Die Pathologie der Normalität des heutigen Menschen - Erich Fromm - E-Book

Die Pathologie der Normalität des heutigen Menschen E-Book

Erich Fromm

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Beschreibung

Die vier Vorlesungen "Die Pathologie der Normalität" des heutigen Menschen von 1953 thematisieren die krank machenden Auswirkungen der Marktwirtschaft. So erfolgreich Menschen beruflich und in wirtschaftlicher Hinsicht sind, so sehr leiden sie unter einer zunehmende Entleerung und Entfremdung ihrer selbst. Die emotionale Beziehung zu sich selbst und zu anderen Menschen bekommt etwas Schizoides, weil der emotionale Bezug zu sich selbst und zu anderen immer „dünner“ wird und uns das, was wir tatsächlich wahrnehmen und fühlen immer fremder wird. Dass wir die Entleerung des Subjekts und die Abhängigkeit von Angelerntem und Antrainiertem nicht als etwas Anormales erleben, ist für Erich Fromm ein Indiz für eine „Pathologie der Normalität“ und für eine kranke Gesellschaft. In ihr wird etwas Pathologisches als etwas Normales empfunden, weil alle an dem gleichen gesellschaftlich erzeugten Defekt leiden. Die vor über 60 Jahren in New York gehaltenen Vorlesungen Fromms haben kaum etwas an Aktualität verloren. Aus dem Inhalt • Seelische Gesundheit in der modernen Welt • Aspekte der Sinnfrage in der gegenwärtigen Kultur • Die Entfremdung als Krankheit des Menschen von heute

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EPUB

Seitenzahl: 139

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Die Pathologie der Normalität des heutigen Menschen

(Modern Man’s Pathology of Normalcy)

Erich Fromm(1991e [1953])

Als E-Book herausgegeben und kommentiert von Rainer FunkAus dem Amerikanischen von Rainer Funk.

Der Beitrag basiert auf Transkripten von Vorlesungen, die Erich Fromm unter dem Titel Mental Health in the Modern World am 26. und 28. Januar sowie am 2. und 4. Februar 1953 an der New School for Social Research in New York gehalten hat. Erstveröffentlichung 1991 in deutscher Übersetzung von Rainer Funk unter dem Titel Die Pathologie der Normalität des heutigen Menschen in Band 6 der „Schriften aus dem Nachlass“ mit dem Titel Die Pathologie der Normalität. Zur Wissenschaft vom Menschen beim Beltz Verlag, Weinheim, S. 15-105. Reprint als Heyne Sachbuch 1995 beim Heyne Taschenbuchverlag in München. Überarbeitet fand der Beitrag 1999 Aufnahme in die Erich Fromm Gesamtausgabe in zwölf Bänden, München (Deutsche Verlags-Anstalt und Deutscher Taschenbuch Verlag), Band XI, S. 211-266. – Die Erstpublikation der Schriften dieses Bandes in der englischen Originalsprache erfolgte 2010 unter dem Titel Modern Man’s Pathology of Normalcy, beim Verlag American Mental Health Foundation in New York, S. 15-80.

Die E-Book-Ausgabe des Beitrags orientiert sich an den von Rainer Funk herausgegebenen und kommentierten Textfassungen der Erich Fromm Gesamtausgabe in zwölf Bänden, München (Deutsche Verlags-Anstalt und Deutscher Taschenbuch Verlag) 1999, Band XI, S. 211-266.

Die Zahlen in [eckigen Klammern] geben die Seitenwechsel in der Erich Fromm Gesamtausgabe in zwölf Bänden wieder.

Copyright © 1991 by The Estate of Erich Fromm; Copyright © als E-Book 2015 by The Estate of Erich Fromm. Copyright © Edition Erich Fromm 2015 by Rainer Funk.

1. Seelische Gesundheit in der modernen Welt

a) Was ist seelische Gesundheit?

Es gibt zwei mögliche Zugänge zur Frage, was seelische Gesundheit in der gegenwärtigen Gesellschaft ist[1], einen statistischen und einen analytischen, qualitativen.

Der statistische Zugang zur Frage ist einfach, so dass ich ihn kurz abhandeln kann: Er befragt die Statistik nach den Aufwendungen für die seelische Gesundheit in der modernen Gesellschaft. Diese Zahlen sind in keiner Weise ermutigend. Etwa eine Milliarde Dollar werden [Anfang der fünfziger Jahre] jährlich in den Vereinigten Staaten für seelische Erkrankungen aufgewendet. Die Hälfte der Krankenhausbetten ist mit Menschen belegt, die seelisch erkrankt sind. Diese Zahlen sind noch weniger ermutigend, wenn wir den Blick auf die bestürzenden und vielsagenden Daten aus Europa richten. Gerade jene europäischen Länder, die wie die Schweiz, Schweden, Dänemark und Finnland als besonders ausgewogene, sichere Länder des Bürgertums gelten, gehören zu den Ländern, die im Vergleich zu den anderen europäischen Ländern eine sehr viel höhere Rate an Schizophrenie, Selbstmorden, Alkoholismus und Totschlagdelikten haben.

Die statistischen Daten stimmen nachdenklich. Was hat es zu bedeuten, dass gerade diese europäischen Länder gesellschaftlich und kulturell das erreicht haben, was wir als erstrebenswertes Ideal ansehen, aber noch nicht erreicht haben, zu jener ziemlich wohlhabenden bürgerlichen Existenz zu gelangen, die sich zum großen Teil auf wirtschaftliche Sicherheit gründet? Was bedeutet es, dass der seelische Zustand in diesen Ländern nicht dafür spricht, dass deren Art zu leben seelischer Gesundheit förderlich ist? Entgegen unserer allgemeinen Annahme führt sie nicht zu mehr Glück.

Auch wenn es in den Vereinigten Staaten und in Europa sehr viele seelische Erkrankungen gibt, kann man auf der anderen Seite auch von guten Entwicklungen berichten. Die Versorgung der seelisch Kranken wird immer besser. Neue Methoden wurden entwickelt. In den Vereinigten Staaten und in Europa gibt es eine Bewegung für seelische Gesundheit. Tatsächlich wissen wir nicht, ob unsere Daten wirklich eine größere Rate an seelischen Erkrankungen widerspiegeln oder nur eine größere [XI-214] Aufmerksamkeit für seelische Gesundheit ausdrücken. Durch verbesserte Methoden, genauere Beobachtung, den Ausbau der Einrichtungen erkennen wir weit besser, wer seelisch krank ist, so dass unsere Statistiken besorgniserregender ausfallen, als wenn wir die Frage nach seelischer Gesundheit und Krankheit nicht so aufmerksam und interessiert verfolgen würden. Wählen wir nur einen statistischen Zugang und schauen wir nur auf die positiven und negativen Daten, macht uns die Kenntnis der Daten nicht klüger. Meistens sagt uns der Blick auf die Statistik noch nicht, was die Zahlen bedeuten. Deshalb möchte ich mich in diesen vier Vorlesungen auch nicht mit der statistischen, sondern mit der qualitativen Seite der Frage nach der seelischen Gesundheit beschäftigen.

Was bedeuten seelische Gesundheit und seelische Krankheit? Was verstehen wir darunter? In welcher Beziehung stehen seelische Gesundheit und Krankheit, wie ich sie verstehe, zur besonderen Struktur unserer Gesellschaft im Jahre 1953? Geht es um die seelische Gesundheit in der gegenwärtigen Gesellschaft, dann genügt es nicht, hier die seelische Gesundheit und dort unsere Gesellschaft als feste Größen zu vergleichen. Vielmehr müssen wir die Verflechtungen verstehen und herausfinden, welche Faktoren des Gesellschaftsprozesses und der Gesellschaftsstruktur der Gesundheit förderlich sind und welche Strukturmerkmale zu seelischer Erkrankung führen.

Bei der Frage, was seelische Gesundheit heißt, gilt es zwei grundsätzlich verschiedene Auffassungen zu unterscheiden. Beide werden heute vertreten, jedoch nicht deutlich genug auseinandergehalten, obwohl der Unterschied ganz offensichtlich ist. Die eine ist eine relativistische, gesellschaftliche Auffassung, die dem Geisteszustand der gesellschaftlichen Mehrheit entspricht. Ähnlich wie bei der Definition von Intelligenz, die mit einem Intelligenztest gemessen wird, wird die Auffassung vertreten, dass sich seelische Gesundheit von der Anpassung an die Lebensweise einer gegebenen Gesellschaft her bestimmen lasse, und zwar völlig unabhängig davon, ob diese Gesellschaft als solche gesund oder verrückt ist. Das einzige Kriterium ist, dass ein Mensch an sie angepasst ist.

Vielen wird die Kurzgeschichte von H. G. Wells (1925) The Country of the Blind bekannt sein, in der ein junger Mann sich in Malaya verirrt und auf einen Stamm stößt, in dem alle Menschen seit Generationen an angeborener Blindheit leiden, während er sehend ist. Das ist sein Pech, denn sie sind ihm gegenüber alle argwöhnisch. Unter ihnen gibt es gelehrte Ärzte, die seine Krankheit als eine seltsame und bisher unbekannte Störung in seinem Gesicht diagnostizieren, die alle möglichen sonderbaren und pathologischen Phänomene hervorbringt. [„Die komischen Dinger, die man Augen nennt und die dazu da sind, im Gesicht eine hübsche leichte Vertiefung zu erzeugen, sind in seinem Fall erkrankt, und zwar so, dass sein Gehirn davon mitbetroffen ist. Sie sind stark aufgequollen, er hat Wimpern, seine Lider bewegen sich, wodurch sich sein Gehirn in einem Zustand ständiger Erregung und Ablenkung befindet.“] Er verliebt sich in ein Mädchen und will es heiraten. Dessen Vater widersetzt sich der Heirat, willigt dann aber unter der Bedingung ein, dass der junge Mann einer Operation zustimmt, mit der er blind gemacht wird. Noch bevor er die Blendung erlaubt, rennt er davon.

Die Kurzgeschichte von Wells zeigt ganz einfach, was wir alle mehr oder weniger [XI-215] fühlen, wenn es um normal und nicht normal, gesund und krank vom Standpunkt der Anpassung aus geht. Der Anpassungstheorie liegen folgende Annahmen zugrunde: 1. Jede Gesellschaft als solche ist normal; 2. seelisch krank ist, wer von dem von der Gesellschaft favorisierten Persönlichkeitstyp abweicht; 3. das Gesundheitswesen im Bereich von Psychiatrie und Psychotherapie verfolgt das Ziel, den Einzelnen auf das Niveau des Durchschnittsmenschen zu bringen, unabhängig davon, ob dieser blind ist oder nicht blind. Es zählt nur, dass der Einzelne angepasst ist und das gesellschaftliche Gefüge nicht stört.

Für die Anpassungstheorie sind einige Elemente typisch, so zum Beispiel der Glaube, dass unsere Familie, unsere Nation, unsere Rasse als normal erlebt wird, während die Lebensweise der anderen als nicht normal empfunden wird. Eine scherzhafte Episode mag diesen Punkt besonders verdeutlichen. Ein Mann kommt zum Doktor und möchte ihm von seinen Symptomen erzählen. Er beginnt so: „Also, Herr Doktor, jeden Morgen, nachdem ich geduscht und mich erbrochen habe (...)“, da unterbricht ihn der Arzt: „Heißt das, dass Sie sich jeden Morgen erbrechen?“, worauf der Patient sagt: „Aber Herr Doktor, tun dies nicht alle?“ – Die Geschichte ist wohl gerade deshalb spaßig, weil sie eine Einstellung trifft, die wir alle mehr oder weniger teilen. Wir wissen vielleicht, dass auch ausgefallene Eigentümlichkeiten von uns bei anderen zu finden sind. Was wir allerdings nicht wissen: Es gibt viele Eigentümlichkeiten, die es nur in unseren Familien, in den Vereinigten Staaten oder in der westlichen Welt gibt, von denen wir aber annehmen, sie kämen bei allen Menschen vor; in Wirklichkeit sind sie aber gerade keine allgemein menschlichen Züge.

Für den anpassungstheoretischen Standpunkt ist aber nicht nur dieses provinzielle Gefühl typisch, dass die Art, wie wir sind und aufwachsen, normal ist. Dahinter steht eine – man könnte sagen – relativistische Philosophie, die vor allem behauptet, man könne keine objektiv gültigen Werturteile fällen. Gut und böse seien sozusagen Glaubensangelegenheiten. Sie seien ihrem Wesen nach nichts anderes als der Ausdruck dessen, was in einer Kultur faktisch getan und gegenüber anderen Kulturen bevorzugt werde. Was die Menschen einer bestimmten Kultur gerne tun, nennen sie „gut“, was sie nicht mögen, nennen sie „böse“. Es gebe aber nichts, woran sich dies objektiv messen lassen könnte; vielmehr sei es eine reine Ansichtssache.

Im Gegensatz zum anpassungstheoretischen Standpunkt gibt es einen anderen, den ich bereits in Psychoanalyse und Ethik (1947a, GA II, S. 14-18) ausgeführt habe. Er geht von der Annahme aus, dass es in Wirklichkeit doch Werturteile gibt, die objektiv gültig sind, und dass solche Werturteile keine Frage des Geschmacks oder des Glaubens sind. So kann der Arzt oder der Physiologe unter der axiomatischen Annahme, dass zu leben besser ist als zu sterben bzw. dass das Leben besser ist als der Tod, zu dem objektiv gültigen Werturteil kommen, dass dieses Nahrungsmittel besser ist als jenes oder dass diese Art von Luft oder diese Art auszuruhen oder diese Anzahl von Stunden Schlafs besser ist als eine jeweils andere. Die eine ist der Gesundheit zuträglich, die andere nicht. Es ist meine Überzeugung, dass dies nicht nur auf unseren Körper zutrifft, sondern auch auf unsere Seele.

Auch bezüglich der Seele können wir zu objektiv gültigen Aussagen darüber kommen, was für sie gut und was schlecht ist, und zwar auf der Basis unserer Kenntnis der [XI-216] Natur und der Eigengesetzlichkeit des Seelischen. In Wirklichkeit wissen wir über die Seele noch sehr wenig. Vermutlich wissen wir mehr über Vitamine und Kalorien als darüber, was unsere Psyche braucht, um normal zu leben. Wir alle haben erlebt, wie das Wissen über Vitamine und Kalorien unsere Lebensgewohnheiten verändert hat. Warum sollten wir hinsichtlich unserer Seele, vorausgesetzt, wir kümmern uns ernsthaft darum, nicht auch entdecken, dass wir über sie eine Menge wissen, wenn wir ihr nur Aufmerksamkeit schenken?

Der soziologische Relativismus, für den das gut ist, was für den Bestand und das Überleben einer gegebenen Gesellschaft notwendig ist, ist gar nicht so willkürlich, wie es den Anschein hat. Vom Standpunkt einer gegebenen Gesellschaft aus kann man sich tatsächlich kaum vorstellen, dass es nicht zu dieser Ansicht kommt. Denn eine Gesellschaft mit einer bestimmten Struktur besteht nur, solange sich ihre Mitglieder mit einer Einstellung identifizieren, die ein mehr oder weniger glattes Funktionieren dieser Gesellschaft garantiert. Jede Gesellschaft setzt alles daran, mit Hilfe ihrer kulturellen Einrichtungen, ihres Erziehungssystems, ihrer religiösen Ideen usw. einen Persönlichkeitstyp zu schaffen, der das zu tun wünscht, was er tun muss, und der nicht nur das Erforderliche tun will, sondern mit Eifer die Rolle auszufüllen sucht, die die Gesellschaft von ihm verlangt, damit sie reibungslos funktioniert.

In einer kriegerischen und räuberischen Gesellschaft bedeutet das Funktionieren ihrer Mitglieder, dass sie kriegerisch sind, erobern wollen, aggressiv sind, rauben und töten. Eine Figur wie „Ferdinand der Stier“ [Ferdinand, eine Kinderbuchfigur, liebt die Blume auf der Weide und taugt nicht für den Stierkampf in der Arena] würde diese Menschen erheblich daran hindern wollen, Krieg zu führen und ihre Persönlichkeitsstruktur zu bestätigen. Diese ist dennoch nicht das Ergebnis irgendeiner willkürlichen Entscheidung, sondern wurzelt in einer ganzen Reihe von objektiven historischen Bedingungen, innerhalb derer diese Gesellschaft funktioniert. Die Persönlichkeitsstruktur lässt sich nicht so ohne weiteres ändern. Oder nehmen wir umgekehrt als Beispiel eine kooperative, Ackerbau treibende Gesellschaft, in die sich ein Mitglied einer kriegerischen Gesellschaft verirrt. Dieses würde ganz verunsichert sein und von den anderen als krank betrachtet werden. Würden sich mehrere Mitglieder dieser Gesellschaft nach seiner Art entwickeln, stellten diese eine ernste Gefährdung für das Funktionieren der Gesellschaft dar.

Man kann sagen, dass jede Gesellschaft ein ausdrückliches und begründetes Interesse an einem bestimmten Maß von Konformität hat. Dieses Interesse folgt aus dem Überlebenswillen dieser Gesellschaft, die ihre eigene Struktur und ihre Einmaligkeit sichern will. Nun wird diese Erwartung, sich konform zu verhalten, im Alltagsleben sehr betont. Gewiss habe ich es heute, im Jahre 1953, nicht nötig, den Konformismus eigens zu betonen; eher wäre es notwendig zu unterstreichen, dass heute das Überleben der Gesellschaft davon abhängt, dass es noch Nonkonformisten gibt. Hätte es unter den Höhlenbewohnern nur Konformisten gegeben, dann würden wir ganz sicher noch heute in Höhlen leben und noch immer Kannibalen sein.

Die Entwicklung der Menschheit hängt zum einen von einer bestimmten Bereitschaft zum Konformismus ab, ebenso aber auch von einer bestimmten Bereitwilligkeit und Entschiedenheit, sich nicht anzupassen. Nicht nur für eine fortschrittliche Entwicklung, [XI-217] sondern in Wirklichkeit für das Überleben jeder Gesellschaft der menschlichen Rasse ist die Bereitschaft, sich nicht anzupassen, ebenso wesentlich wie die Bereitwilligkeit, sich jenen Regeln gegenüber konform zu verhalten, die für diese Gesellschaft das Spiel des Lebens darstellen.

Unter den verschiedenen Betrachtungsweisen, die das Normale oder das Gesunde mit dem Angepassten identifizieren, gibt es schließlich noch eine weitere Version, die ich weitgehend für eine Rationalisierung halte. Hier wird argumentiert:

Nein, ich vertrete keinen Relativismus und ich behaupte auch nicht, dass jede Gesellschaft gemäß dem lebt, was normal, gut und gesund ist. Doch zufällig ist unsere Gesellschaft und die amerikanische Art zu leben im Jahre 1953 die Erfüllung und das Ziel allen menschlichen Strebens. Dies ist die Art, wie normale Menschen leben, während die bisherigen Gesellschaften oder die Gesellschaften bis vor 150 Jahren rückständig, vielleicht abnormal waren und Dinge taten, die nicht richtig waren. Wir sind heute endlich an dem Punkt, wo die Grundlage unseres Lebens und unserer Gesellschaft mit dem zusammenfällt, was von einem objektiven, und nicht von einem relativistischen Standpunkt aus normal und gesund genannt werden muss.

Ein solcher Standpunkt ist nun wirklich sehr gefährlich, klingt er doch so objektiv. Aber er klingt nur so objektiv, in Wirklichkeit ist er nur eine andere Spielart des relativistischen soziologischen Standpunkts, ohne sich zu ihm zu bekennen. Ich werde ausführlich zu zeigen versuchen, dass es zwar viel Gutes in unserer Gesellschaft gibt, auf das wir von mir aus auch stolz sein können, dass es aber dennoch äußerst fragwürdig ist, ob die Art, wie wir Amerikaner heute leben, mehr der seelischen Gesundheit oder mehr der seelischen Erkrankung förderlich ist.

Ich möchte in diesen Vorlesungen analysieren, wie sich unsere Art zu leben im einzelnen auf den Menschen auswirkt: Welche Wirkungen haben unsere Art zu leben und die Weise, wie wir gesellschaftlich und politisch organisiert sind, auf den Menschen? Wie wirken sich diese Faktoren auf unsere seelische Gesundheit aus? In welchem Ausmaß tragen sie zu seelischen Erkrankungen bei? Welche Konsequenzen und Möglichkeiten ergeben sich aus der Analyse, um das, was gut ist, zu verbessern, und das, was schlecht ist, zum Verschwinden zu bringen?

Die Vereinigten Staaten werden heute, im Jahr 1953, mit einigen Emotionen beurteilt. Auf der einen Seite finden wir eine Kritik, die heute eigentlich nur von den Stalinisten vorgetragen wird. Sie behaupten nicht nur, die Menschen im ganzen Land müssten hungern; für sie gibt es überhaupt nichts Gutes, alles ist schlecht. Diese Art zu kritisieren kann man nicht ganz ernst nehmen, denn von einer objektiven Warte aus ist die Behauptung schlichtweg eine Lüge. Im Gegensatz zu einer solchen Kritik finde ich die Welt, in der wir hier leben, immer noch eine der besten, die die Menschheit hervorgebracht hat. Dies besagt nicht viel, denn bisher hat die menschliche Rasse kaum eine gute Welt hervorgebracht, und ich habe an der jetzigen eine Menge zu kritisieren, wenn ich sehe, wie die Dinge derzeit laufen. Dennoch beurteile ich die Lage spontan besser, wenn ich höre, dass diese Welt so furchtbar schlecht sein soll. Wer ein wenig damit vertraut ist, was in den letzten fünf- bis sechstausend Jahren vor sich ging, der muss sagen, dass die Welt der Vereinigten Staaten von heute trotz allem eine der besten Versuche darstellt, die bisher unternommen wurden. Bei allem, was in ihr in beängstigender [XI-218] Weise zu kurz kommt, gibt sie doch Hoffnung auf eine durchaus konstruktive Entwicklung, vorausgesetzt, wir haben das Gespür dafür, das zu erkennen, was notwendig ist, und das zu vermeiden, was vermieden werden kann.

Auf der anderen Seite gibt es bei der Einschätzung der amerikanischen Art zu leben die Patrioten, für die der American way of life