Die Meisterdiebe von Nürnberg (eBook) - Jan Beinßen - E-Book

Die Meisterdiebe von Nürnberg (eBook) E-Book

Jan Beinßen

4,4

Beschreibung

Paul Flemmings vierter Fall: Während Nürnberg der sensationellen Ausstellung der historischen Reichskleinodien entgegenfiebert, freut sich ein internationales Publikum auf das Norisringrennen. Paul Flemming hat ganz andere Sorgen. Niemand will ihm glauben, dass er nichts mit Beate Meinefelds Tod zu tun hatte. Und sogar er selbst hegt Zweifel, kann er sich doch - nach einem ausschweifenden Abend - kaum noch an die fragliche Nacht erinnern. Birgt der Tatort - die Lochgefängnisse unter dem Alten Rathaus - den entscheidenden Hinweis? Pauls Nachforschungen führen ihn weit in die Geschichte Nürnbergs zurück, während sich im Hier und Jetzt die Ereignisse überschlagen.

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Seitenzahl: 340

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JAN BEINSSEN

 

DIE MEISTERDIEBE VON NÜRNBERG

PAUL FLEMMINGS VIERTER FALL

 

Kriminalroman

 

 

 

ars vivendi

 

Vollständige eBook-Ausgabe der im ars vivendi verlag erschienenen Originalausgabe (3. Auflage 2009)

© 2008 by ars vivendi verlag

GmbH & Co. KG, Cadolzburg

Alle Rechte vorbehalten

www.arsvivendi.com

 

Lektorat: Dr. Hanna Stegbauer

Umschlaggestaltung: Anna Ponton, unter Verwendung eines Bildausschnitts von Albrecht Dürer, Kaiser Karl der Große

Datenkonvertierung eBook: ars vivendi verlag

 

eISBN 978-3-86913-348-5

 

Für Philip

 

Nürnberg, 18. April 1945

Wilhelm Galster ist siebenundvierzig, Anton Schmidbauer fünfzig und Franz Kleinlein einunddreißig Jahre alt, als sie sich zwei Tage vor der Siegesparade der US-Army auf den Weg zu einem geheimen Treffen machen.

Es ist der 18. April 1945, der Tag, an dem die US-Infante­risten nach blutigen Kämpfen im Stadtteil Mögeldorf in Richtung des Reichsparteitaggeländes vordringen. Vereinzelt stellen sich ihnen noch deutsche Soldaten in den Weg. An der Siedlerstraße stehen zwei italienische Gebirgsgranatwerfer. Doch niemand setzt sie mehr gegen die zahlenmäßig überlegenen Invasoren ein. Die provisorischen Straßensperren knicken unter den Panzern der US-Army ein wie Streichhölzer.

Heckenschützen feuern in der Wodanstraße aus zerbombten Wohnungen auf die US-Soldaten. Einer der amerikanischen Tanks geht in Flammen auf. Nahe dem Dutzendteich liefern sich deutsche und amerikanische Soldaten vereinzelte Schusswechsel. Doch die Entscheidung ist längst gefallen: Als die Dämmerung einbricht, sind das Reichsparteitaggelände, die SS-Kasernen an der Frankenstraße sowie der Stadtteil Lichtenhof in der Hand der US-Army.

Im Graben neben der Münchner Straße liegen am Abend die Leichen von drei Zivilisten: Wilhelm Galster, Anton Schmidbauer und Franz Kleinlein. Eine Woche lang kümmert sich niemand um die Toten. Dann lassen die Amerikaner das Bergen der Leichname zu. Ihre Familien nehmen in aller Stille Abschied von ihnen.

 

1

Paul Flemming erwachte mit dröhnendem Kopf. Seine Schläfen pochten. Das Klingeln an seiner Wohnungstür hörte sich ungewöhnlich schrill an und schmerzte in seinen Ohren. Er musste sich zwingen, die Augen zu öffnen. Widerwillig blinzelte er in die grelle Sonne, die durch das ovale Oberlicht seines Ateliers hereinschien und ihn blendete.

»O Mann«, stieß er hervor und raffte sich mühsam auf. Wieder schellte es an der Tür. Erst jetzt bemerkte Paul, dass er bis auf die Schuhe komplett angezogen war. »O Mann«, wiederholte er leise.

Auf unsicheren Beinen schwankte er zur Tür. Er versuchte sich daran zu erinnern, wie er nach Hause gekommen war. Und vor allem auch daran, was er gestern Abend als letztes getrunken hatte.

Paul drückte die Klinke herunter. Keine Ahnung, wer das um diese Zeit sein konnte. Genau genommen hatte er keinen blassen Schimmer, wie spät es überhaupt war. Er öffnete langsam die Tür.

»Grüß Gott«, sagte einer der vier Männer, die sich vor seiner Wohnungstür aufgebaut hatten. Paul kannte sie nicht. Aber da zwei von ihnen die Uniform von Polizeibeamten trugen und alle vier sehr ernste Gesichter machten, hatte er kein besonders gutes Gefühl bei der Sache.

»Guten Tag«, brachte Paul heraus und fasste sich an den Kopf. Dieses Dröhnen war kaum auszuhalten.

»Sind Sie Herr Flemming? Paul Flemming?«, fragte der Mann, der ihn gegrüßt hatte. DasJackett seines Anzugs war an der linken Seite leicht ausgebeult. Paul konnte sich denken, was er darunter verborgen hielt. Wahrscheinlich war der Typ von der Kripo. Aber was wollten diese Männer von ihm?

Paul wurde es mit einem Mal ganz anders: Hatte er gestern Nacht womöglich irgendwelchen Blödsinn angestellt? War er betrunken Auto gefahren? Aber nein, beruhigte er sich selbst. Den Wagenschlüssel hatte er gestern nicht angerührt. Er war ja nach der Arbeit nur noch zu Fuß unterwegs gewesen.

Genau, jetzt fiel es ihm wieder ein: Da waren diese Models gewesen. Ziemlich aufdringlich, aber letztlich doch ganz nett. Er hatte einen unterhaltsamen Abend in Jan-Patricks Goldenem Ritter verbracht. Nichts Besonderes, aber amüsant. Und ein wenig Ablenkung konnte er gut gebrauchen, gerade jetzt, da Katinka weit weg von ihm in Berlin war und sich so selten meldete. Ja, dachte Paul, es war ein netter Abend gewesen – wenn er nur nicht so viel getrunken hätte ...

»Paul Flemming, wohnhaft am Weinmarkt in Nürnberg«, stellte der Polizist in Zivil sachlich fest. »Waren Sie gestern Abend in den Lochgefängnissen im Kellergeschoss des Alten Rathauses?«

Paul spürte seine trockene Kehle. Was redete dieser Mann da? Im Lochgefängnis? Ja, dort war er vor seinem Besuch im Goldenen Ritter tatsächlich gewesen. So ziemlich den ganzen Tag hatte er sich in den düsteren Folterkammern aufgehalten. Ihm kamen die Probleme in den Sinn, die er damit gehabt hatte, die engen und niedrigen Gänge und Zellen auszuleuchten. Und wie schwer sich seine beiden Models anfangs damit getan hatten, sich in dem kalten und grusligen Ambiente des mittelalterlichen Kerkers für seine Modeaufnahmen zu entspannen.

»Ja«, sagte Paul schließlich. Seine eigene Stimme hallte in seinem Kopf wider und verursachte den nächsten Anflug von Kopfschmerzen.

»Ist Ihnen eine gewisse Beate Meinefeld bekannt?«

Was sollten diese Fragen? Paul fühlte sich mit seinem ausgewachsenen Kater auch ohne ein Kreuzverhör schlecht genug. Auf ein sinnloses Frage-und-Antwort-Spiel hatte er jetzt ganz bestimmt keine Lust.

»Ja«, sagte er unwirsch. »Sie hat gestern für mich als Model gearbeitet.«

Paul kamen sehr verschwommene Bilder vom Ende des Abends in den Sinn. Beate – oder Bea, wie sie sich nannte – war an ihm sehr interessiert gewesen. Um nicht zu sagen: Sie hatte sich ihm an den Hals geworfen. Etwas zu direkt und fast schon plump, wie Paul es empfand. Andererseits war ihm ein wenig Trost und Zuspruch von weiblicher Seite zur Zeit ja auch höchst willkommen. Und überhaupt: Er war momentan sozusagen ungebunden und niemandem verpflichtet. Warum also nicht?

»Frau Meinefeld ist heute früh von Reinigungskräften des Rathauses im Lochgefängnis aufgefunden worden. Tot«, stellte ihn der Zivilbeamte vor vollendete Tatsachen.

Paul war viel zu baff, um darauf etwas sagen zu können. Stattdessen konfrontierte ihn der Kriminalpolizist mit der nächsten schockierenden Neuigkeit: »Die Leiche von Frau Meinefeld befand sich in einer der historischen Folterzellen.«

»Sie lag auf den Steinstufen unter einer Streckbank«, ergänzte der andere nach einem Blick in seine Unterlagen. Der Beamte hob die rechte Braue: »Sie war nackt bis auf einen leichten Sommermantel. Sandfarben. Der Mantel eines ­Mannes.«

»In der Tasche steckte ein Portemonnaie«, redete der erste Polizist weiter. »Darin fanden wir Ihren Personalausweis und Visitenkarten mit dem Namen Ihres Fotostudios.«

»Mein Mantel?«, fragte Paul verblüfft und schaute sich nach seinem Garderobenständer um. Er war leer.

»Ja. Wie es aussieht, handelt es sich um Ihren Mantel«, bestätigte der Beamte. »Würden Sie uns bitte aufs Revier in der Rathauswache begleiten? Wir hätten da ein paar Fragen an Sie.«

 

2

Bea Meinefeld tot? Paul hatte noch immer starke Kopfschmerzen. Es fiel ihm schwer, sich zu konzentrieren. Doch der Nachricht vom Tod des Fotomodells musste er mit klarem Verstand begegnen.

Er saß in einem kahlen Verhörzimmer in der Rathauswache, der Kripomann von vorhin ihm gegenüber. Zwischen ihnen stand nur ein schlichter Tisch, der Kollege des Beamten wartete im Hintergrund.

Es war ganz wie im Fernsehen, nur dass es sich bei dem armen Teufel, den die Polizisten gleich in die Mangel nehmen würden, nicht um einen gut bezahlten Schauspieler handelte, sondern um Paul, und er sich nicht einfach entspannt als Zuschauer zurücklehnen konnte.

»Beginnen wir mit der nächstliegenden Frage«, setzte der Kriminalbeamte an, der ihm gegenüber saß. Paul schien es, als würde ein Lächeln die schmalen Lippen des Ermittlers umspielen. »Warum haben Sie dieses Mädchen getötet?«

»Ich habe was?« Paul sprang von seinem Stuhl auf und schnappte nach Luft. »Wie kommen Sie denn darauf?«

Der Beamte blieb ruhig sitzen und wiegte den Kopf. »Nun – Sie haben bereits zugegeben, dass Sie sich gestern im Lochgefängnis aufgehalten haben. Sie sind mit der Getöteten bekannt. Und sie trug Ihren Mantel, in dem immer noch der Schlüssel zum Lochgefängnis steckte. Da drängt sich uns der Verdacht auf, dass Sie für den Tod dieser Frau verantwortlich sind.«

Paul versuchte das nach wie vor starke Hämmern in seinen Schläfen zu ignorieren und setzte sich wieder hin. Er senkte den Blick, rieb sich die Augen. Er musste aufpassen. Denn das hier war kein Spaß.

Was genau war gestern Abend vorgefallen?, fragte er sich besorgt und klopfte sich mit den Fingerkuppen gegen die Stirn. Okay, zwang er sich zur Raison, wie war der Tag verlaufen? Sie hatten sich nachmittags vorm Rathaus getroffen: er selbst, Bea Meinefeld, ein anderes Model und die Visagistin. Paul hatte den Schlüssel fürs Lochgefängnis vom Presseamt der Stadt bekommen. Sie sollten freie Hand für ihre Fotoaufnahmen haben, denn wegen der Vorbereitungen für eine große Ausstellung im Rathaussaal, einen Stock höher, waren die alten Folterkeller für den Publikumsverkehr gesperrt worden ...

Alles harmlose Dinge – Pauls Berufsalltag. Wie konnte das mit einem Mord in Verbindung gebracht werden?

»Warten Sie«, sammelte Paul seine geschwächten Kräfte zum Selbstschutz. »Sie überfallen mich zu Hause, nehmen mich mit aufs Revier und konfrontieren mich mit einem ungeheuerlichen Vorwurf. Sie haben mir ja noch nicht einmal die Todesursache von Frau Meinefeld genannt. Wie ist sie denn gestorben?«

»Erstaunlich, dass Sie erst jetzt danach fragen«, stellte sein Gegenüber mit zusammengekniffenen Augen fest.

Der andere Polizist hingegen fragte: »Wissen Sie das denn nicht selbst am besten?«

Paul ballte die Fäuste. Er war bereit zu rebellieren. Warum nur gingen diese beiden Männer so aggressiv gegen ihn vor und traten seine Würde mit Füßen?

Er zwang sich zur Ruhe. »Wie ist sie gestorben?« fragte er nochmals.

Die Beamten verständigten sich mit einem Blick. »Genickbruch«, sagte der eine knapp.

»Sie haben sie richtig hart angefasst«, sagte der andere.

Schon wieder so ein Vorwurf. Paul hätte am liebsten laut aufgeschrien. Doch dann fühlte er sich an etwas erinnert. Für eine Fotoreportage hatte er einmal den Kriminaldauerdienst begleitet und dabei gelernt, dass die Chancen, einen Mörder zu überführen, in den ersten Stunden nach der Tat am größten waren. Dann nämlich waren die Täter selbst noch angespannt und ihre Nerven lagen blank. In dieser psychologischen Extremsituation konnten ein paar energisch vorgebrachte Beschuldigungen reichen, um dem Schuldigen ein Geständnis zu entlocken.

Auf dieselbe Weise versuchten nun offenbar die beiden Polizisten, Paul zum Reden zu bringen. Plötzlich sah er ein, dass die Kriminalbeamten nichts weiter machten als ihren Job – und wahrscheinlich machten sie ihn sogar gut. Aber – verflucht! – er hatte ihnen nichts zu sagen! Wann würden sie das akzeptieren?

»Also?«, forderte ihn der Kripomann ihm gegenüber auf. »In welchem Verhältnis standen Sie zu dem Opfer?«

»Wir haben Fotos gemacht«, brachte Paul stockend hervor.

Der Beamte sah ihn wenig mitfühlend an. »Soso, Fotos. Natürlich. Sie machen Fotos. Denn Sie sind ja Fotograf.« Er führte seinen Zeigefinger an die dünnen Lippen. »Was waren denn das für Fotos?«

Paul kamen bei dieser Frage die Bilder von gestern in den Kopf. Die Korsagen aus schwarzem Leder, die Lackbustiers ... – Bea hatte eine gute Figur in diesen ausgefallenen Dessous gemacht.

»Modefotografie«, sagte Paul möglichst betonungslos.

»Ach?«, tat der Polizist überrascht. »Mode im Folterkeller. – Ist das nicht ein wenig geschmacklos?«

»Es war die Auftragsarbeit einer Nürnberger Boutique«, antwortete Paul. »Kleidung, Ort und Modelagentur wurden vom Auftraggeber bestimmt.« Er erinnerte sich sehr wohl daran, dass er anfangs Skrupel gehabt hatte, den Auftrag anzunehmen. Denn die Sado-Maso-Schiene lag ihm nicht besonders. Aber dann hatte er erkannt, dass die zu fotografierenden Teile zwar sexy, aber keineswegs anrüchig waren. Er musste also keine bösen Folgen für seinen Ruf befürchten – und das Geld konnte er allemal gebrauchen.

»Was genau waren denn das für Modefotos?« Der Beamte blieb hartnäckig.

Paul beschloss, die Wahrheit zu sagen, denn ein Anruf bei der Boutique würde der Polizei ja genügen, um es auch ohne seine Hilfe herauszufinden: »Salonfähiges Lack und Leder«, sagte Paul kurz und versuchte, dabei völlig souverän zu wirken.

Der Polizist setzte ein breites Lächeln auf und drehte sich zu seinem Kollegen um. »Hörst du das, Jürgen? Lack und Leder.« Dann wandte er sich wieder Paul zu. »Diese Beate Meinefeld war ja an sich schon von der Natur verwöhnt. Wenn man sie sich in Hardcore-Reizwäsche vorstellt – das kann einem schon den Verstand rauben, nicht wahr, Herr Flemming?«

Wollte ihn dieser Typ aufs Glatteis führen? Paul musste sich zwingen, seinen Mund zu halten und erst einmal nachzudenken. »Als Fotograf bin ich erfreuliche Anblicke dieser Art gewöhnt. Es ist mein Job, damit emotionslos umzugehen«, sagte er, aber er tat es mit bebender Stimme. Seine Souveränität war dahin.

Er sah Bea vor sich, mit all ihren Reizen. Sie war eine sehr schöne junge Frau gewesen. Traumfigur. Rassig. Ohne Hemmungen. Die reine Lebenslust. Aber Paul hatte schon nach den ersten Aufnahmen entschieden, dass er sie künftig als Model nicht mehr bestellen würde. Sie kokettierte ständig mit ihren Reizen. Wackelte mit ihrem Knackpopo, reckte die Brüste nach vorn, als ob es einen Preis dafür zu gewinnen gäbe. Sie war ihm schlichtweg zu anstrengend für die Arbeit.

Aber danach ... – Sie hatten so gegen neunzehn Uhr Feierabend gemacht. Die Visagistin hatte sich sofort verabschiedet. Doch die beiden Models – Bea voran – wollten noch etwas unternehmen. Sie überredeten Paul zu einem Absacker. Das war eigentlich nicht sein Stil, denn Paul hielt Job und Privatleben für gewöhnlich getrennt. Doch Bea war ausdauernd, und schließlich hatte er eingewilligt. Er lud die beiden auf einen Drink im Goldenen Ritter ein. Der war nicht weit vom Rathaus entfernt und auch nicht weit von seiner Wohnung am Weinmarkt, auf die er sich nach dem langen Arbeitstag schon gefreut hatte.

Er erinnerte sich noch genau an Jan-Patricks Gesichtsausdruck, als Paul mit den beiden Mädels das Lokal betreten hatte: »Um Himmels willen, wen hast du denn da aufgerissen?«, stand in den Augen des Wirts geschrieben. Paul hatte seinem alten Freund auf die Schulter geklopft und ihm zugeflüstert:

»Rein dienstlich.«

»Dienstlich?«, hatte Jan-Patrick zweifelnd wiederholt und sich nervös über sein öliges schwarzes Haar gestrichen. »Ich habe eher den Eindruck, dass du in alte Zeiten zurückfällst. Ich dachte, mit fast vierzig wärst du allmählich aus der Sturm- und Drangphase raus.«

Paul hatte daraufhin nur gelächelt und sich mit seinen beiden Begleiterinnen in die Erkernische des rustikal romantischen Altstadtrestaurants zurückgezogen.

»Das nehme ich Ihnen nicht ab!«, riss der Kriminalbeamte Paul aus seinen Gedanken. »Ein junges, attraktives Mädchen macht Sie an und versucht Sie zu verführen. Und Sie, ausgerechnet Sie als Junggeselle, wollen mir weismachen, dass Sie diesen Verlockungen widerstanden haben?«

Paul nickte unsicher.

Der Beamte schüttelte entschieden den Kopf. »Ich will Ihnen sagen, wie es war: Beate Meinefeld hat während der Fotoaufnahmen Ihre sexuelle Fantasie beflügelt. Die berufliche Distanz ging verloren, Sie wurden erregter ...«

»Geiler!«, mischte sich der andere Polizist ein.

Sein Kollege nickte. »Sie waren sexuell extrem stimuliert, als Sie mit Beate Meinefeld nach dem Fotoshooting im Goldenen Ritter eingekehrt sind.«

»Ach«, unterbrach Paul überrascht. »Sie wissen das mit dem Goldenen Ritter?«

»Selbstverständlich«, nickte der Beamte. »Die Kollegin der Toten hat uns sehr genau ins Bild gesetzt.« Er beugte sich zu Paul vor. »Legen wir doch die Karten auf den Tisch: Ich habe vollstes Verständnis dafür, dass ein Mann im besten Alter ein solches Angebot nicht so einfach ausschlägt. Ich an Ihrer Stelle wäre sicher auch in Versuchung geraten. – Man muss sich das einmal bildlich vorstellen: Weibliche Reize in ­jugendlicher Blüte ...«

»Ersparen Sie mir Ihre billigen Klischees!«, ärgerte sich Paul. »Ich habe mein Triebleben sehr wohl im Griff, wenn es um den Job geht.« Aber hatte er das wirklich? Was genau war denn gestern Abend noch geschehen? Zugegeben: Bea hatte ihn angemacht. Das hatte schon während des Shootings begonnen und sich beim Feierabenddrink im Goldenen Ritter fortgesetzt. Sie war sehr geschickt zuwege gegangen. Ihr perfekter Körper war ihr stärkstes Argument – an dem war tatsächlich nichts auszusetzen. Und dann hatte sie diese Art, während des Gesprächs ständig Körperkontakt zu suchen: Mal berührten sich wie zufällig die Knie, mal lag ihre Hand auf seiner. Am Ende hatte er ihren Atem ganz dicht an seinem Ohr gespürt. Und auch an die feuchte Wärme ihrer Lippen konnte er sich plötzlich erinnern ...

»Wahrscheinlich hat sie Ihnen einen Korb verpasst, als Sie mehr wollten«, sagte der Kripomann.

»Erst heiß gemacht und dann abblitzen lassen«, mischte sich der andere wieder ein.

»Und dann sind Sie durchgedreht«, folgerte der erste. »Wie gesagt: Nur zu verständlich.«

Verständlich? Paul war völlig durcheinander. Was wollten ihm diese Bullen da einreden? Er hatte keinen Mord begangen! Zumindest ... konnte er sich nicht daran erinnern!

»Paul, lass es gut sein«, hatte ihm Jan-Patrick nach dem vierten oder fünften Bier gesagt. »Bestell den Mädels ein Taxi und geh heim. Es hat doch keinen Sinn, deinen Frust auf Ka­tinka mit zwei Halbwüchsigen auszuleben.«

»Das hier hat überhaupt nichts mit Katinka zu tun!«, hatte Paul widersprochen. »Die soll in Berlin Karriere machen und sich amüsieren. Ich lebe mein Leben, und das lasse ich mir nicht von Katinkas Sturheit verderben!«

»Aber diese Mädchen sind doch nichts für dich«, mahnte Jan-Patrick. »Lass die Finger von solchen Geschichten. Dafür bist du zu alt.« Paul hatte in diesem Moment den sanften Druck von Beas Hand auf seinem Oberschenkel gespürt und seinen Freund zum Teufel gewünscht. »Man ist so alt, wie man sich fühlt.« Er war zu allem bereit gewesen an diesem Abend ... – zu allem?

Der zweite Kripomann legte einen Stoß Papiere auf den Tisch. »Unterschreiben Sie hier.«

Paul sah ihn verdattert an. »Was ist das?«

»Leider noch kein Geständnis«, sagte der erste Beamte mit offenem Bedauern. »Es ist nur eine Erklärung.«

»Was für eine Erklärung?« Paul rechnete mit dem Schlimmsten.

»Darüber, dass Sie sich zu unserer Verfügung halten«, sagte der Beamte. »Sie wissen schon: Keine Reisen ins Ausland. Sie rufen uns zurück, wenn wir auf Ihren AB sprechen.«

»Soll das heißen ...« In Paul keimte neue Hoffnung auf. »Soll das heißen, Sie lassen mich gehen?«

»Nicht gern«, schaltete sich erneut der zweite Polizist ein. »Wir haben ein recht genaues Bild davon, was sich gestern Abend abgespielt hat und wer dafür verantwortlich ist.«

Paul versuchte sich an den Ausgang des Abends zu erinnern: Da waren zunächst die anregenden Stunden im Goldenen Ritter. Dann der Weg nach draußen, auf den Weinmarkt. Es war kühl geworden. Sternklarer Himmel. Bea hatte gefroren, Paul hatte ihr seinen Mantel angeboten. Aber dann? Wie war es weitergegangen?

Die frische Luft hatte Paul den Alkohol umso stärker spüren lassen. Er hatte Bea seinen Mantel über die Schultern gelegt. Daraufhin hatte sie sich an seine Seite geschmiegt. Er hatte ihren schmalen Körper neben sich gespürt. Wahrscheinlich hatte er seinen Arm um ihre Schultern gelegt. Und dann ... – er konnte sich nicht erinnern.

»Um es kurz zu machen«, sagte Ermittler Nummer eins, »wir haben leider nicht die Handhabe, Sie hier länger festzuhalten. Aber das kann sich schnell ändern.«

»Ihnen ist hoffentlich bewusst, dass momentan alles gegen Sie spricht«, sagte der andere mit drohendem Unterton. »Uns fehlt nur noch ein Augenzeuge dafür, dass Sie in Begleitung der Getöteten tatsächlich noch einmal ins Lochgefängnis gegangen sind.«

»Warum auch immer Sie das getan haben«, ergänzte Pauls Gegenüber in anzüglichem Ton. »Ich weiß ja nicht, auf welche Art von Sex Sie stehen ...«

Paul riss sich zusammen. Er wollte aufspringen und die beiden Polizisten anschreien. Denn diese Vorhaltungen waren ungeheuerlich. Aber er hatte nichts, rein gar nichts, was er zu seiner Verteidigung vorbringen konnte.

Denn ihm fehlte ein entscheidender Teil seiner Erinnerung. Ihm wollte partout nicht einfallen, was auf die Szene mit dem Sommermantel gefolgt war. Hatte Bea sich verabschiedet und war gegangen? Oder waren sie beide zusammengeblieben? Waren sie womöglich gemeinsam in Pauls Atelier gelandet und hatten miteinander ...

Paul fiel in diesem Zusammenhang eine Episode aus seiner Vergangenheit ein. Es war kurz nach dem Abitur gewesen, als er erstmals Bekanntschaft mit dem Phänomen des sogenannten Blackouts gemacht hatte. Bei einer Party war er ziemlich abgestürzt. Er hatte wahllos alle möglichen Drinks konsumiert: Bier, Wein, Schnäpse, Cocktails. Am anderen Morgen hatte ihn die Gastgeberin damit konfrontiert, er habe die Reinigung ihres Kleides zu zahlen, das er absichtlich mit Rotwein bekleckert hätte. Paul hatte im Brustton der Überzeugung widersprochen. Bis ihm schließlich Fotos vorgelegt wurden, die ihn in voller Aktion zeigten: Breit grinsend stand er mit einer Weinflasche vor der Gastgeberin und hatte sichtlich Spaß daran, ihrem Kleid einen neuen, rot gescheckten Look zu verpassen.

»Sie haben offensichtlich bei jemandem einen Stein im Brett – über die Gründe möchte ich hier nicht spekulieren«, sagte Pauls Gegenüber mit kaum verhohlener Wut. »Deshalb – aber auch nur deshalb! – werden wir Sie laufen lassen.«

»Aber die Sache ist nicht ausgestanden«, betonte der andere noch einmal.

»In unseren Augen sind Sie schuldig.« Der erste Beamte sah Paul eindringlich an. »Der kleinste Fehler, und wir haben Sie.«

»Danke.« Paul erhob sich. Er bemühte sich um einen freundlichen Tonfall. »Einen schönen Tag noch.«

Er verließ das Revier in dem Bewusstsein, dass er womöglich ein Mörder war. Ihm fehlten die Erinnerungen an mindestens sieben oder acht Stunden der letzten Nacht.

3

Der Rückweg nach Hause, zum Weinmarkt, so kurz er auch sein mochte, geriet für Paul zum Martyrium. Die Vorstellung, das Gedächtnis verloren zu haben, war allein schon erschreckend genug. Aber dieser Mordvorwurf – das war zuviel für ihn. Paul fühlte sich schrecklich, und er gab sich keine Mühe, seinen Gemütszustand zu verbergen.

Zum Glück traf er keinen Bekannten, dem er Rechenschaft über seine Niedergeschlagenheit hätte ablegen müssen. Er war froh, als er unbehelligt das Haus erreicht hatte.

Während er die Treppen bis ins oberste Stockwerk hinaufging, machte er sich bittere Vorwürfe wegen des vergangenen Abends. In seinen Ohren hallten die Worte Jan-Patricks nach:

»Riskier doch nicht deine Beziehung mit Katinka«, hatte der Wirt ihm zugeraunt, als er eine neue Runde Getränke servierte.

»Beziehung?«, hatte Paul gezischt. »Was ist denn das für eine Beziehung, bei der es dem einen Partner nur immer um die Karriere geht? Sie hat mich für ihren ach so tollen Juristenjob in Berlin sitzen lassen, so sieht’s aus!«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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