Die letzten Ninjas auf der Achterbahn - Astrid Frank - E-Book

Die letzten Ninjas auf der Achterbahn E-Book

Astrid Frank

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Beschreibung

Die Aufklärung ihres ersten Falls hat den vier Freunden Josh, Toni, Emil und Louis eine Jahreskarte für den Freizeitpark "Wunderwelt" beschert. Dort sind sie jetzt Dauergäste - und werden Zeugen merkwürdiger "Unfälle": Eine Zuckerwattemaschine explodiert, die Boote der Wildwasserbahn haben plötzlich Löcher und auf der Geisterbahn kann gerade noch Schlimmstes verhindert werden. Alles Zufall? Dann tauchen Erpresserbriefe auf... Wer ist dafür verantwortlich? Und was ist an den hanebüchenen Geschichten des netten "Schmitti" dran? Astrid Frank lässt im zweiten Band ihrer Detektiv-Reihe die quirlige Toni erzählen - frech und direkt. In der Randspalte meldet sich der sensible Josh zu Wort - und so wird klar, was Toni alles nicht mitbekommt. Das Zusammenspiel dieser unterschiedlichen Stimmen macht die Geschichte zu einem schwungvollen Lesevergnügen mit Tiefgang - selbstverständlich wieder fabelhaft in Szene gesetzt mit den Bildern Regina Kehns!

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Inhalt

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Astrid Frank

Die letzten

Ninjas

auf der Achterbahn

Mit Bildern von Regina Kehn

Es gibt nichts außerhalb von dir,

das dich dazu bemächtigt,

stärker, reicher, schneller oder klüger zu werden.

Alles ist in dir. Alles existiert.

Suche nichts außerhalb von dir selbst.

Miyamoto Musashi (1584 – 1645),japanischer Schwertkämpfer, Philosoph und Schriftsteller

Luis hat eine Magic-Nase und Power-Ohren. Mit denen macht er wett, was seine Augen nicht sehen. Er lässt sich von nichts und niemandem aus der Ruhe bringen. »Wie ein Bär«, meint Josh.

Emil ist Luis’ bester Freund. Mit fremden Menschen hat er es nicht so. Und mit Situationen, die er nicht kennt, auch nicht. Deshalb ist es gut, dass er und Luis immer alles zu zweit machen. Emil sieht für Luis und Luis behält die Nerven für Emil. Was Emil einmal gesehen oder gehört hat, vergisst er nie mehr. Er hat ein Gedächtnis wie ein Elefant, sagt Josh.

Miri verstellt sich nie. Oder doch? Wenn Miri sich freut, dann merkt das jeder. Und wenn sie sauer ist, dann auch. Wenn Miri lacht, lachen alle mit. Sie hält mit keinem Gefühl hinter dem Berg. Aber unterschätzen sollte man Miri niemals!

Tarzan ist ein großer Hund in einem viel zu kleinen Körper und manchmal beinahe so bissig wie Toni. Zusammen erreichen die zwei fast Lichtgeschwindigkeit.

Josh entgeht nichts. Er hat zwar keine Magic-Nase oder Power-Ohren wie Luis, aber er bemerkt alles, was um ihn herum passiert. Josh weiß immer, wie andere sich fühlen und was sie denken. Toni nennt Josh ihr »Faultier«, weil sie meint, er wäre etwas langsam. Aber Josh sagt, er sei nur nicht so hektisch wie Toni.

Irgendetwas an Toni ist immer in Bewegung. Beine, Arme, Mund. Sie lässt sich nichts gefallen, von niemandem, und »kann klettern wie eine Katze« – sagt Josh. Was Toni macht, macht sie schnell: reden, denken, handeln. Manchmal etwas ZU schnell.

Mücke ist ein kleiner Hund in einem viel zu großen Körper. Seine Berufung als »weltbestes Hindernis« verpasst er nur knapp, ist dafür aber ausgewiesener Sabber-Experte.

Kunoichi. So heißen weibliche Ninja. Ich weiß gerade gar nicht mehr, ob es Josh war, der mir das erzählt hat, oder Schmitti. Liegt wahrscheinlich daran, dass ich noch nie jemandem begegnet bin, der so viele so unglaubwürdige Geschichten erzählt wie Schmitti.

Es war Emil.

Jedenfalls weiß man bis heute nicht so ganz genau, ob es diese Kunoichi wirklich gab. Aber in einigen alten japanischen Schriften werden weibliche Ninja erwähnt und deshalb geht man davon aus, dass es nicht nur eine Legende ist.

Also wenn man mich fragt — ich bin mir auf jeden Fall sicher, dass es diese Frauen gab. Warum auch nicht? Frauen können alles genauso gut wie Männer. Und manches sogar besser.

Ich weiß noch, wie wir das erste Mal in Wunderwelt waren. Und damit meine ich nicht das ALLERerste Mal, als die Reporter der Tageszeitung und des Wochenblatts vor uns, hinter uns und neben uns herliefen, sodass wir nichts sehen konnten außer Kameras, Mikrofonen und grinsenden Gesichtern. Das war nämlich so: Weil wir geholfen hatten, den Juwelendieb zu überführen, hatte uns Oberbürgermeisterin Azra Demir Jahreskarten für den Freizeitpark geschenkt. Klar, es war schon ein ziemlich gutes Gefühl, als Herr Stein, der Chef von Wunderwelt, uns persönlich die Hand geschüttelt hat. Alle anderen Gäste sind staunend stehen geblieben und haben uns bewundernd angestarrt. Ich kam mir vor wie eine berühmte Schauspielerin.

Ich fand’s furchtbar!

Aber mit der Zeit war es doch ganz schön nervig. Egal, ob wir Achterbahn gefahren sind oder uns Zuckerwatte geholt haben: Ständig klickten die Kameras. Und dass dann ausgerechnet das Foto in der Zeitung gelandet ist, auf dem meine Haare senkrecht nach oben stehen, ich wie am Spieß schreie und den Mund dabei so weit aufgerissen habe, dass man mein Gaumenzäpfchen sehen kann, fand ich auch alles andere als erfreulich.

Stimmt doch gar nicht. Niemand konnte dein Gaumenzäpfchen sehen.

Nein, das ERSTE Mal, dass wir in Wunderwelt waren, war für mich, als wir vier, also ich, das Faultier, Luis und Emil, inkognito in den Warteschlangen anstanden.

Inkognito heißt übrigens unerkannt. Hab ich nachgeschlagen, weil ich das Wort so cool fand, als Schmitti es benutzt hat. Schmitti sagt ständig so Agentenwörter. Zielperson. Auf 11 Uhr. Code green, blue, red … Er behauptet, er habe früher mal für den Geheimdienst gearbeitet. Für welchen, wollte er nicht verraten.

Jedenfalls war das einer der schönsten Tage meines Lebens. Obwohl es wie aus Eimern geschüttet hat.

Damals haben wir uns ja auch noch nichts dabei gedacht, als genau in dem Moment, als wir uns Zuckerwatte holen wollten, das Gerät vor unseren Augen explodiert ist. Es kam sogar eine kleine Stichflamme aus dem Topf, in dem die Zuckerwatte um den Holzstab gerührt wird.

Es hat höchstens ein bisschen genieselt.

Aber kann nicht überall mal was kaputtgehen? Damals wussten wir ja noch nicht, was uns erwarten würde. Und dass die Sache mit der explodierenden Zuckerwattemaschine erst der Anfang war.

Die berühmteste Kunoichi hieß übrigens Mochizuki Chiyome. Sie lebte im 16. Jahrhundert, also vor ganz schön langer Zeit, und war die Frau eines berühmten Samurai-Kriegers, Mochizuki Nobumasa.

HÄ? habe ich zuerst gedacht. Wieso haben die den gleichen Vornamen? Aber dann wurde mir klar, dass Mochizuki nicht der Vorname, sondern der Familienname ist. Das machen die in Japan so: erst der Familienname, dann der Vorname.

Nachdem ihr Mann in einer Schlacht gefallen war, wohnte Chiyome im Haus irgendeines Onkels. Der soll ihr geholfen haben, ein geheimes Untergrundnetzwerk aufzubauen und Spionageagentinnen auszubilden. Chiyome eröffnete in einem Dorf eine Schule für weibliche Ninja. Die Dorfbewohner glaubten allerdings, es würde sich um ein Waisenhaus für Mädchen handeln. Und deshalb hielten sie große Stücke auf Chiyome. Dabei ahnte niemand, dass die jungen Frauen Spioninnen waren und sogar das Kämpfen beherrschten. Ganz schön ausgefuchst, was?

Aber ich komme vom Thema ab. Oder auch nicht. Denn irgendwie gehört die Geschichte der Kunoichi doch dazu. Also zu der Geschichte, die wir in Wunderwelt erlebt haben. Ohne mich und ohne Miri wäre die Sache jedenfalls ganz anders ausgegangen. Und natürlich ohne Schmitti. Und Mücke. Aber der Reihe nach.

Schmitti ist uns bereits an unserem ersten Tag in Wunderwelt über den Weg gelaufen. An unserem RICHTIGEN ersten Tag. Er stand da, auf seinen Besen gestützt, und lächelte uns schon von Weitem an, als wären wir alte Bekannte.

Also sind wir eher ihm über den Weg gelaufen.

»Ah, mein Herz geht auf, wenn ich euch seh’, da tun die Füße nicht mehr weh«, reimte er und freute sich am meisten selbst über seine Dichtkunst. Also ehrlich gesagt als Einziger. Dabei wackelte er mit einem seiner Füße, sodass wir wirklich gar keine Chance mehr hatten, seine knallbunten Samtschühchen zu übersehen, die mit glitzernden Pailletten in Papageienform bestickt waren. Dass die Pailletten die Form eines Papageien bildeten, habe ich erst gar nicht gesehen. Aber meinem Ninja entgeht eben nichts.

Ich fand Schmitti vom ersten Moment an nett, aber Josh wirkte etwas verunsichert, und Emil sah aus, als wäre er einem Menschenfresser begegnet.

Ach nee, warst du nicht diejenige, die gesagt hat, der wäre total verrückt?

»Eine holde Maid mit ihren drei Rittern ohne Fehl und Adel.« Er kicherte. »Aber auf den Adel sind wir sowieso nicht gut zu sprechen, oder? Also ich jedenfalls nicht.« Er bemerkte Emils verstörten Blick. »Oh, ich hoffe, ich habe es nicht mit einer Durchlaucht zu tun, der ich soeben auf die Füße getreten bin? Herr von und zu …« Und er wackelte schon wieder mit einem seiner Schühchen.

»Das ist Emil«, sagte ich. »Einfach nur Emil. Ich bin Toni, das ist Josh und er heißt Luis.« Luis winkte, Josh zog seine Mundwinkel nach oben, was er vermutlich für ein Lächeln hielt, und Emils weit aufgerissene Augen suchten vergeblich Halt im Nirgendwo.

»Sehr erfreut, sehr erfreut«, sagte Schmitti und deutete eine Verbeugung an. »Ich bin Schmitti, einfach nur Schmitti.«

»Hallo Herr Schmitti«, sagte Josh wie immer höflich.

Aber Schmitti schüttelte energisch den Kopf. »Nein, nein, nein, Herr Schmitt nennen mich nur meine Feinde. Für meine Freunde heiße ich Schmitti.« Er schaute verliebt auf seine Schuhe. »Seid ihr nicht die, die diesen Juwelendieb zur Strecke gebracht haben?«

Weil keiner meiner Ritter antworten wollte, übernahm ich das Reden: »Ja, aber wir waren das nicht allein, ohne …«

»Respekt«, unterbrach mich Schmitti. »Wenn ich mich richtig erinnere, habt ihr dafür alle eine Jahreskarte fürs Wunderwelt bekommen?«

Wir nickten. Alle. Das war immerhin schon ein Fortschritt.

»Na, dann sehen wir uns ja jetzt wahrscheinlich öfter«, meinte Schmitti. »Aber macht euch keine falschen Hoffnungen. Hier in Wunderwelt passiert nie etwas. Eure Spürnasen könnt ihr also direkt einpacken.«

Keiner von uns ahnte, wie falsch Schmitti damit liegen sollte. Am wenigsten Schmitti.

»Was war das denn für einer?«, fragte Josh, als wir weitergegangen waren.

»Keine Ahnung«, sagte ich, drehte mich um und sah, wie Schmitti uns hinterherwinkte. »Aber ich fand ihn eigentlich ganz nett.«

Du hast gesagt, er wäre ein total durchgeknallter Psycho, vor dem wir uns in Acht nehmen müssten!

»Ich habe Hunger«, sagte Emil. Er blickte sehnsüchtig zu einem der Stände, in denen gebrannte Mandeln, Liebesäpfel, Bananen mit Schokoladenglasur und Zuckerwatte angeboten wurden. Bei Süßigkeiten verwandelt Emil sich in einen Vielfraß. Ob Vielfraße so heißen, weil sie wirklich viel fressen?

»Was Süßes? Echt jetzt ?« Luis wandte den Kopf in Richtung des Standes.

Und ich fragte mich mal wieder, wie er wissen konnte, wo der Stand war und was es dort zu kaufen gab.

Der Geruch nach Zucker war so stark, dass selbst ein Mensch ohne Nase ihn hätte riechen können.

»Wir haben noch nicht ein einziges Fahrgeschäft benutzt!«, moserte Luis.

»Wir können doch was essen, während wir uns in der Warteschlange anstellen«, schlug Josh vor.

MEIN FAULTIER. Ich kenne keinen anderen Menschen, der so ist wie Josh: Er versteht immer alle und findet immer eine Möglichkeit, es allen rechtzumachen.

»Okay«, seufzte Luis. »Zuckerwatte geht immer.« Der Anblick der Verkäuferin im Wunderweltdress verschlug meinen drei Rittern mal wieder die Sprache. Also bestellte ich vier Mal Zuckerwatte.

Luis hat der Anblick wohl kaum die Sprache verschlagen, Emil hat überall hingeguckt, aber nicht zu der Frau, und ich war gerade dabei, meinen Mund zu öffnen, da hattest du die Bestellung schon rausgebrüllt.

Die Frau lächelte, nahm das erste Holzstäbchen zur Hand und schaltete die Maschine ein.

BUMM!

Der Knall war so laut, dass wir alle erschreckt zusammenzuckten. Feine Zuckerkristalle wirbelten durch die Luft, rieselten auf uns herab und landeten auf Haut und Haaren. Das war der Moment, in dem ich zutiefst bereute, die pinke Zuckerwatte gewählt zu haben.

»Oh, das … das tut mir leid«, stammelte die Frau hinter dem Verkaufstresen und versuchte ausgerechnet Emils Haare von den Zuckerresten zu befreien. Der letzte Rest Selbstbeherrschung verschwand aus Emils Gesicht. Ich zählte innerlich: Drei, zwei, eins … und wartete auf den Ausraster.

»Das macht nichts«, sagte Josh schnell und stellte sich schützend vor den keuchenden Emil. »Ist wirklich nicht schlimm, geben Sie uns einfach stattdessen vier Tüten gebrannte Mandeln.«

Emils Gesicht entspannte sich, während die Frau Josh vier bereits abgepackte Tütchen in die Hand drückte. »Tut mir wirklich leid, das ist noch nie passiert, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.«

»Ach, uns passiert so was ständig«, sagte ich. »Das ist kein großes Ding. Wir gehen einfach auf Riverrodeo, dann sind wir wieder zuckerfrei.« Ich nahm Josh die Tüten ab. »Kommt!«

Josh, Emil und Luis folgten mir wie Entenküken ihrer Mutter. Immerhin hatte ich die gebrannten Mandeln in der Hand und die Tüten waren schon leer, als wir schließlich an der Wildwasserbahn in eins der Boote kletterten.

Ich hatte mindestens noch die Hälfte meiner Mandeln übrig und Luis auch.

Ehrlich gesagt hatte ich vorher gedacht, Emil und Achterbahnen — das wird nichts. Emil, der nicht mit dem Bus fährt. Emil, der erstarrt, wenn ihm jemand zu nah kommt. Emil, der das Gesicht zu einer Grimasse verzieht, sobald es irgendwo plötzlich laut wird. Und genau dieser Emil soll Spaß daran haben, mit 80 Sachen durch die Luft geschleudert zu werden? Im Freefall-Tower ungebremst auf den Erdboden zuzurasen? Oder eben auf der Wildwasserbahn eine volle Ladung Wasser ins Gesicht geschüttet zu bekommen?

Tja, so kann man sich irren. Emil kann gar nicht GENUG Kicks bekommen. Dafür nimmt er es sogar in Kauf, in einer langen, lauten, LÄRMENDEN Menschenschlange anzustehen.

Da sieht er allerdings sehr unglücklich aus.

Sogar Josh hatte mehr Probleme. Ständig fragte er: »Wird man da sehr nass?« Und sah dabei aus wie ein begossenes Faultier.

»Klar wird man da sehr nass«, bestätigte ich ihm und musste über sein ängstliches Gesicht lachen. »Das ist ja der Sinn der Sache.«

Vor allem klebten nachher meine gebrannten Mandeln aneinander. Ein dicker klumpiger Haufen. Eklig!

Die runden Boote mit Gummi drumherum sehen aus wie übergroße Fässer. Der Bereich zum Einstieg in die Boote ist wie ein Hafen gestaltet und die Mitarbeiter von Wunderwelt tragen hier Piratenkostüme. In jedes Boot passen sechs Menschen, aber wir schafften es, ein Boot für uns allein zu ergattern und halfen Luis beim Einsteigen. Ein Blick auf Josh: Er war schon blass um die Nase, als sich das Boot noch gar nicht in Bewegung gesetzt hatte. Dann ging es los. Zuerst schwamm das Boot ganz gemächlich und wir hatten Zeit, uns das Strandgut anzuschauen, das von der Decke herabbaumelt: Treibholz, Netze, Seesterne, eine Schatztruhe, aus der ganz viel Gold und Silber herausragt.

Dann knallt das Fass gegen eine Begrenzung, dreht sich hektisch um seine eigene Achse und verschwindet in einem dunklen abwärtsführenden Schacht.

Ich SCHRIE. Vor Freude natürlich.

Josh schrie auch. Aber nach Freude hörte sich das bei ihm nicht an.

Von oben fielen dicke kalte Tropfen auf uns herunter. Die Musik wurde lauter, gruseliger.

Ich versuchte im Dunkeln etwas zu erkennen, aber Fehlanzeige. Dann blitzte es, und der Blitz beleuchtete ein Wrack mit Skeletten. Während der Blitz die Umgebung erhellte, konnte ich kurz Emils Gesicht sehen und stellte überrascht fest, dass er vor Verzückung grinste. Josh hingegen sah aus, als wäre ihm schlecht.

War mir auch.

Dann ruckelte das Boot. Wir wurden nach oben gezogen und stürzten anschließend einen Wasserfall herab. Jetzt jauchzte auch Emil vor Freude.

Schließlich dümpelten wir in seichtem Gewässer einen Fluss entlang. Der Uferbereich ist wie ein Dschungel gestaltet, aus den Lautsprechern dringen Tiergeräusche und im Wasser kann man Krokodile sehen. Keine echten natürlich, sondern welche aus PLASTIK.

Laut Emil sind das Alligatoren.

Aber obwohl das Ganze jetzt nur noch eine langweilige Bootsfahrt war, sah Josh immer noch voll panisch aus. Er schaute sich gar nicht die Gestaltung der Wildwasserbahn an, sondern starrte permanent mit ängstlichen Augen auf den Boden des Bootes.

»Ist das eigentlich normal?«, wollte er wissen und deutete auf ein paar klitzekleine Löcher im Rumpf, aus denen Wasser hervorquoll.

Jetzt flackerte auch in Emils Augen leichte Panik auf.

Ich verdrehte die Augen. »Natürlich ist das normal, Jungs, was denkt ihr denn? Dass die hier Boote mit Löchern haben, in denen man absäuft? Das gehört doch alles zur Show!« Dachte ich jedenfalls da noch.

Ja, denkste!

Aber wir kamen gar nicht mehr dazu, uns weiter über die Löcher im Boot Gedanken zu machen, obwohl wir mit unseren Schuhsohlen tatsächlich schon Platschgeräusche in der Wasserlache am Boden machen konnten, denn in diesem Moment sahen wir, dass wir auf einen gigantischen Wasserfall zufuhren, der von einer künstlichen Felsenwand auf uns herabdonnerte.

»O nein!«, rief Josh und zog sich in einem für seine Verhältnisse atemberaubenden Tempo seine Kapuze tief ins Gesicht.

»Was ist?«, fragte Luis, aber es blieb nicht genug Zeit, ihm zu antworten.

Auch Emil, der bis jetzt alles total entspannt hingenommen hatte, riss den Mund zu einem stillen O auf. Wasser von oben ist gar nicht seins.

Doch den Bruchteil einer Sekunde, bevor uns der Wasserfall voll erwischt hätte, versiegte die Quelle und wir lachten alle erleichtert auf. Alle — außer Josh, der am weitesten vorne im Boot saß und doch noch ein paar klitzekleine Tröpfchen abbekommen hatte.

Von wegen klitzekleine Tröpfchen!

»Das war voll cool«, schwärmte ich, nachdem wir Luis aus dem Boot geholfen hatten und endlich wieder trockenen Boden unter den Füßen hatten.

Also ich hatte keinen trockenen Boden unter den Füßen.

»Na, ich weiß nicht«, moserte das Faultier.

»Bis auf das Wasser«, meinte Emil.

»Das ist eine Wasserbahn, Emil«, klärte ich ihn auf. »Hast du schon einmal eine Wasserbahn ohne Wasser gesehen? Nein! Sonst ist es nämlich keine Wasserbahn.«

»Meine Füße sind klitschnass«, sagte Luis.

Und damit hatte er recht: Wir ALLE hatten nasse Füße.

»Du kannst mir doch nicht weismachen, dass das so sein soll?«, regte sich Josh weiter auf. Er hob einen seiner segelschuhbeschuhten Füße an, von denen tatsächlich noch ein paar Tropfen auf den Asphalt klatschten.

Ich zuckte mit den Schultern. »Was weiß ich.«

Du hast behauptet, das sei ganz normal und ich solle mich nicht immer so anstellen!

Josh wollte unbedingt in eine dieser Ganzkörperföhnkabinen, die aber alle besetzt waren. Und ich hatte keine Lust stundenlang zu warten. Also ging erst einmal nichts weiter. Wir standen nur herum und stritten.

Stundenlang? Du bist schon wieder hin und her gehüpft, als müsstest du dringend aufs Klo!

»Ist das nicht der Direktor?«, fragte Luis und deutete mit dem Kopf in eine Richtung.

Jetzt könnte man sich natürlich wundern, dass ausgerechnet Luis den Direktor bemerkte. Aber wir wunderten uns nicht. Schließlich kennen wir Luis schon eine Weile. Josh sagt immer, Luis habe Power-Ohren und eine Magic-Nase. Vielleicht auch andersherum, also Magic-Ohren und eine Power-Nase, das kann ich mir nie merken, aber das ist eigentlich auch voll egal. Als wir in die angezeigte Richtung blickten, erkannten wir, dass dort tatsächlich Herr Stein stand und sich lautstark mit einem anderen Mann unterhielt. Na ja, »unterhielt« ist nicht ganz das richtige Wort.

»Die haben auch eine Meinungsverschiedenheit«, sagte Josh. Und jetzt, wo wir alle hinschauten, konnten wir auch ganz deutlich die unverwechselbar tiefe Stimme des Direktors erkennen. Auch wenn wir kein Wort verstanden.

»Der hat eine Stimme wie ein Märchenonkel«, hatte Luis gesagt, als wir das erste Mal in Wunderwelt gewesen und von Herrn Stein begrüßt worden waren. »Ich hatte mal eine Märchen-CD und der Sprecher hat sich genauso angehört wie Herr Stein.« Ja, und da war es vielleicht kein Wunder, dass Luis die Stimme direkt erkannt hatte.

»Und wer ist der andere?«, fragte ich und fuhr erschrocken herum, als unerwartet von hinten die Antwort kam.

»Das ist Herr Peters, der Chef von Peters Familienpark.« Schmitti stand direkt hinter mir und sah genauso neugierig wie wir zu den beiden grauhaarigen Männern hinüber, die sich immer noch angifteten. Dabei lehnte er auf seinem Besen und zog die Mülltonne hinter sich her.

»Worüber streiten die denn?«, wollte Luis wissen.

»Man munkelt, Herr Peters wolle Herrn Stein irgendeinen Deal vorschlagen, aber Herr Stein will nicht.«

»Was denn für einen Deal?«

Schmitti betrachtete wieder selbstverliebt seine Pailettensamtschühchen. »Kooperation«, antwortete er orakelhaft.

»Peters Familienpark will mit der Wunderwelt zusammenarbeiten?«

Schmitti nickte nur. »Das ist kein Geheimnis, stand sogar schon in der Zeitung. Aber dass Herr Stein in der Öffentlichkeit so laut wird, ist schon ungewöhnlich«, überlegte er, »das passt gar nicht zu ihm.«

»D a sw e r d e nS i en o c hb e r e u e n !« Herr Peters erhobener Zeigefinger wackelte aufgebracht, dann stampfte er davon. Dieses Wackeln mit dem Zeigefinger, das macht auch meine Mutter oft. Deshalb hasse ich das.

Herr Stein sah ihm kopfschüttelnd hinterher, dann wandte auch er sich ab und ging zurück zum Verwaltungsgebäude am Rand des Parks.

»0 – 9 – 4«, murmelte Schmitti und zwinkerte uns verschwörerisch zu.

Ich sagte ja schon, dass Schmitti immer Geheimagentenwörter verwendet, oder?

»0 – 9 – 4?«, fragte Josh, »was bedeutet das?«

»Streit«, antwortete Schmitti, griff nach seinem Besen und dem Mülleimer und schlurfte weiter.

Wir blickten dem kleinen Mann hinterher und zuerst sagte keiner von uns ein Wort.

»Wisst ihr, was er damit gemeint hat?«, wollte Josh schließlich wissen.

Emil zuckte mit den Schultern. »Bei der Polizei bedeutet 0 – 9 – 4 die Abkürzung für groben Unfug.«

»Aber er hat doch was von Streit gesagt?«, hakte Josh nach.

»Streit hat das Kürzel 0 – 4 – 3«, klärte Emil uns auf. »Vielleicht hat er da was verwechselt.«

Irgendwie wunderte sich keiner darüber, dass Emil alle Polizeikürzel im Kopf hat. Emil hat alles mögliche unnütze Wissen.

Also meistens finde ich es nützlich.

Er habe irgendwann mal einen Zeitungsartikel über die Geheimsprache der Polizei gelesen, erklärte Emil, und darin hätten einige Abkürzungen gestanden. Die anderen hätte er sich dann halt im Internet angesehen.

Wenn Emil »angesehen« sagt, dann meint er das auch. Emil muss sich nämlich nur etwas mal »ansehen« und schon kann er es. Was wäre ich froh, wenn ich mir die Englischvokabeln nur mal »ansehen« müsste, um sie zu können! Ganz zu schweigen von den Matheformeln. Aber ich schweife mal wieder ab. Wir saßen in Joshs Zimmer, nur ich und mein Faultier, und steckten die Köpfe zusammen.

»Hier«, sagte Josh, »ich hab’s gefunden.« Er tippte auf den Bildschirm seines Computers.

»Lies mal vor.«

Künftig sollen Jahreskarteninhaber des Freizeitparks Wunderwelt zu stark vergünstigten Preisen Tickets für den benachbarten Familienpark Peters erhalten — zumindest wenn es nach den Vorstellungen des Geschäftsführers Bernd Peters geht. ›Wir sind in Gesprächen‹ teilte der Leiter des Traditionsunternehmens unserer Redaktion mit. Er sei zuversichtlich, dass er gemeinsam mit Winfried Stein, dem Direktor des erfolgreichen Freizeitparks Wunderwelt, ein für Besucher attraktives Angebot schnüren werde.

Seit Eröffnung des Freizeitparks Wunderwelt vor 20 Jahren sind die Besucherzahlen des traditionellen Familienbetriebs Peters kontinuierlich zurückgegangen. Zuletzt wurden sogar Spekulationen über eine bevorstehende Insolvenz bekannt. Von einer Kooperation verspricht sich der Enkel der Begründer des Peters Familienparks offensichtlich einen Aufschwung für das vom Bankrott bedrohte Unternehmen seiner Familie. ›Vielleicht schaffen wir es, rechtzeitig zur 75. Jahresfeier in acht Wochen bekanntzugeben, in welcher Weise Besucher der Wunderwelt auch von den Angeboten des Peters Familienparks profitieren können.‹«

fin

»Von wann ist denn der Zeitungsartikel?«, wollte ich wissen.

Joshs Blick ruhte auf Mücke, der es sich — nicht ganz im Einverständnis mit Josh — auf dessen Bett gemütlich gemacht hatte, während er nachrechnete. »Von vor fünf Monaten«, antwortete er schließlich.

»Tja, dann war das also nichts mit der rechtzeitigen Bekanntgabe zur Jahresfeier.«

»Wenn du mich fragst, wird das auch nichts zur hundertsten Jahresfeier«, stellte Josh fest. »Herr Stein sah nicht so aus, als fände er auch nur irgendwas an dieser Idee überlegenswert.«

Er stöhnte. »Kannst du mal aufhören?«

»Aufhören? Womit?«

»Du wackelst die ganze Zeit mit deinem Bein! Das macht mich tierisch nervös und außerdem wackelt die Schreibtischplatte und der Computer und überhaupt alles mit!«

Sogar Mücke blinzelte, hob kurz den Kopf und grunzte, ließ seinen Monsterschädel dann aber wieder zurück auf Joshs Kopfkissen plumpsen.

»Tut mir leid, hab ich gar nicht gemerkt«, sagte ich und bemühte mich, mein Bein stillzuhalten. Das gelang mir auch. Für etwa 40 Sekunden.

Josh seufzte schicksalsergeben.

Ich kann nichts dafür. Ich kann einfach nicht lange stillsitzen und wie mein Faultier unablässig auf eine Stelle starren. Gerade wenn ich mich auf eine Sache konzentriere, fängt mein Körper an zu wackeln, so als müsste er irgendwie einen Ausgleich schaffen. Sonst habe ich das Gefühl, dass irgendetwas in mir zerspringt.

»Komm, wir gehen raus«, schlug ich vor, um nicht bald mit einem lauten Knall zu explodieren. Dass Josh aber auch immer so EMPFINDLICH sein muss!

Mücke sprang mit einem Satz vom Bett. »Komm« und »raus« hatte er sofort verstanden. Selbst im Tiefschlaf. Und wenn Josh meinte, vorher hätte sein Schreibtisch gewackelt, dann merkte er jetzt erst einmal, was es heißt, wenn etwas RICHTIG wackelt.

Mein ganzes Zimmer hat vibriert!

Wir stellten schnell die Dinge wieder auf, die bei Mückes Sprung vom Bett umgefallen waren: Joshs Ninjutsu-Pokale und die kleine Lampe vom Nachttisch. Josh rückte das Bild gerade, das über seinem Bett hängt, auf dem seine Schwester Julia noch als Baby zu sehen ist, auf dem Arm ihrer Mutter und neben ihr Joshs Vater. Man sieht es zwar nicht, aber Joshs Mama ist schon mit ihm schwanger. Das Bild ist ihm heilig, denn es ist das einzige, auf dem seine ganze Familie drauf ist. Also so quasi jedenfalls. So wie ihm auch seine Schweißbänder heilig sind, die er in Erinnerung an seinen Vater immer trägt. Weil sein Vater nämlich verschwunden ist, als seine Mutter mit ihm, also mit Josh, schwanger war. Aber nicht so, sondern anders. Er hat sich irgendwo in Australien verlaufen und ist nicht mehr zurückgekehrt. Obwohl er wollte.

Als Josh mir die Sache mit seinem Vater das erste Mal erklärt hat, habe ich geglaubt, er wolle mir irgendeine ausgedachte, möglichst haarsträubende Geschichte erzählen. Vielleicht um sich wichtig zu machen. Aber so ist Josh nicht. Er macht sich nie wichtig. Eher im Gegenteil. Und genau das mag ich an ihm. Er ist immer so schön unaufgeregt, aber allen gegenüber sehr aufmerksam. Fast schon ZU aufmerksam. Er verschwimmt förmlich mit den Menschen in seiner Nähe. Deshalb hält er es auch nicht aus, wenn ich mit meinen Beinen wackle oder so.

Davon werde ich total nervös!

Das macht ihn nervös.

Draußen fühlte ich mich direkt besser. Wir ließen uns von Mücke hierhin und dorthin ziehen. Als wir am ehemaligen Ladengeschäft von Herrn Goldmann vorbeigingen, stupste ich Josh an. Über dem Schaufenster hängen noch die großen Buchstaben: GOLDMANN — UHREN UND SCHMUCK, aber alle, die vorbeikommen, können sehen, dass das Geschäft dauerhaft geschlossen ist. »Ich war früher auch mal mit meiner Mutter und Julia in Peters Familienpark«, erzählte Josh. »Kurz bevor das Kettenkarussell umgekippt ist. Weißt du noch?«

Stupsen? Du hast mir deinen Ellbogen in die Rippen gerammt!

Ich schüttelte den Kopf und kramte gleichzeitig in meinem Gedächtnis, ob ich auch schon mal in diesem Familienpark gewesen war, konnte mich aber nicht erinnern.

»Das stand doch damals auch in der Zeitung«, erzählte Josh weiter. »Das Karussell war irgendwie einfach in der Mitte durchgebrochen und umgekippt.«

»Ach ja!« Jetzt erinnerte ich mich wieder. »Da wollte ich unbedingt hin, aber meine Mutter hat es nicht erlaubt, weil sie gehört hatte, dass da alles unsicher und TOTAL dreckig sei.«

Josh nickte. »Ja, es war leider ziemlich heruntergekommen. Julia hat sich so einen Metallsplitter in die Hand gerammt, einfach nur, weil sie ein Gitter angefasst hat. Die Tiere im Streichelzoo haben mir besonders leidgetan. Sie sahen furchtbar verwahrlost aus. Und alle Mülleimer quollen über. Ziemlich eklig.«

Ich dachte an Schmitti mit seinem Besen und daran, wie sauber es in Wunderwelt ist.

»Ich glaube, wir sind damals nach nur einer Stunde oder so wieder gegangen.« Josh schüttelte sich bei der Erinnerung.

»Also ist es gar nicht so, dass Wunderwelt dem Peters Familienpark die Kunden wegnimmt?«

Josh zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Klar braucht so ein Park die Einnahmen, um die Attraktionen instand zu halten und so. Aber ob nun erst die Gäste weggeblieben sind und dadurch weniger gemacht wurde — oder ob weniger gemacht wurde und deshalb die Gäste weggeblieben sind … Wer soll das schon wissen?«