frau neben ihm gesessen hatte, doch sie wurde bei dem Aufprall so schwer verletzt, dass man ihr Leben nicht retten konnte. Es muss ein schwerer Verlust für ihn gewesen sein, denn er wollte das Thema auf keinen Fall vertiefen.»

Die Erinnerungen zerrten an Annas Gemüt. Sie sah auf ihre Hände, als könne sie damit festhalten, was längst vergangen war. Alles war ihr entglitten. Alles, Ulrich, Ernst, ihre unbeschwerte Jugend.

Was hatte sich nicht alles verändert?

Langsam wurde es Abend und die Landschaft verschwand zunehmend in der Dunkelheit. Anna lehnte sich an Inges weiche Schulter. Sie glitt in einen unruhigen Schlaf und begann zu träumen.

Sie war wieder zu Hause, saß mit ihrer Mama am großen Saalfenster, im Schoß die Stickarbeit. Die Frauen plauderten und lachten heiter. Plötzlich zerriss eine Granate den Kirschbaum im Garten und in staubigen Wolken wirbelten tausende Kirschblüten umher. Ernst stürzte sich auf sein Gewehr und schoss in den undurchdringlichen Nebel auf alles, was sich bewegte. Da fiel Anna Sophia im Sturm der Geschosse, doch niemand konnte den niedersinkenden Körper auffangen.

Der schrille Pfiff des Zuges ließ Anna aus dem Schlaf aufschrecken.

Kapitel 5

«Warum bist du Sanitätsschwester geworden?» Inge flüsterte. Die meisten Mädchen schliefen. Sie aber war hellwach. Die ganze Zeit hatte Inge Anna, ihre Sitznachbarin, beobachtet, wie sie unruhig schlief und träumte.

Anna war eine hübsche junge Frau. Inge konnte sich gut vorstellen, wie sie auf dem Ball in ihrem schönen Kleid getanzt hatte, wie es um ihre weißen Knöchel wogte und die schmalen Füße in glänzenden Schuhen steckten. Jetzt trugen diese zarten Füße viel zu große grobe Schuhe. Inge fragte sich, was ein junges Mädchen aus gutem Hause veranlasste, sich als Lazarettschwester zu melden. Annas Vater war Arzt. Vielleicht steckte auch in ihr das Bedürfnis zu helfen?

Sie selbst hatte kaum eine andere Wahl gehabt. Im Alter von siebzehn Jahren gebar sie ein Kind in dem Krankenhaus, in dem sie dann eine Ausbildung zur Krankenschwester machen konnte. Das Kind wurde ihr sofort genommen. Sie hatte es nicht einmal sehen dürfen. Was aus ihm geworden war, wusste sie nicht.

Ihre Eltern hatten kein Geld. Daher hatte Inge in einem Haushalt als Dienstmädchen gearbeitet. Doch als die Schwangerschaft bekannt wurde, musste sie sofort gehen. Dem Vater des Kindes – der Hausherr – drohte natürlich keine Strafe, trotz ihrer Minderjährigkeit. Das Dienstpersonal gehörte schließlich zum Inventar, das man benutzte, wie man es brauchte.

Inges Eltern bettelten den Arzt an, der die Entbindung vorgenommen hatte, Inge in seine Dienste zu stellen. Schon bald wusste der Arzt die Arbeit des Mädchens zu schätzen. Sie war einfühlsam, aber an der richtigen Stelle konsequent und robust, und sie konnte anpacken. Er setzte sich für sie ein und so konnte Inge eine richtige Ausbildung machen. Das war jetzt über fünfzehn Jahre her. Doch der Verlust des Kindes, über das niemals wieder gesprochen wurde, schmerzte ihr heute noch in der Brust.

Und nun war ihr Anna begegnet. Anna, eine zarte, unschuldige junge Frau, bei der Inge spürte, dass sie jemanden brauchte, eine Freundin, vielleicht eine Schwester, jemand, der ihr zuhörte und beistand.

Anna streckte sich. Ihr tat der Nacken weh und der Rücken war steif. Sie blinzelte den Schlaf aus den Augen und sah Inge nachdenklich an. Was hatte Inge gerade gesagt? Anna gähnte müde. Nun fiel es ihr wieder ein, warum sie Sanitätsschwester geworden sei, hatte sie gefragt.

Nachdenklich rieb sich Anna die Stirn. Sie dachte an ihre Mama, die gemeinsam mit der Apothekerfrau in der Praxis des Vaters eine kleine Notversorgung begonnen hatte, als dieser fort musste. Anna begann zögerlich von zu Hause zu erzählen. Doch dann brachen die Worte nur so aus ihr heraus. Sie sprach von der schönen hellen Praxis ihres Vaters, den vielen dicken Büchern im Regal und dem Totenschädel, der dazwischen stand. Als Kind hatte sie dieser fasziniert und gleichzeitig gegruselt.

«Es gab plötzlich keine Ärzte mehr in der Nähe. Alle sind sie in die Lazarette berufen wurden. Das ist doch bei euch sicher auch so? Sogar die Landhebammen und Ordensschwestern mussten gehen. Alle weg.

Manchmal half ich Mama und Frau Schubert, unserer Apothekerfrau. Sie war eine alte sanftmütige Frau mit einem großen Wissen an Kräuterheilkunde. Doch keine von uns hatte eine richtige medizinische Ausbildung. So fasste ich eines Tages den Entschluss, mich als Schwesternschülerin zu melden. Damit ich Mama besser helfen könnte. Und dann kam irgendwann der Bescheid. Und nun bin ich hier.» Anna lächelte sie zaghaft an.

«Und das freut mich. Dann bin ich nicht allein.» Inge umarmte Anna fest und Anna spürte Wärme und Vertrautheit von dieser Fremden ausgehen. Ihre innere Anspannung und die Ängste wurden weniger, zumindest für einige Zeit.

Juni- Oktober 1914

Der Sommer 1914 war herrlich. Es war warm und sonnig und alle genossen die Zeit draußen im Grünen. Auch Anna und Ulrich, die mit Picknickkorb und Decke zum See gingen. Anna war sehr aufgeregt. Sie war noch nie mit Ulrich richtig allein gewesen, ohne Mama und Anstandsdame.

Als Kind war sie mit den Eltern zum Baden an den See gegangen. Sie konnte sogar ein wenig schwimmen. Aber nun war sie kein Kind mehr. Zum See gehen, bedeutete heute etwas anderes als in ihren Kindertagen. Es war ein richtiges Rendezvous. Sie war eine junge Frau und traf sich in der Öffentlichkeit mit einem Mann. Ein Mann, der bereits verheiratet gewesen war und sie, eine junge Frau, die die Geheimnisse der Liebe noch nicht kannte. Doch sie konnte es kaum erwarten, diese zu entdecken.

Ulrich breitete die Decke unter den Birken aus, damit sie nicht in der Sonne sitzen mussten. Er hatte sogar an Kissen gedacht. Ulrich war sehr aufmerksam und galant. Dass er fast dreißig Jahre älter war, störte Anna nicht. Sie war ganz angetan von Ulrichs Schmeicheleien und Aufmerksamkeiten. An seiner Seite würde sie ein gutes Leben führen, da war sie sich sicher.

Sie blinzelte in die Sonne und sah zum See hinüber. All die Kinder und jungen Leute, die dort am Ufer spielten, schienen ihr nun so weit entfernt zu sein. Sie war eine junge Frau. Eine Frau, die nicht mehr durchs Wasser lief, dass es spritzte. Eine Frau, die feine weiße Handschuhe trug und einen hübschen Strohhut.

So elegant wie möglich setzte sich Anna in den lichten Schatten der Birken und zupfte den karierten Rock zurecht. Wie der Sommer in Person, hatte Ulrich gesagt, als er sie zum Picknick abgeholt hatte und mit ihr an seinem Arm zum See hinunterspazierte, Anna mit feinem Ausgehschirm und Ulrich mit Spazierstock.

Es war einfach herrlich. Richtig elegant und weltgewandt fühlte sie sich. Und Ulrich? Er liebte ihre frische Jugend. Das schmale Gesicht, die zarte rosafarbene Haut und die strahlenden neugierigen Augen. Annas wippender Gang, als wollte sie gleich davonspringen, hatte eine heitere Wirkung auf Ulrich. Er spürte, wie sehr sie sich zügelte und welche Anstrengung es sie kostete, eine richtig vornehme Dame zu sein. Das machte sie so zauberhaft.

Ihr langes braunes Haar glänzte nun golden in der Nachmittagssonne und wenn sie lachte, röteten sich ihre hellen Wangen auf ganz charmante Weise. Sie war ein Goldschatz, dachte Ulrich. Er strich sich gedankenverloren über den Bart. Diese zarte wunderbare Blüte musste seine Frau werden.

Sie aßen von den Köstlichkeiten, die Mama und Käthie eingepackt hatten, frische Trauben und Gebäck, Äpfel und Käse und dazu Kaffee. Sie plauderten angeregt und beobachteten die Kinder und jungen Leute, die ausgelassen am Wasser spielten.

«Ist es nicht wunderbar?», fragte Anna. Sie schien sehr glücklich zu sein und die ganze Welt in einem Atemzug umarmen zu wollen. Ulrich lächelte sie an.

«Was ist so wunderbar?»

Anna ließ ihren Blick schweifen. Sie sog die ganze Umgebung in sich auf.

«Es ist wie ein Bild. Da, der kleine Steg, der in den See ragt, so zart und zerbrechlich und doch hält er den wilden Sprüngen der Kinder stand. Darunter im Wasser tummeln sich ein paar Jungen, die unter die Oberfläche abtauchen, um an einer anderen Stelle sprudelnd und Wasser spuckend wieder aufzutauchen. Auf der Wiese liegen die Eltern in ihrem Glück über so prächtige Kinder. Und um den See herum wiegt sich das kleine Wäldchen leise rauschend im Sommerwind. Weiße Wölkchen ziehen gemächlich über den Himmel, wie ein Hauch von einem Künstler ins Bild gesetzt.»

«Ach, Fräulein Anna, mit Ihren Augen möchte ich auch die Welt sehen.» Er pflückte ein Gänseblümchen und steckte es an ihrem Strohhut fest. Dabei streichelte er ihr sanft über die Wange.

«Anna, darf ich Sie etwas fragen? Ich muss es jetzt einfach tun. Können Sie sich vorstellen, meine Frau zu werden? Sie sind das Liebreizendste, was ich je kennengelernt habe. Ich möchte mein Leben mit Ihnen teilen.» Er hatte ihre Hände genommen und küsste die schmalen Finger.

Annas Brust bebte. Ihr Atem ging so schnell, dass sie fast ohnmächtig wurde. Sie vergaß die spielenden Kinder am Ufer und die lachenden Eltern im Gras. Das kleine Wäldchen schloss sich um sie herum. Jetzt waren nur noch sie beide hier auf dieser Wiese unter den Bäumen, nur noch sie und Ulrich. Leise rauschten die Blätter im warmen Sommerwind. Ulrich hielt Anna fest und sah ihr tief in die Augen. Alles begann sich um sie herum zu drehen. Er beugte sich langsam nach vorn, dann berührten seine Lippen sanft die ihren. Anna wurde heiß und kalt. Sie zitterte am ganzen Körper und ihr wurde schwindelig. Der Kuss war lang und voller zärtlicher Wärme gewesen.

Langsam kam Anna wieder zu sich, als Ulrich sich von ihr gelöst hatte. Noch immer hielt er ihre zitternden Hände. Anna war wie erstarrt. Sie wusste nicht, was sie nun tun sollte. Verlegen strich sie ihren Rock glatt und wich Ulrichs Blicken aus. Noch immer war ihr Gesicht rot und ihr Herz raste. Ulrich lächelte sie aufmunternd an.

«Darf ich das als Zustimmung werten?», fragte Ulrich. Nur unmerklich nickte Anna und lächelte verträumt den Butterblumen auf der Wiese zu.

Den Rest des Picknicks verbrachte sie allerdings mit Hochzeitsträumereien. Sie erzählte Ulrich von weißen Schwänen und dreistöckigen Torten, von schwebenden Blütenblättern und einem märchenhaften Kleid. «Natürlich nur, wenn Papa zustimmen wird.»

Am Abend saßen die Männer des Hauses im Garten zusammen. Franz Philipp, Ernst und Ulrich unterhielten sich, während die Frauen im Haus Sachen für die bevorstehende Hochzeit zusammentrugen.

Nach ihrem Picknick hatten Anna und Ulrich den Eltern und Ernst, der zurzeit auf Besuch war, von ihrer Verlobung erzählt. Augusta Henriette hatte Tränen in den Augen, als sie die Tochter umarmte und küsste und den Schwiegersohn herzlich willkommen hieß. Anna schwebte wie auf Wolken. Ihre Aufregung konnte sie nur schwer verbergen.

«Komm, lass uns mal sehen, was wir alles für dich haben», sagte die Mama und nahm Anna mit ins Haus. Die Männer blieben im Garten zurück und von der Hochzeit kam man schnell zur Politik. Die Themen wurden ernster, die Stimmen sachlicher. Und die Mienen finsterer.

«Die Militärs machen mobil», sagte Ernst. «In Berlin heißt es, dass es zu einem Krieg kommen wird.»

«Ach was. Das ist doch alles nur Geschwätz.» Franz Philipp winkte ab. «Wir haben seit fünfzig Jahren Frieden. Und sieh dich doch um, wie gut es uns dabei geht.»

«Uns ja, Papa. Aber nicht allen geht es so gut. Außerdem geht es um politische Interessen und Macht.»

«Das stimmt. Allerdings, wenn der Kaiser auf seine Diplomaten hört, wird sich das wieder beruhigen.» Ulrich wirkte nun ernst. Er zog an seiner Zigarre und blies graue Rauchwolken in die noch warme Abendluft.

«Die Diplomaten werden einknicken. Sie werden unter Druck gesetzt. Wenn ihr es euch genau anseht, sind wir eingekesselt. Frankreich und Russland halten Preußen wie in einer Zange.» Ernsts Stimme wurde lauter. Sie hallte bis zum Haus hinüber und flog durch die Fenster in die Stube, in der die Frauen Laken und Tischwäsche sortierten und lachend über die bevorstehende Hochzeit redeten. Von der hitzigen Debatte im Garten bekamen sie nichts mit.

«Preußen steht nicht allein. Österreich-Ungarn steht an seiner Seite», tönte Franz Philipp nun patriotisch. «Und der russische Zar ist schließlich der Vetter unseres geliebten Kaisers. Der wird niemals in den Krieg gegen Preußen treten.»

«Ich weiß nicht. Russland hat ein Bündnis mit Serbien und Österreich hat so seine Differenzen mit den Osmanen. Außerdem sind, wie Ernst schon richtig gesagt hat, Frankreich und Russland verbündet. Da ist Preußen ziemlich eingeschlossen.» Ulrich wurde nachdenklich. Er war nicht so hitzig wie Ernst. «Ein Krieg wäre allerdings für die Wirtschaft ein Gewinn. Krieg war schon immer ein Antrieb der Wirtschaft. Obwohl ich mich nicht beschweren kann. In meiner Fabrik laufen die Maschinen rund um die Uhr. Stahl ist derzeit sehr gefragt.»

Die Frauen kamen angeregt plaudernd über die Terrasse, ein Tablett mit Tee und Cognac in den Händen.

«Na, bei welchem Thema unterbrechen wir euch?», fragte Augusta Henriette belustigt, als sie die ernsten Gesichter sah.

«Ihr habt doch hoffentlich nicht über die Aussteuer gesprochen? So übel sieht die nämlich gar nicht aus.» Sie lachte und auch die Mienen der Männer lösten sich. Der Cognac wurde eingeschenkt und herumgereicht.

«Auf die Braut», sagte Ernst und hielt sein Glas in die Luft. «Das schönste Mädchen, das Preußen je hervorgebracht hat.»

«Hört, hört», rief der stolze Papa. Die Gläser klirrten und Gelächter breitete sich von der Terrasse der von Schellen in die laue Juninacht aus.

Schon wenige Tage später war ans Heiraten nicht mehr zu denken. Die Nachricht vom Attentat auf das österreichische Thronfolgerpaar füllte alle Zeitungen. Anna und Ulrich mussten die Hochzeit verschieben.

«Ach, ich mag mir so etwas Scheußliches gar nicht vorstellen. Warum tut jemand so etwas, Papa?» Anna ging mit ihrem Papa im Garten spazieren. Sie hatte gerade erst mit der Mama das Brautkleid bei der Schneiderin abgeholt, wollte sich über die Hochzeit freuen und nun wurde überall nur noch von diesem Attentat und von Krieg gesprochen. Anna war das alles zuwider. Sie hasste Politik. Sie verstand nicht, warum nun das ganze Leben stillstand. Doch sie machte sich auch Sorgen.

«Wenn es nun Prinzessin Viktoria Luise und Prinz Ernst August getroffen hätte, nein, wäre das schlimm gewesen.» Anna war völlig aufgewühlt. Nicht nur, dass ihre Hochzeit verschoben wurde, auch dass man mit dem Attentat die Monarchie angriff, war für die junge Frau ein Schock. Kaiser und Krone waren für die von Schellen unantastbar und ein fester Teil ihrer Überzeugung.

«Ist Sarajevo weit weg?», fragte Anna und zupfte gedankenverloren an den Jasminblättern.

«Weit genug», versuchte der Papa sie zu beruhigen. Die Rosenbüsche blühten schöner denn je und unter den Hortensien lag die Katze des Nachbarn und döste.

«Sarajevo gehört zu Österreich-Ungarn. Es liegt in Bosnien und Herzegowina und ist weit weg. Eigentlich war das Thronfolgerpaar zu einem Besuch dort. Die Zeitungen schreiben, dass der Schütze Serbe ist. Ein Nationalist. Es gibt wohl in dieser Gegend eine kleine Bewegung, die gegen die Annexion von Bosnien und Herzegowina durch die österreich-ungarische Monarchie ist. Aber du brauchst dir darüber keine Gedanken machen. Denk lieber an etwas Schönes, zum Beispiel welche Blumen du in deinen Brautstrauß möchtest. Diese, oder diese oder vielleicht diese dort?» Nacheinander zeigte Franz Philipp auf einige Rosen und dann auf die schläfrige Katze, die sich streckte und zum Schlafen umdrehte. Er wollte seine Tochter aufmuntern. Die ganze Sache bereitete ihr wohl Sorgen, so schien es ihrem Vater.

Franz Philipp tätschelte die Hand seiner Tochter, die mit ihm Arm in Arm wieder zum Haus zurückging. Beruhigt fühlte sich Anna dadurch nicht, denn sie spürte das Zittern in seiner Stimme, das seine eigene Unsicherheit verkündete. Doch sie lächelte ihn an und plauderte über Teegeschirr und Kristallkaraffen, die sie mit der Mama im Warenhaus gesehen hatte.

Das Attentat löste in Österreich-Ungarn Entsetzen aus. Der Kaiser konnte nicht untätig bleiben, er musste reagieren. Und schließlich, am 28.Juli 1914, erklärte die Doppelmonarchie Serbien den Krieg.

Das Deutsche Reich hielt die Luft an. Es war seltsam still überall. Rastlos ging Anna umher. Nahm ein Buch und legte es beiseite. Stieg die Treppe zur Kammer hinauf, strich gedankenverloren über die zarten Schleifen an ihrem Brautkleid, das an der Schranktür hing. Ging zum Fenster und sah in den Garten und stieg dann wieder träge die Treppe hinab.

Sie hatte keine Vorstellung, was Krieg eigentlich war und was die Kriegserklärung von Österreich-Ungarn für Preußen bedeuten würde. Aber es schien ihr, als würden alle auf etwas warten.

Wenige Tage später brach der Sturm los. Am 1. August rief das Kaiserreich den Krieg aus. Glocken läuteten und auf den Straßen jubelte die Menge. Frauen weinten und winkten und jubelten. Menschen fielen sich in die Arme und Blumen flogen durch die laue Sommerluft. Es war unbeschreiblich. Eine Aufbruchstimmung wie in ein neues fabelhaftes Leben.

Alle glaubten an einen schnellen Sieg. Deutsche Soldaten drängten durch die Straßen zu den Kasernen. Die Euphorie steckte alle an. Alle außer Anna.

«Wir sollten den Krieg abwarten. Die Hochzeit wird dann umso schöner werden. Du möchtest doch sicher Ernst mit dabeihaben?» Ulrich kniete vor der weinenden Anna. In ihr war eine Welt zusammengebrochen. Während sich anscheinend alle anderen über den Kriegseintritt Preußens freuten, war sie untröstlich, denn es bedeutete den Aufschub der Hochzeit. Seit Wochen hatte sie sich darauf gefreut, als Braut auf ihrer Hochzeit zu tanzen.

Natürlich wollte sie nicht ohne Ernst heiraten und eine große Feier wäre wohl nicht angebracht, solange Krieg war. Aber warum musste denn überhaupt Krieg sein? Und was hatte Preußen mit all dem zu tun? Anna verstand die Welt nicht mehr. Vor kaum fünf Wochen noch hatte sie so glücklich mit Ulrich am See gelegen und seine Lippen auf den ihren gespürt und nun, nun sollte sie warten? Anna seufzte traurig. Ihre Lippen bebten unter ihrem Schluchzen.