Die Lösung des Theodizee-Problems - Karl-Wilhelm Hofmann - E-Book

Die Lösung des Theodizee-Problems E-Book

Karl-Wilhelm Hofmann

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Beschreibung

Seit 2000 Jahren sucht die Christenheit vergeblich nach einer Antwort auf das Theodizee-Problem. Wie kann ein gleichzeitig liebender und allmächtiger Gott das Leid in der Welt zulassen? Um die Antwort zu finden, nimmt uns der Autor auf eine spektakuläre Reise von lange vor dem Urknall bis in die Neuzeit mit. Schritt für Schritt wird eine in sich schlüssige Theorie entwickelt, die nicht nur das Theodizee-Problem löst, sondern auch weitere fundamentale Fragen der Menschheit, wo kommen wir her, warum sind wir hier, wo gehen wir hin, beantwortet. Da es keine zwei Wahrheiten geben kann, basiert die neue Theorie auf den Aussagen der Bibel und den Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaften. Der Autor überwindet damit den vermeintlichen Widerspruch zwischen biblischen und naturwissenschaftlichen Aussagen. Neuartig ist, dass der Autor den Leser bei der Entwicklung seiner Theorie mit einbezieht. Er fordert ihn während seiner Reise mehrfach dazu auf, die eigenen Ansichten den Thesen des Autors gegenüberzustellen. So kann der Leser jederzeit entscheiden, ob er noch weiter zur "Reisegesellschaft" gehört oder lieber aussteigt.

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Seitenzahl: 230

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Für die kritische Durchsicht des ersten Entwurfs meines Buches

und die damit verbundenen wegweisenden Gespräche

gilt mein besonderer Dank:

Eli Fleckenstein

Alexander Hoffmann

Meiner Ehefrau Martha

Pfarrer Michael Neugber

Dr. Paul A. Schroeteler

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Zwei grundlegende Entscheidungen

B 1 Gibt es eine höhere Macht?

B 2 Was ist das Wesen der „höheren Macht“?

Der Gott der Bibel

C 1 Der „menschliche“ Gott

C 2 Der liebende, barmherzige und gnädige Gott

C 3 Gott ist allmächtig und er tut Wunder

C 4 Gott ist ewig

C 5 Gott ist „Geist“ und ein „verborgener Gott“

C 6 Gott ist gerecht

C 7 Gott ist ein Schöpfergott

C 8 Zwischenergebnis

Die zehn Fragen

D 1 Was war vor dem Urknall?

D 1.1 Drei theoretische Möglichkeiten

D 1.2 Warum hat Gott etwas erschaffen?

D 1.3 Wann hat Gott die Seelen erschaffen?

D 1.4 Wie leben die Seelen mit Gott im Jenseits zusammen?

D 1.5 Zusammenfassung

D 2. Warum gab es den Urknall?

D 2.1 Erziehungsmaßnahme „Stubenarrest“

D 2.2 Warum erinnern wir uns nicht an unser Vorleben?

D 3 Wie konnte sich aus unbelebter Materie Leben entwickeln?

D 4 Wo kommt das Phänomen „Geist“ her?

D 5 Hat der Mensch eine Seele?

D 6 Weiterleben nach dem Tod?

D 7 Jüngstes Gericht?

D 8 Ewige Verdammnis, ewige Qualen?

D 9 Der Sinn unseres Lebens

D 10 Die Lösung des Theodizee-Problems

Zusammenfassung

Zweifelsfragen

F 1 Zwei Fundamente der kirchlichen Lehre

Vorbemerkungen

Die Erbsünde. Gibt es sie?

Die Sühnetheologie. Ist sie haltbar?

F 2 Können Gebete etwas bewirken und gibt es Wunder?

F 3 Die Jungfrauengeburt: Faktum oder Legende?

F 4 Zusammenhang zwischen irdischer Lebenssituation eines Menschen und der Schwere seines „Vergehens“ im Jenseits?

F 5 Gibt es Seelenwanderung?

Fundstellen

Quellennachweise

Internetseiten (Stand Oktober 2017)

Abkürzungen der zitierten biblischen Bücher

A Prolog

Ich wende mich mit diesem Buch an jeden, der nach Antworten auf die grundlegenden Fragen der Menschheit sucht: Wo kommen wir her, was ist der Sinn unseres Lebens, warum gibt es das Leid in der Welt, was passiert nach unserem Tod? Obwohl sich von alters her Philosophie, Theologie und Naturwissenschaften mit dieser Thematik befassen, ist es bis heute nicht gelungen, eine Theorie zu entwickeln, die diese Fragen in sich schlüssig und widerspruchsfrei beantwortet. Insbesondere versagen insoweit auch alle bekannten Religionen. Diese Lücke möchte ich schließen und die Fragen fundiert beantworten.

Ich werde später begründen, warum ich fest davon überzeugt bin, dass die Bibel die Antworten auf die gestellten Fragen liefert. Deshalb steht die von mir in diesem Buch entwickelte Theorie zum einen auf dem Boden der Bibel. Da es jedoch keine zwei Wahrheiten geben kann, sind das zweite Standbein meiner Theorie die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften. Meine Theorie ist somit sowohl durch die Bibel als auch durch die modernen Naturwissenschaften gedeckt.

Weil ich neben den Naturwissenschaften die Bibel als Fundament heranziehe, wende ich mich im Besonderen an jene Christen, die Zweifel an der offiziellen Lehre ihrer Kirche und deren Auslegung der Bibel haben. Die Zweifel können daher rühren, dass

kritische Fragen durch die Kirche überhaupt nicht beantwortet werden.

Fragen als über unseren Verstand hinausgehend auf Gottes Ratschluss beruhend und deshalb als unmöglich zu beantworten erklärt werden.

die Aussagen der Kirche in sich selbst widersprüchlich sind und die Gesamtlehre deshalb kein sinnvolles in sich logisch geschlossenen Bild ergibt.

die Aussagen der Kirche in Widerspruch zu den Erkenntnissen der naturwissenschaftlichen Forschung stehen.

Die Zweifel an der traditionellen Auslegung der Bibel treten am deutlichsten bei der so genannten „Theodizee“ auf. Gemeint ist damit die Frage, wie ein allmächtiger und gleichzeitig liebender Gott das unermessliche Leid in der Welt zulassen kann. Bisher ist es nicht gelungen, diesen Widerspruch befriedigend aufzulösen. Die traditionelle christliche Lehre liefert dazu eine „Standardantwort“. Gott hat die Welt ursprünglich gut und frei von jeglichem Leid geschaffen. Die ersten Menschen, Adam und Eva, haben durch Missachtung der göttlichen Gebote gesündigt. Als Strafe Gottes kam das Leid in die Welt, das der Mensch nun als Folge seines Ungehorsams zu ertragen hat.1 Da fragt sich der moderne Mensch natürlich: „Was habe ich denn heutzutage mit dem weit zurückliegenden ,Verbrechen‘ von Adam und Eva zu tun?“ Um aus dieser Klemme herauszukommen, erfand die Kirche die „Erbsünde“. Adams und Evas Sünde vererbt sich immerfort auf alle nachfolgenden Menschen. Damit ist dann z. B. auch erklärt, warum selbst Kleinkinder großes Leid erfahren können, ohne dass man dann dafür Gott verantwortlich machen könnte. Ein Hintertürchen hält sich die Kirche allerdings noch offen. Sie erklärt, dass das Ganze „… ein Geheimnis (ist), das wir nicht völlig verstehen können“2.

Natürlich passt diese Antwort weder zu einem liebenden Gott noch zu universell akzeptierten Moralvorstellungen. Es wird hier eine Sippenhaft als göttlicher Wille dargestellt. Was ist das denn für ein Gott, der mich für Taten verantwortlich macht, die ich persönlich nicht begangen habe? Und noch dazu aus diesem Grund großes Leid über mich bringt. Ein Gott, der seine Geschöpfe liebt und noch dazu ein allmächtiger Gott ist, würde niemals eine Sippenhaft begründen und auch das ganze Leid nicht zulassen. Immer mehr Menschen glauben wegen dieser Widersprüche nicht mehr an die traditionelle christliche Lehre von einem angeblich liebenden und gleichzeitig allmächtigen Gott.

Selbst der hoch angesehene und renommierte Theologe und Publizist Hans Küng kapituliert vor dieser zentralen Frage des Christentums. „Wenn man sich seit Jahrzehnten mit all den Versuchen der Theodizee immer wieder beschäftigt hat, darf man es sicher so direkt sagen: Eine theoretische Antwort auf das Theodizee-Problem, scheint mir, gibt es nicht!“3

Zusätzlich gibt es weitere, mit der Theodizee verwandte Fragen, auf die die christliche Lehre keine nachvollziehbaren Antworten hat:

Wie kann es sein, dass der ewige Gott die Menschen ausschließlich aufgrund ihres Verhaltens während der im Vergleich zur Ewigkeit lächerlich kurzen Zeitspanne eines Menschenlebens be- und verurteilt? Warum bekommt man keine „zweite Chance“?

Wo ist Gottes Liebe und Barmherzigkeit, wenn das Urteil

ewige

Verdammnis und

ewige

Höllenqualen sein kann?

Wo ist Gottes Gerechtigkeit angesichts der Tatsache, dass ein Teil der Menschheit in guten Verhältnissen lebt, die deutliche Mehrheit jedoch in bitterer Armut?

Kurzum, wo ist bei alledem Gottes Allmacht, Liebe, Güte, Barmherzig- und Gerechtigkeit? Einen Gott mit allen diesen Eigenschaften kann es doch offensichtlich nicht geben.

Es ist dieser Mangel an verständlichen Antworten, der zur Abwendung vieler Menschen vom christlichen Glauben führt. Die verkündete Botschaft ist weder verständlich noch widerspruchsfrei und deshalb für den aufgeklärten Menschen insgesamt unglaubwürdig.

Mit diesem Buch stelle ich eine Theorie vor, die nicht nur das Theodizee-Problem, sondern auch die anderen angesprochenen, verwandten Fragen nachvollziehbar beantwortet. Damit dies möglich ist, bedarf es einer theologischen Revolution. Die christliche Lehre muss neu durchdacht werden. Die Revolution muss dazu führen, dass die biblische Botschaft für den heutigen Menschen verständlich, widerspruchsfrei und unter Berücksichtigung der Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften verkündet wird. Dabei darf bei den neuen Ansätzen das Fundament des Christentums, die Bibel, nicht verlassen werden. Der Sinngehalt der biblischen Texte muss erhalten bleiben.

Nun werden Sie vielleicht einwenden, diese Revolution habe doch schon stattgefunden und sei noch in vollem Gange. Denn immer mehr „moderne“ Theologen interpretieren biblische Aussagen abweichend von der herrschenden traditionellen christlichen Lehre. Einer ihrer bekanntesten Protagonisten ist der schon erwähnte Hans Küng, dem deshalb 1979 von Rom die katholische Lehrerlaubnis entzogen wurde. Diese Theologen fordern die „Entmythologisierung“ der biblischen Berichte und berufen sich bei ihren Neuinterpretationen auf die Ergebnisse der historisch-kritischen Bibelforschung. Als Folge werden bisherige Kernpunkte der traditionellen christlichen Lehre über Bord geworfen. Jungfrauengeburt? Gab es nicht, ist eine Legende, die auf alten Mythen beruht. Wunder? Hat es nicht gegeben, sind Erfindungen der Evangelisten. Gottessohnschaft Jesu? Ebenfalls eine Legende. Jesu Worte? Wurden ihm größtenteils erst nach seinem Tod von den Evangelisten in den Mund gelegt. Auferstehung Jesu? Ja, aber keinesfalls wie in der Bibel berichtet: Keine Auferstehung von Jesu Leichnam. Der ist vielmehr genauso verwest wie der jedes anderen Menschen auch. Es gab lediglich eine „geistige“ Auferstehung. Ist das nicht schon die erforderliche theologische Revolution, die die Widersprüche der bisherigen traditionellen Lehre auflöst? Aus zwei Gründen ist das eindeutig zu verneinen:

Erstens hat die „neue Theologie“, die sich aus den Interpretationen der „modernen“ Theologen ergibt, mit den Kernaussagen der Bibel nur noch wenig gemein. Der neue Ansatz verflüchtigt sich weitgehend ins Nebulöse. Die Aussagen sind wenig konkret und mit vielen Worten wird kaum etwas Fassbares gesagt. Die biblische Botschaft wird ausgehöhlt, die Basis der christlichen Lehre wird mehr und mehr verlassen. Ein Beispiel dafür ist Küngs Buch „Was ich glaube“, in dem er seine neue Theologie zusammenfasst.

Zweitens liefert auch die „neue Theologie“ kein rundes, widerspruchsfreies und in sich geschlossenes System. Ganz im Gegenteil werden neue zusätzliche Ungereimtheiten erzeugt, ohne die schon bestehenden zu beseitigen. Dass die alten Fragen nicht gelöst werden, bezeugt Küng selbst durch das bereits angeführte Zitat zur Theodizee.3 Und wenn z. B. behauptet wird, Jesus sei nicht von Geburt an Gottes Sohn gewesen, sondern erst nach seinem Tod durch „Erhöhung“ dazu geworden, führt das zu neuen Widersprüchlichkeiten, ohne bereits bestehende Zweifelsfragen zu beantworten.

Grundsätzlich ist der Weg der modernen Theologen richtig. Da die herrschende Lehre nicht schlüssig ist, stellen sie die verschiedensten Dogmen in Frage, z. B. „die Erbsünde“ oder die „ewige Verdammnis“. Dennoch scheitern die modernen Theologen, weil ihre neue Lehre genauso wenig zu einer insgesamt schlüssigen Lehre führt wie die traditionelle. Wie ich zeigen werde, ist der Hauptgrund für dieses Scheitern, dass sie insbesondere ein Kerndogma der katholischen Kirche bisher nicht entscheidend angegriffen haben. Nämlich die These, dass Gott die Seele des Menschen bei dessen Zeugung oder seiner Geburt erschaffe.

Die theologische Revolution muss also noch kommen. Ich versuche, diese Revolution anzustoßen. Dazu löse ich die traditionelle christliche Lehre nicht völlig auf. Ich korrigiere sie lediglich in entscheidenden Punkten, indem ich verschiedenen biblischen Stellen eine neue Deutung gebe. Gleichzeitig wende ich mich gegen die „Entbiblisierung“ der christlichen Botschaft durch die „modernen“ Theologen, deren neue christliche Lehre immer mehr von den Aussagen der Bibel abrückt.

Eine in sich stimmige christliche Botschaft muss zehn Fragen widerspruchsfrei beantworten können:

Was war vor dem Urknall?

Warum gab es den Urknall?

Wie konnte sich aus unbelebter Materie Leben entwickeln?

Wie kam es dazu, dass plötzlich neben dem biologischen, materiellen Leben das immaterielle Phänomen „Geist“ auftauchte?

Hat der Mensch eine Seele?

Falls eine solche „Seele“ existiert, überlebt sie den physischen Tod des Menschen?

Falls die Seele überlebt, wird sie dann von einer metaphysischen Instanz ausschließlich aufgrund ihres Verhaltens während ihres irdischen Lebens be- und verurteilt?

Wenn eine solche Be- und Verurteilung erfolgt, könnte dann das Urteil auf „

ewige

Verdammnis“/„

ewige

Qualen“ lauten?

Was ist der Sinn unseres Lebens hier auf der Erde?

Wenn es tatsächlich einen Gott gibt, wo ist dann angesichts des Zustands der Welt, insbesondere des unermesslichen Leids der Menschen, dessen Allmacht, Liebe, Barmherzig- und Gerechtigkeit? Anders ausgedrückt: Was ist die Lösung des Theodizee-Problems?

Die Antworten müssen unter sich widerspruchsfrei sein und sowohl auf dem Boden der Bibel und den Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaften stehen. Diesem Anspruch genügen weder die traditionelle christliche Lehre noch die der „modernen“ Theologen noch irgendwelche anderen Theorien, Religionen oder Philosophien.

Ich unternehme mit diesem Buch den Versuch, eine solche christliche Lehre vorzustellen, die allen diesen Anforderungen gerecht wird und dabei auch die Theodizee beantwortet.

Da die katholische Kirche die wichtigste Repräsentantin des Christentums ist, stelle ich meine Thesen (nur) der Lehre der katholischen Kirche gegenüber, stellvertretend für alle christlichen Gemeinschaften. Ich halte das für zulässig, weil die Kernthesen, um die es in diesem Buch geht, von allen christlichen Strömungen vertreten werden, seien es nun Protestanten, Orthodoxe oder andere christliche Kirchen. Um deutlich zu machen, dass es mir generell um die von den verschiedenen christlichen Strömungen vertretenen Thesen geht und nicht nur um die katholischen Positionen, werde ich deshalb im Folgenden nicht von „der katholischen Kirche“/„der katholischen Lehre“ sprechen, sondern von „der Kirche“ und/oder „der christlichen Lehre“.

Bevor ich nun die genannten zehn Fragen und damit auch die Theodizee detailliert beantworte, sind einige Vorarbeiten zu leisten. Wir werden uns zunächst einige Mosaiksteine erarbeiten. Bei diesen Mosaiksteinen handelt es sich um nichts grundsätzlich Neues. Dennoch werden wir jedes Steinchen etwas genauer betrachten, dabei neue Perspektiven gewinnen und einzelne Fragen anders als die traditionelle christliche Lehre beantworten. Besonders diese veränderten Sichtweisen und andere Antworten sind der Schlüssel für die widerspruchsfreie Beantwortung der zehn zentralen Fragen. Danach werden wir die einzelnen Mosaiksteine zu dem neuen Gesamtbild, zum System Gottes und zur Beantwortung der Theodizee und anderer Fragen zusammensetzen.

B Zwei grundlegende Entscheidungen

Als Erstes mute ich Ihnen etwas zu. Sie müssen sich entscheiden.

Entscheidungen zu treffen, ist das Schwierigste im Leben. Bei letztlich unwichtigen Fragen fällt uns das nicht so auf. Ob wir im Restaurant ein Schnitzel essen oder doch lieber den Fisch, wird unser weiteres Leben nicht nachhaltig beeinflussen. Anders sieht es dagegen aus, wenn wir vor entscheidenden Weggabelungen auf unserem Lebensweg stehen. Soll ich ein Handwerk erlernen oder lieber studieren? Und welches Handwerk oder welches Studium? Ist Vanessa die richtige Ehefrau für mich oder doch besser Verena? Soll ich ein Haus bauen oder zur Miete wohnen? Möglicherweise lassen sich solche Entscheidungen auf dem weiteren Lebensweg wieder korrigieren. In aller Regel beeinflussen sie aber unser Leben zumindest für eine längere Zeit, wenn nicht für immer.

Wichtige Entscheidungen fallen uns deshalb so schwer, weil wir alle anderen Optionen damit ausschließen. Wenn ich mich für das Studium entscheide, werde ich nie erfahren, ob ich als Handwerker viel glücklicher geworden wäre. Und wie wäre mein Leben verlaufen, wenn ich statt Vanessa doch Verena geheiratet hätte oder gar ledig geblieben wäre? Je schwerwiegender die Konsequenzen einer Entscheidung für meinen Lebensweg sind, desto schwerer fallen sie uns.

Und welche Entscheidung mute ich Ihnen zu? Es sind sogar zwei:

Glauben Sie, dass es eine „höhere Macht“ gibt?

Nur wenn Sie „Ja“ sagen, steht die zweite Entscheidung an:

Was ist das für eine „höhere Macht“, an die Sie glauben? Was hat sie für ein Wesen, welche Eigenschaften kennzeichnen sie und für welche Werte steht sie?

Auf den ersten Blick scheinen diese beiden Entscheidungsfragen für Ihren weiteren Lebensweg nicht wichtig zu sein. Bei genauerem Hinsehen kommt man jedoch zu der Erkenntnis, dass, abhängig von Ihren Antworten, Ihre ganze Lebensauffassung, Ihre Einstellung zum Leben unterschiedlich ausfällt. Es geht dabei nicht um die Frage, ob Sie ein glücklicherer, zufriedenerer Mensch sein können, wenn Sie sich für oder gegen eine „höhere Macht“ entscheiden. Menschen, die nicht an eine höhere Macht glauben, können sehr wohl glücklich sein und auch ein moralisch untadeliges Leben führen. Umgekehrt ist die Welt voll von unglücklichen „Höhere-Macht-Gläubigen“. Nein, es geht darum, dass Ihre Antworten auf die zwei Fragen Ihnen einen Kompass in die Hand geben, mit dem Sie Ihr Leben navigieren können. Gerade bei wichtigen, den Lebensweg beeinflussenden Entscheidungen hilft eine solche Grundorientierung enorm. Sie können gelassener entscheiden, sind zufriedener und mit sich selbst im Reinen.

B 1 Gibt es eine höhere Macht?

Wenden wir uns also der ersten Frage zu. Glauben Sie, dass es eine höhere Macht gibt? Es geht zunächst nur darum, ob Sie überhaupt an „irgendetwas“ Höheres glauben. Noch nicht gefragt ist, was Sie sich genau unter dieser „höheren Macht“ vorstellen. Die Frage nach dem Wesen einer höheren Macht wird nur dann interessant, wenn Sie annehmen, dass eine solche Macht überhaupt existiert.

Die meisten Menschen stellen sich irgendwann in ihrem Leben die Frage nach der Existenz einer höheren Macht. Einige haben versucht, die Existenz oder die Nichtexistenz einer solchen „Macht“ zu beweisen. Diese so genannten „Gottesbeweise“ werden in verschiedene Gruppen eingeteilt.

Die „kosmologischen“ Beweise gründen sich auf der Lehre von der Struktur der Welt (Kosmologie). Sie versuchen, aus dem jetzigen Zustand des Kosmos die Existenz einer höheren Macht abzuleiten. Der griechische Philosoph Aristoteles (384–322 v. Chr.) erkannte, dass der jeweilige aktuelle Zustand der Welt das Ergebnis einer Ursachenkette ist. Wenn ich heute ein gebrochenes Bein habe, ist das dadurch verursacht, dass ich gestern beim Skifahren einen Unfall hatte. Ski bin ich gefahren, weil ich im Winterurlaub bin. Dort bin ich deshalb, weil ich dringend Erholung brauchte. Die war nötig, weil ich ein halbes Jahr praktisch ohne Pause gearbeitet habe, usw. Wenn man nur lange genug die Kette nach hinten verfolgt, landet man schließlich beim Universum und fragt nach der Ursache seines Entstehens. Auch der Kosmos in seiner Gesamtheit ist das Ergebnis einer solchen Ursachenkette. Es stellt sich nun die Frage, ob diese Ursachenkette unendlich lange, ohne Ende, zurückgeht. Oder gibt es eine allererste „Ur-Sache“, die keine Ursache hatte. Aristoteles kommt zu dem Schluss, dass es eine solche allererste „Ur-Sache“ geben muss. Etwas, das nicht bewegt verursacht wurde, sondern schon immer da war. Dieses „Etwas“ ist bei Aristoteles der „Erstbeweger“, der die Ursachenkette ausgelöst hat. Anzumerken ist, dass Aristoteles diesem „Erstbeweger“ keine bestimmten Eigenschaften zuordnet. Er „beweist“ lediglich, dass es dieses „Etwas“ gibt, ohne es näher zu beschreiben.

Bei näherem Hinsehen erkennt man, dass es sich nicht wirklich um einen echten Beweis handelt. Denn natürlich ist es auch denkbar, dass die Ursachenkette bis in alle Ewigkeit unendlich weit zurückgeht. Das widerspricht zwar unserer Erfahrung und unser Gehirn kann sich eine endlose Ursachenkette auch nicht wirklich vorstellen. Dennoch ist es eine theoretische Möglichkeit. Aristoteles’ „Beweis“ verschiebt das Problem auch nur. Denn wenn es diesen Erstbeweger gibt, stellen wir uns sofort die Frage: Wo kommt er denn her? Unsere Erfahrung und unser Wissen sagen uns: Aus nichts kann nicht „etwas“ entstehen. Dass es „etwas“ schon immer gibt, ohne Anfang und ohne Ende, ist für uns genauso unbegreiflich wie eine unendliche Ursachenkette zurück in die Vergangenheit.

Die Ontologie ist als Teil der Philosophie die allgemeine Lehre vom Sein. Bei den „ontologischen“ Gottesbeweisen geht es deshalb darum, allein von der Idee eines vollkommenen Wesens auf seine tatsächliche Existenz zu schließen. Es wird versucht, Gott allein durch logische Gedankengänge zu beweisen. Namhafte Vertreter dieser Richtung sind der Philosoph und Theologe Anselm von Canterbury (1033–1109), der Dominikanermönch Thomas von Aquin (1225–1274) und der Philosoph und Mathematiker René Descartes (1596–1650).

Aristoteles war zu Beginn seiner Überlegungen grundsätzlich noch ergebnisoffen. Am Ende hätte sowohl ein „Gott“ als auch kein „Gott“ stehen können. Für Anselm, Thomas von Aquin und Descartes dagegen stand von vornherein fest, dass es einen Gott gibt. Es geht nur noch darum, das bereits feststehende Ergebnis „logisch“ zu beweisen.

Es ist etwas schwierig, Anselm von Canterburys fünfstufigen Gottesbeweis nachzuvollziehen. Das resultiert hauptsächlich aus der von Anselm verwendeten Definition von „Gott“. Dieser wird als „Das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann“ definiert. Zur Vereinfachung setze ich deshalb an einigen Stellen dafür einfach „Gott“ ein. Dann lautet die Ableitung wie folgt:

Angenommen, es gibt tatsächlich

keinen Gott

(Das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann).

Wenn es tatsächlich keinen Gott gibt, dann existiert er nur in der Phantasie.

Wenn Gott nur in der Phantasie existiert, dann kann ich mir dennoch einen Gott vorstellen, der die

zusätzliche

Eigenschaft hat, auch in der Wirklichkeit zu existieren. Es kann also etwas gedacht werden, das größer ist als das, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann.

ist widersprüchlich. Denn es kann nicht sein, dass etwas gedacht werden kann, das größer ist als das, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann.

Deshalb ist erwiesen, dass es „Das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann“ (Gott), tatsächlich gibt und nicht nur in der Phantasie.

Dass die Ableitung rein logisch richtig ist, erkennt man besser, wenn man die Ausgangsannahme umdreht:

Es gibt einen Gott

(Das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann).

Wenn es diesen Gott gibt, muss er sowohl in der Phantasie als auch in der Wirklichkeit existieren.

Denn würde er nur in der Phantasie existieren, dann könnte etwas gedacht werden, das größer ist als das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann.

Also muss das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann (Gott), auch wirklich existieren.

Anselms Beweisführung ist jedoch nur mit seiner speziellen Definition von Gott (Das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann) schlüssig. Bei Verwendung einer anderen Definition, z. B. einfach „Gott“, scheitert der Beweis schon an der dritten Stufe.

Thomas von Aquin griff bei seinem Gottesbeweis auf die Gedanken von Aristoteles zurück, erweiterte sie und verband sie mit der christlichen Glaubenslehre. Danach gibt es fünf Wege, die Existenz Gottes zu beweisen. Die ersten vier Wege sind klassische ontologische Argumente. Der fünfte stellt dagegen einen teleologischen (zielgerichteten) Gottesbeweis dar.

Auch hier wird die Existenz Gottes nicht wirklich bewiesen. Die Beweise a. bis c. folgen den Gedanken von Aristoteles bzw. variieren sie. Es ist nicht zwingend, dass es einen ersten Beweger, eine erste Ur-Sache oder einen ersten Schöpfer geben muss. Es kann genauso gut z. B. eine unendliche Ursachenkette die richtige Antwort sein. Auch der Stufenbeweis ist nicht zwingend. Es kann genauso gut sein, dass es dieses angeblich vollkommene Wesen nicht gibt. Ähnlich ist es beim Finalitätsbeweis. Daraus, dass alles geordnet ist und Gesetzmäßigkeiten folgt, ergibt sich nicht zwangsläufig, dass ein planmäßiger Schöpfer dahintersteht. Die Ordnung kann sich auch zufällig ergeben haben. Es ist offenbar, dass Thomas von Aquin von vornherein an die Existenz Gottes glaubte, sie als wahr angenommen hat. Bei der Interpretation der von ihm korrekt beobachteten Phänomene hat er deshalb andere mögliche Antworten ausgeblendet.

René Descartes geht bei seinem Beweis gedanklich anders vor. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist, dass eine Wirkung niemals größer, besser sein kann als ihre Ursache. Deshalb hat auch alles in der Welt eine Hierarchie. Den Mensch sieht er als unvollkommenes, insbesondere endliches Wesen. Gott dagegen ist vollkommen und existiert unendlich, ewig. Der Mensch rangiert hierarchisch unter Gott. Wegen seiner Endlichkeit kann der menschliche Verstand nicht aus sich selbst heraus, selbständig ein vollkommenes, ewiges, unendliches Wesen wie Gott „erfinden“. Dieser Gedanke muss ihm deshalb von diesem höheren Wesen (Gott) eingegeben worden sein. Also muss Gott existieren.

Descartes’ Beweis ist in mehreren Punkten nicht stichhaltig. Schon die Ausgangsüberlegung, dass eine Wirkung nicht besser sein kann als ihre Ursache, ist nicht bewiesen. Ja, sie ist sogar empirisch wiederlegt. So gibt es z. B. Kinder, die ihren Eltern, was Talente und Intelligenz betrifft, überlegen sind. Auch ist nicht erwiesen, dass es eine endliche Hierarchie gibt, an deren Ende Gott steht. Schließlich könnte der Mensch sehr wohl aus sich selbst heraus auf die Idee eines vollkommenen Wesens gekommen sein. Insgesamt ist bei Descartes, wie bei von Aquin, deutlich zu erkennen, dass für ihn Gottes Existenz eine Realität ist. Im Kern beweist er nicht Gottes Existenz, sondern behauptet sie nur mit nicht schlüssigen Argumenten.

Der deutsche Philosoph Immanuel Kant (1724–1804) hat in seinem Werk „Kritik der reinen Vernunft“ nachgewiesen, dass weder die kosmologischen noch die ontologischen noch die teleologischen Gottesbeweise schlüssig sind. Diese Gottesbeweise gehen von der Idee aus, dass es Gott gibt. Eine Idee kann nach Kant aber nicht durch reine Vernunft bewiesen werden. Man kann sich irgendetwas vorstellen, z. B. ein Haus. Obwohl ich es mir vorstellen und in allen Einzelheiten ausmalen kann, bedeutet das nicht, dass es auch tatsächlich existiert. Den Beweis seiner möglichen Existenz kann ich nur dann führen, wenn ich das Haus mit meinen Sinnen tatsächlich wahrnehmen kann. Gott kann ich aber gerade nicht sehen, hören, ertasten, schmecken oder riechen.

In jüngerer Zeit versuchte Kurt Gödel (1906–1978) Gott zu beweisen. Es handelt sich dabei erneut um einen ontologischen Gottesbeweis. Gödels Beweis stützt sich auf drei Definitionen und fünf Annahmen. So definiert er Gott als „ein Wesen, das alle positiven Eigenschaften besitzt“. Was „positive Eigenschaften“ sind, lässt Gödel dabei offen. Wenn man Gödels weitere Definitionen und Annahmen akzeptiert, ist der Beweis in sich schlüssig. Er wurde inzwischen auch über Computer positiv auf seine Logik hin überprüft. Die von Gödel getroffenen Annahmen und Definitionen machen alle Sinn. Sie sind nicht aus der Luft gegriffen und durchweg vernünftig und nachvollziehbar. Dennoch gelingt es auch Gödel letztendlich nicht, Gott zu beweisen. Denn ob seine Definitionen und Annahmen, so vernünftig sie auch sein mögen, wirklich der Realität entsprechen, ist unbewiesen. Im Kern versucht auch Gödel von der Idee eines Gottes auf dessen tatsächliche Existenz zu schließen. Wie Kant nachgewiesen hat, ist das jedoch nicht möglich.

Zusammenfassend ist festzustellen: Die Existenz Gottes konnte bisher nicht positiv bewiesen werden.

Wie sieht es nun mit der Gegenseite aus? Gibt es Beweise für die Nichtexistenz Gottes?

Das Problem mit der Nichtexistenz Gottes ist, dass es nicht möglich ist, zu beweisen, dass etwas nicht existiert. Wie wollen Sie z. B. beweisen, dass es keine außerirdischen Lebewesen gibt? Selbst wenn man das gesamte Universum Zentimeter für Zentimeter erfolglos absuchen würde, wäre das kein Beweis für die Nichtexistenz derartiger Lebewesen. Denn es könnte z. B. noch ein weiteres oder viele weitere Universen geben. Kant hat nachgewiesen, dass die Existenz von etwas, das mit naturwissenschaftlichen Methoden, wie Messen, Wiegen, Beobachten, Berechnen, nicht nachgewiesen werden kann, nicht beweisbar ist. Gleiches gilt demzufolge auch für die Nichtbeweisbarkeit der Nichtexistenz Gottes.