Die männliche Schöpfung - Erich Fromm - E-Book

Die männliche Schöpfung E-Book

Erich Fromm

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Beschreibung

Der Beitrag ‚Die männliche Schöpfung‘ entstand bereits 1933 als Manuskript und ist das früheste Zeugnis der Beschäftigung Erich Fromms mit der Genderfrage. Am Beispiel des Babylonischen Weltschöpfungsgedichts ‚Emuna Elish‘ zeigt Fromm, wie sich der Beginn patriarchaler Herrschaftsstrukturen in der Idee einer ursprünglich männlichen statt weiblichen Kreativität niederschlägt. Lange bevor bei den Griechen Athene aus dem Kopf des Zeus geboren wurde, wird hier der Frau die natürliche Überlegenheit streitig gemacht, Leben hervorzubringen. Dabei zeichnet sich eine historische Entwicklung ab, die zur Vorherrschaft des Mannes führt – mit allen fragwürdigen Folgen.

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Veröffentlichungsjahr: 2016

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Die männliche Schöpfung

Erich Fromm(1994c [1933])

Als E-Book herausgegeben und kommentiert von Rainer Funk

1933 entstandener, handschriftlicher Beitrag Erich Fromms. Deutsche Erstveröffentlichung unter der Originalüberschrift Die männliche Schöpfung in dem Sammelband Liebe, Sexualität, Matriarchat. Beiträge zur Geschlechterfrage, München (Deutscher Taschenbuch Verlag; Dialog und Praxis 35071) 1994, S. 68-94. In Überarbeitung fand der Beitrag Aufnahme in die Erich Fromm Gesamtausgabe in zwölf Bänden, München (Deutsche Verlags-Anstalt und Deutscher Taschenbuch Verlag) 1999, Band XI, S. 189-209.

Die E-Book-Ausgabe orientiert sich an der von Rainer Funk herausgegebenen und kommentierten Textfassung der Erich Fromm Gesamtausgabe in zwölf Bänden, München (Deutsche Verlags-Anstalt und Deutscher Taschenbuch Verlag) 1999, GA XI, S. 189-209.

Die Zahlen in [eckigen Klammern] geben die Seitenwechsel in der Erich Fromm Gesamtausgabe in zwölf Bänden wieder.

Copyright © 1994 by The Estate of Erich Fromm; Copyright © als E-Book 2015 by The Estate of Erich Fromm. Copyright © Edition Erich Fromm 2015 by Rainer Funk.

Es war Johann Jakob Bachofen, Professor des Römischen Rechts in Basel, der die erste große Bresche schlug in die naiven Vorstellungen von der Natürlichkeit der patriarchalischen Gesellschaft, von der Selbstverständlichkeit der Überlegenheit des Mannes über die Frau.[1] Mit genialem Blick, großem Scharfsinn und außerordentlichen Kenntnissen stieg er hinab und zerriss den Schleier, den patriarchalischer Geist über große und wichtige Teile menschlicher Geschichte gelegt hatte und enthüllte das Bild gänzlich anderer Gesellschaftsformen und Kulturen, in denen die Frau die Herrschaft führte, in denen sie Königin, Priesterin, Führerin war, Gesellschaften, in denen nur die Abstammung von der Mutter zählte und der Vater seinem Kinde ein Blutsfremder war. Er glaubte, erkannt zu haben, dass das Matriarchat den Anfang aller menschlichen Entwicklung darstellt und dass erst in einem langen historischen Prozess das Vaterrecht, die männliche Vorherrschaft, sich durchsetzt. Er zeigte, wie der Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Prinzip sich als grundlegend durch alles seelische Leben zieht und wie ihm bestimmte Symbole zugeordnet sind: Tag – Nacht, Sonne – Mond, links – rechts.

Gewiss hat sich Bachofen in einer Reihe von einzelnen Aufstellungen geirrt, so sicher wie ihm die neueren ethnologischen Forschungen eine Unzahl von Bestätigungen gegeben hätten. Das Entscheidende aber hatte er gesehen und dem Verständnis der triebhaften Grundlagen des gesellschaftlichen Lebens, der Unterschiede zwischen männlichem und weiblichem Wesen, der Bedeutung der Symbole neue und fruchtbare Wege gewiesen.

Zunächst wurden diese Wege nicht weiter begangen. Sie blieben jahrzehntelang fast verschollen. Bachofen blieb, von einigen ihm verwandten Geistern seiner Zeit abgesehen, ein Einzelner, der auf Grund gewisser persönlicher Bedingungen (seine ungewöhnliche Begabung sowohl wie die intensive Bindung an seine Mutter) Einsichten über den relativen Charakter der patriarchalischen Gesellschaft schon zu einer Zeit hatte, als diese Gesellschaft noch auf ihrem Höhepunkt stand, sich selbst noch kein Problem geworden war, und als infolgedessen Bachofens Erkenntnisse noch nicht zu den Ohren der Denker und Gelehrten und gerade der fortschrittlichen Vertreter des Bürgertums dringen konnte. [XI-190]

Die Tiefen des Seelenlebens, in die Bachofen geschaut und die er wieder aufgedeckt hatte, blieben zunächst verschüttet, und es war erst Freud, der sie wiederentdeckte und sie in viel breiterem Ausmaß enthüllen konnte. Er kam auf ganz anderen Wegen als Bachofen. Kam dieser als Jurist, Philologe, Romantiker und demonstrierte an Mythen, Skulpturen, Volksbräuchen, so kam Freud als Arzt und Rationalist und wies am Experiment, an neurotischen Menschen mit einer naturwissenschaftlichen Methode nach, wo die wirklichen Antriebe des seelischen Verhaltens zu suchen sind und wie sie beschaffen sind. Nur in einem Punkt war Freud befangener in den Vorurteilen der bürgerlich-patriarchalischen Gesellschaft als Bachofen: in der Überschätzung der Rolle des Mannes und der Annahme seiner natürlichen Überlegenheit.

Indem aber das feste Gefüge der patriarchalischen Gesellschaft sich auflockerte, mussten die Gedankengänge Bachofens ihre Auferstehung feiern. Es war vor allem ein Kreis deutscher Intellektueller, der sich um den außergewöhnlichen Lehrer gruppierte und dessen bedeutendster, wenn auch nicht tiefster Exponent Klages war, der die Gedanken Bachofens wieder auferstehen ließ. Allerdings in einer eigenartigen und verzerrten Weise. Es war ein Kreis, dessen Blick ausschließlich rückwärtsgewandt war, der für die Gegenwart nur höhnische Verachtung hatte und an der Zukunft keinerlei Interesse.

Noch länger dauerte es, bis Ethnologen und Psychologen sich von den patriarchalischen Vorurteilen freimachen konnten und auf dem Gebiete der individuellen wie der gesellschaftlichen Psychologie zum Problem des Mutterrechts und zu einer vorurteilsfreien Einschätzung der weiblichen Psyche und ihrer Bedeutung für den Mann [kamen]. Von den Ethnologen seien hier Briffault und Malinowski erwähnt. Von den Psychoanalytikern speziell Georg Groddeck, der wohl als erster eine der wichtigsten Tatsachen auf diesem Gebiete sah: den Neid des Mannes auf die Frau und speziell den „Gebärneid“, den Neid auf die ihm versagte Eigenschaft naturaler Produktivität.

In die gleiche Richtung, zu der Aufdeckung des einseitig männlichen Standpunktes Freuds und des Nachweises der weitgehenden psychischen Wirkungen der Bisexualität, der Eigenart der spezifisch und originär weiblichen Sexualität, gehen die Arbeiten Karen Horneys. Mit der Entdeckung des Gebärneides des Mannes hatte Groddeck einen Fund von außerordentlicher Bedeutung gemacht. Das Gebärenkönnen, die naturale Produktivität, ist jene Eigenschaft, jene Fähigkeit, die die Frau besitzt und die dem Mann fehlt. Gewiss ist im Laufe der kulturellen Entwicklung die bewusste Schätzung dieser Qualität von Seiten des Mannes und der Frauen zurückgegangen. Das hat verschiedene Gründe. Zunächst ökonomische im engeren Sinne: Je primitiver eine Wirtschaft ist, je weniger Technik und Maschine zur Herstellung von Gütern dienen, desto größer ist die Bedeutung lebender Arbeitskräfte für die Wirtschaft, desto größer auch die Bedeutung der Frau als derjenigen, die die Gesellschaft mit lebenden Arbeitskräften, also ihrem wichtigsten Produktionsmittel, versorgt. In dem Maße, als Menschenkraft an Bedeutung für die Gesamtwirtschaft verliert, müssen auch die Rolle der Frau und die Einschätzung ihrer spezifischen Fähigkeit geringer werden.