Die Tote im Wannsee - Lutz Wilhelm Kellerhoff - E-Book
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Die Tote im Wannsee E-Book

Lutz Wilhelm Kellerhoff

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Beschreibung

1968 – Wolf Heller ermittelt in politisch aufgeheizter Zeit Rudi Dutschke, Uschi Obermaier, Willy Brandt, Axel Springer, Benno Ohnesorg - die Sechzigerjahre sind ihre Bühne, Berlin ist ihre Bühne. Es stand viel auf dem Spiel. Und Wolf Heller muss sich als junger Polizist in diesen Zeiten beweisen. Wolf Heller interessiert sich eigentlich nicht für Politik, doch plötzlich ist alles politisch. Ohne es zu wollen, gerät er zwischen die Fronten. Die Polizei ist ein reaktionärer Haufen, Studenten demonstrieren lautstark in den Straßen, und seine Freundin Luise zieht in eine Kommune. Da wird eine junge Frau tot am Ufer des Wannsees gefunden. Nur die roten Schlangenlederschuhe geben einen brauchbaren Hinweis auf ihre Identität. Als der Kommissar ein Bild der Schuhe in einer Berliner Zeitung veröffentlichen lässt, meldet sich eine Kollegin der Toten: Heidi Gent arbeitete in Horst Mahlers Anwaltsbüro. Heller soll den Fall schnell abschließen. Auf der Polizei liegt noch der Schatten der Ermordung von Benno Ohnesorg, der Druck aus dem Schöneberger Rathaus ist enorm. Doch als er zufällig mitbekommt, dass sein Chef lautstark mit einem Unbekannten über die Tote streitet, lässt er nicht mehr locker. 

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Veröffentlichungsjahr: 2018

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Der Autor

Martin Lutz (1969) und Sven Felix Kellerhoff (1971) sind von Beruf Journalisten. Uwe Wilhelm (1957) ist Drehbuchautor und Schriftsteller. Kriminalität, Geschichte und Geschichten sind schon seit Jahren ihre Passion. Alle drei leben in Berlin.

Das Buch

West-Berlin, 1968. Studenten demonstrieren lautstark in den Straßen, während die Stasi in aller Stille Spione auf die andere Seite der Mauer schickt. Wolf Heller, Kommissar bei der Mordinspektion M I, interessiert sich eigentlich nicht für Politik. Doch dann wird eine junge Frau tot im Wannsee gefunden. Heidi Gent arbeitete in der Kanzlei des linken Anwalts Horst Mahler. Heller soll den Fall schnell abschließen, ohne allzu tief zu graben. Denn auf der Polizei lastet noch immer der Schatten des Mordes an Benno Ohnesorg, der Druck aus dem Schöneberger Rathaus ist enorm, und die sensationshungrige Presse lauert auf Fehler. Für Heller wird der Fall zur Zerreißprobe. Sein Chef und auch sein Vater, ein ehemaliger Polizist, wollen ihn mit aller Macht von weiteren Ermittlungen abbringen. Und dann zerren auch noch seine Vermieterin Paula, die ihn heiraten will, und die lässige Amerikanerin Louise aus der Kommune Wielandstraße an dem Einzelgänger. Heller muss sich entscheiden.

Rudi Dutschke, Uschi Obermaier, Willy Brandt, Axel Springer – die Sechzigerjahre sind ihre Bühne, Berlin ist ihre Bühne. Es steht viel auf dem Spiel. Und Wolf Heller muss sich als junger Kommissar in wilden Zeiten beweisen.

Lutz Wilhelm Kellerhoff

Die Tote im Wannsee

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ISBN: 978-3-8437-1828-8© 2018 by Ullstein Buchverlage, BerlinAlle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: BÜRO JORGE SCHMIDT, MünchenUmschlagabbildung: © Henning Christoph / ullstein bildFoto der Autoren: Gerald von ForisE-Book-Konvertierung powered by pepyrus.com

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Inhalt

Der Autor / Das Buch

Titelseite

Impressum

Eins

Zwei

Drei

Vier

Epilog

Glossar

Danksagung

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

Eins

Eins

Freitag, 25. Oktober

Das ist also der Augenblick, in dem ich sterben werde, denkt sie. Da ist das Messer bereits achtmal in ihren Körper eingedrungen und legt nun eine kleine Pause ein. Ihr Atem rasselt, die Bronchien sind verstopft. Das Herz pumpt hektisch Blut aus den offenen Wunden. So lange, bis es kein Blut mehr gibt, das gepumpt werden kann. Was habe ich getan, dass ich sterben muss?

Sie ist wie immer freitagmittags zu der kleinen Laube am Rande der Schrebergartensiedlung gefahren. Diesmal ist sie zu früh da gewesen. Sie wollte die Zeit nutzen, um zu überlegen, wie sie es erklären kann. Dass sie Schluss machen muss. Weil sie genug hat von der Angst, dem Misstrauen, der Heimlichtuerei. Von der Gefahr, entdeckt zu werden. Ich werde weggehen. Weg aus Berlin, diesem Hexenkessel. Nach Kalifornien. Mit den Kindern. Neu anfangen. In ein kleines Dorf mit Hühnern und einem Garten, in dem ich Gemüse anbaue. Und drum herum Kühe und Pferde. Ich hab ja genug Geld gespart.

Das alles hat sie schon vor Tagen angekündigt. Die richtigen Worte liegen immer noch bereit. Aber für Gründe und Argumente ist es jetzt zu spät. Jetzt, wo sie in der Laube den kalten Boden unter sich spürt, wo es um sie herum feucht ist von ihrem Blut. Das Kleid ist hochgerutscht, und die schöne Strickweste aus dem KaDeWe ist zerschnitten. Der rechte Schuh ist vom Fuß gerutscht. Wo ist er? Wo ist mein Schuh? Sonderangebot, dreißig Mark bei Leiser in der Tauentzienstraße. Schlangenlederimitat. Der letzte Schrei. Sie friert.

Im Tagesspiegel hat sie gelesen, dass man einen hell leuchtenden Tunnel betritt, wenn man stirbt. Ist das so? Bisher ist nichts von einem Tunnel und einem Licht zu sehen. Und das ist auch gut so. Sie darf nicht sterben. Nicht wegen ihrer selbst, sondern wegen der Kinder, die am Grab stehen und weinen werden. Was soll aus ihnen werden, wenn sie nicht mehr ist? Sollen sie etwa bei Klaus bleiben?

Gerade bei ihm. Er mit seinen ewigen Verdächtigungen, seiner Wut, den Schlägen. Dabei hatten alle sie gewarnt. Der ist ein jähzorniger Typ, hat ihre Mutter am Tag der Hochzeit gesagt, der hat sich nicht unter Kontrolle, wenn er getrunken hat. Aber sie hatte die Stimmen ignoriert. Immer und immer wieder. Weil sie verliebt gewesen war. Bis über beide Ohren. Er hatte so gut ausgesehen, als sie sich kennenlernten, mit seinen schwarzen Locken, den braunen Augen und seinem spöttischen Lächeln. Am 13. August 1961.Sie erinnert sich genau an das Datum, weil keine Frau solche Tage vergisst. Und weil an dem Tag die Sektorengrenze abgeriegelt wurde. Erst nach der Geburt von Ralf und dann von Betty hatte sie bemerkt, dass in seinem Lächeln kein Spott, sondern Verachtung liegt. Verachtung für alles und jeden. Also muss sie für die Kinder am Leben bleiben, muss sie sich mit aller Kraft wehren.

Jetzt, wenn das Messer erneut in sie hineinsticht. Die Haut durchdringt und mit einem hässlichen Kratzen an Knochen entlanggleitet. Sie schreit. Windet sich. Greift mit der rechten Hand nach der Messerhand, hält sie fest. Drückt dagegen, versucht, die Waffe zur Seite abzulenken. Bis der Stahl zuletzt zwischen den Rippen hindurch in das Herz eindringt und die unermüdliche Arbeit des Muskels beendet.

Von diesem Augenblick an gibt es keine Rettung mehr. Die Impulse, die ihr Gehirn an Muskeln und Sehnen sendet, werden schwächer und schwächer. Tragen sie fort. In den Tunnel hinein, in dem es hell ist. Sehr hell. Eine Kakofonie von Tönen und Stimmen. Erinnerungen. Bald ist Weihnachten, im Büro ist das Fenster noch offen, der Arzt hat gesagt, es ist ein Ekzem, Vater unser, der du bist im Himmel, ich muss Geschenke kaufen, der Hund bellt die ganze Nacht, lieber Gott, hilf mir, wenn wir auf den Funkturm gehen, trinken wir Weiße mit Waldmeister.

Und dann atmet sie ein letztes Mal aus. Es wird still. Eine tröstliche, heilsame Dunkelheit umfängt sie.

Fahr in die Laube. Das Problem ist gelöst. Es war ein kurzer Anruf. Harry wusste sofort, was gemeint war. Er nahm den Autoschlüssel, murmelte beim Verlassen des Büros etwas von einer Verabredung, die er vergessen habe. Sein weißer BMW stand direkt vor dem Eingang zum Polizeipräsidium am Platz der Luftbrücke. Er raste los. Eine halbe Stunde, wenn er über die Stadtautobahn, dann die Heerstraße und den Nennhauser Damm fuhr. Die letzten Meter bis zur Kolonie Gartenbauverein Staaken v. 1922 dann zu Fuß. Zweihundert Meter südlich des Bahnübergangs Staaken, wo Güterzüge aus Westdeutschland nach West-Berlin abgefertigt wurden.

Als er die Tür zur Laube aufstieß, sah er sie. Sie lag rücklings, die Arme ausgebreitet, mit den Füßen zum Bett hin. Der Kopf in einer Lache aus geronnenem Blut. Die Augen offen, der Blick zur Decke gerichtet. Ihre Brille lag neben ihr. War sie tot? Natürlich war sie tot.

Tat sie ihm leid? Er spürte den Anflug eines ungewohnten Gefühls. Ja, ein wenig schon, sie war jung, sie war hübsch. Aber vor allem war da Angst, dass ihn jemand beobachten könnte. Er sah auf die Uhr, halb vier. Bald würden die ersten Schrebergärtner eintrudeln, um noch ein paar Stunden lang die Himbeeren zu schneiden, die Beete umzugraben.

Die Leiche musste weg. Sofort. Er nahm das Wachstuch vom Tisch, legte es auf den Fußboden, zog die Tote darauf und schlug die Seiten über ihr zusammen. Nahm zwei Seile aus dem Schrank, band eines in Höhe der Brust und eines in Höhe der Knie um sie herum. Die blutige Tatwaffe, die neben der Toten lag, ein Messer mit Holzgriff, wickelte er in eine Zeitung ein. Er musste es zusammen mit der Leiche verschwinden lassen. Dann schaute er aus dem Fenster. Niemand zu sehen. Gut so. Wenn er sich beeilte, würde alles gut werden.

Harry schulterte die Tote. Schloss die Tür hinter sich ab und ging los. Von Weitem sah er einen Mann auf einer Zündapp, der recht schnell auf die Kolonie zufuhr. Beeil dich, dachte er. Auf dem Parkplatz angekommen legte er Leiche und Messer in den Kofferraum seines BMW. Dann stieg er ein und gab Gas. Drehte den Kopf weg, als er dem Mopedfahrer auf der Kreuzung Finkenkruger Weg begegnete. Dann nach links abbiegen. Und dann die große Frage, wohin mit ihr.

Harry ärgerte sich, weil er nicht schon auf der Fahrt zur Laube darüber nachgedacht hatte. Aber da war ihm alles Mögliche durch den Kopf gegangen, nur das nicht. Er könnte die Leiche im Wald vergraben. Aber die Gefahr war zu groß, dass Tiere sie ausbuddelten. Er könnte sie zersägen und an die Tiere verfüttern. Auch zu riskant. Wenn etwas von ihr übrig bliebe, würden Spaziergänger es finden.

Als er die Kreuzung zur Teltower Straße erreichte, wusste er, was zu tun war. Er würde die Leiche auf die Insel Schwanenwerder bringen, die im Wannsee nördlich vom Strandbad lag und über eine Brücke mit dem Ufer verbunden war. Um diese Jahreszeit standen dort die meisten Villen leer. Er würde seine Fracht vor dem Anwesen des Zeitungszaren Axel Springer ablegen. Direkt vor dem Tor.

In der gegenwärtigen Stimmungslage würde die Polizei den Mord unweigerlich mit den radikalen Studenten in Verbindung bringen. Als Racheakt für Rudi Dutschke. Oder noch besser, die Polizei würde davon ausgehen, dass es sich bei der Toten um eine von Springers Liebschaften handelte. Davon gab es angeblich etliche. Das würde sogar zu den anderen abgestochenen Frauen der letzten eineinhalb Jahre passen. Derselbe Mörder. Ein Perverser aus der besseren Gesellschaft. Sticht sie ab und legt sie aus Wut vor Springers Anwesen. Zugegeben, es war nicht die Idee des Jahrzehnts, aber doch besser als alle anderen.

Auf der Havelchaussee kam er gut voran. Bis plötzlich nahe dem Grunewaldturm die Straße abgesperrt war. Blaulicht überall. Was war hier los? Kontrollierten sie die Fahrzeuge? Drei Wagen vor ihm. Keiner hinter ihm. Er könnte noch umdrehen und die Avus nehmen. Aber kaum hatte er den Rückwärtsgang eingelegt, hielten vier Autos hinter ihm. Was jetzt? Aussteigen und wegrennen? Was für ein idiotischer Gedanke. Die würden ihn anhand seines BMW ausfindig machen.

Er spürte, wie sich Schweiß auf seiner Stirn bildete. Bleib ruhig, dachte er. Das ist bestimmt ein Unfall, deswegen steht ein Krankenwagen da. Dann ging es weiter. Er passierte den Rettungswagen. Ein Mann mit Motorradhaube wurde eingeladen. Das rechte Bein war seltsam verdreht. Die Maschine lag im Graben. Dann war er vorbei. Glück gehabt. Er fuhr weiter, aber langsamer. Auf keinen Fall einen Unfall riskieren.

Zehn Minuten später erreichte er den Kronprinzessinnenweg, bog rechts in den Wannseebadweg ein und fluchte, als er nur noch dreihundert Meter von der Brücke nach Schwanenwerder entfernt war. Wegen Bauarbeiten gesperrt. Zwei Männer machten sich an dem Geländer zu schaffen. Ein schwarzer Mercedes mit Behördenkennzeichen kam von der Inselseite her. Die Arbeiter zogen die Absperrung beiseite, ließen den Wagen passieren und schoben die Absperrung wieder in die ursprüngliche Position zurück. Das würden sie in seinem Fall bestimmt auch so machen. Aber dann hätten sie sein Auto gesehen und würden sich später vielleicht daran erinnern. Der BMW 2000 C war auffällig, davon gab es in Berlin nicht viele.

Er musste eine andere Möglichkeit finden. Und zwar schnell. War da nicht ein Schild gewesen, das den Weg zum Berliner Yacht-Club wies? Er fuhr rückwärts. Als er bremste, rumpelte es im Kofferraum, als würde jemand von innen gegen den Deckel schlagen.

Montag, 28. Oktober

Vierzehn Tage lang waren in Berlin kein Mord, kein Totschlag und keine Selbsttötung gemeldet worden. Eine überraschend ruhige Zeit. Kommissar Wolf Heller hatte drei Wochen Bereitschaft bis auf einen Tag hinter sich gebracht. Bereitschaft bedeutete, als Kommissar des Kriminalreferats M in der Keithstraße, Unterabteilung Inspektion M I, Tötungsdelikte und erpresserischer Menschenraub, Tag und Nacht zur Verfügung zu stehen. Es hatte schon Bereitschaften gegeben, da war er nicht aus den Klamotten gekommen, hatte sogar am Schreibtisch im Dienstzimmer im zweiten Stock geschlafen, das er sich mit seinem Kollegen Albert Doll teilte.

Die letzte Leiche hatten Doll und er am 14. Oktober gegen fünf Uhr morgens am Stuttgarter Platz in Augenschein genommen. Eine der vielen Prostituierten, die nachts dort standen, hatte um drei Uhr morgens die 110 angerufen, weil ein Mann mit einer Axt im Kopf vor der Lolita-Bar umhertaumelte. Wie ein Huhn, das, nachdem es geköpft worden ist, noch weiterflattert. Auf der Kreuzung Kantstraße/Kaiser-Friedrich-Straße war der Mann schließlich von einem Bus der BVG überrollt worden. Acht Personen kamen dabei zu Schaden. Weil der Kopf des Toten von dem Busreifen zerquetscht wurde und er keine Papiere bei sich trug, dauerte es zwei Tage, bis seine Identität festgestellt werden konnte. Rolf Garstig, 56, stadtbekannter Bauunternehmer, der sich gelegentlich am Stutti bei einer ebenfalls stadtbekannten Domina namens Madame de Sade in Behandlung begab. Allerdings war er in dieser Nacht nicht bei Claudia Müller, wie Madame de Sade mit bürgerlichem Namen hieß, gewesen. Eine Axt in einen Schädel zu schlagen, so erklärte sie dem Ermittlungsrichter, gehöre nicht zu ihrem Repertoire.

Tatsächlich war es die Ehefrau des Unternehmers gewesen, die in jener Nacht beschlossen hatte, dem Martyrium ihrer Ehe ein Ende zu bereiten. Sie war mit der hellblauen Pagode von der Villa in Dahlem an den Stuttgarter Platz gefahren, hatte gegen zwei Uhr dreißig ihrem Mann aufgelauert und ihm um zwei Uhr achtundfünfzig den Kopf gespalten. Anschließend war sie nach Hause gefahren, hatte eine Flasche Dom Pérignon Rosé von 1962 geköpft und ihre Befreiung gefeiert.

Heller und Doll waren ihr wegen eines gekauften Alibis auf die Spur gekommen. Als sie die Dame in ihrer schönen Villa festnehmen wollten, hatte sie sich im Keller bereits erhängt. Ihr Abschiedsbrief bot einen erschreckenden Einblick in die Abgründe einer bürgerlichen Idylle.

Da Heller Claudia seit der Grundschule kannte und früher so etwas wie ein großer Bruder für sie gewesen war, wartete er an diesem Vormittag des 28. Oktober gegenüber der Haftanstalt in der Alfredstraße, bis sie aus der Untersuchungshaft entlassen wurde. Er stand an seinen blauen Karmann-Ghia gelehnt. Den Kragen seines Kurzmantels hochgeschlagen, den Porkpie tief ins Gesicht gezogen, blätterte er in der Berliner Morgenpost vom Tag zuvor. Auf Seite fünf wurde berichtet, dass der Osten Dutzende Spione in West-Berlin postiert hätte. Angeblich ermunterten die Ost-Agenten die radikalen Studenten finanziell und ideologisch zur Randale.

Punkt zehn Uhr wurde das stählerne Tor geöffnet. Heraus trat eine kleine, zierliche Person mit dunkelblondem Haar und einem kleinen Paket in der Hand. Dass dieses unscheinbare Wesen sich nachts in einen Engel der Hölle verwandeln konnte, war kaum zu glauben. Verloren schaute sie sich um, bis sie Heller auf der anderen Straßenseite entdeckte.

»Nix zu tun, Heller?«, rief sie über die Straße hinweg.

Heller öffnete die Tür auf der Beifahrerseite. Claudia stieg ein, klaute ihm die Zigarette aus dem Mund und nahm einen tiefen Zug.

»Ick hab dir ja gleich gesagt, dass es seine Alte war. Er hat sie wie den letzten Dreck behandelt. An ihrer Stelle hätte ick den schon lange in seine Einzelteile zerlegt und im Garten vergraben.«

»Du hättest uns sagen sollen, dass du sie gesehen hast. Wenn wir nicht herausgefunden hätten, dass sie ihr Alibi gekauft hat, würdest du jetzt fünfzehn Jahre Urlaub antreten.«

»Ick hab doch jewusst, dass du fleißig bist und der Gerechtigkeit zum Sieg verhilfst.«

»Wie wäre es mit einer Umschulung?«

»Was meinst du? Brave Ehefrau?«

»Zum Beispiel.«

»Soll das ein Heiratsantrag werden?«

Heller lächelte.

»Bevor ick mich versklaven lasse, versklave ick lieber selbst und werde dafür auch noch bezahlt.«

Sie fuhren in Richtung Westen. Alt-Moabit, Gotzkowskybrücke, Helmholtzstraße. Vorbei an den bleichen Häusern, die notdürftig repariert worden waren. Den riesigen Lücken, die der Krieg gerissen hatte. Den jungen Bäumen, die man nach 1945 gepflanzt hatte und die sich schüchtern am Straßenrand in die Höhe reckten.

Heller lieferte Claudia in der Suarezstraße ab, wo sie zusammen mit ihrer Mutter eine Zweizimmerwohnung direkt neben der Feuerwache bewohnte. Seine Ermahnung, vorsichtig zu sein, wischte sie beiseite.

»Wieso soll ick? Ick hab ja dich.«

Bevor er zurück in die Keithstraße fuhr, gönnte er sich bei Heuwers in der Kaiser-Friedrich eine Currywurst mit Spezialsoße und schaute eine Weile dem Treiben auf der Straße zu. Obwohl er hier geboren war, fühlte er sich zuletzt mit jedem Tag fremder. Die Stadt entwickelte sich, seit der Osten die Mauer hochgezogen hatte, immer mehr zu einem riesigen, dreckigen Hinterhof. Überall alte und neue Nazis, gierige Geschäftemacher, korrupte Politiker. Und denen gegenüber Studenten, die den Staat abschaffen und eine kommunistische Diktatur errichten wollten. Im letzten Sommer war Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen worden, vor gut einem halben Jahr hatte Josef Erwin Bachmann drei Kugeln auf Rudi Dutschke abgefeuert. Bei der Vernehmung hatte Bachmann gefaselt, dass er eine Maschinenpistole hätte kaufen oder Dutschke hätte zersägen sollen.

Damit überhaupt noch jemand in diese Freiluft-Irrenanstalt kam, zahlte Bonn kräftig. Also machten sich all diejenigen auf den Weg nach Berlin, die zuhause in Tübingen und Köln oder Berchtesgaden nicht klarkamen, und kassierten dafür Geld vom Staat. Es war ein Wahnsinn. Und Heller hatte das Gefühl, dass der Wahnsinn sich ausbreitete und irgendwann auch ihn befallen würde. Er war zweiunddreißig Jahre alt, unverheiratet und wohnte in Kreuzberg bei einer Mutter von zwei Kindern zur Untermiete. In seinem Ausweis stand: eins zweiundachtzig groß, fünfundsiebzig Kilo schwer, blaue Augen, dunkles Haar. Die Frauen standen auf ihn.

Es hatte zu nieseln begonnen. Ein feiner Nebel, der sich auf die Straße, die Autos und die Seele legte. In den nächsten Monaten würde die Selbstmordrate ansteigen. Das Stoffverdeck seines Karmann-Ghia leckte auf der Beifahrerseite, weshalb sich dort auf der kunstledernen Sitzfläche eine kleine Pfütze gebildet hatte. Zuhause würde er das Verdeck mit Klebestreifen abdichten. Irgendwann war ein neues fällig.

Weil der Ku’damm wegen eines Feuerwehreinsatzes gesperrt war, nahm er die Kantstraße, was sich bald als Fehler herausstellte. Einmal pro Woche marschierten zweihundert bis dreihundert Studenten am Amerikahaus in der Hardenbergstraße vorbei, warfen Farbbeutel und Eier und riefen USA-SA-SS, Ho-Ho-Ho-Chi-Minh und andere Parolen. Wolf Heller wusste nicht, was damit gemeint war. Die Studenten schienen auf Krieg aus zu sein, als würden sie bedauern, beim letzten nicht dabei gewesen zu sein. Es ging gegen die Spießer, gegen die Amerikaner, gegen Vietnam. Und vor allem ging es gegen Axel Springer und die Bild-Zeitung.

Heller stellte den Wagen ab und sah dem Spektakel eine Weile zu. Hundert Beamte des Einsatzkommandos standen auf der »Spielwiese«, wie sie die Kreuzung Ku’damm und Joachimsthaler Straße direkt vor dem Café Kranzler nannten. In drei Reihen aufgestellt erwarteten sie die Studenten, die untereinander eingehakt wie eine Herde Ziegenböcke auf sie zustürmten. Polizisten wie Studenten stürzten zu Boden. Es kam zu Rempeleien, zu unbeholfenen Ringkämpfen. Als die Polizisten sich wieder gesammelt hatten, regnete es schwarze Gummiknüppel auf die Demonstranten herab, auf Köpfe, Arme, Beine. Die Studenten zogen sich zurück, die Polizisten rannten hinter ihnen her, kreisten sie ein und schlugen weiter zu, ließen einer lang angestauten Wut freien Lauf. Zwei Wasserwerfer fegten unschlüssig Herumstehende von der Straße, als wären sie Unrat, der im Rinnstein weggespült werden musste. Transparente und Plakate mit den Köpfen von Karl Marx, Che Guevara, Rosa Luxemburg wurden konfisziert. Heller fragte sich wie viele andere in der Stadt auch, ob die Studenten wirklich ernsthaft so etwas wie die DDR wollten. Wo Leute, die versuchten, das Land zu verlassen, an der Mauer erschossen wurden.

Als sich die Demonstration nach einer Stunde aufgelöst hatte, wurde er, gerade in der Keithstraße angekommen, von seinem Vorgesetzten Kriminaloberkommissar Karl Holzinger gleich wieder zu einem Einsatz geschickt.

»Todesfall. Frauenleiche am Strandbad Wannsee. Doll ist schon unterwegs. Wo haben Sie überhaupt gesteckt?«

Heller antwortete nicht, weil Holzinger auch keine Antwort erwartete.

Über die Avus erreichte er eine halbe Stunde später den Eingang zum Strandbad Wannsee.Zwei Funkstreifen mit ihren blauen VW-Käfern und ein VW-Bus der Spurensicherung waren bereits vor Ort. Heller zeigte dem jungen Streifenpolizisten vor dem Eingangsgebäude des Strandbads seine Dienstmarke. Der Kollege grüßte leutselig.

»Haben Sie Gummistiefel dabei?«, fragte er und deutete auf Hellers Lederschuhe. »Da unten ist alles nass.«

In den letzten Tagen hatte es geregnet wie schon seit Jahren nicht mehr. Als wollte der Wettergott all die Schuld und die Wut von der Stadt abwaschen.

Heller passierte den Eingang, stieg auf der Seeseite die Treppen hinab und lief zum Ufer. Etwa zwanzig Meter entfernt dümpelte ein Schiff der Wasserschutzpolizei mit laufendem Motor. Ein Schupo, ein Beamter der Kripo, Oskar Schubert von der Spusi und sein junger Assistent standen um eine Frauenleiche. Hellers Kollege Albert Doll grinste.

»Na, Heller, auch schon da?«, spottete er. Sein Gesicht war schief, als hätte sein Schöpfer sich einen Spaß machen wollen und zwei unpassende Hälften zusammengesetzt.

Die Tote trug ein schwarzes, knielanges Kleid mit schmalen Trägern. Es sah so ähnlich aus wie das von Audrey Hepburn in Frühstück bei Tiffany. Vor einiger Zeit hatte Heller den Film zusammen mit Paula in der Filmbühne Wien am Ku’damm gesehen. Die Tote lag auf dem Bauch, Oberkörper und Kopf reichten ins seichte Wasser.

»Haben unsere Freunde mal wieder den Ku’damm stillgelegt?«, fragte Schubert.

»Das sind nicht meine Freunde«, erwiderte Heller.

»Aber du hast Verständnis für die Spinner«, sagte Doll.

Ja, das hatte er. Nicht für den Krawall und die wöchentlichen Demonstrationen, die die Gegend um den Bahnhof Zoo lahmlegten. Aber er konnte verstehen, dass die Studenten wütend waren.

»Wie ist die hierhergekommen?«, fragte Heller in die Runde.

Er sah auf den roten Schuh an ihrem linken Fuß. Bückte sich, löste das Riemchen und nahm ihn hoch. Der rechte Schuh fehlte.

»Schlangenlederimitat«, meinte Doll. »Auf alle Fälle ist sie damit nicht hierher gelaufen.«

»Also angeschwemmt. Was sagen die Nichtschwimmer?«

Heller deutete zu dem Boot der Wasserschutzpolizei.

»Bisher nichts. Die warten auf Anweisungen. Die Havel fließt nach Süden, Richtung Potsdam.«

»Das ist mir schon klar, aber wie ist die Leiche hier an den Strand gekommen? Wieso ist sie nicht weiter abgetrieben?«

»Apropos abgetrieben. Was macht eine Schwangere auf einer Eisscholle?«, fragte Doll.

Heller wandte sich an Schubert. »Selbstmord?«

»Unwahrscheinlich.«

»Abtreiben«, sagte Doll.

Befremdete Blicke trafen ihn.

»Die Schwangere auf der Eisscholle. Was macht sie da. Abtreiben.«

Doll lachte als Einziger. Schubert zeigte auf das rechte Fußgelenk der Leiche. Die Haut war oberhalb der Knöchel abgeschabt, Sehnen und Muskel waren grau gefärbt.

»Siehst du das?«, fragte Schubert. »Da war mal ein Seil dran. Und an dem Seil ein Gewicht. Das hat sich wahrscheinlich gelöst.«

»Das heißt, irgendein Kerl hat versucht, sie da draußen zu entsorgen.« Heller blickte auf den Wannsee hinaus.

»Und keine Ahnung von Knoten gehabt«, sagte Schubert. »Wenn du deine Frau loswerden willst, musst du eben auch wissen, wie man gute Knoten macht. Leichen kommen nach drei bis vier Tagen wieder hoch. Warum ist das so, Berger?«

»Beim Verwesungsprozess bilden sich Gase, die für Auftrieb sorgen«, repetierte der Assistent.

»Richtig. Und jetzt schauen wir mal nach, was Mutter Natur mit unserer Schönheit angestellt hat.« Schubert machte einige Schritte in den Wannsee.

»Umdrehen«, befahl er.

Berger stieg ebenfalls ins Wasser, zu zweit hoben sie die Leiche an den Schultern an, zogen sie an Land und drehten sie auf den Rücken. Heller zuckte kurz zusammen. Der Schupo übergab sich.

Die rechte Hälfte des Gesichts war bis auf die Knochen abgenagt. Würmer krochen in den leeren Augenhöhlen. In der Nase, oder besser dem, was davon noch übrig war, tummelten sich kleine Maden. Unzählige Einstichstellen im Knochen unter dem linken Auge, drei tiefe Wunden am Hals.

Schubert fuhr mit dem Zeigefinger über die Risse im Kleid.

»Ich würde mal sagen, im Oberkörper sind mindestens zwei Dutzend weitere Einstiche.«

Um den Hals trug die Frau eine dünne goldene Kette mit einem Medaillon. Heller ging in die Hocke. Er nahm ein Taschentuch aus dem Mantel, hob das Schmuckstück damit auf und öffnete es mit dem rechten Daumennagel. Zwei Fotos. Ein Mädchen und ein Junge, beide nicht älter als fünf, sechs Jahre. Der Anblick versetzte ihm einen Stich.

»Woher weißt du, dass es ein Mann war?«, fragte Schubert.

Heller sah ihn überrascht an.

»Du hast gesagt, irgendein Kerl hat versucht, sie da draußen zu entsorgen.«

»Glaubst du im Ernst, dass eine Frau so was macht?«

»Frauen sind zu allem fähig«, meinte Doll.

»Ich kenne keine«, sagte Heller.

»Du bist ja auch nicht verheiratet.«

Heller erhob sich. An seinem Mantelsaum klebte Sand. Er wischte ihn, so gut es ging, sauber.

»Wer hat sie gefunden?«

»Ein Spaziergänger«, sagte Doll.

»Geht das auch genauer?«

»Er wartet im Eingangsgebäude.«

»Wann können wir den Bericht haben?«, fragte Heller.

»Wenn Dr. Kemper eine Nachtschicht einlegt, morgen«, sagte Schubert.

Heller und Doll stapften durch den nassen Sand zum Eingang zurück.

Frauen sind zu allem fähig, hatte Doll gesagt. Der Gedanke wollte Heller nicht aus dem Kopf gehen. War das so? Keiner der Frauen, die er kannte, würde er so etwas zutrauen. Aber er hatte natürlich schon von Ilse Koch gehört, bekannt als die Bestie von Buchenwald. Es hieß, sie habe Lampenschirme aus tätowierter Menschenhaut besessen.

»Also für mich sieht die aus wie eine Nutte«, sagte Doll. »Rote Schuhe, das Kleid. Nur das Gesicht ist ein bisschen eklig. Müsste man ein Handtuch drüberlegen.« Er lachte.

Heller ging voran, ohne die Bemerkung zu kommentieren. Er kam mit Doll nicht zurecht. Zu laut, zu ordinär, zu voreilig in seinen Urteilen. Doll blieb ein paar Schritte hinter ihm.

»Jede Wette, dass das eine vom Stutti ist. Vielleicht auch aus der Handjery«, sagte Doll.

Heller blieb stehen, drehte sich zu Doll um.

»Was war das eben?«

Seit Jahren kursierte in der Keithstraße das Gerücht, dass Hellers Mutter eine Prostituierte gewesen sei, die 1948 unter mysteriösen Umständen in der Nähe eines Privatbordells in der Handjerystraße ums Leben gekommen war. Vor allem Doll hatte Spaß daran, immer wieder entsprechende Andeutungen zu machen.

»Noch einmal so eine Bemerkung, und ich schlage dir deine dumme Visage ein. Hast du verstanden?«

Doll grinste angestrengt.

»Ob du das verstanden hast.«

»Ist ja gut. Beruhig dich wieder. War doch nur ein Witz.«

Heller ging weiter.

Als sie das Eingangsgebäude erreichten, blätterte der junge Streifenpolizist in einer Zeitschrift und rauchte.

»Wo ist er?«, fragte Heller.

»Wer?«

»Der Mann, der sie gefunden hat.«

»Auf’m Klo.«

Heller nickte Doll kurz zu, woraufhin der die Treppe hinunter zu den sanitären Anlagen nahm.

»Was rauchen Sie?«

»Roth-Händle.«

»Schmecken die?«

»Besser als die amerikanischen.«

Heller ließ sich eine Zigarette und Feuer geben.

Kurz darauf kam Doll zurück.

»Da ist er nicht, verdammte Scheiße!«, herrschte er den jungen Polizisten an.

»Er hat gesagt, er geht aufs Klo.«

»Dann muss er sich da runtergespült haben.«

»Es gibt unten noch einen zweiten Ausgang«, sagte Heller. »Haben Sie die Personalien aufgenommen?«

»Ich dachte, das machen Sie.«

Heller warf die Zigarette zu Boden und trat sie aus. Sie hatte ihm sowieso nicht geschmeckt. Aber das konnte auch mit dem Anblick der Leiche zu tun haben.

»Wie heißen Sie?«

»Klaus Gerber.«

»Dienstnummer?«

Gerber nannte seine Dienstnummer und das Revier Wannsee, zu dem er gehörte.

»Hören Sie gut zu, Klaus Gerber. Sie suchen den Kerl. Und wenn Sie ihn gefunden haben, bringen Sie ihn in die Keith. Da fragen Sie nach Wolf Heller. Und das Ganze bis morgen. Verstanden?«

Der junge Polizist nickte eingeschüchtert.

Heller ging zurück zu seinem Wagen. Seine Lederschuhe waren durchnässt. Er setzte sich fluchend auf die Motorhaube des Karmann-Ghia, zog Schuhe und Socken aus, klopfte den Sand ab und wrang das Wasser aus den Socken. Dann stieg er ein und fuhr über die Avus zurück in die Keithstraße.

Unterwegs bekam er die Bilder der toten Frau nicht aus dem Kopf. Wer macht so was? Wer hat so viel Hass in sich, dass er ein Menschenleben derart brutal auslöscht? In den sechsundvierzig Fällen von Mord und Totschlag, die sich im laufenden Jahr ereignet hatten, waren vierundvierzig von Männern begangen worden und zwei von Frauen. Wer genau hinsah und zuhörte, wusste, dass die Frauen in Notwehr gehandelt hatten. Wie die Unternehmergattin. Die Männer hatten aus allen anderen möglichen Gründen gemordet.

Der Berliner Winter, der in manchen Jahren von Oktober bis April dauerte, kündigte sich mit einem heftigen Sturm an. Der Karmann wurde in der Höhe der Avus-Zuschauertribüne kräftig durchgeschüttelt. Als kleiner Junge war er ab und zu mit seinem Vater hier gewesen und hatte den Rennfahrern zugeschaut, die ihre Wagen durch die steile Nordkurve heizten. Vor einem Jahr hatte man begonnen, die gefährliche Kurve abzureißen. Im Radio lief Good Vibrations von den Beach Boys. Heller dachte darüber nach, einen Urlaubsantrag zu stellen. Paula hatte von Mallorca geschwärmt. Fliegen war zu teuer, aber vielleicht konnte er mit dem Karmann nach Italien fahren. Nach Rimini, wo es warm war. Und die Menschen freundlich.

Er zeigte dem Pförtner in der Keithstraße seine Marke. Der nickte und wunderte sich, dass Heller barfuß war. Handwerker reparierten im Treppenhaus eine Lichtleitung. Sie hatten ein Gerüst so umständlich aufgebaut, dass man kaum vorbeikam.

Ohnehin war andauernd irgendetwas kaputt. Heizung, Telefone, Fenster. Berlin war notorisch pleite, und die Polizei musste es ausbaden. Sie fuhren Sonderschichten und hatten Überstunden zuhauf. Natürlich ohne Bezahlung. Es gab noch nicht mal eine Kantine, worüber sich der Leiter der Keithstraße, Kriminalrat Anton Lieblich, regelmäßig beschwerte. Und egal, wer gerade Innensenator war, immer wurde hoch und heilig versprochen, dass sich etwas ändern würde, aber es änderte sich nie etwas.

In seinem Büro im zweiten Stock angekommen, stellte er die durchnässten Schuhe auf den Heizkörper. Nahm eine Tasse kalten Kaffee. Dann diktierte er der Schreibkraft Frau Grimm ein kurzes Protokoll in die Maschine, bevor er sich früher als gewöhnlich in nassen Schuhen und ohne Socken auf den Heimweg machte. Er hatte noch etwas Wichtiges zu erledigen.

Seine Vermieterin Paula hatte vierunddreißigsten Geburtstag, und Heller wollte ihr ein ganz besonderes Geschenk machen. Einen Schwarz-Weiß-Fernseher. Seit es Farbfernsehen gab, waren die alten Geräte gebraucht günstig zu haben. Dreihundertfünfzig D-Mark verlangte der Händler am Moritzplatz für ein Modell der Marke Körting. Heller drückte ihm zweihundert in die Hand. Einpacken ging nicht, aber wenigstens eine rote Schleife sollte es sein.

Heller parkte in der Luckauer Straße. Auf dem Bürgersteig hielten türkische Frauen mit schweren Einkaufstaschen ein Schwätzchen. Zwei Männer taumelten aus der Bierklause. Heller hob den Fernseher vom Beifahrersitz und schleppte ihn hundert Meter weit bis zur Sebastianstraße 85. Seit die Mauer gebaut worden war, bestand die Straße nur noch aus einem Bürgersteig. Hier war die Welt zu Ende. Wie immer um diese Jahreszeit zog aus dem Osten ein schwefeliger Gestank herüber, der sich als feiner Staub auf die Hauswände setzte. Irgendwann würden die Fassaden schwarz sein. Paulas Kinder Astrid und Jochen spielten auf dem Bürgersteig Hüpfkästchen. Heller rief nach den Zwillingen und ließ sich von ihnen die Haustür öffnen.

»Das ist ein richtiger Fernseher!«, staunte Astrid.

»Ist der für uns?«, fragte Jochen.

»Für eure Mama.«

»Dürfen wir auch gucken?«, wollte Astrid wissen.

»Müsst ihr sie fragen.«

Die Vierzimmerwohnung befand sich im dritten Stock. Wohnzimmer, Paulas Schlafzimmer, Kinderzimmer und Hellers Zimmer. Bis auf das Schlafzimmer waren alle Räume nach Nordosten ausgerichtet mit Blick über die Mauer auf trostlose, leere Häuser mit zugemauerten Fensteröffnungen.

Paula war noch nicht zuhause. Ihre Arbeitszeiten in der Kantine bei Siemens waren unregelmäßig, weil hin und wieder die Chefetage bei wichtigen Sitzungen bedient werden musste. Manchmal kam sie erst nach zehn Uhr heim. Sie hatte Heller erzählt, dass sie eigentlich eine Lehre als Automechaniker hatte machen wollen. Aber zuerst fand sie keinen Betrieb, der sie einstellen wollte. Und als sie einen gefunden hatte, war sie von einem amerikanischen Offizier schwanger geworden. Sie hatten nicht geheiratet. Er hatte sie verlassen, noch bevor sie danach fragen konnte.

Viel mehr wusste Heller nicht von ihrem Leben. In der Miete, die er ihr für das Zimmer zahlte, waren Wäsche, Frühstück und Benutzung der Küche und des Badezimmers enthalten. Nur sein eigenes Zimmer musste er selbst sauber halten. Paula wollte keine Dinge darin finden, die sie nicht finden sollte. Was das sein konnte, hatte sie ihm nicht gesagt.

Zusammen mit den Kindern bereitete Heller das Abendbrot vor. Dann aßen sie, starrten auf das Tuch, unter dem sich der Fernseher verbarg, und warteten. Die Kinder hatten Bilder gemalt, und das Blumengeschäft in der Luckauer hatte einen Strauß Nelken gestiftet. Sogar eine Flasche Henkell Trocken stand im Kühlschrank bereit. Kurz nach sechs wurde die Wohnungstür geöffnet. Paula war beinahe pünktlich. Die Kinder sprangen von den Stühlen auf, versteckten sich unter dem Tisch.

»Du musst dich auch verstecken«, raunte Astrid Heller zu.

»Hinter der Tür!«, flüsterte Jochen aufgeregt.

Heller stellte sich hinter die Tür und wartete.

Als Paula in die Küche kam, hielt sie einen Apfelkuchen von der Konditorei Seifert in der Urbanstraße in den Händen.

»Komisch, ich hab doch heute Geburtstag, und niemand ist da?«, wunderte sie sich gespielt. »Haben die kleinen Satansbraten mich etwa vergessen?«

»Ja«, meldete sich eine dünne Stimme unter dem Tisch.

»Wusste ich’s doch. Na, dann gehe ich jetzt einfach aus, mach mir einen schönen Abend und esse den Geburtstagskuchen alleine.«

Sie tat so, als wollte sie die Küche verlassen.

»Nein, nicht weggehen«, rief Jochen. Er und seine Schwester stürmten unter dem Tisch hervor und umarmten ihre Mutter. Ein Geburtstagsständchen wurde gesungen, die selbst gemalten Bilder wurden überreicht. Heller gab Paula die Hand und wünschte ihr alles Gute, Glück, Gesundheit und die große Liebe. Die letzten Worte waren ihm so herausgerutscht.

»Schau mal, was wir haben!«, rief Jochen.

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