Verlag: Bastei Lübbe Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

Die Nightingale-Schwestern E-Book

Donna Douglas  

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E-Book-Beschreibung Die Nightingale-Schwestern - Donna Douglas

London, 1934. Das berühmte Nightingale Hospital sucht neue Krankenschwestern. Unter den Kandidatinnen sind drei junge Frauen, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Während Dora aus ärmlichen Verhältnissen stammt, ist Millie eine waschechte Aristokratin, die lieber etwas Sinnvolles tut, als sich einen Ehemann zu suchen. Helen dagegen leidet unter ihrer dominanten Mutter, vor der sie ein Geheimnis verbirgt. Doch welche von ihnen hat das Zeug dazu, eine echte Nightingale-Schwester zu werden?

Meinungen über das E-Book Die Nightingale-Schwestern - Donna Douglas

E-Book-Leseprobe Die Nightingale-Schwestern - Donna Douglas

Inhalt

Cover

Über die Autorin

Titel

Impressum

KAPITEL EINS

KAPITEL ZWEI

KAPITEL DREI

KAPITEL VIER

KAPITEL FÜNF

KAPITEL SECHS

KAPITEL SIEBEN

KAPITEL ACHT

KAPITEL NEUN

KAPITEL ZEHN

KAPITEL ELF

KAPITEL ZWÖLF

KAPITEL DREIZEHN

KAPITEL VIERZEHN

KAPITEL FÜNFZEHN

KAPITEL SECHZEHN

KAPITEL SIEBZEHN

KAPITEL ACHTZEHN

KAPITEL NEUNZEHN

KAPITEL ZWANZIG

KAPITEL EINUNDZWANZIG

KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG

KAPITEL DREIUNDZWANZIG

KAPITEL VIERUNDZWANZIG

KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG

KAPITEL SECHSUNDZWANZIG

KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG

KAPITEL ACHTUNDZWANZIG

KAPITEL NEUNUNDZWANZIG

KAPITEL DREISSIG

KAPITEL EINUNDDREISSIG

KAPITEL ZWEIUNDDREISSIG

KAPITEL DREIUNDDREISSIG

KAPITEL VIERUNDDREISSIG

KAPITEL FÜNFUNDDREISSIG

KAPITEL SECHSUNDDREISSIG

KAPITEL SIEBENUNDDREISSIG

KAPITEL ACHTUNDDREISSIG

KAPITEL NEUNUNDDREISSIG

KAPITEL VIERZIG

KAPITEL EINUNDVIERZIG

KAPITEL ZWEIUNDVIERZIG

KAPITEL DREIUNDVIERZIG

KAPITEL VIERUNDVIERZIG

KAPITEL FÜNFUNDVIERZIG

KAPITEL SECHSUNDVIERZIG

KAPITEL SIEBENUNDVIERZIG

KAPITEL ACHTUNDVIERZIG

KAPITEL NEUNUNDVIERZIG

KAPITEL FÜNFZIG

KAPITEL EINUNDFÜNFZIG

KAPITEL ZWEIUNDFÜNFZIG

KAPITEL DREIUNDFÜNFZIG

KAPITEL VIERUNDFÜNFZIG

KAPITEL FÜNFUNDFÜNFZIG

KAPITEL SECHSUNDFÜNFZIG

KAPITEL SIEBENUNDFÜNFZIG

KAPITEL ACHTUNDFÜNFZIG

Danksagung

Über die Autorin

Donna Douglas wuchs in London auf, lebt jedoch inzwischen mit ihrer Familie in York. Ihre Romanserie um die Schwesternschülerinnen des berühmten Londoner Nightingale Hospitals wurde in England zu einem Überraschungserfolg. Neben ihrer Arbeit an weiteren Romanen schreibt die Autorin außerdem regelmäßig für verschiedene englische Zeitungen.

Mehr über Donna Douglas und ihre Bücher erfahren Sie unter www.donnadouglas.co.uk oder auf ihrem Blog unter donnadouglasauthor.wordpress.com.

Donna Douglas

Die NIGHTINGALE SCHWESTERN

Freundinnen fürs Leben

Roman

Aus dem Englischen von

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Für die Originalausgabe: Copyright © 2012 by Donna Douglas Titel der englischen Originalausgabe: »The Nightingale Girls« Originalverlag: Arrow Books, an imprint of The Random House Group Limited, London

Für die deutschsprachige Ausgabe:Copyright © 2016 by Bastei Lübbe AG, KölnTextredaktion: Britta Schiller, EitorfTitelillustration: © Mary Evans /SZ Photo /Scherl; © Colin Thomas, LondonUmschlaggestaltung: FAVORITBUERO, MünchenE-Book-Produktion: two-up, Düsseldorf

ISBN 978-3-7325-3397-8

www.bastei-entertainment.dewww.lesejury.de

KAPITEL EINS

»So, Miss Doyle, und nun sagen Sie mir bitte, warum Sie glauben, dass Sie hier jemals Krankenschwester werden könnten?«

Für die in den Slums von Bethnal Green herangewachsene Dora Doyle gab es kaum etwas, das ihr noch Angst einjagen konnte. Trotzdem kribbelte ihr Magen vor Aufregung an diesem warmen Septembernachmittag, als sie der Oberin des Nightingale Teaching Hospitals in ihrem Büro gegenübersaß. Eine imposante, ganz in Schwarz gekleidete Erscheinung, das Gesicht umrahmt von einer kunstvoll gefältelten weißen Haube, saß diese groß und aufrecht hinter einem massiven Mahagonischreibtisch und hielt ihre grauen Augen erwartungsvoll auf Dora gerichtet.

Dora wischte sich die feuchten Hände an ihrem Rock ab. Sie schwitzte in ihrem Mantel, wagte aber nicht, ihn auszuziehen, da die Oberin dann vielleicht die zerfransten Manschetten ihrer Bluse bemerken würde.

»Nun ja …«, begann sie und unterbrach sich gleich wieder. Die Frage der Oberin war berechtigt: Warum glaubte sie, dass sie jemals Krankenschwester werden könnte? Da sie auf der anderen Seite des dem Nightingale gegenüberliegenden Victoria Parks lebte, hatte sie immer wieder die jungen Frauen in ihren rotgefütterten Umhängen durch die Tore kommen und gehen sehen, und solange sie denken konnte, hatte sie davon geträumt, zu ihnen zu gehören.

Doch Träume wie dieser erfüllten sich nicht für Leute wie Dora Doyle. Wie jedem anderen Mädchen aus dem East End war ihr das Los beschieden, in den Ausbeuterbetrieben oder einer der Fabriken zu arbeiten, die das Ballungsgebiet am Ufer der Themse säumten.

Deshalb war sie mit vierzehn von der Schule abgegangen, um fortan bei Gold’s Garments ihren Lebensunterhalt zu verdienen und das Beste daraus zu machen. Aber ihr Traum war keineswegs erloschen, sondern mehr und mehr in ihr gewachsen, bis sie vier Jahre später all ihren Mut zusammengenommen und einen Bewerbungsbrief geschrieben hatte.

»Was hast du schon zu verlieren?«, hatte Mr. Golds Tochter Esther sie gefragt. »Du wirst es nie erfahren, wenn du es nicht versuchst, bubele.« Sie hatte Dora sogar ihre Glücksbringer-Halskette für das Vorstellungsgespräch geborgt. Auch jetzt konnte Dora das warme Metall unter ihrer Bluse spüren.

»Es ist eine Hamsa, die auch Hand der Fatima genannt wird«, hatte Esther ihr erklärt, als Dora die zierliche silberne Hand an ihrer feinen Kette bewunderte. »Mein Volk glaubt, dass sie Glück bringt.«

Dora hoffte, dass die Macht der Hamsa sich nicht bloß auf Juden erstreckte. Sie brauchte alle Hilfe, die sie nur bekommen konnte.

»Ich bin sehr tatkräftig und fleißig«, sagte sie schließlich zu der Oberin. »Und ich lerne schnell. Man braucht mir nichts zweimal zu sagen.«

»So steht es in Ihrem Empfehlungsschreiben.« Die Oberin blickte auf den Brief vor sich herab. »Diese Miss Gold hält offenbar sehr viel von Ihnen.«

Dora errötete bei dem Kompliment. Esther hatte einiges damit riskiert, hinter dem Rücken ihres Vaters diesen Brief zu schreiben; der alte Jacob würde an die Decke gehen, falls er herausfand, dass seine Tochter einer seiner Angestellten half, eine andere Beschäftigung zu finden. »Miss Esther ist der Meinung, dass ich eines ihrer besten Mädchen an den Nähmaschinen bin. Sie sagt, ich hätte sehr geschickte Hände.«

Die Oberin warf einen Blick auf Doras Hände, die sie schnell auf dem Schoß verschränkte, um ihre abgekauten Nägel und die Schwielen an den Fingern, die groß wie Mottenkugeln waren, zu verbergen. ›Die Hände eines Arbeitstiers‹ pflegte ihre Mutter sie zu nennen. Doch sie sahen nicht aus wie die richtige Art von Händen, um beruhigend über eine fieberheiße Stirn zu streichen.

»Ich zweifle nicht daran, dass Sie eine fleißige Arbeiterin sind, Miss Doyle«, sagte die Oberin. »Aber das ist auch jedes andere Mädchen, das hierherkommt. Und die meisten von ihnen sind viel besser qualifiziert als Sie.«

Dora schob das Kinn vor. »Ich habe meine Zeugnisse. Ich bin zur Abendschule gegangen, um sie zu erlangen.«

»Das sehe ich.« Die Stimme der Oberin war sanft, hatte aber einen sehr entschiedenen Unterton. »Wie Sie vermutlich jedoch wissen, ist das Nightingale eines der besten Lehrkrankenhäuser Londons. Wir haben Mädchen aus dem ganzen Land, die hier eine Ausbildung machen möchten.« Ruhig erwiderte sie über den Schreibtisch Doras Blick. »Warum sollten wir also Sie annehmen und nicht die anderen? Was macht Sie so besonders, Miss Doyle?«

Dora senkte ihren Blick auf das Fischgrätenmuster des glänzenden Parkettbodens unter ihren Füßen. Sie wollte dieser Frau erzählen, dass sie nicht nur ihre jüngeren Geschwister versorgte, sondern sogar geholfen hatte, Little Alfie, den Jüngsten, vor zwei Jahren zur Welt zu bringen. Sie wollte ihr beschreiben, wie sie Oma Winnie im letzten Winter während einer schweren Bronchitis gepflegt hatte, von der alle anderen angenommen hatten, dass sie ihr mit Sicherheit den Tod bringen würde.

Vor allem jedoch wollte sie über Maggie sprechen, ihre wunderschöne Schwester, die gestorben war, als Dora gerade mal zwölf Jahre alt gewesen war. Drei Tage lang hatte sie an Maggies Bett gesessen und zugesehen, wie sie für immer von ihnen ging. Mehr als alles andere war es Maggies Tod gewesen, der in ihr den Wunsch geweckt hatte, Krankenschwester zu werden und andere Familien davor zu bewahren, so zu leiden, wie ihre eigene gelitten hatte.

Aber Doras Mutter mochte es nicht, wenn sie mit anderen über private Dinge sprachen. Und wahrscheinlich war es ohnehin nicht die gescheite Antwort, die die Oberin erwartete.

»Nichts«, erwiderte sie bedrückt. »Ich bin nichts Besonderes.« Nur die unscheinbare, rotblonde Dora Doyle von der Griffin Street.

Nicht einmal in ihrer eigenen Familie war sie etwas Besonderes. Peter war der Älteste, Alfie der Jüngste, Josie die Hübscheste und Bea die Frechste. Und irgendwo in der Mitte war dann auch noch Dora.

»Verstehe.« Die Oberin schwieg einen Moment und wirkte schon fast enttäuscht auf Dora. »Wenn das so ist, glaube ich nicht, dass es noch sehr viel mehr zu sagen gibt.« Sie begann, ihre Notizen einzusammeln. »Wir werden Ihnen schreiben und Sie unsere Entscheidung zu gegebener Zeit wissen lassen. Vielen Dank, Miss Doyle …«

Dora wurde von Panik ergriffen. Sie hatte sich nicht bewährt. Sie fühlte ihre Chance und mit ihr all ihre Hoffnungen sinken. Sie würde nie den rot gefütterten Umhang tragen und stolz und erhobenen Hauptes durch die Krankenhaustore gehen wie diese anderen Mädchen. Für sie hieß es wieder zurück zu den Maschinen bei Gold’s Garments, bis ihre Sicht so schlecht würde oder ihre Finger so gekrümmt vom Rheumatismus, dass sie nicht mehr in der Lage wäre zu arbeiten.

Und dann kamen ihr wieder Esther Golds Worte in den Sinn. Was hast du zu verlieren?

»Geben Sie mir eine Chance!«, entfuhr es ihr.

Die Oberin sah sie befremdet an. »Wie bitte?«

Dora konnte spüren, dass sie bis unter die Haarwurzeln errötete, doch sie durfte nichts unversucht lassen. »Ich weiß, dass ich keine solch umfassende Schulbildung habe wie die anderen Mädchen, aber ich verspreche Ihnen, dass ich mir wirklich sehr viel Mühe geben werde.« Ihre Worte überschlugen sich beinahe bei dem Versuch, sie hervorzubringen, bevor sie ihren Mut verlor.

»Also wirklich, Miss Doyle, ich glaube kaum …«

»Sie werden es nicht bereuen, das schwöre ich. Ich werde die beste Krankenschwester sein, die dieser Ort hier je gesehen hat. Geben Sie mir einfach nur eine Chance. Bitte«, flehte sie.

Die Augenbrauen der Oberin schossen in die Höhe, bis sie fast den gestärkten Rand ihrer Haube berührten. »Und wenn ich es nicht tue?«

»Werde ich mich erneut bewerben, hier oder woanders. Und ich werde mich so lange bewerben, bis irgendjemand Ja sagt«, erklärte Dora trotzig. »Eines Tages werde ich Krankenschwester sein. Und eine gute noch dazu.«

Die Oberin starrte sie so durchdringend an, dass Dora zu spüren glaubte, wie ihr das Herz bis in die geliehenen Schuhe sank.

»Danke, Miss Doyle«, sagte die Oberin. »Ich glaube, ich habe genug gehört.«

Oberin Kathleen Fox beobachtete durch das Fenster, wie Dora Doyle mit gesenktem Kopf und die Hände in den Manteltaschen über den Hof auf das Tor zueilte. Das arme Mädchen konnte scheinbar gar nicht schnell genug die Flucht ergreifen.

»Und?«, wandte sie sich an Miss Hanley. »Was denken Sie?«

»Ich glaube nicht, dass es mir zusteht, mich dazu zu äußern, Schwester Oberin.«

Kathleen lächelte im Stillen. Der Mund ihrer Stellvertreterin und Assistentin verkrampfte sich schon von der Anstrengung, ihre Meinung für sich zu behalten. Veronica Hanley war eine große, breitschultrige Frau mit markanten Zügen, kurzgeschnittenem, ergrauendem Haar, großen Händen und einer tiefen, dröhnenden Stimme. Kathleen hatte mitbekommen, dass einige der jüngeren Schwestern sie »Manley Hanley«, die »männliche Hanley«, nannten. Sie war gerade fünfzig geworden, also gut zehn Jahre älter als Kathleen selbst, und arbeitete schon seit dem Abschluss ihrer Ausbildung im Nightingale. Sie verbreitete Schrecken in den Herzen aller Schwestern, einschließlich der Oberschwestern. Selbst Kathleen musste sich bisweilen in Erinnerung rufen, wer das Sagen hatte.

»Trotzdem würde ich gerne Ihre Meinung hören«, sagte sie.

»Ihre Schuhe waren abgetragen, sie hatte ein Loch in ihrem Strumpf und einen losen Knopf an ihrem Mantel«, erwiderte Miss Hanley völlig unverblümt.

»Ich gebe zu, dass sie nicht gerade vielversprechend war.«

»Sie konnte kaum zwei Wörter aneinanderreihen.«

»Auch das ist wahr.«

Die Oberin war es gewohnt, Bewerbungsgespräche mit Mädchen zu führen, die es kaum erwarten konnten, von ihren Befähigungen, ihrem Enthusiasmus für die Krankenpflege und ihrer Bewunderung für Florence Nightingale zu schwärmen. Aber Dora Doyle hatte nur dagesessen und wie ein in die Enge getriebenes Kaninchen unter ihrem Wuschelkopf aus krausem rotem Haar hervorgeschaut.

Und dennoch hatte sie etwas an sich gehabt, etwas sehr Willensstarkes und Entschlossenes in diesen grünen Augen, das die Oberin ahnen ließ, dass sie echtes Potenzial besaß.

»Vielleicht sollte sie sich besser im Hospital bewerben?«, schlug Miss Hanley vor.

Das Städtische Hospital war ein altes Armenspital, ein ehemaliges Arbeitshaus, das gleich unten am Fluss in Poplar lag. Es war klein und unterfinanziert und wurde von schlecht ausgebildetem Personal und Hilfskräften geführt. Im Übrigen hatte es einen denkbar schlechten Ruf unter den Einheimischen, die es als »Friedhof« zu bezeichnen pflegten.

»Ich meine, sie hat ja wohl kaum das Zeug für das Nightingale, nicht wahr?«, fuhr Miss Hanley fort.

Sie wurden von dem Dienstmädchen unterbrochen, das den Nachmittagstee brachte. Beide Frauen schwiegen, während das junge Mädchen das Tablett auf dem kleinen Tisch neben der Tür absetzte und die Tassen und Untertellerchen aus feinstem Porzellan zurechtstellte.

»Was veranlasst Sie zu dieser Annahme, Miss Hanley?«, nahm Kathleen den Faden wieder auf, sowie das Dienstmädchen gegangen war.

»Nun ja, ich würde meinen, das liegt doch auf der Hand. Wir nehmen hier nur Mädchen mit guter Ausbildung und ausgezeichneter Erziehung an.«

»Miss Doyle ist ausreichend qualifiziert.«

»Durch den Besuch einer Abendschule!« Miss Hanleys Lippen kräuselten sich verächtlich bei den Worten.

»Was doch wohl auf jeden Fall Charakter und Entschlossenheit beweist.« Kathleen ging zu dem Tischchen hinüber, um den Tee einzuschenken. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass es leicht war für ein junges Mädchen, nach vielen Stunden Arbeit in einer Textilfabrik auch noch die Abendschule zu besuchen, um die halbe Nacht zu lernen. Sie vielleicht?«

»Das mag ja sein. Aber es gehört mehr als das dazu, um sich für eine Ausbildung im Nightingale zu eignen.«

In der Tat, dachte Kathleen, als sie Miss Hanley eine Tasse Tee reichte.

Da das Nightingale ein sehr angesehenes Lehrkrankenhaus war, zog es vor allem Mädchen einer bestimmten Herkunft an. Guterzogene, gebildete Mädchen aus der Mittelschicht, die eine achtbare Beschäftigung suchten, um die Zeit zu überbrücken, bis sie einen jungen Arzt zum Heiraten gefunden hatten.

In den meisten Krankenhäusern war es das Gleiche, wie Kathleen wusste, doch für das Nightingale galt dies in besonderem Maße. Wenn sie die Schwesternschülerinnen untereinander reden hörte, fragte sie sich manchmal, ob sie sich nicht in ein exklusives Mädchenpensionat verirrt hatte.

Miss Hanley hatte sich schon oft damit gebrüstet, dass die vorherige Oberin eine todsichere Methode gehabt hatte, um herauszufinden, ob eine junge Frau zur Ausbildung geeignet war. Diese »Methode« bestand schlicht und einfach nur darin, die Betreffende zu fragen, ob sie Mitglied eines Tennisclubs war. Kathleen bezweifelte, dass Dora Doyle je auch nur einen Tennisschläger gesehen, geschweige denn in der Hand gehalten hatte. Aber sie war voller Enthusiasmus, zielstrebig und harte Arbeit offenbar gewöhnt. Was mehr war, als von vielen der Schülerinnen des Nightingale behauptet werden konnte. Die meisten von ihnen waren völlig unvorbereitet auf die Strapazen der Krankenpflege, und viele von ihnen hielten nicht einmal das zwölfwöchige, vorbereitende Praktikum durch.

»Natürlich ist es Ihre Entscheidung, Schwester Oberin«, räumte Miss Hanley mit schmalen Lippen ein. »Aber ich muss sagen, dass Mädchen aus dieser Gesellschaftsschicht nur selten gute Krankenschwestern werden. Sie haben einfach nicht die nötige Persönlichkeit dafür.«

»Oh, ich glaube nicht, dass es Miss Doyle an Persönlichkeit fehlt.« Kathleen hob ihre Tasse an, um ein Lächeln zu verbergen.

Sie fragte sich, was Miss Hanley sagen würde, wenn sie wüsste, dass Kathleen einst genau wie Dora Doyle gewesen war, die Tochter eines Textilarbeiters aus einer kleinen Stadt in Lancashire, die sich etwas mehr vom Leben erhofft hatte als die Arbeit in einer Baumwollspinnerei. Auch sie hatte einmal vor dem Schreibtisch einer furchteinflößend aussehenden Oberin gesessen und um die Chance gebeten, beweisen zu dürfen, was sie konnte. Und wo war sie heute? Mit gerade mal vierzig Jahren trug sie die Verantwortung für das gesamte Pflegepersonal in einem der besten Lehrkrankenhäuser des ganzen Landes. Manchmal musste sie sich kneifen, um zu glauben, dass es tatsächlich so war. Natürlich waren längst nicht alle damit einverstanden. Kathleen war sehr wohl bewusst, dass es einige Leute im Nightingale gab, die glaubten, dass sie und ihre neumodischen Ideen den guten Ruf des Krankenhauses ruinieren würden.

Veränderung war ein anstößiges Wort im Nightingale. Das Krankenhaus war in den letzten dreißig Jahren unter der eisernen Hand seiner alten Oberin immer gleich geführt worden. Und als diese in den Ruhestand ging, hatten viele geglaubt, Miss Hanley sei die plausibelste Wahl, um ihre gute Arbeit fortzuführen. Natürlich glaubte das auch Miss Hanley selbst. Der Verwaltungsrat war jedoch der Meinung, dass das Nightingale frisches Blut benötigte, und so war Kathleen zur Oberin und Leiterin des Krankenhauses ernannt worden.

Heute, nach einem Monat in ihrer neuen Position, kam sie sich noch immer wie »die Neue« vor. Bei ihren morgendlichen Runden konnte sie das Geflüster der älteren Mitarbeiterinnen hören, die sich scheinbar alle fragten, was sie von der neuen Oberin halten sollten, die zu viel lächelte und genauso freundlich zu den jungen Schwestern war wie zu den Oberärzten.

Es half auch nicht, dass Miss Hanley keine Gelegenheit ausließ, zu bemerken: »Das ist wirklich nicht die Art und Weise, wie wir hier arbeiten, Schwester Oberin.«

Kathleen trat ans Fenster. Hinter der eleganten georgianischen Fassade des Hauptgebäudes, das zu der Straße vor dem Victoria Park hinausging, war das Nightingale Hospital eine lockere Ansammlung von Häuserblocks, Anbauten und Nebengebäuden, die um einen gepflasterten Hof mit einigen Platanen angeordnet waren. Hier befanden sich die Krankenstationen, die Operationssäle und die Apotheke. Dahinter lagen jedoch noch mehr Gebäude, darunter auch die Speisesäle, das Schwesternwohnheim und die Arztquartiere.

Bis vor ein paar Wochen hatte sich dort auch Kathleens Büro befunden. Als sie dann jedoch das Amt der Oberin antrat, hatte sie auf einem Umzug in das Hauptgebäude bestanden, um den Stationen näher sein zu können.

Das hatte für große Bestürzung unter dem langjährigen Pflegepersonal gesorgt. »Warum glaubt sie, uns auf die Finger schauen zu müssen?«, hatten die verstimmten Schwestern und Oberschwestern sich untereinander gefragt – aufgehetzt von Miss Hanley, wie Kathleen stark vermutete. Doch es war den Ärger wert, denn jetzt befand sie sich im Herzen des Krankenhauses, wo sie ihrer Meinung nach auch hingehörte. Sie war nicht nur in greifbarerer Nähe, um sich um Notfälle auf den Stationen zu kümmern, sondern hatte auch vom Fenster ihres neuen Büros einen guten Ausblick auf den Hof, wo sie alle ihren Beschäftigungen nachgehen sehen konnte.

Die feuchte Kälte des beginnenden Septembers war einigen herrlichen Altweibersommertagen gewichen. Im Schatten der Platanen saßen Patienten in ihren Rollstühlen und genossen den herbstlichen Sonnenschein. Während Kathleen sie müßig beobachtete, kam eine junge Schwester aus dem Durchgang zum Speisesaal und ging schnellen Schritts, aber ohne die »Nicht laufen«-Regel zu übertreten, über den Hof zu den Krankenstationen zurück.

Als wüsste sie, dass sie beobachtet wurde, fing das Mädchen plötzlich Kathleens Blick auf. Sie senkte schnell den Kopf, doch Kathleen hatte ihr schuldbewusstes Erröten schon gesehen.

Die Oberin lächelte im Stillen und wandte sich vom Fenster ab. »Sie finden also nicht, dass wir Miss Doyle eine Chance geben sollten?«, fragte sie Miss Hanley.

»Ich glaube nicht, dass sie sich hier einfügen würde.«

Ich weiß sehr gut, wie sie sich fühlt, dachte Kathleen.

Und vielleicht hatte Miss Hanley ausnahmsweise einmal nicht ganz Unrecht. Wenn nicht einmal die neue Oberin sich hier einfügen konnte, wie sollte jemand wie Dora Doyle es dann zustande bringen können?

KAPITEL ZWEI

Dora hatte es gerade erst geschafft, sich einzureden, sie wolle keine Krankenschwester mehr sein, als der Brief eintraf.

An einem verregneten Oktoberabend ging sie zusammen mit ihrer Freundin Ruby Pike nach der Schicht bei Gold’s die Griffin Street hinunter, als ihre kleine Schwester Beatrice ihnen mit offenen Schnürsenkeln und flatternden Locken entgegengelaufen kam.

»Alles in Ordnung, Bea? Wo brennt’s denn?«, fragte Dora lachend.

»Dein Brief vom Krankenhaus ist da!«, keuchte die Elfjährige, die mit ihrer Stupsnase, dem roten Haar und sommersprossigen Gesicht wie eine Miniaturausgabe von Dora aussah. »Oma wollte ihn aufmachen, aber Mum sagt, wir müssten auf dich warten. Komm schon!«, drängte sie, die Hand ihrer Schwester ergreifend, um sie mit sich zu ziehen.

Dora sah Ruby an. »Das war’s«, sagte sie.

»Ach was!« Ruby grinste. »Stell dir doch nur mal vor, dass du nächsten Monat um diese Zeit aus dieser verdammten Klitsche heraus sein wirst!«, erwiderte sie lachend.

»Das bezweifle ich.« Dora wusste, wie arg sie sich bei ihrem Vorstellungsgespräch blamiert hatte. Sie war überrascht, dass sie sich überhaupt noch die Mühe gemacht hatten, ihr schriftlich abzusagen.

»Natürlich wird es so sein! Sie wären ja verrückt, dich nicht zu nehmen. Haben wir nicht immer gesagt, dass du den Verstand und ich das Aussehen habe?«

Dora grinste. Mit ihrem welligen blonden Haar und den üppigen Kurven sah Ruby mehr wie ein Filmstar aus als wie eine Näherin. Doch sie hätte auch klüger sein können, wenn sie in der Schule nicht zu sehr damit beschäftigt gewesen wäre, mit den Jungs zu schäkern.

Ruby sah, wie Doras Lächeln ins Schwanken kam, und zog sie schnell am Arm hinter Bea her, die schon vorauseilte, um den Rest der Familie im Haus Nummer achtundzwanzig vorzuwarnen.

»Hör auf, dir Sorgen zu machen, du schaffst das schon«, sagte sie. »Und du tust das Richtige, glaube ich. Wenn ich es recht bedenke, hätte ich auch nichts dagegen, Krankenschwester zu werden. Denk doch nur mal an all diese gutaussehenden jungen Ärzte! Ganz zu schweigen von den reichen alten Männern mit unheilbaren Krankheiten, die nur darauf warten, den Löffel abzugeben und mir ihren gesamten weltlichen Besitz zu hinterlassen!«

»Ich glaube, der Sinn der Sache ist, sie am Leben zu erhalten, Rube.«

Inzwischen hatten sie Doras Eingangstür erreicht. »Na, geh schon.« Ruby versetzte ihr einen kleinen Schubs. »Du kannst es sowieso nicht ewig aufschieben.«

»Ich wünschte, ich könnte.« Sie dachte mit Schrecken daran, die Enttäuschung im Gesicht ihrer Mum zu sehen. Dora mochte ihren Traum zwar aufgegeben haben, doch Rose Doyle kannte nach wie vor kein anderes Gesprächsthema.

»Tja, das kannst du eben nicht. Und nun geh rein, bevor deine Oma es sich anders überlegt und den Brief selbst aufmacht. Lass mich wissen, wie es weitergeht, ja?«, sagte Ruby, während sie die angrenzende Haustür aufschloss.

»Das wird nicht nötig sein«, sagte Dora. »Wenn sie mich nehmen, wirst du meine Mum bis Aldgate schreien hören!«

Der Brief lehnte an der alten Uhr auf dem Kaminsims in der Wohnküche. Der Rest der Familie war um das Feuer versammelt und mit allem Möglichen beschäftigt, um den Brief nur ja nicht anzusehen. Doras Mutter Rose flickte Hemden, während ihre jüngeren Töchter Josie und Bea Karten spielten und Oma Winnie in ihrem alten Schaukelstuhl saß und Kartoffeln schälte. Der Einzige, der dem Brief tatsächlich keine Aufmerksamkeit schenkte, war Klein-Alfie, der auf dem Teppich saß und mit seiner hölzernen Eisenbahn spielte.

Doras Mutter legte ihr Flickzeug weg und sprang auf, sobald Dora den Raum betrat. »Da bist du ja, Liebes«, begrüßte sie sie mit einem etwas starren Lächeln. »Hattest du einen schönen Tag? Ich setze schon mal den Kessel auf, ja?«

»Oh, Herrgott noch mal!« Oma Winnie verdrehte die Augen und ließ eine weitere Kartoffel in die Wasserschüssel zu ihren Füßen fallen. »Jetzt mach den verflixten Brief schon auf, Dora, und erlöse deine Mutter von ihren Qualen, oder wir kriegen überhaupt keinen Frieden mehr in diesem Haus. Sie hat den ganzen Nachmittag wie auf glühenden Kohlen gesessen.«

Dora nahm den Brief vom Kaminsims und starrte das Emblem der Klinik an – die Silhouette einer Frau mit einer Lampe in der Hand. Der dicke, cremefarbene Umschlag fühlte sich so schwer an, dass Doras Herz zu rasen begann.

»Darf ich ihn allein lesen?«, fragte sie ihre Mutter. Sie wusste ja, dass es schlechte Nachrichten sein würden, und brauchte Zeit, um sich zu fassen, bevor sie ihrer Familie wieder gegenübertrat.

»Nein, verflixt noch mal, das darfst du nicht!«, knurrte Oma Winnie. »Wir haben nicht den ganzen Nachmittag hier herumgesessen, damit du jetzt hinausgehst, um …«

Rose Doyle brachte ihre Mutter mit einem scharfen Blick zum Schweigen. »Natürlich kannst du gehen, Liebes. Und lass dir ruhig Zeit.«

»Aber nicht zu lange!«, warnte ihre Großmutter. »Ich hab euch ja gesagt, wir hätten ihn über Dampf öffnen sollen«, hörte Dora Oma Winnie sagen, als sie zur Hintertür hinausschlüpfte. »Sie hätte nichts davon gemerkt, wenn wir vorsichtig gewesen wären.«

Der schmale Hinterhof war sonnenlos und feucht, da er im Schatten einer hohen Mauer lag, die ihn von der noch viel höher liegenden Eisenbahnlinie abtrennte. Dora suchte Zuflucht in dem Klosett am Ende des Hofs. Der kalte Oktoberwind pfiff durch die Ritzen in der alten Holztür, als sie auf dem Sitz aus verwittertem Kiefernholz saß und den Brief im nachlassenden Abendlicht schnell überflog.

Liebe Miss Doyle,

das Direktorium des Nightingale Teaching Hospitals ist sehr erfreut, Ihnen mitteilen zu können, dass Sie in unser dreijähriges, bis zur staatlichen Zulassung führendes Programm aufgenommen worden sind. Bitte melden Sie sich am Dienstag, dem 6. November 1934 nach vier Uhr nachmittags bei Oberschwester Sutton im Wohnheim der Nachwuchsschwestern. Anbei erhalten Sie eine Liste der von Ihnen mitzubringenden Ausstattung. Sie werden uns auch die im Folgenden auszuwählenden Maße für Ihre Uniform schicken müssen, die bei Ihrem Eintreffen für Sie bereitliegen wird …

Ein Zug ratterte vorbei und erschütterte die Klosetttür und den Boden unter Doras Füßen, während sie wieder und wieder bis ins kleinste Detail den Brief sowie die Unterschrift – Kathleen Fox (Oberin) – durchlas. Dann griff sie nach dem Umschlag und überprüfte die Adresse, nur um sicherzugehen, dass er auch wirklich die richtige Person erreicht hatte.

Schließlich ließ sie den Brief sinken und starrte die vergilbenden, quadratisch zugeschnittenen Stücke Zeitungspapier an, die an einem rostigen Nagel an der Innenseite der Tür hingen. Irgendwo draußen konnte sie den unmelodischen Gesang ihrer Nachbarin June Riley hören. Das Geräusch schien von meilenweit entfernt zu kommen. Nichts von alldem fühlte sich real an.

Als sie endlich ins Freie trat, traf sie im Hof ihre Mutter an, die, den Blick auf die Klosetttür geheftet, die gesprungenen Bodenplatten fegte. Sie erstarrte, als sie Dora sah.

»Und?«, fragte sie.

Dora nickte nur, weil sie sich auf ihre Stimme nicht verlassen konnte. Rose Doyle stieß einen Freudenschrei aus und ließ ihren Reisigbesen auf den Boden fallen.

»Du hast es geschafft!«, rief sie und legte einen Arm um Dora. »Oh, ich bin so stolz auf dich, Dor!«

Nun kam auch der Rest der Familie, der sich an der Hintertür versammelt hatte, auf den Hof hinaus, und plötzlich war Dora verloren in einem Durcheinander von Stimmen, Hurrageschrei, stürmischen Umarmungen und herumhüpfenden Kindern. Nur Oma Winnie stand mit vor der Brust verschränkten Armen im Eingang und schaute zu.

»Ich weiß nicht, warum sie sich die Mühe macht«, brummelte sie. »Die Klebstofffabrik war gut genug für dich und mich, Rosie. Warum muss sie unbedingt was anderes sein?«

Nebenan riss June Riley die Hintertür auf und streckte ihren von Lockenwicklern stacheligen Kopf hinaus. »He, was soll der ganze Wirbel dort bei euch?«

»Unsere Dora wird Krankenschwester«, rief Rose laut genug, um auch vom Rest der Griffin Street gehört zu werden.

In Morgenmantel und Pantoffeln stürzte June aus der Hintertür auf den Hof hinaus und stieg über den Teil des Zauns mit den zerbrochenen Latten zum Hof der Doyles hinüber.

»Das muss man sich mal vorstellen, unsere kleine Dora eine Krankenschwester!« Dora konnte den Gin in Junes Atem riechen, als die Freundin sie in ihre knochigen Arme zog. »Warte, bis ich das meinem Nick erzähle! Er ist Dienstmann dort oben im Krankenhaus und wird sich um dich kümmern.«

»Wir wissen alle Bescheid über deinen Nick«, murmelte Oma Winnie. »Halt dich fern von ihm, Dora. Es gibt genug Mädchen hier, die wünschten, sie hätten es getan bei diesem Schmierfink.«

»Oma!«, zischte Dora, als June zu Rose ging, um sie zu umarmen.

»Ich sage, was ich will«, beschied Oma sie streng. Dann blickte sie zu June hinüber und schüttelte den Kopf. »Sieh dir doch bloß mal ihren Zustand an! Ich wette, dass sie gerade erst aufgestanden ist. War wohl wieder mal im Pub bis in die Puppen, könnte ich mir denken.«

Dora errötete, doch zum Glück hatte June von alledem nichts mitbekommen. Alkohol machte June Riley unberechenbar, was bedeutete, dass sie ebenso gut mit einem Schüreisen auf Oma Winnie losgehen wie ihre Bemerkungen mit einem Lachen abtun könnte. Die Doyles hatten in den letzten zehn Jahren neben den Rileys gelebt, seit Doras Vater verstorben war und sie wieder bei Oma Winnie eingezogen waren. Die arme June hatte vor vier Jahren zu trinken begonnen, nachdem ihr Ehemann das Weite gesucht hatte und sie ihre beiden Söhne seitdem allein aufziehen musste.

Auch die Turnbulls und die Prossers kamen aus dem Haus auf der anderen Seite des Hofs, um nachzusehen, was all der Lärm dort zu bedeuten hatte, und Rose erzählte wieder und wieder ihre großen Neuigkeiten. Dora wurde ganz warm ums Herz, als sie den Stolz im Gesicht ihrer Mutter sah, denn dies war ebenso sehr ihr Moment des Triumphes, wie es Doras war.

»Dann sind es also gute Neuigkeiten? Was hab ich dir gesagt?«, rief Ruby, die mit ihrer Mutter Lettie aus dem oberen Fenster herausschaute. Sie und June grüßten sich mit einem knappen Nicken. Die Pikes wohnten zwar über den Rileys, doch die beiden Frauen waren nur sehr selten einer Meinung. »Was soll ich bloß ohne dich anfangen, Dor? Gold’s Garments wird nie wieder so wie früher sein!«, klagte Ruby.

»Ach was. Du wirst dir bloß jemand anderen suchen müssen, der für dich einspringt, wenn du dich zum Rauchen rausschleichst!«, rief Dora ihr lachend zu.

»Jedenfalls werde ich keinen mehr zum Lachen haben bei diesem jämmerlichen Haufen dort. Und was diese blöde Kuh Esther anbelangt …« Ruby verdrehte ihre Augen.

»Sie ist in Ordnung«, entgegnete Dora entschieden und dachte an die Hamsa, die sie noch immer unter ihrer Bluse trug. Sie hatte sie Esther zurückgeben wollen, doch die hatte darauf bestanden, dass sie sie behielt.

»Aber nur, weil du ihr Liebling bist.«

»Das wärst du auch, wenn du dir bei der Arbeit ein bisschen mehr Mühe gäbst und nicht immer so frech wärst!«

»Ich stecke genug Mühe in diesen Laden, indem ich dort überhaupt erscheine, vielen Dank auch. Ich bring mich doch nicht um, um diesen alten Juden noch reicher zu machen!«

»Du denkst doch wohl nicht, dass du es dort einfach haben wirst?«, schaltete sich nun Lettie ein, die als Putzfrau im Nightingale arbeitete. Im Gegensatz zu ihrer hübschen, unbeschwerten Tochter war sie eine mürrische kleine Frau mit hagerem Gesicht und stets bereit, nur die dunklen Seiten des Lebens zu sehen. »Ich hab gesehen, wie sie die Schwestern in diesem Krankenhaus behandeln. Sie lassen sie schuften bis zur Erschöpfung und sperren sie in diesem Wohnheim ein wie Nonnen. Ständig heißt es, tu dies, tu jenes, den ganzen lieben langen Tag. Und diese jungen Schwestern sind auch ganz schön eingebildet – so stinkvornehm, dass sie unsereinem nicht mal die Tageszeit sagen.« Sie musterte Dora von oben bis unten. »Ich weiß nicht, was sie von dir halten werden.«

»Herrgott noch mal, Mum! Musst du immer so schrecklich miesepetrig sein?« Ruby wandte sich Dora zu und verdrehte ihre Augen.

»Ich sag doch nur die Wahrheit«, entgegnete Lettie beleidigt.

»Beachte sie gar nicht«, murmelte Oma Winnie, als Lettie und Ruby zurücktraten und das Fenster schlossen. »Sie war schon immer eine verbitterte alte Kuh. Und das nur, weil ihre Tochter eine Schlampe ist.«

»Oma! Du sprichst hier über meine beste Freundin!«

»Was aber nichts daran ändert, dass sie eine Schlampe ist. Du weißt, dass ich kein Blatt vor den Mund nehme und sage, was ich denke.«

»Sie werden dich doch wohl nicht wirklich einsperren, Dora?«, fragte ihre Schwester Josie, die vierzehn, dunkelhaarig und schlank und hübsch wie ihre Mutter war. Die einzige in der Familie, die nicht die roten Locken und kräftige Figur ihres Vaters geerbt hatte.

»Natürlich tun sie das nicht, Jose. Aber ich werde im Schwesternwohnheim leben müssen.«

»Für wie lange?«

»Keine Ahnung. Für immer, nehme ich an.«

»Du meinst, du wirst nicht mehr bei uns leben?« Josies große braune Augen füllten sich mit Tränen, als ihr die Bedeutung dieser Neuigkeit aufging.

»Aber ich werde euch besuchen können«, versprach Dora. »Ich werde ein Auge auf euch alle haben und dafür sorgen, dass ihr eure Schulaufgaben erledigt und Bea sich benimmt.«

»Das möchte ich erleben!«

»Dann wirst du eben dafür sorgen, dass sie nicht aus der Reihe tanzt, nicht wahr?« Dora legte einen Arm um die schmalen Schultern ihrer Schwester. »Du bist jetzt die Große, Josie, und wirst den Kleinen zeigen, wo es langgeht.«

»Ich werde es versuchen«, versprach Josie. »Aber du wirst mir fehlen, Dor«, flüsterte sie.

»Du mir auch, Jos.«

Als Dora sich auf dem schäbigen Hinterhof umsah, begann ihr erst so richtig bewusst zu werden, was sie hinter sich zurückließ. Die Griffin Street war alles andere als gepflegt. Die schmale Reihe der von Eisenbahnbögen überschatteten Häuser hatte schon bessere Zeiten erlebt. Das Mauerwerk war rissig, die Dächer hingen durch, und von überall drang Feuchtigkeit in die Wände ein.

Doras Stiefvater Alf war sehr dafür gewesen, ein besseres Haus für sie zu mieten, als er und Rose geheiratet hatten. Er verdiente genug, um in einen dieser neuen, von der Stadt erbauten Apartmentblocks zu ziehen, die über Strom, richtige Badezimmer und das ganze andere moderne Drumherum verfügten. Aber Rose wollte nicht ohne ihre Mutter gehen, und Winnie dachte nicht daran, das Haus zu verlassen, das fünfzig Jahre lang ihr Heim gewesen war.

»Ich lebe hier schon seit meiner Hochzeit, und um mich hier wegzukriegen, werden sie mich in meinem Sarg raustragen müssen«, hatte sie erklärt. »Ich will nicht irgendwo leben, wo keine Menschenseele mit der anderen redet.«

Und sie hatte recht. Trotz ihrer Mängel war die Griffin Street eine eng verbundene Gemeinschaft von Nachbarn, die miteinander lachten, weinten und in guten wie auch schlechten Zeiten füreinander da waren. Es gab immer jemanden, mit dem man lachen oder bei dem man sich ausweinen konnte, oder der einem ein paar Schilling borgte, wenn die Miete fällig war.

Als Rose und Alf heirateten, hatten sie jedoch immerhin das ganze Haus übernehmen können, statt auf engstem Raum in zwei Zimmern im Erdgeschoss leben zu müssen, wie es davor der Fall gewesen war.

Trotzdem war es noch nichts Großartiges. Sie kochten auf einem uralten Herd in der Wohnküche und wuschen sich am Becken in der winzigen, durch einen Vorhang abgetrennten Spülküche. Aber es war ein anheimelndes kleines Haus, das Rose hegte und pflegte wie einen Palast. Die Eingangsstufe wurde täglich weiß getüncht, die Fensterscheiben funkelten, die Gardinen waren blütenweiß, und das ganze Haus roch stets nach Bohnerwachs.

Dora wusste, dass sie es vermissen würde. Es gab jedoch einen Menschen in diesem Haus, den sie keinesfalls vermissen würde.

»Ja, was ist denn hier los?« Wie auf ein Stichwort hin stand Alf Doyle plötzlich in der Hintertür und blickte sich lächelnd um. Er war ein stämmiger Mann, über einen Meter dreiundachtzig groß, und hatte dichtes schwarzes Haar, ein breites Gesicht und glänzende blaue Augen.

Bea lief zu ihm, Klein-Alfie wackelte hinter ihr her, und Alf hob beide mühelos auf und nahm ein Kind unter jeden Arm.

»Wir feiern.« Roses Gesicht leuchtete auf beim Anblick ihres Ehemanns. »Dora hat einen Ausbildungsplatz im Nightingale, um Krankenschwester zu werden!«

»Ist das wahr?« Alf wandte sich ihr zu, die beiden zappelnden Kinder noch immer unter seinen Armen. »Nun, du warst ja auch schon immer ein kluges Mädchen, Dora!«

»Sie muss dafür aber von zu Hause fort und für immer wegziehen«, warf Josie ein.

»Muss sie das? Ich kann mich nicht entsinnen, dass mich jemand gefragt hat, ob das in Ordnung ist«, entgegnete er stirnrunzelnd.

»Du kannst mich nicht daran hindern.« Dora reckte streitlustig das Kinn.

»Ich kann tun, was ich will, bis du einundzwanzig bist.«

In stummer Herausforderung starrten sie sich in die Augen.

»Er scherzt nur«, brach Doras Mutter das angespannte Schweigen. »Dein Dad würde dich niemals davon abhalten, dich zu verbessern.«

»Er ist nicht mein Dad.«

»Trotzdem bestimme ich hier, wo’s langgeht.«

Nicht mehr lange, wollte Dora sagen. Doch dann fing sie den bittenden Blick ihrer Mutter auf und schwieg.

»Wir sollten die guten Neuigkeiten feiern«, schlug Oma Winnie vor. »Ich weiß nicht, wie es mit euch ist, aber eine gute Flasche Stout-Bier käme mir jetzt gerade recht.«

»Gute Idee«, sagte Rose lächelnd. »Was meinst du, Alf?«

Alle Augen richteten sich auf ihn. Er, der noch immer wütend Dora anstarrte, setzte Bea und Klein Alfie ab und griff in seine Tasche.

»Dein langes Gesicht nicht mehr ständig sehen zu müssen wäre schon ein Grund zum Feiern, ja.« Er zog eine Handvoll Kleingeld aus der Tasche. »Hier, Josie, geh zur Imbissbude und kauf Fisch und Chips für alle.«

»Aber ich hab doch schon einen Eintopf gekocht!«, protestierte Oma Winnie.

Alf verzog das Gesicht. »Umso mehr Grund, Fisch und Chips zu holen.«

»Darf ich eine Zervelatwurst haben?«, fragte Bea.

»Du kannst haben, was du willst, mein Liebling, wenn du dann den Mund hältst.«

Dora beobachtete ihre Mutter, als diese ihm ins Haus folgte. Mit zweiundvierzig Jahren war Rose noch immer eine schöne Frau. Ihr dunkles Haar war grau meliert, doch bei ihrer schlanken Figur wäre niemand je auf die Idee gekommen, dass sie sechs Kinder zur Welt gebracht hatte.

»Ich wünschte, du würdest ihm nicht immer so pampig antworten«, sagte Oma Winnie zu Dora, als auch sie hineingingen. »Alf ist kein schlechter Kerl. Und er macht deine Mutter glücklich. Das verdient sie nach allem, was sie durchgemacht hat.«

Dora wusste, dass ihre Mum wenig zu lachen gehabt hatte im Laufe ihres Lebens. Mit zweiunddreißig Jahren verwitwet und mit fünf Kindern zu versorgen hatte sie ganz schön kämpfen müssen, um ihre Familie allein durchzubringen. Sie hatte schier unentwegt gearbeitet, tagsüber Büros gereinigt und dann auch noch Flickarbeiten für die hiesige Wäscherei mit heimgenommen.

Und dann, als Dora dreizehn war, war Alf Doyle in ihr Leben getreten. Er sah ganz anders aus, als man sich einen Ritter in glänzender Rüstung vorstellen würde, mit seinem stämmigen, schwerfälligen Körper und Händen groß wie Schweinehaxen, aber er hatte Rose Doyle und ihre Kinder tatsächlich gerettet.

Einen sanften Riesen nannten ihn alle. Er arbeitete als Lieferwagenfahrer bei der Eisenbahn. Es war nicht der bestbezahlte Job der Welt, doch er sorgte für ein sicheres Einkommen, und zumindest musste Alf nicht jeden Morgen mit den anderen Männern an den Docks herumstehen und auf Arbeit hoffen.

Alle sagten, dass Rose sich glücklich schätzen konnte, denn nicht jeder Mann hätte eine Witwe mit so vielen Kindern genommen. Aber Alf liebte die Kinder, als ob sie seine eigenen wären. Er nahm sie zu Ausflügen an die Küste mit, aufs Land und zum Bootfahren auf dem See im Victoria Park, und er kaufte ihnen Süßigkeiten, Eiscreme und alle möglichen anderen Leckereien.

Doch Dora hätte ihn nicht mehr hassen können.

Bis Josie mit dem Essen wiederkam, waren die Teller angewärmt, und alle hatten sich um den Tisch geschart. Der in Teig ausgebackene Dornhai mit Fritten war weitaus besser als Oma Winnies bekanntermaßen ungenießbarer Eintopf, zumal Dora zur Feier des Tages auch die knusprigen, von den Rändern abgebrochenen und mit Salz und Essig durchtränkten Teigstückchen haben durfte.

»Denk nur ja nicht, dass du im Schwesternwohnheim auch so essen wirst«, bemerkte Rose.

»Das ist ganz schön schwere Arbeit da, soviel ich hörte«, murmelte Alf mit dem Mund voller Fritten.

»Ich habe keine Angst vor schwerer Arbeit«, entgegnete Dora.

»Ein bisschen harte Arbeit hat noch nie jemandem geschadet.« Oma Winnie nahm ihre Zähne heraus und ließ sie in ihre Schürzentasche fallen.

»Mum!«, protestierte Rose. »Musst du das am Tisch tun?«

»Warum denn nicht? Ich bin mit dem Essen fertig, da brauch ich sie nicht mehr. Und sie scheuern mir den Gaumen wund.«

Nach dem Tee räumten Dora und Josie die Teller ab, während Alf es sich in seinem Lehnstuhl neben dem Kamin bequem machte. Rose setzte sich ihm mit ihrem Nähzeug gegenüber, während Oma Winnie in ihrem Schaukelstuhl vor sich hin döste.

»Weißt du, was ich eines Tages tun werde, Rosie?«, sagte Alf. »Ich kaufe dir ein Haus. Ein richtig modernes Haus dort draußen in Loughton, nicht weit entfernt von dem Ort, wo deine Schwester Brenda wohnt. Das würde dir gefallen, was? Irgendwas mit einem anständigen Garten und nicht so ’nem stinkenden kleinen Hinterhof.«

»He, erlaube mal! Dieser Hinterhof war all die Jahre gut genug für mich«, sagte Winnie und öffnete ein Auge. Aber Alf beachtete sie nicht.

»Dann kannst du Blumen pflanzen, und ich kann Obst und Gemüse anbauen und Hühner halten. Und wir werden Strom in allen Zimmern haben.«

»Ich halte nichts von Strom«, brummte Winnie.

»Das klingt gut.« Rose lächelte über ihrer Flickarbeit. Sie hörte nie auf zu arbeiten, egal, bei welchem Anlass. Selbst wenn König George höchstpersönlich zum Tee vorbeigekommen wäre, hätte Rose dabei noch die Kragen an ein paar Hemden gewendet.

»Gut? Es wird mehr als gut sein, mein Schatz. Und es ist das, was du verdienst.« Alf kratzte sich den ausladenden Bauch und seufzte vor Zufriedenheit. »Ich bin der glücklichste Mann der Welt, weißt du das? Ich habe eine schöne Frau, reizende Kinder – was könnte ein Mann noch mehr verlangen?«

»Hör ihn dir an, wie er herumpalavert und alle möglichen blöden Versprechen gibt, die er gar nicht halten kann«, flüsterte Dora Josie zu, während sie das Becken in der Spülküche mit den schmutzigen Tellern füllten. »Ich weiß nicht, wie Mum das aushält.«

»Es stört sie nicht.« Josie zuckte mit den Schultern. »Sie weiß ja, wie gern Alf redet.«

»Trotzdem wünschte ich, er würde von dem verdammten Haus in Loughton aufhören. Er ist nur Lieferwagenfahrer, nicht Chef der Bank von England.«

»Dora!« Josie lachte überrascht. »Ich verstehe wirklich nicht, warum du ihn nicht magst.«

Dora sah ihre Schwester an. Josie war schon sehr erwachsen für ihr Alter. Vier Jahre Altersunterschied lagen zwischen ihnen, doch seitdem ihre zweitälteste Schwester Maggie gestorben war, waren Dora und Josie mehr Freundinnen als Schwestern. Früher hatten sie alle möglichen Geheimnisse geteilt, wenn sie zusammen in ihrem großen Bett lagen, und unter den Decken geflüstert und gelacht, um von Bea nicht gehört zu werden.

Es gab jedoch Geheimnisse, die Dora niemandem, nicht einmal ihrer Schwester anvertrauen konnte.

»Ich mag ihn nun mal nicht«, murmelte sie deshalb nur, als sie einen Teller vom Abtropfbrett nahm, um ihn abzutrocknen. »Ich werde ihn jedenfalls nicht vermissen, wenn ich gehe, das steht fest.«

»Rede nicht vom Weggehen, das gefällt mir nicht«, sagte Josie und zog ein Gesicht. Im nächsten Atemzug jedoch fügte sie schon wieder hinzu: »Glaubst du, dass ich dein Schlafzimmer haben kann, wenn du gehst?«

»Nein!«, schrie Dora so entschieden, dass Josie sie verdattert ansah.

»Warum nicht? Es ist kein Vergnügen, mit Bea in einem Bett zu schlafen. Sie tritt mich nachts, und sie schnarcht noch schlimmer als Oma. Außerdem ist sie auch so neugierig! Sie geht immer an meine Sachen dran.«

»Trotzdem wirst du mein altes Schlafzimmer nicht haben wollen. Es ist sehr kalt und zugig, und – es spukt darin.«

Josie riss verblüfft die dunklen Augen auf. »Davon hast du mir noch nie etwas gesagt.«

»Weil ich dir keine Angst machen wollte. Aber du kannst mir glauben, da drinnen ist ein Gespenst.«

In dem Moment erschien Rose in der Tür der Spülküche, die Wangen gerötet von dem Portwein mit Zitrone, den sie getrunken hatte.

»Alles in Ordnung?«, fragte sie. »Ich dachte, ich hätte unsere Dora schreien gehört.«

»Sie sagt, es spukt in ihrem Schlafzimmer«, entfuhr es Josie.

Dora konnte ihrer Mutter nicht in die Augen sehen, doch sie spürte ihren strengen Blick auf sich. »Deine Schwester veräppelt dich nur«, sagte sie brüsk. »Die Einzige, die in diesem Haus herumgeistert, ist eure Oma. Und sie allein schon könnte jedes Gespenst verscheuchen. Also hör auf, Dora, Josie solchen Unsinn in den Kopf zu setzen.«

Ich wünschte, es wäre Unsinn, dachte Dora.

Nachdem sie das Geschirr gespült hatten, ging Alf in den Pub, und zum ersten Mal an diesem Abend begann sich Dora zu entspannen. Sie spielte Leiterspiel mit Josie und Bea, während sie Henry Hall im Radio lauschten. Winnie döste in der Wärme des Feuers, und ihre Mutter fuhr mit ihrer Flickarbeit für die Wäscherei fort.

Später gingen sie alle zu Bett. Oma Winnie beklagte sich lautstark, der Fisch und die Fritten hätten sie krank gemacht.

»Wahrscheinlich werde ich im Schlaf sterben«, unkte sie, als sie sich mit steifen Gliedern aus ihrem Schaukelstuhl erhob.

Rose lachte. »An Verdauungsstörungen ist noch nie jemand gestorben, Mum!«

»Das glaubst du aber auch nur«, sagte Winnie düster. »Das Lachen wird euch schon noch vergehen, wenn ihr am Morgen meine kalte, tote Leiche findet.«

Dora und Josie standen derweil nebeneinander vor dem Spülbecken und putzten sich die Zähne.

»Es wird hier ganz schön einsam sein ohne dich«, sagte Josie.

Dora spuckte Zahnpasta in den Abfluss. »Du wirst immer noch Bea und Klein-Alfie haben.«

»Aber dich nicht mehr!«

»Ich hab dir doch gesagt, dass ich zu Besuch kommen werde.«

»Versprochen?« Josie spülte ihren Mund aus und wandte sich mit feuchtglänzenden Augen ihrer Schwester zu. »Versprichst du, dass du mich nicht vergessen wirst?«

»Wie könnte ich dich vergessen? Ich bin doch deine große Schwester, nicht?« Dora strich Josie über das seidige dunkle Haar. »Ich werde immer auf dich aufpassen und für dich da sein, Jose.«

Als alle zu Bett gegangen waren, lag Dora im Dunkeln unter ihrer schweren alten Daunendecke und lauschte Oma Winnies Schnarchen durch die dünne Wand. Im Nebenhaus konnte sie June Riley hören, die ihre Söhne anschrie.

Trotz ihrer Müdigkeit wagte sie nicht einzuschlafen und lauschte angespannt, bis sie das kratzende Geräusch von Alfs Schlüssel im Haustürschloss hörte.

Ihr Magen krampfte sich vor Furcht zusammen, als kurz darauf seine schweren Schritte auf dem Flur ertönten. Bitte, lieber Gott, betete sie. Bitte lass ihn nicht hereinkommen. Nicht heute Nacht.

Die Schritte verstummten vor ihrer Schlafzimmertür. Dora hielt den Atem an, als der Türgriff sich zu drehen begann, ganz langsam nur …

Er bewegte sich erstaunlich leise für einen so großen Mann. Dora spürte, wie er sich über sie beugte, während sie reglos und mit fest geschlossenen Augen dalag und so tat, als schliefe sie.

Doch davon ließ er sich nicht täuschen. »Ich weiß, dass du wach bist.« Er beugte sich noch weiter zu ihr runter, bis ihr sein heißer, nach Bier und Zigaretten stinkender Atem ins Gesicht schlug. »Du wartest auf mich, was?«

»Lass mich in Ruhe«, flüsterte sie ins Dunkel und kniff die Augen noch fester zu.

»Nicht bevor ich kriege, wozu ich hergekommen bin.« Mit einem Ruck riss er die Bettdecke von Dora herunter, sodass sie zitternd und schutzlos seinen Blicken preisgegeben vor ihm lag. Ängstlich rollte sie sich zusammen, zog die Knie an und drückte den Kopf an ihre Brust, als ob sie sich in ihrem Flanellnachthemd verkriechen könnte.

Aber es hatte keinen Zweck. Er hielt sie schon mit einem Knie aufs Bett gedrückt, während er an seinen Hosenknöpfen herumhantierte.

»Ich werde es Mum sagen«, drohte sie und versuchte, sich ihm zu entwinden. »Ich werde schreien wie am Spieß, und alle werden angelaufen kommen.«

»Und was dann?«, spottete Alf. »Was glaubst du, was dann geschehen wird? Vielleicht schmeißt deine Mutter mich ja raus, aber ich sag dir gleich, dass du die Nächste sein wirst. Glaubst du wirklich, sie würde noch mal dein Gesicht sehen wollen, wenn sie wüsste, was du und ich getrieben haben?« Inzwischen lag er auf ihr, und sein massiger Körper erstickte sie beinahe. Er atmete schwer und stoßweise, während seine groben Pranken sie unter ihrem Nachthemd betatschten. »Und was wird mit dem Rest der Familie geschehen? Sie alle werden auf der Straße stehen, bevor sie wissen, wie ihnen geschieht, wenn ich nicht da bin, um die Miete zu bezahlen. Ist es das, was du willst?«

»Ich will, dass du mich in Ruhe lässt.«

Er lachte grunzend. »Nee, das willst du nicht. Dir gefällt doch, was ich tue.« Er ergriff ihre Hand und schob sie in seine Hose. Dora versuchte, sie zurückzuziehen, aber er packte sie nur noch fester und drückte sie an sich, bis Dora das Gefühl hatte, als würde ihr Arm in Stücke brechen. »Du solltest dich glücklich schätzen, du hässliche kleine Kuh. Kein anderer Mann würde dich je auch nur ansehen.«

Plötzlich zog er ihre Arme zurück und hielt sie mit einer Hand über ihrem Kopf, während er sich schwerfällig an sie presste. Dora, deren Kampfgeist inzwischen vollkommen erloschen war, konnte nichts anderes mehr tun, als jeden Gedanken aus ihrem Bewusstsein zu streichen. Sie wandte das Gesicht ab, starrte auf das schwache Licht der Straßenlaterne, das zwischen den verblichenen Vorhängen mit Rosenmuster hereinfiel, lauschte dem entfernten Geräusch von June Rileys schriller Stimme und sagte sich, dass all das sehr bald vorbei sein würde.

KAPITEL DREI

Wenn alles so verlaufen wäre, wie ihre Großmutter es geplant hatte, hätte Lady Amelia Charlotte Benedict an ihrem achtzehnten Geburtstag ihre Verlobung feiern müssen. Die verwitwete Countess of Rettingham hatte sich sogar die Mühe gemacht, eine Liste der vielversprechendsten Heiratskandidaten zu erstellen, angefangen bei dem Sohn eines Dukes bis hin zu einem unbedeutenderen Baronet aus Lincolnshire – der nicht das Optimale war, aber besser als nichts, wie sie betont hatte.

Und doch war Millie hier und stand an einem Novembermorgen sechs Monate nach ihrem neunzehnten Geburtstag wieder einmal im Büro der Oberin. Was einfach zu viel und ausgesprochen lästig war.

Die Oberin fand das offensichtlich auch. »Da sind Sie also wieder einmal, Benedict«, sagte sie mit einem leidgeprüften Seufzer.

»Ich fürchte ja, Schwester Oberin.«

»Ist Ihnen bewusst, dass Sie die Einzige in Ihrer Gruppe sind, die schon die dreimonatige Vorausbildung nicht erfolgreich abgeschlossen hat?«

Millie starrte den Parkettboden unter ihren Füßen an. »Ja, Schwester Oberin.«

»Und wissen Sie auch, warum Sie durchgefallen sind, Benedict?«

»Ich denke schon, Schwester Oberin. Aber es war ein Unfall«, fügte sie schnell hinzu. »Wenn dieses Klistier mit der Seifenlösung mir nicht in den Händen explodiert wäre …«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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