Die neue Praxis Dr. Norden 13 – Arztserie - Carmen von Lindenau - E-Book

Die neue Praxis Dr. Norden 13 – Arztserie E-Book

Carmen von Lindenau

0,0

Beschreibung

Daniel Norden und Olivia planen ihre Hochzeit, vernachlässigen dabei aber keineswegs ihre jeweiligen Patienten. Gemeinsam suchen sie nach einer Lösung für die Nöte des jungen Programmierers Pascal, der am chronischen Erschöpfungssyndrom leidet und immer mehr vereinsamt. Und der Krankenschwester Kerstin fühlt sich Daniel zu großem Dank verpflichtet, denn sie hat die Trauringe gefunden, die Daniel verloren hatte. Pascal und Kerstin kann geholfen werden, die Trauringe sind wieder da, jetzt fehlt nur noch ein Termin beim Standesamt … "Danke, dann werde ich wohl noch ein wenig Geduld haben müssen", sagte Daniel und beendete das Telefongespräch. In den letzten zwei Stunden hatte er fast jedes Standesamt in der Stadt angerufen, um einen Termin für seine Trauung mit Olivia zu bekommen. Überall erhielt er die gleiche Antwort, dass in den nächsten drei Monaten kein Termin mehr frei war. Nur das Standesamt Schwabing hatte ihm ein wenig Hoffnung gemacht. Ein Termin in vierzehn Tagen würde möglicherweise zur Verfügung stehen. Das Paar, das ihn für sich reserviert hatte, schien inzwischen unschlüssig, ob es diesen Schritt wagen sollte. Sie hatten den Termin bereits einmal abgesagt, ihn aber innerhalb von fünf Minuten wieder gebucht. Die freundliche Dame, mit der Daniel telefoniert hatte, wollte ihm Bescheid geben, sollte der Termin erneut frei werden. Das ist schwieriger, als ich es mir vorgestellt habe, dachte Daniel und zog die Terrassentür auf. Morgen würde er noch einige Standesämter in der näheren Umgebung anrufen, jetzt brauchte er erst einmal ein bisschen frische Luft, bevor er wieder in die Praxis ging. Er setzte sich auf die restaurierte Hollywoodschaukel mit dem weißgelb gestreiften Stoffdach und dem gelben Polster und schaute über die Lorbeerhecke hinweg auf das Grundstück der Mais mit seinen Rosenbüschen und Obstbäumen. "Hallo, Doc, schon Erfolg gehabt?!", rief das Mädchen, das auf seinem Fahrrad in die Einfahrt des Nachbargrundstückes einbog. Es trug einen gelben Pullover zu roten Jeans, und das lange hellrote Haar quoll unter dem moosgrünen Helm hervor. "Ich komme mal rüber!", antwortete Ophelia Mai, als Daniel bedauernd den Kopf schüttelte. Sie stellte das Fahrrad vor die Garage, setzte den pinkfarbenen Rucksack ab und legte ihn vor die türkisfarbene Eingangstür ihres Hauses. "Wie war es in der Schule?", fragte Daniel, als Ophelia gleich darauf zu ihm auf die Terrasse kam.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 117

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS



Die neue Praxis Dr. Norden – 13 –

Hochzeit mit Hindernissen

Der Weg zum Standesamt ist voller Tücken

Carmen von Lindenau

»Danke, dann werde ich wohl noch ein wenig Geduld haben müssen«, sagte Daniel und beendete das Telefongespräch.

In den letzten zwei Stunden hatte er fast jedes Standesamt in der Stadt angerufen, um einen Termin für seine Trauung mit Olivia zu bekommen. Überall erhielt er die gleiche Antwort, dass in den nächsten drei Monaten kein Termin mehr frei war.

Nur das Standesamt Schwabing hatte ihm ein wenig Hoffnung gemacht. Ein Termin in vierzehn Tagen würde möglicherweise zur Verfügung stehen. Das Paar, das ihn für sich reserviert hatte, schien inzwischen unschlüssig, ob es diesen Schritt wagen sollte. Sie hatten den Termin bereits einmal abgesagt, ihn aber innerhalb von fünf Minuten wieder gebucht. Die freundliche Dame, mit der Daniel telefoniert hatte, wollte ihm Bescheid geben, sollte der Termin erneut frei werden.

Das ist schwieriger, als ich es mir vorgestellt habe, dachte Daniel und zog die Terrassentür auf. Morgen würde er noch einige Standesämter in der näheren Umgebung anrufen, jetzt brauchte er erst einmal ein bisschen frische Luft, bevor er wieder in die Praxis ging.

Er setzte sich auf die restaurierte Hollywoodschaukel mit dem weißgelb gestreiften Stoffdach und dem gelben Polster und schaute über die Lorbeerhecke hinweg auf das Grundstück der Mais mit seinen Rosenbüschen und Obstbäumen.

»Hallo, Doc, schon Erfolg gehabt?!«, rief das Mädchen, das auf seinem Fahrrad in die Einfahrt des Nachbargrundstückes einbog. Es trug einen gelben Pullover zu roten Jeans, und das lange hellrote Haar quoll unter dem moosgrünen Helm hervor. »Ich komme mal rüber!«, antwortete Ophelia Mai, als Daniel bedauernd den Kopf schüttelte. Sie stellte das Fahrrad vor die Garage, setzte den pinkfarbenen Rucksack ab und legte ihn vor die türkisfarbene Eingangstür ihres Hauses.

»Wie war es in der Schule?«, fragte Daniel, als Ophelia gleich darauf zu ihm auf die Terrasse kam.

»Heute war es echt super«, entgegnete sie und setzte sich neben ihn in die Hollywoodschaukel.

»Das klingt nach einem besonderen Tag.«

»Stimmt, ich habe heute mein Referat über die Ozeane gehalten, das kam total gut an. Nicht nur bei unserem Biolehrer, auch bei der ganzen Klasse.«

»Gratuliere«, lobte Daniel das Mädchen.

»Danke, aber wir wissen beide, dass ich meine heutige Eins in Bio auch Hannes zu verdanken habe.«

»So sehe ich das nicht«, widersprach Daniel. »Deine Gespräche mit Hannes dienten der Recherche zu diesem Thema. Ausgearbeitet hast du das Referat allein. Die Eins ist dein Verdienst.«

»Doc, du bist der Beste, danke«, sagte Ophelia lächelnd.

»Sehr gern, und ich bin sicher, dass Hannes das ebenso sieht«, versicherte er dem Mädchen.

»Ich habe Glück, dass sich meine Oma in einen so interessanten Mann verliebt hat. Ich finde es echt spannend, wenn er von seiner Arbeit als Meeresbiologe erzählt.«

»Sein Leben war voller Abenteuer, das ist allerdings wahr«, stimmte Daniel Ophelia zu.

»Du hast auch schon einiges erlebt, und da du im Gegensatz zu Hannes altersmäßig gesehen noch eher ein Kind bist, hast du wohl noch einige Abenteuer vor dir«, erklärte Ophelia und betrachtete Daniel mit einem spitzbübischen Lächeln. »Apropos Abenteuer. Wie viele Standesämter hast du denn schon angerufen, um einen Termin für die Hochzeit zu bekommen?«

»Inzwischen alle, die es in der Stadt gibt.«

»Und es gibt keinen einzigen Termin?«, fragte Ophelia ungläubig.

»Nicht in den nächsten drei Monaten.«

»Und jetzt?«

»Versuche ich es außerhalb von München.«

»Hoffentlich hast du da mehr Glück. Es wäre schon schade, wenn sich die Hochzeit noch länger hinauszögern würde, weil …«

»Weil?«, hakte Daniel nach, als Ophelia innehielt.

»Ich dürfte es dir eigentlich nicht verraten.«

»Was darfst du mir nicht verraten?«

»Versprich mir, dass du es für dich behältst.«

»Versprochen.«

»Okay, dann verrate ich es dir. Es ist so, dass Mama ihr Hochzeitskleid schon gekauft hat, es ist wirklich ein Traum von einem Kleid. Sollte sich der Termin für die Hochzeit aber weiter hinauszögern, wird sie nicht mehr hineinpassen.«

»Sie könnte es ändern lassen.«

»Dann ist es aber nicht mehr dieses Kleid. Mama würde es niemals zugeben, aber auch sie möchte an ihrem Hochzeitstag wie eine zarte Prinzessin aussehen, und dieses Kleid erfüllt ihr diesen Traum.«

»Ich verspreche dir, dass ich alles tun werde, um diesen Traum wahr werden zu lassen.«

»Ich weiß, dass du das tun wirst, deshalb habe ich es dir auch gesagt.«

»Ich danke dir für deine Offenheit.«

»Kein Problem, ich bin gern ehrlich zu dir, das erleichtert das Zusammenleben.«

»Ja, auf jeden Fall«, antwortete Daniel lächelnd.

»Okay, dann bis heute Abend. Oma wartet mit dem Mittagessen auf mich«, verabschiedete sich Ophelia und ließ ihn allein.

Irgendwo werde ich schon ein Standesamt mit einem freien Termin finden, dachte er. Was die Ringe betraf, war er auch auf einen kurzfristigen Termin vorbereitet. Sie wurden gerade graviert. Wenn gar nichts anderes ging, würde er einfach zwei Flüge nach Las Vegas buchen. Nein, drei, verbesserte er sich. Diese Hochzeit würde auch Ophelias Leben verändern. Sie sollte dabei sein, wenn Olivia und er sich das Ja-Wort gaben.

In ein paar Wochen würden Olivia und Ophelia zu ihm in sein Haus ziehen. Olivia und er hatten Ophelia die Entscheidung überlassen, ob sie weiterhin in ihrem Zimmer im Haus ihrer Großmutter bleiben oder umziehen wollte. Sie hatte sich für den Umzug entschieden, weil sie mit ihrem Geschwisterchen im selben Haus wohnen wollte.

»Eine Familie gehört unter ein Dach«, hatte sie gesagt.

Das wiederum hatte ihn auf die Idee gebracht, sich die Baupläne seines Hauses noch einmal genau anzusehen, und er beschloss, das Dachgeschoss für Ophelia ausbauen zu lassen. Nachdem er mit Olivia über den Ausbau gesprochen hatte und auch sie es für eine gute Idee hielt, sprach er mit Ophelia darüber. Für diesen Vorschlag wurde er innigst umarmt, und er konnte Ophelias Freude über das eigene kleine Appartement noch steigern, als er ihr versicherte, dass auch ihre Ideen für den Ausbau berücksichtigt würden.

Er blieb noch einen Augenblick in der lichtdurchfluteten Wohnküche stehen, als er wieder ins Haus ging. Der restaurierte blaue Kachelofen war der Blickfang in diesem Zimmer mit den Küchenmöbeln aus weißem Holz und dem hellen Esstisch mit den weißen Lederstühlen. Er war nie davon ausgegangen, dass er auf Dauer allein in diesem Haus leben würde. Er war in einer großen liebevollen Familie aufgewachsen und er vermisste den Trubel, der von morgens bis abends geherrscht hatte.

»Du erinnerst dich gern an deine Kindheit. Du empfindest alles, was damals dazu gehörte, als etwas Schönes, aber inzwischen hast du andere Bedürfnisse. Ein Mädchen im Teenageralter und ein Säugling, das sind zwei lautstarke Welten, an die du dich erst gewöhnen musst. Ich hoffe, dass es dir nicht zu viel wird«, hatte Olivia erst neulich zu ihm gesagt, als sie über ihre gemeinsame Zukunft sprachen.

»Ich freue mich darauf, beides aus der Elternperspektive zu erleben«, hatte er ihr versichert und hatte es auch genauso gemeint.

*

»Hast du einen Termin bekommen?«, fragte Lydia, als er kurz darauf die Praxis betrat. Die junge Frau mit dem halblangen dunkelblonden Haar stand in ihrer Praxiskleidung, türkisfarbenem T-Shirt und weißen Jeans, hinter dem weißen Tresen und trug die Patienten, die inzwischen eingetroffen waren und im Wartezimmer saßen, in die Patientenliste ein. Daniel konnte die Liste dann im Sprechzimmer auf seinem Computer verfolgen und die Patienten über den Lautsprecher im Wartezimmer aufrufen.

»Bedauerlicherweise hatte ich mit der Terminsuche noch keinen Erfolg«, antwortete er und blieb vor Lydia am Empfangstresen stehen.

»Mir war nicht bewusst, dass so viele Paare unbedingt im Herbst heiraten wollen«, wunderte sich Lydia.

»Möglicherweise liegt es daran, dass der Herbst die romantischste Jahreszeit ist«, sagte Sophia, die mit einem Stapel Pappbecher aus der Küche kam, um den Wasserspender in der Empfangsdiele aufzufüllen.

»Das Frühjahr ist die romantischste Jahreszeit«, widersprach Lydia ihrer Freundin und Kollegin.

»Ich mag aber den Herbst am liebsten, offensichtlich sehen das auch viele andere genauso«, erklärte Sophia lächelnd. Die zierlich junge Frau mit dem hellblonden langen Haar stellte sich neben Lydia hinter den Tresen, nachdem sie die Becher im Wasserspender untergebracht hatte. »Zu keiner Jahreszeit erscheint mir der Himmel so strahlend blau wie im Herbst. Dazu das rotgoldene Laub der Bäume und die kräftigen Farben der Herbstblumen, die Wärme am Nachmittag, die angenehme Kühle am Abend, der Sternenhimmel.«

»Alles klar, deine Hochzeit wird auch im Herbst stattfinden«, stellte Lydia lachend fest, als Sophia mit verträumtem Blick auf die Eingangstür schaute, die sie zum Lüften geöffnet hatten. Vom Tresen aus konnten sie die Ahornbäume mit ihrem rotgoldenen Laub sehen, die die Straße vor der Praxis säumten. »Falls du wirklich keinen Termin mehr bekommst, wäre Las Vegas eine Möglichkeit«, wandte sich Lydia Daniel wieder zu.

»Daran habe ich auch schon gedacht«, gab er zu.

»Eine einsame Hochzeit ohne Familie und Freunde? Das könntest du dir vorstellen?«, wunderte sich Sophia.

»Es wäre zumindest eine nicht alltägliche Hochzeit. Aber noch ist es nicht so weit. Ich hoffe, dass ich irgendwo auf dem Land noch einen Termin finden werde. Mir würde es auch besser gefallen, Familie und Freunde dabei zu haben.«

»Wir drücken dir fest die Daumen«, versicherte ihm Lydia.

»Ja, auf jeden Fall«, schloss sich Sophia ihr an.

»Wir werden sehen, wie es weitergeht, jetzt sind erst einmal unsere Patienten an der Reihe«, sagte Daniel und warf einen Blick in das Wartezimmer, das nur durch eine Glaswand von der Empfangsdiele getrennt war, bevor er sich auf den Weg zu seinem Sprechzimmer machte.

Mit seinem Holzboden, den gelben Sesseln aus Kunstleder und den Grünpflanzen erinnerte es eher an eine Hotellounge als an den Wartebereich einer ärztlichen Praxis, was seinen Patienten gefiel. Sie hatten es ihm schon mehrfach versichert.

Auch die Einrichtung seines Sprechzimmers am Ende des Gangs wurde von ihnen immer wieder gelobt. Die meiste Aufmerksamkeit erregte stets die alte Standuhr mit ihrem Gehäuse aus Ahornholz. Sie stand in einer Ecke des Zimmers und verlieh dem ansonsten ganz in Weiß eingerichteten Raum eine warme gemütliche Note.

Daniel setzte sich hinter den weißen Schreibtisch, drehte die große Hängelampe, die an dem Tisch befestigt war, ein Stück zur Seite und schaltete den Computer ein. Nachdem er einen Blick auf die Patientenliste geworfen hatte, rief er Annette Hausmann, seine erste Patientin des Nachmittages, auf. Die junge Frau hatte jahrelang unter Magersucht gelitten. Inzwischen ging es ihr besser, aber noch bestand die Gefahr eines Rückfalls.

»Lydia hat mir schon Blut abgenommen und mich gewogen. Ich habe zugenommen«, sagte Annette, nachdem sie auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch Platz genommen hatte.

»Das habe ich schon gesehen. Sie haben in den letzten vier Wochen eineinhalb Kilo zugenommen. Das ist großartig«, lobte Daniel sie.

»Aber ich habe noch einen langen Weg vor mir.«

»Sie haben inzwischen sechs Kilo zugenommen, noch sechs weitere und Sie kommen in den Bereich des unteren Normalgewichts.« Er glaubte daran, dass sie ihr Ziel erreichen würde, auch wenn sie immer noch so dünn war, dass ihre Schulterknochen selbst unter dem weiten Strickpullover, den sie trug, gut zu erkennen waren. Aber Annette war fest entschlossen, wieder ein normales Leben zu führen, deshalb ging sie auch zur Gesprächstherapie zu Olivia.

»Ein Mädchen aus meiner Selbsthilfegruppe ist wieder rückfällig geworden. Sie konnte ihr Spiegelbild nicht mehr ertragen. Ich habe mich inzwischen daran gewöhnt, dass die Rundungen an meinem Körper zurückkehren. Ich will mich nie wieder so elend fühlen, Herr Doktor«, versicherte sie Daniel.

»Sie sind stark, Frau Hausmann, Sie schaffen das«, machte er ihr Mut, bevor er ihren Blutdruck überprüfte, ihr Herz und ihre Lunge abhörte. »Alles in Ordnung«, sagte er, nachdem er die Untersuchung abgeschlossen hatte. »Ihre Blutwerte können Sie morgen telefonisch abfragen. Sollte etwas sein, kommen Sie in den nächsten Tagen noch einmal vorbei. Wenn alles in Ordnung ist, sehen wir uns erst in vier Wochen zur Gewichtskontrolle wieder.«

»Vielen Dank für Ihre Unterstützung, Doktor Norden.«

»Sehr gern«, sagte er, brachte sie zur Tür und verabschiedete sich von ihr.

Die Patienten, die nach Annette zu ihm kamen, waren alle aus der Nachbarschaft und litten an harmlosen, aber lästigen Erkältungen. Rosa Kastner, seine Nachbarin, deren Grundstück an seine Einfahrt zur Garage grenzte, musste er allerdings wegen des Verdachts auf Lungenentzündung ins Krankenhaus überweisen. Rosa war vor Kurzem neunzig Jahre alt geworden, und er wollte kein Risiko eingehen. In diesem Alter konnte eine Lungenentzündung schnell lebensbedrohlich werden.

Sein letzter Patient an diesem Nachmittag war Pascal Westmann, ein junger Programmierer, der bei Olivia in Behandlung war. Sein Hausarzt hatte eine Depression bei ihm diagnostiziert. Olivia allerdings war der Meinung, dass eine Depression allein das Krankheitsbild nicht erklärte. Sie hatte die Vermutung, dass Pascal an CFS erkrankt war, dem chronischen Erschöpfungssyndrom. Sie hatte Daniel gebeten, Pascal noch einmal gründlich zu untersuchen, bevor sie die Gesprächstherapie mit ihm fortsetzte.

»Frau Doktor Mai meinte, dass meine traurige Stimmung auch die Folge einer körperlichen Krankheit sein könnte«, sagte Pascal, als er auf einem der beiden bequemen Stühle vor Daniels Schreibtisch Platz nahm. Pascal Westmann war 28 Jahre alt, sah aber jünger aus. Er war sehr schlank, ungewöhnlich blass, hatte weißblondes kinnlanges Haar und grüne Augen.

»Welche Untersuchungen hat Ihr Hausarzt bisher vorgenommen?«, fragte Daniel.

»Er hat mich ins Krankenhaus zu einem kompletten Check-up überwiesen, weil er selbst mit meinen Symptomen nicht recht etwas anfangen konnte.«

»Was kam bei diesem Check-up heraus?«

»Dass ich körperlich gesund bin, deshalb stand für meinen Hausarzt fest, dass ich an Depressionen leide.«

»Wie äußert sich diese Depression?«

»Ich bin seit Monaten immer nur müde. Inzwischen gehe ich kaum noch aus dem Haus, weil ich mich so schwach fühle, so als könnte ich jederzeit ohnmächtig werden. Es fühlt sich so an, als hätte ich mir eine Grippe eingefangen, die ich einfach nicht mehr loswerde.«

»Haben Sie schon einmal von CFS gehört?«, fragte Daniel.

»Sie sprechen von dem chronischen Erschöpfungssyndrom. Ich bin darauf gestoßen, als ich meine Symptome gegoogelt habe.«

»Haben Sie mit Ihrem Arzt darüber gesprochen?«

»Er meinte, das wäre keine Krankheit, sondern eine Modeerscheinung. Heutzutage kokettieren die Leute mit diesen Erschöpfungszuständen, weil sie sich vor Verantwortung und Belastung im Beruf fürchten, hat er mir erklärt.«

»Das sehe ich anders.«

»Wie lässt sich CFS diagnostizieren?«

»Es gibt noch keine wirklich verlässliche einfache Methode. Blut- und Stuhluntersuchungen geben aber schon wichtige erste Hinweise.«

»Was könnten wir noch tun, um die Diagnose zu bestätigen?«