Die Kür des Überlebens - Sarah Samuel - E-Book

Die Kür des Überlebens E-Book

Sarah Samuel

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Beschreibung

Ein Mann, ein Schicksal – und der unerschütterliche Wille, Mensch zu bleiben: Bereits Ende der dreißiger Jahre erkennt ein französischer Jude die drohende Katastrophe und setzt alles daran, seine Eltern zu schützen – und sich selbst. Mit Charme, Witz und scharfem Verstand trotzt er den Nazis, entkommt Gefahren und bewahrt sich seine Würde. Ein eleganter, sprachgewandter Roman, der keine Anklage erhebt, sondern zeigt: Selbst in den dunkelsten Zeiten kann der Mensch seine Menschlichkeit bewahren. Inspirierend, bewegend – und voller Lebenskunst.

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Seitenzahl: 256

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Sarah Samuel

Die Kür des Überlebens

AUGUST VON GOETHE LITERATURVERLAG

FRANKFURT A.M. • LONDON • NEW YORK

Die neue Literatur, die – in Erinnerung an die Zusammenarbeit Heinrich Heines und Annette von Droste-Hülshoffs mit der Herausgeberin Elise von Hohenhausen – ein Wagnis ist, steht im Mittelpunkt der Verlagsarbeit.Das Lektorat nimmt daher Manuskripte an, um deren Einsendung das gebildete Publikum gebeten wird.

©2025 FRANKFURTER LITERATURVERLAG

Ein Unternehmen der

FRANKFURTER VERLAGSGRUPPE GMBH

Mainstraße 143

D-63065 Offenbach

Tel. 069-40-894-0 ▪ Fax 069-40-894-194

E-Mail [email protected]

Medien- und Buchverlage

DR. VON HÄNSEL-HOHENHAUSEN

seit 1987

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.d-nb.de.

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Titelbild: Iuliu Illes / Unsplash

Lektorat: Gerrit Koehler

ISBN 978-3-8372-2953-0

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 1

Ich bereitete mich auf das Schlimmste vor. Nach der Annexion Österreichs im März 1938 konnte ich mir schon ausmalen, wohin das böse Spiel noch führen würde. Adolf Hitler, der Gefreite im Karnevalskostüm eines Feldmarschalls, dürfte so nach und nach alle Gebiete einstecken, die er in einem vagen Sinn als deutschen Siedlungsraum zu deklarieren vermochte. Auf Österreich könnte das Sudetenland folgen, und dann kämen vermutlich weite Teile Polens, das Baltikum und vielleicht sogar Siebenbürgen ins Visier. Das Elsass betrachteten die Hakenkreuzler ohnedies als deutsches Stammland, das nur vorübergehend von Frankreich besetzt wurde.

Wir Lothringer waren, im Gegensatz zu den Elsässern, schon immer von etwas zweifelhafter Herkunft. Einige gebildetere Nazibonzen hatten gewiss einen Begriff vom berühmten Lothringer Charlemagne (für sie Karl der Große) und vom Herrscherhaus Habsburg-Lothringen. Das suggerierte für diese Deutschtümler vielleicht eine Zugehörigkeit Lothringens zum teutonischen Kulturkreis. Andererseits haben wir vollständig die Gepflogenheiten der Franzosen angenommen und alles Deutsche abgelegt. Wir essen kein Sauerkraut wie die Elsässer, wir trinken kein Bier zu den Mahlzeiten, wir backen baguette statt Schwarzbrot. Man musste jedenfalls trotzdem damit rechnen, dass dem Führer der braunen Horden von seinen Einflüsterern eingeredet wurde, dass Lothringen urdeutsch sei und daher dem Dritten Reich einverleibt werden müsse.

Ich begann also bereits im Frühjahr 1938 mit meinen Vorkehrungen. Primär war es erforderlich, meinen jüdischen Namen zu ändern. Mit einem solchen Brandzeichen auf mir konnte ich ja nicht den faschistischen Schlächtern entgegentreten! Ich weiß eigentlich nicht, warum mir meine Eltern den semitischen Vornamen Salomon verpassten. Sie waren bestens assimilierte Juden, sie hätten mich genauso gut Jean-Jacques rufen können. Mein Vater Pierre diente während des Großen Kriegs in der französischen Armee und überlebte die Hölle von Verdun. Er war ein überzeugter Patriot, ein Verfechter alles Französischen, und er impfte auch mir die Begeisterung für die französische Kultur und Lebensart ein. Meine Mutter trug stolz den Namen der Kaiserin Joséphine, wenngleich dieses erhabene Prädikat nicht so recht mit der untersetzten rundlichen Figur der in solcher Weise Ausgezeichneten harmonieren wollte. Wie auch immer, meine Großeltern mütterlicherseits mussten wohl eingefleischte Bonapartisten gewesen sein. Geredet wurde darüber bei uns zu Hause nicht, es war einfach zu seltsam. Aber welchen anderen Parteigängern wäre denn eine derart napoleonische Benennung der Tochter eingefallen? Jüdische Bonapartisten! Eine bereits seit dem Revolutionsjahr 1848 fast ausgestorbene Spezies, ungefähr so rar wie streng katholische Zionisten.

Pierre und Joséphine zollten mit dem Salomon vielleicht nur den symbolischen Tribut an ihre Abstammung, den ihre eigenen Eltern verabsäumt hatten. Mit meinem Familienname Meir war ich auch nie zufrieden, allein schon deswegen, weil ihn viele Leute falsch aussprechen. Man konnte ihn jedoch leicht durch Maier, Mayer oder Meyer arisieren. Ich entschied mich für Louis Meyer als meine neue Identität.

Für reichlich Geld oder guten Sex – und noch mehr für beides – war in Frankreich in den Zeiten der Wirtschaftskrise alles zu haben. Ich wusste um meine Wirkung auf Frauen, mit meinen schwarz glänzenden Haaren, den dunklen Augen und dem kantig geschnittenen Gesicht. Die Damenwelt stufte mich gewiss als sehr männlich und viril ein. Der geradlinigste Weg zu meinem Ziel führte daher über Zouzou, die frivole kleine Kanaille im Gemeindeamt meines Wohnorts Varangéville nahe der Stadt Nancy.

Zouzou war sicherlich ihr nom de guerre in der Liebe, also gleichsam ihr nom de lit, ihr Bettname. Dieses Etikett hatte sie sich wahrscheinlich von einem Pariser Revuestar entliehen, über den in ihren Frauenmagazinen berichtet wurde. So verbarg sie eben einen für ihren Geschmack viel zu artigen Vornamen wie etwa Marie-Claire, mit dem sie die Eltern ins bürgerliche Leben geschickt hatten. Sie bot sich als verlockendes Jagdwild im Zauberwald der Erotik an, mit ihren warmen, vor Sinneslust funkelnden haselnussbraunen Augen, dem goldenen Lockenkopf, ihrem kirschrot geschminkten Schmollmund und den reizenden Hüften, die sie mit ihrem auf hohen Stöckelschuhen schwebenden Gang in verführerische, schaukelnde Bewegungen brachte.

Ein Vorwand, im Gemeindeamt von Varangéville vorstellig zu werden, fand sich schnell, weil die öffentlichen Dienstleistungen im Ort zu wünschen übrigließen. Ich traf Zouzou in der Amtskanzlei an und bemühte mich um einen seriösen und unverfänglichen Tonfall.

„Mademoiselle, ich muss Sie leider mit einer Beschwerde belästigen“, begann ich. „In letzter Zeit kommt die Müllabfuhr nur unregelmäßig bei meinem Haus in der Rue de la Saline vorbei. Ich weiß oft nicht mehr, wohin mit dem ganzen Abfall.“

Die liebliche Zouzou reagierte völlig unbeeindruckt: „Das ist doch nicht so schlimm, monsieur. Sehen Sie die Sache einfach etwas entspannter. Mist bleibt Mist, wo immer er auch liegt.“

„Aber mein Mist stinkt vor meiner Haustür! Meine Freunde in Nancy beklagen sich nie über die Müllabfuhr. Warum klappt sie dort und bei uns hier nicht?“

Zouzou war nicht nur unverschämt hübsch, sie konnte ebenso unverschämt schnippisch sein: „Nehmen Sie halt Ihren Müll nach Nancy mit, wenn Sie dort Ihre Freunde besuchen! Dann wird er wenigstens rasch und vorschriftsmäßig entsorgt.“

„Mademoiselle, ich glaube, Sie nehmen mich nicht ernst!“

Sie beschwichtigte mich mit einem hinreißenden Lächeln: „Na schön, monsieur, ich werde Ihre Beschwerde an den Vizebürgermeister weiterleiten. Sie sagten Rue de la Saline, nicht wahr?“

„Ja, genau, Rue de la Saline im Nordwesten des Ortes. Das ist anscheinend die Schattenseite von Varangéville, der letzte Winkel mit dem schlechtesten Service.“

„Schatten oder Licht, jedenfalls ist der Vizebürgermeister zuständig. Er wird vielleicht etwas tun können. Aber Sie müssen einsehen, dass die Verwaltung unserer kleinen Gemeinde nur wenig Personal hat. Da kommt dann halt manchmal der Arbeitsplan ein bisschen durcheinander.“

Ich hatte den Eindruck, dass mich die kesse Gemeindesekretärin bei diesen belanglosen Worten mit großem Interesse begutachtete – das Tor war also offen. Ich blickte ihr tief in die Augen, wie ich es in Schmachtfilmen gesehen hatte, und legte los: „Vielen Dank für Ihre Bemühungen, mademoiselle.Und jetzt gestatten Sie mir, ganz kurz privat zu werden. Wissen Sie, dass ich Sie immer schon aus der Ferne bewundert habe? Sie machen durch ihre bloße Anwesenheit diesen gewöhnlichen Ort zu etwas Besonderem. Sie müssen aus Paris kommen, so chic und elegant sind Sie. Und Ihre Augen sind einfach bezaubernd. Sie schauen mich oft in meinen Träumen unentrinnbar verführerisch an.“

Sie kicherte nur kokett. Ich fuhr fort: „Mademoiselle, erlauben Sie meinem geheimsten Wunsch, dass er erfüllt werde. Sie würden mich zum glücklichsten Menschen der Welt machen, wenn Sie mir dieses Wochenende ein Rendezvous gewährten. Sie gehen doch gerne aus, oder etwa nicht?“

Nach einigem weiteren Süßholzgeraspel willigte sie ein, sich mit mir am nächsten Samstag bei einem Tanzabend zu amüsieren. Nachdem sie ihre Adresse und Telefonnummer aufgeschrieben hatte, reichte sie mir den Zettel und sagte mit einem schalkhaften Funkeln in den Augen: „Bei mir funktioniert die Müllabfuhr. Ich wohne auf der Sonnenseite. Bringen Sie aber trotzdem nicht Ihren Müll mit, wenn Sie mich abholen!“

„Jetzt kann ich es ja verraten“, gestand ich. „Ich bin eigentlich nur Ihretwegen hergekommen, meine schöne Zouzou.“

„Sie Schlingel, Sie“, antwortete sie und drohte mir dabei spielerisch mit dem rechten Zeigefinger.

Dann lachte sie bezaubernd mit dem hellen Klang einer Silberglocke. Die erste Runde im Kräftemessen zwischen uns hatte, so schätzte ich, möglicherweise sie gewonnen, aber – was entschieden wichtiger war – die erste Runde im Streben nach meinem neuen Selbst hatte ich gewonnen.

Ich musste Zouzou an meiner Geliebten Eugénie vorbeischwindeln, die immer gleich so furchtbar eifersüchtig wurde, wenn meine Augen auf eine andere Schöne fielen. Warum können Frauen aber auch nicht verstehen, dass ein Mann eine Palette von Möglichkeiten braucht und nicht mit einseitiger Kost vorliebnehmen kann? Sie sind alle so besitzergreifend, die Evastöchter, sie wollen uns Männer immer monopolisieren und sehen nicht ein, dass das der Hauptgrund für die Zwietracht zwischen Liebes- und Ehepaaren ist!

Auf jeden Fall gebot es die Umsicht, ein Tanzlokal in einem Vorort von Nancy zu wählen, denn im Stadtzentrum hätte ich auf Bekannte von Eugénie oder mir stoßen können. Varangéville selbst war ja sowieso ein viel zu gefährliches Pflaster.

Ich spielte den Gentleman und holte Zouzou mit dem Taxi ab, um mit ihr zum Dancing in Villers-lès-Nancy zu fahren. Sie hatte sich für die Schlacht der Geschlechter vortrefflich gerüstet: laut geschminkt, unüberriechbar parfümiert und hauteng kostümiert. Das prätentiös benannte Dancing stellte sich als schmuddelige, halbseidene Tanzbar heraus. In dieser banalen Vorstadt konnte man bei realistischer Betrachtungsweise wohl auch nichts anderes erwarten. Dem verheißungsvollen Knistern zwischen uns tat das dennoch keinen Abbruch. Wir suchten uns eine schummerige Nische, was sich angesichts der spärlichen Beleuchtung im Lokal als ungefähr so herausfordernd erwies wie die Aufgabe, im Dunkeln die Finsternis zu finden.

Nach einem Glas Rotwein, begleitet von gegenseitigem strahlendem Anlächeln und vielsagenden zouzouschen Augenaufschlägen, führte ich meine neue Flamme auf das vollgepackte Tanzparkett. Wir verließen es nur mehr in den Pausen der Musik. Ihr geschmeidiger, gut koordinierter Körper machte Zouzou zu einer exzellenten Tänzerin, und sie interpretierte den Paarlauf auf dem Parkett als eine Art von Flirt mit Tuchfühlung. Diese Deutung deckte sich perfekt mit meiner eigenen choreographischen Linie und kam meiner Verführungsstrategie bereitwillig auf ganzem Weg entgegen. Beim ersten Rendezvous verlangt es die Etikette, sich zahm und züchtig zu geben, aber erotische Signale dürfen schon ausgestrahlt werden; wir sendeten beide ausgiebig.

Ich brachte Zouzou zu einer gerade noch christlichen Stunde nach Hause und musste sie beim Abschied vor ihrer Wohnungstür nicht lange bedrängen, damit sie just am Tag darauf wieder mit mir tanzen gehen würde. Ich stand unter der Zwangsvorstellung eines Wettlaufs mit den Nazis (würden sie früher in Lothringen einmarschieren oder würde ich eher eine neue Identität gewinnen?), und so wollte ich keine Zeit verlieren. Vielleicht litt ich auch schon unter Verfolgungswahn, denn mit gewiss übertriebener Vorsicht wählte ich diesmal eine Tanzdiele in einem anderen Vorort von Nancy. Um Spuren zu verwischen oder um in Villers-lès-Nancy nicht durch erneutes Auftauchen Verdacht zu erregen? Zu ängstlich kalkuliert, so oder so, gestand ich mir später ein. Aber alles kein Problem für Zouzou! Ihr gefiel die Idee des Ortswechsels, der Reiz des potenziell Neuen.

In diesem – wie sich jedoch herausstellte – ebenso schäbigen, düsteren und verrauchten Tanzlokal wie jenes am Abend zuvor befreiten wir uns bereits von den engen bürgerlichen Anstandsregeln. Gleich am Anfang beim Foxtrott drückte Zouzou so ungebührlich intim ihre Brüste an mich, dass ich deren berückende Schwellung spürte, und blickte anhimmelnd zu mir hoch. Die weiteren Tänze gerieten mehr und mehr zu erotischen Vorspielen. Bei den Tangos simulierte Zouzou sogar vollkommene Hingabe. Ohne sie zu fragen, brachte ich sie gegen Mitternacht im Taxi zu mir nach Hause. Sie verstand das Paarungsritual sehr gut, und nach einer halben Flasche Médoc saß sie bereits auf meinen Knien. Als ich meine hohlen Hände dort auf ihre Bluse legte, wo ihre Äpfel hingen, erklang ihre Silberglocke wieder und ich hatte freie Bahn.

Selten hat mir eine List so viel sexuelles Vergnügen bereitet wie diese ausgetüftelte Affäre mit Zouzou. Das kecke Biest war sehr experimentierfreudig, und ich konnte sogar noch allerhand von ihr lernen. Ich glaubte, sie nach einigen Wochen in meiner Hand zu haben, soweit man eine Frau überhaupt in der Hand haben kann.

Bei all dem Spaß, den ich mit ihr genoss, musste ich mich bemühen, mein eigentliches Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Ich überlegte also, wie ich mein Anliegen in plausibler Form vorbringen konnte. Zouzou war Nichtjüdin, und so würde sie die wahren Beweggründe für meinen Namenswechsel nicht verstehen. Sie sollte aber zweifellos für Argumente aus Gründen des guten Stils und der Angepasstheit empfänglich sein, spekulierte ich. Sie arbeitete doch immer so hart daran, ihr Äußeres den neuesten Pariser Trends, die sie in den Modezeitschriften verfolgte, stilistisch anzupassen.

Sie kannte meinen vollen Namen wahrscheinlich gar nicht, denn ich hatte mich ihr nur als „Sali“ vorgestellt. In einem besinnlichen Moment, beim erotisch gesättigten Ausruhen mit Zigaretten nach einem Festival in meinem Schlafzimmer, breitete ich eine Leidensgeschichte vor ihr aus: Vom Jungen, der in der Schule wegen seines Namens gehänselt wurde, den die Buben saumon, also Lachs, riefen und die besonders boshaften auch saumon mère, Mutter Lachs. Diejenigen Mitschüler, welche sich als ausnehmend klug und witzig vorkamen, fragten mich, welche salomonischen Urteile ich schon gefällt hätte und wie es doch war, mit der Königin von Saba zu schlafen. Aber auch als Erwachsener verfolgt mich der Name, so klagte ich. Die Leute geben vor, nicht zu wissen, wie man Meir schreibt, um mich meine Andersartigkeit spüren zu lassen. Sie machen Maire, Mer oder Mère daraus, und ich bin meist gezwungen, meinen Familiennamen zu buchstabieren. So heischte ich um Zouzous Verständnis.

„Wenn du mir eine Identitätskarte mit meinem Wunschnamen Louis Meyer beschaffst, dann werde ich dir nicht nur ewig treu bleiben, sondern wir gehen auch zusammen zum Juwelier und du darfst dir ein schönes Schmuckstück aussuchen“, versprach ich ihr.

Vor allem das zweite Gelöbnis dürfte sie überzeugt haben, denn binnen kurzem besaß ich ein neues Ausweispapier. Als Gemeindeangestellte hatte sie ja Zugang zu derartigen Dokumenten. Beim Juwelier bezähmte sie dann auch den letzten Rest ihrer Bescheidenheit.

Mein Namenswechsel forderte neben dem teuren Brillantring für Zouzou noch ein weiteres Opfer, nämlich Eugénie. Sie war misstrauisch geworden, weil ich an Wochenenden nicht mehr mit ihr ausging, und nahm naturgemäß an, dass ich nun andere Frauen ausführte. Dass ich plötzlich einen mönchischen Lebenswandel angenommen hätte, wäre ja wirklich eine undenkbare Erklärungsvariante gewesen. Es kam zum Eklat, und dadurch wurde Zouzou meine petite amie, meine kleine Freundin, wie wir Franzosen so charmant sagen.

Kapitel 2

Einem Louis, benannt nach unserem großen Nationalheiligen, dünkte es wohl folgerichtig, Katholik zu werden. Meine Eltern waren keine frommen Juden, was mir die Beschneidung ersparte und vielleicht das Leben rettete, denn ohne Vorhaut konnte selbst ein schlauer Mann wie ich den Nazis nicht weismachen, dass er ein Christ sei. So aber, Vater und Mutter sei Dank, blieb mein Glied eine konfessionsfreie Zone.

Mein nächstes Ziel sollte also die Pfarrkirche Saint-Gorgon in Varangéville sein. Übrigens eine nicht sehr einnehmende Bezeichnung, denn man konnte dabei an gorge, also Schlucht, denken. Die Witzbolde des Ortes nannten die Kirche „Saint-Gorgonzola“. Ich habe keine Ahnung, wodurch sich der Herr Gorgon seinen Heiligenschein erwarb. Auffallend vorgedrängt dürfte er sich mit seinen Leistungen nicht haben, denn sonst wären doch ein paar mehr Kirchen nach ihm benannt worden.

Natürlich kannte ich in dieser Pfarrei niemanden, und es erschien mir auch unwahrscheinlich, in einem Pfarramt eine frivole kleine Kanaille anzutreffen. Glücklicherweise war die erste Person, der ich dort begegnete, eine Frau, nämlich die Pfarrschwester Jeanne. Männer zu charmieren fällt mir stets viel schwerer – es fehlen ihnen die wohlgerundeten Blickfänge, die mich motivieren.

Ich bat Schwester Jeanne um eine vertrauliche Unterredung, und wir gingen sogleich in ihr Büro. Ich schätzte sie so um die Fünfzig. Ihr bäuerliches Gesicht war wohlgenährt und faltenlos, jedoch gezeichnet von mangelndem Antrieb und der durch fortgesetzte Monotonie und Langeweile hervorgerufenen Müdigkeit und Trägheit. Es stand darin das wehmütige Bedauern geschrieben, sich nicht den üblichen Wunsch jeder Durchschnittsfrau nach einem geborgenen Familienleben mit Kindern erfüllt zu haben. Von ihrer etwas gedrungenen, aber ausgeprägten Matronenfigur her gesehen hätte sie ja eigentlich gebärfreudig sein können. Die tiefen Blicke in die Augen konnte ich mir bei ihr sparen, vielmehr musste ich die Sache auf die religiöse Tour angehen.

Die Sprache wurde dem Menschen gegeben, um seine wahren Gedanken zu verbergen. Mit dieser alten Weisheit im Kopf, begann ich so: „Chère Sœur, ich trage den schönen katholischen Namen Louis und gehöre dennoch dem mosaischen Glaubensbekenntnis an. Das Alte Testament ist für mich selbstverständlich heilig, und damit bin ich eigentlich schon ein halber Christ. Doch nun will ich voll und ganz zur einzig wahren Religion konvertieren – dem Christentum. Ich sehne mich nach dem edlen, dem mitleidsvollen, dem sinnlichen, dem hingebenden Katholizismus. Ich bin bereit für die Glückseligkeit der Nächstenliebe. Der Heilige Geist hat das Begehren nach erhebender himmlischer Lust in mir gepflanzt. Die verlockende paradiesische Freudenbotschaft des Neuen Testaments soll mein künftiges Leben leiten.“

Ich wählte meine Worte mit Bedacht so, dass sie eine erotische Nebenbedeutung hatten, und spielte der Pfarrschwester in gekonnter Manier eine brennende religiöse Begeisterung vor. Ich spürte, dass sich Jeanne für mich erwärmte. Sie antwortete mit betonter Sympathie: „Monsieur Louis, Ihre gottgefälligen Worte bewegen mein Herz. Die heilige katholische Kirche freut sich natürlich über jede gewonnene Seele und wird Sie liebevoll in die Arme schließen. Vor der Taufe müssen Sie allerdings noch für einige Wochen den Einführungsunterricht nehmen. Den hält normalerweise der Pfarrer oder der Religionslehrer der Schule ab.“

Das Wort „normalerweise“ ließ mich aufhorchen, und ich stieß also nach: „Chère Sœur Jeanne, ich möchte die trostreiche Botschaft des Christentums aber gerade aus Ihrem Munde vernehmen. Sie erscheinen mir wie Santa Chiara von Assisi. Wenn ich durch Sie die Aufnahme in die gebenedeiten Reihen der Katholiken finde, so könnte ich Ihr Franziskus werden.“

Das war zweifellos reichlich übertrieben und ziemlich gewagt, aber ich vertrat damals die Theorie, dass bei der Betörung von Frauen Überschwang und Draufgängertum am schnellsten zum Erfolg führen.

Wir kamen überein, dass sie mir Einzelunterricht in ihrem Privatzimmer im Pfarrhaus erteilen würde. Mit dem Herrn Pfarrer würde sie die Sache auf ihre Art regeln, wie sie sich ausdrückte. Wir verstanden beide sehr wohl, dass diese abendlichen Stunden in der Abgeschiedenheit ihrer Kammer mit sinnlichem Potenzial aufgeladen waren. Meiner Natur entsprechend schöpfte ich dieses Potenzial maximal aus. Ich entdeckte bald, dass die Reste ihrer erotischen Sensoren hauptsächlich auf ihrem schon etwas unförmigen derrière konzentriert waren. Vielleicht ist das bei Nonnen immer so, darum werden sie mit wachsendem Alter alle so rund um die Hüften. Schwester Jeanne genoss es, wenn ich ihr graues Ordenskleid hochhob und ihre hinteren Rundungen anpackte und kniff. An eigentlichem Sex schien sie nicht interessiert zu sein. Ich glaube, sie wünschte sich insgeheim, dass ich in einer abwegigen Form eines katholischen Sühnerituals ihren derrière versohlte – aber ich kann Frauen keine Gewalt antun.

Die Taufe fand in kleinem Kreis statt, wie man sagt. Nur der Pfarrer, die Pfarrschwester und ich waren anwesend. Jeanne bestand darauf, an der Zeremonie teilzunehmen, denn sie betrachtete mich gewissermaßen als ihr Schäfchen. Nachher zwang mich der Pfarrer zur Beichte, die ich aber nur in stenographischer Kurzfassung abgab. Alleine meine nicht immer koscheren Frauengeschichten hätten ansonsten den Tag und den Abend ausgefüllt. Die Eucharistie musste ich auch über mich ergehen lassen. Dabei empfand ich es als höchst ungerecht, dass der Priester genussvoll Messwein trank und ich keinen erhielt – ich dachte mir, ein Grundprinzip des Christentums sei das Teilen.

Gleich am nächsten Tag sprach ich bei Jeanne vor, unter dem Vorwand, mich für den Religionsunterricht und die Aufnahme in die christliche Gemeinschaft zu bedanken. Wie gewohnt gingen wir alsbald in ihre Kammer, unser mit Kruzifix und Heiligenbildern geschmücktes Liebesnest. Wir stellten uns in dessen Mitte wie zum Tanz voreinander auf. Dann schlang ich meine Arme um die rundliche Nonne, drückte sie heftig und flüsterte ihr weitere Dankesworte und auch Schmeicheleien ins Ohr. Doch nach einer Weile löste ich mich von ihr, setzte eine schwermütige Miene auf und sprach mit verhaltener Erregung: „Jeanne, meine wunderbare Jeanne, ich liebe dich! Aber ich muss …“

„Mein geliebter Louis, etwas belastet dein Gemüt“, hauchte sie. „Ich spüre es in meinem Herzen.“

„Du sagst es. Dein gutes christliches Herz hat ein feines Gespür für die Sorgen und das Leid anderer Menschen.“

„Was bedrückt dich also? Sprich doch endlich, liebster Louis. Öffne mir deine Seele. Und setzen wir uns doch.“

Jeanne pflanzte ihre breiten Hüften auf das Bett. Ich nahm auf dem einzigen Stuhl im Zimmer Platz und öffnete also mein Innerstes: „Ich bin jetzt Katholik und schätze mich darob sehr glücklich, wie du weißt. Doch nun betrübt es mich, dass ich so viele Jahre lang der falschen Religion anhing.“

„Da kann man leider nichts machen, mein teurer Louis. Aber tröste dich damit, dass auch unser geliebter Heiland der jüdischen Religionsgemeinschaft angehörte.“

Ich wurde nun etwas nachdrücklicher: „Man kann sehr wohl etwas machen, chérie. Und du könntest mir dabei sogar helfen.“

„Aber ich bin doch nur eine unbedeutende Pfarrschwester und keine Heilige, die Wunder vollbringt.“

„Wir werden gar kein Wunder brauchen“, erklärte ich. „Überleg einmal, meine liebste Jeanne. Du wirst mir ja einen Taufschein ausstellen. Das machst du doch als Pfarrschwester.“

Die einfach gestrickte Jeanne begriff zunächst nicht und sagte nur: „Ja, freilich. Na und?“

Ich musste ins Detail gehen: „Darauf wirst du unter anderem das Datum der Taufe eintragen. Und hier solltest du ein wenig schöpferisch sein. Tag und Monat brauchst du ja nicht zu ändern, aber aus dem Jahr machst du 1909.“

Die verblüffte Pfarrschwester stammelte: „1909 … 1909 … Warum gerade 1909?“

„Weil das mein Geburtsjahr ist“, so ich darauf trocken.

Und dann setzte ich mit Inbrunst nach: „Jeanne, meine geliebte Jeanne, schau doch, mir liegt so unendlich viel an dieser kleinen Korrektur. Damit ich mir immer sagen kann, dass ich von Geburt an Katholik bin und niemals falsche Wege im Glauben beschritt. Das musst du doch als Frau, die dem Herrn geweiht ist, verstehen!“

Ganz überzeugt hatte ich Jeanne noch nicht. Sie antwortete zögernd: „Ich müsste das auch im Taufregister so einsetzen. Und was ist, wenn der Pfarrer auf den Schwindel draufkommt? Dann könnte es sehr peinlich für mich werden.“

Mein Geduldsfaden riss jetzt, ich reagierte verärgert: „Wichtig ist nur, was auf dem verdammten … entschuldige, auf dem Taufschein draufsteht. Was du ins Register schreibst, ist mir egal!“

„Und was passiert, wenn ich das trotzdem nicht zu tun wage? Es kommt ja doch einer Lüge gleich, also einer Sünde.“

„Ich bin überzeugt, dass unser gütiger christlicher Gott stets verzeiht, wenn man nur aus wahrer Liebe ein wenig gesündigt hat. Daher kannst du mir sehr wohl den kleinen Liebesdienst erweisen. Willige jetzt endlich ein! Andernfalls …“

Ich legte eine dramaturgische Kunstpause ein. Jeanne blickte mich ängstlich an und fragte zaghaft: „Andernfalls? Was geschieht andernfalls?“

Ich erwiderte brüsk: „Andernfalls besuche ich dich nie mehr! Wenn du mir deine Liebe nicht durch Taten beweisen willst, dann verzichte ich darauf.“

Da sprang Jeanne verschreckt vom Bett auf, trat zu mir und umfing meinen Hals.

„Nein, nein, du darfst mich nicht verlassen“, flehte sie in mein Ohr. „Ich liebe dich doch, mein Louis, sogar mehr als meinen Bischof, mehr als den Heiligen Vater. Ich habe noch nie jemanden so geliebt wie dich.“

Ich erhob mich, weil mir ihre spröden, strähnigen Haare in meinem Gesicht unangenehm wurden. Dann fixierte ich ihre Augen, in denen sich Tränen bildeten, und fragte schroff: „Machst du es also?“

„Ja“, flüsterte sie und schaute dabei ängstlich auf das Kruzifix.

Wie immer im Stehen und im Wesentlichen bekleidet spielten wir dann noch einige Zeit Liebespaar. Den gewünschten Taufschein konnte ich bald abholen, und seitdem ließ ich mich nie mehr im Pfarramt oder in der Kirche Saint-Gorgon blicken.

Kapitel 3

Ich hatte damals keine Ahnung, wie die Nazis über einen katholischen Lothringer namens Louis Meyer verfügen würden. Die Elsässer, die nach der Interpretation der Braunhemden Deutsche waren, dürften wohl in die Wehrmacht eingezogen werden, doch wir Lothringer stehen ja, wie gesagt, im Geruch einer zweifelhaften Abstammung. Es wäre bestimmt zu riskant gewesen, uns als reguläre Soldaten zu verwenden. Manche von uns hätten möglicherweise Sabotage betrieben. Aber vielleicht würde man uns zumindest die Kriegsgefangenschaft ersparen und stattdessen in irgendeinem Grenzbereich zwischen Heer und Zivil einsetzen. Als ausgebildeter Ingenieur rechnete ich mir gute Chancen aus, von den Herrenmenschen nicht für niedrigste Sklavendienste missbraucht zu werden. Ich wusste in der Chemie und der Physik und deren technischen Anwendungen gut Bescheid und konnte daher eventuell in einer chemischen Fabrik oder in der Rüstungsindustrie tätig sein.

Es war ein Arbeitskollege, der mich darauf aufmerksam machte. Auf die Tatsache nämlich, dass das Ingenieurdiplom der Fachschule in Nancy dem neu erschaffenen Louis Meyer nicht viel Nutzen bringen wird, solange es auf den Namen Salomon Meir ausgestellt ist. Der Weg zu einem neuen Diplom musste zwangsläufig über diese Schule führen. Unter meinen ehemaligen Lehrern an der Fachschule erschien mir am ehesten Jacques Blum zugänglich, weil er zum einen Jude und zum anderen ein guter Freund meines Vaters war.

Monsieur Blum war wie viele jüdische Intellektuelle in Frankreich nicht religiös, bestenfalls ein Agnostiker, aber er wusste ganz genau, dass wir Juden als Minderheit zusammenstehen mussten. Seine Generation hatte die Dreyfus-Affäre miterlebt, die für die französischen Juden auf schockierende Weise verdeutlichte, wie exponiert sie in Wirklichkeit trotz aller redlichen Assimilierungsversuche waren. Ich konnte daher bei ihm auf solidarisches Verständnis hoffen.

„Wir haben ein technisches Problem in der Fabrik“, sagte ich bei nächster Gelegenheit zu meinem Vater. „Bei einem unserer Produktionsverfahren treten unvorhergesehene chemische Reaktionen auf, die den Ablauf sehr behindern. Der Chef ist schon ganz außer sich. Wir bräuchten den Ratschlag eines Experten.“

„Dafür bin ich genau der Richtige“, meinte er mit einem ironischen Lächeln. „Ich bin in der Schule nicht einmal mit den chemischen Elementen zurechtgekommen. Ich dachte, H steht für homme und Fe für femme.“

„Und wenn H und Fe eine chemische Verbindung eingehen, dann kommt En, ein enfant, heraus. Ja, du und deine Scherze!“

„Nun, du bist ja auch nicht gerade auf den Mund gefallen, mein lieber Sohn. Die Kokosnuss fällt nicht weit von der Palme.“

„Oder die Dattel, sofern es sich um eine Dattelpalme handelt“, wandte ich mit gespieltem Ernst ein.

„Bravo! Das ist exakte Talmudlogik!“

„Zu Hause bei dir gelernt, Papa.“

„Aber sag einmal, warum hast du mit mir über Chemie gesprochen, wo ich doch wirklich keinen blassen Schimmer davon habe?“

Es war an der Zeit, das Gespräch schärfer auf den Brennpunkt einzustellen. Mein Vater verlor sich so wie ich allzu leicht im Dickicht des bloß Rhetorischen.

„Es geht ja nicht um dich, Papa“, klärte ich ihn auf. „Es geht um meinen alten Chemielehrer Jacques Blum. Er ist der Experte, den ich kontaktieren möchte. Er ist doch ein guter Freund von dir.“

„Aha, jetzt lichtet sich der Nebel. Der kluge Jacques soll also die Fabrik retten. Das kann aber kosten!“

„Ruf ihn doch bitte einmal an, Papa, und frag ihn, ob ich ihn bald treffen könnte. Alles Weitere werde ich selbst mit ihm besprechen.“

„D´accord, das kann ich für dich einfädeln. Die Chemie überlasse ich dann gerne euch zwei Laborratten. Da brauche ich nicht dabei zu sein.“

Mein Vater muss beim Telefonat mit seinem Freund Jacques recht wirkungsvoll gewesen sein, denn die Blums luden mich sogar zu einem Souper in ihrem Appartement ein. Diese Ehre widerfuhr den Schülern von Jacques Blum eher selten, nahm ich an – und nahm sie an, die Einladung.

Meine Gastgeber wohnten in einem jener stattlichen Häuser im Zentrum von Nancy, die den Pariser Appartementhäusern aus der Haussmann-Epoche nachgebildet wurden, prächtige Gebäude mit hohen, weiten Räumen, in denen man frei atmen konnte. Welch ein Kontrast zu den biederen, engen Einfamilienhäuschen in meinem Varangéville!

Seine Gemahlin Henriette stammte aus einer begüterten Familie, und so konnte sich der Fachschullehrer Jacques Blum ein großbürgerliches Domizil leisten. Henriette gehörte offenkundig zu jenen feinsinnigen Damen, die einen Mann vor allem wegen seines Intellekts und ohne Ansehen seines Vermögens heiraten.

Als ich mich bei der grämlichen Concierge nach der Türnummer der Blums erkundigte, korrigierte mich die Hausspionin unwirsch, dass ich gefälligst nach Monsieur le Professeur Blum zu fragen habe. Ich vermutete, dass diese Projektion von Standesdünkel eher nicht vom absolut uneitlen Jacques Blum, sondern von seiner Frau herrührte. Die Familie Blum wohnte in der Beletage, wie ich ohnehin schon geahnt hatte, also auf dem vormals herrschaftlichen Stockwerk.

Ich kehrte bei diesem Besuch meine gute Kinderstube hervor, überreichte der mondänen Madame Blum mit eleganter Verbeugung einen Strauß Lilien und grüßte meinen ehemaligen Lehrer voll Achtung und Ehrerbietung. Dieser hielt sich immer noch schlank und drahtig, wohl auch, weil sein reger Esprit und sein lebhaftes Temperament keine Behäbigkeit zuließen. Seine Züge ähnelten frappant denen von Sigmund Freud, dessen Foto ich kürzlich in einer Zeitung gesehen hatte und der wie kein anderer Mann auf der Welt die Frauen kannte, wie es bewundernd hieß (Aber trotzdem wird auch die Psychoanalyse das ewige Rätsel der weiblichen Seele nie lösen, so wie ich es nicht lösen werde, nebenbei bemerkt.). Der gleiche längliche Gesichtsschnitt. Die gleiche hohe Denkerstirn. Der gleiche gepflegte graue Bart. Der gleiche prüfende Blick. Monsieur Blum war mit Leib und Seele Naturwissenschaftler, jedoch auch umfassend humanistisch gebildet, und er verfolgte, wie im Bürgertum der Epoche allgemein üblich, selbstredend ebenso die kulturellen Entwicklungen der Zeit.

Seine Gemahlin begleitete ihn dabei als seine Anima. Sie besaß die Raffinesse einer Salondame des achtzehnten Jahrhunderts, gepaart mit intellektueller Neugier und der Aufgeschlossenheit für die Moderne. Sie liebte es, so wie auch an jenem Abend, Kleidung und Schmuck im Stil des Art Nouveau zu tragen, und sie wirkte in diesem Dekor wie eine Muse der zeitgenössischen Kunst. Ihr schmales, apart geschnittenes Modigliani-Gesicht von ätherischer Blässe und das ebenholzschwarze fransige Kurzhaar passten genau zum Typus der kultivierten, emanzipierten und dem Wahren und Schönen zugeneigten Französin der Zwischenkriegszeit.

Bei einer Flasche Muscadet und der Vorspeise – rohe Austern, frisch aus der berühmten Muschelbucht von Arcachon, wie Madame Blum betonte – gab es die üblichen Nachfragen nach dem Wohlbefinden.

„Wie geht es denn meinem lieben Freund Pierre?“, erkundigte sich Monsieur Blum mit ehrlichem Interesse.

„Er klagt über den schlechten Geschäftsgang“, antwortete ich. „Aber wer wird sich in diesen turbulenten Zeiten ausgerechnet neue Kleider kaufen? Das muss man auch einsehen. Wenigstens hat er sich noch seinen Humor bewahrt.“

„Nennt er Joséphine immer noch seine Kaiserin?“

„Ja, wie gehabt“, bekräftigte ich. „Sie hat es noch nicht bis zum höheren Titel Mätresse geschafft. Und Sie sind für ihn der letzte jüdische Alchimist.“

„Der vorletzte“, korrigierte mich mein ehemaliger Chemielehrer lächelnd. „Denn mein Schüler Salomon Meir ist ja auch einer von dieser Sorte.“