Die neue Praxis Dr. Norden Box 4 – Arztserie - Carmen von Lindenau - E-Book

Die neue Praxis Dr. Norden Box 4 – Arztserie E-Book

Carmen von Lindenau

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Beschreibung

Barbara ist seit ein paar Monaten mit Georg zusammen. Als er für ein paar Tage geschäftlich nach Kanada fliegt, wird ihr klar, dass sie am liebsten den Rest ihres Lebens mit ihm verbringen möchte. Aber diesen Wunsch behält sie für sich. Noch weiß sie nicht, ob Georg bereit für eine feste Bindung ist. Kurz nach seiner Rückkehr aus Kanada bekommt Georg Fieber und Schüttelfrost. Barbara bringt ihn in die Praxis Dr. Norden. Alles deutet auf einen grippalen Infekt hin. Daniel verschreibt ihm etwas gegen das Fieber. Barbara verspricht, sich um Georg zu kümmern. Doch Georg geht es dann eher noch schlechter, er klagt über Übelkeit und hat keinen Appetit mehr. Daniel hängt ihn an einen Tropf und erzielt eine mildernde Wirkung. Doch trotz Barbaras Pflege geht es Georg bald wieder schlechter. Er klagt über Kopf- und Rückenschmerzen. Dann kommt auch noch Atemnot hinzu. Daniel kann die Symptome nicht einordnen und weist Georg in die Klinik ein. Er bekommt dort Antibiotika, die nicht helfen. Barbara weicht Georg nicht von der Seite. Daniel ist äußerst besorgt um ihn, da die Ursache für seine Beschwerden noch immer nicht gefunden wurde. Von einem Freund erhält er einen wertvollen Tipp über die Krankheit, die Georg ernsthaft bedroht.

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Seitenzahl: 578

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Inhalt

Mysteriöse Krankheiten

Ihr Erbe in Gefahr

Ela, Leon und die Brandstifter

Es geschah in einer Berghütte

Hilfe, ich liebe einen Dieb!

Die neue Praxis Dr. Norden – Box 4 –

E-Book 16-20

Carmen von Lindenau

Mysteriöse Krankheiten

Lorena kann nicht loslassen

Roman von von Lindenau, Carmen

»Bis später, mein Schatz, ich wünsche dir einen wundervollen Tag«, sagte Olivia, als sie sich nach dem Frühstück von Daniel verabschiedete, um zum Yoga zu gehen.

»Den wünsche ich dir auch. Passt auf euch auf«, entgegnete er, legte seine Hand auf ihren Babybauch und betrachtete sie mit einem liebevollen Blick. »Nur noch zwei Monate«, raunte er Olivia zu, so als wollte er die Zwillinge noch nicht an ihre Geburt erinnern. Schließlich sollten sie sich noch ein wenig Zeit lassen.

»Ehrlich gesagt, so richtig kann ich mir unser zukünftiges Familienleben noch nicht vorstellen«, gab Olivia zu.

»Das kann ich auch nicht. Eines ist aber sicher, langweilig wird es nicht werden«, versicherte ihr Daniel und nahm sie noch einmal zärtlich in seine Arme, bevor er ihr die Terrassentür aufhielt. Ich freue mich auf jeden weiteren gemeinsamen Tag mit dir, dachte er, als er Olivia nachschaute, wie sie durch den verschneiten Garten zum Haus von Ottilie hinüberging. Er war froh, dass seine Schwiegermutter sich genauso wie Olivia für Yoga begeisterte und mit ihr gemeinsam an den Kursen in der Yogaschule teilnahm. Auch wenn es Olivia gutging und eine Schwangerschaft keine Krankheit war, war er trotzdem immer unruhig, wenn sie allein unterwegs war.

»Alles ist gut, Herr Doktor, Sie müssen sich keine Sorgen machen«, sagte Valentina, die zu ihm ans Fenster kam.

»Mein Verstand weiß das, aber das hilft nicht immer«, gestand er der freundlichen älteren Frau, die ihnen an den Wochentagen im Haushalt half.

»Ja, mei, Herr Doktor, wenn es um die Liebe geht, ist der Verstand halt machtlos«, entgegnete Valentina lächelnd. Sie stand neben Daniel, trug ihre Lesebrille wie einen Haarreif in den kurzen grauen Locken und hatte ihre Hände in die Taschen ihrer rotweiß gestreiften Schürze gesteckt, während sie seinem Blick folgte.

»Meinen Patienten rate ich immer, sich möglichst keine Sorgen zu machen, weil das ihrer Gesundheit schadet.«

»Wie gesagt, wenn es um die Gefühle geht, fällt es schwer, auf die eigenen Ratschläge zu hören.«

»Damit werde ich mich wohl abfinden müssen«, stimmte Daniel ihr mit einem tiefen Seufzer zu.

»Das heißt aber nicht, dass ich denke, Sie sollten keine guten Ratschläge mehr geben. Sie sind für Ihre Patienten schon recht nützlich.«

»Das hoffe ich«, entgegnete er schmunzelnd. »Ich gehe dann auch mal. Es wird Zeit für die Sprechstunde«, sagte Daniel, nachdem er auf das Display seines Handys geschaut hatte.

»Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag, Herr Doktor.«

»Danke, den wünsche ich Ihnen auch, Valentina«, verabschiedete sich Daniel von ihr.

»Wenn jeder Mann seine Frau so sehr lieben würde, wie er es tut, dann wäre diese Welt ein Paradies«, murmelte Valentina, als Daniel gegangen war und sie das Frühstücksgeschirr in die Geschirrspülmaschine räumte. Oder wie mein Korbinian mich liebt, dachte sie, und in diesem Moment war sie von einer tiefen Zufriedenheit erfüllt.

Sie wusste, dass auch sie zu den Glücklichen gehörte, die von ganzem Herzen geliebt wurden.

*

Das Wartezimmer war wie an jedem Morgen schon gut besetzt. Das konnte Daniel durch die Glaswand sehen, die das Wartezimmer mit seinen gelben Sesseln von der Empfangsdiele trennte. Lydia und Sophia standen in ihren weißen Jeans und türkisfarbenen T-Shirts hinter dem weißen Tresen mit den eingebauten LED-Leuchten, die den Parkettboden in ein sanftes Licht tauchten.

»Gut geschlafen?«, fragte Lydia.

»Ja, schon. Mache ich etwa einen anderen Eindruck?«, fragte er, weil Lydia ihn mit ihren wachen hellbraunen Augen skeptisch betrachtete.

»Ehrlich gesagt, wirkst du ein bisschen abwesend.«

»Das liegt möglicherweise daran, dass ich mir im Moment ständig Sorgen um Olivia mache, obwohl ich weiß, dass sie sehr gut auf sich selbst aufpassen kann«, gestand er seinen beiden Mitarbeiterinnen ein.

»Das liegt an den Hormonen«, sagte Sophia, die sich mit den Ellbogen auf dem Tresen abstützte und Daniel mit ihren großen blauen Augen anschaute. »Du kennst doch sicher diese Studien, die festgestellt haben, dass sich auch der Hormonhaushalt der werdenden Väter während der Schwangerschaft verändert.«

»Ich habe davon gehört. Es waren zwar recht kleine Studien, aber sie haben gezeigt, dass im Gegensatz zu der werdenden Mutter, deren Hormonspiegel steigt, der Hormonspiegel des werdenden Vaters sinkt, wobei der Testosteronwert besonders auffällig war.«

»Das bedeutet, der Aggressionslevel des Mannes fällt. Er wird ruhiger und fürsorglicher, auch er bereitet sich auf das Behüten und Versorgen des Babys vor«, sagte Lydia.

»So erklärt sich die Wissenschaft dieses Phänomen«, stimmte Daniel ihr zu.

»Möglicherweise trifft es nicht auf alle Männer zu, aber auf die, die ohnehin liebevoll und fürsorglich sind, ganz bestimmt. Und du gehörst zu dieser Kategorie, Daniel«, sagte sie und spielte mit den Spitzen des dicken Zopfes, zu dem sie ihr blondes Haar geflochten hatte und der ihr über die Schulter nach vorn fiel.

»Das sehe ich genauso«, pflichtete Lydia ihrer Freundin und Kollegin bei.

»Ich danke euch für diese Einschätzung. Olivia wird sie sicher gefallen.«

»Bitte nicht schon wieder Lorena Zachner«, flüsterte Lydia, als in diesem Moment eine junge Frau die Praxis betrat.

»Das ist mit Sicherheit schon ihr zehnter Besuch allein in diesem Monat«, entgegnete Sophia leise, als die zierliche Frau in dem dunkelblauen Wollmantel sich näherte.

»Ich bin dann gleich soweit«, sagte Daniel und nickte Lorena Zachner freundlich zu, bevor er den Gang zu seinem Sprechzimmer hinunterlief. Auch er hatte keine wirkliche Erklärung für die häufigen Besuche dieser Patientin in seiner Praxis. Ihre diversen Beschwerden hatten sich bisher als harmlos herausgestellt. Möglicherweise neigte sie zur Hypochondrie und befürchtete, an einer lebensbedrohlichen Krankheit zu leiden. Wenn das so weiterging, musste er sie irgendwann darauf ansprechen.

»Guten Morgen, Frau Zachner. Was können wir für Sie tun?«, fragte Lydia, als Lorena zum Tresen kam, die weiße Wollmütze abnahm und sich mit der Hand durch ihr kurzes braunes Haar fuhr.

»Ich möchte zum Herrn Doktor. Mir geht es nicht gut«, antwortete Lorena. »Ich konnte heute nicht einmal zum Yoga gehen, meine Kopfschmerzen sind einfach zu heftig«, fügte sie mit gequälter Miene hinzu und kniff ihre Augen zusammen, so als würde sie sich von dem Licht in der Praxis geblendet fühlen.

»Dann nehmen Sie bitte im Wartezimmer Platz«, bat Lydia, nachdem sie Lorena in die Patientenliste für diesen Vormittag eingetragen hatte.

»Hoffentlich dauert es nicht so lange, mir geht es wirklich sehr schlecht«, betonte Lorena erneut, bevor sie mit hängenden Schultern ins Wartezimmer ging.

»Sie war doch erst vor zwei Wochen zu einem kompletten Check-up im Krankenhaus, der ergeben hat, dass sie vollkommen gesund ist«, raunte Lydia Sophia zu.

»Falls sie wirklich an Migräne leidet, lässt sich das ja nicht einfach so feststellen«, entgegnete Sophia.

»Stimmt, und umgekehrt lässt sich auch nicht beweisen, dass sie keine Kopfschmerzen hat«, sagte Lydia und schaute ins Wartezimmer.

Lorena hatte sich auf den Sessel in der hintersten Ecke des Raumes gesetzt. Er war von der hochgewachsenen Grünpflanze, die dort stand, zum Teil verdeckt. Dieser Sessel war inzwischen Lorenas Stammplatz. Im Gegensatz zu den anderen Patienten, die im Wartezimmer gern Neuigkeiten austauschten, zog sich Lorena stets zurück und hörte über ihr Handy mit Kopfhörern Musik.

»Ihre Schwester haben wir im letzten halben Jahr gerade einmal hier gesehen, und das war, weil sie ihre Tetanusimpfung auffrischen ließ«, stellte Sophia nach einem Blick in Mathilda Zachners Patientenblatt fest. »Ich dachte immer, eineiige Zwillinge hätten die gleichen Gene, auch was ihre Empfänglichkeit für Krankheiten betrifft.«

»Inzwischen zweifelt die Wissenschaft an der Macht der Gene. Es heißt, dass sie nur zu einem geringen Teil unser Leben bestimmen.«

»Im Moment ist das wohl die Richtlinie. In ein paar Jahren, wenn weitere Ergebnisse vorliegen, könnte diese Erkenntnis wieder verworfen oder angepasst werden.«

»Wir entwickeln uns eben weiter, da muss Raum für Irrtümer sein«, stellte Lydia fest.

»Ich würde sagen, solange die Wissenschaft das Ergebnis einer Blutuntersuchung nicht als Kaffeesatzleserei verwirft, werden wir uns auch weiterhin auf die Blutanalysen aus dem Labor stützen«, entgegnete Sophia schmunzelnd und rief Frau Maurer auf, die sich Sorgen um ihren Cholesterinspiegel machte und Daniel gebeten hatte, den Wert zu überprüfen.

»In Ordnung, gehen wir wieder an die Arbeit«, sagte Lydia und griff nach dem Telefon, das vor ihr auf dem Tresen lag und läutete.

»Ihr Cholesterin war doch bisher immer in Ordnung«, sagte Sophia, nachdem Evelyn Maurer, die Besitzerin des Modegeschäftes in der Fußgängerzone, ihr in den Laborraum gefolgt war und auf dem Stuhl mit der breiten Armlehne Platz genommen hatte.

»In den letzten Wochen habe ich es mir ein bissel zu gut schmecken lassen«, entgegnete Evelyn schmunzelnd.

Die rundliche Endfünfzigerin mit dem kurzen blonden Haar und den freundlichen dunklen Augen platzierte ihren Unterarm auf der Stuhllehne, damit Sophia ihr das Band, das das Blut in den Venen kurz stauen sollte, um den Oberarm binden konnte.

»So schnell wirkt sich das nicht aus, Frau Maurer. Und überhaupt, das Cholesterin lässt sich über das Essen nur schwer steuern«, erklärte ihr Sophia.

»Die sogenannten Normwerte wurden auch im Laufe der Jahre immer weiter abgesenkt, das weiß ich.«

»Was dazu geführt hat, dass bei jeder erneuten Senkung des Wertes viele Millionen Menschen auf diesem Planeten praktisch über Nacht zu Kranken erklärt wurden«, sagte Sophia, nachdem sie Evelyn mit einer Spritze das Blut abgenommen hatte, das im Labor untersucht werden sollte.

»Mit den Blutdruckwerten ist es doch auch so. Und überhaupt kann es gar nicht sein, dass ein einziger Wert für alle Menschen passen muss. Wir sind doch alle unterschiedlich.«

»So ist es, Frau Maurer«, gab Sophia Evelyn recht, während sie das Band um ihren Oberarm löste.

»Ich sage ja immer zu allen, die unseren Doktor Norden kennen, dass wir großes Glück haben, dass er sich ausgerechnet hier bei uns niedergelassen hat, weil er diese Unterschiede berücksichtigt. Außerdem kann er so wunderbar zuhören, und das reicht oft schon aus, um sich besser zu fühlen, wenn man die Praxis wieder verlässt. Grüßen Sie ihn von mir.«

»Das mache ich gern, Frau Maurer. Aber sagen Sie, wie war denn Ihr Urlaub?«, zeigte sich Sophia an Evelyns kürzlicher Reise in die Karibik interessiert.

»Ich hatte eine großartige Zeit. Ich denke, dieses Mal habe ich die richtige Wahl getroffen.«

»Das gönne ich Ihnen von ganzem Herzen, Frau Maurer«, sagte Sophia. Frau Maurer hatte nach vielen Jahren der Einsamkeit und Enttäuschungen endlich wieder einen Mann getroffen, der sie aufrichtig liebte.

»Ich bin der beste Beweis dafür, dass wir nie aufgeben sollten, solange auch nur die kleinste Chance besteht, dass wir glücklich werden könnten.«

»So sehe ich das auch, Frau Maurer«, pflichtete Sophia ihr bei und hielt ihr die Tür des Labors auf.

»Ab wann darf ich denn morgen anrufen, um nach dem Ergebnis der Untersuchung zu fragen?«, wollte Evelyn wissen.

»Ab zehn Uhr liegen uns die Ergebnisse vor«, sagte Sophia, bevor sie sich von Frau Maurer verabschiedete. »Sie ist doch noch gar nicht an der Reihe«, wunderte sie sich, als sie zu Lydia an den Empfangstresen zurückging und ihr Lorena auf dem Weg zu Daniels Sprechzimmer begegnete.

»Sie hat mir erklärt, dass sie das Gefühl hätte, dass ihr Kopf gleich platzen würde«, erklärte ihr Lydia, warum sie Lorena den anderen Patienten vorgezogen hatte.

»Alles klar, das klingt nach einem Notfall.«

»Was nicht heißt, dass es einer ist.«

»Nein, das heißt es bei ihr nicht. Hoffen wir, dass Daniel herausfindet, was mit ihr los ist«, sagte Sophia, als sie sah, wie Lorena in Daniels Sprechzimmer ging.

*

»Mir geht es so schlecht, Herr Doktor. Die Kopfschmerzen sind schier unerträglich«, sagte Lorena, nachdem sie auf einem der beiden Stühle vor Daniels Schreibtisch Platz genommen hatte. Sie rieb mit den Händen über ihre Schläfen, während sie den jungen Arzt anschaute.

»Wie lange haben Sie diese Kopfschmerzen denn schon?«, fragte Daniel und schob den Schirm der weißen Lampe, die mit einem Stahlarm an dem weißen Schreibtisch befestigt war, ein wenig zur Seite, um einen freien Blick auf seine Patientin zu haben.

»Sie fingen bereits heute Nacht an. Morgens wurden sie dann unerträglich.«

»Wo genau spüren Sie die Schmerzen?«, fragte Daniel, der mit dem Blutdruckgerät zu ihr ging, sich auf die Schreibtischkante neben sie setzte und ihren Blutdruck überprüfte.

»Am Blutdruck liegt es sicher nicht, den habe ich heute schon fünfmal überprüft. Er war immer normal«, sagte sie.

»Das ist er jetzt auch«, stellte Daniel fest und ließ den Rest der Luft aus dem Messgerät entweichen. »Setzen Sie sich bitte mal auf die Liege, Frau Zachner.«

»Haben Sie eine Idee, woher die Kopfschmerzen kommen könnten?«, fragte Lorena, nachdem sie sich seitlich auf die Untersuchungsliege gesetzt hatte.

»Möglicherweise vom Nacken. Vielleicht brauchen Sie ein anderes Kissen.«

»Sie wissen, dass ich Medizin studiere. Verspannungen kann ich als Ursache für meine Kopfschmerzen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausschließen.«

»Gerade weil Sie Medizin studieren, sollten Sie erst einmal gar nichts ausschließen, aber gut, sehen wir mal weiter«, sagte Daniel. Er konnte Lorenas Aussage nicht einfach unwidersprochen hinnehmen. Er wollte seinen Patienten helfen, dazu gehörte allerdings nicht, ihnen zuzustimmen, wenn er anderer Meinung war.

Er hörte zunächst Lorenas Herz und Lunge mit dem Stethoskop ab, überprüfte danach an verschiedenen Druckpunkten ihre Durchblutung und suchte im Rachen- und Nasenbereich nach einer Entzündung, alles ohne Befund.

»Ich muss unbedingt schnell fit werden, wir schreiben in der nächsten Woche eine Klausur«, sagte Lorena.

»Dann haben Sie vermutlich in den letzten Tagen viel am Computer gesessen und Fachbücher gelesen.«

»Ja, habe ich. Sie denken an einen Bandscheibenvorfall wegen des langen Sitzens?«, fragte sie erschrocken.

»Nein, das eher nicht, ich wollte eigentlich sagen, dass Sie eine Muskelverspannung nicht ausschließen sollten. Aber wissen Sie was, das Beste ist, Sie lassen das von einem Orthopäden klären«, sagte Daniel.

»Dann mache ich das«, erklärte sich Lorena sofort einverstanden und zog ihren Pullover wieder an, den sie für die Untersuchung ausgezogen hatte.

»Ich schreibe Ihnen eine Überweisung.«

»Vielen Dank, Herr Doktor. Ich bin nur froh, dass meine Schwester und ich uns eine Wohnung teilen, so muss ich mir nicht zu viele Sorgen machen, falls sich mein Zustand plötzlich verschlechtert. Sie wird dann schon das Richtige tun.«

»Da bin ich sicher«, stimmte Daniel ihr zu. Auch Mathilda Zachner, Lorenas Zwillingsschwester, studierte Medizin, sie würde sich in einem Notfall zu helfen wissen. Aber eigentlich ging er nicht davon aus, dass es zu einem Notfall kommen würde. Auch wenn Lorena über starke Schmerzen klagte, hatte er nicht den Eindruck, dass sie tatsächlich so sehr litt, wie sie vorgab.

Da er aber nicht wirklich wissen konnte, wie stark ihre Schmerzen letztlich waren, durfte er eine ernsthafte Krankheit nicht ausschließen. Das war der Grund, warum er sie wegen ihrer Magen- und Bauchschmerzen, ihrer Glieder- und Gelenkschmerzen und den Ohren- und Halsschmerzen, über die sie in den letzten Wochen geklagt hatte, zu einem Check-up ins Krankenhaus geschickt hatte. So wie er es erwartet hatte, war nichts dabei herausgekommen.

»Ich brauche noch etwas gegen die Kopfschmerzen«, sagte Lorena, als Daniel ihr die Überweisung zum Orthopäden reichte.

»Sie haben doch sicher die üblichen Schmerzmittel zu Hause.«

»Ich denke, ich brauche dieses Mal etwas stärkeres.«

»Hier, die reichen für einen Tag. Sollten die Kopfschmerzen nicht aufhören oder schlimmer werden, gehen Sie bitte sofort in die Klinik«, riet ihr Daniel, als er ihr drei Tabletten eines starken Schmerzmittels gab.

»Danke, Doktor Norden.«

»Gute Besserung, Frau Zachner, grüßen Sie Ihre Schwester von mir«, sagte Daniel und brachte Lorena zur Tür.

»Das werde ich ausrichten«, antwortete sie mit einem gequälten Lächeln.

*

Doreen Arning hatte ihre Yogaschule in der kürzlich renovierten Villa, nur fünf Minuten von Olivias Zuhause entfernt, eröffnet. Das Haus mit der sandfarbenen Fassade war Anfang des letzten Jahrhunderts erbaut worden. Eine weite Steintreppe mit fünf Stufen führte zu der von Säulen flankierten Eingangstür aus schwerem Mahagoniholz. Der Schnee, der in der Nacht gefallen war, verlieh dem Garten mit dem alten Baumbestand etwas Geheimnisvolles. Doreens Yogaschule war im Erdgeschoss untergebracht. Der erste Stock war ihrem Bruder Patrick vorbehalten, einem Kinderarzt, der dort demnächst seine Praxis eröffnen würde.

»Kommen wir nun zum angenehmsten Teil der Stunde«, sagte Doreen. Sie stand in dem großen hellen Raum mit den weißen stuckverzierten Wänden und dem Parkettboden umgeben von den Kursteilnehmerinnen, die in Leggins und bequemen T-Shirts auf ihren bunten Gymnastikmatten im Schneidersitz auf dem Boden saßen und sie anschauten.

Die ausgebildete Gymnastiklehrerin hatte zwei Jahre in Indien gelebt und sich zur Yogalehrerin weitergebildet. Doreen, eine schlanke großgewachsene Frau mit kurzen blonden Haaren, hatte es verstanden, auch die Kursteilnehmerinnen, die sich am Anfang des Kurses aufgrund ihres eher rundlichen Körperbaus schwertaten, für diese Art der Bewegung zu begeistern. Sie nahm auf die individuellen Fähigkeiten der Teilnehmerinnen Rücksicht, selbstverständlich auch auf Olivias Schwangerschaft, und so hatten schließlich alle gemeinsam Spaß an diesem Kurs.

»Ich liebe diesen Teil der Stunde«, stimmte Ottilie Doreen zu. Sie wartete, bis ihre Tochter sich vorsichtig aus dem Schneidersitz löste und über die Seitenlage auf den Rücken legte. Erst danach legte auch sie sich hin. So wie Daniel war auch sie in letzter Zeit immer ein wenig besorgt um Olivia.

Nachdem sich auch die anderen acht Teilnehmerinnen des Kurses auf ihren Matten ausgestreckt hatten, bat Doreen sie, ihre Augen zu schließen und nur auf ihre Stimme zu hören. Was allen leicht fiel, da Doreen eine sanfte angenehme Stimme hatte. Während der nächsten zehn Minuten beschrieb sie wundervolle Landschaften voller Frieden und Harmonie, die sich ihre Kursteilnehmerinnen vor ihrem inneren Auge vorstellten. Am Ende dieses autogenen Trainings fühlten sich alle völlig entspannt.

»Ich könnte jetzt hier so liegen bleiben. Ich fühle mich wie auf Wolken«, sagte Mathilda, die neben Olivia und Ottilie auf einer pinkfarbenen Matte lag, genau wie die beiden auf das große Fenster zum Garten blickte und den eisblauen Himmel sehen konnte.

»Dass du dich wie auf Wolken fühlst, liegt vermutlich nicht allein an Doreen«, entgegnete Olivia schmunzelnd, als sie sich alle langsam wieder aufrichteten.

»Sondern?«, fragte Mathilda, die ihr Haar ebenso kurz geschnitten trug wie ihre Schwester, was den beiden mit ihren feingeschnittenen Gesichtszügen und den großen dunklen Augen ein fast kindliches Aussehen verlieh.

»Ich denke, dass auch Hanno dazu beiträgt«, raunte Olivia ihr zu, bevor sie von ihrer Matte aufstand und sie zusammenrollte.

»Das könnte schon etwas damit zu tun haben«, gab Mathilda mit einem verträumten Lächeln zu.

»Ich bin sicher, dass es so ist.« Es war kein Geheimnis, dass Mathilda und Hanno Tannwald seit einem halben Jahr ein Paar waren. Die meisten Bewohner dieses Stadtteiles kannten den jungen Apotheker, der bald die Apotheke seiner Eltern in der Fußgängerzone übernehmen würde.

»Ich wünsche euch einen schönen Tag. Wir sehen uns am Donnerstag wieder«, verabschiedete Doreen ihre Kursteilnehmerinnen gleich darauf und hielt ihnen die Tür zur Diele auf. Dort standen zwei gepolsterte Bänke, auf die sich die Kursteilnehmerinnen setzen konnten, um die Yogasocken gegen ihre Straßenschuhe zu tauschen.

»Hanno hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, mit ihm zusammenzuziehen«, verriet Mathilda Olivia und Ottilie, als sie wenig später die Villa verließen. Sie wohnte nicht weit von den beiden entfernt, und wie immer nach dem Kurs begleitete sie sie noch ein Stück.

»Was hast du geantwortet?«, fragte Ottilie und sah die junge Frau abwartend an.

»Dass ich es mir schon vorstellen könnte.«

»Aber?«, hakte Olivia nach, als Mathilda nachdenklich innehielt.

»Ich glaube, Lorena würde das nicht gefallen.«

»Hat sie das gesagt?«, wollte Olivia wissen.

»Nicht direkt, aber ich spüre, dass es ihr nicht gefällt.«

»Willst du noch auf einen Kaffee hereinkommen?«, fragte Ottilie, als sie gleich darauf ihr Grundstück erreichten, weil sie spürte, dass Mathilda jemanden zum Reden brauchte.

»Das würde ich gern tun, aber Lorena ging es heute Morgen nicht gut. Ich sollte sie nicht so lange allein lassen. Wir sehen uns am Donnerstag, bis dann«, verabschiedete sich Mathilda und ging eilig weiter.

»Ich denke, es wäre gut, wenn sie zu Hanno ziehen würde. Auch für Lorena, sie macht sich zu abhängig von Mathilda«, sagte Ottilie, nachdem Mathilda außer Hörweite war.

»So sehe ich das auch. Es ist beinahe so, als befürchtete sie, dass sie ohne Mathilda nicht überleben könnte«, stimmte Olivia ihrer Mutter zu. »Wollen wir noch einen Tee bei dir trinken? Meine erste Patientin kommt erst in einer Stunde.«

»Gern, mein Schatz«, sagte Ottilie und hakte sich bei Olivia unter.

*

Nach der Vormittagssprechstunde standen zwei Hausbesuche auf Daniels Programm. Er fuhr zuerst zu einem jungen Mann, der noch bei seinen Eltern wohnte und mit einer schweren Grippe im Bett lag. Glücklicherweise war sein Fieber inzwischen gefallen, und er musste ihn nicht ins Krankenhaus einweisen. In ein paar Tagen würde es ihm wieder gut gehen. Der zweite Patient war ein älterer Mann, der eine Magenoperation überstanden hatte, doch noch ziemlich schwach war. Aber auch ihm ging es schon besser, worüber Daniel sich sehr freute.

»Hallo, Doc, alles klar?«, fragte Ophelia, als er nach Hause kam, sie in der Diele vor dem Spiegel stand und ihr hellrotes Haar zu einem Pferdeschwanz band.

»Ja, alles in Ordnung«, antwortete Daniel lächelnd und stellte seinen Arztkoffer auf den Boden neben der Kommode. »Hast du eine Verabredung?«, fragte er, als sie in ihre weiße Steppjacke mit der gefütterten Kapuze schlüpfte.

»Ich bin mit Freunden zum Schlittschuhlaufen verabredet.«

»Und die Hausaufgaben?«

»Habe ich schon erledigt. Wir hatten heute eine Freistunde. Unser Biolehrer war krank. Bis heute Abend«, sagte sie, hauchte ihm einen Kuss auf die Wange und verließ mit ihrem Rucksack, in den sie ihre Schlittschuhe gepackt hatte, das Haus.

»Hallo, mein Schatz«, begrüßte Olivia ihn mit einer liebevollen Umarmung, als er gleich darauf in die Küche kam.

»Hast du noch nicht gegessen?«, wunderte er sich, als er auf den Tisch schaute und dort noch zwei unbenutzte Teller standen.

»Ich habe auf dich gewartet. Ophelia war heute bei Ottilie und Hannes zum Essen. Es gab gegrillten Lachs, eines ihrer Lieblingsessen. Wie du weißt, habe ich es im Moment nicht so mit Fisch.«

»Ja, das weiß ich, du hast es im Moment mehr mit den süßen Dingen des Lebens«, entgegnete er lächelnd.

»Ja, leider«, seufzte Olivia. Sie achtete zwar darauf, dass sie sich gesund ernährte und nicht allzu viele Süßigkeiten aß, aber zumindest einen Schokopudding gönnte sie sich inzwischen jeden Tag. Der Gemüseauflauf, den Valentina an diesem Vormittag für sie vorbereitet hatte und den sie nun in den Backofen stellte, war ein Ausgleich für die kleinen Sünden.

Als sie und Daniel sich eine Viertelstunde später in der schönen Wohnküche, einem lichtdurchfluteten Raum mit zwei großen Fenstern, einem blauen Kachelofen und den Möbeln aus weißem Holz zum Essen an den Tisch setzten, wollte Daniel von ihr wissen, wie gut sie die Zachner-Zwillinge kannte.

»Mathilda kenne ich besser als Lorena. Lorena ist eher verschlossen und hält sich immer ein bisschen im Hintergrund. Warum fragst du?«

»Lorena war heute Morgen mal wieder in der Praxis. Sie kommt in letzter Zeit alle paar Tage zu mir.«

»Ist sie ernsthaft krank?«, fragte Olivia erschrocken.

»Ich denke nicht, zumindest konnte ich bisher nichts entdecken, was auf eine schwere Krankheit hinweist. Um nichts zu übersehen, habe ich sie vor zwei Wochen ins Krankenhaus zu einem Check-up geschickt.«

»Haben sie etwas gefunden?«

»Nein, absolut nichts.«

»Welche Beschwerden hat sie denn?«

»Das wechselt. Kopfschmerzen, Magenschmerzen, Rückenschmerzen, eben das ganze Programm.«

»Hast du den Eindruck, dass sie psychische Probleme hat?«

»Möglicherweise, deshalb wollte ich wissen, ob du sie näher kennst. Denkst du denn, dass sie psychische Probleme hat?«

»Das kann ich so nicht sagen. Dazu müsste ich mich länger mit ihr unterhalten.«

»Hat ihre Schwester ihre Krankheiten schon einmal erwähnt?«

»Heute das erste Mal. Meine Mutter wollte sie nach dem Yogakurs zu einem Kaffee einladen, aber sie wollte lieber nach Hause, weil es Lorena am Morgen nicht gutging. Wie gesagt, ob Lorena psychisch labil ist, weiß ich nicht, aber ich bin ziemlich sicher, dass die beiden Schwestern gerade Probleme haben.«

»Wie kommst du darauf?«

»Mathilda würde gern mit ihrem Freund zusammenziehen, aber sie denkt, dass Lorena damit nicht einverstanden sein wird.«

»Hat Lorena auch jemanden?«

»Bisher hat sie niemanden erwähnt. Soll ich ein bisschen für dich spionieren?«, fragte Olivia lächelnd.

»Würdest du das denn tun?«

»Wenn es dir hilft, die richtige Diagnose zu stellen. Du weißt doch, für dich würde ich alles tun«, sagte Olivia und streichelte Daniel über die Schulter, als sie aufstand, um die Teller abzuräumen, weil sie inzwischen mit dem Essen fertig waren.

»Ich mache das, du solltest dich ein bisschen hinlegen«, sagte Daniel und nahm ihr die Teller aus der Hand, die sie gerade zum Geschirrspüler tragen wollte.

»Du solltest dir auch ein paar Minuten Ruhe gönnen.«

»Das werde ich auch tun. Ich komme gleich zu dir.«

»Ich warte auf dich«, antwortete Olivia und hielt seinen Blick einen Moment lang fest.

Während Daniel das Geschirr in die Spülmaschine räumte, machte sie es sich auf dem großen Sofa im Wohnzimmer gemütlich. Ein paar Minuten später kam Daniel zu ihr und legte sich neben sie.

»So liebe ich die Mittagspause«, sagte sie und schmiegte sich in seine Arme.

*

Die Nachmittagssprechstunde dauerte an diesem Tag mal wieder länger, wie so oft um diese Jahreszeit. Kurz vor dem offiziellen Ende der Sprechstunde kamen einige Patienten mit Grippesymptomen, die am Morgen noch zur Arbeit gegangen waren. Sophia und Daniel mussten den letzten Ansturm allein bewältigen, da Lydia kurz vor fünf zu einem Feuerwehreinsatz gerufen wurde. Um kurz nach halb sieben war der letzte Patient gegangen, und Sophia und Daniel konnten die Praxis schließen.

»Es gibt Neuigkeiten, Daniel!«, rief Ophelia, die mit Olivia am Esstisch in der Küche saß, als Daniel in die Wohnung kam. Sie hielt ihr Telefon in der Hand, auf das sie und Olivia mit einem verträumten Lächeln schauten.

»Verrätst du sie mir?«, fragte er und setzte sich zu den beiden an den Tisch.

»Emilia hat vor einer Stunde ein Brüderchen bekommen«, verkündete ihm Ophelia und reichte ihm das Telefon, auf dem Fotos eines Neugeborenen zu sehen waren.

»Geht es Anna und dem Baby gut?«, wollte Daniel wissen, während er sich die Fotos anschaute, die Emilia geschickt hatte.

»Es geht allen gut. Ich habe gerade mit Anna gesprochen. Die Geburt verlief ohne Probleme«, erzählte ihm Olivia.

»Es war eine Hausgeburt, so wie sie es geplant hatten. Annas Freundin Sina, die als Hebamme in der Klinik in Kempten arbeitet, war bei ihr«, erzählte Ophelia, die mit Emilia telefoniert hatte. »Schade, dass wir für die Zwillinge keine Hausgeburt planen können«, fügte sie mit einem bedauernden Achselzucken hinzu.

»Hätte Anna Zwillinge erwartet, wäre sie auch nicht zu Hause geblieben, Schätzchen«, sagte Olivia und streichelte ihrer Tochter tröstend über die Hand.

»Das weiß ich. Ich sage ja nur, dass es schade ist. Zuhause könnte ich auch bei der Geburt dabei sein, so wie Emilia. In einem Krankenhaus erlauben sie das doch nur dem Vater.«

»Es kommt darauf an«, sagte Olivia und nickte Daniel zu.

»Richtig, es kommt darauf an, wie die Klinik dazu steht. Eine persönliche Verbindung zur Klinikleitung kann in diesem Fall hilfreich sein.«

»Willst du damit andeuten, dass wir die Verwandtschaftskarte ausspielen sollten?«

»Deine Mutter und ich haben schon mit meinen Eltern gesprochen. Sie sind genau wie wir der Meinung, dass du stark genug bist, während der Geburt deiner Geschwister dabei zu sein.«

»Ich danke euch!«, jubelte Ophelia. Sie sprang auf und umarmte zuerst Daniel und danach ihre Mutter. »Sollte ich in der Schule sein, wenn es soweit ist, dann vergesst bitte nicht, mich abholen zu lassen.«

»Wir werden dich ganz sicher nicht vergessen«, versprach Olivia ihrer Tochter. Daniel und sie hatten allerdings verabredet, dass sie Ophelia aus dem Zimmer schicken würden, sollte es Komplikationen geben oder die Geburt zu schmerzhaft verlaufen. Auch wenn sich Ophelia stark fühlte, wollten sie ihr nicht zumuten, ihre Mutter leiden zu sehen.

Daniels Mutter dagegen war eher besorgt, dass sie Daniel aus dem Zimmer schicken müssten, sollte es zu Komplikationen kommen. Auch Ärzte konnten es nur schwer verkraften, die Menschen, die sie liebten, leiden zu sehen. Sie neigten dann zu Überreaktionen, die nicht gerade hilfreich waren.

»Ich werde mich jetzt um das Abendessen kümmern«, sagte Olivia.

»Wir könnten auch zu Adriano gehen«, schlug Ophelia vor. »Ich hätte mal wieder Lust auf Pizza.«

»Mal wieder? Ich habe eher den Eindruck, du hast eigentlich immer Lust auf Pizza«, entgegnete Olivia lachend.

»Ja, vielleicht, könnte sein, aber ich gebe diesem Verlangen nicht ständig nach, weil Pizza nicht als gesundes Essen gilt. Obwohl ich denke, dass die Gemüsevariante schon ganz okay ist.«

»Vor allen Dingen kommt es auf die Größe an. Ein Stück schadet sicher niemandem. Jeden Tag ein kleines Wagenrad allerdings schon.«

»Ich weiß, Mama, es kommt immer auf die Menge an. Aber zurück zum Ausgangspunkt. Gehen wir zu Adriano?«, fragte Ophelia und sah Daniel an, weil sie wusste, dass er ihr nur schwer etwas abschlagen konnte.

»Für mich spricht nichts dagegen, aber wir sollten die Entscheidung deiner Mutter überlassen«, sagte er und sah Olivia an.

»In Ordnung, gehen wir zu Adriano«, stimmte Olivia den beiden zu und erlöste Daniel, der Ophelia diesen Wunsch gern erfüllen würde, aber auch nicht über ihren Kopf hinweg entscheiden wollte. »Gehen meine ich aber wörtlich.«

»Ein kleiner Abendspaziergang ist für mich okay. Den schaffe ich sicher noch, auch nach drei Stunden auf der Eisbahn«, erklärte Ophelia.

»Davon gehe ich aus, mein Schatz«, entgegnete Olivia lächelnd.

Eine halbe Stunde später betraten sie das italienische Restaurant in der Fußgängerzone.

Es war ein gemütliches Restaurant mit dunklen Holztischen, grünen Polsterstühlen und Ölgemälden an den Wänden, die alle farbenprächtige Dörfer an der Mittelmeerküste darstellten.

Adriano, der Besitzer des Restaurants, ein freundlicher junger Mann mit dunklem Haar und dunklen Augen, begrüßte sie freundlich und führte sie zu einem Tisch am Fenster.

»Pizza mit Auberginen und Paprika?«, fragte er Ophelia, nachdem sie Platz genommen hatten.

»Ja, bitte«, antwortete sie.

»Und für euch die Karte.« Adriano reichte Daniel eine der in grünes Leder eingebundenen Speisekarten.

»Heute brauchen wir keine Karte. Wir nehmen auch die Pizza mit Auberginen und Paprika«, sagte Daniel, weil er und Olivia das bereits auf dem Weg zu Adriano so beschlossen hatten.

»In Ordnung, dreimal Pizza Aubergine. Was darf es zu trinken sein?«

»Drei Zitronenlimonaden, bitte.«

»Familienessen, verstehe«, entgegnete Adriano lächelnd, weil Daniel für sie alle die Limonade bestellte, die Ophelia immer bevorzugte.

»Ihr bestellt jetzt aber nicht immer das Gleiche wie ich, oder?«, fragte Ophelia, nachdem Adriano gegangen war.

»Es kommt darauf an, für was du dich entscheidest.«

»Ist das so ein Psychologending, Mama? Wir überlassen ihr die Wahl, dann wird sie sich für das gesündere Essen entscheiden?«

»Würdest du das denn tun?«

»Wenn wir diesen Test verschieben, bis die Zwillinge hier mit uns am Tisch sitzen, dann könnte ich mir das durchaus vorstellen. Aber bis dahin…«

»Entscheidet auch weiterhin jeder für sich selbst. Wir wollten heute die Auberginenpizza nur mal probieren«, sagte Olivia.

»Da bin ich aber erleichtert. Ich hatte schon befürchtet, dass mit euch essen zu gehen in Zukunft stressig wird«, entgegnete Ophelia. »Wow, ein Heiratsantrag«, flüsterte sie, als sie gleich darauf aus dem Fenster schaute.

»Wie kommst du denn darauf?«, fragte Olivia leise.

»Weil er ihr gerade einen Ring an den Finger steckt.«

»Wer wem?«

»Hanno Tannwald Mathilda Zachner. Am Brunnen«, sagte Ophelia, als Olivia aus dem Fenster schaute.

»Stimmt, es sieht nach einer Verlobung aus«, gab Olivia ihrer Tochter recht.

Mathilda und Hanno saßen auf dem Rand des Steinbrunnens, der nur ein paar Meter vom Eingang des italienischen Restaurants entfernt war. Das Licht der historischen Straßenlaternen, die die Fußgängerzone beleuchteten, schien direkt auf den Rand des Brunnens. Hanno, ein sportlicher junger Mann mit blondem welligem Haar, hatte seinen Arm um Mathilda gelegt, die ihre linke Hand ausstreckte und den Ring an ihrem Ringfinger betrachtete.

»Vielleicht erfahren wir gleich mehr«, sagte Ophelia, als die beiden vom Brunnenrand aufstanden und Hand in Hand auf das Restaurant zukamen.

»Jetzt erfahren wir erst einmal, wie deine Lieblingspizza schmeckt«, entgegnete Olivia, als Adriano mit drei großen Tellern an ihren Tisch kam.

»Lecker, wie immer«, stellte Ophelia fest, als sie das erste Stück der Pizza mit dem krossen Rand gekostet hatte.

»Gute Wahl«, sagte Olivia, nachdem auch sie von der Pizza versucht hatte.

»Vielleicht werde ich in Zukunft hin und wieder dasselbe bestellen wie du. Die Pizza schmeckt wirklich gut«, schloss sich Daniel Olivia an.

»Ich habe eben einen hervorragenden Geschmack«, entgegnete Ophelia lächelnd.

Als Mathilda und Hanno gleich darauf das Restaurant betraten und Daniel und seine Familie entdeckten, kamen sie zu ihnen an den Tisch, um sie zu begrüßen.

»Ihr könnt euch gern zu uns setzen«, ließ Olivia die beiden wissen, als sie sich im Restaurant umsahen, aber keinen freien Tisch mehr ausmachen konnten.

»Wir wollen euch aber nicht stören«, sagte Mathilda.

»Sie stören nicht, setzen Sie sich nur«, schloss sich Daniel Olivias Einladung an.

»Nur zu«, sagte Ophelia, als Mathilda auch sie anschaute.

»Gut, da ihr alle einverstanden seid, nehmen wir das Angebot gern an«, entgegnete Mathilda.

»Ich habe euch am Brunnen gesehen«, raunte Ophelia Mathilda zu, die sich auf den freien Stuhl neben sie setzte, während Hanno auf dem Stuhl am Kopfende des Tisches Platz nahm. »Dürfen wir es offiziell wissen?«, fragte Ophelia leise und blickte auf Mathildas linke Hand.

»Klar, ich kann es ohnehin nicht länger für mich behalten. Hanno und ich haben uns gerade verlobt«, sagte sie und zeigte Ophelia den schmalen goldenen Ring mit dem glitzernden Diamanten.

»Der ist wunderschön«, flüsterte Ophelia.

»Ja, das ist er«, schloss sich Olivia an, als Mathilda auch ihr den Ring zeigte.

»Meinen Glückwunsch«, sagte Daniel und klopfte Hanno auf die Schulter. Er kannte den jungen Mann inzwischen recht gut. Er hatte schon einige Male spezielle Medikamente für ihn angerührt, die er seinen Patienten verschrieben hatte und die die großen Pharmaunternehmen in dieser Form nicht anboten.

»Es war ein spontaner Einfall. Ich wollte einfach nicht mehr länger warten«, gestand Hanno Daniel und legte seine Hand auf die von Mathilda. »Ich hatte ganz schön Herzklopfen, weil ich nicht wusste, ob sie ›Ja‹ sagen würde.«

»Du hast nicht wirklich daran gezweifelt oder etwa doch?«, wollte Mathilda von Hanno wissen.

»Ein wenig unsicher war ich schon«, gab er zu.

»So geht es jedem, der diese Frage stellt«, sagte Daniel.

»Du warst also auch unsicher, wie meine Antwort lauten wird«, wunderte sich Olivia.

»Mein Herzschlag hatte sich schon beschleunigt, als ich damals vor dir stand«, gestand ihr Daniel.

»Ich habe dich aber schnell erlöst.«

»Ja, das hast du«, sagte er und küsste sie zärtlich auf die Wange.

»Die Antwort auf diese Frage entscheidet über das zukünftige Leben zweier Menschen. Ich denke, einigen wird das erst richtig bewusst, wenn sie auf diese Frage antworten sollen«, sagte Hanno.

»Wer um die Antwort ringen muss, sollte es besser ganz sein lassen. Dieses ›Ja‹ muss aus dem Herzen kommen, du solltest schier überquellen vor Glück, wenn du diese Frage hörst. Und wenn du so empfindest, dann musst du nicht lange überlegen, wie deine Antwort lauten wird«, sagte Mathilda und betrachtete Hanno mit einem glücklichen Lächeln.

»Danke«, sagte Hanno, zog Mathildas Hand an seine Lippen und küsste sie.

»Danke für was?«

»Für die romantische Schilderung dieses Augenblickes.«

»Was ist das?«, fragte Hanno, als Adriano mit einem Tablett an den Tisch kam, auf dem fünf schmale Sektgläser standen.

»Mir ist nicht entgangen, dass es hier etwas zu feiern gibt. Eine Aufmerksamkeit des Hauses. Fünfmal Prosecco zum Anstoßen, drei Gläser mit Alkohol und zwei ohne«, sagte er und reichte zuerst Olivia und danach Ophelia eines der beiden Gläser, die auf einem grünen Untersetzer standen, bevor er die drei anderen Gläser auf den Tisch stellte. »Meine Glückwünsche zur Verlobung«, raunte er Hanno und Mathilda zu, strich ihnen freundschaftlich über die Schultern und ließ sie wieder allein.

»Auf eure gemeinsame Zukunft«, sagte Daniel, und dann stießen sie mit dem Prosecco auf die Verlobung der beiden an.

»Morgen Abend werden wir Hannos Eltern zum Essen einladen und ihnen die Neuigkeit verkünden«, erzählte Mathilda, nachdem sie mitein­ander angestoßen hatten.

»Wann wirst du es deiner Schwester sagen?«, fragte Olivia.

»Da ich heute bei Hanno übernachte, erst morgen. Ich will ihr diese Nachricht persönlich überbringen, nicht über das Telefon.«

»Das halte ich auch für besser«, stimmte Olivia ihr zu. »Wie geht es Lorena überhaupt?«

»Wieder ganz gut. Sie wollte sich aber noch ausruhen, den Abend auf dem Sofa verbringen und sich einen Film ansehen.«

»Hat sie noch Kopfschmerzen?«, fragte Daniel.

»Sie hat zwei von den Tabletten genommen, die Sie ihr verschrieben haben, danach waren sie so gut wie weg.«

»Das freut mich zu hören«, sagte Daniel.

»Sie wird aber trotzdem den Termin beim Orthopäden wahrnehmen, wie Sie es ihr geraten haben.«

»Das sollte sie unbedingt tun.«

»Der Meinung bin ich auch. Vielleicht liegt es an einem unerkannten Haltungsschaden.«

»Das wäre eine Möglichkeit«, stimmte Daniel ihr zu.

»Habt ihr schon einen Hochzeitstermin?«, fragte Ophelia und lenkte das Gespräch wieder auf das aktuelle Ereignis.

»Ich denke, damit warten wir, bis ich mein Studium abgeschlossen habe.«

»Das dauert aber noch.«

»Etwa zwei Jahre, aber vielleicht halte ich es auch nicht ganz so lange aus.«

»Manchmal braucht es keine lange Vorbereitungszeit. Da geht es mit der Hochzeit ganz schnell«, sagte Hanno und sah Daniel und Olivia an, die binnen weniger Tage einen Termin beim Standesamt bekommen hatten.

»Dann müssten wir aber auch Gusti Meiers Beziehungen nutzen«, erinnerte Mathilda ihn daran, dass Gustis Bekanntschaft mit einer Standesbeamtin Daniel und Olivia zu diesem Termin verholfen hatte.

»Ich würde diese Beziehung nutzen«, sagte Hanno.

»Gut zu wissen, nur so für alle Fälle«, entgegnete Mathilda schmunzelnd und lehnte ihren Kopf an Hannos Schulter. »Damit ich weitere Entscheidungen treffen kann, müsste ich aber erst einmal etwas essen«, sagte sie, weil sie den ganzen Tag für eine Klausur gelernt hatte und bis auf einen Apfel nichts zu sich genommen hatte.

»Dann werden wir uns schnell darum kümmern, dass du etwas bekommst«, antwortete Hanno und bedeutete Adriano, dass er etwas bestellen wolle.

*

Eine Stunde später machten sich Daniel, Olivia und Ophelia wieder auf den Heimweg. Es war eine sternklare Nacht, und der Schnee knirschte unter ihren Füßen, als sie durch die verschneiten Straßen liefen. Ophelia und Daniel nahmen Olivia in ihre Mitte und hakten sich bei ihr unter.

»So können wir dich auffangen, falls du auf eine glatte Stelle gerätst«, sagte Ophelia.

»Hoffentlich geraten wir nicht alle gleichzeitig auf eine glatte Stelle«, entgegnete Olivia.

»Keine Sorge, Mama, Daniel und ich fangen uns schon ab, aber du hast im Moment eine kleine Ausbuchtung nach vorn, die dich daran hindern würde, das Gleichgewicht zu halten.«

»Stimmt, die habe ich«, pflichtete Olivia ihrer Tochter lachend bei und nahm das Angebot der beiden, sie vor einem Sturz zu schützen, gern an.

Zehn Minuten danach waren sie zu Hause. Ophelia zog sich gleich auf ihr Zimmer zurück, um noch mit einer Freundin zu telefonieren, Olivia nahm eine warme Dusche, und Daniel rief die Seefelds an, um ihnen zu ihrem Nachwuchs zu gratulieren. Es war Sebastian, der das Telefongespräch entgegennahm.

»Wie ist die Geburt verlaufen?«, fragte er ihn, nachdem er ihm zur Geburt seines Sohnes gratuliert hatte.

»Es ging ziemlich schnell, was gut für Anna und unseren Sohn war. Beide sind gesund, mehr konnten wir uns nicht wünschen.«

»Das heißt, eure Entscheidung für die Hausgeburt hat sich als richtig erwiesen.«

»Es gab keine Komplikationen, deshalb war es richtig. Anna meinte, mit einer Hebamme und zwei Landärzten im Haus, die bereits einige Babys auf die Welt geholt haben, könne ohnehin nichts schiefgehen.«

»Damit hat sie sicher recht. Dein Vater hat in seinem Leben mehr Geburten begleitet als die meisten niedergelassenen Gynäkologen. Nicht zu vergessen, dass du und Anna inzwischen das »Dreamteam der Geburtshelfer« in und um Bergmoosbach seid, wie Emilia uns neulich verraten hat.«

»Möglicherweise sehen uns die Leute so, was wohl der Grund dafür ist, dass die Hausgeburten bei uns inzwischen einen neuen Höchststand erreicht haben«, gab Sebastian zu.

»Ophelia würde eine Hausgeburt für ihre Geschwister auch vorziehen. Wir könnten darüber nachdenken, wenn es keine Zwillinge wären.«

»Ophelia möchte gern dabei sein, nehme ich an.«

»Ja, das will sie unbedingt, und wir werden es ihr auch ermöglichen. Ich habe das bereits mit meinen Eltern geklärt.«

»Das ist doch die perfekte Lösung. Die Geburt im Kreis der Familie und das Krankenhaus als Back-up.«

»Olivia und ich sind mit dieser Lösung auch sehr zufrieden. Wie hat Emilia es verkraftet, die Geburt mitzuerleben?«

»Ehrlich gesagt, war sie ruhiger als ich. Obwohl ich schon bei so vielen Geburten dabei war, selbst Vater zu werden, lässt sich nicht damit vergleichen. Bei einer Komplikation hätten sie mich vermutlich aus dem Zimmer schicken müssen, weil ich nicht mehr in der Lage gewesen wäre, klar zu denken.«

»Das würde mir sicher nicht anders ergehen. Egal, da wir in der Klinik sein werden, muss ich mir darüber auch keine Gedanken machen.«

»Nein, das musst du nicht. Und überhaupt, die meisten Geburten verlaufen ohne Komplikationen, auch bei euch wird alles gutgehen. Willst du Anna kurz sprechen? Ich höre gerade, dass sie wach ist.«

»Ja, ich würde gern mit ihr sprechen«, sagte Daniel.

Als er gleich darauf mit Anna sprach und sie zu ihrem Sohn beglückwünschte, schaltete Anna auf Videoübertragung des Telefons, und er konnte sie und das Baby sehen.

Anna schien schon wieder ganz munter zu sein. Sie trug ein leuchtend blaues Nachthemd, hatte ihr dunkles Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden und saß mit dem Baby im Arm aufrecht im Bett. Nur in ihren grünen Augen konnte Daniel noch die Anstrengung erkennen, die die Geburt sie gekostet hatte.

Olivia kam aus der Dusche, als er noch mit Anna sprach und klinkte sich genau wie Sebastian in das Gespräch ein. Erst als das Neugeborene Hunger hatte und sich lautstark bemerkbar machte, beendeten sie das Telefonat.

»Ihr seid uns jederzeit willkommen, solltet ihr Lust haben, uns zu besuchen«, hatte Anna aber noch gesagt, bevor sie sich voneinander verabschiedeten.

»Wann könnten wir denn zu ihnen fahren?«, wollte Olivia von Daniel wissen.

»Am kommenden Wochenende habe ich Notdienst, aber am übernächsten Wochenende könnten wir nach Bergmoosbach fahren«, sagte Daniel.

»Wir besuchen die Seefelds?«, fragte Ophelia, die sich noch eine Flasche Wasser aus der Küche holte.

»Am übernächsten Wochenende«, sagte Olivia.

»Super, dann rufe ich gleich Leander an, dass wir uns nächste Woche sehen.«

»Aber nur kurz, es ist schon nach halb zehn.« Olivia wusste, dass die Gespräche mit Ophelias Freund immer stundenlang dauerten, und sie wollte nicht, dass ihre Tochter am nächsten Morgen übermüdet in der Schule sitzen würde.

»Ich fasse mich kurz, so gut es eben geht«, fügte Ophelia lächelnd hinzu und huschte wieder aus der Küche.

»Weißt du was, Daniel«, sagte ­Olivia, »ich würde mich auch gern hinlegen. Wir könnten im Bett noch ­lesen oder den Fernseher anmachen oder…«

»Oder klingt fantastisch«, sagte er und nahm Olivia in seine Arme.

*

»Erfahre ich jetzt, was du den ganzen Morgen vor mir verheimlicht hast?«, fragte Lorena, als sie und Mathilda am frühen Nachmittag aus der Uni kamen und Mathilda sie gebeten hatte, einen Spaziergang mit ihr am Isarufer zu machen.

»Wie kommst du darauf, dass ich etwas vor dir verheimliche?«, wunderte sich Mathilda.

»Wir sind Zwillinge. Du kannst deine Empfindungen nicht vor mir verbergen«, entgegnete Lorena.

»Nein, vermutlich nicht«, stimmte Mathilda ihr zu. Offensichtlich hatte sie sich getäuscht, als sie glaubte, dass sie ihre Gefühle wenigstens für ein paar Stunden so ihm Griff hatte, dass Lorena sie nicht durchschaute. Seit gestern Abend hatte sich ihr Leben verändert. Ihre Zukunft lag jetzt klar vor ihr, ihre gemeinsame Zukunft mit Hanno.

Nachdenklich schaute sie auf das türkisfarbene Wasser des Flusses, das die Sandbänke umspülte. In den wärmeren Monaten des Jahres war hier stets viel Betrieb. Die Leute kamen zum Schwimmen an die Isar, Boote und Flöße waren in beiden Richtungen unterwegs. Um diese Jahreszeit ließen sich nur ein paar Enten auf den Wellen treiben, tauchten von Zeit zu Zeit die Köpfe unter Wasser, um nach Nahrung zu suchen.

Mathilda betrachtete die Brücke, die vor ihnen lag. Sie war aus einem mächtigen Holzgeflecht errichtet, ruhte auf mehreren Betonfundamenten und verband zwei Stadtteile mitein­ander.

Auch zwischen ihr und Lorena gab es eine feste Brücke, die niemals einstürzen würde, es sei denn, eine von ihnen würde sie mutwillig zerstören. Sie hoffte, dass ihre Liebe zu Hanno nicht der Auslöser für Lorena sein würde, diese Brücke abzureißen.

»Also, um was geht es? Sag schon«, forderte Lorena sie auf.

»Okay, ich mache es kurz. Hanno und ich haben uns gestern verlobt«, sagte Mathilda.

»Du hast was?«, fragte Lorena. Sie blieb stehen und starrte Mathilda fassungslos an.

»Hanno hat mich gefragt, ob ich seine Frau werden will, und ich habe ja gesagt.«

»Aber wieso denn? Das geht doch nicht«, entgegnete Lorena.

»Jetzt tu doch nicht so überrascht, Lorena. Du weißt doch, dass ich mit Hanno zusammen bin.«

»Ich dachte, es geht vorbei.«

»Ich habe dir bereits gesagt, dass ich ihn liebe.«

»Auch Liebe geht vorbei.«

»Nicht immer, manchmal hält sie ein Leben lang.«

»Hanno ist aber nicht der richtige für dich.«

»Doch, das ist er.«

»Nein, das ist er nicht, und das weißt du auch«, erklärte Lorena. Sie kickte einen Stein über die Uferböschung, sah zu, wie er in den Fluss klatschte und sich kreisförmige kleine Wellen ausbreiteten.

»Lorena, bitte, verstehe mich doch. Ich bin glücklich mit Hanno, und ich bin sicher, dass dir auch bald jemand begegnen wird, für den du ebenso empfindest wie ich für Hanno«, versuchte Mathilda ihre Schwester zu beruhigen.

»Ich werde mich nicht auf den erstbesten Mann einlassen. Wir hatten Pläne für die Zukunft. Hast du die etwa vergessen?«

»Du sprichst doch nicht von diesen Jungmädchenträumen, die wir einmal hatten?«, fragte Mathilda verblüfft.

»Das waren keine Jungmädchenträume, das war unser Plan für die Zukunft. Wir studieren Medizin, wir heiraten zwei Ärzte, möglichst auch Zwillinge, und wir eröffnen alle gemeinsam eine Praxis. Wir wohnen zusammen, wir arbeiten zusammen, das war es, was wir immer wollten.«

»Das war nur ein Traum, Lorena, ein Fantasiegebilde, das sich verträumte Teenager ausdenken. Du kannst doch nicht ernsthaft davon ausgehen, dass aus diesem Traum Wirklichkeit werden könnte. Allein die Zwillinge, diese Ärzte, in die wir uns verlieben sollten, woher mögen die kommen?«

»Irgendwo warten sie auf uns«, sagte Lorena und zog ihre weiße Strickmütze tiefer ins Gesicht, als ein kühler Wind über den Fluss hinwegblies.

»Hör auf, Lorena, du musst diese Träume vergessen.«

»Du sagst, ich soll diese Träume vergessen, aber eigentlich willst du mir nur sagen, dass du mich allein lassen willst, dass du diesen Hanno mir vorziehst.«

»Dass ich Hanno liebe, bedeutet doch nicht, dass ich dich nicht mehr liebe. Du bist meine Schwester, wir werden immer miteinander verbunden sein. Egal, mit wem und wo wir wohnen.«

»Du machst dir etwas vor.«

»Lorena, bitte, mach es uns doch nicht so schwer.«

»Du machst es uns gerade schwer, nicht ich.«

»Es tut mir leid, dass du das so siehst. Ich hatte nicht vor, dich zu verletzen, Lorena. Ich dachte, du freust dich für mich.«

»Du hast unsere Träume verraten, Mathilda«, entgegnete Lorena trotzig und starrte auf den sandigen Uferweg.

»Wir haben jetzt andere Träume.«

»Du hast andere, ich nicht. Aber gut, es ist, wie es ist. Ich werde mich schon damit abfinden«, seufzte Lorena. »Gehen wir weiter«, sagte sie leise und ließ die Schultern hängen.

»Wir bekommen das hin, Lorena. Du gehörst zu meinem Leben, ich werde dich niemals allein lassen. Was hältst du davon, wenn du Hanno und mich heute Abend zum Essen mit seinen Eltern begleitest? Wir wollten zu Adriano gehen, um ihnen ganz offiziell von unserer Verlobung zu erzählen.«

»Dann bin ich also die erste, die von eurer Verlobung erfährt?«

»Eigentlich solltest du es als erste erfahren, aber unsere Verlobung wurde beobachtet.«

»Beobachtet? Wieso das? Habt ihr euch auf der Rolltreppe im Kaufhaus verlobt?«

»Nein, gestern Abend in der Fußgängerzone«, sagte Mathilda und erzählte ihrer Schwester von ihrer Verlobung am Brunnen und ihrem anschließenden Besuch bei Adriano.

»Ihr habt also bei Adriano auf eure Verlobung angestoßen, dann weiß es inzwischen sicher schon die ganze Gegend. Folglich bin ich eine der letzten, die davon erfährt.«

»So war das nicht geplant, das musst du mir glauben.«

»Egal, jetzt weiß ich es ja. Und nein, ich komme heute Abend nicht mit euch. Das wäre unpassend.«

»Wieso unpassend?«

»Du triffst dich mit deinen zukünftigen Schwiegereltern. Ich meine, falls sie es noch nicht von irgendjemand gehört haben, werden sie erst heute Abend erfahren, dass sie deine Schwiegereltern werden. Ich denke, das ist eine private Angelegenheit, zu der ich nichts beitragen kann.«

»Ich hätte dich wirklich gern dabei.«

»Danke, das ist lieb gemeint, aber ich würde mich dabei nicht wohlfühlen.«

»In Ordnung, wenn du das nicht möchtest. Was hältst du denn davon, wenn du ein paar Tage zu den Eltern fährst. Hanno und ich kommen am Wochenende nach. Dann können wir dort zusammen meine Verlobung feiern«, schlug Mathilda ihrer Schwester vor.

»Du willst mich aus der Stadt verbannen?«, fragte Lorena und kämpfte mit den Tränen.

»Ich will dich nicht verbannen. Ich dachte nur, es würde dir guttun, dich mal ein paar Tage zu erholen. Dir ging es doch in letzter Zeit nicht so gut.«

»Nein, es ging mir nicht gut«, stimmte Lorena Mathilda zu.

»Komm, gehen wir noch ein Stück«, sagte Mathilda. Sie hoffte, dass Lorena sich bald wieder beruhigte und einsah, dass sie keine Teenager mehr waren, die von einer Fantasiewelt träumten.

»Tut mir leid, ich habe keine Zeit mehr. Ich muss zur U-Bahn. Ich habe in einer Dreiviertelstunde einen Termin beim Orthopäden. Da du heute Abend nicht da bist, werde ich danach auch nicht gleich zurückkommen. Ich denke, ich schaue mal bei Senta in der WG vorbei. Dort ist immer etwas los.«

»Klingt gut, mach das«, pflichtete Mathilda ihrer Schwester bei. Dass Lorena ihre Studienkolleginnen in der WG besuchen wollte, überraschte sie zwar, weil Lorena sonst nicht zu spontanen Unternehmungen neigte, aber sie versuchte, es als ein gutes Zeichen zu sehen. »Ich begleite dich noch zur U-Bahn«, sagte sie.

»Klar, warum nicht«, entgegnete Lorena und bemühte sich zu lächeln. Dass sie ihre Hände hinter dem Rücken zu Fäusten ballte, um ihre Wut in den Griff zu bekommen, sah Mathilda nicht.

*

Olivia stand gerade vor dem Haus ihrer Mutter und verabschiedete Pascal Westmann, ihren letzten Patienten an diesem Tag, als sie Mathilda sah. Sie bedeutete ihr, kurz zu warten.

»Wir sehen uns dann nächste Woche wieder, Herr Westmann«, sagte sie und nickte dem jungen Mann, der an einem chronischen Erschöpfungssyndrom litt, noch einmal freundlich zu. Daniel hatte die Krankheit diagnostiziert und ihm geraten mit Hilfe einer Gesprächstherapie, die Depression zu überwinden, die seine Krankheit begleitete. Das gelang ihm glücklicherweise erstaunlich gut.

Nachdem der junge Mann mit dem weißblonden Haar das Grundstück verlassen hatte, bog Mathilda in die Einfahrt zu Ottilies Garage ein. Sie hoffte, dass Olivia ein paar Minuten Zeit für sie haben würde. Lorenas Verhalten machte ihr Sorgen. Auch wenn sie sich an der U-Bahn-Station freundlich von ihr verabschiedet und ihr einen schönen Abend gewünscht hatte, glaubte sie nicht daran, dass ihre Schwester ihre Verlobung bereits akzeptiert hatte.

»Hallo, Mathilda, wo ist dein Lächeln von gestern Abend«, wunderte sich Olivia, als die junge Frau in dem hellblauen Mantel und der weißen Strickmütze näher kam. Sie hatte erwartet, dass Mathilda nach ihrer überraschenden Verlobung noch immer auf »Wolke sieben« schweben würde.

»Ich hatte gerade eine Unterhaltung mit meiner Schwester.«

»Du hast ihr von der Verlobung erzählt, nehme ich an«, entgegnete Olivia und strich ihr Haar aus der Stirn, als ein Windstoß über den Garten hinwegfegte.

»Ja, habe ich.«

»Wie hat sie es aufgenommen?«

»Sie war zunächst nicht begeistert.«

»Was heißt zunächst?«

»Möglicherweise hat sie sich dann doch damit abgefunden. Ich bin mir aber nicht sicher.«

»Wir könnten eine Tasse Tee bei mir drüben trinken«, schlug Olivia ihr vor.

»Die Einladung nehme ich gern an«, erklärte sich Mathilda sofort einverstanden.

Als sie gleich darauf das Haus der Nordens betraten, bat Olivia Mathilda, am Esszimmertisch Platz zu nehmen, nachdem sie ihren Mantel an die Garderobe gehängt hatte. Sie wollte sich noch schnell etwas Bequemeres anziehen und ging hinauf in ihr Schlafzimmer, um das helle Leinenkleid gegen Leggins und ein weites T-Shirt zu tauschen.

»Hallo, Ortrud«, begrüßte Mathilda die rotgetigerte Katze, die auf dem Stuhl neben dem blauen Kachelofen geschlafen hatte, von dort heruntersprang und zu ihr kam. Als sie schnurrend mit aufgestelltem Schwanz um ihre Beine herumstrich, hob sie sie auf ihren Schoß, um sie zu streicheln. Ortrud schien das zu gefallen. Nach einer Weile rollte sie sich auf Lorenas Schoß zusammen und gähnte genussvoll. Als Olivia schließlich in die Küche kam, war Ortrud schon wieder eingeschlafen.

»Du hast eine neue Freundin gefunden, wie ich sehe«, stellte Olivia fest.

»Ich mag Katzen, das spürt sie vermutlich«, sagte Mathilda.

»Das spürt sie auf jeden Fall. Ortrud geht Menschen, von denen sie nichts Gutes zu erwarten hat, aus dem Weg. Wenn sie jemanden nicht mag, würde ich mir überlegen, ob ich mit demjenigen privaten Kontakt haben möchte. Glücklicherweise mag sie unsere Freunde und Bekannten«, sagte Olivia lächelnd. »Ich trinke im Moment am liebsten Hibiskustee. Ich habe aber auch noch andere Sorten. Auch schwarzen oder grünen Tee. Ich kann dir aber auch gern einen Kaffee machen.«

»Ich nehme auch Hibiskustee«, sagte Mathilda.

»Ein Stück Marmorkuchen dazu? Meine Mutter hat ihn gebacken.«

»Leider kann ich bei Kuchen nie nein sagen«, seufzte Mathilda.

»Was für dich kein Problem sein dürfte«, entgegnete Olivia und streifte sie mit einem kurzen Blick, bevor sie das Wasser für den Tee aufsetzte. Mathilda und ihre Schwester waren beide sehr schlank, sie durften sich ruhig hin und wieder ein Stück Kuchen gönnen. »Du wolltest mir von deinem Gespräch mit Lorena erzählen«, sagte sie, als sie mit dem Tablett, auf dem zwei Tassen mit duftendem Hibiskustee und zwei Teller mit Marmorkuchen standen, an den Tisch kam. Sie nahm auf dem Stuhl gegenüber von Mathilda Platz und reichte ihr eine Tasse Tee und einen Teller mit Kuchen.

»Wie gesagt, zuerst hat sie mir deutlich gemacht, dass sie von meiner Verlobung überhaupt nicht begeistert ist, aber dann hat sie sich überraschend schnell beruhigt«, sagte Mathilda und erzählte Olivia von ihrem Gespräch mit Lorena.

»Ich befürchte, es wird noch eine Weile dauern, bis sie sich wirklich von diesen Träumen eurer Kindheit gelöst hat. Aber ich denke, sobald sie deine Verlobung akzeptiert, ist das für sie der erste Schritt, um sich von diesen Träumen zu lösen«, erklärte ihr Olivia, nachdem sie Mathilda aufmerksam zugehört hatte.

»Das hoffe ich, sonst wird es schwer für uns alle.«

»Hatte Lorena schon einmal eine richtige Beziehung?«

»Nein, eigentlich nicht, mehr als ein paar Wochen war sie nie mit jemandem zusammen. Ihre letzte Beziehung ist auch schon ein paar Jahre her. Seitdem wir auf der Uni sind, hat sie sich auf niemanden eingelassen. An jedem Mann, der sich ihr nähert, hat sie etwas auszusetzen.«

»Sie wartet auf die Zwillinge, die ihr einmal heiraten werdet.«

»Das befürchte ich«, seufzte Mathilda. »Könnte es sein, dass sie professionelle Hilfe braucht, um sich von dieser Fantasie zu lösen?«

»Das lässt sich so nicht sagen. Die meisten Menschen tragen ihre unerfüllten Träume ein Leben lang mit sich herum.«

»Ich habe im Moment das Gefühl, als würden all meine Träume wahr. Hast du unerfüllte Träume?«, wollte Mathilda von Olivia wissen.

»Nein, eher nicht. Ich habe die Liebe meines Lebens gefunden, und meine Liebe wird erwidert. Ich habe eine wundervolle Tochter, und ich erwarte Daniels und meine Kinder. Uns allen geht es gut. Ich wünsche mir einfach nur, dass es uns allen auch weiterhin gut geht«, sagte Olivia. Sie umfasste ihre Teetasse mit beiden Händen und hielt sie einen Augenblick lang fest, um sich daran zu wärmen, bevor sie einen Schluck von dem Tee trank.

»Hast du einen Rat für mich, wie ich mich gegenüber Lorena in nächster Zeit verhalten sollte?«, fragte Mathilda.

»Bleibe bei der Wahrheit, mach ihr nichts vor. Euer Verhältnis wird in Zukunft nicht mehr so eng sein. Du wirst mit Hanno zusammenziehen, und sie wird allein wohnen. Damit muss sie sich auseinandersetzen.«

»Vielleicht würde es ihr helfen, wenn wir für sie eine Mitbewohnerin suchen. Was aber nicht sein müsste, da meine Eltern die Miete für die Wohnung bestimmt weiterhin bezahlen, bis wir mit dem Studium fertig sind.«

»Lorena wird sich vermutlich nicht so schnell einen Mitbewohner suchen. Sie wird noch eine Weile darauf hoffen, dass sich deine Verlobung als Irrtum herausstellt und du zurückkommst.«

»Darauf sollte sie nicht hoffen.«

»Das musst du ihr klar machen.«

»Ich werde mir Mühe geben«, sagte Mathilda.

Als Ophelia kurz darauf vom Schlittschuhlaufen mit ihren Freunden nach Hause kam, setzte sie sich zu ihrer Mutter und Mathilda an den Tisch und zeigte den beiden die neuen Fotos des Neugeborenen, die Emilia ihr geschickt hatte. Die Fotos des Babys lenkten Mathilda von ihren Problemen mit ihrer Schwester ab, und das empfand sie als wohltuend. Bald darauf verabschiedete sie sich von Olivia und Ophelia. Jetzt freute sie sich erst einmal auf den Abend mit Hanno und seinen Eltern.

»Was hat sie? Sie wirkt ein bisschen bedrückt?«, fragte Ophelia, die von ihrer Mutter und ihrer Großmutter gelernt hatte, Menschen richtig einzuschätzen.

»Mathilda hat sich verlobt, und ihre Schwester findet das nicht wirklich gut.« Olivia wusste, dass Ophelia inzwischen alt genug war, um solche zwischenmenschlichen Dinge zu verstehen. Sie musste ihr nichts vormachen.

*

Als Daniel am Abend aus der Praxis kam, deckte Ophelia den Tisch für das Abendessen. Olivia stand am Herd und überwachte die Pfanne mit den Bratkartoffeln, dem Gemüse und dem Schafskäse, die sie vorbereitet hatte, nachdem Mathilda gegangen war.

»Hallo, Doc, hattest du einen schönen Tag?«, fragte Ophelia, nachdem Daniel Olivia mit einem zärtlichen Kuss begrüßt hatte.

»Ich musste niemandem eine schlechte Botschaft verkünden. Also ja, ich hatte einen schönen Tag«, sagte Daniel und streichelte Ophelia über das Haar. »Wie war dein Tag?«

»Ich war Schlittschuhlaufen mit meinen Freunden. Wir hatten viel Spaß. Nur für Marius war es kein perfekter Tag. Er ist auf der Eisbahn umgeknickt. Seine Oma hat ihn abgeholt. Sie wollten eigentlich zu dir. Waren sie da?«

»Ja, waren sie.«

»Ist es schlimm?«

»Nein, ist es nicht.«

»Zum Glück. Ihm standen nämlich die Tränen in den Augen, als Gusti ihn abgeholt hat.«

»Alles klar, nur eine Verstauchung«, sagte Ophelia, als Marius in diesem Moment die Nachricht über Whatsapp verbreitete, dass er sich nur eine leichte Verstauchung zugezogen hatte.

»Gut, dann weißt du ja Bescheid. Gebt mir noch ein paar Minuten, ich bin gleich bei euch«, sagte Daniel. Wenn er abends aus der Praxis kam, nahm er gern eine Dusche, weil ihm das half abzuschalten. Auch wenn es ihm nicht immer gelang, eine klare Grenze zwischen seinem Berufs- und seinem Privatleben zu ziehen, war es für ihn ein notwendiges Ritual, um neue Energie zu tanken.

Nach dem Abendessen zog sich Ophelia in ihr Zimmer zurück, um mit ihren Freunden zu chatten.

Olivia und Daniel saßen noch eine ganze Weile im Wohnzimmer, und Olivia erzählte Daniel von Mathildas Besuch.

»Ich befürchte, vor Mathilda liegen noch einige anstrengende Wochen«, sagte Olivia, als sie sich auf dem Sofa ausstreckte und ihren Kopf auf Daniels Schoß legte.

»Ich kann mir vorstellen, dass es für Lorena nicht leicht sein wird, sich von ihrer Schwester zu lösen. Zwillinge haben schließlich eine ganz besondere Verbindung. Vermutlich wird das bei unseren Kindern auch so sein«, entgegnete Daniel und legte seine Hand auf Olivias Bauch.

»Sie werden eine besondere Verbindung haben, davon gehe ich aus. Aber sie werden trotzdem ihre eigenen Wege gehen. Jungen und Mädchen entwickeln sich naturgemäß ein wenig anders. Dieses Problem, mit dem Mathilda sich gerade herumschlagen muss, werden sie vermutlich nicht haben.«

»Das ist richtig, und darüber bin ich auch sehr froh. Die beiden sollen füreinander da sein, aber sie müssen nicht dieselben Träume verfolgen.«

»Nein, das müssen sie nicht. Es genügt, wenn ihre Eltern dieselben Träume haben.«

»Welche wären das?«, fragte Daniel und sah Olivia abwartend an.

»Das sind der Traum von einer großen immerwährenden Liebe und der Traum von einer glücklichen Familie«, sagte sie und richtete sich auf.

»Mehr wollte ich nicht hören«, antwortete Daniel, nahm sie in seine Arme und küsste sie.

*

»Vielleicht sollte ich auch mal mit zum Yoga gehen«, sagte Valentina, als Olivia sich nach dem Frühstück am nächsten Morgen wieder auf den Weg zur Yogaschule machte. Daniel war schon in der Praxis, und Ophelia hatte auch vor einigen Minuten das Haus verlassen.

»Kommen Sie doch das nächste Mal einfach mit«, schlug Olivia ihr vor.

»Wäre denn noch ein Platz in Ihrer Gruppe frei?«, fragte Valentina, die ihre rotweiß gestreifte Schürze wieder anzog, nachdem sie sie auf der Terrasse ausgeschüttelt hatte, weil sie ein paar Brotkrümel darauf entdeckt hatte.

»Ich denke schon, dass noch ein Platz frei ist. Aber ich werde Doreen vorsichtshalber fragen, ob sie noch jemanden in die Gruppe aufnimmt.«

»Danke, Frau Doktor«, sagte Valentina und hielt Olivia die Tür auf.

»Bis später, Valentina«, verabschiedete sich Olivia von ihr, als sie ihre Mutter auf dem Nachbargrundstück aus dem Haus kommen sah.