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Kommissar Wolf Heller ermittelt im Berlin der Siebzigerjahre! Architektin Barbara "Bibi" Albrecht will sich mit dem Ku'damm-Karree schon zu Lebzeiten ein Denkmal setzen. Sie ist ein Star in West-Berlin, im Schaufenster der Freiheit. Bibi wird zu jedem größeren und kleineren politischen oder kulturellen Ereignis eingeladen und schmückt die Titelseiten der Boulevardpresse. Als auf der Baustelle des Karrees ein Toter gefunden wird, gerät ihr makelloser Ruf ins Wanken. Wer ist der Mann? Und steht er mit einem anderen Großprojekt in Verbindung: der Beseitigung West-Berliner Mülls, mithilfe der DDR? Wolf Heller ist per se misstrauisch gegenüber den oberen Tausend in West-Berlin. Die attraktive Architektin, die windigen Politiker und das blühende Rotlichtmilieu sind ihm und seiner neuen Kollegin Vera Jung, die aus dem Regierungssitz Bonn nach Berlin gekommen ist, mehr als suspekt. Versinkt die Mauerstadt in einem Sumpf aus kriminellen Machenschaften?
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Die Patin vom Ku'damm
Martin Lutz (1969) und Sven Felix Kellerhoff (1971) sind von Beruf Journalisten. Uwe Wilhelm (1957) ist Drehbuchautor und Schriftsteller. Kriminalität, Geschichte und Geschichten sind schon seit Jahren ihre Passion. Alle drei leben in Berlin.
Architektin Barbara »Bibi« Albrecht ist ein Star in West-Berlin: Sie fehlt bei keiner Gala, bei keiner Preisverleihung und schmückt die Titelseiten der Boulevardpresse. Als auf der Baustelle des Ku’damm-Karrees ein Toter gefunden wird, gerät ihr Ruf ins Wanken. Wer ist der Mann? Und steht er mit einem anderen Großprojekt in Verbindung: der Beseitigung West-Berliner Mülls mithilfe der DDR? Kommissar Wolf Heller und seiner Kollegin Vera Jung, die gerade aus dem Regierungssitz Bonn nach Berlin gekommen ist, sind die oberen Zehntausend – die attraktive Architektin, die windigen Politiker und das blühende Rotlichtmilieu – suspekt. Schon bald haben sie eine heiße Fährte.
Lutz Wilhelm Kellerhoff
Kriminalroman
Ullstein
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Originalausgabe im Ullstein Paperback
© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2023
Umschlaggestaltung: www.buerosued.de Umschlagmotive: IMAGO / Cinema Publishers Collection, akt-images, INTERFOTO / ATVAutorenfoto: © Gerald von Foris
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Glossar
Social Media
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Cover
Titelseite
Inhalt
Eins
Mit so einer Frau ins Bett gehen, das wär was, dachte er. Aber er wusste, dass die Frau, die im Revier in der Großbeerenstraße vor ihm stand, in einer anderen, unerreichbaren Liga spielte. Er war ein einfacher Polizeimeister mit einem schmalen Kopf, schütterem Haar und fliehendem Kinn. Er wollte sie auch auf keinen Fall die ganze Zeit anglotzen. Doch es war, als würde sie ihn hypnotisieren und er könnte nichts dagegen machen. Die Frau trug einen orangenen Jumpsuit mit tiefem Ausschnitt. Ein breites Band aus demselben Stoff hielt ihre dunkelbraunen Haare zurück. An den Schläfen Herrenwinker. Die weiße Perlenkette reichte ihr fast bis zum Gürtel, die schwarzen Stiefel bis zum Knie. Über der linken Schulter hing eine Handtasche aus dunkelbraunem Leder mit einem kleinen »EA« auf der Schnalle.
Er stellte sie sich nackt vor. Und dann stellte er sich selbst nackt vor. Und dann stellte er sich vor, wie sie ihn auslachen und zurückweisen würde. So wurde aus seiner Bewunderung Abneigung und aus der Abneigung Verachtung. Wahrscheinlich ist sie eine Schlampe, dachte der Polizeimeister. Bestimmt sogar ist sie eine Schlampe. Es konnte gar nicht anders sein. Dann senkte er den Blick.
Die Frau lächelte freundlich. Sie konnte sehen, was er dachte. Wie die meisten Männer, mit denen sie beruflich und privat zu tun hatte. Während die Frauen sie mit bösen Blicken und von Neid zerfressenem Lächeln verfolgten und ihr am liebsten ein Messer in den Rücken rammen wollten. Überhaupt waren Frauen ihre erbittertsten Gegnerinnen. Weil sie zeigte, was für ein Leben möglich war, wenn man nicht von einem Mann abhängig war. Weder finanziell noch seelisch. Ein Leben, für das die braven Ehefrauen weder den Mut noch das Geld hatten. Doch all das störte die Frau nicht. Im Gegenteil, so fühlte sie sich erst richtig ernst genommen.
Sie hieß Barbara Albrecht, wurde von Freund und Feind Bibi genannt und war Berlins erfolgreichste Bauherrin. Eine Grande Dame der Society in der geteilten Stadt, Eigentümerin einer Villa am Kleinen Wannsee und eines Penthouse in Schöneberg. Architektin und Inhaberin einer Firma mit fünfundneunzig Angestellten im Europa-Center und einem Bauvolumen von Hunderten Millionen Mark. Sie hatte Affären mit einigen einflussreichen Männern, war sexuell aggressiv. Einmal pro Quartal glänzte ihr Konterfei von den Titelseiten von Bunte, Frau aktuell oder Neue Post.
Im Moment wartete Bibi, ihre Tochter Manuela mit nach Hause nehmen zu können. Und Bibi hasste es, zu warten. Warten bedeutete, dass andere über sie bestimmten und ihre Macht zeigten. Vor einer Stunde hatte die Polizei die Bauarbeiten auf dem Grundstück am Ku’damm gestoppt. Irgendjemand war ums Leben gekommen. Der Bauleiter hatte am Autotelefon von einem jungen Mann gesprochen, dem der Arm abgerissen worden war. Auch das noch. Bibi sah bereits die Schlagzeilen auf den Titelseiten von BILD und B.Z.Baukönigin ertrinkt in Blut. Sie hätte an der Baustelle sein müssen, stattdessen wartete sie darauf, dass Manuela aus dem Polizeigewahrsam entlassen wurde.
»Frau Albrecht?«
Aus einem Nebenzimmer kam ein weiterer Polizist. Seine Uniform spannte über dem Bauch, im Gesicht hatte er die tiefen Narben einer Pubertätsakne. Manuela neben ihm wirkte müde und war trotzdem wunderschön. Die dunkelgrüne Lederjacke war auf die gelbe Samthose abgestimmt, dazu trug sie eine weite rote Seidenbluse. Von ihrer Mutter hatte sie gelernt, wie wichtig es war, sich bewusst zu kleiden. Egal, ob du einen Baustadtrat oder den Filialleiter der Sparkasse um den Finger wickeln willst – oder vorhast, Rainer Langhans ins Bett zu kriegen. Mit dem richtigen Outfit hat man schon mal die Hälfte des Weges geschafft. Manuelas blonde Locken brachten ihre makellose Haut perfekt zur Geltung.
»Sagen Sie Ihrer Tochter, dass sie das nächste Mal mit einer Anzeige wegen Exhibitionismus, Sachbeschädigung und Widerstand gegen Vollzugsbeamte zu rechnen hat.«
»Sagen Sie es ihr selbst, sie steht neben Ihnen.«
Der mit der Akne zuckte zusammen. Normalerweise redeten die Bürger so nicht mit ihm. Noch nicht mal die Berliner, die für ihre Schnauze berühmt-berüchtigt und bei Touristen gefürchtet waren. Aber in den letzten Jahren war hier einiges aus dem Ruder gelaufen. Es gab zwar kaum noch politische Demonstrationen, weil die Studenten sich wieder auf ihr Studium und die Karriere konzentrierten. Aber einige wenige waren dazu übergegangen, die Stadt regelrecht anzugreifen. Ihnen hatte Manuela sich vorübergehend angeschlossen.
»So was ist kein Kavaliersdelikt.«
»Das kommt auf den Kavalier an. Schönen Tag noch, meine Herren.«
Bibi nahm Manuela an der Hand und führte sie aus dem Gebäude.
Als sie das Revier verließen, stand die Sonne tief und ließ Bibi und Manuela wie im Scheinwerferlicht erstrahlen. Vor dem Eingang wartete eine kleine Truppe von Reportern, um Material für die Rubrik »Klatsch und Tratsch« zu sammeln.
»Wir lächeln«, flüsterte Bibi ihrer Tochter zu. »Am besten, du lässt mich das machen.«
Der Reporter des SFB streckte Barbara Albrecht ein Mikrofon ins Gesicht, als wollte er sie damit aufspießen.
»Finden Sie es in Ordnung, dass Ihre Tochter oben ohne vor dem Springer-Verlag demonstriert und anschließend Steine wirft?«, bellte er.
Bibi schob das Mikrofon lächelnd beiseite. Zum Glück wussten die Reporter noch nichts von dem Unglück auf der Ku’damm-Baustelle.
»Meine Tochter kann unmöglich einen Stein geworfen haben. Sie hasst jede Art von körperlicher Betätigung.«
»Der Staatsanwalt will sie wegen Sachbeschädigung und Körperverletzung anklagen.«
»Das habe ich auch gehört. Allerdings halte ich die Verhaftung meiner Tochter für übertrieben. Sie hat nicht mehr getan, als empört zuzuschauen, wie radikale Studenten, unter ihnen auch der Sohn unseres Justizsenators, ihre Meinung kundtun. Sie deswegen zu verhaften, nenne ich Freiheitsberaubung. Fragen Sie lieber den Herrn Senator, wie er das Benehmen seines Sohnes findet!«
Bibi zog Manuela über die Straße zu dem weißen Mercedes 300 SEL. Die Chauffeurin öffnete die hintere Tür. Manuela reckte die rechte Faust in den morgendlichen Himmel und rief: »Ho, Ho, Ho Chi Minh. Ho, Ho, Ho Chi Minh.«
»Ich glaube, sie haben es verstanden«, drängte Bibi, dann stiegen sie beide ein.
Die Chauffeurin gab Gas. Ein Reporter konnte sich gerade noch mit einem Sprung zur Seite in Sicherheit bringen.
»Was ist mit dem Justizsenator?«, fragte Manuela.
»Was soll mit ihm sein?«
»Du hast gesagt, der Reporter soll ihn was fragen.«
»Habe ich das?«
»Kennen wir den?«
Bibi ließ die Frage unbeantwortet. Die Chauffeurin drehte sich herum.
»An den Ku’damm?«
»Ja, so schnell du kannst.«
Bibi wandte sich wieder ihrer Tochter zu.
»Schatz, du meinst das nicht ernst mit dem Geschwafel über Kommunismus, oder?«, fragte Bibi.
»Wieso sollte ich das nicht?«
»Der Kommunismus ist eine Erfindung zur Besserung der menschlichen Natur. Und weil die sich nicht bessern lässt, muss er mit Gewalt durchgesetzt werden. Was glaubst du, warum es die Mauer gibt? Doch nicht, weil sie uns davon abhalten wollen, dass wir alle rübermachen.«
»Die Genossen sagen …«
»Die Genossen? Du kannst diese Leute doch nicht wirklich gut finden.«
»Welche Leute?«
»Dutschke, Langhans, Teufel.«
»Was machen sie denn? Sie sagen, dass die Bundesregierung den amerikanischen Kapitalisten hilft, ein ganzes Volk auszurotten.«
»Und Baader und diese Ensslin haben ein Kaufhaus in Brand gesteckt.«
»Als niemand mehr drin war. Alle regen sich deswegen auf. Und währenddessen werfen die Amis Tausende Tonnen Napalm auf Vietnam. Wir machen vielleicht nicht immer alles richtig, und manche sind richtige Idioten, aber wir merken wenigstens noch was. Guck dir doch nur mal solche Typen wie dieses Schwein Strauß an. Und der Springer würde uns doch am liebsten ins Lager stecken. Und Walden hetzt gegen uns, dass ihm der Geifer nur so aus dem Maul tropft. Was ist denn so falsch an dem Satz Make Love not War?«
»Es wäre einfach nur beruhigend, wenn ihr, sobald der Kommunismus da ist, darauf verzichten könntet, mich zu enteignen.«
»Ich werde mich beim Zentralkomitee für dich einsetzen.«
Manuela schien es ernst zu meinen, und Bibi bedankte sich mit einem Kuss auf die Wange.
Als die Chauffeurin die Ecke Ku’damm/Uhlandstraße erreichte, hatten Polizei und Feuerwehr die Kreuzung abgesperrt.
Ku’damm-Karree stand auf einem großen Schild. Darauf war ein Hochhaus abgebildet, das alles überragte, was die Stadt an Neubauten zu bieten hatte. Hundertzwei Meter hoch sollte es werden. Nur der Fernsehturm war höher. Aber der lag im Osten. Das Projekt war Bibis Meisterstück. Einhundertachtzig Millionen Gesamtinvestition, darin enthalten eine Senatsbürgschaft über sechzig Millionen. Fünfzig Prozent bereits vermietet.
Bibi stieg aus, zwängte sich an den Polizisten, Feuerwehrleuten und Bauarbeitern vorbei. Man kannte sie und machte Platz.
»Wieso arbeitet hier niemand?«, fragte sie, ohne eine Antwort zu erhalten.
Als sie das provisorische Geländer aus Holzbohlen erreichte und in das riesige Loch schaute, sah sie, dass es mit Grundwasser vollgelaufen war. Drei Feuerwehrleute kletterten über Leitern in die Grube und stapften durch die schmutzige Brühe. In der Mitte der Grube trieb ein Mann in grünem Parka mit dem Gesicht nach unten. Um ihn herum war das Wasser rötlich gefärbt.
»Den haben wir um sieben gefunden.«
Bibi wandte sich um. Ein Mann im Blaumann, weißem Helm und Schnauzer trat neben sie. Er war der Bauleiter, wie das kleine Schild an seiner Jacke verriet.
»Er hat versucht, das Saugrohr zuzustopfen, damit das Grundwasser nicht mehr abgesaugt werden kann. Seit vier Stunden steht der Bau.«
Bibi sah den Bauleiter erstaunt an.
»Wissen wir, wer das ist? Einer von uns?«, fragte sie.
»Nicht von uns.«
Der Bauleiter hielt ihr ein Flugblatt hin. Nieder mit dem Großkapital. Schluss mit der Zerstörung Berlins. Für gerechte Mieten und soziales Wohnen. Barbara Albrecht enteignen. Kommando Karl Liebknecht.
»Entweder einer von den Linken oder von der Konkurrenz.«
»Sie meinen Sabotage?«
Der Bauleiter hob die Schultern. Es war immerhin möglich. Bibi schüttelte entnervt den Kopf.
»Was denn noch alles?«, sagte sie mehr zu sich selbst.
Die Feuerwehrleute hatten die Leiche erreicht und drehten sie auf den Rücken. Ein junger Mann, und, soweit Bibi aus der Distanz erkennen konnte, definitiv kein Bauarbeiter. Eher ein Student aus dem ersten Semester. Sein rechter Arm schwamm ein paar Meter entfernt von ihm. Bibi stieß einen Fluch aus und ging zurück zu ihrem Wagen.
»Anoush, holst du bitte den Senatsbaudirektor an den Apparat.«
Die Chauffeurin tat, was ihr aufgetragen wurde. Es war eine umständliche Aktion, Anoush musste an dem modernen Autotelefon einen Knopf so lange drehen, bis sie ein Signal erhielt, sich dann bei der Vermittlung melden und angeben, zu welcher Telefonnummer Kontakt hergestellt werden sollte. Es dauerte eine Weile, und es war umständlicher, als zu einer Telefonzelle zu gehen. Aber ein Autotelefon zu haben war ein Zeichen von Exklusivität, teuer und selten. Und daher passte es zu Barbara Albrecht.
»Ärger?«, fragte Manuela.
Bibi lehnte sich gegen den Wagen, sah ihre Tochter an und schüttelte den Kopf.
»Nein, nicht wirklich.«
Als die Verbindung zustande kam, reichte Anoush den Hörer durchs Fenster.
»Herrn Borowski, bitte. Teilen Sie ihm mit, Frau Albrecht möchte ihn sprechen«, sagte Bibi mit einem Ton, der keine Zweifel an der Dringlichkeit zuließ.
Der Mann saß im Wohnzimmer in dem gelben Sessel. Er schnaufte vom Treppensteigen. Er war dick, rot im Gesicht und schwitzte. Seine wenigen Haare klebten feucht auf seinem runden Kopf. Er schaute Jochen und Astrid mit diesem komischen Grinsen an, von dem sie nicht wussten, ob es böse oder lieb war. Das war ohnehin bei den Erwachsenen schwer zu unterscheiden. Man konnte nie wissen, was sie dachten. Die Ohren des Mannes sahen verkrüppelt aus, als hätte sie jemand ganz heftig geknetet. Der massige Körper quoll rechts und links über die Sessellehne. Angeblich war er um sechs Uhr mit ihrem Papa verabredet. Jetzt war es Punkt fünf. Er war eine Stunde zu früh.
Wenn ich auf Arbeit bin, lasst ihr niemanden herein. Auch Leuten nicht, die ihr kennt, hatte Heller zu den Kindern gesagt. Sie hatten es ihm sogar schwören müssen. Aber was sollten sie machen? Der Mann hatte vor der Tür ihrer Wohnung gestanden, hatte gedroht, dass sie ausziehen müssten, wenn sie ihn nicht hereinließen. Dass er die Polizei holen und dass die dann die Tür aufbrechen würde. Ihr Papa war zwar auch Polizist, sogar Oberkommissar. Was sollen wir machen, hatten sie einander ängstlich gefragt. Schließlich hatten sie die Tür geöffnet.
Der Mann wischte sich den Schweiß mit der Hand ab und fuhr dann mit der Hand über das Polster. Es war eklig.
»Ist doch in Ordnung, wenn ich hier warte, bis euer Papa kommt«, sagte der Mann. »Ist eure Mutter auch auf Arbeit?«
»Die ist gestorben«, sagte Astrid.
Das schien der Mann nicht zu wissen.
»Gestorben? Aha. Na, dann dürft ihr eigentlich gar nicht mehr hier wohnen.«
Er nahm ein gefaltetes Papier aus der Jacke.
»Der Mietvertrag läuft auf Paula Hanke. Das ist doch eure Mama?«
Die Kinder nickten.
»Wenn sie tot ist, dann ist der Vertrag leider ungültig.«
»Aber unser Papa bezahlt die Miete«, sagte Jochen.
»Das ist klar, sonst wärt ihr ja schon längst rausgeflogen. Aber sein Name steht nicht im Mietvertrag. Wann ist eure Mama gestorben?«
»Am 12. Dezember.«
»Aha. Fünf Monate«, sagte der Mann.
Er steckte das Papier zurück in seine Jacke. Schon wieder wischte er den Schweiß von seiner Stirn ab und fuhr mit der Hand über das Polster. Als er den Blick der Kinder bemerkte, lächelte er peinlich berührt.
»Ich hab eure Mama gekannt«, sagte er. »Sie war eine Nutte. Wisst ihr, was eine Nutte ist?«
Die Kinder schauten sich an. Sie wussten es nicht.
»Eine Nutte ist eine Frau, die es für Geld macht.«
So was Ähnliches hatte Jochen schon häufiger gehört, von den größeren Jungs. Angeblich gab es auch Mädchen, die etwas für Geld machten. Was genau das war, wusste Jochen nicht. Er musste an sich halten, um nicht loszuheulen.
»Ist ja auch nicht schlimm. Wir finden bestimmt eine Lösung, damit ihr weiter hier wohnen könnt, oder?«
Jochen und Astrid nickten beide. Es war besser, alles zu tun, was der Mann verlangte. Sie wollten schließlich nicht schuld daran sein, dass sie ausziehen mussten.
»Na also«, sagte der Mann.
Wieder lächelte er so seltsam, dass es den Kindern kalt den Rücken herunterlief. In der Nachbarschaft hatte ein Herr Unger die Mädchen auch so seltsam angesehen, und dann hatte die Polizei ihn abgeholt. Jetzt deutete der Mann auf Jochen.
»Komm mal her.«
Jochen schüttelte den Kopf.
»Was ist denn? Hast du Angst?«
Der Mann klopfte sich auf die Schenkel, streckte die Hand aus.
Jochen zögerte.
»Du willst doch nicht, dass ihr hier ausziehen müsst, oder?«
Nein, das wollte Jochen nicht.
»Ich will lieber warten, bis Papa kommt«, sagte er. Er war kaum zu verstehen, so sehr schnürte Angst ihm die Kehle zu.
»Dein Papa wird ganz schön wütend sein, wenn ihr hier ausziehen müsst, weil du dich so anstellst.«
Jochen schaute seine Schwester an. Sie konnte ihm nicht helfen. Also ging er einen Schritt auf den Mann zu.
»Na also. Und du, Mädchen, gehst jetzt mal schön in die Küche und machst die Tür zu.«
»Ich?«, fragte Astrid.
»Siehst du hier noch ein zweites Mädchen?«
»Ich will lieber hierbleiben«, widersprach Astrid tapfer.
»Dein Bruder und ich müssen was besprechen. Unter Männern. Da haben Frauen nichts verloren. Los, mach schon.«
Sie drehte sich um und verließ das Wohnzimmer. Tränen liefen ihr über die Wangen.
»Na also«, sagte der Mann noch einmal. »Komm auf meinen Schoß. Ich tu dir doch nichts.«
Er fasste nach Jochens Hand und zog ihn zu sich, drückte ihn auf seinen rechten Oberschenkel.
Er roch nach Schweiß und Käse.
»Tür zu!«, brüllte der Mann in Astrids Richtung.
Erschreckt schloss das Mädchen die Tür. Sie überlegte, was sie tun sollte. Ihr Blick fiel auf das Telefon. Sie nahm den Hörer ab, hörte das Freizeichen. Wie war noch die Nummer von Papas Arbeit? Sie konnte sich nicht erinnern. Jochen wusste die Nummer auswendig.
Der Chef will Sie sprechen. In seinem Büro, hatte Frau Grimm, Hartmanns Sekretärin, gesagt. Da war Wolf Heller gerade auf dem Weg nach Hause gewesen. Jetzt saß er in Hartmanns Büro und sah ungeduldig auf die Uhr. Viertel sechs. Er ließ den Blick über die Wände schweifen, hielt kurz an der Karte von West-Berlin inne und fixierte die kleinen Stecknadeln, mit denen Hartmann die Fundorte von Leichen festhielt. Die Stecknadel auf dem Ku’damm war neu. Er schaute zu dem Regal, in dem sich unzählige Akten türmten, weiter zu der Tafel mit den Namen der Kommissare und den Mordfällen, die Hartmann ihnen zugeteilt hatte, weiter zu Fotos, die Hartmann mit Heinz Manteufel, dem Leiter der Inspektion M in der Keithstraße, zeigten, mit dem Regierenden, mit dem Innensenator. Ab nächstem Monat würde das alles der Vergangenheit angehören.
Er zündete sich eine Zigarette an, schlug die Beine übereinander und wartete. Erneut blickte er auf die Uhr. Um sechs hatte er zu Hause sein wollen. Die ganze vergangene Woche hatte er den Kindern versprochen, abends bei ihnen zu sein, sie ins Bett zu bringen, und es dann doch nicht geschafft. Aber das würde sich jetzt ändern. In Zukunft würde es keinen Spätdienst mehr geben, keine Überstunden. Keinen Polizeidienst. Sollten andere die Kerle jagen, die Frauen und Kinder umbrachten, sich gegenseitig Messer in die Brust stachen, sich totprügelten. Seit Paula vor knapp einem halben Jahr den Kampf gegen den Krebs verloren hatte, waren ihm der Job, die Stadt, die Nächte zu viel geworden. Deswegen hatte er eine Entscheidung getroffen.
Als er die nächste Zigarette anzündete, wurde hinter ihm die Tür aufgerissen und fiel mit einem harten Schlag wieder zu.
Hartmann zielte schnurstracks hinter seinen Schreibtisch und ließ sich schwer auf den Stuhl fallen. Er trug den braunen Anzug, mit dem er anscheinend verwachsen war wie mit seiner Arbeit. Die Frisur Marke Igel hätte einen Schnitt vertragen können.
»Kannst du mir mal erklären, was das hier ist?«
Er kramte ein Schreiben aus einem Stapel Papiere hervor, hielt es Heller vor die Nase.
»Es ist das, wonach es aussieht«, sagte Heller.
Hartmann las vor.
»Daher bitte ich um Entlassung aus dem Polizeidienst. Ferner ersuche ich um unbezahlte Freistellung vom Dienst ab dem kommenden Ersten.«
Hartmann starrte Heller an. Die Adern an den Schläfen pulsten.
»Willst du mich auf den Arm nehmen? Ich hab fünf ungeklärte Mordfälle, Mercier ist auf Fortbildung, der dicke Koch liegt mit Leistenbruch im Krankenhaus, und Wittek hat Urlaub. Und du sagst mir, dass du zum nächsten Ersten aufhören willst?«
Heller drückte seine Zigarette langsam und sorgfältig im Aschenbecher auf Hartmanns Tisch aus. Hartmann sah ihm dabei zu. Die Geste schien ihn noch zorniger zu machen.
»Was ist mit den Morden an den drei Frauen? Was ist mit der Kleinen, die in ihrem Laufstall verhungert ist? Wenn du dich auch noch verdünnisierst, kann ich unseren Laden gleich ganz dichtmachen. Na gut, wen kümmert’s? Und all die Drecksäcke sagen sich, sie können so weitermachen, weil es niemanden gibt, der sie einbuchtet.«
Heller schwieg. Hartmann sollte sich eine Weile austoben, danach würde er ihm sagen, dass ihn nichts und niemand von seiner Entscheidung abbringen konnte.
»Ist es wegen Paula?«
Jetzt kam die kumpelhafte Tour. Hartmann legte die Arme auf den Tisch, beugte sich nach vorne, änderte den Ton. Es war wie bei einer Vernehmung. Zuerst gehst du den Verdächtigen hart an, dann bist du verständnisvoll. Du weißt, dass jeder Verdächtige gestehen will, also bereitest du ihm den Weg.
»Das versteh ich doch. Du denkst, dass du dich zu wenig um sie gekümmert hast, dass du schuld bist, weil du dauernd unterwegs warst. Aber ich sag dir was, Krebs ist ein Verbrecher, gegen den wir nichts in der Hand haben. Du hättest vierundzwanzig Stunden am Tag an ihrem Bett sitzen können, und sie wäre trotzdem gestorben.«
Heller schwieg weiter. Er wusste, dass Hartmann recht hatte. Er hätte Paula nicht retten können. Die Uhr zeigte halb sechs.
»Okay, die Kinder. Versteh ich auch. Aber was ist mit deinem Vater? Kann der sich nicht kümmern? Oder eine aus der Nachbarschaft?«
Heller hatte das alles in Gedanken durchgespielt. Sein Vater konnte nicht mit Kindern. Im Haus gab es nur noch Frau Schwalbe. Die war viel zu alt, um es mit zwei Achtjährigen aufzunehmen. Und den Maler im vierten Stock. Eine seltsame Type, dem er die Kinder niemals überlassen würde.
Hartmann merkte, dass er nicht weiterkam. Also noch mal auf die harte Tour.
»Na gut, nehmen wir mal an, ich akzeptiere das Entlassungsgesuch. Dir ist klar, dass du damit deine Pension verlierst? Und dann willst du bis an dein Lebensende Taxi fahren?«
Heller drückte auch die zweite Zigarette in Hartmanns Aschenbecher aus. Dann erhob er sich langsam.
»Werkschutz, Tagschicht, neun Stunden von acht bis fünf. Ich bring die Kleinen morgens in die Schule, ich helfe ihnen bei den Hausaufgaben, mach ihnen Abendessen, bring sie ins Bett«, sagte er.
»Das ist alles?«
»Das ist alles.«
Heller wandte sich zur Tür. Als er den Türgriff herunterdrückte, ließ der harte Ton in Hartmanns Stimme ihn innehalten.
»Warte mal.«
Heller drehte sich langsam herum.
»Die Kleinen werden schon nicht verhungern, wenn du eine halbe Stunde zu spät kommst. Setz dich.«
Was hatte sein Chef noch auf Lager? Hartmann schloss die Schublade in der Mitte des Schreibtischs auf, nahm eine Akte heraus.
»Weißt du, was das ist?«
Es war Hartmanns Bericht zu dem Fall Poljakow. Vergangenes Jahr hatte Heller den sowjetischen Spion auf dem Teufelsberg erschossen. Was wollte Hartmann mit dem Bericht?
»Ich hab dir den Arsch gerettet, Heller, als du diesen verdammten Russen erschossen hast. Erinnerst du dich? Ich hab geschrieben, dass es Notwehr war, um einen Angriff abzuwehren und eine dritte Person zu schützen. Kemper von der Rechtsmedizin hat allerdings zwei Schusswunden festgestellt. Jede einzelne war tödlich. Ich hab die zweite Kugel ignoriert. Weil ich nicht wollte, dass du Ärger kriegst.«
Das war es also. Damit wollte Hartmann ihn zwingen, weiter bei der MI in der Keithstraße zu bleiben.
»Setz dich«, sagte Hartmann.
Heller ging langsam zum Schreibtisch zurück. Hartmann nahm eine weitere Akte vom Schreibtisch und hielt sie Heller hin. Ein Name stand darauf: Barbara Albrecht. Heller kannte die Frau. Nicht persönlich, aber man kam nicht um sie herum, weil sie regelmäßig in der B.Z. auftauchte.
»Heute Morgen haben wir eine Leiche in der Baugrube des Ku’damm-Karrees gefunden. Scheint ein Student zu sein, der an einem Saugrohr rumgefummelt hat. Name ist noch unbekannt. Es gibt auch wieder ein Flugblatt, in dem die Albrecht angegriffen wird. Mein Bauch sagt mir, dass das nicht die ganze Geschichte ist.«
Heller hob abwehrend die Hände. Die Gefahr war zu groß, dass der Ermittler in ihm alle Zweifel beiseitewischte und nach der Akte wie ein Drogensüchtiger nach dem nächsten Schuss griff. Hartmann öffnete die Akte. Ein Foto von Barbara Albrecht lag zuoberst. Eine attraktive Frau, die eng mit der West-Berliner Politik verbandelt war, eine Affäre mit dem Senatsbaudirektor hatte und ein Großprojekt nach dem anderen hochzog. Er würde eine Weile an dem Fall arbeiten und am Ende zurückgepfiffen werden, weil er irgendjemandem aus dem Rathaus oder mit viel Geld zu nahe kam.
»Dieser Fall noch, danach kannst du von mir aus Kindergärtner werden.«
»Willst du mich unter Druck setzen? Mit deinem Bericht? Ich hab Poljakow erschossen, weil er sonst Louise Mackenzie umgebracht hätte. Das war die erste Kugel. Die zweite war, weil ich gedacht habe, dass sie diesen Drecksrussen auf der Glienicker Brücke austauschen, wenn ich ihn am Leben lasse. Von mir aus kannst du mit deinem beschissenen Bericht zu Manteufel oder zu Hübner gehen. Ich bin raus«, sagte Heller.
Er grüßte mit der Hand seitlich an der Stirn und verließ Hartmanns Büro. Als er auf die Straße hinaustrat, hatten sich dunkle Wolken zusammengezogen. Ein scharfer Wind wehte von Westen her, wirbelte Blätter und herumliegende Zeitungen auf. Irgendwo schlug ein Fenster auf und zu. Heller straffte den Rücken. Ein tonnenschweres Gewicht fiel von seinen Schultern ab. Er hatte es getan. Er hatte gekündigt. Auch wenn er noch nicht genau wusste, wie es nun weitergehen sollte, war es dennoch die richtige Entscheidung. Er sah auf die Uhr. Es fiel ihm wieder ein: Ein Otto Kalb von der Firma Merkur Hausverwaltungen hatte sich für sechs Uhr angekündigt. Jetzt war es Viertel vor. Er würde ein paar Minuten zu spät kommen.
Ein weißer BMW 2000C stand an der Ecke Luckauer Straße. Heller parkte seinen Citroën DS neben dem BMW. Zwei Jungs spielten in der Nähe Fußball. Heller schickte sie weg, weil er befürchtete, dass der Ball gegen den Wagen prallen könnte. Vor einem halben Jahr hatte er sich einen Traum erfüllt. Eine »Déesse«, eine »Göttin«, wie Kenner das Modell nannten, in Dunkelrot. Es war weltweit das einzige Auto mit einer hydropneumatischen Federung, das dem Fahrer das Gefühl gab, in einer göttlichen Sänfte unterwegs zu sein. Er hatte viel Geld dafür bezahlt und musste alle paar Wochen in der Werkstatt die Hydropneumatik reparieren lassen. Ein Franzose eben.
Er lief in die Sebastianstraße und öffnete die Tür zu dem Haus, in dem er und die Kinder immer noch wohnten. Außer ihm waren Frau Schwalbe in der ersten Etage und dieser Maler in der vierten die letzten Mieter. Das Haus sollte abgerissen werden. Angeblich waren die Wasserleitungen undicht. Bei Frau Schwalbe tropfte es seit einer Woche von der Decke. Heller hatte den Verdacht, dass der Schaden mit den zwei Mitarbeitern der Hausverwaltung zusammenhing, die in der leeren Wohnung über der Schwalbe gewesen waren.
Als er die Treppe hochstieg, hielt ihn Frau Schwalbe auf. Sie war weit in den Achtzigern und fast blind. Die Gläser ihrer Brille waren dick wie Glasbausteine. Otto Kalb sei bei ihr gewesen und habe sie höchstpersönlich aufgefordert, auszuziehen, weil das Haus baupolizeilich nicht mehr sicher sei.
»Eine Stunde lang hat er in meiner Küche gesessen und eine ganze Tafel Schokolade gefuttert. Stimmt das? Muss ich jetzt ausziehen?«, fragte sie sichtlich aufgewühlt.
»Nein. Müssen Sie nicht. Der soll uns erst mal das Gutachten zeigen«, sagte Heller.
»Wo soll ich denn hin? Ich hab doch niemanden mehr.«
»Machen Sie sich mal keine Sorgen, Frau Schwalbe. So schnell schießen die Preußen auch wieder nicht.«
»Ihr Wort in Gottes Ohr.«
Heller lehnte Frau Schwalbes Einladung auf einen Eierlikör ab, wünschte einen guten Abend und ging hoch.
Als er die Wohnung betrat, war es totenstill. Eine seltsame Atmosphäre, als stünde die Luft unter Strom. Er trat in die Küche. Astrid saß auf einem Stuhl und weinte.
»Was ist passiert?«, fragte Heller. »Wo ist Jochen?«
Astrid deutete in Richtung Wohnzimmer. Heller stürzte zur Zimmertür, riss sie auf. In dem gelben Sessel saß ein Mann, den er nicht kannte. Wahrscheinlich Otto Kalb, mit dem er eine Verabredung hatte und der auch bei Frau Schwalbe gewesen war. Er hatte einen hochroten Kopf, atmete schwer. Auf seinem Schoß saß Jochen. Mit dem linken Arm hielt der Mann Jochen fest, die rechte Hand hatte er in seiner Hose vergraben.
Etwas zog sich in Heller zusammen. Wie immer, wenn es um die Kinder ging.
»Lass den Jungen los«, schrie er.
Kalb schob den Jungen eilig von sich.
»Er wollte auf meinem Schoß sitzen«, sagte Kalb mit einem dümmlichen Grinsen.
»Das stimmt nicht!«, heulte Jochen.
Natürlich stimmte es nicht. Mit zwei Schritten war Heller bei Kalb, schlug ihm die Faust ins Gesicht. Das Knacken des Nasenbeins war deutlich zu hören. Blut ergoss sich auf Kalbs weißes Hemd. Kalb hielt sich die Hand an die Nase. Das Blut tropfte zwischen seinen Fingern hindurch.
»Was hast du mit dem Jungen gemacht?« Heller war außer sich. »Was willst du in meiner Wohnung?«
»Deine Wohnung?«, jammerte Kalb. »Das ist nicht deine Wohnung. Und morgen seid ihr hier raus, sonst komme ich mit ein paar Jungs, die den ganzen Krempel auf die Straße schmeißen und euch gleich hinterher.«
Obwohl der Mann bestimmt zwei Zentner wog, riss Heller ihn wie nichts aus dem Sessel hoch, zog ihn am Kragen aus dem Wohnzimmer, den Flur entlang bis zur Wohnungstür.
»Das wirst du mir büßen«, ächzte Kalb. »Du kannst schon mal überlegen, was aus deinen Bälgern wird, wenn du im Knast sitzt.«
Im Hausflur drückte Heller Kalbs Oberkörper weit über das Treppengeländer.
»Wenn ich dich noch einmal hier sehe, schlag ich dich tot. Hast du verstanden?«, brüllte er.
Er schob den Dicken noch weiter über das Geländer. Kalb blickte über die Schulter nach hinten. Ein Abgrund, drei Stockwerke tief.
»Hör auf, Mann. Willst du mich umbringen?«
»Hast du das verstanden?«
»Ja. Ich hab verstanden.«
»Gut.«
Als Heller Kalb zurückziehen wollte, war ein hartes Knacken zu hören. Das Holzgeländer war morsch, baufällig, wie fast alles an dem Haus. Es war nach dem Krieg zweimal notdürftig geflickt worden und hätte schon längst erneuert werden müssen. Jetzt brach es.
Kalb ruderte mit den Armen, versuchte, nach Hellers Jacke zu greifen.
»Halt mich!«, schrie er.
Heller stemmte die Füße gegen den Sockel des Geländers, versuchte, Kalb zurück auf die Beine zu ziehen. Aber der Mann war zu schwer. Heller schaffte es nicht, ihn festzuhalten. Um nicht selbst mit in die Tiefe gerissen zu werden, ließ er den Dicken los. Ein lang gezogener Schrei, den ein dumpfer Aufprall beendete.
Heller sah nach unten. Kalb lag auf dem Steinfußboden. Die alte Frau Schwalbe beugte sich im ersten Stock übers Geländer, sah zu dem Toten hinunter, dann schwenkte ihr Blick langsam nach oben zu Heller. Frau Schwalbe verstand augenblicklich, was geschehen war. Sie nickte. Dann stieg sie die Treppe hinab und verriegelte die Haustür.
»Ist er tot?«
Heller fuhr herum. Jochen stand hinter ihm. Astrid daneben. Beide zitterten.
»Geht rein«, sagte Heller.
Er schob die Kinder zurück in die Wohnung. Im Wohnzimmer setzten sie sich auf das Sofa. Die Hände im Schoß gefaltet, als hätten sie etwas Schlimmes getan und erwarteten ihre Strafe. Heller setzte sich ihnen gegenüber.
»Ich habe euch gesagt, ihr sollt niemanden reinlassen. Habe ich euch das gesagt?«
»Ja«, sagten sie unisono.
»Warum habt ihr es trotzdem gemacht?«
Jochen erzählte von den Drohungen. Seine Stimme zitterte, bis er wieder anfing zu weinen.
»Du warst nicht da«, sagte Astrid trotzig.
»Ja, das stimmt«, nuschelte Heller. »Hat er dir was getan?«
Jochen zuckte mit den Schultern, als wüsste er nicht, was Heller meinte.
»Hat er dich angefasst?«
Jochen schüttelte den Kopf.
Ein Stein fiel Heller vom Herzen, so groß, dass sein Poltern in ganz Berlin zu hören sein musste. Er kniete sich vor die Kinder, nahm Jochen in den linken und Astrid in den rechten Arm.
»Tut mir leid«, sagte er. »Es passiert nicht wieder.«
So verharrten sie eine Weile. Wie Laokoon und seine Söhne, bevor die Schlangen kommen. Als sie alle drei gleichmäßig zu atmen begannen, löste sich Heller.
»Ich bin in einer Stunde wieder da. Dann gehen wir Eis essen.«
Heller erhob sich, strich den Kindern über die Köpfe.
»Und noch was. Wenn jemand nach dem Mann fragt, wisst ihr nichts. Ist das klar?«
In den ängstlichen Gesichtern der Kinder konnte Heller sehen, dass überhaupt nichts klar war.
»Ist das klar?«, wiederholte er nachdrücklich.
Die beiden nickten.
»Gut.«
Er stand einen Augenblick da wie jemand, der sich verirrt hatte und nicht wusste, welchen Weg er einschlagen sollte. Er hatte einen Mann umgebracht. Nein. Nicht umgebracht. Es würde als Körperverletzung mit Todesfolge durchgehen. Das hieß aber trotzdem Knast. Mindestens ein Jahr, vielleicht auch drei. Als er sich vorstellte, dass die Kinder dann im Heim landen würden, wusste er, dass er die Leiche loswerden musste. Sofort. Bevor jemand kam und nach Otto Kalb suchte.
Er verließ die Wohnung. Rannte die Treppe hinunter. Packte den toten Kalb und zerrte ihn in den Keller. Legte ihn ins Kohlenlager und begrub ihn unter Briketts. Hier war die Leiche fürs Erste sicher.
In der Luckauer Straße gab es eine Telefonzelle. Er lief hin und wählte eine Nummer, die er auswendig kannte. Eine vertraute Stimme meldete sich.
»Ryan King.«
Aus dem Hörer schallte ihm der Alabama Song von den Doors entgegen. Im Kings-Club in der Krumme Straße war offenbar alles wie immer.
»Ich bin’s«, sagte Heller.
»Was gibt’s?«
Eine Polizeisirene durchschnitt die Welt. Heller wartete mit angehaltenem Atem, bis sie leiser wurde und schließlich nicht mehr zu hören war.
»Du musst mir helfen.«
»Sag.«
»Ich muss was transportieren.«
Mehr musste Heller nicht sagen. Nicht, was transportiert werden sollte, nicht, wohin, und auch nicht, warum. Zwischen Ryan und ihm bestand diese spezielle Sorte Freundschaft, die keine Erklärungen brauchte. Sie beide konnten am Tonfall erkennen, wenn der andere in Schwierigkeiten steckte.
»Sofort?«
»Ja.«
»Okay«, sagte Ryan. »Wo bist du?«
