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Jakob Wassermanns Werk "Die Masken Erwin Reiners" bewegt sich meisterlich auf der Grenze zwischen psychologischem Roman und philosophischem Diskurs und liefert eine packende Studie über Identität und Selbsttäuschung. Der Protagonist, Erwin Reiner, durchschreitet eine existenzielle Reise im Spannungsfeld zwischen Realität und Illusion. Im Stil der späten Moderne verflicht Wassermann kunstvoll innere Monologe und symbolische Elemente, die den Leser mit einem tiefen Einblick in die menschliche Psyche konfrontieren. Vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Umwälzungen der Weimarer Republik beleuchtet Wassermann das Streben nach Wahrheit und Authentizität. Jakob Wassermann, geboren 1873 in Fürth, wuchs in einer Zeit wachsender gesellschaftlicher Spannungen und Umbrüche auf, die seine Literatur entscheidend prägten. Geschult an den literarischen Traditionen der Wiener Moderne, vermochte er es, komplexe Charaktere zu entwerfen, die in ihrer Suche nach Identität stets die Feinheiten menschlichen Denkens und Fühlens offenbaren. Wassermanns eigene Erfahrungen als Jude in einer zunehmend antisemitischen Umwelt könnten seinen Hang zu Themen der Entfremdung und Identitätsverwirrung beeinflusst haben. "Die Masken Erwin Reiners" ist Ausdruck seiner Fähigkeit, das kollektive und individuelle psychologische Dilemma literarisch zu verarbeiten. Dieses Buch ist ein Muss für Liebhaber anspruchsvoller Literatur, die eine tiefgründige Untersuchung der menschlichen Natur schätzen. Wassermanns narratives Geschick und seine scharfsinnigen Beobachtungen eröffnen dem Leser neue Perspektiven auf die allgegenwärtigen Themen von Schein und Sein. Wassermann führt uns mit feiner Ironie und eindrucksvoller Bildhaftigkeit in das Labyrinth menschlicher Maskeraden und Selbsttäuschungen und lädt uns ein, die Grenzen zwischen Wahrem und Falschem zu erkunden. Erleben Sie ein Werk, das zugleich Fest für den Geist und Herausforderung für das Denken ist.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Um die Mitte des Oktober fiel die Entscheidung. Der Arzt, von dessen Spruch Manfred Dalcroze alles abhängig gemacht, sagte ihm, daß er zwei Jahre lang auf die See gehen müsse, um die erkrankte Lunge wieder herzustellen. Manfred war darauf vorbereitet; dennoch war ihm zumute, wie einen Sommer vorher in Castrovillari, als er während des Erdbebens die Mauern seines Hotels zwanzig Schritte vor sich zusammenstürzen sah.
Er schrieb vom Semmering aus an seinen Bruder, den Professor Ernst Dalcroze in Berlin, und erinnerte ihn an sein Versprechen, daß er sich, falls die Dinge den gefürchteten Verlauf nehmen würden, an den Professor Uchatius wenden würde, der mit der Ausrüstung einer deutschen Tiefseeexpedition betraut war.
»Wie ich höre, verläßt das Schiff Mitte November den Hafen von Kiel«, schrieb Manfred; »ich glaube, du kannst mich dem Professor Uchatius mit gutem Gewissen empfehlen und ihm sagen, daß ich trotz meiner dreiundzwanzig Jahre schon manches Ersprießliche im Fach der Mikrobiologie geleistet habe. Wenn er mich als Mitarbeiter aufnähme, bliebe ich in der Linie meiner Studien und im Kreis einer zweckvollen Tätigkeit. Ich kann mich unmöglich zwei Jahre lang auf Vergnügungsdampfern und unter gleichgültigen Weltbummlern herumtreiben; das würde mich zur Beute unendlicher Grübeleien machen. Der ›Phönix‹ bleibt meines Wissens über anderthalb Jahre weg, was ja ungefähr mit der ärztlichen Vorschrift übereinstimmen würde, die ich befolgen muß.«
Kaum in Wien angelangt, erhielt Manfred ein Telegramm seines Bruders: »Uchatius stimmt zu. Sei am fünften November in Berlin.«
Manfred seufzte. Er sah sich zur Eile getrieben. Aber nichts von Eile war in seinem Wesen, als er sich gleich danach auf den Weg in die Josefstadt begab. Sich zu hasten, lag nicht in seiner Konstitution. Langaufgeschossene Menschen mit blonden, glatten Haaren neigen eher zum Phlegma. Manfreds bartloses Gesicht verriet eine mädchenhafte Zartheit. Wären einige seiner Bewegungen nicht so schüchtern gewesen, so hätte man sagen können, er nehme sich elegant aus. Jedoch die eleganten Leute besitzen nicht oder verraten nicht eine so träumerische Befangenheit, wie sie in den Augen dieses hübschen jungen Mannes wohnte, dessen Erscheinung Neugier und Teilnahme hervorrief.
Ein blauer Herbsthimmel wölbte sich über der Stadt. Der Herbst ist für die Jugend vielleicht die lyrischeste Zeit. Manfred war voll von Erinnerungen. Das schnelle Vorüberfließen des Lebens hatte schon etwas Gespensterhaftes für ihn; es gab Augenblicke, wo er das Blut in seinem Herzen ungern pochen fühlte, weil jeder Schlag eine unwiederbringliche Frist besiegelte. Selbst jetzt auf dem Weg zu Virginia war ihm die Zeit zu geschwind, weil die Botschaft, die er brachte, seinen Schritt beschwerte.
In einer alten Gasse ein altes Haus mit weitem Torbogen; dunkler Flur, menschenleerer Hof und ein zweiter Bogen wie ein Schattenspiel; dann kletterte die weiße Wendelstiege zu jenen Räumen empor, von welchen aus, seit einem halben Jahr etwa, Manfred das Treiben der Menschen betrachtet hatte wie einer, der mit umgekehrtem Opernglas auf die Bühne blickt.
Virginia hatte ihn erwartet. Wie stets bewältigte ihn ein Gefühl der Unwürdigkeit in ihrer Nähe. Glück und Schmerz einten sich in seinem Innern, und es war ihm deutlich bewußt, daß die Leidenschaft, die er für dieses Wesen empfand, alle Wünsche und Ziele des Lebens in sich aufgenommen hatte.
Umschweife waren seine Sache nicht. In einem einzigen Satz war das Betrübende gestanden.
Virginias Mutter war ausgegangen, sie waren allein. Virginia legte die Hände auf seine Schultern und sah ihn schweigend an. Sein ernster Blick ließ sie trauriger werden. Sie setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf in die Hand. Aus einem gegenüberliegenden Fenster fiel ein Abglanz von Sonne auf ihr braunes Haar und ließ es kupfrig erschimmern.
Wie traulich ihm alles war; das Haus, die Nachmittagsstille, das Zimmer mit den Tüllgardinen, dem riesigen Spind, den rundlehnigen Stühlen, dem Sofa aus geblümtem Stoff, der Uhr mit den zwei zerbrochenen Alabastersäulchen!
Am andern Abend brachte er sein Tagebuch mit, das kennen zu lernen Virginia schon oft gewünscht hatte. Er las ihr vor. Diese Aufzeichnungen formten das sympathische Bild eines um Klarheit und Sachlichkeit redlich bemühten Geistes. Die verhängnisvollen Fehler der Epoche, unreife Nörgelei und anmaßende Selbstzerfaserung, gewannen kraft einer natürlichen Bescheidenheit keinen Raum. Das eingestandene Gefühl, unzulänglich zu sein, war echt. Das Leben war zu reich und zu verworren; die Menschen der Zeit wurden einer großen Gesellschaft verglichen, in der jeder dem andern fremd ist, jeder sich einsam weiß, wo alles ruhelos, bestürzt und blind von Saal zu Saal aneinander vorübereilt und niemand den Namen des Gastgebers kennt.
Es war die vorherrschende Stimmung eines jungen Mannes vom Anfang des Jahrhunderts. Er glaubt sich in umfriedetem Bund und ist verloren wie in der Wüste; ehrwürdiges Herkommen scheint ihn zu verpflichten, und er findet sich führerlos und unberaten; viele reden, doch keiner spricht; wer ruht, hat schon verzichtet, und der Tanzende scheint im nächsten Augenblick zu sterben.
Wie keinem war es Manfred notwendig, einen Freund zu besitzen. Als der Name Erwin Reiners zum erstenmal in dem Tagebuch auftauchte, verwandelte sich der Ton der Erschöpfung in den der Zuversicht. »Erwin hat mich vor dem Selbstmord bewahrt,« hieß es da treuherzig, »er hat mir Geduld und Einsicht geschenkt. Ihm verdanke ich den Glauben an die Schönheit des Lebens, denn für ihn ist das Leben ein Wunder, das sich täglich wiederholt. So wächst meine Schuld gegen ihn mit jedem Tag.«
Als die Stelle kam, wo die erste Begegnung mit Virginia geschildert war, schüttelte das Mädchen lachend den Kopf und sagte, das möge sie nicht hören. »Wenn wir mal alt sind,« sagte sie, »kannst du mir das vorlesen.«
So blieben sie schweigend, Hand in Hand, und während es zu dämmern begann, irrten Manfreds Augen zerstreut über die engbeschriebenen Seiten, auf welchen jene natürlichen Erlebnisse wie Mirakel behandelt wurden.
»Täglich führt mich mein Weg durch dieselben Straßen, und ich beachte nicht die Menschen, die mir begegnen. Aber gestern hab ich ein Mädchen gesehen ... eine Sekunde lang standen wir voreinander, unsere Blicke trafen sich, dann rief sie den ihren so hastig zurück, wie man die Hand von einem glühenden Eisen zurückzieht. Ich kehrte um und folgte ihr wie behext. Ihr Gang hatte etwas edel Schleichendes, so daß ich mich ganz einfältig fragte, ob sie eigentlich Beine und Füße habe. Ich sah beständig den Kontur der linken Wange, der dem sanft geschwungenen Bogen einer Banane glich. Über den Schultern erhoben sich die fernen bläulichen Hügel, die den Prospekt der Straßenzeile bildeten. Ich versuchte auf dieselben Pflastersteine zu treten, die ihr Fuß berührt hatte, mir war, als ob die Luft, durch die wir beide gingen, links und rechts in festen Mauern wüchse, es war mir angst und bang, ich fühlte mich gedemütigt, ich zitterte vor dem Moment, wo ich sie aus dem Auge verlieren mußte, und als sie endlich draußen in einem Vorstadthaus verschwand, blieb ich zwei Stunden lang in gedankenlosem Kummer am Tor dieses Hauses stehen.«
Manfred hatte viel inneres Gesetz; deshalb war in seinen Empfindungen Stetigkeit und Mark. Halbe Tage hindurch promenierte er vor dem Hause in der Piaristengasse mit einem geregelten Eifer, der die Aufmerksamkeit der Nachbarn und den Argwohn der Polizeileute erweckte. Einmal, gegen Abend, trat Virginia mit ihrer Mutter aus dem Tor; wie einer, der sich in ein tiefes Wasser zu stürzen anschickt, schritt er vor die zwei Frauen hin, grüßte, nannte seinen Namen, entschuldigte seine Kühnheit mit allen Zeichen der Feigheit und stammelte etwas von Eindruck, von Ehrerbietung, von Begleitenwollen, kurz, ganz banales und nichtswürdiges Zeug.
Virginia maß ihn von oben bis unten. Manfred spürte beklommen, daß dieses nach seiner Kleidung dem Mittelstand zugehörende Mädchen etwas vom Adel einer Fürstin an sich hatte; jedenfalls verriet ihr Benehmen, ihre Haltung, die Art, mit einer Bewegung des Kopfes Mißachtung, Stolz oder Verwunderung auszudrücken, eine nicht gewöhnliche Charakterstärke.
Anders die Mutter, deren Unsicherheit gegen Fremde leicht den Ton verfrühter Zutraulichkeit annahm. Doch ohne dieses Fehlgreifen, das Manfred mißfiel, weil er wahrnahm, daß es Virginia mißfiel, hätten die beiden schwebenden Naturen sich nicht so schnell zueinandergefunden. Frau Geßner pries die Manieren des Jünglings mit einem Enthusiasmus, der Virginia nervös machte. Die alte Dame war über seine anständigen Absichten sofort im klaren; sie zog unter der Hand Erkundigungen ein, erfuhr, daß die Dalcroze eine renommierte Gelehrtenfamilie waren, und hätte über Virginias Zukunft keine Sorgen mehr gehabt, wenn Manfred um zehn Jahre älter gewesen wäre.
Solche Bedenken lagen Virginia fern. Als sie Vertrauen gewonnen hatte, war ihr Herz zu lieben bereit. Aber ein vorsichtigeres Herz als das ihre ließ sich nicht denken. Sie setzte den Verlockungen des Glücks ein Widerstreben entgegen, das aus verschiedenartigen Umständen Nahrung zog, einmal aus der ganzen Lebensluft dieser Stadt, in der sie aufgewachsen war, der Luft der Sinnlichkeit und des unbedenklichen Genießens, vor deren Einflüssen sie durch eine klösterliche, nicht immer froh empfundene Abgeschiedenheit geschützt war; sodann aus den strengsten und durchaus eingefleischten Grundsätzen über Sitte und Tugend, die mit erlesener Schönheit zuweilen im Bunde sind, als ob es in den Absichten der Natur selbst beschlossen wäre, ihr Meisterwerk nicht ohne Wehr und Waffe auszuliefern.
Erst als von ihren Lippen das abwartende und schwer deutbare Lächeln geschwunden war, durch welches sie ihrer tiefen Zurückhaltung den Glanz von Liebenswürdigkeit gab, als die Augenlider zögernd sich senkten, der Blick zögernd wieder aufstieg, um durch Befremdung, Frage und Erschütterung hindurch das verwandelte Gemüt zu offenbaren, erst dann hatte Manfred gesiegt. Im Mai, während eines Spaziergangs im Walde, entriß er ihr ein Geständnis. Sie küßten einander. Manfred erbebte vor der Wirkung dieses Kusses, und Virginia beschwor ihn, sie ähnlichen Gefühlen nicht mehr preiszugeben.
Er versprach es; er war stark genug, das Versprechen zu halten. Sie einmal so völlig außer sich gesehen zu haben, so im Sturm, in der kurzen Raserei, die aus ihr hervorgebrochen war wie ein Element, unter der sie litt wie in einem Todeskampf und die wieder ausgelöscht war wie eine Flamme, die man ins Wasser taucht, das war Stoff für dauernde Träume und erfüllte ihn mit dauernder Dankbarkeit. Und dieses wieder dankte ihm Virginia in zarter Weise. Ihre Liebe hatte nichts Lockendes, nichts Werbendes, nichts Verlangendes, nichts Hinschmelzendes; nichts von den hundert Listen, die sonst, gewöhnlich oder apart verwendet, zum Kriegs- und Eroberungsarsenal der Mädchen gegen ihre Anbeter gehören. An ihr war alles Gleichmaß; sie war voll Ruhe und voll von sanfter Scheu. Mehr als alles fürchtete sie die unfruchtbare Glut des aufgeweckten Blutes. Darin lag Ehrlichkeit gegen sich selbst und überlegte Rücksicht gegen den Geliebten.
Alles Frohe und Erschlossene in ihrem Gebaren hatte den Charakter von Urwüchsigkeit und Kindlichkeit. Sie spottete gern und besaß ein Talent zur Nachahmung, das eine starke Beobachtungsgabe verriet. Ihre Mutter hatte deswegen daran gedacht, sie für die Bühne ausbilden zu lassen, aber Virginia hatte eine sehr geringe Meinung vom Beruf einer Komödiantin. Frau Geßner bezog eine kleine Witwenpension, die im Verein mit den Zinsen von zwanzigtausend Kronen, welche Virginia von einem Verwandten geerbt hatte, den beiden Frauen nur ein kärgliches Auskommen sicherte, hart an der Grenze der Bedürftigkeit. Virginia hatte niemals an eine Versorgung durch Heirat gedacht, sie wollte sich auf eigene Füße stellen, und so hatte sie sich vor zwei Jahren entschlossen, bei einem billigen Lehrer Mal- und Zeichenstunden zu nehmen; aber es war ein ziemlich hilfloses Treiben, und es machte ihr Kummer, daß sie ein ersprießliches Ziel nicht absehen konnte. Manfred, in seinem hohen Respekt vor der Kunst, entmutigte sie vollends, und obwohl sie ihm deswegen nicht zürnte, verletzte es doch ihren Stolz, als sie ahnend begriff, daß er wie alle ganz jungen Menschen insgeheim ein orientalisches Frauenideal von Trägheit und Sichtragenlassen hegte.
Ihre Schönheit entschuldigte freilich den Gedanken, der sie in einer häßlich aufgeregten Welt als ruhend träumte. Es war eine Schönheit, deren Vollendung dem flüchtigen Beschauer entgleiten mochte; in der Tat konnte Virginia durch eine belebte Straße gehen, ohne wie minder ausgezeichnete Frauen zudringliche Blicke zu alarmieren. Ihre Schönheit bedurfte gleich den echten Dichtungen des Studiums und der Vertiefung, um gewürdigt zu werden. Das Ebenmaß ihres hochschenkeligen Körpers triumphierte durch jede Kleiderhülle, und in den Begrenzungslinien entzückte die rhythmisch verteilte Bewegung; ihre Haltung erinnerte an die selbstverständliche Anmut der edlen Tiere und an die Beherrschtheit einer großen Tänzerin. Ihre Hände waren weiß, lang, durchsichtig und kräftig; ihre Haut war glatt wie japanisches Papier, leuchtend, aber nicht feucht; ihre Lippen hatten die Frische und Narbenlosigkeit wie bei dreijährigen Kindern; die Augen waren weitgehöhlt, kunstvoll gebogen, seltsam grau bewimpert, zwischen Lid und Stern war ein wunderlicher Bernsteinglanz, der Augapfel schwamm köstlich ruhevoll auf der perlmutterschimmernden Wölbung, und dieses Schauspiel des Lebens unter einer Stirn, die nicht flüchtete, die stille war, die zu schlummern schien und deren Helligkeit von den Haaren beschwichtigende Schatten erhielt, verlieh dem ganzen Antlitz eine bezaubernde Wahrheit und Gegenwärtigkeit.
Sie litt es nicht, wenn Manfred sie bewunderte; es kam ihr wie ein Mißverständnis vor. Sie suchte freien Anschluß, Freundschaft, Entgegenwirkung. Doch Manfred errichtete Altäre, und der Überschwang des Glücks lenkte seinen Sinn oft ins Dunkle, denn er stand nicht vertrauensvoll zu seinem Genius.
So zeigen sich die beiden Menschenkinder als beschlossene und gütige, dem Weltlärm entrückte Gestalten, von denen zu beklagen ist, daß sie der Schicksalswind auseinanderreißen und in verwunschene Bezirke des Lebens wirbeln wird.
Die Dalcroze stammten aus Polen und waren am Beginn des neunzehnten Jahrhunderts nach Deutschland gekommen. Manfred hatte die erste Kindheit in Berlin verlebt, wo sein Vater ein angesehener Universitätslehrer gewesen war. Als beide Eltern gestorben waren, nahm ihn die Großmutter zu sich, die in Wien wohnte. Sie war eine reiche Frau und eine Sonderlingin; sie liebte das Hasardspiel und verlor einmal in einer einzigen Nacht an ein paar zweifelhafte Kavaliere fünfzigtausend Gulden. Darüber erfaßte sie ein ungeheurer Schrecken, sie warf sich vor, den Enkel beraubt zu haben, und zog sich für den Rest ihres Lebens nach Salzburg zurück, wo sie sich in eine eigensinnige Einsamkeit vergrub, in ihren Gedanken nur noch mit dem vergötterten Manfred beschäftigt, bei dessen Glück und Gesundheit sie geschworen hatte, nie mehr eine Karte zu berühren.
Vor seiner großen Reise mußte Manfred noch zu der alten Dame fahren, um ihr Lebwohl zu sagen. Er wählte einen Nachtzug, und im Schlafkupee schrieb er, unbeirrt durch die beschwerlichen Umstände, an Virginia folgenden Brief:
»Geliebte Virginia! Das Schicksal hat beschlossen, daß wir uns trennen müssen. Wenn ich diesen Gedanken zu Ende denken will und die Zeit ermesse, die vorübergehen wird, bis wir uns wiedersehen, ist es mir, als könnt ich so nicht weiter leben, wie ich bisher gelebt, als wäre dieses Leben fern von dir nur ein Schlaf. Es werden viele Tage sein, fünfhundert oder sechshundert, und viele, viele Nächte, an denen ich nicht wissen werde, was du sprichst und wo du bist und was du träumst. Ich habe zu viel Phantasie, oder vielleicht auch zu wenig Phantasie, jedenfalls zu wenig Vertrauen in die Fügungen, um die Unruhe meines Herzens wirksam zu bekämpfen. Ich weiß nicht, wie du es fühlst und ob du lernen wirst, dich darein zu finden, ob ich wünschen soll, daß du es mit Fassung trägst, oder lieber wünschen soll, daß du bangst; was mich betrifft, mir graut mit jeder Stunde mehr, und ich zittere vor dem Augenblick, der uns trennen wird. Seit ich dich habe, scheinen mir alle Menschen mit Geheimnissen erfüllt; die Verräter riechen nach Verrat und die Mißgünstigen nach ihrem Neid. Ich sage mir freilich: das Geschick muß es ehrlich mit mir meinen, sonst wäre es ja sinnlos gewesen, daß es dich mir gab; ich sage mir: was bedeutet es am Ende, wie weit ich von dir sein werde, ich lebe ja, es ist ja nur die Luft zwischen uns, Wasser, Erde, zählbare Meilen, eine Einbildung von Ferne. Trotzdem ist schon jetzt alles aufgewühlt in mir, und ein böser Geist flüstert mir zu: was jetzt? was morgen? Ich fürchte die unbekannten Drohungen des Daseins, ich fürchte die Menschen, all diese Namenlosen, die einen heimlichen Krieg gegen die Namenlosen führen, die wider uns sind, weil sie eben sind, und weil das Menschenwesen finster ist. Vieles kann geschehen. Zwischen zwei Schritten kann ein Abgrund sein, zwischen zwei Stunden ein Tod.
Ich glaube an mich. Es ist mir die schwere, aber beglückende Aufgabe geworden, eine Existenz zu gründen, welche deiner würdig ist. Darauf will ich meine Kräfte und Gedanken richten, was mir ganz natürlich sein wird, da es ja dein Bild ist, welches meine Kräfte und Gedanken bewegt und leitet. Die Unschlüssigkeit und der Wankelmut, denen ich verfallen war bis zu dem Tag, wo es mir vergönnt war, deine Hand zu fassen, hatten ihre Ursache darin, daß ich mir nur halb erschaffen schien, bevor ich dich kannte, und daß ich erst durch dich Wahrheit gewann über meine Fähigkeiten, meine Bestimmung und meine Zukunft. Ich kann nicht wie im Traum durch die Dinge und die Ereignisse leben, mich greift alles hart an; meine Vorsätze, das was mir zu tun notwendig ist, um dich glücklich zu machen, beschäftigt mich unausgesetzt, und wenn auch einerseits damit eine gewisse Ruhe in mein Wesen kommt, die Ruhe der Entschlossenheit, so erkenne ich doch andererseits, daß die Tröstungen, die ich mir vorsage, um die Trennung von dir erträglicher zu machen, nur Scheintröstungen sind, denn ich bin eben doch ein zu schwacher Mensch, um ohne Furcht, sei es auch nur die Furcht vor der Sehnsucht, einer solchen Prüfung ins Auge zu blicken.
Aber es ist nicht die Furcht vor der Sehnsucht allein; nicht nur diese egoistische Furcht. Es ist, klipp und klar gesagt, die Furcht vor Unglück, vor den tückischen Zufälligkeiten des Lebens, und die Erwägung deiner Schutzlosigkeit, deiner Einsamkeit, deiner Unkenntnis der Menschen und der Welt. Vielleicht sollte ich dich nicht aufstören aus Deinem Zutrauen, vielleicht sollte ich selber Zutrauen daraus schöpfen, wenn ich mir gegenwärtig halte, daß diese Einsamkeit und Arglosigkeit dir angemessen ist und vielleicht zur Vollendung deiner inneren und äußeren Gestalt dient. Findest du mich töricht? Aufgeweckt und selbst den schattenhaften Befürchtungen preisgegeben, die mich zu ihrem Spielball machen, erklärst du mich vielleicht für den Störer deines Seelenfriedens; oder du verurteilst mich als einen, der sich anmaßt, den bisher so stillen und heitern Verlauf deines Daseins verändert zu haben dadurch, daß er, doch nur vom Glück begünstigt, in deinen Kreis getreten ist. Dies alles fühle und denke ich mit dir. Doch ich kann nicht anders, mir wird kalt, wenn ich ans Scheiden denke, und schon bei dieser Fahrt jetzt und kurzen Abwesenheit ist mir, als seiest du von schrecklichen Gefahren umgeben. Deshalb, liebste, teuerste Virginia, laß mich eine Bitte tun, erfülle sie mir, zürne mir nicht, überlege nicht viel, sag ja und du nimmst einen Stein von meiner Brust.
Du weißt, was mir Erwin Reiner bedeutet. Du mußt wissen, was er mir war, was er mir ist. Er, er kennt dich, ohne daß ich je nötig hatte, viel zu reden. Er verehrt dich, weil er mich liebt, und er hat es mir noch nicht verargt, daß ich ihn nicht zu dir geführt, weil er zartfühlend genug ist, um sich zu sagen, daß ein Verhältnis wie das unsre vorläufig Abgeschiedenheit braucht.
Ich will dich unter seinen Schutz stellen. Ich will, daß er über dich wacht. Welchen stärkeren Beweis meines Vertrauens zu ihm, deines Vertrauens zu mir kann ich Erwin liefern, als wenn ich ihm sage: hier, Freund, ist das Gut und Glück meines Lebens, hüte es. Er wird es hüten, als sei es sein eigenes. Er ist viel zu ehrenhaft, um eine solche Pflicht zu unterschätzen, wenn er sie auf sich nimmt. Ob er sie auf sich nehmen wird, ist meine einzige Angst, denn seine Person ist viel gefordert und sein Leben weitversponnen. Du mußt auch nicht glauben, daß er dir in irgendeiner Weise zur Last fallen wird; dazu ist er viel zu delikat. Du wirst ihn lieben, du wirst ihn bewundern, denn alle, die ihn kennen, lieben und bewundern ihn. Ich habe das Gefühl, daß der Kreis meines Glückes erst geschlossen sein wird, wenn zwischen dir und Erwin Freundschaft entsteht.
Überleg es dir! Gib mir diese Hoffnung auf größere Seelenruhe, und nun gute Nacht, Liebste, es ist spät geworden. Der Zug fliegt durch den winterlichen Nebel – zu dir, immer nur zu dir, denn jede vergangene Minute kürzt die Trennung. Wenn ich die Augen schließe oder offen halte, immer seh ich dein Gesicht, deinen Mund, dein Lächeln. Alles ist erfüllt von dir, alles spricht von dir. Gute Nacht!«
Am Abend des dritten Tages hatte Manfred wieder in Wien zu sein versprochen. Um Virginia zu überraschen, kam er schon mit dem Nachmittagszug. Nachdem er gebadet und die Kleider gewechselt hatte, fuhr er mit einem Fiaker in die Piaristengasse. Zu seinem Verdruß fand er Virginia nicht zu Hause.
Frau Geßner öffnete ihm die Türe. »Gina wird bald kommen«, sagte sie, belustigt über die schlecht verhehlte Enttäuschung des sonst so ausgezeichnet höflichen Jünglings. »Leisten Sie halt mir ein bißchen Gesellschaft.«
Manfred nahm Platz mit der Miene eines Hungrigen, dem man einen Knochen vorsetzt. Das Gespräch sickerte mühselig. Manfred langweilte sich. Er hörte nur oberflächlich zu, und erst allmählich entdeckte er etwas Bedrücktes und Verhaltenes im Wesen der Frau. Er hatte eigentlich nie den Ton der Freiheit gegen sie gefunden; ihr Wächteramt hatte sie in seinen Augen vielleicht nicht erniedrigt, aber der persönlichen Unmittelbarkeit beraubt.
»Sie reisen jetzt fort«, sagte Frau Geßner, indem sie mit mechanischer Geschäftigkeit das Tischtuch glattstreifte. »So weit! Für so lange Zeit! Zwei Jahre! Wer weiß, ob ich noch am Leben bin, wenn Sie zurückkommen. Gewiß, ich bin ja noch nicht so alt, aber wozu bin ich nütze? Bloß um zu essen und zu trinken, dazu ist die liebe Sonne fast schade. Wenn man sich überflüssig erscheint, denkt man viel an den Tod!«
Manfred war um eine Antwort in Verlegenheit. Er lächelte und brachte ein paar dumpfe Laute eifrigen Widerspruchs heraus. Er lauschte sehnsüchtig, ob nicht bald die wohlbekannten und geliebten Schritte erklingen würden.
»Daß Sie und Gina ein Paar werden, das ist wunderschön«, fuhr Frau Geßner mit jener eintönigen Stimme fort, die seine Ungeduld und Unruhe steigerte. »Sie sind zwar noch furchtbar jung und bis zur Hochzeit wird noch viel Wasser in die Donau fließen, man muß ja erst eine Stellung haben, ein Ansehen, ein Auskommen, aber ich hab’ einen festen Verlaß auf Sie. Und weil ich den Verlaß habe, will ich Ihnen was erzählen. Die Sache ist nicht leicht; ich hab mir’s lang überlegt, doch Sie sollen die Wahrheit erfahren.«
Jetzt wurde Manfred aufmerksam. Er beugte den Kopf vor und starrte ängstlich auf die rastlos das Tischtuch glättende Hand der Frau.
»Ich war guter Leute Kind,« begann Frau Geßner im Tonfall einer Beichtenden; »mein Vater war ein bekannter Porträtmaler und verdiente ziemlich viel. Als er plötzlich starb, waren wir jedoch arm, und die Mutter mußte von Unterstützungen leben. Es wurde für mich ein Mann gesucht, und ich nahm den ersten, der mich haben wollte. Geßner war ein kleiner Beamter im Ministerium mit sechzehnhundert Gulden Gehalt und den üblichen Zulagen. Ich war achtzehn, er dreiundvierzig Jahre alt. Er war ein auskömmlicher Mann und war zufrieden, wenn das Haus in Ordnung und alles hübsch gemütlich blieb. Jeden Sonntag nachmittag sind wir in die Praterauen gegangen, andere Spaziergänge hat er nicht leiden mögen. Vom Theater war er auch kein Freund; er war sehr sparsam und sein zweites Wort war: das ist für die Faulpelze. Die Bücher sind für die Menschen, die Zeit und Geld haben, sagte er, wenn du dich bilden willst, dafür hast du ja die Zeitung. Unser Verkehr war ein uralter Hofrat, der sich in den Kopf gesetzt hatte, sein Vermögen aufzuzehren, damit seinen Kindern nichts mehr bleiben sollte, und eine bucklige Tante von Geßner, die früher Kammerfrau bei der Großherzogin von Toskana gewesen war und uns immerfort Hofgeschichten erzählte. Sonst keine Seele, jahraus, jahrein. Meine Mutter war tot, mein Bruder, derselbe, von dem Gina geerbt hat, in Amerika, Kinder bekam ich nicht, und wie nun so ein Sommer um den andern, ein Winter um den andern verstrich, da ist mir immer öder und öder ums Herz geworden. Auf einmal war ich fünfundzwanzig, auf einmal war ich dreißig, – wenn das Leben leer ist, wird man am schnellsten alt. Wie ich zweiunddreißig war, hab’ ich mir die ersten grauen Haare ausgerissen.
Um die Zeit nun, im vierzehnten Jahr unserer Ehe, hat da unten im zweiten Stock eine Frau von Ermenhofer gewohnt, eine hübsche, junge, lebenslustige Person. Mit der bin ich öfter beisammengestanden, und eines Tages sagt sie zu mir: ›heut ist Opernredoute, mein Mann ist verreist, kommen Sie mit.‹ ›Ei, wo denken Sie hin,‹ antwort’ ich, ›da käm’ ich bei meinem schön an, dafür gibt er kein Geld.‹ ›Was, Geld,‹ sagt sie, ›wir brauchen kein Geld, ich hab’ zwei Karten, und den Domino kann ich Ihnen leihen.‹ ›Ich bin doch schon zu ramponiert für dergleichen‹, sag’ ich. Sie schlägt die Hände zusammen und macht mir ein halb Dutzend Komplimente. Kurz und gut, das Herz schlug mir schon vor Verlangen, ich rede mit Geßner, der brummt zuerst, aber schließlich, weil’s nichts kosten soll und weil die Nachbarin eine Frau ›von‹ war, gibt er seinen Segen.
Am Abend war ich also in der Oper. Meine Begleiterin war auf Ja und Nein verschwunden; ich, geblendet von dem Glanz, drücke mich eine Weile jämmerlich herum, da spricht mich ein fremder Herr an, folgt mir immerzu, führt mich zum Champagner, neckt mich, fragt mich aus und war so lieb, Manfred, so lieb, sag’ ich Ihnen! Ob er hübsch war oder elegant oder gescheit, das weiß ich nicht, ich weiß nur, daß er lieb war, und das eben war’s, was mir fehlte. Wir haben auch noch getanzt miteinander, und dann wollt’ er mein Gesicht sehen, und dann hat er mich zum Wagen gebracht und ist mit mir gefahren, und auf einmal waren wir in seiner Wohnung. Ich bin bei ihm gewesen bis zum Morgen. Seitdem hab’ ich ihn nie wieder gesehen.«
Ihre Stimme ermattete; ihr Blick verlor sich; ihre Haltung wurde aufrechter; und etwas an dieser Haltung, etwas an der stillen Tiefe des Blicks erinnerte Manfred an Virginia. Er ahnte alles, und er war bewegt.
»Ich kenne seinen Namen nicht,« schloß Frau Geßner leise; »ich weiß nicht, wo das Haus war, im Morgennebel bin ich von ihm fortgegangen, und er hat mich im Wagen noch ein Stück begleitet. Nachher war alles wieder wie vorher. Nur das Kind, das Mädchen, das ist von jener Nacht.«
In einer Aufwallung, die seinem Gefühl zur Ehre gereichte, ergriff Manfred Frau Geßners Hand und drückte seine Lippen darauf. Sie schaute ihn dankbar und erleichtert an. »Ihr jungen Leute seid wenigstens großmütig«, sagte sie seufzend. »Aber Sie begreifen doch, daß Gina nie, nie etwas davon wissen darf? Das sehen Sie doch ein, nicht wahr?«
Manfred nickte überzeugt. »Es wäre ein Verbrechen«, bestätigte er; »man würde ihr die Unbefangenheit rauben. Schließlich, gegen die Umstände, die einem das Leben verschafft haben, kann sich kein Mensch auflehnen, doch wir wollen es lieber nicht auf die Philosophie ankommen lassen.«
»Niemand weiß es«, sagte Frau Geßner; »niemand außer mir und ihm und Ihnen.«
»Wie ist’s nur möglich, daß Sie den Mann nie wieder gesehen, daß Sie sich so vollständig damit abgefunden haben?« fragte Manfred.
»Das, Manfred, war der Vertrag, den ich mit mir selber gemacht habe. Die eine Nacht, das war meine Jugend. Und wie das Mädel geboren war, bin ich wirklich gleich eine alte Frau geworden. Geßner, den hab’ ich dann bald hernach begraben.«
Frau Geßner erhob sich, um die Lampe anzuzünden. Mit nachdenklicher Miene schaute ihr Manfred zu. Wenn jene im Dunkel der Zeiten verschollene Frau von Ermenhofer nicht auf den Maskenball hätte gehen wollen, wäre dann Virginia ungeboren geblieben? dachte er und war selbst erstaunt über die Ungeheuerlichkeit einer so naheliegenden Betrachtung. Ein ungewöhnliches Wesen verdankt sein Dasein dem Zufall eines ziemlich gewöhnlichen Abenteuers; das Abenteuer erhält den Nimbus von Heiligkeit; der Zufall wird Schicksal, und das seiende Geschöpf beschämt durch seine siegreiche Gegenwart den ganzen Kodex der Moral.
In diese Gedanken war er noch versunken, als Virginia kam. Sie brachte das Feuer des scheidenden Tages mit. Die unerwartete Freude, den Verlobten zu sehen, lähmte ihren Fuß. Die Überraschung enthüllte ihre Liebe; in den metallisch glänzenden Augen war ein leidenschaftliches Entzücken. Als sie ihm die Hand reichte, glaubte Manfred zu spüren, daß die Zurückhaltung diesmal fast über ihre Kraft ging: ihr Arm zitterte, die Finger lagen zuckend in den seinen. Sie schauten sich wie verzaubert an, indes Frau Geßner am Tische saß und zu erlauschen schien, was sie einander verschwiegen.
Bald kam die Rede auf den Brief. Virginia mißbilligte Manfreds Verlangen. Sie wollte nicht gestört, durch Beobachtung nicht gehemmt werden. Des Schutzes glaubte sie entraten zu können. »Wer hat mich beschützt, bevor du da warst?« fragte sie. »Was soll mir dein Freund? Bin ich ohne dich, wozu brauch ich ihn?«
Die Mutter stand Manfred so lebhaft zur Seite, daß Virginia ärgerlich wurde. Vielleicht war es nur die bevorstehende Trennung, die ihr so schwer im Gemüte lag, daß sie kaum wußte, was sie redete, als sie verstimmt und beunruhigt immer von neuem widersprach. Aber Manfreds enttäuschte Miene weckte ihr Mitleid, und sie fühlte, daß sie ihm unrecht tat, wenn sie den bewunderten Freund zum Heer der Gleichgültigen zählte. »Nimm’s doch nicht so tragisch,« lenkte sie ein, »wozu sollen wir uns streiten? So bring ihn halt her, deinen berühmten Erwin Reiner.«
»Na, Gott sei Dank!« antwortete Manfred freudig. »Du ahnst gar nicht, wie glücklich mich das macht. Den berühmten Erwin Reiner«, wiederholte er lachend; »das ist gar kein Spott, Virginia. Erwin fängt wirklich an, berühmt zu werden.«
»Um so schlimmer.«
»Wieso?«
»Dann ist er also nicht nur reich, nicht nur anspruchsvoll und über die Maßen gebildet, sondern auch berühmt. Um so schlimmer. Der paßt schlecht in unsere vier Wände.«
Manfred hatte es schon oft gewittert, und durch diese Bemerkung wurde es ihm klarer als zuvor, daß Virginia an der Engigkeit der Verhältnisse litt. Er verzieh es gern. Ein Urtrieb zwingt die Schönheit gegen die Welt; die Schönheit muß sich stellen. Einsam zu sein ziemt ihr nicht und nährt sie nicht. Das Unbewußte des Instinkts vergröbert die Gefahr; ein Feld für böse Ahnungen. Doch Manfred hatte den Willen, hell zu sehen, und seine Sanftmut erstickte die Kritik.
Zum Abendessen blieb er nicht, er wollte noch zu Erwin. Die Villa Erwins lag in Pötzleinsdorf, und bis er mit der elektrischen Bahn hinauskam, war es halb zehn Uhr. »Der gnädige Herr hat einen Vortrag besuchen müssen,« sagte der Diener im Vestibül, »er wird aber um zehn Uhr hier sein.«
Es reute Manfred, daß er sich und Virginia um eine unwiederbringliche Stunde gebracht. Er begab sich in die Bibliothek und wartete. Er setzte sich in einiger Entfernung vor den prunkvollen Marmorkamin und blickte ins Feuer. Eine unendliche Bangigkeit stieg in ihm auf, und plötzlich hatte er ein seltsames Gesicht.
Ihm war, als sehe er Virginia vor dem Kamin, kauernd, wie Mägde kauern, wenn sie Feuer schüren, kauernd, aber bewegungslos. Nie hatte er ihre Haare offen gesehen; jetzt waren ihre Haare offen; sie fielen auf den Teppich und bildeten große Ringe. Nie hatte er sie mit nackten Füßen gesehen; jetzt waren ihre Füße nackt. Sie trug ein grünes Gewand, das er an ihr nicht kannte, eine Art Schlafrock, und ihre bloßen Arme waren mit einer Gebärde der vertieften Verzweiflung zu beiden Seiten des Hauptes angepreßt.
So kauerte sie.
Manfred beugte sich unwillkürlich weit vor, ohne daß die nebelhafte Erscheinung gänzlich entschwand. Erst nach und nach löste sie sich auf wie eine Wolke, die von der Atmosphäre verzehrt wird. Manfred schüttelte über sich selbst den Kopf, und er beschuldigte seine gespannten Nerven für eine Verwirrung, welche die Qualen der Sehnsucht im voraus malte, ohne das Glück des Besitzes und der Wiederkehr zu wägen. Sein zärtliches Herz war voller Vertrauen, und das Gefühl, mit dem er dem Freund entgegenharrte, war durch die erschreckende Vision um desto zweifelloser geworden.
Erwin Reiner führte das Leben eines jener drei- oder viertausend Bevorzugten, die es in jeder großen Stadt gibt, ein Leben, das, auf dem Fundament eines unerschütterlichen Reichtums ruhend, nur mit Rechten ausgerüstet und keinen Pflichten unterworfen scheint. In einem solchen Dasein spielt der Luxus dieselbe Rolle wie die Repräsentation im Dasein eines regierenden Herrn. Die Söhne reichgewordener Bürger genießen nach jeder Richtung hin eine schrankenlosere Freiheit als etwa die Sprößlinge adliger Familien, die sich durch Erziehung, Vorurteile, persönliche und Standesrücksichten eingeschränkt und befehligt finden. Dies ist bezeichnend für die vorherrschende und stetig anwachsende Macht des Bürgertums, und ob die jungen Leute, die seinem Schoß entwachsen, als Gelehrte und Künstler figurieren, oder ob sie als Müßiggänger, Dandies und Genüßlinge einer frech erklärten Ungebundenheit huldigen, so sind sie doch eines der wesentlichen Hindernisse für die Bildung eines blutvollen und harmonischen Gesellschaftskörpers, ja eines Staates in humanem Sinn, und der Sozialforscher des einundzwanzigsten Jahrhunderts wird vielleicht nachweisen können, in welchem Maße sie zur Zersplitterung und Verstümmelung der Völker, der Ideen und der Ideale beigetragen haben. Jede große Stadt zählt unter ihren Bewohnern drei- bis viertausend Menschen von einer absoluten Einsamkeit, von einer unheimlichen Verführungskraft zur Einsamkeit und geistigen Anarchie.
Der Vater Erwin Reiners hatte sein Vermögen durch Grundstückspekulationen größten Stils erworben. Zu einer Zeit, wo noch niemand daran gedacht hatte, daß die im Westen der Stadt befindlichen Ländereien der Anlage einer umfangreichen Villegiatur günstig seien, hatte er die Mitgift seiner Frau dazu verwendet, um ein respektables Gebiet von Gärten, Äckern und Wiesen aufzukaufen, das beständig im Werte stieg. Die Frau, eine Gutsbesitzerstochter aus der Gegend von Linz, eine einfache Natur, die nichts von den weittragenden Geschäften begriff und die Verwendung ihres Geldes für einen an den Kindern geübten Frevel betrachtete, war nicht geschaffen, um das Leben eines Spekulanten zu teilen. Hypochondrischer Kummer zerstörte ihre Gesundheit, die beiden ersten Kinder, die sie gebar, siechten an allgemeiner Schwäche hin, eines kam tot zur Welt, Erwin war das letzte, und die Mutter starb ein Jahr nach seiner Geburt.
Ihm wandte sich die ganze Zärtlichkeit, Sorgfalt und geängstigte Liebe des Vaters zu. Ein hygienisch abgerichteter Koch mußte die Nahrung des Kindes bereiten, und wie für einen Prinzen war beständig ein Leibarzt zu seiner Verfügung. Aus Furcht vor ansteckenden Krankheiten unterließ man es, ihn in die öffentliche Schule zu schicken; als er mit fünfzehn Jahren ins Gymnasium trat, erregte er Befremden durch seine Fremdheit, Spott durch seine Verwöhntheit, Ärger und Übelwollen durch sein launenhaftes und tyrannisches Wesen. Aber im Wetteifer mit den Gleichstrebenden traten seine angeborenen Geistesgaben alsbald in erstaunlicher Weise ans Licht. Er überflügelte alle. Lehrer und Mitschüler fügten sich einer Überlegenheit, die für jene zu augenfällig, für diese oft zu nützlich war, um bestritten werden zu können. Er hatte ein Gedächtnis wie der Kardinal Mezzofanti, eine Geschicklichkeit in der Aneignung der verschiedensten Disziplinen, die selbst bei Fachleuten Verwunderung hervorrief. Die Schularbeiten waren ihm ein Spiel; er kannte alle Daten der Geschichte, als ob er sie aus einem unsichtbaren Buch läse, übersetzte aus bloßer Liebe zur klassischen Philologie die entlegensten griechischen Schriftsteller und erschloß sich aus eigenem Trieb die höhere Mathematik und die mathematische Geographie. Schon mit achtzehn Jahren grenzte seine Belesenheit ans Unglaubliche; daneben dichtete und musizierte er; er ritt und focht, er turnte, schwamm, spielte Tennis und Fußball, und dank diesen Übungen kräftigte sich sein Körper; seine Muskulatur wurde zäh, seine Haut fest, seine Gestalt gedrungen, seine Bewegungen erhielten Energie, seine Haltung Anmut und seine Manieren eine außerordentliche Elastizität und Schmiegsamkeit.
Auf der Universität hörte er naturwissenschaftliche, philosophische und kunstgeschichtliche Kollegien, und im sechsten Semester verfaßte er seine große Doktorarbeit: Über das Individuelle und das Historische in der Porträtmalerei, eine Schrift, welche ihm die Anerkennung der Gelehrten erwarb und sogar im Publikum einigen Widerhall fand. Er verfolgte damals zwei Ziele: die Dozentur und seine Aufnahme in den Jockeyklub. Jenes war nur eine Frage der Zeit; dieses zu erreichen war ihm durch eine planvolle Ausnützung seiner aristokratischen Beziehungen möglich; er pochte gern darauf, daß seine Mutter eine Schanz, Edle von Jagstburg war, eine bekannte Familie, die während der Gegenreformation den Adelsbrief erhalten hatte. Solchen Bestrebungen entsprechend, waren seine Stunden genau eingeteilt, um den Pflichten der Arbeit und denen zu genügen, die ihm die Gesellschaft auferlegte; wie er denn überhaupt ein Mann der gründlichen Ordnung und der sorgfältig ausgeführten Programme war.
Der alte Reiner, der für seine eigene Person anspruchslos wie ein kleiner Kaufmann lebte, hatte dem Sohne ein Jahrgehalt von hunderttausend Kronen zugewiesen. Die Villa und der Haushalt kosteten den vierten Teil davon. Erwin rechnete mit der Köchin monatlich ab wie eine Ehefrau, die ihrem Gatten verantwortlich ist, und er kannte genau die Preise von Fleisch, Mehl, Zucker, Gemüse, Kaffee, Milch, Holz und Kohlen. Ihn zu betrügen war fast unmöglich. Er war weder ein Verschwender noch ein Knicker; er war der souveräne Herr seines Geldes, gab mit Anstand aus und hielt mit Anstand zurück. Die praktische Klarheit und Umsicht waren es auch gewesen, die Manfred zuerst für den um fünf Jahre älteren Erwin eingenommen hatten. Seine romantische Gemütsart fand in ihm einen bedeutenden Halt. Die Äußerungen einer tiefen Kenntnis der Menschen, eines kühnen und raschen Urteils, einer profunden Bildung, eines erlesenen Geschmacks wirkten auf Manfred unwiderstehlicher als die vollendet liebenswürdigen und geistreichen Umgangsformen des Freundes.
Erprobt war diese Freundschaft in keiner Weise. Dem Leben moderner junger Menschen, das sich gleichsam in gebrochenen Linien hinzieht, wo unter schamhaften Verkleidungen und beziehungsvoller Verschwiegenheit die Aktion zerschmilzt, sind Erprobungen so unbekannt wie dem Theater die Mordtaten alten Stils. Man kommt zueinander und redet; man hat auch unberedet dieselben Meinungen; man streitet nur, um zu finden, daß man dieselbe Meinung hat. Man ist immer weit vom Schuß, weit vom Geschehen, es ist, als ob die Zeit hoch über den Köpfen ihre Wirbel triebe, als ob das Schicksal weit unter den Füßen seine Gesänge heulte. Das Jahr ist umfriedet, eine undurchdringliche Mauer umfriedet Tag und Jahr, und vor den Toren wacht die Polizei. O Mann am warmen Ofen, scheinen bisweilen bleiche, zerwühlte Gesichter zu sprechen, die aus dem Unterirdischen auftauchen, von dort, wo das Schicksal seine Gesänge heult, stiller, verwerflicher Mann am warmen Ofen, steig nieder zu uns, horch und schaue!
Als Manfred den nahenden Schritt des Freundes vernahm, war es ihm eine Sekunde lang zumute, als ob er den Freund kaum kenne. Was weiß ich eigentlich von ihm? dachte er voll Unruhe; sein Gesicht ist mir vertraut, seine belebte Stirn, seine beschäftigten Augen, seine flinken Hände, seine angenehme Gestalt, seine bald helle, bald dunkle Stimme, aber was weiß ich von ihm? Er gibt sich nicht. Was er gibt, ist sein abgemessener Wille.
Das Bedenkliche solcher Skrupel mag sich aus dem angespannten Seelenzustand des Grüblers und aus der Furcht erklären, eine dauernde Hingebung nicht mit gleicher Glut und Offenheit erwidert zu sehen. Als Erwin ins Zimmer trat, lächelnd und heiter angeregt, füllte er wie jedesmal den Raum mit Sympathie, und Manfred machte eine Gebärde, wie um sich der Erinnerung an einen häßlichen Traum zu entschlagen. »Wo warst du?« fragte er.
»Wärst du nicht so faul und so verliebt, du hättest den Abend nützlich verbringen können«, antwortete Erwin. »Arensen, der dänische Südpolfahrer, hat in der Geographischen Gesellschaft Vortrag gehalten. Es war mir wichtig, ihn zu hören. Ich glaube nicht daran, daß Alexander den Diogenes beneidet, aber Diogenes ist in meinen Augen ein Schwein, wenn er Alexander nicht von ganzem Herzen bewundert. Alles kann ich fassen: höllische Strapazen erleiden, Hunger und Durst ertragen, zweimal eine sechs Monate lange Nacht durchleben, in erstickenden Schneestürmen über die Gletscherabgründe des antarktischen Eises klettern, im Tran- und Kohlenstank einer schneebegrabenen Bretterhütte wissenschaftliche Arbeit heikelster Art verrichten, eine Einsamkeit mit Gefährten teilen, die einem alsbald ekel werden wie ein Hemd, das man nie vom Leibe ziehen darf; gut, ich kann’s fassen. Aber den Entschluß dazu, den faß ich nicht. Der Entschluß zu solchen Dingen muß eine Raserei sein. Der Entschluß hält ja die Taten, er ist der eiserne Tragbalken, der das Gebäude des Willens vor dem Zusammenbruch bewahrt. Ich hab’ mir den Mann genau angesehen; harmlos, denkt man sich, ein Schulmeister. Aber zwischen Stirn und Nase war jene fixe Idee kenntlich, von der die Menschen der Tat besessen sind. Diese Leute sind die Dramen, die Gedichte, die Lieder Gottes, das Dargestellte, das Offenbarte, das, was Unbegreiflichkeiten und Hintergründe hat. Wir aber, wir sind die langweiligen Kompendien, die flachen Schilderungen, das naturalistische Quiproquo, die Makulatur.«
Das alles sagte er ziemlich hastig und sehr gestenreich, während der Diener das Abendbrot servierte. Manfred schaute gebannt auf diese flatternden, flackernden Lippen, diese eindringlichen Augen mit dem festen Blick, diese entschieden geeckte Stirn unter braunen und sorgfältig gescheitelten Haaren, dies glattrasierte, weiße, milchig blasse, zartgeäderte und zarthäutige Gesicht mit der feinen, schmalen und neugierigen Nase und den beim Sprechen vibrierenden, wie bei einem Schauspieler sich verfaltenden und wieder straffenden Wangen. Die ganze Erscheinung hatte etwas vehement Überzeugendes.
»Hast du schon gegessen?« fragte Erwin. »Nein? So setz dich her. Wichtel! Einen Teller und Besteck!«
Als Manfred ihm gegenüber Platz genommen hatte, fuhr er fort: »Entschuldige das Wir von vorhin, Manfred; ich meine eigentlich nur mich. Die richtigen Egoisten sagen immer ›Wir‹, wenn sie sich selber verdammen. Ich habe keine fixe Idee, das macht mich so ruhelos. Ich bin eine unpolitische Natur, ich habe keinen Anschluß, ich bin kein Vertreter, kein Repräsentant, ich bin nichts weiter als ein Ich, ein Ichlein, das sich manchmal einbildet, die geistige Maschinerie Europas mit in Bewegung zu setzen. Du, du bist ein Träumer. Träumer können aufwachen, von Träumern weiß man nie das Ende. Dir ist’s ja auch geglückt, deiner schwebenden Leidenschaft einen Inhalt zu geben, was mir nie gelingen wird. Ich habe bloß die Leidenschaft und keinen Inhalt. Ich kann nicht lieben, ich kann nur hassen. Meine Leidenschaft erkaltet, wenn sie einen Gegenstand umklammert, mein Herz wird matt, wenn es besitzt. Vor Wochen lernte ich ein junges Mädchen kennen, gleichviel wo, gleichviel wer es ist. Frisch und duftig wie eine Feldblume, sag’ ich dir, und graziös wie nur irgendeine in dieser wunderbaren Stadt. Ich hielt es für unmöglich, sie zu entflammen. Ich wünschte es gar nicht, mich quälte der Gedanke, daß diese Unschuld aus der Sternensphäre sinken könnte. Unschuld, siehst du, das ist es! Das ist die Göttin, vor der ich liegen und beten möchte! Aber Unschuld ist offenbar nur ein Reiz und nicht eine Wirklichkeit. Na, und diese – zwei Monate hat es gedauert, da kam sie, schmiegsam wie ein junges Kätzchen und traurig und zärtlich wie eine schon Gefallene. Mir wurde weh dabei. Ich nahm sie, gewiß, ich nahm sie, aber mit Wut, mit Verachtung, und dann gab ich ihr zu verstehen, daß alles aus sei zwischen uns. Ich war enttäuschter und zerstörter als sie, das kannst du mir glauben.«
»Du wirst sie zerbrochen haben«, bemerkte Manfred kurz.
Erwin zuckte die Achseln. »Sie wollte zerbrochen werden«, entgegnete er.
»Man macht dir’s eben viel zu leicht«, sagte Manfred kopfschüttelnd. »Bisweilen ist mir, als ob dich dein Dämon ins Unwegsame locken wollte, um dich zu verstricken.«
»Wär’s doch so!« rief Erwin aus. »Besser als, wie jetzt, durch das Leben zu rasen, mitten drin zwischen der Tat und dem Entschluß. Aber lassen wir’s. Das klingt alles so großartig und ist simpel wie eine Leichenrede. Wann reisest du?«
»Übermorgen.«
»Und dein Mädchen? Wie verhält sie sich zu einer so langen Trennung?«
»Ich mag nicht, wenn du ›dein Mädchen‹ sagst«, versetzte Manfred unwillig. »Im übrigen wollt’ ich dich bitten, morgen mit mir zu Virginia zu gehen. Sie will dich kennen lernen.«
Erwin rümpfte kaum merklich die Nase. »Ich vermute, daß du sie endlich so weit gebracht hast, einen Störenfried bei sich aufzunehmen«, sagte er dann. »Aber ich werde ihr versichern, daß ich von meinen Vormundschaftsrechten nur sparsamen Gebrauch machen will.«
»Das magst du nach Gutdünken halten«, erwiderte Manfred ernst. »Immerhin vergibst du dir nichts und mußt nicht fürchten, feierlich zu sein, wenn du nur versprichst, deine Freundschaft gegen mich auf sie zu übertragen. Sie ist allein, sie ist schutzlos. Ihre Mutter zählt kaum. Qualvoller Gedanke, solch ein Wesen auf sich selbst gestellt zurückzulassen. Nenn es Phantasterei, nenn es Mangel an Gläubigkeit, nenn’s wie du willst; wir sind ja alle dem Ungefähr ausgeliefert, und ich sehe nur das Verderben auf allen Seiten. Ich würde nicht reisen, wenn ich dich nicht wüßte.«
»Aber lieber, lieber, guter Mensch!« Erwin erhob sich und streckte Manfred beide Hände entgegen, die dieser ergriff, schüchtern und von dem ungewohnten Ausbruch freier Herzlichkeit bewegt. »Ich stehe dir mit allem, was ich bin und habe, zur Verfügung«, sagte Erwin mit einer Wärme, die der Stimme einen sonoren und seelenvollen Klang verlieh. »Ich übernehme die Verantwortung gern und ohne Vorbehalt. Du hast mein Wort, ich fasse die Sache so wörtlich auf, wie du sie verstehst.«
