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Was, wenn der Weg mit Gott aus kernigen Etappen besteht? Wenn man allenfalls hinter Jesus her humpeln kann? Wenn man mit gesundem Menschenverstand glaubt und einfach nur normal sein will? Wenn man umdenken muss, alles auf links zieht und dennoch an Gott festhält? Irgendwie. Aber mit aller Kraft. Andachten, die diese Wege mitgehen.
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Seitenzahl: 257
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Jörn Bohn (Jg. 1971) ist Lehrer für Deutsch und Ev. Religion und als Prädikant der sächsischen Landeskirche in Dresden tätig. Dort ist er ebenfalls Mitglied der jüdischen Kultusgemeinde. Ursprünglich stammt er aus dem Siegerland und hat sich lange Zeit im CVJM engagiert. Er mag Heavy Metal, Sport und gute Gespräche mit befreundeten Personen. Seine Texte sind autobiografisch geprägt und geben Einblicke in Fragen und Zweifel über das Leben und den Glauben.
WAS, WENN DER WEG MIT GOTT AUS KERNIGEN ETAPPEN BESTEHT?
Wenn man allenfalls hinter Jesus her humpeln kann? Wenn man mit gesundem Menschenverstand glaubt und einfach nur normal sein will? Wenn man umdenken muss, alles auf links zieht und dennoch an Gott festhält? Irgendwie. Aber mit aller Kraft. Andachten, die diese Wege mitgehen.
»Der Autor bietet eine oft schonungslose Reflexion seines Glaubens, inklusive aller Fragen, Krisen und Gebrochenheit. Das macht dieses Buch zu einer Einladung, trotz aller Lebensund Glaubensfragen an Gott dranzubleiben.«
ANDREAS SCHUSS, Praktischer Theologe und Mitarbeiter eines weltweiten Kinderhilfswerks
»In einer Zeit starren Altglaubens und ätzender Dekonstruktion bewegt sich das Buch wohltuend in einer heilsamen Mitte. Es ist ein heiteres und gleichzeitig tiefgründiges ABC des mündigen Christseins: authentisch, berührend und zum Nachdenken anregend. Ultralesenswert!«
FOSSI BÄUMER, Dozent am Marburger Bibelseminar
Jörn Bohn
DIE KUNST, NICHT LOSZULASSEN
Wolkig bis heitere Glaubensermutigungen für Realisten, die trotz allem an Gott festhalten wollen
Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.
Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen. Alle Links wurden zuletzt am 29. 01. 2025 aufgerufen.
ISBN 978-3-417-27129-4 (E-Book)
ISBN 978-3-417-01035-0 (lieferbare Buchausgabe)
E-Book-Erstellung: CPI books GmbH, Leck
© 2025 R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH
Max-Eyth-Str. 41· 71088 Holzgerlingen
brockhaus-verlag.de
Soweit nicht anders angegeben, sind die Bibelverse folgender Ausgabe entnommen:
Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
Weiter wurde verwendet: Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, © 1980 Katholische Bibelanstalt, Stuttgart. (EÜ)
Umschlaggestaltung: Stephan Schulze, Stuttgart
Titelbild: beautiful clouds digital art; KI-generiert
Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach
Über den Autor
Über das Buch
Stimmen zum Buch
Vorwort
Auf dem Weg nach Hause
Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn
Der Mensch lebt nicht allein vom Wort Gottes
Weh dem, der keine Heimat hat
»Geh, Abraham, geh!«
Sammle meine Tränen
Schöne Erlebnisse im Pietkong
Es gibt nichts Gutes, außer man tut es
Salz der Erde
70 x 7
Alles auf links
Teile des anderen Schmerz
Auf der Suche nach dem liebenden Gott
Papa unser
Gott in all den falschen Leuten finden
Wer bin ich?
Ich leiste, also bin ich
»Echte Fründe ston zesamme«
Gott hat uns nicht vergessen
Das war’s doch wert
Ich bin da
Auferstehung
Cogito ergo sum
Sekt oder Selters?
Die beste Stelle der Bibel (finde ich)
Ein Selfie mit Jesus
Im christlichen Irrgarten
»Wir sind alle Bienen«
Zwischen Anachronismus und Fundamentalismus
Warum ich Lobpreis merkwürdig finde
Der depressive König
»Welch ein Wunder«
»Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!«
Beten
Ich bin ein schlechter Beter
Gott lässt sich nicht lumpen
Eins, zwei oder drei?
Glauben
Ist das nun positives Denken oder reine Dummheit?
Was ist Wahrheit?
Schaffe, schaffe, Häusle baue
Gute Nachrichten für alle religiös Geplagten
Sturmerfahrungen
Das Ende aller Sicherheiten
»Säh moa, wie is dat dah bet dir un osem Herrn Jesus?«
Wie kann echte Gemeinschaft wachsen?
Mach dir kein Bildnis!
Jetzt erst recht!
Über die Kunst, bei mir selbst zu bleiben
Anmerkungen
Manchmal strande ich an Tankstellen. Bei der Esso nebenan oder abends bei der Aral, zwei Kilometer entfernt – die hat halt länger geöffnet. Dann kaufe ich mir ein Päckchen Tabak, setze mich auf die Wiese oder den Bürgersteig, rauche ein paar Zigaretten und schaue in die Ferne. Ab und an kaufe ich mir auch ein oder zwei Bier. Flensburger. Es ist bestimmt nicht die gesündeste Art, Stress abzubauen. Aber es hilft mir. Ich finde, dass mein Leben in den letzten Jahren nicht immer einfach gewesen ist. Mein Kumpel Bimbo sagt dazu: »Ja, so ist das nun mal. Die zweite Lebenshälfte ist schwieriger als die erste.«
Ich sehne mich nach Ruhe. Danach, dass alles mal ein wenig normal läuft. Dass mich Sorgen und Schwierigkeiten verschonen. Mit Gott habe ich schon darüber geredet. Oder sagen wir mal so: Ich habe ihm einen echt biblischen Vorschlag gemacht: ein Jahr der Ruhe. So wie das Erlassjahr im alten Israel. Das kommt eigentlich alle sieben Jahre. Es ist bei mir überfällig.
In vielen christlichen Texten finde ich eine Rückschau auf vergangene und mit Gottes Hilfe überwundene Probleme. Vieles wirkt dann auf mich wie die beliebte Geschichte von den Fußspuren im Sand. Dort heißt es: »Mein liebes Kind, ich liebe dich und werde dich nie allein lassen, erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten. Dort, wo du nur eine Spur siehst, da habe ich dich getragen.«
Ich kann das so eigentlich nicht bestätigen. Ich hatte schon das Gefühl, gerade in solchen Zeiten von Gott alleingelassen zu werden. Wie Jakob am Jabbok halte ich ihn, Gott, fest und fordere ihn auf: »Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.«
Gestern war ich auf einem Rock- und Bluesfestival und traf dort Tine, eine Mitarbeiterin aus unserem Gottesdienstteam. Wir unterhielten uns über schwierige Zeiten. Und sie bestätigte das Gleiche: Die christlichen Basics – so was wie: »Rufe mich an in der Not und ich will dich erretten« – haben bei ihr nicht funktioniert. Und es gibt viel Enttäuschung über Gott. Sie sagt: »Ich singe zwar mit. Aber predigen könnte ich heute nicht mehr. Im Herzen ist etwas zurückgeblieben.«
Die Texte in diesem Buch sind in schwierigen Zeiten entstanden. Ich versuche noch immer, Jesus nachzufolgen. An den Gott Israels zu glauben. Mich ihm an den Hals zu werfen. Auf meine Art. Ich bin kein Held. Humpelnd trotte ich hinter ihm her.1 Hinkend an der Hüfte wie einst Jakob. Mit abgeschnittenen Zöpfen. So manche Vorstellung von Gott, dem Glauben und seinem Reich musste ich loslassen. Abschneiden, neu denken.
Das hier ist kein Buch, das souverän und selbstsicher zurückschaut. Kein Triumph nach bestandenen Bewährungsproben. Die Texte sind Momentaufnahmen, entstanden im Augenblick. Sie sind eine Art geistliches Tagebuch der letzten Jahre. Auf gut Deutsch: Man sollte nicht alles auf die Goldwaage legen. Ich neige ab und an zu provozierenden Ansichten. Nehmen Sie mir das bitte nicht übel. Man kann über alles reden. Es sind Andachten, sprich: Ich habe Dinge angedacht. Denken Sie gern weiter und widersprechen Sie mir.
Es sind Predigten, die ich gehalten habe, Texte aus dem Gemeindeblatt oder einfach Gedanken aus dem Alltag. Häufig schaue ich auf meine Erlebnisse zurück und erzähle von ihnen. In den Texten kommen immer liebe Menschen aus meinem Leben vor. Sie werden mit dem Namen genannt, mit dem ich sie im wirklichen Leben auch anspreche. Ich habe alle vorher gefragt, ob ich sie erwähnen darf.
Als ich versuchte, die Texte unter bestimmte Überschriften zu gliedern, fiel mir auf, dass sich einige Themen wiederholten. Offenbar meine Lebensthemen.
Lange Zeit habe ich mich immer wieder mit der Frage beschäftigt, ob Gott mich eigentlich wirklich mag. So ganz in echt. Auch in den Leerstellen und zwischen den Zeilen. Bis ich an den Punkt kam, an dem ich mich fragen musste, ob ich mich denn selbst als liebenswert empfinde. Und so gibt es einige Texte, die sich an Gottes Liebe festhalten. Wie heißt es so schön: Das, was man am meisten lernen muss, sollte man sich selbst auch am häufigsten predigen.
Heimat ist auch ein Thema, das in den letzten Jahren mehr und mehr bei mir aufgekommen ist. In der Rückschau habe ich mich auch mit meinen geistlichen Wurzeln beschäftigt. Man kann sie konservativ nennen oder auch fundamentalistisch. Ein erster Loslösungsprozess begann schon vor rund dreißig Jahren. Damals war ich in einer Glaubenswelt gefangen, die mich depressiv machte. Jeden Tag hatte ich Bauchschmerzen, verbunden mit einer großen inneren Unruhe. Es hat lange gedauert, bis ich erkannte, dass all das von meiner Art des Glaubens verursacht wurde. Die ständige Selbstbespiegelung und das Forschen nach Sünde – bis ins Jota, bis ins Detail – haben mich krank gemacht. Das waren zum Beispiel solche alten Zöpfe, die ich abschneiden musste. Es ging nicht mehr. Noch heute neige ich manchmal zu Selbstzerfleischung und einem erbarmungslosen Blick auf mich selbst. Regelrecht allergisch reagiere ich mittlerweile auf allzu fromme Ideen und auf einen Glauben, der nicht Gott und den Menschen im Zentrum hat, sondern ein Buch: die Bibel. Irrtumslos und hart. Unmenschlich. Zumindest, wenn man sie falsch nutzt. Und damit verbunden die ständige Angst. Die Angst vor Sünde, die Angst vor der okkulten Welt, die Angst vor universitärer Theologie, die Angst vor Irrlehren, die Angst vor Sex zur falschen Zeit, die Angst vor Sex mit dem falschen Geschlecht.
Viele gute Autoren sind mir auf meinem Glaubensweg begegnet. Die Zeitschrift Aufatmen war sehr wichtig für meine Entwicklung. Immer wieder nutze ich auch die Mediathek von Worthaus. Auch diesen Einfluss kann man in meinen Texten wiederfinden. Adrian Plass war ein Türöffner. Ich mochte seine Ehrlichkeit. Er brachte mich auch auf den Gedanken, ein Andachtsbuch dieser Art zu schreiben, mit einem Bibeltext, der zu Beginn steht und zu dem ich dann etwas aus meinem Leben erzähle. Bei Henri Nouwen habe ich entdeckt, dass Gott mich wirklich so liebt und mag, wie ich bin. Brennan Manning ging in eine ähnliche Richtung. Ein Mensch mit schlimmen Brüchen und barmherzigen Worten. Bei Philip Yancey finde ich eigentlich alles spannend. Für mich ist er der beste christliche Autor aller Zeiten. An Tomas Sjödin mag ich den munteren, entspannten und lebensnahen Plauderton – und dass nicht jeder Tag ein geistliches Highlight haben muss. Wissen Sie, ich glaube, das Reich Gottes beginnt nicht erst in der Ewigkeit. Es versteckt sich nicht in der »Stillen Zeit« oder im Anbetungsgottesdienst. Das Reich Gottes ist so normal wie das Leben selbst. Man findet es im Umgang mit seinem Nächsten, in den ganz normalen Dingen des Alltags und im Bewusstsein von Gottes Gegenwart.
L’Chaim!Jörn
PS: In diesem Buch wurde die geschlechtliche Differenzierung leider nicht berücksichtigt. Ich habe im Prozess des Schreibens nicht darauf geachtet, was mir leidtut. Deshalb ist es mir heute wichtig zu betonen: Es dürfen sich alle Personen, auch queere Menschen, mit meinen Texten wohlfühlen.
Auf dem Weg nach Hause
Und Jakob stand auf in der Nacht und nahm seine beiden Frauen und die beiden Mägde und seine elf Söhne und zog durch die Furt des Jabbok.Er nahm sie und führte sie durch den Fluss, sodass hinüberkam, was er hatte. Jakob aber blieb allein zurück. Da rang einer mit ihm, bis die Morgenröte anbrach. Und als er sah, dass er ihn nicht übermochte, rührte er an das Gelenk seiner Hüfte, und das Gelenk der Hüfte Jakobs wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt. Und er sprach: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. Aber Jakob antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Er sprach: Wie heißt du? Er antwortete: Jakob. Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen. Und Jakob fragte ihn und sprach: Sage doch, wie heißt du? Er aber sprach: Warum fragst du, wie ich heiße? Und er segnete ihn daselbst. Und Jakob nannte die Stätte Pnuël: Denn ich habe Gott von Angesicht gesehen, und doch wurde mein Leben gerettet. Und als er an Pnuël vorüberkam, ging ihm die Sonne auf; und er hinkte an seiner Hüfte.
1. Mose 32,23-32
In den Onlinemeldungen eines christlichen Medienmagazins las ich neulich die Meldung, dass Arno Backhaus mittlerweile fünfzig Jahre glücklich mit seiner Frau verheiratet ist. Fünfzig Jahre? Wow, eine lange Zeit. Die christliche Welt freut sich über so eine Nachricht ganz besonders. Wer will, kann auch Kommentare unter dem Artikel posten wie »Ihr seid so gesegnet« oder »Halleluja, der Herr ist treu«. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Nichts gegen Arno Backhaus und seine Ehe. Und auch von mir: Herzlichen Glückwunsch! Aber mich frustriert so etwas. Es stößt mich ab. Die Kommentare stoßen mich ab.
Sicher, vielleicht werden ja manche Menschen durch so ein Vorbild tief inspiriert, doch mich macht es – mit all meinem Versagen – eher traurig, solche Meldungen zu lesen. Warum wird so etwas überhaupt gepostet? Welcher Wert liegt darin? Es klingt doch ganz nach dem Motto: »Sieh dir dieses vorbildliche christliche Leben an. Sieh dir das Leben der Menschen an, die sich so treu Jesus hingeben. Das kannst du auch haben, wenn du nur fest an Jesus glaubst und die richtigen Prioritäten setzt. Wenn du ihm ganz echt und hingegeben folgst.« Und wie zur Bestätigung postet eine christliche Facebook-Freundin eine Meldung aus einem christlichen Onlinemagazin. Wieder Arno Backhaus mit seiner Frau. Darunter die Schlagzeile: »Der Glaube ist die tiefe Grundlage unserer Ehe«2. Vorbilder, die wir vorzeigen. Das Leben gelingt, wenn wir Gottes Maßstäbe in unserem Leben umsetzen. Und die frommen Aushängeschilder beweisen es. Ich halte mich da lieber an Paulus: »Darum, wer meint, er stehe, soll zusehen, dass er nicht falle« (1. Korinther 10,12).
Ich habe auch die richtigen Prioritäten gesetzt. Ich habe es zumindest versucht. Und dennoch gab es in meinem Leben viel Zerbruch und viele schwierige Wege. Zumindest in der zweiten Lebenshälfte.
Lange habe ich nicht gewusst, dass mir Bindungsängste zu schaffen machen. Als mir das in einer Therapie wie Schuppen von den Augen fiel, konnte ich endlich so manches schmerzhafte Erlebnis in meinem Leben besser einordnen.
Den unerkannten Ängsten zum Trotz gelang es mir dennoch, eine stabile Beziehung zu führen. Ich habe sogar geheiratet. Doch einige Jahre später geriet meine Ehe in Schieflage. Und dann habe ich jahrelang gekämpft, gebetet, versucht, Gott zu vertrauen, geglaubt. Und trotzdem ist alles zerbrochen. Habe ich etwa die falschen Prioritäten gesetzt? Wohl kaum. Zusätzlich belastete mich die Scham. Menschen, deren Beziehungen zerbrechen, können unglaublich einsam werden. Dann, wenn die Trennung erfolgt und sich die Freunde aufteilen. Aber auch bereits davor. Man schämt sich für das Scheitern der Ehe. Es fühlt sich wie Versagen an. Man hat Angst vor Ablehnung und Verurteilung. Jedenfalls ging mir das so. Noch heute fühle ich mich gebrandmarkt, wenn ich in Formularen das Feld »geschieden« ankreuzen muss. Manch einer hat vielleicht keine Ahnung, was es bedeutet, sein Kind an vielen Tagen im Jahr nicht sehen zu können, sein Haus aufzugeben und dann auch noch das soziale Umfeld zu verlieren.
Einmal lud mich mein Kumpel Matthias zu Heiligabend ein. Das empfand ich als ungeheuer nett und menschlich große Klasse. Ich war aber zum Glück bereits verplant. Zu Matthias hätte ich nicht gehen können. Wissen Sie, wie sich das anfühlt? Weihnachten als Gast in einer intakten Familie? Einmal habe ich an Heiligabend mein Wohnzimmer gestrichen. Einfach, um mir selbst einen ganz normalen Tag vorzugaukeln. Dann tut das Alleinsein nicht so weh.
Jakob humpelte, nachdem er mit Gott gekämpft hatte. Gott hatte ihn verletzt und Jakob trug die Folgen dieses Kampfes nun mit sich herum. Segen hin oder her. Wenn ich heute mein Leben anschaue, dann denke ich: Ja, das Leben hat mich auch ziemlich mitgenommen. Ich bin verletzt, ich humple und hinke durchs Leben – und irgendwie auch Gott hinterher. Das ist offenbar meine Art der Nachfolge. Ich bin froh über dieses Bild, das ich so in etwa irgendwo bei Adrian Plass gelesen habe. Ich glaube, wir mittelmäßigen Christen und Christinnen können mit den christlichen Leuchttürmen nicht immer so viel anfangen. Sie wirken so unerreichbar. Umso erschreckender, dass sich bei der einen oder anderen Führungsgestalt der christlichen Szene so tiefe moralische Löcher aufgetan haben.
Die Frage ist doch hier: Was machen wir mit den Menschen, die wir in den Himmel loben? Verlieren sie deshalb irgendwann die Bodenhaftung? Tun wir unseren »frommen Helden« einen Gefallen, wenn wir sie glorifizieren? Wäre es nicht für alle besser, wir würden Menschen einfach Menschen sein lassen? Keine Superleiter, keine Fixsterne, keine Leuchttürme. Stattdessen normale Menschen, die fehlerhaft sein dürfen. Denen keine untragbare Last auf die Schultern gelegt wird. Dafür aber auch keine Menschen, die wir im Versagensfall dann entsetzt verteufeln müssen.
Ist es vielleicht sogar gut, dass manche Menschen im übertragenen Sinn den Schmerz an ihrer Hüfte spüren? Ihre Fehler kennen, um ihr Humpeln wissen? Und wie viele gibt es eigentlich von unserer Sorte? Vermutlich viel mehr, als wir denken. Unser Leben wird nicht in Onlinemagazinen porträtiert. Wir produzieren keine Meldungen, die die Leute liken und kommentieren. Wir sind kein christliches Vorzeigeprodukt. Selten wird ehrlich, authentisch und wohlwollend über das Humpeln geschrieben. Aber sind wir Humpler nicht vielleicht die große breite Masse? Vielleicht haben mir deshalb immer die Texte von Brennan Manning und Henri Nouwen so gutgetan.
Jakob sagt: »Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.«
Mir geht es ebenso. Ich denke: »Es ist vieles schiefgelaufen, mein Gott. Mir geht es nicht um irgendeinen hochgestochenen geistlichen Segen, verbunden mit überragenden geistlichen Erkenntnissen. Da bin ich wie Jakob. Es geht mir um ein Leben, das gelingt. Ich möchte, dass ich auf der richtigen Spur bin. Ich möchte, dass mein Leben wertvoll ist und von dir, mein Gott, begleitet wird. Und ich möchte nach all den schwierigen Jahren Ruhe. Mein Gott: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.«
Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde. Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. Und der Versucher trat herzu und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden. Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben: »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.«
Matthäus 4,1-4
Ich stöbere ein wenig im Netz. Dort finde ich plötzlich einen Satz von Johannes Hartl. Kein Wunder, ich habe ihn ja auch abonniert. Johannes Hartl hat annähernd mein Alter, ist ein deutscher Theologe, Buchautor und Gründer des Gebetshauses in Augsburg. Ich mag, was er sagt, aber manchmal ist es mir auch zu konservativ.
Ich lese einen seiner Posts auf X: »Nichts kommt dem Geschenk, dem unfassbaren Glück gleich, eine Heimat bei Gott zu haben. Innerlich zu Hause zu sein oder zumindest auf dem Weg dorthin.« Ich denke darüber nach. In mir regt sich Widerstand. Vor 25 Jahren hätte ich den Satz von Johannes Hartl bedenkenlos unterschrieben, aber heute? Kommt so ein Satz eher von Menschen, die bereits alles haben? Von Menschen in festen und gesunden familiären Strukturen in einem heimatlichen Nest? Auf allzu fromme Statements reagiere ich schnell allergisch.
Sicher, auch ich kenne das, dass ich in der Besinnung auf Gott zur Ruhe finde, mich aufgehoben fühle, daran glaube (oder es zumindest versuche), dass er alles regelt, was ich nicht regeln kann und was mich gerade so sehr bedrückt. Aber ich stoße mich am geistlichen Gehalt, am Anspruch dieses Satzes. Er kommt mir so überzogen vor. Ich möchte versuchen zu beschreiben, was ich meine.
Vor über zehn Jahren bin ich nach Dresden gezogen, 500 Kilometer von meiner Heimat, dem Siegerland, entfernt. Und erst hier in Dresden, also in der Fremde, habe ich gemerkt, wie sehr ich an meiner Heimat hänge: die vielen Wälder, der typische Nieselregen, die bekannten Wege, der unverwechselbare Geschmack des Bieres, der Siegerländer Zungenschlag, die Dörfer, die Orte meiner Kindheit und meines Erwachsenwerdens. Aber eben auch die Menschen. Meine Freunde, die vielen bekannten Gesichter.
Vor rund zwei Jahren verlor ich meine Mutter. Mein Vater starb bereits sehr früh in den späten 1980er-Jahren. Mittlerweile ist mein Elternhaus verkauft. Ich kenne das Gefühl von Entwurzelung, weiß, wie sich der Verlust eines Zuhauses anfühlt. Wenn ich in meiner alten Heimat bin, gehe ich meine vertrauten Stationen ab. Ich folge meinem alten Joggingpfad, schaue auf dem Friedhof nach dem Grab meiner Mutter. Am liebsten bin ich zu Fuß unterwegs, gehe an die Orte meiner Erinnerung, setze mich manchmal irgendwo auf den Boden, berühre die Erde, schaue in die Ferne, bis meine Augen das nächste Dorf finden, besuche meine Freunde. Insbesondere am ersten Tag merke ich, wie eine tiefe Sehnsucht in mir gestreichelt wird. Endlich bin ich wieder zu Hause. Oder zumindest bei den Resten meines Zuhauses.
Neulich ging ich mit meinem früheren Vermieter Rudi eine Runde in der Natur spazieren. Ich sagte zu ihm: »Rudi, ich merke, wie meine Kindheit langsam verschwindet. Die Menschen sind nicht mehr da und auf dem Friedhof finde ich ihre Namen wieder. Dort, wo früher ein dichter Wald stand, ist heute keiner mehr. Dort, wo früher kleine Bäumchen standen, ist heute ein dichter Wald.«
Rudi antwortete nur: »Ja, so ist das!« Er wusste, was ich meine.
Gerne würde ich noch einmal meine Oma sehen, die sich so liebevoll um mich gekümmert hat. Wenn wir mit dem CVJM auf lange Freizeiten nach Korsika oder Schweden fuhren, stand sie oben am Fenster und schaute auf die nahe Bushaltestelle hinunter. Dann winkte sie, schüttelte die zusammengefalteten Hände, beugte sich aus dem Fenster so weit vor, dass man den Eindruck gewinnen könnte, sie würde vor Enthusiasmus jeden Moment aus dem Fenster stürzen. Was würde ich darum geben, wenn ich die verschiedenen Phasen und Stationen meines Lebens noch mal erleben dürfte? Wenn ich die Menschen, die mir so wichtig waren, noch einmal sehen könnte: meinen lieben Papa, der dann miterleben könnte, dass ich Lehrer geworden bin. Onkel Harold, der wie ein zweiter Vater für mich war, als mein eigener nicht mehr lebte.
All das habe ich vor Augen, wenn ich einen Satz wie den von Johannes Hartl lese und an Heimat denke. Was ich eben beschrieben habe, das ist, das war mein Zuhause. Wie soll mir da die Gemeinschaft mit Gott, den ich nicht sehen kann, noch mehr geben, mir noch wertvoller sein, mich unfassbar glücklich machen? Für mich ist das nicht möglich. Selbst Gott kann meine tiefe Sehnsucht nach meinem Zuhause – nach meinen vertrauten Orten und Menschen – nicht durch geistliche Ersatzstoffe stillen. Kein Lobpreis der Welt ersetzt mir Vater oder Mutter. Kein Bibelwort ersetzt mir meine Freunde. Kein Gebet ersetzt mir die Natur meiner Heimat. Verstehen Sie, was ich meine?
Und so komme ich zu dem Schluss, dass die Bedürfnisse nach Heimat, Freundschaft und Familie eben nicht allein durch eine geistliche Heimat bei Gott gestillt werden können. Ebenso wenig kann man Hunger und Durst mit Gebet, Segen oder Bibellesen stillen. Wir sind nun mal irdische Wesen und keine himmlischen. Diese Tatsache können wir nicht verleugnen und wir sollten unseren Anspruch auch nicht zu hoch hängen. Zumindest nicht unerreichbar hoch. Ich empfinde das, was Johannes Hartl sagt, als überzogen.
Aber was kann uns der Glaube denn dann bieten? Ich denke, ein echtes Add-on ist möglich. Zusätzlich zu den Dingen, die wir Menschen von Natur aus brauchen, kann uns Gott eine innere Heimat bei ihm selbst geben. Ich möchte das eine nicht gegen das andere ausspielen.
Jesus sagt: »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.« Den Frommen möchte ich gern sagen: »Aber auch! Der Mensch lebt auch vom Brot. Ganz banal und normal.« Den Unfrommen sagt Jesus: »Es gibt mehr als die Bedürfnisse dieser Welt. Das, was dir noch fehlt, findest du nur bei Gott.«
Zum Nachdenken ein weiterer Satz. Ich fand ihn neulich auf der Seite der evangelischen Kirche in Hessen. Er stammt aus einer Predigt von Pfarrer Hans Genthe: »Heimat ist viel mehr als der Ort, an dem man aufgewachsen ist. Heimat ist auch die Familie und heimatlich ist die Kultur, in der man zu Hause ist. Man kann seine Heimat verlieren und man kann eine neue Heimat finden. Und schließlich kann auch der Glaube zur Heimat werden. Kurz gesagt: Heimat ist die Sehnsucht nach dem Paradies.«
Damit werde ich eher warm.
Jesus sagt zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.
Matthäus 8,20
Es ist kalt geworden. Die Bäume verlieren ihre Blätter. Die Vögel ziehen gen Süden. Die Natur wird karg. Die Dunkelheit nimmt zu. Der Winter steht vor der Tür. Friedrich Nietzsche schrieb in seinem Gedicht Vereinsamt:
Die Krähen schrei’nUnd ziehen schwirren Flugs zur Stadt:Bald wird es schnei’nWeh dem, der keine Heimat hat!3
Kennen Sie die Einsamkeit heimatloser und entwurzelter Menschen? Ihre Verlorenheit? Die tiefe Sinnlosigkeit? Ich meine damit nicht unbedingt die über 108 Millionen Menschen, die gerade weltweit auf der Flucht sind.4 Übrigens die höchste jemals geschätzte Zahl.
Mitten unter uns sind viele Menschen, die keine Heimat haben – oder keine Heimat mehr haben. Keine innere Heimat. In Deutschland lebten im Jahr 2019 rund 18 Millionen Menschen allein. Der Anteil der Singlehaushalte zwischen 1991 und 2019 stieg von 34 Prozent auf 42 Prozent. Die meisten davon findet man in Großstädten – damit auch in Dresden.5
Man kann sehr einsam sein in einer lebendigen Großstadt. Man kommt nach Hause, aber da ist niemand, der einen erwartet. Man kocht, aber niemand isst mit. Es gibt nicht mal jemanden, der übers Essen meckert. Man geht schlafen und das große Bett ist kalt. Es gibt kein Lachen, keine Fröhlichkeit, keinen Witz, keinen Streit und kein gemeinsames Schweigen. Was bleibt, ist die Arbeit, der Fernseher, das Internet und die Hobbys. Mit den Nachbarn macht man Small Talk – wenn überhaupt.
Es gibt viele alte, einsame Menschen, meistens Frauen, deren Partner bereits gestorben ist. Menschen, die niemanden mehr haben. Singles und Alleinerziehende. Menschen, die eine schlimme Trennung hinter sich haben. Menschen mit einem kleinen sozialen Netz. Menschen, die jetzt schon wieder Angst vor Weihnachten haben, jenem Familienfest, bei dem die Einsamen ihre Einsamkeit so richtig spüren. Menschen, die sich die elementaren Fragen stellen: Wozu gehe ich eigentlich arbeiten? Und für wen? Wen interessiert es, ob ich heute aufstehe oder im Bett liegen bleibe? Was ändert es, wenn ich aufräume oder mich anziehe? Würde mich eigentlich jemand vermissen, wenn ich nicht mehr da wäre?
Ich mag den Musiker Steven Wilson. Auf seinem Album Hand. Cannot. Erase. vertonte er die wahre Geschichte einer jungen Engländerin, die, umgeben von ihren Weihnachtsgeschenken, fast drei Jahre tot und unentdeckt in ihrer Londoner Wohnung lag. Vermisst hatte sie anscheinend niemand. Drei Jahre lang!
Kennen Sie den Dortmunder Tatort? Kommissar Faber ist ein völlig entwurzelter, einsamer, depressiver, zynischer, fast verrückter Mann. Seine Familie lebt nicht mehr. Ein Mann ohne jeglichen Halt – mit Ausnahme seiner Arbeit. Manchmal fährt er ziellos mit der U-Bahn durch die Großstadt.
Ich war sehr erstaunt, dass Jesus diese Heimatlosigkeit kannte. Nicht nur, weil er immer ein Herz für die Heimatlosen hatte, sondern auch aus eigenem Erleben. In Matthäus 8,20 sagt er: »Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.«
Der Sohn Gottes versteht die Not der Menschen, die kein Zuhause mehr haben. Er kennt den Schmerz. Tröstet mich das? Ich denke, ja. Zumindest ein bisschen.
Wir Heimatlosen haben eine gemeinsame Hoffnung: dass wir irgendwann endlich wieder ein Zuhause haben werden. Eine Heimat im Himmel. Ruhe und Ankommen. Und ein Lächeln, wenn wir durch die Türe kommen. Und dass jemand sagt: »Schön, dass du endlich da bist! Ich habe auf dich gewartet. Komm in meine Arme.«
Die Bibel schenkt uns Hoffnung, dass Gott am Ende aller Tage ein Fest mit uns feiern wird, wenn wir bei ihm ankommen. Dass da ein Vater im Türrahmen wartet. Doch bis dahin ist es ein langer Weg. Wir müssen wirklich zusammenhalten. Das Leben ist nicht einfach. Echt nicht.
Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm. Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog.
1. Mose 12,1-4
Die Kinder in der Schule fragen mich im Religionsunterricht häufig: »Herr Bohn, sind Sie eigentlich so richtig gläubig?« Mich irritiert diese Frage, weil ich doch aus Erfahrung weiß, wie schwierig Glauben manchmal ist, mit all seinen Höhen und Tiefen. Und vor allem die Umsetzung in konkrete Handlungen. Ich antworte den Kindern dann: »Na ja, ich versuche es. Ich versuche zu glauben.« Bei den Kindern hinterlässt diese Antwort ein großes Fragezeichen. Ihre Gesichter sagen: »Was ist denn das für eine Antwort?«
Ich habe darüber nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass hier auf beiden Seiten ein Missverständnis vorliegt. Die Kinder stellen sich den Glauben wie ein festes, unveränderliches Statement vor. Etwa wie: »Ich bin gegen Atomkraft!« oder: »Ich bin Fan von Borussia Dortmund!« Ich aber erfahre Glauben als einen Weg. Als ein Hinterherhumpeln auf holprigen Feldwegen.
Abraham war ein Mann, dessen Leben ein langer Weg des Glaubens war. Als Gott ihn einst rief, ging er los. Abraham gilt heute in drei Weltreligionen als Glaubensvater: im Judentum, im Christentum und im Islam. Es gibt keine andere Person, die eine derart verbindende Rolle in den großen monotheistischen Religionen innehat.
Aber Abraham wurde nicht als Glaubensgigant geboren. Als die biblische Erzählung über ihn einsetzt, ist er verheiratet mit Sarah und lebt mit seiner Großfamilie in Mesopotamien, zuerst in Ur, dann in Haran. Er ist ein wohlhabender Viehzüchter und führt ein geordnetes, gesichertes und aus heutiger Sicht gutbürgerliches Leben. Da trifft ihn Gottes Ruf: »Abraham6! Geh in ein Land, das ich dir zeigen werde.« Und das Erstaunliche ist: Er geht. Es gibt kein Zögern, kein Zaudern. Abraham packt seine Sachen, seine Zelte, sein Vieh und bricht mit seiner Frau und seinem Neffen Lot auf ins Unbekannte. Sie wissen noch gar nicht, wohin. Was hat er wohl seinen Verwandten, seinem Bruder und seinem Vater erzählt?
»Vater! Bruder! Ich muss euch etwas sagen: Ich ziehe fort!«
»Aber wohin denn?«
»Ähm, ja, also … das weiß ich noch nicht.«
»Wie meinst du das, Abraham? Man zieht doch nicht einfach fort und weiß gar nicht wohin?!«
»Ja, also, das ist so: Ich habe Gottes Stimme gehört. Und er hat mir gesagt, dass ich fortziehen soll.«
»Soso … du hast Gottes Stimme gehört? Welches Gottes?«
»Das weiß ich jetzt auch nicht. Es war ein … ähm … unsichtbarer Gott.«
»Jetzt mal im Ernst! Du willst wegziehen, weil ein unsichtbarer Gott mit dir geredet hat. Und du weißt nicht, wohin die Reise führen soll?«
»Ähm … ja!«
