Die Mittenwald Verschwörung - Paul Kohl - E-Book

Die Mittenwald Verschwörung E-Book

Paul Kohl

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Beschreibung

Die dunklen Geheimnisse von Mitttenwald kommen ans Licht… Mittenwald, 1946: Der Bordellbetreiber Anton Nafziger wird tot in seinem Büro aufgefunden. Nur widerwillig kehrt der Münchener Kommissar Martin Gropper für die Aufklärung des Verbrechens in seine Heimat zurück, wo er sofort auf Ablehnung und Misstrauen stößt. Bei seinen Ermittlungen entdeckt er ein Netz aus Geheimnissen und Verstrickungen, das tief in die Zeit des Nationalsozialismus zurückreicht: Gerüchten zufolge wurden in der idyllischen Alpenstadt Tonnen des berüchtigten »Nazigolds« versteckt – ein Schatz, für den einige morden würden. Doch je näher er der Aufklärung kommt, desto deutlicher wird: Die wahren Drahtzieher des Verbrechens sitzen hoch oben. Welchen Preis ist Gropper bereit für die Gerechtigkeit zu zahlen? Ein packender historischer Kriminalroman über Macht, Verrat und die Schatten des Zweiten Weltkrieges – perfekt für Fans von Frank Goldammer.

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Seitenzahl: 413

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über dieses Buch:

 

Mittenwald, 1946: Der Bordellbetreiber Anton Nafziger wird tot in seinem Büro aufgefunden. Nur widerwillig kehrt der Münchener Kommissar Martin Gropper für die Aufklärung des Verbrechens in seine Heimat zurück, wo er sofort auf Ablehnung und Misstrauen stößt. Bei seinen Ermittlungen entdeckt er ein Netz aus Geheimnissen und Verstrickungen, das tief in die Zeit des Nationalsozialismus zurückreicht: Gerüchten zufolge wurden in der idyllischen Alpenstadt Tonnen des berüchtigten »Nazigolds« versteckt – ein Schatz, für den einige morden würden. Doch je näher er der Aufklärung kommt, desto deutlicher wird: Die wahren Drahtzieher des Verbrechens sitzen hoch oben. Welchen Preis ist Gropper bereit für die Gerechtigkeit zu zahlen?

eBook-Neuausgabe Dezember 2025

Dieses Buch erschien bereits 2012 unter dem Titel »Nazigold« bei Emons.

Copyright © der Originalausgabe 2012 Hermann-Josef Emons Verlag

Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Shutterstock/Essl, Jurga Jot; AdobeStock/FrameFinesse; Firefly/Nele Schütz Design

eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (ma)

 

ISBN 978-3-69076-659-3

 

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dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people . Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!

 

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Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

 

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Paul Kohl

Die Mittenwald Verschwörung

Kriminalroman

 

Kapitel 1

 

»Jetz bin i gmoant«, hat d’Sau gsagt, wia Schlachttag war.«

 

Wie jeden Morgen seit einem Dreivierteljahr putzt Fanny Jais auch heute, an diesem noch frühen Morgen des 29. Mai 1946, die obere Etage des »Crazy Horse«. Mit den fünf Gästezimmern ist sie gerade fertig. Sie hat die verschrumpelten Kondome neben den Betten eingesammelt und in die Mülleimer geschmissen, die Betttücher mit den großen gelben Flecken und manchmal auch kleinen Blutflecken auf den Gang geworfen. Sie hat die Doppelbetten neu überzogen, den Boden gewischt, die leeren Flaschen aus den Zimmern geräumt, die kleinen Kühlschränke mit neuem Bier, Cognac, Whisky und Sekt aufgefüllt. Und sie hat die schief hängenden Kruzifixe und Heiligenbilder über den Doppelbetten gerade gerückt und die geklauten Bibeln durch neue ersetzt und auf die Nachtkästchen gelegt.

Nun muss sie sich daranmachen, das Büro ihres Chefs zu putzen. Danach ist unten das große Lokal dran.

Die abgearbeitete, siebenundfünfzigjährige Fanny Jais, die zehn Jahre älter aussieht, biegt ihr Kreuz gerade, stöhnt leicht und wischt sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. In den Achselhöhlen haben sich in ihrem Kittel große nasse Flecken gebildet. Sie hebt den klebenden Stoff etwas an, bläst unter ihre Achseln und spürt die Kühle auf ihrer Haut.

Bevor sie jedoch das Büro aufschließt, will sie erst mal eine rauchen. Das macht sie immer so. Mit einem Seufzer lässt sie sich auf dem Schemel nieder, der jeden Morgen auf sie wartet, holt eine Schachtel Chesterfield aus ihrer Kitteltasche, fummelt mit ihren vom Putzwasser aufgeweichten Fingern einen Ami-Stengel heraus, zündet ihn an und pafft. Die Zigaretten bekommt sie von ihrem Chef geschenkt, mal Camel, mal Lucky Strike, jetzt Chesterfield.

Die Asche tippt sie in die leere Corned-Beef-Dose auf ihrem Schoß. Nach ihrer Pause wirft sie auch die Kippe hinein. Kurz zischt die Zigarettenglut in dem Putzwasser, das sie in die Dose gegossen hat. Dann rafft sie sich ächzend auf, fasst nochmals in ihre Kitteltasche und fingert den Bund mit dem Büroschlüssel und ihre alte Armbanduhr heraus: ein paar Minuten nach sechs. Es wird Zeit, sich sein Büro vorzunehmen. Sie schließt die Tür auf.

Ein kalter Luftzug schlägt ihr entgegen. Die Glastür zum Balkon steht weit offen. Wieso hat er sie am Abend beim Verlassen des Büros nicht geschlossen wie sonst auch immer?

Als sie den Raum betritt, erstarrt sie, ihr stockt der Atem: Ihr Chef liegt neben seinem Schreibtisch auf dem Boden, lang hingestreckt, das Gesicht zur Decke gerichtet. Rund um seinen Hinterkopf schimmert dunkelrot, fast schwarz, eine große Blutlache auf dem Linoleum. Und quer auf seiner Brust liegt sein Gewehr. Seine rechte Hand hält er auf dem Abzugshahn, als hätte er sich selbst erschossen.

Ein paar Sekunden lang ist Fanny Jais unfähig, näher zu treten. Nur langsam kommt wieder Bewegung in ihren Körper. Sie schließt die Bürotür hinter sich und tritt zitternd an den Leichnam heran. Seine Augen sind weit geöffnet, als würde er sie erschreckt ansehen. In seiner blutigen Stirn sieht sie ein schwarzes Loch. Die Blutrinnsale auf seinem Gesicht sind verkrustet. Auch das Blut auf dem Boden um seinen Hinterkopf ist bereits angetrocknet. Er muss schon ein paar Stunden so dagelegen haben. Wie betäubt schwankt sie zur Balkontür, tappt dabei durch die Blutlache, und drückt die Tür zu, schaut zurück auf den Leichnam.

Da packt es sie, sie schreit, sie brüllt; wie eine Wahnsinnige rennt sie die Treppe hinab, hinaus auf die Straße, kreischt: »Dea Nafziger is tot! Dea Nafziger is tot!«

Vor dem Haus trifft sie den Zeitungsjungen, der den »Hochland-Boten« austrägt, um sich etwas Taschengeld zu verdienen. Sie schreit: »Dea Nafziger is tot!«

Der dickliche, schnauzbärtige Müllfahrer, der jeden Morgen die Tonnen hinter dem Lokal leert, kommt hinzu. Sie schreit: »Dea Nafziger is tot!«

Fanny Jais will den beiden die Leiche zeigen, hastet mit ihnen hinauf in das Büro und weist fassungslos auf die Glastür zum Balkon: »De hat ea niea offn lassn!« Verwirrt rennt sie durch den Raum, wieder mitten durch die Blutlache hindurch, und verteilt überall blutige Fußabdrücke.

Neugierig wenden der Zeitungsbote und der Müllfahrer die Leiche hin und her, bis sie auf dem Bauch liegt. Der Müllfahrer zeigt auf den Hinterkopf. »Da is a Loch.« Mit den Fingern wischt er das Blut vom Linoleum, dort, wo der Hinterkopf gelegen hat. »Da, da«, sagt er, »da steckt de Kugl im Bodn«, und will sie herauskratzen. Es gelingt ihm nicht, er gibt es auf und will seine mit Blut verklebten Finger an seiner Jacke abwischen. Auch das gelingt ihm nicht. Nun sind Jacke und Hand rot verschmiert.

Der Zeitungsbote sagt: »Se müssn de Polizei anrufn.«

Fanny stürzt zum Schreibtisch und ergreift den Telefonhörer. Kein Tuten beim Abnehmen und Wählen der Nummer. Sie stellt fest: Das Telefonkabel ist durchgeschnitten. Benommen stolpert sie nach unten in das Lokal, will von dort anrufen. Aber bei der Polizei meldet sich niemand.

Fanny hetzt zur Polizei am Obermarkt. Zehn Minuten muss sie rennen. Als sie das Revier erreicht, ist es sechs Uhr dreißig. Der alte Gendarm Ferdinand Buchner schlüpft gerade in seinen Lodenjanker und will nach Hause. Er hat die Nachtschicht hinter sich, ist müde und will schlafen. Eben sind seine jungen Anfängerkollegen Bergmoser und Senger zur Tagesschicht eingetroffen.

Eigentlich hätte Buchner schon längst pensioniert werden müssen, doch nun, nach Kriegsende, hat man für den Aufbau der neuen Polizei keine erfahrenen Leute. Die Polizeibeamten der Nazizeit wurden von den Amerikanern ins Internierungslager gesteckt, und junge Bewerber müssen erst ausgebildet werden. So hatte man ihn bekniet, noch so lange Dienst zu tun, bis die beiden ihm zugewiesenen Neulinge eingearbeitet sind. Derart gezwungen, bringt Buchner nun seine Tag- und Nachtschichten hinter sich und freut sich, wenn Feierabend ist. Besonders aber freut er sich auf den Tag, an dem er endgültig in Pension gehen kann.

Über das, was er als Gendarm in der Nazizeit gemacht hat, schweigt er beharrlich. Es fragt ihn auch keiner danach. Ebenso hartnäckig verschweigt er, warum man ihn schon nach wenigen Tagen aus dem amerikanischen Internierungslager, diesem Mittenwalder Gehege, wieder freigelassen hat. Die Mittenwalder tuscheln viel darüber und glauben auch, den Grund für seine schnelle Freilassung zu wissen.

Zuerst misslaunig, doch dann alarmiert hört sich Buchner an, was die Jais ihm keuchend berichtet: Der Nafziger erschossen! Der Anton! Der Besitzer und Betreiber des »Crazy Horse«, des Ami-Amüsierclubs, in dem er mit den Besatzern, mit dem CIC und den Schwarzhändlern heimliche Geschäfte machte. Und jetzt erschossen! Von wem? Das wird ein Getuschel geben.

Dass es schon wieder einen Toten gibt, wundert ihn nicht. Aber dass es nun den Nafziger erwischt hat, das ist was Besonderes. Seit Kriegsende werden im Ort und in der Umgebung ständig Leute umgebracht, Ausländer und auch Einheimische. Seit der Niederlage, dem Zusammenbruch, der Kapitulation, der Besatzung, der Befreiung gibt es überall Mord und Totschlag. Das hat es früher nicht gegeben, denkt Buchner. Da herrschte Ordnung. Davon ist er überzeugt. Das lässt er sich nicht nehmen. Aber dass es jetzt den Anton weggeputzt hat, das macht Buchner nervös. Das wird Ärger geben.

Noch dazu war der Anton sein Freund.

Es hilft alles nichts: Der Feierabend muss warten. Als erfahrener Polizist kann er diesen neuen Fall nicht den beiden Anwärtern überlassen. Und so kratzt er sich kurz an seiner dunklen Warze am rechten Nasenflügel, schnappt sich seine alte Leica, seine Gummihandschuhe und seine Taschenlampe, bei der er schon lange nicht mehr die Batterie ausgewechselt hat, und eilt mit Fanny zum »Crazy Horse«.

Unterdessen greifen sich der Zeitungsbote und der Müllfahrer den Karabiner, wiegen ihn in den Händen, schätzen respektvoll sein Gewicht und legen den Schießprügel auf den Boden, mitten in die Blutlache. Sie nehmen die Enzianflasche vom Schreibtisch, bedauern, dass sie leer ist, und stellen die nun blutbefleckte Flasche zurück. Sie öffnen die Schubladen, holen Papiere heraus, wenden sie hin und her, stecken einige davon ein, stopfen die restlichen zurück. Auch dicke Bündel von Dollarscheinen finden sie in den Schubladen und lassen sie schnell in ihren Hosen- und Jackentaschen verschwinden.

»Du hoitst dei Mei. Keinen Muckser, hörst?« Kurzes Nicken, Schweigegelöbnis.

Sie öffnen die Balkontür, treten hinaus und schauen hinab auf das Garagendach.

»Fluchtweg«, sagen sie. »Guata Fluchtweg.« Und immer wieder latschen sie in die große rote Lache in der Mitte des Raumes.

Dann gehen sie hinunter auf die Straße, warten auf die Polizei und berichten allen Vorübergehenden: »Obm liagt dea Nafziger un is tot.«

Die Neugierigen drängen die schmale Treppe hinauf, dringen in das Büro ein. Jeder will die Leiche sehen, jeder fuchtelt mit dem Karabiner herum, jeder will sehen, was der Nafziger in seinen Schubladen hat. Jeder nimmt dies und das in die Hand und stellt es irgendwohin zurück oder auch nicht. Was ihnen gefällt, stecken sie ein. So auch die restlichen dicken Dollarbündel, die der Zeitungsbote und der Müllfahrer übersehen haben.

Als Buchner mit Fanny eintrifft, ist der Raum voller Menschen. »Herrgottsakrafix!«, brüllt er sie an. »Seids ihr denn ganz narrisch?« Buchner tobt, schäumt vor Wut. »Wie soll man da noch Spuren finden, ihr Idioten!«

Alle bleiben erschrocken stehen.

»Raus! Raus!«, brüllt er. »Aber fix!«

»Mia wolltn doch nua moi schaun«, sagen einige und stellen irgendwelche Gegenstände irgendwohin zurück.

»Ihr Sauhamme, ihr blöden!« Buchners Stimme überschlägt sich vor Zorn.

Nur langsam verlassen die Leichengaffer und Schubladenwühler einer nach dem anderen den Raum.

»Raus mit euch, alle miteinander! Oder soll ich nachhelfen?« Am liebsten hätte er ihnen einen Tritt in den Arsch versetzt und sie die Treppe hinabgestoßen.

Erst als er mit Fanny allein ist, sieht er den kompletten Schlamassel: Die Leiche liegt auf dem Bauch, der Karabiner auf dem Schreibtisch, der Boden ist voller blutiger Abdrücke.

»Warum haben S’ die Leute reingelassen?«, fährt er Fanny wütend an. »Warum haben S’ das Büro nicht abgesperrt?«

»Vor lauta Aufgregtsei«, erwidert sie verstört.

»Lag die Leiche so da, als Sie sie gefunden haben?«

»Na, de lag aufm Rückn.«

»Und wer hat sie umgedreht?«

»Wahrscheins di Leit, wia i zu Eana ganga bin.«

Buchner kann es nicht fassen. Er muss sich gewaltig zusammennehmen, um nicht völlig auszurasten. »Und wie soll man jetzt rausfinden, wie der Nafziger umgebracht worden ist?«

»In dea Stian is a Loch«, sagt Fanny schüchtern.

»Woher wissen S’ das?«

»Des hab i gsehng, wia i eam zerst gsehng hab. Wenn Se’n umdrahn …«

»Ich rühr den Toten nicht an.«

Er betrachtet den blutigen Hinterkopf, sieht die klaffende Wunde, den Austrittspunkt des Projektils, und kratzt sich an seiner dunklen Warze.

»Und wo lag der Karabiner? Doch nicht da auf dem Tisch.«

»Na, dea hat auf seim Bauch gleng, und ea hat sei Hand draufghaltn.«

»Das müssen S’ alles bezeugen, wenn S’ vernommen werden.«

Fanny ist dem Weinen nah. »Ea wa a so a guater Chef. Mia ham uns imma so guat vastandn. Ea hat so vüi für mi gtan. Wiad jetz des Hors gschlossn? Dann hab i koa Arbat meha. Was soll i denn jetz machn?«

Buchner will das Krankenhaus anrufen, einen Arzt kommen lassen, der Nafzigers Tod bestätigt und den Totenschein ausstellt. Da macht ihn Fanny darauf aufmerksam, dass das Kabel abgeschnitten ist. Mit seiner Leica knipst Buchner ein paar Aufnahmen von der Leiche, von dem Raum und dem Karabiner auf dem Tisch, obwohl er weiß, dass diese Fotos für die Ermittlung völlig wertlos sind.

»Soll i des Gwehr wieda zrucklegn auf den Nafziger?«, fragt sie.

»Kruzifix, das bleibt, wo’s ist! Wie viele Leut haben das Ding schon angefasst?«

»Wahrscheins vüi. I aba net!«

Buchner schüttelt verzweifelt den Kopf und geht zur Balkontür.

»De wa offn, wia i reikomma bin«, sagt Fanny.

»Und wer hat sie geschlossen?«

»I. Weils so koid war.«

»Dann sind Ihre Fingerabdrücke auf der Klinke.«

»Un von den andern a«, wehrt sie ab.

»Welchen andern?«

»De a de Tüa auf- und zuagmacht ham.«

Buchner sagt überhaupt nichts mehr. Um zusätzlich zu den vielen anderen Fingerabdrücken nicht auch noch seine eigenen zu hinterlassen, zieht er seine Gummihandschuhe an. Er weiß, dass auch das völlig sinnlos ist, aber er ist es eben so gewohnt. Vom Balkon schaut er hinunter auf das Garagendach und sieht auf der Teerpappe die Sohlenabdrücke von vier Paar Schuhen.

Sie verlassen den Raum, Fanny schließt ab, und Buchner versiegelt die Tür.

»Lassen Sie keinen Menschen mehr da rein. Verstanden?«

Fanny nickt schuldbewusst. Als Buchner weg ist, schenkt sie sich unten im Lokal drei Gläser randvoll mit Cognac ein, kippt jedes Glas ex, schluckt und weint.

Auf dem Revier bestellt Buchner beim Krankenhaus einen Arzt, der den Totenschein ausstellen soll. Sebastian Senger soll sich darum kümmern, dass der Arzt Zutritt zum Büro bekommt. Buchner drückt ihm ein neues Siegel in die Hand und ermahnt ihn: »Wenn du wieder gehst, denk daran, die Tür wieder gut zu versiegeln, Wastl. Und bring die Kopie vom Totenschein mit. Die brauchen wir für die Münchner.«

Dann meldet er den Mord an das staatliche Landeserkennungsamt in München. Die aber haben in der Stadt so viel zu tun und so wenig Personal, dass sie erst am nächsten Tag kommen können. Es ist warm Ende Mai, sicher fängt da der Nafziger schon an zu stinken. Buchner ist das egal. Es wird nach diesem Mord beim CIC sowieso viel Gestank geben. Jetzt will er nach seiner Nachtschicht und nach dieser Geschichte endlich nach Hause und schlafen.

»Wenn morgen der Erkennungsdienst kommt«, sagt er zu Bergmoser, »um sechse bin ich wieder da.«

Auf Anordnung der Amerikaner geht der Amüsierbetrieb im »Crazy Horse« weiter, während im ersten Stock die Leiche vom Nafziger liegt. Nur die Bordellzimmer nebenan bleiben vorerst geschlossen. Die rumänische Bardame Lucretia, die die Ermordung ihres Chefs geschäftsmäßig zur Kenntnis nimmt, wird von Bergmoser angewiesen, keine Gäste mit ihren »Froileins« nach oben zu lassen. Die deutschen und amerikanischen Geschäftsfreunde wollen aber dennoch nach oben. Lucretia muss sie abweisen: »Heute geschlossen.«

»Warum?«

»No comment.«

»Ich zahl das Doppelte.«

»Nicht heute.«

»Und morgen?«

»Weiß nicht.«

»Übermorgen?«

»Weiß nicht.«

Lucretia beschwert sich bei Bergmoser und Senger: »Wie lange noch dauert? Ich kein Geld.«

»Wir geben Ihnen Bescheid.«

»Bullshit.«

***

Am darauffolgenden Morgen, am Donnerstag, den 30. Mai 1946, Christi Himmelfahrt, erscheint im »Hochland-Boten« unter der Rubrik »Familien-Anzeigen« folgende Todesanzeige:

 

Anton Nafziger

Oberst u. ehem. Kdr. der Gebirgsjäger-Kaserne Mittenwald

Eigentümer u. Betreiber des Lokals »Crazy Horse«

geb. 13.9.1910

durch einen tragischen Unfall gest. am 29.5.1946

In tiefer Trauer, das Personal.

Gottesdienst und Beerdigung werden noch bekannt gegeben.

 

Am Vormittag desselben Tages treffen die Männer vom Münchner Erkennungsdienst zusammen mit einem Leichenwagen in Mittenwald ein. In Nafzigers Büro packen sie ihre Koffer aus und machen sich an die Arbeit. Sie fluchen über das Chaos. Eine beweiskräftige Spurensicherung ist unmöglich. Dennoch: Sie fotografieren, nehmen mit ihren Klebestreifen von Gegenständen Fingerabdrücke und vom Anzug des Ermordeten Anhaftungen, die zur Beweisführung dienen könnten, füllen Blutproben in ihre Fläschchen, kratzen das Projektil aus dem Boden, finden die Messinghülse unter dem Aktenschrank, packen Projektil, Hülse und die Enzianflasche in Zellophanbeutel. Was ihnen in den Schubladen wichtig scheint, füllen sie in Säcke und wickeln den Wehrmachtskarabiner in eine Plastikfolie. Mit Kreide zeichnen sie auf dem Boden die Umrisse des liegenden Körpers nach und laden ihn in den Leichenwagen. Sie durchsuchen die fünf Zimmer neben dem Büro, öffnen die Schränke und die Schubladen in den Nachtkästchen, schauen unter die Betten und schlagen die Bezüge um, wobei Fanny Jais heftig protestiert, denn sie muss nun alle Betten neu machen.

Die ED-Männer klettern an der Ecke Innsbrucker Straße/Dekan-Karl-Platz über eine Leiter auf das Garagendach und fotografieren die vier Paar Schuhabdrücke in der weichen Teerpappe. Auch da, wo die Täter hinter der Garage vom Dach gesprungen sind, finden sie im Erdreich diese vier Paar Sohlenabdrücke. Im Gebüsch daneben entdecken sie ein blau-weißes Schnupftuch mit dunklen Flecken und zwei Hundert-Dollar-Scheine. Die Fußspuren führen zu einem hohen Holzzaun an der Innsbrucker Straße. Im Zaun entdecken sie zwei herausgebrochene Bretter. Das also war ihr Fluchtweg. Auf der Innsbrucker Straße verliert sich die Spur.

Am Schluss machen sie noch Aufnahmen von Nafzigers himmelblauem Buick Super, der vor dem »Crazy Horse« steht, und untersuchen das Innere des Wagens.

»Viel wird dabei nicht herauskommen«, sagen sie und bedauern den Kommissar, der hier ermitteln soll. Dann fahren sie zurück nach München, gefolgt vom Leichenwagen, der Nafziger zur Medizinischen Fakultät der Münchner Universität zur Obduktion bringt.

***

»Wie es aussieht: Mord«, sagt der Münchner Kripoleiter einen Tag später und drückt dem neu angestellten Kommissar Martin Gropper den Obduktionsbericht und das Protokoll des Erkennungsdienstes in die Hand. »Das Opfer ist ein gewisser Anton Nafziger.«

Gropper glaubt, nicht richtig gehört zu haben.

Der Kripoleiter hält ihm Nafzigers Ausweis hin, den die Erkennungsdienstler mitgebracht haben. »Sechsunddreißig Jahre. Geschäftsmann.«

Gropper betrachtet das Passfoto. Es trifft ihn wie ein Keulenschlag: Sein ehemaliger Schulkamerad Anton ist tot, ermordet. Während ihrer Schulzeit waren sie Freunde, doch danach hatte er als Jugendlicher kaum noch Kontakt mit Nafziger. Und erst recht nicht als Erwachsener, da Nafziger sich ab 1933 für die Nationalsozialisten begeisterte. Von da an war ihm sein Schulfreund Anton endgültig fremd geworden. 1937 war er freiwillig zu den Gebirgsjägern gegangen und in die Mittenwalder Kaserne eingezogen. Zufällig gesehen hatten sie sich zuletzt vor acht Jahren, kurz bevor Nafziger 1938 mit seinen »Jagern« in Österreich einmarschierte. Nun also wurde dieser überzeugte Nazi ermordet. Von wem? Warum?

Gropper soll nach Mittenwald fahren und die Ermittlungen aufnehmen. Morgen, am Samstag. Das passt ihm überhaupt nicht. Dazu hat er überhaupt keine Lust. Vor vielen Jahren schon hat er sich geschworen, Mittenwald nie wieder sehen zu wollen. Er lehnt den Auftrag ab mit dem Argument, Nafziger persönlich gekannt zu haben und dadurch nicht neutral ermitteln zu können. Für den Kripoleiter ist aber gerade das der entscheidende Grund, ihm den Fall zu übertragen.

Gropper versucht alle möglichen Ausreden: »Ich bin zu neu. Ich habe noch keine Erfahrung. Ich weiß gar nicht, wie man ermittelt.«

Doch wie er sich auch windet, der Kripoleiter redet auf ihn ein: »Das schaffst du schon. Außerdem haben wir keinen anderen, den wir hinschicken können. Alle anderen müssen in der Stadt bleiben. Also los. Du kennst die Leute dort. Warst drei Jahre lang Gendarm in dem Flecken. Vielleicht erzählen sie dir mehr als einem Fremden.«

»Oder gerade deshalb überhaupt nichts.«

»Red nicht. Morgen in der Früh fährst du nach Mittenwald. Du bist genau der Richtige für diesen Fall«, sagt der Kripoleiter knapp und geht hinaus.

Er will nicht, er will nicht wieder in dieses Kaff. Das hat er sich geschworen, und dabei bleibt es. Er kann Nafzigers Ermordung nicht aufklären. Er kann nicht all die Menschen, die er von Kindheit an kennt, verdächtigen, sie vernehmen, bei ihnen nach Beweisen schnüffeln. Außerdem hat er noch Feinde in Mittenwald aus seiner Zeit als Gendarm. Dass er damals seinen Pflichten nachgehen musste, werden sie ihm heute heimzahlen. Eine Pleite wird es werden und nicht sehr förderlich für seine künftige Laufbahn als Kommissar. Gequält fährt er sich mit den Fingern durch sein blondes gelocktes Haar.

Polizist wollte Martin Gropper nie werden und schon gar nicht Kriminalkommissar. Von Jugend an wollte er Förster werden. Doch das hatte ihm nach dem Tod seines Vaters seine Mutter verboten. Und nur, weil seine Frau Luise ihn dazu drängte, einen anständigen Beruf auszuüben, hatte er sich bei der Polizei gemeldet und war 1936 Gendarm in Mittenwald geworden, wo fast jeder jeden kannte. Geliebt hat er diesen Beruf nie. Allein schon deshalb nicht, weil er meistens Diebstähle, auch Viehdiebstähle, Einbrüche, Wilderei, Viehkaufbetrügereien, Milchpantschereien und oft auch Schwarzbrennen aufdecken musste, Delikte, die entfernte oder nähere Bekannte oder gar Freunde begangen hatten. Da befand er sich oft in der Zwickmühle. Die Täter baten ihn, die Sache nicht so ernst zu nehmen und ruhen zu lassen, was er auch hin und wieder tat, mit nagendem schlechtem Gewissen. Nur wenn die Angelegenheit zu schwerwiegend war, musste er resolut entscheiden, mit der Folge Strafzahlung oder gar Gefängnis für die Betroffenen. Das haben sie ihm nie verziehen. So hat er sich Feinde gemacht, was er gar nicht wollte. Er konnte es keinem recht machen.

1939 hätte er in die Gestapo eintreten müssen. Das kam für ihn nun überhaupt nicht in Frage, und so floh er mit seiner schweizerischen Frau Luise in das nahe St. Gallen, wo ihre Eltern wohnten. Als gelernte Krankenschwester arbeitete sie dort in einem Hospital und er im selben Krankenhaus als Rot-Kreuz-Fahrer, weil er als Ausländer keinen anderen Beruf ausüben durfte. Kurz nach dem Krieg kehrten sie nach Deutschland zurück, nach München. Wieder auf Drängen seiner Frau bewarb er sich abermals bei der Polizei, obwohl er immer noch an seinem Traumberuf Förster hing. Als im Frühjahr 1946 die amerikanische Militärregierung in Bayern die Erlaubnis erteilte, eine neue deutsche Polizei aufzustellen, benötigte man dringend auch Kriminalpolizisten. Ab da ging alles wie von selbst. Nach einer Schnellausbildung war Gropper kurze Zeit Anwärter und plötzlich Kommissar. Dieser neue Beruf wurde ihm quasi in den Schoß gelegt.

Und jetzt soll er für seinen ersten Mordfall ausgerechnet nach Mittenwald. Man wird es ihm dort übel nehmen, dass er 1939 abgehauen ist. Er ahnt, was er in Mittenwald zu hören bekommen wird: Fahnenflüchtiger! Deserteur! Vaterlandsverräter!

Widerwillig überfliegt Gropper die beiden Berichte. Zuerst den Obduktionsbefund.

 

Zeitpunkt des Todes: Mittwoch, 29.5.1946, kurz nach Mitternacht. Tod durch einmaligen Schuss, Spitzgeschoss Kaliber 7,92, mittels des Wehrmachtskarabiners 98k aus circa dreißig Zentimetern Abstand in die Stirn. Starke Quetschung des Kehlkopfes. Am Hals tiefe Eindrücke durch eine Nagelsohle. Dennoch kein Tod durch Ersticken. Das mit dem Rücken auf dem Boden liegende Opfer sollte durch den Druck auf den Hals möglicherweise daran gehindert werden, den Kopf zu bewegen, um den Schuss gezielt auf die Stirn abgeben zu können. Der Vorgang legt eine Hinrichtung nahe.

 

Wieso Hinrichtung?, fragt sich Gropper.

Dann nimmt er sich das Protokoll des Erkennungsdienstes vor.

 

Tatwaffe: Infanterie-Karabiner 98k mit Spitzgeschoss Kaliber 7,92. An Kolben, Lauf und Abzugshahn Reste von Enzianschnaps und Schnupftabakkrümel. Schuhabdrücke von vier Personen auf dem Teerpappedach der Garage: 2 Paar Nagelsohlen, 1 Paar flache Sohlen und 1 Paar mit spitzen Absätzen. Im Erdreich hinter der Garage die gleichen Sohlenabdrücke, die zu einer hohen hölzernen Umzäunung an der Innsbrucker Straße führen. Aus dem Zaun sind zwei Bretter herausgebrochen.

 

Nur Wehrmachtssoldaten tragen Nagelstiefel, überlegt Gropper. Demnach könnten zwei der Täter ehemalige Wehrmachtsangehörige, eventuell Gebirgsjäger gewesen sein. Das Schuhpaar mit den spitzen Absätzen könnte außerdem eine Frau als Täterin einschließen. Die flachen Sohlen lassen sich nicht zuordnen. Vielleicht stammen sie von einem Amerikaner.

 

In einem Gebüsch neben der Garage zwei Hundert-Dollar-Scheine und ein blau-weiß kariertes, mit Enzianschnaps getränktes Schnupftuch mit Schnupftabakflecken und anhaftenden Tabakkrümeln. Vor dem Lokal der blaue Buick Super des Opfers, Limousine, 4-türig, geparkt. Aufnahmen liegen bei.

Durch die Hinterlassungen zahlreicher Personen sind die am Tatort gesicherten Spuren größtenteils zerstört oder unbrauchbar. In den beschlagnahmten Geschäfts- und Privatordnern keine Hinweise auf Tatverdächtige. Ebenfalls keine Spuren in den neben dem Büro liegenden sauber geputzten fünf Fremdenzimmern.

 

Resigniert legt Gropper das Protokoll beiseite. Er kommt sich vor wie der Ochs vorm Berg. Nie wird er da etwas herausbekommen. Zumal er auch Amerikaner verdächtigen und vernehmen muss. Das aber wird das örtliche CIC nie erlauben und ihn schroff abweisen.

Gropper wird wieder einmal klar: Er hat den falschen Beruf. Das wusste er von Anfang an.

Der Kripoleiter kommt in sein Zimmer und legt ihm einen großen Umschlag der Spurensicherung auf den Tisch.

»Schau dir die Fotos an. Dann hast du einen Überblick, was dir bevorsteht.«

Gropper will den Umschlag gar nicht anfassen. Dann zieht er doch ein Foto hervor: ein himmelblauer Buick Super, wie sie in Hollywood-Filmen vorkommen, eine breite, schwere Limousine, die Reichtum symbolisiert. Weißwandreifen, hufeisenförmiger Kühlergrill mit senkrechten Chromstäben, breite Chromstangen. Der Kühlergrill mit den Chromstäben sieht aus wie ein Haifischmaul. Fehlen nur noch die Palmen und der Meeresstrand.

»Die Luxuskarosse des Opfers«, sagt der Kripoleiter. »Interessant, dass er einen solchen Schlitten besessen hat. Also Courage, Gropper. Morgen geht es los.«

Gropper sträubt sich immer noch. Doch es hilft alles nichts. Der Kripoleiter lässt nicht locker, er ermuntert ihn: »Vielleicht kommt dir in deiner Heimat so manche Idee, die dir hilft bei deinen Ermittlungen. Wer weiß. Das hab ich auch schon erlebt. Ist doch schön, zu alten Orten zurückzukehren. Da gab’s doch auch Erfreuliches.«

Da fällt Gropper seine Jugendliebe Wilma ein. Er sieht wieder ihr langes braunes Haar vor sich, ihren roten Mund und ihre schön geschwungenen Lippen. Wilma Gschwandtner, die Metzgerstochter, die Fleisch und Würste hasste. Wenn Schlachttag war, lief sie den ganzen Tag im Wald herum und kam erst wieder nach Hause, wenn die ausgeweideten Tiere im Kühlhaus hingen. Sie wollten damals heiraten und in einem Forsthaus leben, fernab vom Schlachthaus ihres Vaters. Warum haben sie es nicht getan?

Sieben Jahre hat er Wilma nicht mehr gesehen. Was ist aus ihr geworden? Lebt sie noch in Mittenwald? Hat sie doch die Metzgerei ihres Vaters übernommen?

Obwohl er nun schon vierzehn Jahre verheiratet ist, hat Gropper Wilma nie vergessen. Er liebt sie noch immer. Davon ist er überzeugt.

Plötzlich drängt es ihn nach Mittenwald – zu Wilma. Sie ist ihm nun wichtiger als dieser Fall Nafziger. Also auf nach Mittenwald.

Kapitel 2

 

»Drive carefully! Death is so permanent!«

Amerikanisches Transparent zur Verkehrssicherheit.

 

Sieben Jahre war er weg. Jetzt ist er wieder da. Der Bahnhof sieht noch genauso aus wie damals, als er von hier mit Luise nach St. Gallen abhaute. Auf den Bahnsteigen tragen immer noch die kunstvoll verzierten Säulen aus Gusseisen die geschwungenen, schmalen Dächer. Gropper steigt die Treppen hinab, durchquert den leicht nach Urin stinkenden Tunnel unter dem Gleis und geht auf der anderen Seite die Treppen wieder hoch. Früher liefen viele einfach quer über das Gleis, was natürlich verboten war. Große Schilder verbieten das auch heute noch. Beim Vorübergehen am eisernen Geländer streift er wie früher mit den Fingern an den klingenden Gitterstäben entlang und gibt dem Fahrkartenkontrolleur in seiner alten Reichsbahnuniform das braune gelochte Pappebillett. Dieser schaut streng auf das Datum und wirft es in die Blechtonne mit der Aufschrift »United Oil« neben ihm. Über dem Kontrolleur verkündet an der Bahnhofswand das alte Stationsschild: »Mittenwald«. So wie früher.

Die Schalterhalle ist voller lärmender Menschen. Hier herrschte immer schon dichtes Gedränge. Doch früher waren es Touristen aus dem ganzen Reich mit ihren teuren Lederkoffern und Hutschachteln oder Skigarnituren, bedrängt von feilschenden Gepäckträgern. Touristen, die hier ihren Sommerurlaub verbringen oder im Schneeparadies ihre Künste auf der Piste zeigen wollten. Nun sind es müde, ausgehungerte, zerlumpte menschliche Wracks, die aussehen, als hätte sie ein Mülltransporter von der Ladefläche gekippt. Ihr Gepäck besteht aus zugeschnürten Kartons, löchrigen Jutesäcken und Bündeln, zusammengewickelt aus schmutzigen Betttüchern. Auf dem mit Dreck übersäten Kachelboden liegen die Menschen in der Mitte der Halle und in den Ecken, zugedeckt mit stinkenden Pferdedecken oder nur mit Zeitungen, gedruckt in Sprachen, die kaum einer versteht.

An der großen Sperrholzwand neben der Gepäckaufbewahrung haften Hunderte von Zetteln. Reißnägel und Leukoplastkleber halten die Papierfetzen, auf denen mit Bleistift oder Tintenstift krakelig geschrieben steht: »Suche Kochherd. Biete Trauring. Hertl, Mittenwald. Im Gries 8.« – »Petrowitsch Hoog, wo bist du? Wir sind in der Turnhalle Dammkarstraße!« – »Fräulein, Anfang 30, gute Erscheinung, sucht Lebenspartner in der Lebensmittelbranche. Briefe unter A 3 postlagernd, Mittenwald.« – »Wer kann Auskunft geben über Obgfr. Joh. Löffler? Feldpost-Nr. 24 826 E. Vermisst seit 20. Nov. 1944 südl. Belgrad. Um Nachricht bittet Margit Löffler, Mittenwald, Matthias-Klotz-Str. 23.« – »Biete Herren-Lederhosen, getr., Bundweite 95 cm. Suche Kinderbett und elektr. Bügeleisen 220 Volt. Elfriede Vogt, Mittenwald, Innsbrucker Str. 56.«

Gropper tritt heraus auf den Bahnhofplatz. Da steht mit einem Schlag die Erinnerung vor ihm an das, was ihm seine Schwester Theres erzählt hat. Nach seiner Rückkehr aus der Schweiz hat sie ihn und Luise in Gauting besucht und ihnen berichtet, was hier direkt nach Kriegsende los war. Theres ist damals in Mittenwald geblieben und hat das Chaos miterlebt. Sie haben auch oft darüber telefoniert. Noch deutlich hat er ihre Stimme und ihre Schilderungen im Ohr.

Tagelang strömten Kolonnen flüchtender Wehrmachtssoldaten und SS-Einheiten durch den Ort. Ihre Waffen hatten sie in Seen oder in die Isar geworfen. An ihren Leibern hingen verdreckte und zerfetzte Uniformen. Viele humpelten ohne Stiefel, die Füße nur mit Tüchern umwickelt. Häufig fehlte ihnen ein Bein oder ein Arm; die Augen waren leer, leer auch schon seit Langem ihre Dosen für die Marschverpflegung. Überholt wurden sie von Wehrmachts-Lkws, bis unter die Plane vollgeladen mit Nahrungsmitteln, in letzter Minute geraubt aus Depots. Für alle galt nur das eine: die Flucht in die Alpen.

Nach ihnen kamen Massen von Flüchtlingen aus Schlesien und dem Sudetenland. Ihre Pferdefuhrwerke waren vollgeladen mit Koffern, Kisten, Säcken und Haushaltsgeschirr, mit alten, kranken Menschen und mit kleinen Kindern. Die Handkarren und Kinderwagen waren so schwer beladen, dass jeden Augenblick die Achsen brechen konnten. Sie belagerten den Ort, wurden behelfsmäßig in Hotels, Villen, Schulen und Gewerbehallen einquartiert.

Gleichzeitig wurden Tausende von KZ-Häftlingen in ihren dünnen, blau-weiß gestreiften Drillichanzügen von SS-Wachen durch Mittenwald getrieben. Ausgemergelt, halb verhungert, halb erfroren und in ihren Holzschuhen konnten sie sich auf ihrem Todesmarsch aus dem KZ Dachau Richtung Österreich kaum noch auf den Beinen halten. Einen Tag lang stand im Bahnhof ein Zug mit fast zweitausend KZ-Häftlingen aus Dachau, schwer bewacht von der SS mit Hunden. In der Nacht sind die Bewacher dann plötzlich verschwunden, und die Häftlinge taumelten aus den Güterwaggons, verkrochen sich in Schuppen und Heustadeln und vegetierten in den umliegenden Wäldern dahin.

Aus den Lagern befreite Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene aus Osteuropa irrten umher und rächten sich an der deutschen Bevölkerung, indem sie in Villen einbrachen und plünderten.

Flüchtlinge und Mittenwalder stürmten die Kaufhäuser, raubten alles, was sie kriegen konnten. Wer seine Wohnung auch nur für kurze Zeit verließ, musste damit rechnen, dass sie in der Zwischenzeit ausgeräumt wurde. Auch verwahrloste Jugend- und sogar Kinderbanden aus den aufgelösten Erziehungsanstalten und Waisenhäusern rotteten sich zusammen, überfielen Menschen auf den Straßen und plünderten Lebensmittelläden.

In dem hübschen, von Bomben verschonten Bilderbuchstädtchen Mittenwald wurde ein geordnetes Leben unmöglich. Es gab keinen Strom, kein Gas und kein Wasser mehr. Jeder war sich selbst der Nächste, jeder kämpfte ums Überleben. Kriminalität griff um sich. Raub, Mord und Totschlag wurden zur Normalität. Dazu war der Ort voller Kinder und Schüler, die durch die Kinderlandverschickung aus dem zerbombten München hierher in Sicherheit gebracht worden waren.

Schließlich rückten die amerikanischen Kampftruppen ein mit ihren Panzern, Kettenfahrzeugen, Lastwagen und Jeeps mit aufgebauten Maschinengewehren. Unter ihnen viele schwarze GIs – für die Mittenwalder unfassbar. »Wieso auf oamoi de Näga? So vüi Näga! War denn Afrika a im Kriag gegn uns?«

Ihnen folgten die Besatzungstruppen. Sie schufen sich Platz, indem sie die Hotels, die Villen und Chalets räumten, in denen man die Flüchtlinge, die ehemaligen Zwangsarbeiter und die aus den KZs befreiten Juden untergebracht hatte. Sie mussten woandershin verfrachtet werden.

Die Militärregierung verkündete Deklarationen, verfügte strenge Anordnungen: Ablieferung aller Waffen, Ausgangssperre, Registrierung aller Einwohner, das Verbot, mit dem Auto, sogar mit dem Fahrrad zu fahren. Auf der Straße durften sich nicht mehr als vier Personen versammeln.

Die Amerikaner, immer noch im Feindesland, griffen hart durch. Die Militärpolizei erschoss auch Zivilisten, wenn sie es für nötig hielt. Menschen etwa, die sie für flüchtende SS-Männer hielt. Es waren aber Juden aus dem KZ Dachau. Sie hatten ihre gestreifte Häftlingskluft gegen gewendete Uniformen getauscht, die sie in den Wäldern gefunden hatten.

Nach und nach beruhigte sich die Lage, die strengen Verordnungen wurden gelockert, und nun, ein Jahr nach Kriegsende, beginnt man, das Chaos zu organisieren.

Gropper steht auf dem Bahnhofplatz und schaut sich um. Das Gebirge steht noch wie damals: Auf der einen Seite der Karwendel und auf der anderen Seite der Wetterstein. Als wäre nichts geschehen in der Zwischenzeit.

Die Sonne strahlt am blauen Himmel und lässt den Ort wie in einem oberbayerischen Bilderbuch aufleuchten. So kennt man Mittenwald von tausend Werbefotografien: ein hübsches, buntes Puppendorf. Es ist noch früh am Vormittag, und die Luft an diesem ersten Junitag ist noch frisch, würzig und wohltuend.

Gropper atmet kräftig durch. Er muss sich erst mal erholen von der Fahrt. Schon beim Halt in Gauting war der Zug aus München völlig überfüllt. Dicht gedrängt hockten und standen die Menschen in den alten, ratternden Waggons. Die meisten von ihnen waren auf Hamsterfahrt. In den Gepäcknetzen, auf den Gängen und zwischen den Bänken war alles vollgepackt mit alten Koffern und Rucksäcken, prall gefüllt mit Pelzjacken, Anzügen, Schuhen, Stiefeln, auch mit Schmuck, Silberbesteck und Porzellan. Sie mussten in Kartoffeln, Schinken, Mehl und Eier umgetauscht werden.

In Starnberg stieg ein Schub neuer Reisender zu. Auch sie wollten aufs Land, von Bauer zu Bauer, von Tausch zu Tausch. Gropper überließ seinen Sitzplatz einem beinamputierten Mann mit Krücken. Dieser tippte nur stumm an seine alte Wehrmachtsmütze und ließ sich stöhnend nieder. Gropper zwängte sich hinaus auf die Plattform und musste sich draußen am Scherengitter in eine Ecke drücken. Als an den Stationen die Gitter zum Aussteigen und Einsteigen nach oben geklappt wurden, musste er sich am Griff festhalten, um nicht mit hinausgeschoben und von den Zusteigenden nicht rückwärts über die Gepäckberge gestoßen zu werden.

Er muss Luise anrufen. Jedes Mal, wenn Gropper verreist, muss er Luise versprechen, sie sofort nach seiner Ankunft anzurufen, um ihr mitzuteilen, dass er gut angekommen ist.

Die beiden gelben Telefonhäuschen neben dem Bahnhofseingang sind immer noch da, doch von beiden Apparaten sind die Hörer abgeschnitten.

In der Bahnhofswirtschaft kann er nicht anrufen. So früh am Morgen ist sie noch geschlossen.

Ein großes Transparent an einer Häuserfront fällt ihm auf. Auch in München hängt so ein Spruchband, am Sendlinger Tor hat man es aufgespannt. »Drive carefully! Death is so permanent!«, steht darauf.

Vor dem Krieg standen auf dem Bahnhofplatz Pferdekutschen und Taxis, in die die Touristen stiegen, gefolgt von den schwer beladenen Gepäckträgern. »Zum Hotel ›Alpenrose‹!« – »Zum Hotel ›Post‹!« – »Zum Hotel ›Traube‹!«, hieß es damals. Und die roten Fahnen mit dem schwarzen Hakenkreuz auf weißem Grund wehten dazu.

Jetzt stehen auf dem Platz die Jeeps der Amerikaner. Kaugummi kauend und in gebügelten Uniformen fläzen sie sich lässig in ihren Sitzen und schauen scheinbar gelangweilt in die Gegend. Einer von ihnen reinigt sich mit der Klinge seines Taschenmessers die Fingernägel.

Dazwischen stehen ausrangierte Postbusse mit den Zielen »Schule«, »Turnhalle«, »Lagerhalle Sägewerk«, in die Flüchtlinge ihre Säcke, Kartons und Stoffbündel wuchten und hastig hinterherklettern. Dazu wellt sich über einem der Gebäude das bunte Sternenbanner mit den Stars and Stripes im Wind.

Drive carefully! Death is so permanent!, denkt Gropper immer wieder. Death is so permanent.

Über den gesamten Platz verstreut stehen hier und da zwei oder drei Leute beisammen, Männer und Frauen, aber auch Jugendliche und junge Frauen. Während sie knappe Worte wechseln, blicken sie verstohlen nach allen Seiten. Dann tauschen Waren und Geld schnell die Besitzer.

Schwarzmarkt ist verboten. Die in ihren Jeeps dösenden Amerikaner greifen nicht ein, obwohl sie alles und jeden genau beobachten. Sie lassen die Leute in Ruhe. Sie packen erst zu, wenn ein besonderer Befehl von oben kommt.

Gropper kennt den Schwarzmarkt von München und auch vom Gautinger Bahnhof. Er möchte wissen, wie hier die Preise sind, und tritt an einige heran, fragt leise nach ihren Angeboten und Preisen. Man antwortet nicht sofort, taxiert ihn erst mal kritisch. Man kennt diesen Neuen nicht, er war noch nie da, man muss vorsichtig sein. Vielleicht ist er ein Spitzel, der eine Falle stellt.

Nach einigem guten Zureden kann er einem die Preise entlocken: eine »Ami« zwanzig Mark, ein Pfund Käse fünfzig, ein paar Seidenstrümpfe hundertzwanzig, ein Pfund Butter hundertdreißig, eine Flasche Cognac vierhundert, Whisky fünfhundert, ein Kilo Bohnenkaffee sechshundert. Die Preise ungefähr wie in München.

Da tritt ein hochgewachsener Mann in einem langen dunkelgrünen Lodenmantel und mit einem grauen Filzhut zu ihnen. In der schwarzen Kordel um den Filz steckt eine Fasanenfeder. Sein Gesicht ist faltenlos, glatt rasiert, und auf der Oberlippe sprießt ein gepflegtes Bärtchen. Die ganze Erscheinung erinnert Gropper an Willy Birgel auf Bayrisch. Im Gegensatz zu seinem vornehmen Aussehen schubst er den Händler, mit dem Gropper gerade spricht, ruppig beiseite und haucht ihm ins Ohr: »Nazi? SS?«

»Was haben Sie denn?«, fragt Gropper.

»Alles, was Sie wünschen.«

Mit seinen langen Fingern fährt er eilig über die Hornknöpfe seines Lodenmantels, öffnet ihn und zieht darunter den Reißverschluss seines Jankers hinunter.

An den Innenseiten kommen zahlreiche angenähte Taschen zum Vorschein, alle vom Inhalt stark ausgebeult. Einen ganzen Laden trägt er da mit sich herum.

»Totenkopfring? Orden und Abzeichen? Dokumente?«

»Was für Dokumente?«

»Morgen, zwei Uhr?«

Gropper ist neugierig, was der Mann zu bieten hat, lässt es wie in einer Lotterie darauf ankommen und verabredet sich für den nächsten Tag, obwohl er weiß, dass so ein Handel illegal ist. Irgendetwas wird er wohl mitbringen.

»Kommen Sie auf jeden Fall. Ich will die Sachen nicht bei mir haben, wenn ich festgenommen werde.« Abrupt dreht sich der Mann um und verschwindet in der Menge.

Gropper muss einigen Kippensammlern ausweichen, die tief gebückt das Pflaster absuchen, die gefundenen Kippen begutachten und sie in ihre Tüten stecken. Zehn Kippen können sie gegen eine Zigarette eintauschen.

Gegenüber vom Bahnhofplatz befindet sich immer noch die Post. Dort will er nun Luise anrufen. Doch die beiden Telefonhäuschen vor dem Gebäude sind verriegelt. Zettel kleben an den Glastüren: »Außer Betrieb« und »Out of service« steht darauf.

»Verdammter Mist«, flucht Gropper. Er geht in den Schalterraum. Hinten links befanden sich früher zwei weitere Telefonkabinen. Sie stehen auch jetzt noch da, aber davor haben sich zwei elend lange Schlangen von Wartenden gebildet. Pfeif drauf, sagt er sich, verlässt die Post und macht sich auf in den Ort. Dabei kommt er hinter dem Postamt am Kurhaus vorbei. Über dem Eingang mahnt ein großes Transparent: »No fraternization«. Darunter steht in großen Buchstaben: »Veronika Dankeschön«. Auch diese Danksagung kennt Gropper aus München, wo in Tanzlokalen ebenfalls vor der Geschlechtskrankheit Veneral Disease, kurz: V.D., gewarnt und mit »Veronika Dankeschön« gegrüßt wird. Doch die GIs lassen sich davon nicht abschrecken und fraternisieren mit den deutschen »Froileins«.

Hinter einer Grünanlage sieht er seine alte Schule. Sofort hat er wieder den Geruch von Bohnerwachs in der Nase, mit dem damals die Fußböden der Flure und Klassenzimmer eingerieben wurden, und denkt an die schmerzhaften Tatzen auf die innere Handfläche. Mit dem Ranzen auf dem Rücken, darin Tafel, Griffel, Fibel und außen an einer Schnur baumelnd der Schwamm, ging er oft mit Angst vor den Lehrern in diesen ungeliebten Bau. Nur vor einem Lehrer hatte er keine Angst, vor Lehrer Maier, der Schreiben und Singen unterrichtete. Zu ihm ging er immer gern. Er war ganz anders als die anderen Pauker, die die Schüler genüsslich drangsalierten. Er hatte für sie immer ein gutes Wort und lobte sie. Lehrer Maier mochte er.

Mit seinen Freunden Feigl, Kilian und Nafziger ging er jahrelang in dieselbe Klasse. Sie klebten ihren Bärendreck, die gekauten Lakritzkugeln, unter die Schulbank. Er ging auch zusammen mit Wilma in diese Schule. Doch am Eingang gabelten sich ihre Wege. Die Mädchen wurden in getrennten Klassen unterrichtet. In den Pausen waren sie auf dem Schulhof wieder beisammen und spielten Nachlaufen oder standen in Gruppen zusammen. Einmal bot er ihr sein Pausenbrot mit Wurst an. Als sie das sah, schüttelte sie sich und lehnte ab. Da erfuhr er, dass sie als Metzgerstochter keine Wurst mochte, sie sogar verabscheute. Für ihn unverständlich.

Aus Kindern wurden Jugendliche. Im Fremdenverkehrsamt an der Bahnhofstraße begegneten sie sich wieder: Wilma war mittlerweile achtzehn, zu einem schönen Mädchen herangewachsen und arbeitete in der Touristeninformation. Gropper war ein Jahr älter und Gelegenheitsarbeiter. Nach dem Tod seines Vaters musste er für die Familie Geld verdienen, für kurze Zeit auch in diesem Tourismusbüro. Er holte die neuen Veranstaltungsblätter ab, um sie in den Hotels auszulegen. Darin gab es Hinweise auf organisierte Wanderungen durch das Werdenfelser Land, auf Führungen in den Wetterstein und den Karwendel, auf Heimatabende, Lichtbildervorträge über den Geigenbau und die Lüftlmalerei. Er klebte Plakate für Kurkonzerte, Ausstellungen und Volkstanzabende in Originaltrachten. Gerne ließ er sich die neuen Werbebroschüren von Wilma in die Hand drücken. Oft besuchte er das Tourismusbüro nur, um sie zu sehen. Nach ihrem Dienstschluss gingen sie dann in eine Eisdiele oder in ein Café, wo sie sich schon sehr erwachsen fühlten. An Sonntagen spazierten sie an der Isar entlang und setzten sich ins Gras. Ihre vorsichtigen Berührungen elektrisierten beide. Sie verliebten sich, schwärmten von ihrer Zukunft, von einem Häuschen im Wald, und Wilma sprach sogar von Heirat und Kindern. Doch er heiratete schließlich eine andere Frau, und Wilma zog mit dem Verkehrsamt von der Bahnhofstraße um in das neue Rathaus in die Dammkarstraße.

Dorthin will er jetzt. Vielleicht arbeitet sie dort immer noch, auch nach so vielen Jahren. Im Rathaus hat er sie zuletzt getroffen, kurz bevor er Mittenwald verließ. Er war damals schon einige Jahre mit Luise verheiratet, trotzdem musste er Wilma zum Abschied noch einmal sehen. Diese letzte Begegnung aber war eisig. Sie beachtete ihn kaum, zischte ihm nur von der Seite zu: »Geh zurück zu deiner Frau.«

Gropper wagt sich kaum vorzustellen, wie sie reagieren wird, sollte er sie jetzt hier tatsächlich wiedersehen.

Als er von der Bahnhofstraße rechts in die Dammkarstraße einbiegt, sieht er schon von Weitem das Rathaus. Früher war es das »Haus der Nationalsozialisten« mit der Hakenkreuzfahne. Jetzt hat sich in einem Flügel des Gebäudes das »Military Government Detachment Mittenwald«, die Standortkommandantur, niedergelassen, und auf dem Dach weht das Sternenbanner. Vor dem Eingang steht die »Constabulary« mit ihren olivfarbenen, glänzend lackierten Helmen mit den doppelten weißen Rundstreifen und dem großen goldenen C darauf und mit akkuraten Bügelfalten in den Uniformhosen, die sich über ihre halbhohen Schnürstiefel bauschen. Sie sind die »Troopers«, die Sheriffs.

Gropper betritt den anderen Gebäudeflügel, in dem sich das Fremdenverkehrsamt mit der Touristeninformation befand und wo er Wilma zum letzten Mal sah. In dem großen Vorraum weist ein Pfeil nach rechts zum Bürgermeisteramt. Das befindet sich also immer noch hier. Der andere Pfeil zeigt nach links zur Einwohnermeldestelle. Kein Verkehrsamt, keine Wilma. Und das Einwohnermeldeamt ist heute, am Samstag, geschlossen. Erst am Montag kann er dort nach ihr fragen.

Ich muss sie finden, ich muss sie finden, denkt er. Ich muss zur Metzgerei ihres Vaters im »Haus Adler« neben der Kirche. Er marschiert also in Richtung Metzgerei Gschwandtner.

Auf dem Weg dorthin kommt er auf der Bahnhofstraße an kleinen Kramerläden vorbei, in denen früher Kurzwaren, Hosenträger, Petroleum, Schuhwichse, Essig und Öl verkauft wurden. Jetzt stehen in den Schaufenstern Coca-Cola-Flaschen, Milchpulver, Nescafé-Dosen, Corned-Beef- und Maisbüchsen.

Auf dem Bürgersteig drängen sich zermürbte Männer in Lumpen, die vollgepackte Leiterwägelchen hinter sich herziehen, und abgemagerte Frauen mit kleinen Kindern auf den Armen. Sie reden in fremden Sprachen und fremden Dialekten. Er weicht dem Menschenknäuel aus, überquert die Straße und wäre dabei beinahe in frische, noch flüssige Kuhfladen getreten.

Ihn überkommt ein beruhigendes und anheimelndes Gefühl: Immerhin gibt es noch Kühe.

Ein mit Heu hoch beladener Wagen rappelt vorbei, gezogen von zwei Pferden. Er atmet den würzigen, ihm so vertrauten Duft des Heus ein. Ein wenig sticht er in der Nase, sodass er fast niesen muss. Durch das Rattern verliert der Wagen immer wieder große Büschel, die neben die Kuhfladen fallen. Das Futter gesellt sich zum Mist.

Vor dem Gebäude der ehemaligen Raiffeisenbank, in das nun die Bar »Broadway« mit Fotos von Pin-up-Girls lockt, steht immer noch das lange Holzpodest. Hier stellten früher die Bauern und auch er mit seinem Vater die großen, silbern glänzenden Milchkannen für das Molkereiauto ab. Jetzt hocken bewaffnete GIs auf dem Abstellbrett, schauen auf die vorüberziehenden Menschen und die alten Autos und wundern sich, dass diese Klapperkisten überhaupt noch fahren. Gropper hingegen wundert sich über die vielen neuen, teuren Wagen, die durch Mittenwald rollen: Porsche, BMW, Mercedes. Auch amerikanische Luxusschlitten: Buick und Chrysler, chauffiert von vornehmen Herren und Damen, die ihre Gesichter hinter großen Sonnenbrillen verbergen. Sonderbar, grübelt er, so kurz nach dem Krieg dieser Luxus in all dem Elend.

Woher kommt dieser plötzliche Reichtum?

Auf dem letzten Stück der Bahnhofstraße kommt der Lingl Mucki auf ihn zu. Er erkennt ihn sofort wieder. Auch mit ihm ist er zur Schule gegangen, und als Gendarm musste er ihn wegen Holzdiebstahls festnehmen, das gab ein Jahr Gefängnis für Mucki.

Keine Handreichung von beiden, nur eine spöttische Feststellung von Mucki: »Na, auch wieder im Lande?«, wobei er seine alte Filzkappe herausfordernd nach hinten schiebt. »Wieder eifrig im Dienst, Herr Gendarm?«

Gropper hat keine Lust, mit ihm zu reden, und will weitergehen. Doch Mucki stellt sich ihm in den Weg. »Gut gelebt in der Schweiz?«

»Was dagegen?«

»Ja.«

Wieder will er weiter, doch Mucki sagt provozierend: »Wir haben hier den Kopf hinhalten müssen, aber du hast gekniffen, du Drückeberger.«

Gropper schiebt ihn beiseite und geht schnell davon. Kein schöner Empfang, während am Straßenrand hinter Holzzäunen Flieder und Goldregen blühen.

Der Lingl Mucki wird dafür sorgen, dass es bald alle wissen: Der Gendarm ist wieder da. Bestimmt ist er wieder hinter jemandem her. Halt’s die Goschn, wenn er was fragt.

Durch das kurze Stück Hochstraße hindurch, dann steht er an der Ecke Ballenhausgasse vor dem »Haus Adler«, direkt neben der Kirche mit dem kunstvoll bemalten Kirchturm. Hier befand sich damals die Metzgerei von Wilmas Vater. Über dem Balkon ist noch die Lüftlmalerei »Bayer und Tiroler reichen sich die deutsche Bruderhand« zu sehen, aber das Geschäft gibt es nicht mehr. Wo früher auf der weißen Wand über dem Schaufenster in schöner barocker Schrift »Metzgerei und Wurstwaren« gemalt war, ist nun ein großes Blechschild angebracht: »Notquartier-Nachweis – Suchdienst des Bayerischen Roten Kreuzes – Vermisstenstelle«.

Seine Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Wilma fällt zusammen wie ein Kartenhaus. Dennoch umfasst er die gusseiserne Klinke mit der Mähne des Löwenkopfes und drückt die alte geschnitzte Holztür auf. Der Raum quillt über vor Menschen. Jeder drängt sich zu den Tischen an der Wand, jeder will etwas wissen. Alle schreien durcheinander.

Gropper schaut sich um. Das war der Laden. Noch immer sind da die schönen roten Bodenfliesen und die blauen Kacheln an den Wänden. Als Jugendlicher war er oft unter dem Vorwand, Wurst kaufen zu wollen, in diese Metzgerei gegangen, um Wilma hinter dem Tresen zu sehen oder vielleicht sogar von ihr in ihrer weißen Rüschenschürze und mit einem Häubchen auf dem Kopf bedient zu werden. Doch jedes Mal traf er nur ihre Mutter oder ihren Vater an. »Die Wilma ist nicht da«, sagten sie, und weil sie ihm so sehr ihre frische Rot- und Zungenwurst empfahlen oder ein frisches Kotelett, kaufte er es gezwungenermaßen. Doch weil es nicht aus Wilmas Hand kam, schmeckte ihm dieses Fleischzeug zu Hause gar nicht.

Wilmas Vater konnte nicht verstehen, dass seine Tochter Fleisch und Wurst hasste, im Laden nicht bedienen und später auch nicht die Metzgerei übernehmen wollte. Immer wieder redete er auf sie ein, einen Mann zu heiraten, der seine Metzgerei weiterführen sollte. Sie aber hatte keine Lust, eine Metzgersfrau zu werden. Um sein Geschäft zu behalten, trat er 1933 in die NSDAP ein. Und das mit Erfolg. Die gesamte Mittenwalder SA und SS kaufte bei ihm ein. Er wurde reich. Doch jetzt gibt es die Metzgerei nicht mehr.

Wo ist Wilma? Trotz »Suchdienst« und »Vermisstenstelle« hat Gropper keine Lust, hier nach ihr zu fragen. Er muss andere Wege finden. Es bleiben ja noch das Einwohnermeldeamt und seine Schwester Theres.

Kaum ist er auf die Straße getreten, steht die Rohrmoserin vor ihm, früher die Leiterin der Frauenschaft unter dem damaligen Ortsgruppenleiter Sattler.

»Ja da schaug hea. Wen siech i denn da? Dea Gropper Martl. Bist privat hiea? Oder gar gschäftlich als Schandi?«

»Privat.«

»So, so«, zischt sie spitz. »Privat.«

Er sieht ihr an, dass sie ihm nicht glaubt.

»Jetz is ja de Luft wieda rein. Jetz traust di wieda hea.«

Um das Thema zu wechseln, fragt er sie: »Wo sind denn die Gschwandtner geblieben?«