Die Königin der Flammen - Anthony Ryan - E-Book

Die Königin der Flammen E-Book

Anthony Ryan

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Beschreibung

Der spannende Abschlussband der Rabenschatten-Trilogie Der außergewöhnliche Kämpfer Vaelin Al Sorna muss seiner Königin beistehen, ihr Reich zu retten. Der Feind hat jetzt aber einen gefährlichen Mitstreiter, dessen Kräfte unheilvoller sind, als alles, was Vaelin bisher kannte. Und Vaelin spürt, dass seine besondere Gabe, »das Lied« in seinem Blut, langsam verklingt. Wird es noch stark genug sein, um die tückischen Feinde abzuwehren? Nach Königin Lyrnas Rückkehr in die Vereinigten Königslande liegt das Volk ihr zu Füßen. Auf den Schultern von Vaelin Al Sorna lastet dagegen der Siegesruhm schwer. Das besagt auch sein neuer Name: Herr über die Schlachten des Reiches. Derweil zieht im fernen Volaria eine neue Bedrohung auf, die die ganze Welt in Chaos und Vernichtung stürzen könnte. Der grausame »Verbündete« hat überall seine Marionetten und will in allen Ländern die Macht an sich reißen. Menschliches Leben kümmert ihn nicht. Um ihn aufzuhalten, müssen Königin Lyrna, Vaelin und ihre Mitstreiter zu ihrem bislang größten Feldzug aufbrechen, von dem es vielleicht keine Rückkehr mehr gibt.

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Seitenzahl: 1320

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Anthony Ryan

Die Königin der Flammen

Rabenschatten 3

Aus dem Englischen übersetztvon Sara Riffel & Birgit Maria Pfaffinger

Klett-Cotta

Impressum

Hobbit Presse

www.hobbitpresse.de

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

»Queen of Fire. A Raven’s Shadow Novel« im Verlag ACE Books,

The Penguin Group (USA) Inc., New York 2015

© 2015 by Anthony Ryan

Für die deutsche Ausgabe

© 2016 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Datenkonvertierung: r&p digitale medien, Echerdingen

Printausgabe: ISBN 978-3-608-96019-8

E-Book: ISBN 978-3-608-10059-4

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Inhalt

Erster Teil

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Für Rod, Helen, Amber und Kyle

Erster Teil

◆ ◆ ◆

Der Rabe ruhet nie

Auf ewig wandert sein Schatten

Über die Erde.

— Seordahnisches Gedicht, anonym —

Verniers’ Bericht

Als ich mit meiner Gefangenen am Kai eintraf, stand er bereits da und wartete. Aufrecht wie immer. Das kantige Gesicht dem Horizont zugewandt.Er hatte sich fest in seinen Mantel gehüllt, um sich vor dem kalten Wind zu schützen. Meine ursprüngliche Überraschung, ihn dort vorzufinden, ließ nach, als ich das auslaufende Schiff sah. Es war meldeneischer Bauart, mit schlankem Rumpf, und auf dem Weg in die Nordlande. An Bord befand sich ein wichtiger Passagier, den er – wie ich wusste – sehr vermissen würde.

Er drehte sich um und blickte uns entgegen, ein schmales, wachsames Lächeln auf den Lippen, und mir wurde klar, dass er wohl gewartet hatte, um Zeuge meiner Abreise zu sein. Seit der Befreiung Alltors hatten wir uns kaum gesehen und selbst dann nur kurz: Das unaufhörliche Kriegsgetümmel und die merkwürdige Krankheit, die ihn nach seinem inzwischen legendären Angriff heimgesucht hatte, nahmen ihn zu sehr in Anspruch. Die Erschöpfung hatte seine einst von Stärke kündenden Gesichtszüge in eine schlaffe, lethargische Maske verwandelt, seine Augen waren rot unterlaufen und seine durchdringende – wenn auch heisere – Stimme war ein monotones Krächzen. Doch wie ich jetzt sehen konnte, war die Müdigkeit fast verschwunden: Offenbar hatten die letzten Schlachten ihm neue Kraft verliehen, und ich fragte mich, ob Blut und Grauen ihn stärker machten.

Er deutete eine förmliche Verbeugung an. »Euer Lordschaft.« Dann nickte er meiner Gefangenen zu. »Meine Dame.«

Fornella erwiderte das Nicken schweigend und blickte ihn ausdruckslos an, während ihr der salzige Wind das rotbraune Haar zerzauste, in dem sich eine einzelne graue Strähne zeigte.

»Ich habe bereits ausreichende Anweisungen erhalten …«, begann ich, doch Al Sorna winkte ab.

»Ich bin nicht hier, um Euch Anweisungen zu erteilen, Euer Lordschaft. Ich möchte mich lediglich verabschieden und Euch für Euer Vorhaben viel Glück wünschen.«

Ich beobachtete sein Mienenspiel, während er meiner Antwort harrte. Sein Lächeln war kleiner geworden, die schwarzen Augen wachsam. Ist das die Möglichkeit?, dachte ich. Sucht er etwa Vergebung?

»Vielen Dank, Euer Lordschaft«, erwiderte ich und hängte mir die schwere Segeltuchtasche über die Schulter. »Aber wir müssen vor der Morgenflut an Bord sein.«

»Selbstverständlich. Ich werde Euch begleiten.«

»Wir brauchen keine Wache«, sagte Fornella schroff. »Ich habe mein Wort gegeben, und Euer Wahr-Sager hat es bestätigt.« Das stimmte. Wir waren am Morgen ohne jegliche Eskorte oder Formalität aufgebrochen. Der neu eingesetzte Hof der Vereinigten Königslande hatte weder Zeit noch Muße für Zeremonien.

»Das weiß ich, ehrenwerte Bürgerin«, antwortete er in gebrochenem Volarianisch. »Aber ich habe … eine Botschaft für diesen Graugekleideten.«

»Freien Volarianer«, verbesserte ich ihn, ehe ich in die Sprache der Königslande wechselte. »Die graue Kleidung deutet eher auf den wirtschaftlichen als auf den gesellschaftlichen Status hin.«

»Ah, da habt Ihr selbstverständlich recht, Euer Lordschaft.« Er trat zur Seite und bedeutete mir, meinen Weg über den Kai zu der langen Reihe von meldeneischen Kriegsgaleeren und Handelsseglern fortzusetzen. Unser Schiff lag, wie es sich gehörte, ganz außen vertäut.

»Bruder Harlicks Geschenk?«, fragte er und deutete mit dem Kinn auf meine Tasche.

»So ist es. Fünfzehn der ältesten Bücher der Großen Bibliothek. Jene, die mir in der kurzen Zeit, die ich im Archiv des Bruders verweilen durfte, besonders nützlich erschienen.« Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass der Bibliothekar mir meine Bitte abschlagen würde. Stattdessen hatte er freundlich genickt und einen seiner Untergebenen angeherrscht, die entsprechenden Schriftrollen von den Wagen seiner fahrbaren Bibliothek zu holen. Ich wusste, dass Bruder Harlicks scheinbarer Gleichmut angesichts dieses Diebstahls zumindest teilweise von seiner Gabe herrührte; schließlich konnte er jederzeit neue Niederschriften anfertigen. Und dabei musste er sich nicht länger verstecken: Die Notwendigkeit, derlei Dinge im Verborgenen zu tun, war verschwunden. Jetzt, da das Dunkle, wie sie es nannten, kein Geheimnis mehr war und in der Öffentlichkeit erörtert wurde, konnten die Begabten ihre Fähigkeiten ohne Furcht vor Folter oder Hinrichtung einsetzen. Zumindest theoretisch. Ich sah Angst – und Neid – in den Gesichtern derer, die über kein besonderes Talent verfügten, und fragte mich, ob die Begabten nicht besser im Schatten geblieben wären. Doch konnten Schatten dem Feuer des Krieges trotzen?

»Glaubt Ihr wirklich, dass Ihr darin einen Hinweis auf ihn finden werdet?«, fragte Al Sorna, als wir zum Schiff gingen. »Auf den Verbündeten?«

»Ein derart verderbtes und mächtiges Geschöpf hinterlässt zwangsläufig Spuren«, antwortete ich. »Historiker sind Jäger, Euer Lordschaft. Im Dickicht von Briefwechseln und Memoiren suchen wir nach Zeichen, stellen unserer Beute auf der Fährte der Erinnerung nach. Ich erwarte nicht, einen vollständigen, unverfälschten Bericht über dieses Ding zu finden – sei es nun Tier, Mensch oder etwas anderes. Dennoch muss es Hinweise hinterlassen haben, und ich beabsichtige, es aufzuspüren.«

»Dann nehmt Euch in Acht, denn ich glaube nicht, dass Eure Nachforschungen unbemerkt bleiben werden.«

»Eure ebenso wenig.« Ich hielt inne und betrachtete sein Profil. Er sah besorgt aus. Wo ist seine Gewissheit geblieben?, dachte ich. Bei unseren früheren Begegnungen war sie eine seiner lästigsten Eigenschaften gewesen – diese unerbittliche, unerschütterliche Gewissheit. Jetzt war er nur ein grimmiger, sorgengeplagter Mann, den die Aussicht auf bevorstehendes Ungemach belastete.

»Die Hauptstadt zu erobern wird nicht leicht werden«, sagte ich. »Am Klügsten wäre es, wenn Ihr und Eure Leute bis zum Frühling hierbleibt und neue Kräfte sammelt.«

»Klugheit und Krieg gehen selten Hand in Hand, Euer Lordschaft. Und Ihr habt wahrscheinlich recht damit, dass der Verbündete alles sieht.«

»Warum also …?«

»Wir können nicht einfach hier sitzen und auf seinen nächsten Schachzug warten. Ebenso wenig wie Euer Kaiser sich darauf verlassen kann, dass der Verbündete ihn unbehelligt lässt.«

»Ich weiß ganz genau, welche Nachricht ich dem Kaiser zu überbringen habe.« Der Lederbeutel mit der versiegelten Schriftrolle, den ich um den Hals trug, wog schwer – schwerer noch als die Büchertasche, deren Gewicht ein Vielfaches betrug. Nichts weiter als Tinte, Papier und Wachs, dachte ich. Und doch könnte es den Ausschlag dafür geben, dass Millionen in den Krieg geschickt werden.

Vor dem Schiff angekommen, blieben wir stehen. Es handelte sich um ein breites, meldeneisches Handelsschiff, das noch Spuren der Schlacht bei den Zähnen aufwies: Die Planken waren rußverschmiert, Klingen und Pfeilspitzen hatten Narben in der Reling hinterlassen, und die eingerollten Segel waren geflickt. Mein Blick wanderte zu der kurvigen Galionsfigur, die – obwohl ihr fast die komplette untere Gesichtshälfte fehlte – nach wie vor leicht zu erkennen war. Am Ende des Stegs stand der Kapitän, die dicken Arme vor der Brust verschränkt, das Gesicht finster und mir nur allzu vertraut.

»Hattet Ihr zufällig etwas mit der Auswahl dieses Schiffes zu tun, Euer Lordschaft?«, fragte ich Al Sorna.

Seine Augen funkelten belustigt, und er zuckte mit den Schultern. »Reiner Zufall, das kann ich Euch versichern.«

Seufzend stellte ich fest, dass in meinem Herzen kein Platz für weitere Feindseligkeit war. Dann wandte ich mich zu Fornella um und wies auf das Schiff. »Ehrenwerte Bürgerin. Ich komme gleich nach.«

Ich sah, wie Al Sornas Blick ihr folgte, als sie mit ihrer üblichen, jahrhundertelang einstudierten Anmut über den Steg an Bord schritt. »Ganz gleich, was der Wahr-Sager kundgetan hat«, erklärte er mir, »Ihr solltet ihr keinesfalls trauen.«

»Ich war lange genug ihr Sklave, um diese Lektion gelernt zu haben.« Bei diesen Worten schulterte ich erneut meine Tasche und nickte Al Sorna zum Abschied zu. »Nun denn, Euer Lordschaft. Ich kann es kaum erwarten, alles über Euren Feldzug zu hören …«

»Ihr hattet recht«, unterbrach er mich, und das wachsame Lächeln umspielte wieder seine Lippen. »Die Geschichte, die ich Euch erzählt habe. Sie war nicht … vollständig.«

»Ihr meint wohl, nicht wahr.«

»Ja.« Das Lächeln verschwand. »Aber ich denke, dass Ihr die Wahrheit verdient habt. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie dieser Krieg ausgehen wird oder ob wir beide ihn überleben. Aber falls doch, erzähle ich Euch alles. Darauf gebe ich Euch mein Wort.«

Ich hätte ihm dankbar sein sollen, das weiß ich. Welchen Gelehrten verlangt es nicht danach, von einem Mann wie ihm die Wahrheit zu erfahren? Doch als ich ihm in die Augen blickte, war ich nicht dankbar, sondern konnte nur an einen Namen denken: Seliesen.

»Ich habe mich stets gefragt«, sagte ich, »wie ein Mann, der so vielen das Leben genommen hat, unbeschwert auf Erden wandeln kann. Wie kann ein Mörder mit der Last seiner Tat leben und sich nach wie vor als Mensch bezeichnen? Doch nun bin auch ich ein Mörder, und meine Schuld belastet mich kein bisschen. Allerdings habe ich einen schlechten Mann getötet. Ihr dagegen einen guten.«

Ich wandte mich ab und ging an Bord des Schiffes, ohne mich noch einmal umzusehen.

Erstes Kapitel

Lyrna

Der Schnee weckte sie. Sanfte, eisige Liebkosungen auf der Haut – kitzelnd, aber nicht unangenehm – riefen sie aus der Dunkelheit zurück. Es dauerte einen Augenblick, bis die Erinnerung wiederkehrte, und selbst dann war sie nur bruchstückhaft, ein Durcheinander aus Bildern und Gefühlen, beherrscht von Angst und Verwirrung. Iltis, der brüllend und mit gezücktem Schwert angriff … Das Scheppern von Stahl … Eine harte Faust, die ihr Gesicht traf … Und der Mann … Der Mann, der sie verbrannte.

Lyrna öffnete den Mund, um zu schreien, bekam jedoch nur ein Wimmern heraus. Sie rang nach Atem, und kalte Luft drang in ihre Lunge. Ihr war, als würde sie von innen heraus erfrieren, und sie staunte, dass sie an Kälte sterben sollte, nachdem sie so schlimm verbrannt worden war.

Iltis!, schoss es ihr durch den Kopf. Iltis ist verletzt! Vielleicht sogar tot!

Sie nahm ihre ganze Kraft zusammen, um aufzustehen und – so laut ihre königliche Stimme es vermochte – nach einem Heiler zu rufen. Doch sie brachte kaum ein Stöhnen zustande, und lediglich ihre Hand zuckte ein wenig, während der Schnee sie weiterhin mit kühlen Berührungen liebkoste. Wut flammte in ihr auf und vertrieb die Kälte aus ihrer Lunge. Ich muss mich bewegen! Ich gehe doch nicht hier im Schnee zugrunde wie ein herrenloser Köter! Erneut sog sie Luft ein und stieß einen Schrei aus, in den sie jedes Gran Stärke und Wut legte, das sie besaß. Einen entschlossenen Schrei, den Schrei einer Königin … Doch was an ihre Ohren drang, war nicht viel mehr als ein rasselnder, zwischen den Zähnen hervorgepresster Lufthauch. Zugleich vernahm sie allerdings noch etwas anderes.

»… dafür gibt es hoffentlich einen guten Grund, Feldwebel«, sagte eine barsche Stimme. Durchdringend, knapp und schneidig. Die Stimme eines Soldaten, begleitet von Stiefelknirschen.

»Der Turmherr hat gesagt, wir sollen ihn gut behandeln, Hauptmann«, erwiderte eine andere Stimme mit nilsaelischem Akzent; sie war älter und weniger streng. »Ihm mit Respekt begegnen. Und den anderen Leuten vom Kap ebenfalls. Al Sorna scheint großen Wert darauf zu legen. So wirkt es jedenfalls, auch wenn er kaum mehr als zwei Wörter am Stück redet.«

»Den Leuten vom Kap«, sagte der Hauptmann jetzt mit leiserer Stimme. »Denen wir es zu verdanken haben, dass es im Spätsommer schneit …« Er verstummte, und das Knirschen von Schritten wich dem Geräusch rennender Männer.

»Hoheit!« Jemand packte sie an den Schultern, sanft aber bestimmt. »Hoheit! Seid Ihr verletzt? Könnt Ihr mich hören?«

Lyrna bekam wieder nur ein Stöhnen heraus und spürte, wie ihre Hände erneut zuckten.

»Hauptmann Adal.« Der Feldwebel klang erstickt und ängstlich. »Ihr Gesicht …«

»Ich habe Augen im Kopf! Der Turmherr soll in Bruder Kehlans Zelt kommen! Und schickt ein paar Männer, um Lord Iltis zu tragen. Aber kein Wort von der Königin. Verstanden?«

Noch mehr Stiefelknirschen. Dann spürte Lyrna, wie sich etwas Warmes, Weiches auf sie legte und sie von Kopf bis Fuß bedeckte. Ihr vor Kälte starrer Rücken und ihre steifen Glieder zitterten, als sie hochgehoben wurde. Anschließend sank sie in die Dunkelheit und merkte nicht mehr, wie sie vom Laufschritt des Hauptmanns, der sie davontrug, durchgeschüttelt wurde.

◆ ◆ ◆

Als sie zum zweiten Mal aufwachte, war er da. Ihr Blick wanderte über ein Zeltdach und kam schließlich auf ihm zu ruhen. Er saß neben dem Feldbett, auf das man sie gelegt hatte. Auch wenn seine Augen dieselbe rote Trübung wie tags zuvor aufwiesen, war sein Blick jetzt klarer, fokussierter und ging ihr durch und durch, während er sich vorneigte. Er hat mich verbrannt … Lyrna schloss die Augen und drehte sich weg, unterdrückte das Schluchzen, das in ihrer Brust aufstieg. Als sie sich gesammelt hatte und sich wieder zu ihm umwandte, kniete er mit geneigtem Kopf vor ihrer Pritsche.

»Hoheit«, sagte er.

Sie schluckte und versuchte zu sprechen, obwohl sie nicht damit rechnete, mehr als ein Krächzen herauszubekommen. Umso überraschter war sie, als ihre Antwort relativ klar verständlich ausfiel. »Lord Al Sorna. Wie geht es Euch heute?«

Er hob den Kopf und sah sie mit seinen durchdringenden schwarzen Augen an. Am liebsten hätte sie ihn zurechtgewiesen, dass es unhöflich sei, andere so zu anzustarren – ganz besonders eine Königin –, doch sie wusste, wie kleinlich das geklungen hätte. Jedes Wort muss sorgfältig gewählt werden, hatte ihr Vater ihr einst erklärt. Alles, was der Träger der Krone sagt, bleibt den Leuten in Erinnerung – oft in falscher Erinnerung. Sollte dieses goldene Band je auf deinem Haupt ruhen, meine Tochter, so hüte dich davor, auch nur ein einziges Wort zu äußern, das den Mund einer Königin nicht verlassen sollte.

»Ziemlich … gut, Hoheit«, antwortete Vaelin und verharrte mit gebeugtem Knie, während Lyrna sich aufrichtete. Zu ihrer Überraschung fiel es ihr nicht schwer. Jemand hatte ihr die Kleider ausgezogen, die sie am Vorabend getragen hatte, und sie durch ein schlichtes Baumwollhemd ersetzt. Es reichte ihr vom Hals bis zu den Fußknöcheln und fühlte sich angenehm an auf der Haut. Sie schwang die Beine aus dem Bett und setzte sich auf. »Bitte erhebt Euch«, befahl sie Vaelin. »Dieses ganze Hofzeremoniell ödet mich grundsätzlich an, und wenn wir unter uns sind, halte ich es für gänzlich überflüssig.«

Er folgte der Aufforderung, ohne den Blick von ihrem Gesicht zu lösen. Seine Bewegungen hatten etwas Zögerliches, und seine Hände zitterten leicht, als er den Stuhl heranzog und ihr gegenüber Platz nahm. Sein Gesicht war höchstens eine Armlänge von ihrem entfernt; so nah waren sie sich seit dem Jahrmarkt zur Sommersonnenwende nicht mehr gewesen.

»Was ist mit Lord Iltis?«, fragte sie.

»Er ist verletzt, aber am Leben. Aufgrund von Erfrierungen musste Bruder Kehlan ihm den linken kleinen Finger abnehmen. Das schien er jedoch gar nicht zu bemerken. Wir hatten alle Hände voll zu tun, ihn davon abzuhalten, sofort loszustürmen und sich auf die Suche nach Euch zu machen.«

»Das Schicksal hat es gut mit mir gemeint, dass es mir solche Freunde geschenkt hat.« Sie hielt inne, holte tief Luft und sammelte Mut für ihre nächste Frage. »Wir sind gestern kaum dazu gekommen, uns zu unterhalten. Ihr habt bestimmt viele Fragen.«

»Vor allem eine. Man erzählt sich unzählige Geschichten über … Eure Verletzungen. Es heißt, Ihr hättet sie erlitten, als Malcius starb.«

»Malcius wurde ermordet. Von Bruder Frentis vom sechsten Orden. Ich habe ihn dafür getötet.«

Diese Nachricht schien Vaelin zu treffen, als hätte Lyrna ihm eine eiskalte Klinge ins Fleisch gerammt. Sein Blick war auf einmal abwesend, und er sank in sich zusammen. Dabei flüsterte er: »Ich will ein Bruder werden … Ich will werden wie du.«

»Er war in Begleitung einer Frau«, fuhr Lyrna fort. »Sie und Euer Bruder gaben sich als Sklaven aus, die auf abenteuerliche Weise über den Ozean in die Königslande geflohen waren. Ihrer Reaktion auf seinen Tod entnehme ich, dass die beiden sich nahe standen. Die Liebe vermag es, uns zum Äußersten zu treiben.«

Vaelin schloss die Augen. Ein Schauder überlief ihn, doch er bemühte sich offensichtlich, seine Trauer zu bezähmen. »Es war sicher nicht leicht, ihn zu töten.«

»Dank meiner Zeit bei den Lonakern verfüge ich über diverse neue Fähigkeiten. Ich sah, wie er zu Boden ging. Danach …« Das Feuer fuhr ihr über die Haut wie die Klauen einer Wildkatze, erfüllte ihren Hals mit dem Gestank ihres eigenen brennenden Fleisches. »Anscheinend ist mein Gedächtnis doch nicht unfehlbar.«

Eine gefühlte Ewigkeit saß Vaelin schweigend da, gedankenverloren, sein Gesicht wirkte noch ausgemergelter als zuvor. »Es hat mir gesagt, dass er zurückkommen würde«, murmelte er schließlich. »Aber nicht, dass es aus diesem Grund geschehen würde.«

»Ich hatte eigentlich eine andere Frage erwartet«, sagte sie, um ihn in die Gegenwart zurückzuholen. »Darüber, wie Euch in Linesch mitgespielt wurde.«

»Nein, Hoheit.« Er schüttelte den Kopf. »Ich versichere Euch, dass ich diesbezüglich keine Erklärung brauche.«

»Dieser Krieg war ein schrecklicher Fehler. Sie hatten Malcius … Vaters Urteilsvermögen war … getrübt.«

»Ich bezweifle, dass König Janus’ Urteilsvermögen je getrübt war, Hoheit. Und was den Krieg angeht, so hattet Ihr versucht, mich zu warnen, wenn ich mich recht erinnere.«

Lyrna nickte und schwieg kurz, versuchte, ihr rasendes Herz zu beruhigen. Ich war mir so sicher, dass er mich hassen würde. »Dieser Mann …«, sagte sie. »Der Mann mit dem Seil.«

»Sein Name ist Flechter, Hoheit.«

»Flechter«, wiederholte sie. »Er war wohl ein Erfüllungsgehilfe der bösen Kraft, die für unsere gegenwärtigen Schwierigkeiten verantwortlich ist. Er muss sich in Eurem Heer versteckt gehalten und gewartet haben, bis sich eine Gelegenheit bot, zuzuschlagen.«

Vaelin wich ein Stück zurück. Der Schmerz in seinem Gesicht wich einem Ausdruck der Verwirrung. »Was meint Ihr damit, Hoheit?«

»Er hat mich gerettet«, erklärte sie. »Vor diesem Ding. Und dann hat er mich verbrannt. Ich muss zugeben, dass ich das ausgesprochen merkwürdig finde. Aber ich habe schon mehrmals festgestellt, dass diese Kreaturen ein seltsames Verhalten an den Tag legen.« Sie geriet ins Stocken, und ihr Hals schnürte sich zu. Sie musste an das Feuer denken, das in ihr gewütet hatte, während der muskulöse junge Mann sie festhielt. Die Hitze war noch heftiger gewesen als an jenem schrecklichen Tag im Thronsaal. Lyrna hob den Kopf und zwang sich, Vaelins durchdringenden Blick zu erwidern. »Ist es … Ist es schlimmer geworden?«

Ein leises Seufzen. Dann streckte er die Arme aus und schloss seine rauhen, schwieligen Hände um ihre. Vermutlich wollte er ihr Trost spenden, ehe er ihr die unausweichliche und furchtbare Nachricht mitteilte. Doch stattdessen fasste er sie an den Handgelenken und führte ihre Hände zu ihrem Gesicht.

»Nein!« Sie versuchte, sich loszureißen.

»Vertrau mir, Lyrna«, flüsterte er und drückte ihre Finger auf ihre Haut … ihre glatte, makellose Haut. Dann ließ er los, und ihre Finger führten die Erkundung aus eigenem Willen fort, wanderten von den Augenbrauen zum Kinn und weiter zum Hals. Wo ist es?, dachte sie fassungslos, als sie kein unebenes, marmoriertes Narbengewebe vorfand und auch der Schmerz ausblieb. Denn trotz der lindernden Salben, mit denen ihre Hofdamen sie Tag für Tag behandelten, hatten die Verbrennungen sie weiterhin geplagt. Wo ist mein Gesicht?

»Ich wusste, dass Flechter eine große Gabe besitzt«, sagte Vaelin. »Aber das hier …«

Lyrna saß da, das Gesicht zwischen den Händen, und musste ein Schluchzen unterdrücken. Jedes Wort muss sorgfältig gewählt werden. »Ich …«, sie geriet ins Stocken, versuchte es erneut. »Ich … möchte, dass Ihr den Rat der Hauptmänner einberuft, und zwar so bald wie … so bald wie …«

Und dann waren da nur noch Tränen und ihr Kopf an seiner Brust und seine Arme um ihre Schultern, während sie weinte wie ein kleines Kind.

◆ ◆ ◆

Die Frau im Spiegel fuhr sich mit der Hand über die hellen Haarstoppeln, die ihren Kopf bedeckten, und runzelte ihre ansonsten glatte Stirn. Es wird wieder nachwachsen. Das wusste sie. Vielleicht sollte ich es diesmal etwas kürzer tragen. Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit den Hautstellen zu, welche die schlimmsten Verbrennungen davongetragen hatten, und stellte fest, dass der Heiler nicht alle Spuren beseitigt hatte. Um die Augen waren blasse Linien zu erkennen, dünne, unregelmäßige Striche, die von den Brauen bis zum Haaransatz verliefen. Lyrna fiel etwas ein, was das arme, verwirrte Sprachrohr der Mahlessa an jenem Tag unter dem Berg zu ihr gesagt hatte. Noch nicht da … Die Zeichen deiner Größe.

Sie trat ein Stück zurück und legte den Kopf schief, um sich im Licht zu betrachten, das durch den Zelteingang hereinfiel. Dabei stellte sie fest, dass die Male im direkten Sonnenschein etwas verblassten. Sie nahm eine Bewegung im Spiegel wahr und bemerkte Iltis hinter sich. Der ehemalige Bruder senkte schnell den Kopf und umklammerte seine verbundene Hand, die aus der Armschlinge hervorschaute. Vor einer Stunde war er ins Zelt geschlurft, hatte Benten beiseitegeschoben, sich vor Lyrna auf die Knie geworfen und sie stammelnd um Vergebung gebeten. Erst als er den Blick hob, hatte er ihr Gesicht gesehen und war augenblicklich verstummt.

»Ihr solltet im Bett liegen und Euch ausruhen, Euer Lordschaft«, sagte sie.

»Ich …« Iltis blinzelte, Tränen in den Augen. »Ich werde Euch niemals von der Seite weichen, Hoheit. Darauf habe ich Euch mein Wort gegeben.«

Bin ich sein neuer Glaube?, fragte sie sich jetzt und beobachtete im Spiegel, wie er leicht schwankte, den Kopf schüttelte und dann den Rücken durchdrückte. Sein alter Glaube hat ihn enttäuscht, und jetzt richtet er all seine Hingabe auf mich.

Die Vorhänge des Zelteingangs teilten sich, und Vaelin trat mit einer Verbeugung ein. »Das Heer steht bereit, Hoheit.«

»Vielen Dank, Euer Lordschaft.« Lyrna sah zu Orena, die einen mit Fuchspelz gesäumten Kapuzenumhang in der Hand hielt. Sie hatte ihn aus einem Berg Kleider gewählt, die Lady Reva ihr freundlicherweise zur Verfügung gestellt hatte. Die Hofdame eilte herbei und legte Lyrna den Umhang um die Schultern, während Murel sich hinkniete und ihr die unpraktischen, aber eleganten Schuhe vor die königlichen Füße stellte. »Gut.« Lyrna schlüpfte in die Schuhe und zog sich die Kapuze über den Kopf. »Dann wollen wir.«

Vaelin hatte einen großen, offenen Wagen zum Zelt bringen lassen, neben dem er nun stehen blieb und Lyrna die Hand hinstreckte. Sie ergriff sie und stieg ein. Dabei raffte sie mit der freien Hand ihren Umhang, um nicht darüber zu stolpern. Bei der Vorstellung, dass sie in einem Augenblick wie diesem der Länge nach hinfallen könnte, hätte sie am liebsten laut losgekichert, unterdrückte den Drang jedoch. Jedes Wort muss sorgfältig gewählt werden.

Während sie ihre neue Armee in Augenschein nahm, hielt sie weiterhin Vaelins Hand. Der füllige Bruder aus den Nordlanden hatte ihr mitgeteilt – und sie dabei immer wieder staunend angesehen –, dass die Armee des Nordens derzeit aus sechzigtausend Männern und Frauen bestand und von etwa dreißigtausend seordahnischen und eorhilanischen Kriegern verstärkt wurde. Die Regimenter hatten in unordentlichen Reihen Aufstellung genommen. Offensichtlich fehlte ihnen der einexerzierte Zusammenhalt, den das königliche Heer bei all den endlosen Paraden in Varinsburg an den Tag gelegt hatte. Die wenigen überlebenden Soldaten desselbigen hoben sich deutlich von ihren Kameraden ab und standen in einer Gruppe diszipliniert hinter Bruder Caenis in der Mitte. Die Mehrheit von Lyrnas neuer Armee stellten jedoch Graf Marvens Nilsaeler sowie jene Wehrpflichtigen, die Vaelin aus den Nordlanden hierhergeführt hatte, und die Rekruten, die sich ihnen unterwegs angeschlossen hatten. Die Reihen waren daher bunt gemischt. Die Soldaten trugen die unterschiedlichsten Waffen und Rüstungen – vieles davon stammte offenbar von den unzähligen gefallenen Volarianern –, und ihre behelfsmäßigen Flaggen waren ausgeblichen und zerschlissen.

An der rechten Flanke hatten die Seordahner Aufstellung genommen: ein Pulk schweigender Krieger, denen außer Neugier keine Gefühlsregung anzusehen war. Dahinter warteten – ähnlich schweigsam – die Eorhilaner, von denen die meisten auf dem Rücken ihrer großen, stolzen Pferde saßen. Auf Lyrnas höfliche Bitte hin hatte Lady Reva zudem ihre auf dreißig Mann geschrumpfte Hauswache antreten lassen sowie sämtliche verbliebenen Bogenschützen. Sie standen in zwei langen Reihen hinter der Statthalterin: stämmige Männer mit unnachgiebigem Blick, die ihre Langbögen auf den Rücken geschnallt hatten. Lady Reva selbst wurde flankiert von ihrer Beraterin, Lord Antesch und dem alten, backenbärtigen Kommandanten der Stadtwache, wobei keiner der drei von Lyrnas Anwesenheit sonderlich beeindruckt schien. Auf der linken Seite hatte der Schild die meldeneische Flotte versammelt. Schiffsherr Ell-Nurin stand demonstrativ ein paar Schritte vor Ell-Nestra, der Lyrna mit vor der Brust verschränkten Armen zunickte. Sein Lächeln wirkte strahlend wie eh und je. Es war eine Schande, dass es wohl über kurz oder lang erlöschen würde.

Und hinter all den Menschen ragte das immer noch qualmende Alltor auf. Wenngleich die Türme der Kathedrale im anhaltenden Schneetreiben nur undeutlich zu erkennen waren.

Lyrna stand reglos auf dem Wagen. In der ersten Reihe, neben Hauptmann Adal und der Nordwache, erkannte sie die zierliche, aber unverkennbare Gestalt von Lady Dahrena. Im Gegensatz zu allen anderen auf dem Platz sah sie nicht Lyrna an, sondern Vaelin. Ihr steter, irritierend durchdringender Blick machte Lyrna bewusst, wie warm seine Hand sich in ihrer anfühlte. Sie ließ ihn los, wandte sich ihrem Heer zu und zog sich die Kapuze vom Gesicht.

Ein Raunen ging durch die Menge – ehrfürchtiges Gemurmel, Flüche, Gebete und aufrichtiges Erschrecken. Die ohnehin schon unordentlichen Reihen gerieten noch mehr durcheinander, als die Soldaten sich ungläubig und verwundert an ihre Kameraden wandten. Die Seordahner und Eorhilaner schwiegen weiterhin, auch wenn sie um einiges angespannter wirkten. Als das Stimmengewirr anschwoll, hob Lyrna die Hand. Einen Moment lang redeten die Leute unbeirrt weiter, und Lyrna fürchtete schon, dass sie Vaelin bitten musste, sie zum Schweigen zu bringen. Doch dann bellte Hauptmann Adal einen Befehl, der von seinen Offizieren und Feldwebeln weitergegeben wurde und für Ruhe sorgte.

Lyrna ließ den Blick über die Reihen schweifen, pickte sich Einzelne heraus und sah ihnen in die Augen. Dabei stellte sie fest, dass manche Leute ihrem Blick nicht standhalten konnten, sich unbehaglich wanden und den Kopf senkten, während andere ihn völlig verblüfft erwiderten.

»Ich hatte noch keine Gelegenheit, zu euch zu sprechen«, rief sie. Ihre Stimme war fest und wurde von der kalten Luft gut getragen. »Denjenigen unter euch, die meinen Namen nicht kennen, sei gesagt, dass die Liste meiner Titel lang ist. Doch möchte ich euch damit nicht langweilen. Es reicht, wenn ihr wisst, dass ich eure Königin bin und vom Herrn des Turmes Al Sorna und Statthalterin Reva von Cumbrael als solche willkommen geheißen wurde. Viele von euch haben mich bereits gestern gesehen, und diejenigen, auf die das zutrifft, haben eine Frau mit verbranntem Gesicht gesehen. Heute seht ihr eine Frau, die geheilt wurde. Als eure Königin mache ich euch ein Versprechen: Ich werde euch niemals belügen. Und so sage ich euch, dass ich durch die dunkle Gabe geheilt wurde. Ich erhebe weder Anspruch auf einen Segen der Ahnen, noch auf die Gunst irgendeines Gottes. Dass ich jetzt so hier vor euch stehe, verdanke ich einem Mann mit einer Gabe, die ich nicht einmal ansatzweise begreife. Meine Heilung erfolgte weder auf meinen Befehl, noch habe ich sie erwartet. Dennoch sehe ich keinen Grund, sie zu bereuen oder den Mann, der mir diesen Dienst erwiesen hat, zu bestrafen. Vielen von euch ist wohl bewusst, dass es in dieser Armee andere mit ähnlichen Fähigkeiten gibt. Gute, mutige Menschen, die nach unseren Gesetzen zum Tode verurteilt sind, nur weil die Natur ihnen eine Gabe geschenkt hat. Aus diesem Grund erkläre ich kraft meines Amtes als Königin sämtliche Gesetze für nichtig, die den Einsatz jener Fähigkeiten verbieten, welche einst als das Dunkle bezeichnet wurden.«

Lyrna hielt inne und rechnete damit, dass ihr Murren und Missmut entgegenschlagen würden. Stattdessen herrschte völlige Stille, alle sahen gespannt zu ihr auf. Jene, die zuvor den Blick gesenkt hatten, schienen ihn jetzt gar nicht mehr von ihr lösen zu können. Irgendetwas entsteht hier, begriff sie. Etwas … Brauchbares.

»Es gibt hier niemanden, der nicht gelitten hat«, fuhr sie fort. »Niemanden, der nicht seinen Mann, seine Frau, ein Kind, einen Freund oder Elternteil verloren hat. Viele von euch haben die Peitsche zu spüren bekommen, so wie ich. Viele von euch wurden von dreckigen Händen belästigt, so wie ich. Viele von euch wurden verbrannt, so wie ich.«

Jetzt erhob sich ein Grollen in den Reihen, als die von ihr geschürte Wut laut wurde. Lyrna sah eine Frau in Hauptmann Nortahs Kompanie befreiter Sklaven: Sie hatte eine kleine, zierliche Statur, war mit unzähligen Dolchen bewaffnet, und fletschte wütend die Zähne. »Die Vereinigten Königslande tragen ihren Namen zu Ehren unserer Einheit«, fuhr Lyrna fort. »Doch nur ein Narr würde behaupten, dass wir je wirklich eine Einheit waren. Stattdessen haben wir in einem fort gegenseitig unser Blut vergossen, eine sinnlose Fehde nach der anderen geführt. Doch das ist jetzt vorbei. Unsere Feinde sind an unseren Ufern gelandet, um uns Sklaverei, Leid und Tod zu bringen, doch haben sie uns auch ein Geschenk gebracht – und das werden sie bis in alle Ewigkeit bereuen. Sie haben uns zu der Einheit geschmiedet, die uns so lange verwehrt war. Sie haben uns zu einer Klinge aus unzerbrechlichem Stahl gemacht, und diese Klinge ist auf ihr schwarzes Herz gerichtet. Mit euch an meiner Seite werde ich sie bluten lassen!«

Das Grollen entlud sich in einem lauten Schrei. Mit vor Hass und Wut verzerrten Gesichtern rissen die Soldaten ihre Fäuste, Schwerter und Hellebarden in die Luft. Die Macht ihres Zorns erfasste auch Lyrna, so berauschend war sie … Macht. Man muss sie genauso sehr hassen, wie man sie liebt.

Als sie die Hand hob, verstummten die Leute, wenn auch das leise Summen brodelnder Hitze bestehen blieb. »Ich verspreche euch keinen einfachen Sieg«, erklärte Lyrna. »Unser Feind ist kampferfahren und gerissen. Er wird sich nicht einfach geschlagen geben. Aus diesem Grund kann ich euch nur drei Dinge versprechen: Mühsal, Blut und Gerechtigkeit. Wer mir auf diesem Pfad folgt, sollte sich nicht mehr als das erhoffen.«

Die zierliche Frau mit den Dolchen stimmte den Sprechchor an. Sie hatte den Kopf in den Nacken geworfen und stieß ihre Klingen in die Luft. »Mühsal, Blut und Gerechtigkeit!« Der Schlachtruf breitete sich in Windeseile aus, wanderte von einer Seite des Heeres zur anderen. »Mühsal, Blut und Gerechtigkeit! Mühsal, Blut und Gerechtigkeit!«

»In fünf Tagen marschieren wir nach Varinsburg«, schrie Lyrna, als die Rufe kein Ende nahmen, sondern immer lauter wurden. Sie deutete nach Norden. Scheue dich nie vor ein wenig Theater, hatte der alte Ränkeschmied einmal zu ihr gesagt, bei einer der Zeremonien, in denen er verdienstvollen und weniger verdienstvollen Männern Schwerter überreichte. Herrschen ist immer auch eine Schau, meine Tochter. Der Tumult steigerte sich noch weiter, und ihre Worte gingen in den wütenden Schreien unter. »NACH VARINSBURG!«

Kurz blieb sie mit ausgebreiteten Armen vor ihren zornigen Bewunderern stehen. Durftest du das jemals erleben, Vater? Haben sie dich jemals geliebt?

Der Lärm verebbte selbst dann noch nicht, als Lyrna vom Wagen stieg. Sie wollte gerade nach Vaelins Hand greifen, da fiel ihr Blick auf den Schild, und sie hielt inne. Wie erwartet war sein Lächeln erloschen und einem düsteren Gesichtsausdruck gewichen, und Lyrna fragte sich, ob er immer noch vorhatte, sie überallhin zu begleiten.

◆ ◆ ◆

»Varinsburg liegt über zweihundert Meilen von hier entfernt, Hoheit«, teilte Graf Marven ihr mit. »Und unser Hafer reicht gerade einmal für fünfzig Pferde. Unsere cumbraelischen Freunde waren ausgesprochen gründlich darin, sämtliche Vorräte zu vernichten.«

»Verbrannt sind sie immer noch besser als in den Bäuchen unserer Feinde«, vermeldete Lady Reva von der gegenüberliegenden Seite des Tisches.

Sie hatten sich in Vaelins Zelt versammelt und saßen um eine große Karte herum. Neben Lady Reva waren alle wichtigen Hauptmänner der Armee anwesend sowie die Kriegshäuptlinge der Eorhilaner und Seordahner. Beim Anführer der Eorhil Sil handelte es sich um einen drahtigen Reiter, der das fünfzigste Lebensjahr wohl bereits überschritten hatte. Der seordahnische Häuptling war etwas jünger, größer als die meisten seiner Stammesgenossen, schlank wie ein Wolf und hatte eine Adlernase. Die beiden schienen jedes Wort zu verstehen, trugen jedoch kaum etwas zur Unterhaltung bei. Auch entging Lyrna nicht, dass ihr Blick ständig zwischen ihr und Vaelin hin- und herhuschte. Sind sie misstrauisch?, fragte sie sich. Oder einfach nur neugierig?

Graf Marven hatte die letzte Stunde damit verbracht, die strategische Situation zu erläutern. Weil Lyrnas militärische Kenntnisse sich in Grenzen hielten, musste sie sich anstrengen, um dem Jargon die wesentlichen Details zu entnehmen. Offenbar war es um ihre Lage nicht so gut bestellt, wie man als Königin nach einem solchen Sieg hätte annehmen können.

»In der Tat, edle Dame«, antwortete der Graf Reva. »Doch führt es eben auch dazu, dass unsere Vorräte besorgniserregend knapp sind. Und darüber hinaus steht der Winter vor der Tür.«

»Wenn ich Euch recht verstehe, Euer Lordschaft«, mischte Lyrna sich jetzt ein, »dann haben wir zwar eine Armee, aber für einen Marsch fehlen uns die Ressourcen?«

Der Graf fuhr sich mit der Hand über den rasierten Kopf, und die genähte Wunde an seiner Wange leuchtete noch röter als sonst. Seufzend suchte er nach den passenden Worten.

»So ist es«, erklärte Vaelin vom anderen Tischende. »Und es geht nicht nur um den Marsch. Wenn wir nicht genügend Nahrungsmittel für den Winter auftreiben, könnte es sein, dass diese Armee verhungert.«

»Wir haben doch gewiss Vorräte von den Volarianern erbeutet?«, sagte Lyrna.

»Natürlich, Hoheit«, meldete sich nun der füllige Bruder Hollun zu Wort. Wie den meisten Anwesenden schien es auch ihm schwerzufallen, nicht in einem fort ihr Gesicht anzustarren. »Zwölf Tonnen Getreide, vier Tonnen Mais und sechs Tonnen Fleisch.«

»Ohne die meine Leute den Winter nicht überleben werden«, erklärte Lady Reva. »Ich musste bereits wieder anfangen, Lebensmittel zu rationieren … Hoheit«, fügte sie hinzu. Offensichtlich bereitete ihr die Einhaltung der Etikette immer noch Schwierigkeiten.

Lyrna blickte auf die Karte und betrachtete die Route nach Varinsburg. Auf dem Weg gab es zwar zahlreiche Dörfer und Städte, doch war davon auszugehen, dass von den meisten nicht mehr als ein paar verbrannte Ruinen übrig waren, geschweige denn Lebensmittel. Zweihundert Meilen nach Varinsburg, überlegte sie und studierte die Karte genauer. Etwa hundert an die Küste … und ans Meer.

Sie schaute auf und suchte den Schild, der sich etwas abseits der Hauptmänner im hinteren Teil des Zeltes hielt, das Gesicht halb im Schatten verborgen. »Lord Ell-Nestra«, sagte sie. »Ich wünsche Euren Rat.«

Nach kurzem Zögern trat er vor. Erzfürst Darvus’ Zwillingsenkel machten ihm mit einer huldvollen Verbeugung Platz, doch er ignorierte sie. »Hoheit.« Sein Ton war gleichmütig.

»Eure Flotte umfasst zahlreiche Schiffe«, sagte Lyrna. »Genug, um eine ganze Armee nach Varinsburg zu bringen?«

Er schüttelte den Kopf. »Die Hälfte musste zu den Inseln zurückkehren, um die in der Schlacht bei den Zähnen erlittenen Schäden auszubessern. Wir können vielleicht ein Drittel der hier versammelten Krieger transportieren, allerdings ohne die Pferde.«

»Das wird bei Weitem nicht ausreichen, um Varinsburg zu erobern«, sagte Graf Marven. »Wenn man der Volarianerin Glauben schenken kann, sind sie stark bemannt und werden aus Renfael und über das Meer mit Vorräten versorgt.«

Lyrna ließ den Blick nach Varinsburg wandern. Die Hauptstadt besaß den wichtigsten Hafen des Landes und verdankte einen Großteil ihres Reichtums dem Handel mit den Volarianern. Sie deutete auf die Seestraßen vor der Stadt und sah den Schild an. »Seid Ihr schon einmal in diesen Gewässern gesegelt, Euer Lordschaft?«

Er betrachtete kurz die Karte und nickte dann. »Ein paar Mal. Aber im Gegensatz zu den südlichen Handelswegen gab es dort keine leichte Beute zu holen. Die königliche Flotte hatte stets ein wachsames Auge auf die Handelsschiffe in diesen Gefilden.«

»Die königliche Flotte gibt es nicht mehr, und in Anbetracht der Verluste, die unser Feind bei den Zähnen erlitten hat, sollte er leichte Beute sein.«

Der Schild nickte erneut. »In der Tat, Hoheit.«

»Ihr habt mir gestern ein Schiff zum Geschenk gemacht. Ich gebe es Euch heute mit der Bitte zurück, dass Ihr Eure Flotte versammelt und jedes volarianische Schiff, das nach Varinsburg segelt oder von dort kommt, kapert oder versenkt. Werdet Ihr das für mich tun?«

Sie nahm wahr, wie die anderen Hauptmänner sich versteiften und dem Piraten finstere Blicke zuwarfen. Sie sehen es nicht gern, wenn ihre Königin verhandelt. In Zukunft werde ich unter vier Augen mit ihm sprechen.

Der Schild überlegte kurz. »Das wird mich einiges an Überzeugungsarbeit kosten. Meine Männer und ich sind ausgezogen, um die Inseln zu verteidigen. Und diese Mission haben wir erfolgreich beendet.«

Nun trat Schiffsherr Ell-Nurin mit einer formvollendeten Verbeugung vor. »Ich kann zwar nicht für die Leute des Schilds sprechen, Hoheit, aber meine Männer würden Euch selbst in die Hallen Udonors folgen, wenn Ihr es von ihnen verlangt. Und sie sind bestimmt nicht die Einzigen. Nach der Schlacht bei den Zähnen und … Eurer Heilung würden viele es gar nicht wagen, sich zu weigern.« Mit erwartungsvollem Gesichtsausdruck wandte er sich dem Schild zu.

»Wie der Schiffsherr bereits sagte«, presste dieser nach kurzem Zögern hervor, »wie könnten wir Euch diese Bitte abschlagen?«

»Gut.« Lyrna blickte erneut auf die Karte. »Die Vorbereitungen müssen innerhalb einer Woche abgeschlossen sein. Wenn es soweit ist, marschiert die Armee nicht nach Norden, sondern nach Osten – an die Küste. Von dort aus machen wir uns auf den Weg nach Varinsburg. Unsere meldeneischen Freunde werden uns dabei helfen, unsere Vorräte aufzufüllen. Und zwar mit allen Reichtümern, die der volarianische Herrscherrat seiner Garnison schickt. Die Fischer in den Hafenstädten dürften sich über die Zölle freuen.«

»Wenn dort noch welche leben«, sagte Reva leise.

Lyrna überging diesen Kommentar und fuhr fort: »Hiermit gebe ich folgende Titel bekannt. Bitte entschuldigt, dass dies ohne das übliche Zeremoniell geschieht, doch für solche Belanglosigkeiten fehlt uns die Zeit. Ich ernenne Lord Vaelin Al Sorna zum Kriegsherrn des königlichen Heeres. Graf Marven wird Schwert der Königin und Generaladjutant. Bruder Hollun, Euch mache ich zum Kämmerer der Königin. Die Hauptmänner Adal, Orven und Nortah sind ab sofort Schwerter der Königin und dürfen den Titel Oberhauptmann tragen. Lord Atheran Ell-Nestra«, damit sah sie dem Schild in die Augen, »Euch erkläre ich zum Flottenherrn der Königslande und Kapitän unseres Flaggschiffs.« Sie ließ den Blick über die Versammelten gleiten. »Mit diesen Titeln gehen alle Rechte und Privilegien einher, die in den Gesetzen der Königslande verankert sind. Die Zuweisung von Ländereien und Vergütungen erfolgt nach Ende der Kriegshandlungen. Ich frage Euch in aller Förmlichkeit: Nehmt Ihr diese Ehren an?«

Lyrna entging nicht, dass Vaelin als Letzter bejahte, und das erst, nachdem der Schild sich eine halbe Ewigkeit lang vor ihr verbeugt hatte, um seine Zustimmung kundzutun – einen Hauch seines üblichen Lächelns auf den Lippen.

»Gibt es sonst noch etwas?«, fragte sie den Rat.

»Es gilt noch die Frage zu klären, wie wir mit den Gefangenen verfahren sollen, Hoheit«, antwortete Oberhauptmann Orven. »Es wird immer schwieriger, ihre Sicherheit zu gewährleisten, besonders in Anbetracht der Bogenkünste unserer cumbraelischen Gastgeber«, fügte er mit einem Seitenblick auf Reva hinzu.

»Ich gehe davon aus, dass Ihr überprüft habt, ob sie nützliche Informationen besitzen?«, fragte Lyrna.

Harlick, der dürre, ältere Bruder, hob seine knochige Hand. »Diese Aufgabe wurde mir übertragen, Hoheit. Ein paar Offiziere muss ich noch befragen, doch meiner bisherigen Erfahrung nach werden sie mir nicht viel zu sagen haben.«

»Sie können arbeiten«, sagte Vaelin und sah Lyrna mit blutunterlaufenen Augen, aber festem Blick an. »Wieder aufbauen, was sie zerstört haben.«

»Ich kann sie in der Stadt nicht brauchen«, warf Reva ein und schüttelte den Kopf. »Meine Leute werden kurzen Prozess mit ihnen machen.«

»Dann nehmen wir sie eben mit«, erwiderte Vaelin. »Sie können unser Gepäck tragen.«

»Wir haben schon genug Mäuler zu stopfen«, widersprach Lyrna und wandte sich an Bruder Harlick. »Schließt Eure Befragung ab, Bruder. Wenn Ihr fertig seid, wird Hauptmarschall Orven sie hängen. Meine Herren und Lordschaften, bitte macht Euch an die Arbeit.«

◆ ◆ ◆

Sie fand ihn am Flussufer. Auf den ersten Blick war er nicht mehr als ein muskulöser Soldat, der mit ungewöhnlich flinken Fingern Seile flechten konnte. Vaelin hatte ihr geraten, nicht zu viel von ihm zu erwarten. Umso überraschter war Lyrna, als Flechter sich erhob und sich mit solcher Vollendung vor ihr verbeugte, dass ihm selbst der versierteste Höfling nicht das Wasser hätte reichen können.

»Cara hat gesagt, ich soll mich verbeugen«, erklärte er, und ein offenes Lächeln trat auf sein breites, attraktives Gesicht. »Sie hat mir gezeigt, wie es geht.«

Lyrna blickte zu den anderen drei Begabten aus den Nordlanden, die sie beobachteten. Das Mädchen, Cara, war von ihren Anstrengungen am Vortag blass und erschöpft und beäugte Lyrna misstrauisch. Ebenso der dürre junge Mann, der ihre Hand hielt, und der ungeschlachte Kerl mit dem zottigen Haar hinter ihnen. Denken sie, dass ich gekommen bin, um sie zu bestrafen?

Als Flechter nähertrat und die Hand nach Lyrnas Gesicht ausstreckte, griff Benten nach seinem Schwert. »Kein Grund zur Sorge, Euer Lordschaft«, erklärte Lyrna dem ehemaligen Fischer. Sie ließ zu, dass der Heiler über ihr Antlitz strich. Gestern hat seine Berührung gebrannt, heute fühlt sie sich kühl an.

»Ich bin gekommen, um Euch zu danken«, erklärte sie ihm. »Ich würde Euch zum Lord machen …«

»Ich habe Eure Belohnung bereits erhalten«, sagte er und zog die Hand zurück. Sein Lächeln verschwand, stattdessen runzelte er die Stirn und klopfte sich gegen die Schläfe. »So ist es immer. Etwas kommt zurück.« Seine Augen weiteten sich. »Ihr habt mir mehr gegeben. Mehr als irgendwer sonst.«

Lyrna verspürte einen Anflug der Panik, die schon unter dem Berg der Mahlessa Besitz von ihr ergriffen hatte, den Wunsch, vor etwas Unverständlichem, aber zweifellos Gefährlichem zu fliehen. Sie atmete langsam aus und zwang sich, Flechters Blick zu erwidern. »Was habe ich Euch gegeben?«

Er lächelte erneut, wandte sich dann ab und setzte sich. »Euch selbst«, sagte er mit leiser Stimme, ehe er nach dem Seil griff und seine Arbeit fortsetzte.

»Meine Königin.« Lyrna drehte sich um und sah Iltis auf sie zumarschieren. Nach ihrem Dafürhalten war er noch immer etwas zu blass, weigerte sich allerdings nach wie vor, sich auszuruhen. Hinter ihm konnte sie Bruder Caenis und vier einfache Bürger erkennen: zwei junge Frauen aus Alltor, einen Soldaten aus Nilsael und einen von Lord Nortahs freien Kämpfern. Beim Anblick der Näherkommenden versteiften die drei Begabten sich und tauschten besorgte Blicke aus. Der Große griff sogar nach seinem Kampfstab und stellte sich schützend vor das Mädchen.

»Oberhauptmann Caenis wünscht, Euch unter vier Augen zu sprechen, Hoheit«, erklärte Iltis mit einer Verneigung.

Lyrna bedeutete Caenis mit einem Nicken näherzukommen und ging ein Stück von Flechter weg. Einen Moment lang ließ sie den Blick über den gefrorenen Kalteisenfluss schweifen und sah dann zu Cara hinüber. Das Mädchen starrte Bruder Caenis mit unverhohlener Feindseligkeit an, als er vor Lyrna das Knie beugte. Sie hat die Macht, mitten im Sommer einen Fluss gefrieren zu lassen, und trotzdem fürchtet sie sich vor diesem Mann.

»Hoheit, dürfte ich um Eure Aufmerksamkeit bitten.«

»Aber natürlich, Bruder.« Sie hieß ihn aufzustehen und deutete auf Cara und die anderen Begabten. »Wie mir scheint, haben meine Untertanen Angst vor Euch.«

Bruder Caenis wandte sich zu den Nordländern um und verzog leicht das Gesicht. »Sie … haben Angst vor dem, was ich Euch mitzuteilen habe.« Er blickte wieder Lyrna an und straffte sich. »Meine Königin, ich bin gekommen, um Euch die Dienste meines Ordens anzubieten. Wir werden Euren Befehlen Folge leisten und keine Pflicht scheuen, um einen Sieg zu erringen.«

»Ich habe nie an der Loyalität des sechsten Ordens gezweifelt, Bruder, wobei ich wünschte, es gäbe mehr von Euch …« Sie verstummte und betrachtete erneut die Gruppe von Bürgern, die sich unter ihrem Blick sichtlich unwohl fühlten; sie wirkten angespannt und misstrauisch. »Diese Leute sehen nicht wie Rekruten des sechsten Ordens aus.«

»Sind sie auch nicht, Hoheit«, bestätigte Caenis, und Lyrna hatte den Eindruck, dass dieser Mann sich zu einer Pflicht zwang, die er schon lange fürchtete. »Wir gehören einem ganz anderen Orden an.«

Zweites Kapitel

Alucius

Der Kuritai hieß Siebenundzwanzig, auch wenn Alucius diesen Namen noch nie aus dem Mund des Elitesklaven vernommen hatte. Genaugenommen hatte er überhaupt noch nie etwas aus seinem Mund vernommen. Der Mann tat alles, was man ihm befahl. Er war der perfekte Diener, holte, brachte und putzte alles, ohne ein Zeichen von Müdigkeit oder die geringste Beschwerde.

»Den schenke ich Euch«, hatte Lord Darnel an jenem Tag gesagt, als sie Alucius aus dem Kerker der Schwarzfeste geholt hatten. Alucius hatte damit gerechnet, dass sie ihn töten würden und überrascht gekeucht, als sie ihm die Fesseln abnahmen und sein Vater ihm auf die Beine half. »Er wird Euch fortan zu Diensten sein«, fuhr Darnel fort und deutete auf den Kuritai. »Langsam weiß ich Eure Sprachkünste nämlich zu schätzen, kleiner Dichter.«

»Ja, es geht mir ausgezeichnet«, erklärte Alucius nun dem Sklaven, während dieser ihm das Frühstück servierte. »Danke der Nachfrage.«

Sie befanden sich im Wintergarten mit Blick über den Hafen. Am Horizont ging die Sonne auf und tauchte die Schiffe in goldenes Licht – ein Anblick, bei dem Alornis sofort losgerannt wäre, um Leinwand und Pinsel zu holen. Alucius hatte das Haus seiner Aussicht wegen gewählt. Zweifellos hatte es einem Kaufmann gehört, der inzwischen wahrscheinlich tot oder mit seiner Familie versklavt worden war. In Varinsburg gab es zahllose solcher leer stehenden Häuser. Sollte er des seinen überdrüssig werden, hätte er zahlreiche andere zur Auswahl, doch gefiel ihm der Ausblick einfach zu gut – besonders, da er den gesamten Hafen umfasste.

Es werden immer weniger, dachte er, als er mit seiner gewohnten Genauigkeit die Schiffe zählte. Zehn Sklavenhändler, fünf Handels- und vier Kriegsgaleeren. Die Sklavenschiffe hatten am wenigsten Tiefgang: Ihre weitläufigen Frachträume waren leer. Und das schon seit Wochen. Seitdem die große Rauchwolke am Horizont aufgestiegen war und tagelang die Sonne verdeckt hatte. Alucius hatte versucht, darüber zu schreiben, jedoch festgestellt, dass ihm die Worte fehlten. Wie verfasst man einen Nachruf auf einen Wald?

Nachdem Siebenundzwanzig den letzten Teller abgestellt hatte, trat er einen Schritt zurück. Alucius griff nach dem Besteck und kostete zunächst die Pilze, die vorzüglich zubereitet und mit etwas Butter und Knoblauch abgeschmeckt waren. »Köstlich wie immer.«

Siebenundzwanzig starrte schweigend aus dem Fenster.

»Ach ja, heute ist Besuchstag«, fuhr Alucius fort und wandte sich dem Speck zu. »Danke, dass du mich daran erinnerst. Bitte sei so gut und pack den Balsam und die neuen Bücher ein.«

Siebenundzwanzig kam seinem Wunsch sogleich nach und ging zum Bücherschrank. Der Besitzer des Hauses hatte eine recht anständige Bibliothek unterhalten. Hauptsächlich aus Prestigegründen, wie Alucius annahm, denn nur wenige Bände wirkten, als hätte je jemand darin gelesen. Vor allem bestand sie aus beliebten Liebesromanen und ein paar der bekannteren Historien, von denen jedoch keine für Alucius’ Zwecke infrage kam. So war er gezwungen, in stundenlanger Arbeit die größeren Häuser auf interessanteres Material hin zu durchsuchen. Die Auswahl war groß: Zwar waren die Volarianer eifrige Plünderer, doch hatten sie für Bücher wenig übrig – es sei denn zum Feuermachen. Der gestrige Tag war besonders ergiebig gewesen und hatte ihm eine komplette Ausgabe von Marials Astronomischen Beobachtungen eingebracht sowie ein mit zahlreichen Anmerkungen versehenes Werk, das hoffentlich das besondere Interesse eines seiner Schützlinge wecken würde.

Zehn Sklavenhändler, fünf Handels- und vier Kriegsgaleeren, zählte Alucius erneut, als er sich zum Hafen umdrehte. Das sind zwei weniger als gestern … Doch jetzt kam ein neues Schiff in Sicht, und Alucius hielt inne. Es handelte sich um eine Kriegsgaleere, welche die Landspitze in südlicher Richtung umsegelte. Sie schien nur mit Mühe voranzukommen und hatte bloß ein Segel gehisst, das zerfetzt und rußig war. Mit durchhängendem Tauwerk näherte sich das Schiff der Hafenbucht, schob sich mit kaputter Takelage und geknickten Masten durch den friedlichen Morgen, während ein paar Matrosen sichtlich erschöpft über das Deck stolperten. Als sie den Anker herabließen, konnte Alucius zahlreiche schwarze Rußspuren am Rumpf sowie unzählige dunkelbraune Flecken auf dem unordentlichen Deck ausmachen.

Fünf Kriegsgaleeren, korrigierte er sich. Von denen eine offenbar eine interessante Geschichte zu erzählen hat.

◆ ◆ ◆

Sie machten einen Umweg über den Taubenschlag, dessen letzte verbleibende Bewohnerin sich wie immer hungrig zeigte. »Nicht schlingen«, ermahnte Alucius Blaufeder und wackelte tadelnd mit dem Finger. Sie jedoch ignorierte ihn und pickte hastig nach den Körnern. Der Taubenschlag befand sich auf dem Dach der Schriftsetzergilde. Dank seiner Eisenträgerkonstruktion hatte das Bauwerk dem Feuer, das sein Inneres verwüstet hatte, standgehalten. Die umliegenden Häuser waren weniger glimpflich davongekommen, und so ragte das ehemals geschäftige Gebäude, in dem Alucius seine Gedichte hatte drucken lassen, nunmehr aus Straßen voller Trümmer und Asche auf. Von hier oben sah die Stadt schmutzig und zerklüftet aus, Inseln intakter Gebäude erhoben sich aus einem Meer schwarzgrauer Ruinen.

»Tut mir leid, dass du so einsam bist«, erklärte er Blaufeder und streichelte ihre weiche Brust. Vor einem Jahr waren es noch zehn Tiere gewesen. Jungvögel mit einem winzigen Drahtring um den rechten Fuß, an dem eine Nachricht befestigt werden konnte.

Nach Alucius’ Befreiung aus der Schwarzfeste hatte ihn sein erster Weg hierher geführt, allerdings hatte er feststellen müssen, dass nur noch drei Vögel am Leben waren. Er hatte sie gefüttert und die Kadaver der anderen entsorgt, während Siebenundzwanzig ihm ungerührt dabei zusah. Es war ein Risiko, den Sklaven hierher mitzunehmen und ihn in sein größtes Geheimnis einzuweihen, doch Alucius blieb keine andere Wahl. Eigentlich hatte er erwartet, dass der Kuritai ihn auf der Stelle töten oder zumindest wieder in Fesseln legen und einsperren würde. Stattdessen hatte er nur dagestanden und ihm zugesehen, wie er seine kodierte Nachricht auf ein winziges Stück Pergament kritzelte, es zusammenrollte und in einen kleinen Metallzylinder steckte, den er am Bein der Taube befestigte.

Varinsburg gefallen, hatte er geschrieben, obwohl er sich darüber im  Klaren war, dass die Empfänger der Botschaft dies wahrscheinlich längst wussten. Darnel regiert. Ritter & eine V-Division. Siebenundzwanzig hatte sich nicht einmal umgedreht, um der Taube nachzusehen, als Alucius sie freiließ. Auch der erwartete Todesstoß war ausgeblieben – damals, wie auch beim Senden der nächsten Nachricht in jener Nacht, als die volarianische Flotte zu den meldeneischen Inseln aufbrach. Offenbar war Siebenundzwanzig weder sein Kerkermeister noch Darnels Spion, sondern wartete schlicht und einfach auf den Einsatz als sein Henker. Auf jeden Fall waren Alucius’ Bedenken hinsichtlich Siebenundzwanzigs Mitwisserschaft längst verschwunden – zusammen mit der Hoffnung, dass diese Stadt je befreit werden würde … und er Alornis wieder beim Malen zuschauen konnte.

Kurz überlegte er, Blaufeder mit seiner letzten Botschaft loszuschicken – die Neuigkeit von dem ramponierten Kriegsschiff wäre für die Empfänger seiner Nachrichten sicherlich von Interesse –, doch er entschied sich dagegen. Der Zustand des Schiffs ließ bereits einiges erahnen, allerdings war es besser, erst die ganze Geschichte in Erfahrung zu bringen, ehe er seine letzte Verbindung zur Außenwelt kappte.

Und so kletterten sie über die Leiter an der Rückwand vom Dach und machten sich auf den Weg zum einzigen Gebäude in Varinsburg, das keinen Schaden erlitten hatte: der gedrungenen Festung aus schwarzem Stein im Herzen der Hauptstadt. Alucius wusste, dass dort eine blutige Schlacht stattgefunden hatte. Die rauflustigen Brüder des vierten Ordens, welche die Garnison der Schwarzfeste bildeten, hatten überraschend gut gekämpft und zahlreiche Angriffswellen der Varitai zurückgeschlagen. Dabei hatte Aspekt Tendris sie vom dichtesten Kampfgetümmel aus mit seinen Glaubensbekundungen zu immer größeren Heldentaten angespornt. So zumindest erzählten es sich die aus den Königslanden stammenden Sklaven. Die Festung fiel erst, als die Kuritai in die Schlacht eingriffen. Aspekt Tendris hatte noch vier der Elitesklaven getötet, ehe er hinterrücks erdolcht wurde. Alucius fand diese Geschichte äußerst unglaubwürdig, obschon er zugeben musste, dass der verrückte Mistkerl sich vermutlich nicht kampflos ergeben hatte.

Als er sich dem Eingangstor näherte, traten die Wachen beiseite und ließen ihn ein. Siebenundzwanzig folgte ihm, eine Tasche mit Büchern und verschiedenen Medikamenten über der Schulter. Von innen war die Schwarzfeste noch weniger einladend als von außen. Ein enger Hof umgeben von grimmigen schwarzen Mauern und einer Brustwehr, auf der mit Bögen bewaffnete Varitai Wache hielten. Alucius ging zu der Tür im rückwärtigen Teil des Hofes, wo ihm der dort postierte Sklavensoldat den Weg freigab. Über die feuchte Wendeltreppe stieg er hinab in den Kerker. Der Geruch weckte unangenehme Erinnerungen an seine eigene Zeit hier: Moder und Verwesung gemischt mit dem scharfen Gestank von Rattenpisse. Nach etwa zwanzig Stufen gelangte er in einen mit Fackeln erhellten Gang, an den zehn Zellen grenzten – jede davon mit einer schweren Eisentür verschlossen. Als man Alucius hierhergebracht hatte, waren sämtliche Zellen besetzt gewesen. Jetzt waren sie bis auf zwei alle leer.

»Nein«, antwortete Alucius auf Siebenundzwanzigs unausgesprochene Frage. »Ich kann nicht behaupten, dass ich mich freue, wieder hier zu sein.«

Er ging zu dem Soldaten der Freien Schwerter, der am Ende des Korridors auf einem Hocker saß. Es war jedes Mal derselbe Mann: ein finster dreinblickender Kerl mit stämmigem Körperbau, der die Sprache der Königslande mit der Finesse eines blinden Bildhauers sprach.

»Zu wem?«, knurrte er und erhob sich, wobei er seinen mit Wein gefüllten Trinkschlauch beiseitelegte.

»Aspekt Dendrish, würde ich sagen«, erwiderte Alucius. »Es ist immer das Beste, wenn man die unangenehmen Pflichten als Erstes hinter sich bringt.« Als er den verwirrten Gesichtsausdruck des Freien Schwertes sah, verkniff er sich ein genervtes Stöhnen und fügte langsam hinzu: »Der Fette.«

Mit einem Achselzucken ging der Soldat zu der Tür am anderen Ende des Korridors; sein Schlüsselbund schepperte, als er sie aufschloss. Alucius dankte dem Mann mit einer Verbeugung und betrat die Zelle.

Obwohl Aspekt Dendrish Hendrahl während seiner Gefangenschaft etwa die Hälfte seines Gewichts verloren hatte, war er immer noch wesentlich dicker als die meisten Leute. Wie üblich begrüßte er Alucius mit mürrischem Blick und mangelnder Höflichkeit. Seine zu Schlitzen zusammengekniffenen kleinen Augen leuchteten im Schein der einsamen Kerze, die im Alkoven über seinem Bett stand. »Ich hoffe, du hast mir etwas Interessanteres mitgebracht als beim letzten Mal.«

»Davon gehe ich aus, Aspekt.« Alucius nahm Siebenundzwanzig den Beutel ab und zog den dicken Wälzer heraus, auf dessen Ledereinband in Goldbuchstaben der Titel geprägt war.

»›Irrtum und Glaube‹«, las der Aspekt vor, als er das Buch entgegennahm. »›Das Wesen der Gottesverehrung‹. Du bringst mir mein eigenes Buch?«

»Nicht ganz, Aspekt. Ich würde Euch empfehlen, einen Blick hineinzuwerfen.«

Dendrish schlug das Buch auf und überflog den Text auf dem Titelblatt, dessen Wortlaut – wie Alucius wusste – folgendermaßen lautete: Oder »Wichtigtuerei und Arroganz – Das Wesen von Aspekt Hendrahls Lehre«.

»Was ist das?«, wollte der Aspekt wissen.

»Ich habe es in Lord Al Averns Haus gefunden«, erklärte Alucius. »Ihr werdet Euch gewiss an ihn erinnern. Seine Leistungen auf dem Gebiet der Wissenschaft haben ihm den Beinamen ›Herr über Tinte und Pergament‹ eingebracht.«

»Leistungen? Der Mann war ein Dilettant, dessen einziges Talent im Plagiieren bestand.«

»Nun, er hatte jedenfalls einiges über eure Talente zu sagen, Aspekt. Seine Kritik an Eurer Abhandlung über den Ursprung der alpiranischen Götter ist besonders überschwenglich. Und sehr eloquent formuliert, wenn ich so sagen darf.«

Hendrahls dicke Hände blätterten mit routinierter Präzision in dem Buch und schlugen es bei einem Kapitel auf, das großzügig mit den Anmerkungen des verstorbenen Lords gespickt war. »›Eine bloße Wiederholung Carvels‹?«, ereiferte sich der Aspekt. »Dieser hohlköpfige Affe wirft mir mangelnde Originalität vor?«

»Ich dachte mir, dass Ihr es unterhaltsam finden würdet.« Mit einer neuerlichen Verbeugung begab Alucius sich zur Tür.

»Warte!« Hendrahl warf dem Soldaten, der draußen stand, einen misstrauischen Blick zu und erhob sich – nicht ohne Mühe. »Du hast doch sicherlich irgendwelche Neuigkeiten.«

»Leider hat sich seit meinem letzten Besuch nicht viel ereignet, Aspekt. Lord Darnel sucht in den verbrannten Überresten seines großen Verbrechens nach seinem Sohn, und wir warten auf Nachricht von General Tokrevs ruhmreichem Sieg in Alltor sowie Admiral Moroks ähnlich glorreichem Eroberungsfeldzug auf den meldeneischen Inseln.«

Hendrahl trat näher und flüsterte kaum hörbar: »Noch immer nichts Neues von Meister Grealin?«

Diese Frage stellte er jedes Mal, und Alucius hatte es aufgegeben, herausfinden zu wollen, woher sein besonderes Interesse für den Gewölbemeister und Hüter der Waffenkammer des sechsten Ordens rührte. »Nein, Aspekt. Noch immer nichts.«

Merkwürdigerweise schien diese Auskunft den Aspekten jedes Mal zu beruhigen, und er nickte. Dann setzte er sich aufs Bett, das Buch in den Händen, und blickte nicht einmal auf, als Alucius die Zelle verließ.

Aspektin Elera erwies sich wie immer als das genaue Gegenteil ihres Glaubensbruders. Sie kam Alucius lächelnd entgegen und streckte ihm zur Begrüßung die schlanken Hände hin. »Alucius!«

»Aspektin.« Auch diesmal gelang es ihm nur mit Mühe, seine Bestürzung über ihren Anblick zu verbergen: den schmutzigen grauen Umhang, für den er ihr keinen Ersatz bringen durfte, und ihre von der Fußfessel wundgescheuerte Haut. Trotzdem hatte sie stets ein Lächeln auf den Lippen und freute sich, ihn zu sehen.

»Ich habe Euch etwas Balsam gebracht«, sagte er und legte den Beutel aufs Bett. »Für Euer wehes Bein. Am Treibersweg gibt es eine Apotheke. Sie ist natürlich ausgebrannt, aber ihr Besitzer hat wohl in weiser Voraussicht ein paar Vorräte im Keller versteckt.«

»Ihr seid findig wie immer. Ich danke Euch.« Die Aspektin setzte sich und wühlte in dem Beutel, bis sie den kleinen Keramiktiegel fand, öffnete den Deckel und schnupperte am Inhalt. »Corrbaumöl und Honig. Ausgezeichnet. Das wird helfen.« Sie stöberte weiter und zog die Bücher hervor. »Marial!«, rief sie begeistert. »Ich hatte einmal die Gesamtausgabe. Es muss zwanzig Jahre her sein, dass ich sie zuletzt gelesen habe. Ihr seid zu gut zu mir, Alucius.«

»Ich tue mein Bestes, Aspektin.«

Sie legte das Buch zur Seite und sah ihn an. Ihr Gesicht war so sauber, wie die dürftige Wasserration es erlaubte. Lord Darnel hatte strenge Haftbedingungen für sie angeordnet, nachdem sie ihm bei seinem ersten und einzigen Besuch wenig schmeichelhafte Worte an den Kopf geworfen hatte. Während Aspekt Dendrish sich also nur mit gleichgültiger Behandlung und einem eingeschränkten Speiseplan abfinden musste, war Aspektin Elera mit einer Kette an die Wand gefesselt und hatte einen Bewegungsspielraum von gerade mal zwei Quadratfuß. Bisher hatte sie Alucius gegenüber jedoch noch keine einzige Beschwerde geäußert.

»Wie kommt Ihr mit Eurem Gedicht voran?«, fragte sie.

»Langsam, Aspektin. Ich fürchte, diese turbulenten Zeiten verlangen nach einem besseren Chronisten.«

»Wie schade. Ich hatte mich schon darauf gefreut, es zu lesen. Und wie geht es Eurem Vater?«

»Er lässt Euch grüßen«, log Alucius. »Obgleich ich ihn nicht oft zu Gesicht bekomme. Lord Darnel hat viel für ihn zu tun.«

»Ich verstehe. Bitte bestellt ihm ebenfalls meine besten Grüße.«

Zumindest sie wird ihn nicht als Verräter bezeichnen, wenn das hier vorüber ist, dachte er. Vielleicht ist sie da aber auch die Einzige.

»Sagt, Alucius«, fuhr Elera jetzt fort. »Führen Euch Eure Erkundungen manchmal ins Südviertel?«

»Selten, Aspektin. Dort gibt es kaum etwas zu holen, und es ist auch nicht mehr viel übrig, was man durchsuchen könnte.«

»Schade. Es gab dort ein Wirtshaus namens Zum Schwarzen Eber. Wenn Ihr guten Wein braucht, solltet Ihr dort fündig werden. Soviel ich weiß, hat der Wirt eine Auswahl erlesener cumbraelischer Tropfen unter den Dielen versteckt. Um den Steuerbeamten des Königs Arbeit zu ersparen, wenn Ihr versteht, was ich meine.«

Guter Wein. Wie lange war es her, dass er etwas Besseres getrunken hatte als sauren Essig? Die Volarianer mochten zwar wenig Interesse an den Büchern der Stadtbewohner gezeigt haben, doch hatten sie während der ersten Woche ihrer Besatzung sämtliche Weinvorräte geplündert und Alucius zu ungewollter Abstinenz gezwungen.

»Das ist sehr freundlich von Euch, Aspektin«, antwortete er. »Wenn es mich auch zugegebenermaßen überrascht, dass Ihr Euch mit derlei Dingen auskennt.«

»Als Heilerin bekommt man alles Mögliche mit. Die Leute offenbaren einem ihre tiefsten Geheimnisse, wenn sie hoffen, dass man ihnen die Schmerzen zu nehmen vermag.« Sie sah ihm in die Augen und fuhr mit ungewohntem Ernst fort: »An Eurer Stelle würde ich mit der Suche nach dem Wein nicht zu lange warten.«

»Ist … ist gut, Aspektin.«

Der Wächter klopfte von außen mit dem Schlüsselbund gegen die Tür und stieß ein ungeduldiges Knurren aus. »Ich muss gehen«, erklärte Alucius und nahm den leeren Beutel.

»Es war mir wie immer ein Vergnügen, Alucius.« Die Aspektin streckte ihm die Hand hin, und er kniete nieder, um sie zu küssen. Ein Hofritual, das sie sich in den letzten Wochen angewöhnt hatten. »Wisst Ihr, was ich glaube«, sagte sie, als er zur Tür ging. »Wenn Lord Darnel wirklich mutig wäre, hätte er uns schon längst getötet.«

»Und seine Untertanen gegen sich aufgebracht«, erwiderte Alucius. »So dumm ist nicht einmal er.«

Sie nickte, und als der Soldat der Freien Schwerter die Tür schloss, lag erneut ein Lächeln auf ihren Lippen. Ihre letzten Worte waren leise, aber noch hörbar, und nachdrücklich. »Lasst Euch den Wein schmecken!«

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