Die Prüfung - Nancy Mehl - E-Book

Die Prüfung E-Book

Nancy Mehl

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Beschreibung

Als ihre Mutter plötzlich an Krebs erkrankt, stellt sich FBI-Agentin Kaely Quinn der Vergangenheit und macht sich auf den Weg zu ihrer Familie. Doch vor Ort wird sie mit einer Serie von mysteriösen Bränden konfrontiert, die die Kleinstadt seit Wochen in Atem halten. Kaely kommt ein schrecklicher Verdacht. Bald steht sie einem Wahnsinnigen gegenüber, dessen letzte abscheuliche Tat ihr eigener Tod sein soll. Wird sie die Stürme ihres Lebens stillen können, bevor es zu spät ist? Hochspannung, Romantik und überraschende Wendungen sorgen für ein außergewöhnliches Leseerlebnis!

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SCM Hänssler ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe,die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung,die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften,Filme und Musik einsetzt.

ISBN 978- 3-7751-7547-0 (E-Book)ISBN 978-3-7751-6141-1 (lieferbare Buchausgabe)

Datenkonvertierung E-Book: Satz: Satz & Medien Wieser, Aachen

© der deutschen Ausgabe 2022SCM Hänssler in der SCM Verlagsgruppe GmbHMax-Eyth-Straße 41 · 71088 HolzgerlingenInternet: www.scm-haenssler.de; E-Mail: [email protected]

Originally published in English under the title: Fire Stormby Bethany House Publishers,a division of Baker Publishing Group, Grand Rapids, Michigan, 49516, U.S.A.© 2019 by Nancy Mehl.All rights reserved.

Übersetzung: Heide MüllerLektorat: Esther Middeler - www.middeler.comUmschlaggestaltung: Oliver Berlin, www.oliverberlin.bizTitelbild: AdobeStockAutorenfoto: © 2020 Ginger-Murray-PhotographySatz: Satz & Medien Wieser, Aachen

Meinem Bruder Danny.Als Kind war ich dir meistens einen Schritt voraus,doch diesmal bist du mir vorausgegangen.Ich liebe dich so sehr.Bis bald.

Inhalt

Über die Autorin

Prolog

1

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Dank

Leseempfehlungen

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

Über die Autorin

NANCY MEHL ist Autorin von über 45 Büchern, für die sie es ins Finale des begehrten »Christy Awards« schaffte. Ihre Krimis bestechen durch eine optimale Mischung aus Spannung und Romantik. Sie lebt mit ihrem Mann Norman und ihrem Hund Watson in Missouri.

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

Prolog

Er wartet im Schatten der hohen, mächtigen Bäume, die die Straße säumen. Nur er weiß, dass die Hölle gerade ihre Pforten geöffnet hat. Noch stehen die Häuser da wie unzerstörbare Denkmäler. Die Familien, die friedlich darin schlafen, ahnen nicht, dass ihnen ein Tag bevorsteht, wie sie ihn noch nie erlebt haben. Ein Tag, der sich für den Rest ihres Lebens unauslöschlich in ihr Gedächtnis einbrennen wird.

Zuerst kommt der Rauch. Sein tödlicher Gestank überlagert den Duft der Blumen in den Gärten rings herum. Eine dicke schwarze Wolke steigt in die Morgenluft.

Dann plötzlich ein Fauchen, das die Luft der ganzen Welt zu verzehren scheint. Wie ein stiller Sturm. Flammenfinger greifen um sich in zerstörerischer Gier.

Die schlafenden Bewohner des Viertels erwachen allmählich. Menschen laufen hinaus auf die Straße und starren fassungslos auf das Ungeheuerliche, das sich ein paar Häuser weiter abspielt, entsetzt über das, was sie sehen, und im Stillen dankbar, dass es nicht sie selbst getroffen hat.

Das Heulen der Löschfahrzeuge durchbricht die morgendliche Stille und macht es auch dem Letzten klar: Die vermeintliche Fassade der Sicherheit, in der die Bewohner sich geglaubt haben, ist buchstäblich in Rauch aufgegangen.

Dies ist Gericht. Dies ist Gerechtigkeit.

Ihm fällt ein Vers aus einem alten Kinderbuch ein: »Jack, sei flink und zög’re nicht, Jack, spring übers Kerzenlicht. Jack sprang hoch, doch weh, oh weh! Jack verbrannte sich den Zeh.«

Er lacht und stiehlt sich unbemerkt davon. Alle schauen wie gebannt auf die lodernde Bestie, die das Gebäude in der Harbor Lane Nr. 319 vor ihren Augen verschlingt.

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

1

18 Jahre später

Kaely drehte in ihrem SUV, den sie sich kürzlich gekauft hatte, die Heizung auf. Die meiste Zeit nutzte sie Dienstwagen. Ein eigenes Auto zu haben, gab ihr ein Gefühl der Kontrolle und der Unabhängigkeit.

Sie schaute auf ihr Navi. Es war auf Darkwater in Nebraska eingestellt, eine kleine, unscheinbare Provinzstadt im Mittleren Westen.

Kaely hatte gar nicht vorgehabt, ihre Mutter zu besuchen, aber ein Anruf von ihrem Bruder Jason hatte alles verändert. »Jessie« – er hatte sie mit ihrem früheren Vornamen angesprochen, »Mom ist krank. Schwer krank. Die Ärzte dachten, sie hätten den Krebs im Griff, aber er hat sich offenbar doch ausgebreitet. Sie ist im 3. Stadium. Jetzt nimmt sie an einer Studie teil, aber sicher ist es nicht, dass die neue Behandlung anschlägt. Ich denke, du solltest kommen, bevor … Na ja, komm einfach, Schwesterherz. Bitte.«

Es wurmte Kaely, dass sie erst in einem so späten Stadium von der Krankheit ihrer Mutter erfahren hatte, aber so lief die Kommunikation mit Marcie schon seit Jahren. Als damals ans Licht kam, dass Kaelys Vater der berüchtigte »Lumpenmann« war – der Serienmörder, der in der Stadt Des Moines Furcht und Schrecken verbreitet hatte –, zerbrach die Beziehung zwischen Marcie und ihren Kindern. Sie hatte sich zwar noch um ihre leiblichen Bedürfnisse gekümmert, emotional aber völlig abgeschottet. Es hatte so gewirkt, als würde sie, wann immer sie Kaely und Jason anschaute, in ihnen ihren verhassten Ehemann sehen.

Nachdem ihr Leben völlig aus den Fugen geraten war, zog Kaelys Mutter mit ihr und ihrem Bruder nach Lincoln in Nebraska. Alle Freunde in Des Moines hatten sich von ihnen abgewandt und es war offensichtlich, dass niemand sie mehr in der Stadt haben wollte. Wenn die Familie des Monsters wegzog, würde hoffentlich mit der Zeit der Ruch des Bösen verschwinden.

Als Kaely und Jason schon einige Jahre aus dem Haus waren, heiratete ihre Mutter wieder und siedelte nach Grand Island um. Es schien, als habe das Leben ihr eine zweite Chance gegeben. Dann zerbrach auch ihre zweite Ehe. Sechs Monate war das nun her. Marcie hatte sofort ihre Sachen gepackt und war nach Darkwater gezogen. Kaely kannte die Gründe nicht, aber sie hatte den leisen Verdacht, dass ihre Mutter einfach verschwinden wollte. Und hierfür schien es keinen geeigneteren Ort zu geben als Darkwater.

Kaely rief Marcie zwar gelegentlich an, ihre Telefonate waren aber immer seltener geworden. Was die Situation noch komplizierter machte, waren Marcies Vorbehalte gegenüber der Tätigkeit ihrer Tochter beim FBI, wo Kaely daran arbeitete, Leute wie ihren Vater hinter Schloss und Riegel zu bringen. Kaely konnte ihrer Mutter diese Gefühle nicht übel nehmen. Sie hatte einen psychopathischen Serienmörder hautnah erlebt. Das reichte einem Menschen auf Lebenszeit.

Kaely hatte sich zwei Wochen freigenommen. Am Samstag hatte sie gepackt, am Sonntag war sie aufgebrochen und am Montag nun fast am Ziel. So richtig wusste sie immer noch nicht, was sie eigentlich für ihre Mutter tun konnte. »Zeig ihr einfach, dass dir etwas an ihr liegt«, hatte Jason ihr geraten. »Mom bedauert vieles. Wenn sich ihr Zustand nicht bessert … Ich meine, bist du denn glücklich mit der jetzigen Situation?«

Natürlich nicht. Kaely wusste, dass sie versuchen musste, die Beziehung mit ihrer Mutter zu bereinigen. Dass sie Gott eine Chance geben musste, zu heilen, was zerbrochen war.

Sie freute sich darauf, Jason wiederzusehen. Er besaß eine florierende Oldtimer-Karosseriewerkstatt in Colorado. Im Moment hatte er sie in die Hände seiner Mitarbeiter gelegt und war nach Darkwater gereist, um sich um seine Mutter zu kümmern. Dafür hatte er sogar seine Hochzeit verschoben. Alles hatte er aufgegeben, um seiner Mutter während ihrer Krankheit beizustehen. Kaely hätte ihm seine Bitte unmöglich abschlagen können. Und jetzt war sie hier, fuhr durch Nebraska und versuchte, Darkwater zu finden.

»Lass dich nicht von ihr manipulieren. Das wird sie bestimmt versuchen.«

Kaely seufzte über Georgies Ermahnung. »Vielleicht hat sie sich ja verändert.« Sie warf einen flüchtigen Seitenblick auf ihre Freundin, die sie so unverwandt anstarrte, dass es Kaely fast unangenehm war.

»Wenn sie sich geändert hätte, hätte sie dich selber angerufen und dir von ihrer Krankheit erzählt, anstatt es Jason zu überlassen«, wandte Georgie ein.

»Ich glaube, ich fahre schon mit der richtigen Einstellung hin. Meine Erwartungen sind … nicht hoch. Aber Gott kann in Ordnung bringen, was Menschen nicht schaffen. Ich kann doch schließlich die Tür nicht ganz und gar zuschlagen.« Sie hob eine Augenbraue und sah Georgie an.

Die lächelte und schüttelte ihren braunen Lockenschopf. »Willst du behaupten, du hättest die Hoffnung noch nicht aufgegeben?« Georgie seufzte. »Sei bloß vorsichtig. Ich will nur nicht, dass du wieder verletzt wirst.«

Kaely lachte leise. »Du meinst, ich will nicht, dass ich dabei verletzt werde.«

»Na ja, ich bin schließlich du, oder?«

»Du tauchst immer einfach so aus heiterem Himmel auf. Eigentlich solltest du doch nur kommen, wenn ich dich rufe.«

»Und doch bin ich jetzt hier.«

»Und doch bist du hier …«, wiederholte Kaely langsam.

Die echte Georgie war in der Unterstufe ihre beste Freundin gewesen – bis Kaelys Vater verhaftet wurde und Georgies Eltern die Freundschaft unterbanden. Kaely hatte damals furchtbar unter dem Verlust gelitten. Die jetzige Version von Georgie hatte sich Kaely vor ein paar Jahren ausgedacht. Sie hatte einfach jemanden gebraucht, mit dem sie über Gefühle reden konnte, die sie niemand anderem anvertrauen wollte. Jetzt war Georgie eine Hilfe, um ihren Gefühlen etwas gesunden Menschenverstand entgegenzusetzen. Vielleicht war sie tatsächlich zu einer Krücke geworden, aber Kaely konnte sie noch nicht loslassen.

»Du willst also nicht, dass ich gehe«, stellte Georgie sachlich fest.

»Nein. Ich will nur nicht … Na ja, es wäre mir lieber, wenn du nicht einfach von selber aufkreuzen würdest. Ich fühle mich« – Kaely holte tief Luft – »ich fühle mich, als würde ich die Kontrolle verlieren.«

Georgie sagte einen Moment lang nichts. »Du bist einfach noch nicht so richtig über das weggekommen, was in St. Louis passiert ist.«

»Darüber will ich nicht sprechen«, herrschte Kaely sie an.

»Das ist jetzt drei Monate her. Irgendwann musst du dich damit auseinandersetzen. Und das weißt du auch. Wenn du es nicht wüsstest, würde ich dich nicht warnen.«

Kaely wedelte mit ihrer freien Hand in Georgies Richtung. »Jetzt geh endlich. Sofort!« Als sie auf den Beifahrersitz blickte, war er leer.

Kaely konnte nicht gleichzeitig über die Geschehnisse in St. Louis und über ihre Mutter nachdenken. Wenn sie wieder zu Hause und dazu bereit war, würde sie versuchen, sich einen Reim darauf zu machen. Ihr Chef, Special Agent in Charge Solomon Slattery, hatte auf regelmäßige Gespräche mit einem Therapeuten gedrungen, dessen Dienste das FBI von Zeit zu Zeit in Anspruch nahm. Kaely hatte tatsächlich versucht, sich ihm gegenüber zu öffnen. Aber es ging einfach nicht. Sie hatte ihre Situation immer wieder vor Gott ausgebreitet und ihn um seine Hilfe gebeten. Bisher hatte sie noch keine Antwort bekommen, aber sie vertraute darauf, dass Gott sie hörte. Dass er für sie da war. Er hatte sie schon von vielem geheilt. Doch leider lag noch ein langer Weg vor ihr.

Kaely fiel es schwer, irgendjemandem zu vertrauen. Der Verrat ihres Vaters verfolgte sie immer noch. Bevor sie seinen Schatten nicht abgeschüttelt hatte, konnte sie niemanden zu nah an sich heranlassen. Deshalb hatte sie Männer bisher auf Abstand gehalten. Mit Recht, wie die Vergangenheit gezeigt hatte.

Noah Hunter, ein Agent, mit dem sie schon ein paarmal zusammengearbeitet hatte, kam ihr verlässlich vor. Doch sie vertraute ihm noch nicht so rückhaltlos, dass sie ihm die Sache mit Georgie – oder so manches mehr – erzählen würde. Kaely hatte zwar das Gefühl, dass sich ihre Freundschaft irgendwann festigen würde. Aber im Moment war es in Ordnung so, wie es war.

Sie lächelte in sich hinein, als ihr einfiel, dass es noch jemand anderen gab, mit dem sie reden konnte. Ein lebendiges Wesen. Natürlich gab er nicht wirklich Antwort, zumindest nicht so, dass sie es immer verstehen konnte.

Vor einem Monat hatte sie sich eine Katze zugelegt, einen großen Maine-Coon-Kater, den sie Mr Hoover genannt hatte. Bevor sie ihn aus dem Tierheim holte, hatte sie einige Monate lang so getan, als habe sie eine Katze, nur um sich selbst zu beweisen, dass sie tatsächlich für ein lebendiges Wesen sorgen konnte. Erst als sie sich sicher genug war, dass ein Haustier bei ihr überleben könnte, zog Mr Hoover bei ihr ein. Der Kater, der früher Samson hieß, war bei einem Umzug von seinen Besitzern einfach in der Wohnung zurückgelassen worden. Kaely hatte die Wut gepackt, als sie davon erfahren hatte.

Anfangs war Mr Hoover misstrauisch und ängstlich gewesen. Aber schließlich gewöhnte er sich ein. Schon eine Woche nachdem er bei Kaely eingezogen war, fing er an, in der Nacht auf ihr Bett zu springen und sich an ihrer Seite zusammenzurollen. Als sie ihn nachts das erste Mal schnurren hörte, stieß sie einen Freudenschrei aus.

Dann kam der Anruf von Jason. Kaely hatte nicht erwartet, Mr Hoover so früh schon wieder zurücklassen zu müssen. Im Moment reiste sie wenig, aber irgendwann konnte sich das ändern, da sie davon träumte, als Verhaltensanalytikerin nach Quantico zurückzugehen. Sollte es tatsächlich dazu kommen, müsste sie reisen, wenn die Abteilung für Verhaltensanalyse zu einem Fall hinzugezogen wurde. Dann würde sie Tagespauschalen für ein Hotelzimmer oder Apartment bekommen und könnte Mr Hoover mitnehmen. Wenn sie sich nicht sicher gewesen wäre, auch im Falle eines Umzugs nach Virginia für ihn sorgen zu können, hätte sie sich ihn nicht angeschafft. Noch einmal sollte Mr Hoover nicht verlassen werden.

Dankenswerterweise hatte sich die Frau ihres Chefs angeboten, für den Kater zu sorgen, solange Kaely verreist war. Bei Solomon und Joyce hatte sie ein gutes Gefühl. Sicher würden sie sich rührend um Mr Hoover kümmern. Aber Kaely hatte den Blick in seinem Katzengesicht kaum ertragen können, als sie sich von den Slatterys verabschiedete. Fragte er sich vielleicht, ob sie wirklich zu ihm zurückkäme? Der bloße Gedanke trieb ihr die Tränen in die Augen.

Kaely vertraute Solomon wohl mehr als irgendjemand anderem. Er hatte sie von Anfang an unterstützt. Als Quantico ihr nahegelegt hatte zu gehen, nachdem die Wahrheit über ihren Vater ans Licht gekommen war, hatte Solomon sie bereitwillig in St. Louis aufgenommen. Er wusste von Kaelys besonderer Methode, Profile zu erstellen, und akzeptierte diese Eigenheit nicht nur, sondern äußerte sich sogar anerkennend und wertschätzend darüber.

Kaely warf noch einmal einen Blick auf ihr Navi. Noch etwa 5 km, dann musste sie von der Autobahn abfahren. Sie schaute auf die Uhr auf dem Armaturenbrett. Kurz nach 16 Uhr. Vielleicht konnte sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder zu Abend essen und erst danach die B&B-Unterkunft beziehen, die sie gebucht hatte. Gestern hatte sie zehn Stunden im Auto verbracht. Heute war sie zwar erst um 10 Uhr aufgebrochen, saß aber schon fast fünf Stunden am Steuer. Immer wieder fand sie einen Vorwand, um auf dem Weg Rast zu machen. Vermutlich, weil sie es gar nicht so eilig hatte, nach Darkwater zu kommen. Der Gedanke, ihrer Mutter zu begegnen, schlug ihr auf den Magen. Hier war sie, eine begabte Verhaltensanalytikerin des FBI, dazu ausgebildet, die verdorbensten Kreaturen auf diesem Planeten zur Strecke zu bringen. Und ausgerechnet sie hatte Angst, ihrer Mutter entgegenzutreten. Sie seufzte und fasste das Lenkrad fester.

»Du musst wirklich vorsichtig sein«, flüsterte Georgie, diesmal von der Rücksitzbank aus. »Du könntest wieder in eine Falle gehen. So wie in St. Louis.«

»Still!«, erwiderte Kaely scharf. »Jetzt aber wirklich.«

Das Letzte, was sie jetzt brauchte, war noch mehr Druck. Diese Reise war schon stressig genug.

Sie nahm die Ausfahrt nach Darkwater. Kurz danach sah sie an der Straße eine Tankstelle. Sie hatte zwar noch den halben Tank voll, hielt aber trotzdem an. Besser hier tanken. Man konnte nicht wissen, ob sich in der kleinen Stadt die Gelegenheit dazu bot. Obwohl – bei über siebentausend Einwohnern sollte es eigentlich eine Tankstelle geben. Kopfschüttelnd stieg Kaely aus. Es war eindeutig Verzögerungstaktik.

Sie tankte voll und ging hinein, um einen Schokoriegel zu kaufen. Schließlich nahm sie gleich mehrere PayDays, ihre Lieblingsriegel. Kaely hatte schon bezahlt und sich zum Gehen umgewandt, als ihr Blick an einem Stapel Zeitungen auf der Theke hängen blieb. Sie suchte den Blick der Kassiererin und zeigte darauf.

»Wie viel?«, fragte sie.

»Die sind umsonst«, entgegnete die Kassiererin achselzuckend.

Kaely bedankte sich und schnappte sich eine Zeitung. The Darkwater Digest. Kreativ. Sie ging zurück zu ihrem SUV und warf sie auf den Beifahrersitz. Nach ein paar Schluck Kaffee aus ihrer Thermoskanne öffnete sie einen Schokoriegel. Die Temperaturen in Nebraska waren Anfang Februar tiefer als üblich gefallen und in der Wettervorhersage war Schnee gemeldet worden. Kaely war daher gerüstet. Ihr Auto hatte gute Winterreifen. Schließlich hatte sie nicht die Absicht, in Darkwater, Nebraska, stecken zu bleiben. Notfalls würden sie auch 25 cm Neuschnee nicht davon abhalten, nach Hause zu fahren.

Während sie genüsslich ihren Schokoriegel verzehrte, beschloss sie, einen Blick in den Digest zu werfen. Vielleicht konnte sie so etwas über die Stadt erfahren, in die ihre Mutter sich zurückgezogen hatte. Auf der Titelseite wurde groß über mehrere Brände in Wohnhäusern berichtet. Der Brandmeister wetterte gegen den Einsatz von elektrischen Heizgeräten bei großer Kälte. »Bei vielen handelt es sich um Billigprodukte«, hatte er gegenüber dem Reporter des Digest geäußert. »Die Leute meinen, sie könnten sparen, wenn sie nachts die Heizung ausschalten und einen Heizlüfter oder Heizstrahler laufen lassen. Aber dafür ihr Haus, ihre ganze Habe und vielleicht sogar ihr Leben aufs Spiel zu setzen, ist ein hoher Preis.«

»Junge, Junge, der Typ lässt echt kein gutes Haar an diesen Geräten«, murmelte Kaely.

Der Brandmeister fügte hinzu, die Feuerwehr würde eine Info-Veranstaltung über die sichere Verwendung von elektrischen Heizgeräten anbieten, und empfahl der Bevölkerung dringend die Teilnahme.

Zugegeben, Kaely war beeindruckt. Der Schutz der Einwohner schien ihm sehr am Herzen zu liegen. Sie biss noch einmal in ihren Schokoriegel und sah sich mit zusammengekniffenen Augen das verpixelte Foto des Brandmeisters näher an. Er sah sympathisch aus, wirkte aber angespannt.

Auch der zuständige Sheriff wurde zitiert. Sein Bild war ein wenig schärfer. Ein gut aussehender Mann mit blondem Haar, der ebenfalls an die Bevölkerung appellierte, bei Kälte Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Am Ende des Artikels wurde erwähnt, dass Sheriff Brotton im November eine Wahl verloren hatte. Offenbar war er nur noch kommissarisch im Amt. Sein gewählter Nachfolger konnte wegen eines Krankheitsfalls in der Familie seinen Posten erst im März antreten.

Kaely blätterte um und fand eine Liste mit den jüngsten Bränden in Darkwater. In den letzten zwei Monaten hatte es dreimal gebrannt und sogar ein Todesopfer gegeben. Eine ältere Frau, die bei ihrer Familie lebte, war an einer Rauchvergiftung gestorben. Drei Brände innerhalb von zwei Monaten in einer so kleinen Stadt, das ist schon ungewöhnlich, dachte Kaely. In einer ziemlich groben Skizze waren die Brandherde eingezeichnet. Darunter stand, wo die Frau umgekommen war.

Beim Blick auf die Karte holte Kaely tief Luft. Sie betrachtete die Zeichnung noch einmal, um sicherzugehen, dass ihr erster Eindruck sie nicht getrogen hatte. Nein. Ein zweiter Blick bestätigte ihren Verdacht. Die Stellen, an denen die Brände ausgebrochen waren, gefielen ihr nicht. Nach allem, was sie in ihrer Ausbildung gelernt hatte, bezweifelte sie, dass diese Häufung Zufall war. Trieb in Darkwater vielleicht ein Brandstifter sein Unwesen?

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

2

Die Stadt Darkwater schien eine Oase für die Mittelschicht zu sein. Saubere, ordentliche, gepflegte Gebäude und Geschäfte ohne großen Schnickschnack. Die Reichen residierten in ihren Villen am Stadtrand, während der Rest der Bevölkerung in kleinen Häusern lebte, in deren winzigen eingezäunten Vorgärten Kinder und Hunde gefahrlos herumtollen konnten.

Kaely brauchte nicht lange, um das Haus ihrer Mutter zu finden – es stand in einer Reihe ganz ähnlicher, unspektakulärer Einfamilienhäuser mit Klinkerfassade. Wie mochte wohl das vorige Haus ausgesehen haben, in dem ihre Mutter gelebt hatte, bevor ihr Ehemann sie verließ?

Kaely wusste nicht viel über ihn. Ihre Mutter hatte ihn nur einmal erwähnt, kurz nach der Hochzeit. Rod sei genau das Gegenteil ihres ersten Mannes. Sie war überzeugt gewesen, dass seine Güte und Liebe sie geheilt hätten. Bis auch diese Ehe zerbrach.

Jason versuchte es so gut wie möglich zu erklären, aber in seinen Worten klang auch immer etwas von Marcies Verbitterung durch. Schwer zu sagen, wo die ganze Wahrheit lag. Marcie sagte, Rod habe sie wegen ihrer Krankheit verlassen. Seine erste Frau war bereits an Krebs gestorben und Rod meinte wohl, so etwas nicht noch einmal durchmachen zu können. Wenn das stimmte, dann war Rods Eheversprechen, seiner Frau in guten wie in bösen Tagen treu zu sein, von Anfang an nicht bedingungslos gewesen. Sollte seine Frau tatsächlich krank werden, wäre das Spiel aus. So ein Idiot!

Seit der Verhaftung ihres ersten Mannes hatte Kaelys Mutter eine extrem negative Einstellung gegenüber allem und jedem entwickelt. Ihre Wut schlug sich in unterschiedlichsten körperlichen Beschwerden nieder. Kaely wusste, dass dahinter ein einziger stummer Schrei nach Aufmerksamkeit steckte. Aber nun, da ihre Mutter schwer krank war, fragte sich Kaely, wie sich diese Krankheit auf ihre Persönlichkeit auswirken mochte. Was immer Marcie bevorstand, Kaely hoffte, dass sie dafür bereit war. So entschlossen Kaely auch war, ihrer Mutter Mitgefühl entgegenzubringen – ein Teil von ihr wollte doch am liebsten noch in der Einfahrt kehrtmachen und auf dem schnellsten Weg zurück nach St. Louis fahren, noch bevor irgendjemand ihre Ankunft bemerkt hätte. Sie spürte förmlich den Adrenalinstoß, der einen Fluchtreflex in Gang zu setzen drohte. Da ging die Haustür auf und Jason trat auf die Veranda. Nun hatte sie keine Wahl mehr. Als er ihr lächelnd zuwinkte, war ihr die kurzzeitige Panik peinlich.

Sie griff nach ihrer Handtasche und stieg aus. »Hey, Bruderherz!«

Aufgeregt wie ein kleiner Junge kam Jason die Stufen heruntergesprungen. Kaely wunderte sich wieder einmal, wie ähnlich sie sich sahen. Sein Haar war zwar deutlich heller als ihre kastanienbraunen Locken, aber sie hatten beide die gleichen dunklen Augen. Angesichts der Tatsache, dass er damals, als er von zu Hause auszog, nichts mehr mit seiner Familie zu tun haben wollte, war in den letzten paar Monaten eine ganz erstaunliche Veränderung in ihm vorgegangen. Das erklärte sich Kaely vor allem mit seinem neu entdeckten Glauben.

Er trat auf sie zu und umarmte sie. »Ich bin so froh, dass du gekommen bist. Ich hab dich richtig vermisst.«

Die Zeit, die sie zusammen in St. Louis verbracht hatten, war zwar kurz gewesen, aber Kaely hatte sie wirklich genossen. Sie musste zugeben, dass auch sie ihn vermisst hatte.

»Ich dich auch.« Sie merkte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Verlegen blinzelte sie sie weg.

»Ach, Schwesterherz. Nicht emotional werden, sonst fang ich auch noch an.« Er ließ sie los und trat einen Schritt zurück. »Wo ist denn dein Gepäck?«

»Ich … ich bleibe nicht hier, Jason. Ich hab ein B&B-Zimmer ein paar Kilometer weiter.«

Jason verschränkte die Arme über der Brust. Eine Verteidigungsgeste. »Tut mir leid, aber ich dachte, ich hätte mich deutlich genug ausgedrückt. Mom kann nicht mehr alleine sein. Ich bin schon seit über einem Monat hier. Aber jetzt brauche ich eine Pause und hatte gehofft, du könntest mich für eine Weile ablösen. Ich will ein bisschen Zeit für mich. Ganz ehrlich, ich bin fix und fertig.«

Kaely holte Luft und musste husten bei der Kälte. Nur mit Mühe fand sie ihre Sprache wieder. »Du hast nicht gesagt, dass ich bei Marcie einziehen soll. Das kann ich nicht. Es geht einfach nicht.« Da fiel ihr noch etwas anderes ein. »Außerdem habe ich für die ersten Nächte schon bezahlt. Zum Stornieren ist es zu spät, Jason.« Das würde er doch sicher verstehen. Aber sobald sie es gesagt hatte, wurde ihr bewusst, was für eine faule Ausrede das war. Wenn Jason tatsächlich eine Auszeit brauchte, musste Kaely ihm helfen. Marcie war schließlich auch ihre Mutter. Nicht nur seine. »Kann ich nicht tagsüber bei ihr bleiben, ihr helfen, sich für die Nacht fertigzumachen, und dann zum B&B fahren?«

»Nein, Jessie. Mom ist richtig schwach. Sie kann nachts nicht einmal alleine aufs Klo gehen.«

»Marcies Krankenversicherung würde doch sicher häusliche Pflege übernehmen. Wenn nicht, kann ich finanziell einspringen.«

Jason gab keine Antwort. Er starrte nur auf den Boden.

»Sie lässt also niemanden ins Haus, den sie nicht kennt«, stellte Kaely sachlich fest. Sie hatte es einfach vergessen. So war Marcie. Seit Des Moines ließ sie keine Fremden mehr in ihre Wohnung. »Wenn wir Hilfe brauchen, Jason, dann finden wir auch einen Weg. Wir können nicht immer nach ihrer Pfeife tanzen. Es geht hier nicht nur um sie. Vielleicht müssen wir uns über ihre Weigerung hinwegsetzen.«

»Du magst recht haben, aber jetzt ist nicht die richtige Zeit, ihr das klarzumachen, Jessie.«

»Na gut, aber irgendwann müssen wir das Thema auf den Tisch bringen.« Kaely blieb anscheinend nichts anderes übrig, als den Wünschen ihrer Mutter nachzugeben. Du gewinnst wieder, Marcie. Wie so oft.

»Okay, hör zu. Ich mach dir einen Vorschlag. Du hörst auf, mich Jessie zu nennen und ich bleib bei Marcie.«

»Sie mag es gar nicht, wenn du sie mit Vornamen ansprichst, das weißt du doch.«

Kaely schüttelte den Kopf. »Sie ist schon seit langer Zeit nicht mehr wirklich meine Mutter. Mir geht es besser, wenn ich ihr auf Augenhöhe begegnen kann. Ich will nicht gemein sein. Es hilft mir nur einfach, mein Gleichgewicht zu wahren.«

»Und was meinst du, wie sie sich dabei fühlt?«

»Ach, hör auf, Jason, sie interessiert sich doch schon seit vielen Jahren nicht mehr für mich. Vielleicht kann ich sie irgendwann mal wieder Mom nennen. Aber so weit bin ich noch nicht.« Kaely versuchte das Thema zu wechseln. »Wann fährst du denn zurück nach Colorado?«

»Keine Ahnung. Mom ist zu krank. Ich kann noch nicht weg.«

»Dann warst du also die ganze Zeit hier?«

»Ja.« Er seufzte und Kaely sah die Müdigkeit in seinem Gesicht. »Schau, ich erwarte ja gar nicht, dass du rund um die Uhr für sie da bist. Ich komme abends und koche was, und wenn du mal eine Nacht frei willst, dann springe ich ein. Aber nicht unbedingt gleich die ersten Tage, okay?«

»Du könntest ja mein B&B-Zimmer nehmen. Auf der Website hat es ganz nett ausgesehen. Es wird dir gefallen.«

Das Lächeln, das über sein Gesicht ging, erinnerte Kaely an einen langsamen Sonnenaufgang.

»Danke. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie verlockend das klingt.« Er lachte leise. »Ich denke, ich kann dich Kaely nennen, aber vielleicht musst du dann auch Joe zu mir sagen. Joe Tucker. Den Namen habe ich benutzt, um nicht erkannt zu werden.«

»Aber jetzt nennst du dich wieder Jason Oliphant. Warum das?«

»Weil es jetzt schon so lange her ist, dass Dad ins Gefängnis kam. Die Leute vergessen, Jess… ich meine, Kaely. Hast du eigentlich je daran gedacht, deinen alten Namen wieder anzunehmen?«

»Ich bin FBI-Agentin, Jason. Glaub mir, im Bureau hat niemand Dads Namen vergessen. Können wir jetzt reingehen, bevor ich hier draußen erfriere und es keine Rolle mehr spielt, wie ich heiße?«

Jason lachte. »Okay. Deine Koffer?«

Kaely wandte sich um und öffnete den Kofferraum ihres SUV. »Hab nur einen. Ich bin es gewohnt, mit wenig Gepäck zu verreisen. Das ist praktischer, wenn wir auswärts einen Fall haben.«

Jason schmunzelte. »Also müssen FBI-Agenten vor allem lernen, effizient zu packen?«

Kaely nickte. »Das ist das Wichtigste. Darauf werden wir in Quantico wochenlang gedrillt.«

Jason lachte schallend. »Okay, okay, jetzt gib mal deinen Koffer her und dann gehen wir rein. Meine Hände und Füße sind auch schon ganz steif.«

Kaely wartete, bis er ihr den Koffer abgenommen hatte, dann griff sie nach ihrer Handtasche und ihrer Notfalltasche. Diese geräumige Reisetasche nahm sie überall hin mit. So hatte sie alles griffbereit, was sie brauchte, wenn sie dienstlich ungeplant unterwegs sein, auswärts übernachten oder undercover gehen musste: mehrere Garnituren Wechselkleidung, außerdem ein paar Dinge, mit denen sie ihre Identität verschleiern konnte: Sonnenbrille, Hüte und einige Perücken. Dazu Augen- und Gehörschutz, eine Tasche mit Ersatz-Magazinen für ihre Dienstwaffe, Handschellen, eine kugelsichere Weste und ihre FBI-Einsatzjacke.

In dieser größeren Tasche hatte sie auch einen kleinen Beutel mit einer Reihe von Akten. Sie untersuchte auf eigene Faust ein paar laufende Fälle. Offiziell durfte sie zwar keine Profile mehr erstellen, seit sie aus Quantico wegversetzt worden war. Salomon hatte aber ein paar befreundete Dienststellenleiter, die sich von Zeit zu Zeit an ihn wandten und um Kaelys Hilfe baten. Dies geschah jedoch mehr unter der Hand. Alle FBI-Außenstellen waren angehalten, mit der Abteilung für Verhaltensanalyse in Quantico zusammenzuarbeiten, auch wenn dank Kaelys anonymer Tipps schon öfter Fälle gelöst werden konnten, bei denen die Polizei im Dunkeln getappt hatte. Sie musste einfach Profile erstellen. Das lag ihr im Blut.

Kaely folgte Jason zur Haustür. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Was hatte es nur mit Eltern auf sich? Sie lösten Reaktionen aus, die niemand sonst hervorrufen konnte. Wenn sie ihre Mutter doch nur analytisch betrachten könnte, ohne emotional zu werden, wäre das Leben viel einfacher. Aber irgendwie hatte sie in Marcies Nähe eher das Gefühl, als werde gerade ihr eigenes Profil erstellt – und die Ergebnisse waren nicht gerade schmeichelhaft.

Jason öffnete die Tür und führte Kaely in ein gemütliches Wohnzimmer mit bequemer Couchgarnitur und einem Kamin. Gut, dass darin schon ein Feuer brannte. Kaely stellte ihre Handtasche auf dem Boden neben dem Sofa ab und versuchte sich am Kamin aufzuwärmen. Sie taute zwar langsam ein wenig auf, zitterte aber immer noch – und dies nicht nur vor Kälte. Kaely hasste das Gefühl, Angst zu haben. Es ärgerte sie und sie spürte, wie sie immer gereizter wurde.

»Hallo, Jessie.«

Als Kaely die Stimme ihrer Mutter hörte, wirbelte sie herum, entschlossen, sich zu behaupten. Aber was sie sah, machte ihren Vorsatz sofort zunichte. Ihre Mutter stand vor ihr – eingefallen, mager und blass. Nur noch ein Schatten ihrer selbst. Es war offensichtlich, dass sie eine Perücke trug. Kaelys Entschlossenheit, ihr die Stirn zu bieten, schmolz dahin. Eines war sicher: Was auch immer geschah, Kaely konnte jetzt nicht weggehen.

»Siehst du! Hab ich’s dir nicht gesagt?«, flüsterte Georgie.

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

3

»Hallo, Marcie«, begrüßte Kaely ihre Mutter. Um Selbstbeherrschung bemüht, trat sie auf Marcie zu und umarmte sie. Sie erschrak richtig, wie knochig ihre Mutter geworden war. Nur sehr flüchtig erwiderte Marcie die Umarmung. Genau wie Kaely es erwartet hatte.

»Ich hoffe, du hattest eine gute Reise.« Marcie wand sich aus dem Griff ihrer Tochter. »Ich hab Jason gesagt, dass du nicht hättest kommen müssen, aber er hat nicht auf mich gehört.«

»Du hättest mich selbst anrufen sollen«, erwiderte Kaely sanft. »Warum hast du mir denn nicht gesagt, dass du krank bist?«

Ihre Mutter runzelte die Stirn. »Warum? Schließlich bist du kein Doktor. Was hättest du denn schon tun können?«

Kaely unterdrückte den Ärger, der in ihr hochstieg. »Darum geht es doch gar nicht. Wir sind eine Familie. Hast du das vergessen?«

Ihre Mutter hob eine ihrer sorgfältig nachgezogenen Augenbrauen. »Ja, Jessie, ich weiß, was Familie ist. Bei dir bin ich mir da nicht so sicher.«

Wie im Reflex holte Kaely tief Luft. Unzählige Male hatte sie angerufen oder geschrieben und Marcie hatte nicht reagiert.

»Jetzt komm erst mal mit, ich zeig dir dein Zimmer«, schaltete Jason sich ein und schnitt Kaely die scharfe Erwiderung ab, die ihr auf der Zunge lag.

Er nahm Kaelys Koffer und hielt ihr die Tür auf. Sie schluckte die bitteren Worte hinunter, die sie ihrer Mutter am liebsten an den Kopf geworfen hätte, griff nach Handtasche und Reisetasche und folgte Jason schweigend.

»Hat sie sie noch alle?«, flüsterte sie ihrem Bruder zu, als sie außer Hörweite waren. »Weißt du, wie oft ich versucht habe, mit ihr Kontakt aufzunehmen?«

Jason öffnete die Tür zu dem Zimmer, in dem Kaely übernachten würde. »Ich weiß. Mom hat ihre eigene Sicht der Wirklichkeit. Vor allem jetzt. Wenn du mit dem eigenen Tod konfrontiert bist, dann kann das schon mal deine Sicht auf die Dinge verändern. Ich glaube, sie kann nicht damit umgehen, dass sie nach Dads Verhaftung nichts mehr von uns wissen wollte. Also hat sie einfach die Fakten verdreht, wie es für sie passt.« Er schüttelte den Kopf. »Mit ihr zu streiten, ist zwecklos. Entschuldige dich einfach.«

Kaely fiel die Kinnlade herunter. »Entschuldigen? Für was, bitte schön?«

Jason nahm sie am Arm, zog sie ins Zimmer und schloss die Tür hinter ihnen. »Hör auf damit«, sagte er scharf. »Es geht ihr nicht gut, Jess… ich meine, Kaely. Schau sie dir doch an. Ich hab dich nicht gebeten, hierherzukommen, um mit ihr ins Gericht zu gehen. Ich hab dich angerufen, weil unsere Mutter uns braucht.« Seine dunklen Augen suchten ihre. »Warum kannst du nach der langen Zeit nicht die Vergangenheit ruhen lassen? Ihr vergeben? Ich hab das getan.«

Jasons Worte waren wie ein Schlag in die Magengrube. Hatte sie nicht jedes Recht, auf Marcie wütend zu sein? Jasons Kommentare kamen ihr selbstgerecht vor. Gleichzeitig aber führten sie ihr eine unangenehme Wahrheit vor Augen. Sie hatte versucht, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, und war überrascht, welcher Groll tief aus ihrem Inneren heraufkroch.

»Weißt du noch, als ich sie von St. Louis aus angerufen und ihr gesagt habe, was … dieser Mann dir angetan hat?«, fragte Jason.

Kaely nickte.

»Sie war tief erschüttert. Ehrlich bestürzt. Ich glaube, sie hat verstanden, dass sie dich hätte verlieren können.«

Kaely schnaubte. »Das hast du gesagt. Aber mit mir wollte sie damals nicht sprechen und hat mich auch später nicht angerufen. Wir haben noch kein einziges Mal darüber geredet.«

»Sieh mal, ich glaube, sie war einfach überfordert. Du weißt doch, dass sie mit Konfrontationen oder Gefühlsäußerungen nicht umgehen kann. Aber ich hab dir gesagt und ich sag es dir noch einmal: Sie war am Boden zerstört.« Er runzelte die Stirn. »Wie geht es dir eigentlich damit? Als ich in St. Louis war, hab ich nur darauf gewartet, dass du zusammenbrichst. Dass du emotional wirst. Das war ja ein traumatisches Erlebnis, aber du hast es offenbar gut weggesteckt – ein wenig zu gut, wenn du mich fragst.«

»Ich komme schon klar, Jason. Wirklich.« Sie zuckte die Achseln. »Bin auf meine Weise damit umgegangen. Hab nach vorne geschaut.«

Die Art, wie er sie anstarrte, machte Kaely beklommen. Waren Georgies Bedenken doch berechtigt? Hatte sie sich der Situation tatsächlich gestellt oder sich einfach nur geweigert, ihr ins Auge zu sehen? Kaely seufzte innerlich. Sie musste sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren und Vergangenes vergangen sein lassen.

»Ich muss wohl ein wenig an meiner Einstellung arbeiten. Vielleicht ist das einfach ein typischer Mutter-Tochter-Konflikt.« Sie setzte sich aufs Bett und rieb sich ihren verspannten Nacken. Eine neue Herausforderung. Und keine kleine. »Ich schaff das schon«, sagte sie, war sich aber nicht so sicher, ob sie es auch so meinte. »Zumindest muss ich wissen, dass ich es versucht habe.«

Jason nickte. »So geht es mir auch. Mom scheint mich zu akzeptieren, hält mich aber immer ein wenig auf Abstand. Und dann lässt sie ab und zu eine ihre ›Mom-Bomben‹ fallen.«

Kaely wusste genau, was er meinte. Kleine feindselige Bemerkungen, die direkt ins Herz gingen. Zielsicher traf sie bei ihren Kindern den wunden Punkt. Kaely kämpfte ständig darum, Marcies Kommentare aus ihrem Kopf zu verbannen.

»Wie willst du mit diesen schrecklichen roten Haaren denn jemals einen Freund finden?« – »Du musst dir einen Job suchen, für den du keine besonderen Talente oder Fähigkeiten brauchst.«

Kaely schob solche Worte immer zurück in den hintersten Winkel ihres Bewusstseins, wo sie sie aufbewahrte, ohne gleich zu merken, welch tiefe Wunden die Kritik ihrer Mutter schlug. Sie zwang sich, ihre Aufmerksamkeit zurück auf ihren Bruder zu lenken. »Du hast was von einer Studie erzählt, die die Ärzte gerade machen.«

Jason nickte. »Mom hat nicht auf die Chemo angesprochen. Die neue Behandlung ist wohl erfolgversprechender.« Er räusperte sich und wandte den Blick ab. »Es ist ihre letzte Chance, Kaely.«

Kaely hatte das gemerkt, als sie Marcie umarmt hatte. Sie war nur noch Haut und Knochen.

Jason setzte sich an den Schreibtisch, der an der Wand stand. Ein kurzes Lächeln ging über seine Lippen. »Ich hab dich wirklich vermisst, weißt du das?«

»Tut mir echt leid, dass du es in der letzten Zeit so schwer hattest. Du warst noch nicht lange aus St. Louis zurück, als sie dich angerufen hat, oder?«

Er nickte, holte Luft und ließ sie ganz langsam ausströmen. »Ja, vor etwa fünf Wochen. Ich hab mir ein Bein ausgerissen und musste viel umorganisieren, damit ich herkommen konnte.« Er musterte sie einen Moment lang. »Ich bin echt froh, dass du da bist«, fügte er leise hinzu. »Kann es sein, dass ich das schon öfter gesagt habe?«

Sie grinste. »Kann sein, aber das ist schon okay. Ich höre es immer wieder gern.«

Kaely sah sich im Zimmer um. Es war einfach, aber hübsch. Das Bett schien bequem zu sein und sie war dankbar für den Schreibtisch, an dem sie arbeiten konnte, wenn sie Zeit dazu finden würde. Dann fiel ihr ein großes Bücherregal an der anderen Wand neben dem Bett auf. »Ach du meine Güte«, flüsterte sie fast, »meine Bücher!« Sie stand auf und ging zu dem Regal hinüber. Darin standen Bücher, die sie nicht mehr gesehen hatte, seit sie mit 18 von zu Hause ausgezogen war. »Marcie hat mir gesagt, sie hätte sie ausgemistet.« Kaely strich mit der Hand beinahe ehrfürchtig über die Buchrücken der Romane, die sie im Müll geglaubt hatte.

Als sie 13 war, hatte sie Agatha Christie entdeckt. Jeden Krimi, den sie auftreiben konnte, hatte sie sich besorgt und ihr ganzes Taschengeld dafür ausgegeben. Auch die Sherlock-Holmes-Serie von Arthur Conan Doyle und die Father-Brown-Krimis von G. K. Chesterton hatten es ihr angetan. Von ihrem Vater hatte sie alle Romane von Charles Dickens bekommen. Die Charaktere waren so komplex. Einfach unvergesslich. Sie hatten sie über die Jahre begleitet.

»Ich verstehe es nicht, Jason. Sie tut, als sei es ihr völlig egal, ob wir je wieder ein Wort miteinander reden, aber sie behält meine Bücher.« Kaely legte den Kopf schräg. »Es sei denn, sie wollte sie für sich selbst haben.«

Jason lachte. »Sie liest nicht viel, Kaely. Das weißt du ja. Ein Bücherwurm war sie noch nie.«

»Ich möchte ja glauben, dass sie sie meinetwegen behalten hat, aber … ich kann es einfach nicht.« Sie setzte sich aufs Bett. »Hat sie dir eigentlich jemals Näheres über diesen Rod erzählt?«

»Nein, nicht viel. Ein bisschen, als es passiert war, aber jetzt will sie von dem Thema nichts mehr wissen.« Er schüttelte den Kopf. »Ihr zwei seid euch ähnlicher, als euch bewusst ist. Habt beide dieses Talent, schmerzlichen Dingen nicht ins Auge zu sehen.« Er suchte Kaelys Blick. »Ich hab nur Bedenken, dass sich das, was ihr nicht wahrhaben wollt, eines Tages einfach nicht mehr ignorieren lässt.«

»Zwei Ehemänner«, sagte Kaely, ohne auf Jasons Bemerkung einzugehen. »Der erste entpuppt sich als berüchtigter Serienmörder, der zweite läuft weg, wenn sie ihn am dringendsten braucht.«

»Ja.« Jason lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. »Sie hat schon einiges mitgemacht. Ich versuche, ein wenig nachsichtig mit ihr zu sein. Aber glaub mir, das ist nicht immer so leicht.«

»Ich werde mein Bestes tun, Jason, aber es kann schon sein, dass du mich ab und zu in die Schranken weisen musst, solange ich hier bin.«

Ihr Bruder lachte leise. »Ich werde es versuchen, aber das ist umgekehrt wohl genauso.«

»Wir sehen uns also nur beim Abendessen?«

»Vorläufig. Lass mir mal ein bisschen Zeit zum Regenerieren, dann finden wir schon einen Modus, mit dem wir beide leben können. Ich übernehme dein B&B-Zimmer, aber das wird wohl ziemlich teuer sein. Es gibt ein ganz nettes Motel nicht weit von hier. Dort kann ich uns ein Zimmer buchen und wir können uns abwechseln.«

»Kannst du nicht doch hier schlafen? Ich meine, wenn du dich ein wenig erholt hast?«

»Es gibt nur dieses eine Zimmer, und auf dem Sofa schlafen ist ausgeschlossen. Das beansprucht Mom die meiste Zeit für sich. Manchmal schläft sie sogar nachts darauf, wenn sie das Bedürfnis hat, sich einzuigeln. Es ist fest und scheint ihr zu helfen. Aber wie gesagt: Ich schaue jeden Abend vorbei und sorge dafür, dass ihr beide nicht verhungert. Dann haben wir Gelegenheit, zusammen zu sein. Und wenn du arbeiten musst oder einfach ein bisschen Zeit für dich brauchst, dann ruf mich an und ich komme.« Er presste die Lippen aufeinander. »Ich hab nicht die Absicht, heimzufahren, bevor es ihr nicht wieder besser geht oder …«

»Red nicht weiter«, unterbrach Kaely ihn. »Mit dieser Möglichkeit kann ich noch nicht umgehen.«

»Ich werd’s versuchen, Schwesterherz, aber irgendwann müssen wir vielleicht …«

»Du meinst, an ein Hospiz denken«, sagte Kaely mit gebrochener Stimme. Sie war selbst überrascht von den Gefühlen, die plötzlich über sie kamen. Die mentale Mauer, die sie zum Schutz vor ihrer Mutter um sich herum aufgebaut hatte, schien zu bröckeln. »Jason, meinst du wirklich, dass es so schlimm ist? Marcie hat was Märtyrerhaftes an sich.«

»Du hast doch gerade gesagt, dass du nicht darüber reden willst.«

»Wollte ich auch nicht. Aber ich muss wissen, wie es wirklich um sie steht.«

»Ich kann nur wiederholen, was der Arzt sagt«, entgegnete Jason leise. »Er meint, der Krebs könnte sich zurückbilden. Aber …«

»Aber was?«

»Er hat Bedenken, dass sie sich aufgegeben hat. Sie müsste eigentlich kämpfen. Wenn sie das nicht tut, wird sie es wahrscheinlich nicht schaffen.«

Aus irgendeinem Grund machten Jasons Worte Kaely wütend. »Wenn wir ihr also keinen Grund liefern, weiterzuleben, und sie stirbt … dann ist es unsere Schuld?« Sie fuhr sich mit der Hand durch ihr widerspenstiges Haar. »Ich kann das nicht … Ich meine, diese Verantwortung …«

Jason stand auf und nahm sie an der Schulter. »Hör auf damit, Jessie. Du bist nicht schuld. Keiner von uns ist es. Wenn Mom aufgibt, dann ist das ihre Sache. Es ist jetzt nicht die Zeit für Schuldzuweisungen. Es ist Zeit …«

»Zerbrochenes zu heilen«, ergänzte Kaely seufzend.

»Genau.« Jason ließ sie los. »Tun wir, was in unserer Macht steht, damit das geschehen kann. Denn das braucht Mom am allernötigsten.«

Er hatte recht. Kaely musste versuchen, eine Brücke zu bauen, bevor es zu spät war. Wie sollte sie mit ihrer Schuld leben, wenn ihr das nicht gelang?

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4

Er hat besondere Vorkehrungen für seine nächste Vorstellung getroffen. Dies wird eine ganz besondere. Er fiebert dem Moment entgegen, in dem sich sein Publikum wieder versammelt, und kann es kaum erwarten, ihre entsetzten Gesichter zu sehen. Und die Angst, die nach ihrer Seele greift.

Diese Angst gehört ihm. Sie ist seine Stärke. Sein Programm.

Seine Daseinsberechtigung.

Als Jason gegangen war, begann Kaely auszupacken. Sie hatte gegenüber ihrem Bruder noch gewitzelt, wie effizient sie packen konnte, aber es stimmte tatsächlich. In Quantico mussten Agenten ziemlich oft verreisen. So hatte sie zwangsläufig gelernt, den Platz im Koffer optimal zu nutzen. Blusen, Jeans und andere lange Hosen eng zusammengerollt. Das Gleiche galt für die Unterwäsche. Kaely holte ein paar Kleiderbügel aus dem Wandschrank und hängte alles, was sie während ihres Aufenthalts hier in Darkwater anziehen wollte, schön säuberlich auf. Sie war zufrieden mit dem Ergebnis. Ein paar Falten, aber nicht zu viele. Die Kleider in ihrer Reisetasche würde sie nicht auspacken. Sie waren für den Notfall gedacht. Für offizielle Einsätze.

Kaely dachte über ihr Gespräch mit Jason nach. Es war offensichtlich, dass Gott eine weitere Schicht der emotionalen Festung abtrug, die sie zu ihrem eigenen Schutz um sich herum aufgebaut hatte. Es wurde Zeit, die Probleme im Verhältnis zu ihrer Mutter anzugehen und sich auf einen langsamen Heilungsprozess einzulassen. Schritt für Schritt. So viel, wie sie ertragen konnte. Es tat weh, aber immer, wenn Gott ihr etwas von ihrer falschen Sicherheit nahm, machte sie das stärker. Sie hatte einmal gelesen, dass Pflanzen sich dagegen wehrten, beschnitten zu werden. Kaely hatte keine Ahnung, ob das stimmte, aber wenn Gott in ihrem Leben wie ein Gärtner die Schere ansetzte, war es auf jeden Fall unangenehm. Dennoch war es ihr recht. Denn sie wusste, wie nötig sie es hatte.

Sie holte eine dunkelbraune Hose und einen cremefarbenen Pullover heraus und zog sich um. Dann bürstete sie ihr widerspenstiges Haar. Fast hätte sie es zu einem Knoten zusammengebunden wie im Dienst, dann entschied sie sich jedoch dagegen. Sie brauchte eine Pause von Special Agent Kaely Quinn, Verhaltensanalytikerin für das FBI. Dieser Titel wurde zwar im Moment vom Bureau nicht anerkannt, aber das machte ihr nichts aus. Sie wusste, wer sie war – mit oder ohne Genehmigung aus Quantico.

Kaely strich ihre Hose glatt, holte tief Luft und ging zur Küche, wo Jason gerade das Abendessen vorbereitete.

Als sie um die Ecke kam, hörte sie die Stimme ihrer Mutter: »Ich hab dir doch gesagt, dass du sie nicht anrufen sollst. Warum hörst du eigentlich nie auf mich?«

Kaely blieb stehen und lehnte sich gegen die Wand im Flur, wo sie nicht gesehen werden konnte.

»Du bist immerhin ihre Mutter. Ihr liegt was an dir. Es wäre besser gewesen, sie anzurufen, als du krank wurdest. Du hast diese unliebsame Situation selbst heraufbeschworen. Ich denke, du solltest sie bereinigen.«

»Welche Situation? Ich weiß gar nicht, was du meinst.«

Marcie sprach mit erhobener Stimme, ein untrügliches Zeichen dafür, dass sie in den Verteidigungsmodus geschaltet hatte. Kaely wünschte sich manchmal, sie wäre nicht dazu ausgebildet, das Verhalten von Menschen zu deuten, aber es war ihr schon zu einer zweiten Natur geworden. Sie konnte es nicht abstellen. Immer funktionierte es nicht, aber ihre Mutter war leicht zu durchschauen. Sie konnte ihre Gefühle nicht verbergen, was Kaely einen deutlichen Vorteil verschaffte.

»Sie will gar nicht hier sein«, zischte ihre Mutter. »Sie hat sich nur dazu verpflichtet gefühlt.«

Kaelys erste Reaktion auf diese Worte war Groll. Wie konnte Marcie nur so undankbar sein? Hatte Kaely nicht alle Hebel in Bewegung gesetzt, um nach Darkwater zu kommen? Aber kaum war ihr dieser Gedanke in den Sinn gekommen, erinnerte eine andere Stimme sie daran, dass ihre Mutter mit ihren Behauptungen nicht so unrecht hatte. Es stimmte. Kaely hatte nicht kommen wollen. Sie hatte es aus Pflichtbewusstsein getan.

Jason versuchte seine Mutter zu beschwichtigen. »Sieh mal, immerhin ist sie gekommen. Sie hätte auch Nein sagen können. Kannst du ihr nicht eine Chance geben? Ihr beide müsst einen Weg finden, euch zu versöhnen. Wir sind schließlich eine Familie.«

»Du meinst, weil ich schon mit einem Fuß im Grab stehe?«

»Nein«, entgegnete Jason bestimmt. »Diese neue Behandlung hat wirklich Potenzial. Ich habe ein gutes Gefühl dabei.«

»Um Himmels willen, es ist eine klinische Studie. Weil alles andere versagt hat«, schnaubte Marcie. »Es ist die letzte Chance.«

»Aber es ist eine Chance, Mom«, sagte Jason sanft. »Manche Leute haben gut darauf angesprochen. Warum sollte es bei dir nicht helfen?«

»Natürlich. Weil ich ja bisher schon immer so viel Glück im Leben hatte.«

Kaely fand Marcies Neigung, sich selbst leidzutun, kaum auszuhalten. Sie verstand die Probleme ihrer Mutter, aber sie hatte kein Verständnis dafür, dass sie sich so kampflos ergab. Kaely hasste diesen Hang zum Selbstmitleid, aber das würde sie tunlichst für sich behalten. Es auszusprechen, wäre unbarmherzig.

Sie schlich zurück zu ihrem Zimmer und öffnete leise die Tür. Dann aber knallte sie sie so laut zu, dass es im ganzen Haus zu hören war, machte kehrt und ging wieder in die Küche. Diesmal ließ sie bewusst ihre Absätze auf dem Boden klackern. Das Gespräch in der Küche verstummte abrupt.

»Hey, hier riecht’s aber verheißungsvoll«, sagte sie, als sie eintrat, und lächelte ihren Bruder an. »Wann hast du eigentlich kochen gelernt? Ich kann mich gar nicht erinnern, dass du dich früher mal in der Küche nützlich gemacht hättest.«

»Hat er auch nicht«, mischte sich ihre Mutter ein. »Als Kind konnte ich ihn nicht mal dazu bringen, sein schmutziges Geschirr in die Spüle zu stellen.«

»Not macht erfinderisch«, meinte Jason lächelnd. »Als ich von daheim ausgezogen war, musste ich kochen lernen. Ewig von Fast Food zu leben, war ja auch keine Option.«

»Und was ist mit deiner Verlobten – wie hieß sie doch gleich? Audrey?«

Jason nickte. »Audrey kocht nicht schlecht, aber nicht so gut wie ich. Deshalb hat sie überhaupt kein Problem damit, mir in der Küche das Feld zu überlassen, wenn wir verheiratet sind.«

Kaely ließ sich auf einem der Hocker an der Frühstückstheke nieder, wo ihre Mutter saß. Aus dem Augenwinkel heraus sah sie, wie Marcie ihren eigenen Hocker ein Stück wegrückte. Kaely versuchte, den Anflug von Ärger darüber hinunterzuschlucken. »Wann steigt denn die Hochzeit, Jason?«

Ihr Bruder nahm einen Topf vom Herd und drehte sich zu ihr um. »Wir dachten, irgendwann im Frühling.«

»Wenn ich nicht mehr da bin«, murmelte ihre Mutter.

»Nein, Mom«, erwiderte Jason. Kaely merkte, wie schwer es ihm fiel, einen gleichmütigen Tonfall beizubehalten, denn Marcie zog wirklich alle Register. »Ich hab dir schon gesagt, dass wir beide mit dir rechnen.«

Jason nahm nun eine Pfanne vom Herd und trug sie hinüber zur Spüle. Er goss die Nudeln aus dem wartenden Topf in ein Sieb ab, kippte sie in eine große Schüssel und schüttete den Inhalt der Pfanne darüber.

»Was gibt’s denn?«, fragte Kaely.

»Bandnudeln mit Shrimps. Meine Spezialität. Audrey findet, es sind die besten, die sie je gegessen hat.« Er zwinkerte ihnen zu. »Mein absolutes Geheimrezept.«

Kaely lächelte ihn an und klimperte theatralisch mit den Wimpern. »Aber deiner Familie kannst du es doch verraten, oder?«

Jason lachte. »Niemals. Und probier bei mir bloß nicht dein Profiler-Voodoo. Das funktioniert nicht.«

Kaely schnaubte entrüstet. »Profiler-Voodoo? Ich mach kein Voodoo!«

Jason trug die Schüssel mit den Nudeln zum Tisch hinüber. Dann nahm er den Salat, den er bereits angemacht hatte, und das Knoblauchbrot, das er gerade aus dem Ofen geholt hatte. Kaely hatte seit dem frühen Morgen nur einen Schokoriegel gegessen. Ihr Magen knurrte erwartungsvoll.

»Hört sich so an, als könntest du was zu essen vertragen«, witzelte Jason.

»Kann man so sagen. Es war ein langer Tag im Auto.«

»Tut mir leid, wenn ich dir zur Last falle«, sagte ihre Mutter gereizt. Mühsam erhob sie sich vom Barhocker und setzte sich an den Tisch.

»Du fällst mir nicht zur Last, Marcie«, entgegnete Kaely. »Ich sag nur, dass ich Hunger habe und dass das Essen verführerisch duftet.«

Kaely warf ihrem Bruder einen flüchtigen Blick zu. Er verdrehte die Augen.