Herzbube und Herzkönig - Sarah Samuel - E-Book

Herzbube und Herzkönig E-Book

Sarah Samuel

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Beschreibung

Was macht ein professioneller Kartenspieler, wenn ihm seine Verflossene über die Weihnachtsferien seinen zwölfjährigen Sohn zur Betreuung überlässt? Er fährt mit ihm ins mondäne Biarritz und zeigt ihm dort, wie man reiche Leute bei Blackjack und Poker um eine Menge Bares erleichtert. Der aufgeweckte Junge erweist sich als sehr gelehrig, sodass Vater und Sohn schon bald bei ihren betrügerischen Kartenpartien mit wohlhabenden Feriengästen ein gut eingespieltes Duo bilden. Währenddessen mischt die Liebe natürlich fleißig mit: Während der Vater sich Hals über Kopf in eine attraktive Frau verliebt, hat sein Sohn nur noch Augen für ein bezauberndes Mädchen.

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Seitenzahl: 204

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Sarah Samuel

Herzbube und Herzkönig

Eine Schelmengeschichte in zwölf Kapiteln

AUGUST VON GOETHE LITERATURVERLAG

FRANKFURT A.M. • LONDON • NEW YORK

Die neue Literatur, die – in Erinnerung an die Zusammenarbeit Heinrich Heines und Annette von Droste-Hülshoffs mit der Herausgeberin Elise von Hohenhausen – ein Wagnis ist, steht im Mittelpunkt der Verlagsarbeit.Das Lektorat nimmt daher Manuskripte an, um deren Einsendung das gebildete Publikum gebeten wird.

©2025 FRANKFURTER LITERATURVERLAG

Ein Unternehmen der

FRANKFURTER VERLAGSGRUPPE GMBH

Mainstraße 143

D-63065 Offenbach

Tel. 069-40-894-0 ▪ Fax 069-40-894-194

E-Mail [email protected]

Medien- und Buchverlage

DR. VON HÄNSEL-HOHENHAUSEN

seit 1987

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.d-nb.de.

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Titelbild: Fiona Murray Degraaff / unsplash

Lektorat: Dr. Annette Debold

ISBN 978-3-8372-2892-2

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 1

„Wie heißt denn das muntere Bürschchen?“, fragt mich der korpulente ältere Herr auf dem Fensterplatz mir gegenüber.

Leuchtende Glatze, krebsrote Pausbacken, dünnes Schnurrbärtchen, gepolstertes Doppelkinn. Ein großer Friedhof für Beefsteaks, Lammkeulen und Cassoulets, der die mausgraue Hausherrenstrickweste darüber beinahe zum Auseinanderplatzen bringt. Ich empfinde leises Mitleid mit den armen Knöpfen darauf, die wegen des ständigen Drucks jederzeit abzuspringen drohen. Der typische französische Sommelier knapp vor dem Ruhestand, schätze ich. Das Verkosten sämtlicher Weine in den Händlerkatalogen Jahr für Jahr hat wohl sein Gesicht so aufgeschwemmt.

Ich mustere diese ziemlich beschädigte Fassade, die vielleicht zum bedauerlichen Opfer des Berufs wurde, und antworte: „Oscar. Wohlgemerkt nicht nach dieser idiotischen Komödie und dem noch blödsinnigeren Film, sondern nach seinem Großvater väterlicherseits.“

Mit seinen zwölf Jahren ist Oscar in der Tat schon ein äußerst aufgeweckter Junge, das hat der alte Weingeist vis-à-vis richtig erkannt. Aber nicht nur das – darüber hinaus ist mein Sohn wirklich bildhübsch. Nicht wie ein Mädchen, nein, sondern wie eben auch ein Knabe hübsch sein kann. Er hat dunkle, fast blauschwarze Haare, locker gewellt, sodass sie noch voller erscheinen, und alerte Augen, die keck in die Welt gucken. Gern blickt er sogar mit einem Anflug von Ironie und Spöttelei in die Gesichter, so als hätte er bereits gelernt, wie es im Leben oft krumm und verquer läuft. Obwohl er von der Statur her eigentlich nicht auffällt – er gehört in der Schule sogar zu den Kleinsten in der Klasse und ist zierlich gebaut –, besitzt Oscar dennoch eine derart ausgeprägte Persönlichkeit, dass sein Auftreten sofort Aufmerksamkeit erregt. Unglaublich: Er braucht sich dabei überhaupt nicht anzustrengen. Wenn er gar eine Frau charmant anlächelt, dann ist es um diese ohnehin geschehen; sie schmilzt dahin wie Schnee in der Märzsonne und vergeht mit Seufzen und Schmachten. Dabei kann sich der Bengel auch so unfassbar unschuldig geben; er betrachtet manchmal beinahe träumerisch die Räume und Menschen um sich herum, und trotzdem weiß er immer ganz genau, was er will.

„Und Sie fahren jetzt mit ihm zu seiner Mutter, nehme ich an“, so der behäbige und schwer atmende Mann vor mir, nachdem er meine Auskunft langsam verdaut hat.

„Im Gegenteil, wir flüchten vor seiner Mama“, berichtige ich grinsend. „Ich habe ihn heute in Paris abgeholt, wo meine Ex lebt. Ich betreue ihn für die letzten Tage der Weihnachtsferien.“

Der mutmaßliche Sommelier zieht seine grauen Brauen zusammen und beginnt mich zu belehren: „Wenn Sie Ihrem Sohn in dieser Jahreszeit etwas bieten wollen, dann sollten Sie doch besser in Richtung Alpen unterwegs sein: Megève oder Chamonix oder so etwas. Hier sitzen wir aber im Zug nach Biarritz, wo Sie Anfang Januar mit richtig bösartigem Wetter, mit schweren Winterstürmen und ähnlichem Himmelstheater rechnen müssen. Das grässliche Klima eben, das uns der Atlantik von November bis März beschert. Verschlimmert noch durch den Golf von Biskaya, den sogar hart gesottene Seebären fürchten.“

Ich belehre ihn zurück: „Ich weiß genau, wovon Sie sprechen, Monsieur. Ich wohne seit meiner Scheidung vor zwei Jahren in Bordeaux. Aber meinen lieben Oscar zieht es halt ans Meer, egal zu welcher Jahreszeit. Das Wetter spielt dabei für ihn keine Rolle. Er ist fasziniert vom Seegeruch und dem Gefühl der grenzenlosen Weite und Freiheit, welches nur das Meer schenken kann. In Paris ist er leider viel zu weit von einer Küste entfernt, der Arme.“

Mein Gegenüber nickt bedächtig mit seinem kahlen runden Schädel, ist jedoch offenkundig nicht gänzlich überzeugt. Dann nimmt er zwei tiefe Züge aus einer Atmungshilfe für Asthmatiker, wobei er seine trüben, wässrig blauen Alkoholikeraugen wie von einem furchtbaren Schrecken geplagt weit aufsperrt.

Urplötzlich springt Oscar auf, schiebt sich auf den Mittelgang hinaus und läuft im Großraumwaggon herum. Vermutlich geht ihm das Gerede über ihn auf die Nerven. Mein Filius ist zwar eitel, keine Frage, aber auch wieder nicht dermaßen egomanisch eitel, dass er andauernd Diskussionen über sich selbst zuhören möchte.

Nach einer Weile vernimmt man schrille und aufdringliche Ausrufe wie „Oh, he’s so cute!“ und „You’re a clever little guy!“. US-Collegegirls, denke ich sofort, welche die Aufmerksamkeit der gesamten Umgebung auf sich lenken wollen, so als ob jedes amerikanische Geschehen automatisch die ganze Welt interessieren muss. Ich folge den kreischenden Stimmen, und sie führen mich zu einem Tisch, den vier junge Frauen in Beschlag genommen haben.

Eine Sommersprossige mit flachsblondem, fröhlich wippendem Pferdeschwanz und einer Latzhose aus Denim teilt gerade Spielkarten aus. Mein entlaufener Sohn verfolgt den Flug der Karten mit höchster Spannung. Dann zeigt er auf eine Hand und schreit: „Ein Full House! Sie hat ein Full House!“

Vor lauter Begeisterung beginnt er auf und ab zu hüpfen und in die Hände zu klatschen. Ich spähe über die Schulter einer Punklady mit kobaltblauen Haaren. Tatsächlich besteht ihr Blatt aus drei Königen und zwei Achtern. Und das bei der ersten Zuteilung, ohne Kartenwechsel! Donnerwetter!

„You are spoiling my game“, sagt die vom Spielglück Gesegnete mit fingiertem Vorwurf und strahlt Oscar verliebt an, wobei selbst ihr Nasenring vor Freude glänzt.

„Die jungen Damen mögen mich vielmals entschuldigen, zuerst wegen meiner nicht vorhandenen Englischkenntnisse und dann wegen meines ungezogenen Kindes“, antworte ich verlegen auf Französisch und will meinen vorlauten Knirps vom Tisch der Kartenspielerinnen wegziehen.

Da erhebt sich ein Sturm des Protests aus vier weiblichen Kehlen, und vier Köpfe, zwei blonde, ein brünetter und ein kobaltblauer, blicken beschwörend zu mir auf. Lassen Sie ihn doch bitte hier, er ist so goldig, lese ich in allen Augen. Um der Höflichkeit halber noch etwas zu sagen, erkundige ich mich nach dem Reiseziel des Quartetts, und ich bemühe mich dabei um eine langsame und saubere Aussprache. Das Cowgirl in der Latzhose dürfte mich verstanden haben.

„Nach España … Bilbao … in Guggenheim … Ausflugstudium für Klasse“, stammelt sie in einem unbeholfenen Mischmasch aus Französisch und Spanisch.

„Wellesley College“, ergänzt die ausgezehrte Brünette, John-Lennon-Brille vor den Augen und wahrscheinlich Veganerin, mit unverhohlenem Stolz im Timbre.

Ich habe noch nie von dieser Universität gehört, beeile mich aber trotzdem mit einem wissenden „yes, yes“.

Mittlerweile hat die Punklady den Pot mit vier dünnen, winzigen Münzen eingestrichen und überreicht ihn nun Oscar.

„It’s you who has earned it, actually“, meint sie dabei.

„Es ist dein, wirklich“, versucht die Sommersprossige zu übersetzen.

Ohne weitere Umstände und wie selbstverständlich steckt Oscar das Geld in seine Hosentasche.

„Es war mir ein echtes Vergnügen, meine Damen“, dankt er mit altmodischer Politesse und verneigt sich dazu anmutig.

Nun ist es aber höchste Zeit, den kleinen Mann abzuschleppen. Er hebt noch wohlwollend winkend die rechte Hand, sagt „Bon voyage“ und verlässt lächelnd die Stätte seines Erfolgs. Zurück auf unseren Plätzen, erzähle ich dem asthmatischen Atlantikwetterexperten auf dem anderen Fenstersitz, dass der gerissene Dreikäsehoch gerade vier Amerikanerinnen beim Pokerspiel um ihr gesamtes Reisebudget erleichtert hat.

„Gut gemacht, junger Mann“, lobt er schmunzelnd (anscheinend hegt er auch keine besondere Affinität zu unseren lieben NATO-Verbündeten).

Oscar streckt ihm prahlerisch die erbeuteten Münzen entgegen. Der, wie ich meine, pensionsreife Sommelier mustert die kleinen Geldstücke angelegentlich mit zusammengekniffenen Augen und verkündet alsbald: „Vierzig US-Cents. Alle Achtung!“

Dann setzt er spöttisch nach: „In welcher Schule hast du denn eigentlich das Pokern gelernt, du kleiner Kartentrickmagier?“

Er glaubt wohl, „in der Schule meines Vaters“ als Antwort zu bekommen, denke ich. Doch mein keckes Knäblein sprudelt mitteilsam und ganz arglos hervor: „In meiner katholischen Privatschule. Fénelon Sainte-Marie heißt sie. Gleich beim schönen Parc Monceau im achten Pariser Arrondissement. Den kennen Sie sicher, Monsieur.“

„Leider nicht, junger Mann. Ich lebe in Bordeaux, wie dein Vater, und das sogar seit meiner Geburt. Ich fahre nie nach Paris. Diese Stadt ist mir irgendwie unsympathisch.“

„Weil sie nicht am Meer liegt, genau“, so Oscar darauf schlagfertig.

„Auch Bordeaux liegt nicht am Meer“, wendet der rotwangige und wohlgenährte Herr ein.

„Aber fast!“, ruft mein Kleiner triumphierend.

Jetzt muss ich mit meiner ganzen väterlichen Autorität einschreiten, bevor sich das Gespräch in geografische Spitzfindigkeiten verirrt: „Bei den frommen Schwestern lernt ihr also Teufelszeug wie Poker! Das hast du mir nie erzählt! Und lernt ihr dort sonst auch noch was?“

Da antwortet der frühreife Knirps frech: „Ja natürlich, Papa! Bridge, Canasta, Belote, Blackjack …“

Ich unterbreche ihn, denn die Sache wird jetzt zu peinlich für mich als den momentan verantwortlichen Erziehungsberechtigten: „Du willst mich wohl verschaukeln. Schluss damit! Es reicht mir! Wenn du dich nicht anständig benimmst, bring ich dich sofort zu deiner Mutter zurück.“

Diese Drohung sollte wirken – so wie meistens. Ich weiß genau, dass Oscar die Zeit mit mir immens genießt. Wie jeder Junge in seinem Alter braucht er ab und zu Männer um sich. Doch in Paris kommt er viel zu selten mit Vaterfiguren in Kontakt, seit seine Mutter das alleinige Sorgerecht für ihn hat.

Sogar sie klagt, dass ihm der Leitwolf fehlt, wie sie sich ausdrückt.

Oscar zeigt sich bereits brav und gefällig: „Bitte, bitte, mein lieber Papa, lass mich mit dir nach Biarritz fahren, ans Meer. Das hast du doch versprochen.“

Unwiderstehlicher Augenaufschlag.

„Ich werde dir immer folgen.“

Unwiderstehlicher Augenaufschlag.

„Ehrenwort eines Siouxhäuptlings.“

Rechte Hand aufs Herz und geradliniger Blick in meine Seele aus treuen braunen Kinderaugen.

„Hier hast du dein Smartphone. Beschäftige dich damit, und gib endlich Ruhe!“

Ich weiß, das ist vom modernen pädagogischen Standpunkt aus nicht gerade korrekt, aber hin und wieder muss man das kleine Quecksilber neutralisieren. Auch das eigene Smartphone hole ich aus meinem Anorak hervor und beginne, einige Online-Zeitungen zu lesen. Man sollte ja selbst im Urlaub informiert sein.

Für eine gute Weile ist alles friedlich im Großraumwaggon der südwestfranzösischen Regionalbahn. Sogar die jungen Amerikanerinnen scheinen schläfrig geworden zu sein, denn man hört nichts mehr von ihnen. Ein Segen!

„Sagen Sie, irgendwie kommen Sie mir bekannt vor“, so meldet sich der Glatzkopf mir gegenüber plötzlich wieder zu Wort, wobei er prüfende Blicke auf mich wirft. „Sind wir uns nicht schon früher wo begegnet? Lassen Sie mich einmal nachdenken.“

Ich reagiere vorsichtig: „Ich kann mich beim besten Willen nicht an Sie erinnern.“

Nach einer halben Minute bohrt der neugierige Weinkellner nach: „Sind Sie im Monoprix in der Rue Faure angestellt, oder sind Sie dort Kunde? Ich kaufe fast jeden Tag in diesem Supermarkt ein und habe Sie dort vielleicht schon einige Male gesehen.“

„Ich bin nirgends angestellt, denn ich arbeite selbstständig“, antworte ich unwillig und bereits am Kippen zur Gereiztheit.

Nachdrückliche Fragerei ist mir immer unangenehm. Und was soll das alles überhaupt? Wenn der Kerl mit der aufgeblähten Visage und der blau geäderten Knollennase schon seine Einkäufe in dem verdammten Monoprix erledigt, dann hält er sich dort sicherlich nur in der Wein- und Spirituosenabteilung auf. Und da wird er mich nie im Leben antreffen, denn ich trinke meinen Wein prinzipiell nur in Lokalen. Ich habe das konventionelle Alter des stillen Zechers in seiner abgeschiedenen Kammer noch lange nicht erreicht.

Doch mein Gegenüber bleibt unnachgiebig: „Na gut, aber Sie könnten ja Kunde in diesem Monoprix sein. So wie ich. Oder wenigstens gelegentlich dort einkaufen. Der Laden liegt ja sehr zentral, ich würde sogar sagen, mitten im Herzen von Bordeaux. Da kommt man als Einheimischer wohl hin und wieder vorbei.“

„Ich wohne in einem ganz anderen Stadtteil von Bordeaux. Eigentlich in einem Vorort.“

Damit hoffe ich, die Sache endgültig erledigt zu haben. Aber er nimmt nach einigen Sekunden der Überlegung einen erneuten Anlauf: „Jetzt fällt es mir ein! Ich glaube, ich habe Sie in meinem Stammlokal gesehen, dem La Dordogne. Stammlokal ist vielleicht übertrieben. Ich gehe dort circa einmal pro Woche hin. Sie verkehren doch auch dort, nicht wahr?“

Der alte Trunkenbold, der vor Neugier platzende Stänkerer, hat damit glatt einen Treffer gelandet. Doch das will oder kann ich einfach nicht zugeben. Ich erkläre daher dezidiert: „Absolut nicht. Ich gehe nämlich fast nie aus, denn mein beruflicher Terminkalender ist immer randvoll. Ich hänge nicht am Tropf des Staats wie andere Leute. Ich muss mich als Selbstständiger um mein eigenes Auskommen kümmern. Niemand sonst tut es für mich. Ich hätte gar keine Zeit dafür, mich in Lokalen herumzutreiben.“

Die kleine Spitze mit dem Tropf des Staats goutiert er als angehender Rentner sicherlich nicht, und ich werde ihn damit zum Schweigen bringen. Er brummt nur nach: „Dann habe ich mich eben geirrt.“

„Da bin ich mir hundertprozentig sicher“, bekräftige ich.

Damit ist die Redseligkeit des plumpen Fettwanstes abgewürgt. Glücklicherweise steigt er bei der nächsten Station aus. Er ist mir schon lästig geworden. Ich lasse mich doch nicht von irgendwelchen dahergelaufenen Mitreisenden, und derart unappetitlichen noch dazu, so unverschämt aushorchen!

Oscar wechselt prompt auf den frei gewordenen Platz. Gut, damit habe ich das Kerlchen besser unter Kontrolle. Die braucht er leider Gottes immer wieder, der leibhaftige Unruheherd.

Draußen verwandeln sich die luftig leicht dahintreibenden Schneeflocken allmählich in dünne Regenfäden, welche die ohnehin schon trostlose winterliche Küstenlandschaft überdies mit einem Trauerschleier verhüllen. Eine Stimmung gerade recht für Reflexionen.

War es wirklich so klug, Paris gleich nach der Scheidung zu verlassen? Klar, in den Kaffeehäusern und Bistrots meines Viertels ertrug man mich nicht mehr, weil ich bei den illegalen Spielen um Geld in diesen Lokalen, ob Poker, Blackjack oder Darts, auffällig oft gewann. Nun, ich hätte meine Kreise auf andere Stadtbezirke ausweiten oder innerhalb von Paris umziehen können. Doch das hätte möglicherweise nur meine Spesen erhöht. Den Ausschlag gab für mich letztendlich die Erkenntnis, dass ich die Vorstellung, in derselben Stadt wie meine Verflossene zu wohnen, einfach nicht aushielt. Allein der Gedanke, der betulichen Gans zufällig in der Metro zu begegnen und mit ihr reden zu müssen, ist für mich sogar heute noch unerträglich. Die unerlässlichen Treffen bei den Oscarübergaben stressen mich ohnedies schon weit über Gebühr. Die Gespräche drehen sich dabei sowieso immer nur um das ewige Thema meiner längst überfälligen Unterhaltszahlungen.

Also weg von Paris, lautete die Devise, auch wenn die Zukunft anderswo nicht unbedingt rosiger erschien. Alles, was ich hatte, war die Adresse dieses maghrebinischen Immobilienmaklers in Bordeaux, die ich von einem meiner Spielkumpane erhielt. „Der hat sicherlich einen flotten Job für dich“, versprach er augenzwinkernd, „und der kann dir auch gleich eine günstige Wohnung in Bordeaux verschaffen.“

Job ja, aber was für einer! Freischaffender Wohnungsvermittler auf Kommission. Von sozialem Netz keine Spur, geschweige denn von einer Hängematte. Noch dazu hat die Winkelagentur des Maghrebiners eine besonders auserlesene Klientel. Die Elenden und Getretenen dieser Welt. Migranten aus Afrika und Asien. Alleinerzieherinnen, die nur von der Notstandshilfe leben. Sogar illegale U-Boote. Und die Bude, in der ich anfangs hauste, stammte aus dem 17. Jahrhundert. Alles verstunken, verrottet, verrostet. Ein Klo mit defektem Spülkasten, also Eimerservice. Feuchte Wände rundherum und giftig grüne Schimmelpilze im Badezimmer. Fensterbalken, die beim Öffnen auf die Straße runterfallen. Trotzdem verlangte der algerische Ausbeuter 800 Euro Monatsmiete dafür. Kalt!

Ich wurde praktisch durch die Umstände dazu gezwungen, mich wieder um Nebenverdienste in den Lokalen der Stadt umzusehen, so wie eben früher in Paris. Nur sind die kleinkarierten Provinzler noch viel misstrauischer als die Pariser! Insgesamt lief in Bordeaux alles viel schwieriger an, als ich mir das ausgemalt hatte. Eigentlich konnte ich bis jetzt nur im La Dordogne Fuß fassen und dort einige Melkkühe finden. Der vorhin mitreisende übergewichtige Sommelier dürfte mich in diesem Bistrot tatsächlich beim Kartenspielen gesehen haben.

Nun also, nach dem zähen Start in Bordeaux, dieser Versuch mit Biarritz. Der Einstieg in das wirklich große Geschäft! Dort den tollen Coup landen, der mich ein für alle Mal saniert! Das wäre es! Davon träumt doch jeder Spieler. In diesem berühmten Badeort trifft sich ja die mondäne Welt: gefeierte Filmstars, russische Oligarchen, steinreiche Witwen. Wahrscheinlich auch Hochstapler. Ein fruchtbarer Nährboden für mich. Ein Milieu für Freigeister und Kreative – hoffe ich zumindest. Auf alle Fälle sollte das Casino meine Art von Kundschaft anziehen.

Was werde ich spielen? Roulette? Dazu bräuchte ich allerdings einen Partner. Slotmaschinen? Uninteressant und nichts zu holen. Da verspielen nur armutsgefährdete Rentnerinnen ihr letztes Kleingeld. Blackjack? Moment mal. Blackjack! Hat nicht der kleine Racker mir gegenüber behauptet, dass er in seiner Kaderschmiede des höheren Bürgertums im Bobo-Arrondissement Blackjack spielt? Vielleicht nur Prahlerei, die lächerliche Wichtigtuerei eines im Wachstum Zurückgebliebenen. Aber grotesk wäre es schon, wenn seine Mutter ein Drittel ihres Gehalts für eine Schule ausgäbe, in der sich die Fratzen ihr Taschengeld, und möglicherweise sogar Darlehen der Freunde, gegenseitig durch Hasardspiele abgewinnen. Ich würde es ihr jedoch vergönnen, der eingebildeten Pute! Sie findet nämlich, dass es als Sohn einer Staatsbeamtin für Oscar untragbar sei, nicht ein teures Tagesinternat für Kinder wohlhabender Schnösel zu besuchen. Die Blackjackakademie! Die Pokerhöhle! Wenn ich jetzt allein wäre, würde ich meine Schadenfreude und meinen Spott laut herauslachen! Dabei hat sie für ihren süßen kleinen Oscar, ihr Schnuckelputz und Herzblättchen, alles bereits so schön geplant, die von krankhaftem Ehrgeiz getriebene Mama. Bis zur Universität. Bis zur Grande Ecole. Doch auch ich habe so meine Pläne mit ihm. Du wirst noch dein blaues Wunder erleben, meine liebe Ex!

Kapitel 2

Das Hôtel du Palais mit seiner superben Lage an der Grande Plage, dem schönsten Strand von Biarritz, übersteigt meine finanziellen Möglichkeiten um ein Vielfaches. Was nützt es mir, dass es nur einen Katzensprung vom Casino entfernt ist, wenn die Doppelzimmerpreise (ohne Frühstück!) dort bei 450 Euro beginnen. Ich muss mich mit dem Le Refuge begnügen, einer einfachen, aber zumindest sauberen Pension im Stadtzentrum, weit weg vom Meeresufer. Die Art von Herberge, in der Vertreter gern übernachten, weil sie verkehrsgünstig gelegen und billig ist. In Biarritz mit seinem deutlichen Überhang an älteren Menschen steigen da wahrscheinlich Handelsreisende in Pharmazeutika ab oder in privaten Pflegediensten für Alzheimerpatienten.

Die verblühte Rezeptionistin im Le Refuge blickt mich zuerst ziemlich seltsam an, als ich mit meinem Söhnchen an der Hand vor ihre Theke aus besseren Zeiten trete. Ein erwachsener Mann mit einem sehr hübschen Knaben, ein typischer Päderast, denkt sie wohl. Die Formalitäten für meinen Check-in erledigt sie sehr distanziert. Doch als sie den Knirps registrieren will und sich über die Theke beugt, um ihn näher ins Auge zu fassen, da erwacht ihr faltiges Gesicht zum Leben und wird sanft wie das einer jungen Mutter. Oscars zauberhaftes, unschuldiges Lächeln verfehlt auch diesmal nicht seine magische Wirkung.

Oben in Zimmer läuft mein Zappelphilipp ungestüm in der engen Kammer hin und her, denn er will unbedingt gleich zum Strand.

„Lass mich erst einmal auspacken“, versuche ich ihn zu beruhigen.

Der Frechdachs darauf: „Die paar Trümmer kannst du auch später auspacken, Papa. Bitte, gehen wir jetzt ans Meer! Ans Meer! Gerade deswegen sind wir doch nach Biarritz gekommen – hast du mir zumindest versprochen.“

„Vielleicht auch zu anderen Zwecken“, flüstere ich verschwörerisch und lege einen Zeigefinger an meine Lippen.

Aber der kleine Quälgeist ist jetzt nicht in der Stimmung für Geheimniskrämereien. Er zieht den elektronischen Schlüssel ab, sodass der Strom unterbrochen ist und wir im Halbdunkel stehen. Oscar beherrscht nicht nur Charmeoffensiven, sondern auch das Handwerk der Erpressung.

Wir sind meiner Meinung nach im Augenblick nicht ausreichend smart adjustiert für die elegante Grande Plage, und Oscars Ungeduld erlaubte keine Zeit für einen Kleiderwechsel. Daher machen wir uns auf den Weg zum weniger attraktiven Strand beim Boulevard du Prince de Galles, wenngleich das einen noch längeren Anmarsch erfordert. Der feine Nieselregen hat aufgehört, aber je näher wir der Küste kommen, desto schärfer bläst uns ein steifer, eisiger Wind vom Meer entgegen. Doch mein Sohn bleibt unverdrossen.

„Riechst du auch schon das Salz im Meer und den Seetang, Papa?“, fragt er und beschleunigt seine Schritte.

Ich belasse es bei einem unverständlichen Brummen. Soll ich zugeben, dass ich nur seinetwegen an diesem Strandausflug unter derlei widrigen Umständen teilnehme? Das würde sein Vergnügen an der Sache zu sehr beeinträchtigen, wie ich ihn kenne. Er freut sich am meisten, wenn sich andere mit ihm freuen.

Wir erreichen unser Ziel nach einer halben Stunde, ich vom Wind durchweht und mein Benjamin in Hochstimmung. Seine Wangen sind puterrot, aber mehr vor Aufregung als vor Kälte, und seine Augen glitzern. Nur ein winziger Bruchteil der Menschheit scheint seine Begeisterung zu teilen: einige Strandläufer und ein älteres Paar, das sich Arm in Arm gegen den Sturm anstemmt. Da sitzen auch vereinzelte britische Touristen fröstelnd im feuchten Sand herum und schauen verdutzt in die Gegend, vielleicht weil sie mit der naiven Vorstellung nach Biarritz kamen, dass hier nahe der spanischen Grenze ebensolche milde Temperaturen wie an der Costa del Sol herrschen müssten. Pech gehabt, liebe UK-Insulaner!

Oscar hingegen ist ganz auf sich selbst konzentriert. Er trotzt dem frostigen Wind und läuft mit ausgebreiteten Armen den Strand auf und ab, immer wieder genussvoll und tief durchatmend. Ich spüre es beinahe am eigenen Leib, wie mein Sohn die Lungen mit der frischen, herben Seeluft füllt. Nachdem er dieses Gefühl der Ungebundenheit in der freien Natur wohl bis zur Neige ausgekostet hat, bleibt er stehen, nimmt seinen Rucksack ab und holt daraus eine kleine Schaufel hervor. Dann kniet er sich in den aufgeweichten Sand und beginnt enthusiastisch darin zu buddeln.

Ich lasse ihn eine ansehnliche Weile gewähren. Er gehört zu diesen begabten Kindern, denen man einen weiten Freiheitsraum erlauben sollte, weil andernfalls ihre Talente verkümmern und letztlich ganz absterben. Seine Mutter hat das nie verstanden, und sie wird das, fürchte ich, auch in der Zukunft nicht begreifen. Das enge Korsett, das sie Oscar verpasst, wird ihn früher oder später erdrücken, wenn ich nicht dagegensteuere.

Mit großer Hingabe legt er den Burggraben und die Festungsmauer für eine Sandburg an. Er hat einen sechseckigen Grundriss gewählt, und die Proportionen sind perfekt. Aber diese Sorgfalt kostet eben Zeit.

Als ich schon glaube, ein Stück Gefrierfleisch geworden zu sein, wage ich einen Vorstoß: „Du hast doch sicher Hunger, mein kleiner Vauban? Wie wär es mit einem frühen Abendessen?“

Der Strandarchitekt schüttelt störrisch den Kopf und beginnt mit der Errichtung des Bergfrieds seiner Sandburg, als Zeichen des offenen Widerstands gewissermaßen. Da spiele ich einen Trumpf aus: „Ich spendier dir eine große Pizza! Eine Erwachsenenpizza! Deine Mama bestellt bestimmt immer nur eine Kinderpizza für dich.“

Diese Karte sticht. Mein Kerlchen springt augenblicklich auf, setzt einen Indianertanz in Szene, den nicht einmal auf die indigenen Völker Amerikas spezialisierte Anthropologen kennen, und schreit aus vollem Hals: „Pizza! Pizza! Super, lieber Papa! Komm, wir gehen gleich!“

Darauf ich wieder als die Stimme der Vernunft: „Zuerst schauen wir noch beim Hotel vorbei. Du musst dir unbedingt die Hände und das Gesicht waschen. Das Waschen vor dem Essen ist ein guter alter französischer Brauch. Sogar Bauarbeiter auf der Baustelle tun es. Du bist ja jetzt auch ein Bauarbeiter.“

„Nicht Bauarbeiter, sondern Baumeister!“, korrigiert mich mein Sohn umgehend.

„Ja, natürlich. Komm, ziehen wir los! Auf dem Weg zum Hotel können wir gleich eine Pizzeria ausfindig machen.“

Wir brauchen gar nicht nach Pizzalokalen Ausschau zu halten, sie bedrängen uns förmlich von allen Seiten. Wir passieren ein gutes Dutzend davon, einige schäbige Löcher in der Wand für den Verkauf von Pizzaschnitten, Burgers und Falafel mitgezählt. Ein Reisekatalog italienischer Städte, von Torino und Firenze über Roma und Napoli bis hin zu Messina und Palermo, wird angeboten. Wir sehen aber auch einfallsreichere Namen. Oscar entscheidet sich schließlich für das Sole e Mare, nachdem ich ihm erklärt habe, dass Mare Meer heißt.

Den Boxenstopp im Le Refuge wickeln wir rasch ab. Toilettenbesuch, Waschen, Umziehen, alles im Eiltempo, da unsere beiden Mägen schon wie hungrige Spätzchen im Nest nach Futter schreien.