Verlag: Carlsen Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

Die Luna-Chroniken 1: Wie Monde so silbern E-Book

Marissa Meyer  

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E-Book-Beschreibung Die Luna-Chroniken 1: Wie Monde so silbern - Marissa Meyer

Märchenhafte Zukunft - Cinderella im BlaumannCinder lebt bei ihrer Stiefmutter und ihren zwei Stiefschwestern, arbeitet als Mechanikerin und versucht gegen alle Widerstände, sich nicht unterkriegen zu lassen. Als eines Tages in unauffälliger Kleidung niemand anderes als Prinz Kai an ihrem Marktstand auftaucht, wirft das unzählige Fragen auf: Warum braucht Kai ihre Hilfe? Und was hat es mit dem plötzlichen Besuch der Königin von Luna auf sich, die den Prinzen unbedingt heiraten will? Die Ereignisse überschlagen sich, bis sie während des großen Balls, auf den Cinder sich einschmuggelt, ihren Höhepunkt finden. Und diesmal wird Cinder mehr verlieren als nur ihren Schuh … Alle Bände der faszinierenden Luna-Chroniken:Das mechanische Mädchen (Prequel - exklusiv als E-Book)Wie Monde so silbern (Band 1)Wie Blut so rot (Band 2)Die Armee der Königin (Spin Off zu Band 2 - exklusiv als E-Book)Wie Sterne so golden (Band 3)Wie Schnee so weiß (Band 4)

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CARLSEN-Newsletter Tolle neue Lesetipps kostenlos per E-Mail!www.carlsen.de Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung, können zivil- und strafrechtlich verfolgt werden. In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich die Carlsen Verlag GmbH die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt. Alle deutschen Rechte bei CARLSEN Verlag GmbH, Hamburg 2014 Originalcopyright © 2012 by Marissa Meyer Originalverlag: Feiwel and Friends, an imprint of Macmillan Originaltitel: Cinder Umschlaggestaltung und -typografie: Suse Kopp Aus dem Englischen von Astrid Becker Lektorat: Franziska Leuchtenberger Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde Herstellung: Gunta Lauck ISBN: 978-3-646-92588-3 Alle Bücher im Internet unterwww.carlsen.de

Für meine Großmutter, Samalee Jones, die ich mehr liebe, als sich mit Worten sagen lässt.

Erstes Buch

Sie nahmen ihr die schönen Kleider weg, zogen ihr einen alten grauen Kittel an und gaben ihr hölzerne Schuhe.

1

Die Schraube in Cinders Fußgelenk war verrostet, der Schlitz zur Mulde zermalmt. Ihre Fingerknöchel schmerzten, als sie den Metallbolzen mit aller Kraft knirschend aus der Verankerung löste. Schließlich ragte die Schraube so weit vor, dass Cinder sie mit ihrer Stahlprothese herausdrehen konnte. Nun lagen die haarfeinen Drähte frei.

Cinder warf den Schraubenzieher auf den Tisch, umfasste ihre Ferse und zog den Fuß aus der Verankerung. Ein Funke versengte ihre Fingerspitzen. Sie zuckte zusammen. Der Fuß baumelte an einem Gewirr roter und gelber Drähte.

Mit einem erleichterten Stöhnen ließ sie sich zurückfallen. Etwas wie Erlösung hing am Ende dieser Drähte – etwas wie Freiheit. Vier Jahre hatte sie unter dem zu kleinen Fuß gelitten, und sie schwor sich, dieses Mistding nie wieder anzulegen. Sie hoffte nur, Iko würde bald mit einem neuen zurückkommen.

Cinder war die einzige Mechanikerin mit Rundum-Service auf dem Wochenmarkt von Neu-Peking. Da sie kein Schild hatte, konnte man nur durch die Regale mit Ersatzteilen für Androiden auf ihr Gewerbe schließen. Ihr Stand war in eine schattige Nische zwischen einen Händler für gebrauchte Netzbildschirme und einen Stoffverkäufer gequetscht, die sich beide oft über den strengen Geruch von Metall und Schmierfett aus Cinders Stand beschwerten, obwohl dieser meistens vom Duft der Honigbrötchen aus der gegenüberliegenden Bäckerei überlagert wurde. Aber Cinder wusste genau, dass sie einfach nicht gerne ihre Nachbarn waren.

Ein fleckiges Tischtuch trennte Cinder von der vorüberziehenden Menge, von den Einkäufern und Straßenhändlern, von den Kindern und dem Lärm. Von dem Geschrei der Männer, die mit Robotern Geschäfte machten und sie herunterzuhandeln versuchten. Vom Summen der Identitäts-Scanner und von den monotonen Stimmen, die Geldtransaktionen von einem Konto auf ein anderes quittierten. Von den allgegenwärtigen Netzbildschirmen, die die Luft mit dem Geplapper von Werbung, Nachrichten und Gerüchten füllten.

Cinders Audio-Schnittstelle dämpfte die Lautstärke auf ein rauschendes Surren, aber heute wurde der Lärm von einer Melodie überlagert, die sie nicht überhören konnte. Vor ihrer Bude standen Kinder im Kreis und trällerten: »Asche und Tod, das Blut, das ist rot.« Dann brachen sie in hysterisches Gelächter aus und ließen sich auf den Asphalt fallen.

Der Anflug eines Lächelns lag auf Cinders Gesicht. Nicht wegen des gespenstischen Kinderliedes über Pest und Tod, das in den letzten zehn Jahren wieder viel gesungen wurde, denn das machte ihr Angst. Nein, sie freute sich über die Blicke der Vorübergehenden, wenn sich die kichernden Kinder quer in ihren Weg fallen ließen, und darüber, wie sie murrten, wenn sie sich umständlich um die zappelnden kleinen Körper herumdrücken mussten. Das mochte Cinder an Kindern.

»Sunto! Sunto!«

Cinders Freude verflog, als sie die Bäckerin Chang Sacha sah, die sich mit ihrer mehligen Schürze durch die Menge drängelte. »Sunto, komm sofort her! Wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst nicht in der Nähe von …«

Als Sachas und Cinders Blicke sich kreuzten, biss sich Sacha auf die Unterlippe. Dann packte sie ihren Sohn und zerrte ihn am Arm hinter sich her. Der Junge wimmerte und ließ die Füße nachschleifen, und Sacha schärfte ihm noch einmal ein, dass er nicht so weit von ihrem Stand weglaufen durfte. Cinder rümpfte die Nase hinter dem Rücken der Bäckersfrau. Die übrigen Kinder flohen in die Menge, und ihr Lachen verschwand mit ihnen.

»Als ob Drähte ansteckend wären«, murmelte Cinder.

Sie reckte sich, bis ihre Wirbelsäule knackte, fuhr sich mit den schmutzigen Fingern durch die Haare und kämmte sie zu einem unordentlichen Pferdeschwanz, dann zog sie die ölverschmierten Arbeitshandschuhe an. Zuerst die Stahlhand. Obwohl sie unter dem undurchlässigen Material sofort an der rechten Handfläche zu schwitzen begann, fühlte sie sich mit den Handschuhen wohler, weil sie die Metallplatte ihrer linken Hand verbargen. Sie spreizte die Finger, um den Krampf zu lösen, der sich beim Umklammern des Schraubenziehers im Daumenballen gebildet hatte, und blinzelte wieder auf den Platz hinaus. Sie sah überall gedrungene weiße Androiden, aber Iko war nicht unter ihnen.

Seufzend beugte sich Cinder über die Werkzeugkiste unter dem Arbeitstisch. Sie wühlte sich durch die durcheinandergewürfelten Schraubenzieher und Zangen und tauchte mit einem Seitenschneider wieder auf, der schon lange auf dem Grund der Kiste beerdigt gewesen war. Einen nach dem anderen durchtrennte sie die Drähte, die den Fuß noch immer mit ihrem Knöchel verbanden, und jedes Mal flogen Funken. Durch die Handschuhe spürte sie sie nicht, doch ihr hilfreiches Netzhaut-Display informierte sie mit einer grün blinkenden Nachricht, dass sie gleich die Verbindung zu ihrem Fuß verlieren würde.

Als sie mit einem Ruck den letzten Draht kappte, fiel der Fuß klappernd auf den Asphalt.

Was für ein Unterschied! Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich schwerelos.

Sie machte Platz auf dem Tisch und stellte den Fuß wie ein Heiligtum darauf. Dann beugte sie sich wieder über ihr schmutziges Fußgelenk und begann, den Stumpf mit einem alten Lappen zu reinigen.

KLONK.

Cinder schnellte hoch, schlug mit dem Kopf gegen die Tischunterseite und machte einen Satz rückwärts. Ihr finsterer Blick fiel zuerst auf eine leblose Androidin, die jetzt auf dem Arbeitstisch hockte, dann auf den Mann hinter ihr, der Cinder verwundert aus kupferbraunen Augen ansah. Eine schwarze Haarsträhne fiel ihm in die Stirn. Diese Lippen hatte jedes Mädchen im Land schon tausend Mal bewundert.

Ihr Ärger verflog.

Seiner Überraschung folgte eine Entschuldigung. »Es tut mir leid«, sagte er. »Ich habe nicht gesehen, dass hier jemand war.«

Cinder hörte ihm vor Verwirrung kaum zu. Während ihr Herz immer schneller klopfte, scannte ihre Netzhaut sein Gesicht, das ihr aus all den Jahren, in denen sie es auf Dutzenden von Bildschirmen gesehen hatte, so bekannt vorkam. Im wirklichen Leben war er größer, und das graue Kapuzen-Sweatshirt war etwas ganz anderes als die feine Kleidung, in der er normalerweise auftrat. Dennoch benötigte Cinders Scanner nur 2,6 Sekunden, um sein Gesicht zu vermessen und das Bild mit der Datenbank im Netz abzugleichen. Nach einer weiteren Sekunde erschienen auf dem Display die Informationen, die ihr bereits bekannt waren. Die Angaben liefen in grünen Buchstaben am unteren Ende ihres Gesichtsfeldes entlang.

Prinz Kaito, Kronprinz des Asiatischen Staatenbundes

ID #0082719057

Geboren am 7. April 108 D.Z.

88.987 Suchergebnisse, chronologisch absteigend

Gepostet am 14. Aug. 126 D.Z.: Kronprinz Kai lädt am 15. Aug. zur Pressekonferenz, um die Fortschritte der Letumose-Forschung und mögliche Hinweise auf Gegenmittel …

Cinder sprang auf. Beinah wäre sie vornübergefallen, denn sie hatte ihren fehlenden Fuß vollkommen vergessen. Sie klammerte sich an der Tischkante fest und brachte eine unbeholfene Verbeugung zu Stande. Das Netzhaut-Display sank außer Sichtweite.

»Eure Hoheit«, stammelte sie mit gesenktem Kopf, froh, dass er ihren leeren Knöchel hinter dem Tischtuch nicht sehen konnte.

Der Prinz warf einen schnellen Blick über die Schulter, bevor er sich zu ihr herüberbeugte. »Vielleicht, ähm …« Er legte den Finger an die Lippen: »… was das mit der Hoheit angeht?«

Mit großen Augen zwang Cinder sich zu nicken. »Gut. Selbstverständlich. Wie … kann ich … seid Ihr …« Sie schluckte. Die Worte klebten wie Bohnenmus an ihrer Zunge.

»Ich bin auf der Suche nach einem Linh Cinder«, sagte der Prinz. »Ist er da?«

Cinder wagte es, eine Hand von der Tischplatte zu lösen und den Saum ihres Handschuhs hochzuziehen. Sie starrte dem Prinzen auf die Brust und stammelte: »Das … Das bin ich.«

Er legte die Hand auf den kugelrunden Kopf der Androidin.

»Sie sind Linh Cinder?«

»Ja, Eure Hohei…« Sie biss sich auf die Lippe.

»Die Mechanikerin?«

Sie nickte. »Womit kann ich Euch dienen?«

Statt zu antworten, beugte sich der Prinz so weit vor, dass ihr nichts übrig blieb, als ihm in die Augen zu sehen. Dann schenkte er ihr ein schnelles Lächeln. Ihr Herz machte einen Satz.

Der Prinz richtete sich auf und wieder musste sie ihm mit den Augen folgen. »Eigentlich hatte ich mir Linh Cinder anders vorgestellt.«

»Na ja … Ihr seid auch nicht unbedingt so … wie ich … ähm.« Um seinem Blick auszuweichen, zog sie die Androidin zu sich heran. »Wie kann ich Euch behilflich sein, Eure Hoheit?«

Die Androidin sah aus, als sei sie gerade eben vom Förderband gestiegen, aber an der weiblichen Figur erkannte Cinder, dass sie ein veraltetes Modell war. Sie war glatt, auf ihrem birnenförmigen Körper saß ein kugelrunder Kopf und ihre helle Oberfläche schimmerte.

»Sie lässt sich nicht mehr anschalten«, sagte Prinz Kai, während er Cinder bei der Inspektion des Roboters zusah. »Von einem Tag auf den anderen ging gar nichts mehr.«

Cinder drehte die Androidin herum, so dass das Licht ihres Sensors auf den Prinzen gerichtet war. Sie war froh, dass sie etwas zu tun hatte und Routinefragen stellen konnte – so musste sie sich konzentrieren, geriet nicht aus der Fassung und verlor nicht vor Aufregung den Zugang zum Internet über ihr Gehirn. »Hattet Ihr vorher schon mal Probleme mit ihr?«

»Nein. Sie wird jeden Monat von den kaiserlichen Mechanikern gewartet, dies ist ihre erste richtige Störung.«

Prinz Kai nahm Cinders Metallfuß vom Arbeitstisch und betrachtete ihn neugierig von allen Seiten. Angespannt sah Cinder ihm dabei zu, wie er in den verdrahteten Hohlraum spähte und mit den beweglichen Zehen spielte. Mit dem zu langen Ärmel seines Sweatshirts wischte er einen Ölfleck ab.

»Ist Euch nicht heiß?« Cinder bereute ihre Frage sofort, denn nun wandte er ihr wieder seine Aufmerksamkeit zu.

Für den Bruchteil einer Sekunde sah der Prinz verlegen aus. »Ich glühe«, gab er zu, »aber ich will doch nicht auffallen.«

Cinder war kurz davor, ihm zu sagen, dass das nicht funktionierte, aber dann besann sie sich. Da ihr Stand nicht von einer Traube kreischender Mädchen belagert wurde, schien es wohl zu klappen. Er sah nicht wie ein kaiserlicher Mädchenschwarm aus, sondern einfach wie ein Verrückter.

Cinder räusperte sich und nahm sich wieder die Androidin vor. Sie fand die fast unsichtbare Verriegelung und öffnete das rückwärtige Bedienungsfeld. »Warum wird sie nicht von den kaiserlichen Mechanikern repariert?«

»Sie haben’s versucht, aber sie konnten den Fehler nicht finden. Und dann hat einer vorgeschlagen, sie zu Ihnen zu bringen.« Er legte den Fuß zurück und betrachtete die Regale mit Körperteilen für Cyborgs und ramponierten Ersatzteilen für Androiden, Hover, Netzbildschirme und tragbare Bildschirme. »Man sagt, Linh Cinder sei der beste Mechaniker in Neu-Peking. Ich hatte einen alten Mann erwartet.«

»So, sagt man das?«, murmelte sie.

Er war nicht der Erste, der darüber staunte. Die meisten ihrer Kunden begriffen nicht, dass ein Teenager, noch dazu ein Mädchen, die beste Mechanikerin der Stadt sein sollte, und sie hatte den Grund für diese Begabung nie herausposaunt. Je weniger Leute wussten, dass sie ein Cyborg war, desto besser. Es wäre unerträglich, wenn sie alle Markthändler so verächtlich ansehen würden wie Chang Sacha.

Mit dem kleinen Finger schob sie ein paar Drähte zur Seite. »Manchmal verschleißen sie einfach. Vielleicht ist es Zeit für einen neuen.«

»Das geht leider nicht. Sie enthält streng geheime Informationen. Es ist eine Frage der nationalen Sicherheit, dass ich sie herunterlade, bevor es ein anderer tut.«

Cinder ließ die Hände sinken und sah ihn von unten an.

Er hielt ihrem Blick ganze drei Sekunden stand, bevor sein Mund zuckte. »War nur ein Scherz. Nainsi war meine erste Androidin, und ich hänge sehr an ihr.«

Ein kleines orangefarbenes Licht flackerte am Rande von Cinders Gesichtsfeld auf. Ihre Optobionik hatte ein Signal des Prinzen aufgefangen, auch wenn sie nicht wusste, was es war – vielleicht ein Schlucken, ein allzu schneller Lidschlag, ein Anspannen des Unterkiefers.

Sie war an das kleine orangefarbene Licht gewöhnt. Es leuchtete dauernd auf.

Es bedeutete, dass jemand log.

»Nationale Sicherheit«, sagte sie. »Sehr komisch.«

Der Prinz legte den Kopf zur Seite, als wollte er sie zum Widerspruch herausfordern. Eine Strähne seines schwarzen Haars fiel ihm in die Augen. Cinder sah weg.

»Lehrdroidin 8.6«, las sie vom schwach beleuchteten Display im Plastikschädel ab. Die Androidin war fast zwanzig Jahre alt. Uralt. »Sie scheint völlig in Ordnung zu sein.«

Mit der geballten Faust schlug Cinder der Androidin gegen die Schläfe. Sie konnte sie gerade noch auffangen, bevor sie über die Tischkante fiel. Der Prinz erschrak.

Cinder stellte die Androidin auf die Füße und drückte auf den Schalter, aber nichts geschah. »Ihr glaubt gar nicht, wie oft das funktioniert.«

Der Prinz kicherte. »Sind Sie sicher, dass Sie Linh Cinder sind? Die Mechanikerin?«

»Cinder! Ich hab ihn!« Mit blinkendem blauem Sensor schwenkte Iko aus der Menge auf Cinders Arbeitstisch zu und knallte einen nagelneuen Stahlfuß neben die Androidin. »Eine riesige Verbesserung zum alten und fast unbenutzt. Die Verkabelung sieht kompatibel aus. Und außerdem konnte ich den Händler auf 600 Univs runterhandeln.«

Panik erfasste Cinder. Noch immer auf ihrem menschlichen Bein balancierend, schnappte sie sich den Fuß und warf ihn hinter sich. »Gute Arbeit, Iko. Nguyen-shifu wird sich über den Austauschfuß für seine Eskortdroidin freuen.«

Ikos Sensor verdunkelte sich. »Nguyen-shifu? Verarbeitung fehlgeschlagen.«

Cinder deutete auf den Prinzen und lächelte mit zusammengebissenen Zähnen. »Iko, ich möchte dir unseren Kunden vorstellen.« Sie senkte die Stimme. »Seine Kaiserliche Hoheit.«

Iko hob den Kopf und peilte den Prinzen, der mehr als einen Meter über ihr aufragte, mit dem runden Sensor an. Das Licht flackerte auf, als ihr Scanner ihn zugeordnet hatte. »Prinz Kai«, sagte sie. Ihre metallische Stimme quiekte. »In Wirklichkeit seht Ihr sogar noch besser aus.«

Cinder drehte sich vor Verlegenheit der Magen um, obwohl der Prinz lachte.

»Das reicht, Iko. Komm in den Laden.«

Iko gehorchte, hob das Tuch an und kroch unter dem Tisch hindurch.

»So eine Persönlichkeit lernt man nicht alle Tage kennen«, bemerkte Prinz Kai. Er lehnte sich an Cinders Stand, als brächte er jeden Tag Androiden zum Markt. »Haben Sie sie selbst programmiert?«

»Ob Ihr es glaubt oder nicht, sie wurde so geliefert. Wahrscheinlich ein Programmierfehler. Bestimmt hat meine Stiefmutter sie deswegen so billig bekommen.«

»Ich habe keinen Programmierfehler!«, protestierte Iko von hinten.

Cinder sah dem Prinzen in die Augen. Von seinem Lächeln geblendet, zog sie den Kopf hinter der kaiserlichen Androidin ein.

»Also, was meinen Sie?«, fragte er.

»Ich muss eine Fehlerdiagnose durchlaufen lassen. Dafür brauche ich ein paar Tage, vielleicht sogar eine Woche.« Cinder strich sich das Haar hinters Ohr und setzte sich, um das Innenleben der kaiserlichen Androidin zu untersuchen, froh, ihr Bein entlasten zu können. Bestimmt brach sie damit eine Benimmregel, doch dem Prinzen schien es nichts auszumachen. Er beugte sich zu ihr herüber, um ihren Händen beim Arbeiten zuzusehen.

»Wollen Sie eine Anzahlung?«

Er hielt ihr sein linkes Handgelenk mit dem eingelassenen ID-Chip hin, aber Cinder winkte ab. »Nein, danke. Es ist mir eine Ehre.«

Prinz Kai wollte ihr widersprechen, ließ aber dann die Hand sinken. »Wahrscheinlich wird sie vor dem Fest nicht mehr fertig, oder?«

Cinder schloss das Display der Androidin. »Ich glaube, das müsste ich schaffen. Aber ohne genauer zu wissen, was ihr fehlt …«

»Ja, klar.« Er lehnte sich zurück. »War auch nur Wunschdenken.«

»Wie kann ich Euch erreichen, wenn sie fertig ist?«

»Schicken Sie mir eine Tele an den Palast. Oder sind Sie nächstes Wochenende wieder hier? Dann könnte ich noch mal vorbeikommen.«

»O ja!«, rief Iko von hinten. »Wir sind jeden Markttag da. Kommt doch wieder! Das wäre wunderbar.«

Cinder fuhr zusammen. »Ihr braucht aber nicht …«

»Es wäre mir ein Vergnügen.« Zum Abschied neigte er höflich den Kopf und zog die Kapuze tiefer ins Gesicht. Cinder erwiderte seinen Gruß. Sie wusste, sie hätte aufstehen und sich verbeugen müssen, doch sie wollte ihren Gleichgewichtssinn kein zweites Mal auf die Probe stellen.

Sie wartete, bis sich sein Schatten vom Tisch entfernt hatte, bevor sie sich auf dem Platz umsah. Offensichtlich hatten die Marktbesucher den Prinzen in ihrer Eile nicht bemerkt. Cinder entspannte sich.

Iko rollte neben sie, die Metallgreifer vor der Brust verschränkt. »Prinz Kai! Kannst du mal meinen Ventilator angucken? Ich glaube, ich laufe heiß.«

Cinder beugte sich hinunter, um den Ersatzfuß aufzuheben. Sie wischte ihn an ihrer Cargohose ab und begutachtete die Metallplatte. Zum Glück hatte sie sie nicht zerbeult.

»Stell dir Peonys Gesicht vor, wenn sie das erfährt!«, sagte Iko.

»Wahrscheinlich kreischt sie wie verrückt.« Noch einmal ließ Cinder aufmerksam den Blick über die Passanten schweifen. Ihr wurde leicht schwindelig. Sie konnte es nicht erwarten, Peony alles zu erzählen. Der Prinz persönlich! Es war nicht zu fassen. Es war unglaublich. Es war …

»O nein!«

Cinders Lächeln gefror. »Was ist?«

Mit einem gekrümmten Finger deutete Iko auf ihre Stirn. »Du hast da einen Ölfleck.«

Cinder rubbelte an ihrer Augenbraue. »Du nimmst mich auf den Arm!«

»Bestimmt ist es ihm kaum aufgefallen.«

Cinder ließ die Hand sinken. »Ist sowieso egal. Komm, hilf mir, den Fuß anzulegen, bevor der nächste Prinz vorbeikommt.« Sie stützte den Knöchel auf dem Knie ab und verband die farbigen Drähte. Hoffentlich hatte sich der Prinz täuschen lassen.

»Passt wie angegossen, stimmt’s?« Iko hielt ihr die Schrauben hin. Cinder drehte sie in die vorgebohrten Löcher.

»Das ist lieb von dir, Iko, vielen Dank. Ich hoffe nur, dass Adri nichts merkt. Sie bringt mich um, wenn sie rauskriegt, dass ich 600 Univs für einen Fuß ausgegeben habe.« Nachdem sie die letzte Schraube angezogen hatte, streckte sie das Bein aus, rollte auf der Ferse vor und zurück und wackelte mit den Zehen. Alles war noch etwas steif. Es würde ein paar Tage dauern, ehe die Nervensensoren sich an die neue Verkabelung angepasst hatten, aber wenigstens musste sie jetzt nicht mehr hinken.

»Er ist super«, sagte sie und zog den Stiefel an. Ihr Blick fiel auf den alten Fuß in Ikos Greifern. »Das Mistding kannst du weg…«

Ein Schrei durchbohrte Cinders Trommelfell und in ihrer Audio-Schnittstelle piepste es. Erschrocken drehte sie sich zu dem Geräusch um. Auf dem Markt herrschte plötzlich Stille. Die Kinder, die zwischen den Marktständen Verstecken gespielt hatten, krochen aus ihren Schlupflöchern hervor.

Chang Sacha, die Bäckerin, hatte geschrien. Verdutzt kletterte Cinder auf ihren Stuhl, um über die Menge hinwegsehen zu können. Sie entdeckte Sacha in ihrem Stand, hinter den Glasvitrinen mit süßen Teilchen und Brötchen mit Schweinehack. Sie starrte auf ihre ausgestreckten Hände.

Im selben Moment, in dem die Menge auf dem Platz begriff, hielt Cinder sich schon die Nase zu.

»Die Pest«, schrie einer. »Sie hat die Blaue Pest!«

Auf der Straße kam Panik auf. Mütter rissen ihre Kinder an sich und legten ihnen schützend die Hände aufs Gesicht, während sie verzweifelt von Sachas Stand wegdrängten. Krachend wurden überall die Rollläden heruntergelassen.

Sunto schrie und rannte zu seiner Mutter, doch sie hob abwehrend die Hände. Nein, nein, bleib dort. Ein benachbarter Ladenbesitzer packte den Jungen und klemmte ihn sich im Weglaufen unter den Arm. Sacha rief ihm etwas nach, aber ihre Worte gingen im Aufruhr unter.

Cinder drehte sich der Magen um. Sie konnten nicht weglaufen; Iko würde im Chaos niedergetrampelt werden. Sie biss sich auf die Wange, griff nach der Schnur in der Ecke und ließ die Metalltür herab. Dunkelheit umfing sie, am Boden drang nur ein einzelner Strahl Tageslicht herein. Vom Asphalt stieg Hitze auf; in dem engen Raum wurde es stickig.

»Cinder?«, fragte Iko mit bedrückter Roboterstimme. Sie drehte den Sensor auf und füllte den Stand mit blauem Licht.

»Mach dir keine Sorgen«, sagte Cinder. Sie sprang vom Stuhl und nahm den verschmierten Lappen vom Tisch. Die Schreie wurden schon leiser und der Stand schien wie eine Welt für sich. »Die Bäckerei ist auf der anderen Seite des Platzes. Wir haben hier nichts zu befürchten.« Trotzdem kroch sie zur hinteren Wand mit den Regalen, duckte sich und hielt den Lappen über Mund und Nase.

Cinder atmete so flach wie möglich, während sie auf die Sirenen des Rettungshovers warteten, der Sacha fortbrachte.

2

Die Sirenen waren noch nicht verklungen, als ein weiteres Gefährt brummend auf dem Platz landete. Die Stille des Marktes wurde von lauten Schritten durchbrochen. Jemand erteilte im Kommandoton Befehle. Ein anderer antwortete heiser.

Cinder hängte sich ihre Kuriertasche um und kroch über den staubigen Boden ihres Stands hinter das Tuch über ihrem Arbeitstisch.

Sie steckte die Finger in den Lichtstreif unter der Tür und schob sie ein bisschen höher. Dann drückte sie die Wange auf das warme, unebene Pflaster und konnte drei Paar gelber Stiefel vor der Bäckerei am anderen Ende des Platzes ausmachen. Ein Rettungstrupp. Sie schob die Tür noch etwas höher, um die Männer mit den Gasmasken zu beobachten, die den Stand mit Flüssigkeit aus einem gelben Kanister tränkten. Trotz der Entfernung rümpfte Cinder bei dem Gestank die Nase.

»Was ist los?«, fragte Iko von hinten.

»Sie zünden Chang-jiĕs Stand an.« Als sie den Blick über den Platz schweifen ließ, fiel ihr ein blütenweißer Hover in einer Ecke auf. Von den drei Männern abgesehen war der Platz menschenleer. Sie rollte sich auf den Rücken und sah hoch in Ikos Sensor, der noch immer im Dunkeln leuchtete. »Wir verschwinden, sobald das Feuer auflodert. Dann sind sie abgelenkt.«

»Stecken wir in Schwierigkeiten?«

»Nein. Aber ich habe heute keine Lust auf einen Ausflug zur Quarantänestation.«

Einer der Männer spuckte einen weiteren Befehl aus, gefolgt von schlurfenden Schritten. Cinder warf noch einen Blick durch den Spalt. Etwas Brennendes wurde in den Stand geworfen und bald vermischte sich der Geruch von Benzin mit dem von angebranntem Toast. Die Männer waren zurückgetreten, ihre uniformierten Gestalten hoben sich deutlich von den auflodernden Flammen ab.

Cinder tastete nach Prinz Kais Androidin und zog sie zu sich herunter. Sie klemmte die Androidin unter den Arm, dann schob sie die Rolltür so weit hoch, dass sie darunter durchrobben konnte, die Rücken der Männer fest im Blick. Iko folgte ihr und flitzte zum nächsten Stand, als Cinder die Tür herunterließ. Sie schossen an den Ständen vorüber, von denen die meisten bei der Massenflucht weit geöffnet zurückgelassen worden waren, und bogen in die erste enge Gasse zwischen den Läden. Dunkle Rauchschwaden stiegen in den Himmel über ihnen. Sekunden später brauste eine Gruppe Nachrichtenhover über die Gebäude hinweg zum Marktplatz.

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