Die Puppenkönigin – Das Geheimnis eines Sommers - Holly Black - E-Book

Die Puppenkönigin – Das Geheimnis eines Sommers E-Book

Holly Black

4,6
7,99 €

Beschreibung

Ein Geistermädchen, drei Freunde und das Abenteuer ihres Lebens

Zach, Poppy und Alice sind schon ihr Leben lang allerbeste Freunde. Sie lieben es, sich für ihre Actionfiguren aus der Kindheit Geschichten einer magischen Welt, die voller Abenteuer und Heldentum ist, auszudenken. Doch dieses Spiel nimmt eines Nachts eine schaurige Wendung. Alice und Poppy tauchen bei Zach auf und erzählen ihm von einer Reihe furchteinflößender Ereignisse. Poppy schwört, dass sie seit einiger Zeit von einer Porzellanpuppe ihrer Mutter heimgesucht wird, die behauptet, die Seele eines vor langer Zeit ermordeten Mädchens in sich zu tragen. Erst wenn die Freunde sie zu dem Ort des Verbrechens zurückgebracht und dort begraben haben, werde sie Ruhe geben. Andernfalls wird sie die drei Freunde verfolgen - bis in alle Ewigkeit!

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 238




HOLLY BLACK

Das Geheimnis eines Sommers

Aus dem Amerikanischen von Anne Brauner

cbj ist der Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen. Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform1. Auflage 2013

© 2013 der deutschsprachigen Ausgabe cbj, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

© 2013 Holly Black

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel:

»Doll Bones« bei Margaret K. McElderry Books,

einem Imprint von Simon & Schuster Children’s Publishing Division

Übersetzung: Anne Brauner

Umschlagkonzeption: Geviert – Büro für Kommunikationsdesign, Münchenunter Verwendung folgender Abbildungen:© Plainpicture (Design Pics/Helene Cyr; Appold), Shutterstock, GeviertMP · Herstellung: AW

Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, München

ISBN 978-3-641-10921-9V002www.cbj-verlag.de

Für Katherine Rudden,

die das Spiel mit mir gespielt hat,

selbst als wir schon längst

zu alt dafür waren.H. B.

Erstes Kapitel

Poppy platzierte eine Meerjungfrauenpuppe am Rande der asphaltierten Straße, die als Schwärzeste See diente. Die bei Goodwill erstandenen Puppen waren alt, sie hatten große, sanft schimmernde Köpfe, Schwanzflossen in verschiedenen Farben und krauses Haar. Dann warteten die Meerjungfrauen darauf, dass das Boot näher kam, ihre mörderischen Absichten hinter ihrem albernen Plastiklächeln verbergend. Wenn möglich, würden sie das Schiff im seichten Wasser auflaufen lassen, die Piraten ins Meer locken und sie mit ihren spitzgezackten Zähnen zerreißen.

Zachary Barlow kramte in der Tasche mit den Actionfiguren und holte den Piraten mit den zwei Entermessern heraus. Dann stellte er ihn vorsichtig in die Mitte des bootsförmig ausgeschnittenen Papiers, das sie mit Kies aus der Einfahrt beschwert hatten. Ansonsten würde der Spätsommerwind die Neptunperle wahrscheinlich fortwehen.

»Wir müssen uns am Mast festbinden«, sagte Zach als Säbel-William, dem Kapitän der Neptunperle.

Zach hatte für jede Figur eine eigene Stimme. Er hatte keine Ahnung, ob außer ihm noch jemand diese Stimmen unterscheiden konnte, aber er fühlte sich verwandelt, wenn er den Ton wechselte.

Alice’ Zöpfe fielen nach vorne und verdeckten ihre bernsteinfarbenen Augen, als sie Lady Jaye zur Mitte des Bootes schob. Lady Jaye war eine Taschendiebin, die sich Säbel-William angeschlossen hatte, nachdem sie vergeblich versucht hatte, ihn auszurauben. Sie war laut und wild, ganz im Gegensatz zu Alice, die stillschweigend vor ihrer gluckigen Großmutter kuschte.

»Glaubst du, die Wachposten des Herzogs erwarten uns schon an den Silberfällen?«, ließ Alice Lady Jaye sagen.

»Kann schon sein, dass er uns dort erwischt«, sagte Zach und grinste sie an. »Aber uns kann er nicht aufhalten. Das kann keiner.« Diese Sätze kamen ihm einfach so über die Lippen, ohne dass er darüber hätte nachdenken müssen, aber es waren genau die richtigen. Sie passten zu William.

Darum liebte Zach dieses Spiel so sehr. Den Augenblick, wenn er eine andere Welt betrat, die sich wirklicher anfühlte als die reale. Dieses Gefühl würde er niemals missen wollen. Lieber würde er bis in alle Ewigkeit so weiterspielen, auch wenn er nicht wusste, ob das möglich sein würde. Es war jetzt schon manchmal schwer.

Poppy strich sich ihre vom Wind zerzausten roten Haarsträhnen hinters Ohr und sah Zach und Alice ernst an. Sie war klein und energisch; ihre leuchtenden Sommersprossen erinnerten Zach an Sterne am Nachthimmel. Der Geschichte eine neue Wendung zu geben, war für sie das Größte. Sie hatte ein ausgezeichnetes Gespür für dramatische Szenarien, was sie für die Rolle des Bösewichts prädestinierte.

»Ihr könnt euch mit Tauen fesseln und so den Sirenengesängen widerstehen, aber kein Schiff darf diese Gewässer kreuzen, ohne der Tiefe sein Opfer dargebracht zu haben«, ließ Poppy eine Meerjungfrau sagen. »Ob ihr wollt oder nicht. Wenn von der Besatzung keiner freiwillig über Bord geht, wird das Meer sich sein Opfer holen. Dies ist der Fluch der Meerjungfrauen.«

Alice und Zach tauschten einen Blick. Sagten die Meerjungfrauen die Wahrheit? Poppy durfte solche Regeln – die mit den anderen nicht abgesprochen waren – eigentlich nicht einfach aufstellen, doch Zach protestierte nur, wenn sie ihm nicht gefielen. Ein Fluch war eine klasse Idee.

»Eher fahren wir alle zusammen zur Hölle, ehe wir ein einziges Mitglied unserer Besatzung opfern«, rief er mit seiner Williamstimme. »Wir segeln im Auftrag der Großen Königin und fürchten ihren Bannspruch mehr als euren.«

»Doch plötzlich«, sagte Poppy mit unheilschwangerer Stimme und schob eine Meerjungfrau näher an den Bootsrumpf, »packen schwimmhäutige Finger Lady Jayes Knöchel. Die Meerjungfrau zieht sie über Bord. Weg ist sie.«

»Das kannst du nicht machen!«, sagte Alice. »Ich hatte mich an den Mast gefesselt.«

»Das hast du nicht ausdrücklich gesagt«, entgegnete Poppy. »William hat es zwar vorgeschlagen, aber ob du es tust oder nicht, war nicht klar.«

Alice stöhnte, als würde Poppy sich absichtlich dumm stellen. Was irgendwie ja auch stimmte. »Also, Lady Jaye befand sich in der Mitte des Boots. Auch wenn sie nicht am Mast festgebunden war, käme keine Meerjungfrau an sie heran, ohne an Bord zu klettern.«

»Wenn Lady Jaye über Bord geht, springe ich hinterher«, sagte Zach und ließ William ins kieselige Wasser fallen. »Ich habe es ernst gemeint, als ich sagte, alle für einen.«

»Ich bin aber nicht über Bord gegangen«, widersprach Alice beharrlich.

Während sie weiterstritten, kamen zwei von Poppys Brüdern die Fliegengittertür hinter sich zuknallend aus dem Haus. Sie schauten zu ihnen rüber und fingen an zu kichern. Tom, der Ältere, zeigte mit dem Finger auf Zach und murmelte etwas. Sein kleiner Bruder lachte.

Zach wurde rot. Er glaubte zwar nicht, dass sie jemanden aus seiner Schule kannten, aber trotzdem. Wenn seine Mannschaftskameraden herausfanden, dass er mit zwölf immer noch mit Actionfiguren spielte, würde das Basketballtraining kein Spaß mehr sein. Und in der Schule wäre er auch unten durch.

»Einfach nicht beachten«, erklärte Poppy betont laut. »Das sind doch Deppen.«

»Wir wollten euch nur bestellen, dass Alice’ Oma angerufen hat«, sagte Tom mit unschuldigem Hundeblick. Nick und er hatten rotes Haar wie ihre Schwester, glichen ihr ansonsten aber gar nicht, fand Zach. Ihre Brüder und die ältere Schwester steckten ständig in Schwierigkeiten – sie prügelten sich, schwänzten die Schule und rauchten. Die Kinder der Bells waren in der Stadt verschrien und von Poppy abgesehen taten sie alles, ihrem schlechten Ruf gerecht zu werden. »Die alte Lady sagt, du musst vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause sein, und wir sollen dafür sorgen, dass du es ja nicht vergisst. Sie hörte sich ziemlich streng an, Alice.« So freundlich seine Worte formuliert waren, sein zuckersüßer Ton machte deutlich, dass sie absolut nicht so gemeint waren.

Alice stand auf und strich ihren Rock glatt. Das orangefarbene Licht des Sonnenuntergangs ließ ihre Haut wie Bronze leuchten und ihre vielen Zöpfchen schimmern. Alice kniff die Augen zusammen, sie wirkte verlegen und wütend zugleich. Seit sie mit zehn angefangen hatte, Kurven zu bekommen, redeten Jungs in diesem Ton mit ihr. Zach konnte das nicht ausstehen. Besonders wenn es Tom war, der sie piesackte, während er ganz freundlich tat. Leider fiel Zach nie etwas Schlagfertiges ein, das ihn davon hätte abhalten können.

»Haut ab«, sagte er.

Die Bell-Brüder lachten nur. Tom wiederholte mit Fistelstimme: »Haut ab! Ihr sollt nicht mit meiner Freundin reden.«

»Ja, haut ab«, quiekte auch Nick. »Sonst haue ich euch mit meiner Puppe.«

Alice ging mit gesenktem Kopf auf das Haus der Bells zu.

Super, dachte Zach.

Er hatte alles nur noch schlimmer gemacht, wie immer.

»Bleib doch noch«, rief Poppy Alice nach, ohne ihre Brüder zu beachten. »Ruf zu Hause an und frag, ob du hier übernachten darfst.«

»Lieber nicht«, sagte Alice. »Ich geh meinen Rucksack holen.«

»Warte«, sagte Zach, schnappte sich Lady Jaye und ging zur Fliegengittertür. Er kam genau in dem Augenblick dort an, als sie zufiel. »Du hast etwas vergessen …«

In Poppys Haus herrschte immer Chaos. Schmutzige Klamotten, dreckiges Geschirr und eine dicke Staubschicht bedeckten jede freie Fläche. Ihre Eltern hatten es irgendwann aufgegeben, sich darum zu kümmern, dass ihre Regeln befolgt wurden. So in etwa als Poppy acht geworden war. Einer ihrer Brüder hatte damals den Geburtstagskuchen mit den brennenden Kerzen nach seiner älteren Schwester geworfen. Seitdem gab es keine Geburtstagspartys mehr und auch keine gemeinsamen Mahlzeiten. Die Speisekammer war bis oben hin mit Käsemakkaroni in Aluschachteln, Raviolidosen und Sardinenbüchsen vollgestellt, damit die Kinder sich etwas zu essen machen konnten, bevor ihre Eltern spät von der Arbeit kamen und erschöpft ins Bett fielen.

Zach war neidisch auf diese Freiheit und Alice erst recht. Sie übernachtete so oft bei Poppy, wie es ihre Großmutter erlaubte. Poppys Eltern schienen es nicht einmal zu bemerken.

Zach drückte die Fliegengittertür auf und ging ins Haus.

Alice stand vor der verstaubten alten Vitrine in der Wohnzimmerecke und betrachtete all die Dinge, die Poppy laut ihrer Mutter auf gar keinen Fall anfassen durfte. Falls sie es doch tat, drohten ihr Todesstrafe oder Verstümmelung. In dieser Vitrine war die Puppe eingekerkert, die für sie drei die Große Königin all ihrer Königreiche war. Sie saß neben einer mundgeblasenen Vase, die angeblich irgendwie antik war. Poppys Mutter hatte die Königin auf dem Flohmarkt erstanden und glaubte fest, dass sie die Puppe eines Tages in einer Antiquitätensendung im Fernsehen versteigern und von dem Erlös mit ihrer Familie nach Tahiti ziehen würde.

Die Königin war ein Porzellanpuppenmädchen mit strohgelben Locken und sehr weißer Haut. Ihre Augen waren geschlossen, die langen flachsblonden Wimpern ruhten auf den Wangen. Die Puppe trug ein langes Kleid, dessen dünner Stoff schwarz gesprenkelt war, möglicherweise von Schimmel. Zach wusste nicht mehr, wann sie beschlossen hatten, aus ihr die Große Königin zu machen, doch schon zuvor hatten sie immer das Gefühl gehabt, von ihr trotz der geschlossenen Augen beobachtet zu werden. Er wusste auch, dass Poppys Schwester schreckliche Angst vor ihr hatte.

Angeblich war Poppy eines Tages mitten in der Nacht wach geworden und sah ihre Schwester – mit der sie das Zimmer teilte – aufrecht im Bett sitzen. »Sie will uns holen, aber sie kann die Vitrine nicht öffnen«, hatte ihre Schwester mit ausdrucksloser Miene verkündet. Dann war sie wieder auf ihr Kissen gesunken und hatte sich nicht mehr gerührt, obwohl Poppy mehrfach ihren Namen rief. Poppy dagegen konnte nicht mehr einschlafen und wälzte sich in ihrem Bett hin und her. Ihre Schwester konnte sich am nächsten Morgen an nichts mehr erinnern und meinte, es müsse ein Albtraum gewesen sein und ihre Mutter solle die Puppe endlich wegschmeißen.

Danach hatten Zach, Poppy und Alice die Puppe in ihr Spiel eingebaut, das machte sie etwas weniger gruselig.

In der Geschichte, die sie sich ausgedacht hatten, herrschte die Königin in ihrem prachtvollen gläsernen Turm über alles, so weit das Auge reichte. Sie hatte die Macht, jeden mit einem Fluch zu belegen, der ihr den Gehorsam verweigerte. Dieser wirkte, bis man ihre Gunst zurückerobert hatte. Man wurde für Verbrechen verurteilt, die man nicht begangen hatte. Freunde und Verwandte erkrankten und wurden dahingerafft. Schiffe sanken und Stürme verheerten das Land. Es gab nur eines, das die Königin nicht vermochte: Sie konnte nicht entkommen.

»Bist du in Ordnung?«, fragte Zach Alice. Sie sah aus, als hätte die Vitrine sie hypnotisiert, und starrte durch das Glas, als wäre dort etwas, das nur sie sehen konnte.

Endlich drehte sie sich mit glänzenden Augen zu Zach um. »Meine Großmutter will wissen, wo ich jede einzelne Sekunde des Tages verbringe. Sie bestimmt meine Kleidung und meckert ständig über meine Zöpfe. Ich habe es so satt. Und ich weiß immer noch nicht, ob sie mich dieses Jahr in dem Theaterstück mitspielen lässt, und das, obwohl ich eine wirklich gute Rolle bekommen habe. Sie fährt wegen ihrer schlechten Augen nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr Auto, erlaubt aber auch nicht, dass andere Eltern mich nach Hause bringen. Ich ertrag diese ganzen Regeln nicht mehr, und es werden immer mehr, je älter ich werde.«

Zach wusste all das, neu war, dass Alice dagegen aufbegehrte. »Und was ist mit deiner Tante? Kannst du sie nicht fragen, ob sie dich nach den Proben abholt?«

»Oma hat Angst, dass Tante Linda es vor Gericht gegen sie verwenden könnte«, schnaubte Alice, »als Beweis dafür, dass sie nicht in der Lage ist, mich großzuziehen. Tante Lindas Versuch, das Sorgerecht für mich zu bekommen, hat sie ihr nie verziehen. Ständig hackt sie darauf herum, obwohl es schon so lange her ist. Seitdem ist sie total paranoid.«

Mrs Magnaye stammte von den Philippinen und erzählte jedem, ob er es hören wollte oder nicht, wie anders die Sitten dort waren. Ihren Geschichten zufolge arbeiteten philippinische Jugendliche hart, gaben nie Widerworte, bemalten ihre Hände nicht mit Kugelschreiber und wollten erst recht nicht Schauspielerin werden, so wie Alice. Außerdem würden sie sich auf gar keinen Fall unterstehen, so groß zu werden, wie Alice es war.

»Seitdem?«, fragte Zach.

Alice lachte. »Ja, okay, dann eben super total paranoid.«

»Hey.« Poppy kam mit den anderen Figuren von draußen herein. »Bist du wirklich sicher, dass du nicht übernachten darfst, Alice?«

Alice schüttelte den Kopf, nahm Zach Lady Jaye aus der Hand und ging über den Flur in Poppys Zimmer. »Ich wollte nur meine Sachen holen.«

Poppy sah Zach fragend an. Sie konnte es nicht leiden, wenn sie etwas verpasst hatte, und konnte die Vorstellung nicht ertragen, dass ihre Freunde Geheimnisse vor ihr hatten, und seien sie noch so belanglos.

»Ihre Großmutter«, erklärte er achselzuckend. »Du kennst sie doch.«

Poppy seufzte und richtete den Blick auf die Vitrine. Es dauerte einen Augenblick, bis sie etwas sagte. »Wenn du diesen Auftrag ausgeführt hast, befreit die Königin William wahrscheinlich von seinem Fluch. Er könnte nach Hause fahren und endlich das Rätsel seiner Herkunft lösen.«

»Oder sie schickt ihn gleich auf eine neue Mission.« Zach dachte kurz nach und grinste dann. »Vielleicht möchte sie, dass er sie mit dem Entersäbel aus der Vitrine befreit.«

»Das kannst du dir aus dem Kopf schlagen«, sagte Poppy nur halb im Scherz. »Komm.«

Sie erreichten Poppys Zimmer in dem Moment, als Alice mit dem Rucksack über der Schulter herauskam.

»Bis morgen«, sagte sie und drückte sich an ihnen vorbei. Glücklich sah sie nicht aus, doch Zach vermutete, dass sie nur sauer war, so früh gehen zu müssen und sie nun allein weiterspielten. Normalerweise taten Poppy und er das gar nicht, doch in letzter Zeit schien es Alice nicht recht zu passen, dass er und Poppy ab und an miteinander allein waren. Er verstand das nicht.

Zach ging in Poppys Zimmer und legte sich auf ihren orangefarbenen Flauschteppich. Da sie das Zimmer früher mit ihrer Schwester geteilt hatte, lag noch überall deren Kleidung herum, aus der sie herausgewachsen war – neben einer Sammlung alter Schminkutensilien und einigen Heften, in die sie Gedichte geschrieben hatte. Auf einem Wandbrett saßen die alten Barbies von Poppys Schwester und warteten darauf, dass Poppy sich ihrer geschmolzenen Arme und abgeschnittenen Haare annahm. Die anderen Regale quollen vor Fantasy-Taschenbüchern und Leihbüchereiexemplaren über, in denen es um griechische Mythologie, Meerjungfrauen und lokale Spukgeschichten ging. An den Wänden hingen Poster von Doctor Who, einer Katze mit einer Melone auf dem Kopf und eine riesige Karte von Narnia. Zach erwog, eine Karte ihrer Königreiche anzulegen – mit sämtlichen Meeren, Inseln und einfach allem –, und fragte sich, wo er ein passend großes Stück Papier bekommen könnte.

»Glaubst du, William mag Lady Jaye?«, fragte Poppy und setzte sich im Schneidersitz aufs Bett. Durch ein Loch in der alten Jeans ihrer Schwester konnte er die rosige Haut ihres Knies sehen. »Ich meine, so richtig?«

Zach setzte sich hin. »Was?«

»William und Lady Jaye«, wiederholte sie. »Sie sind jetzt schon eine Weile zusammen unterwegs, nicht wahr? Also muss er sie doch gern haben.«

»Natürlich mag er sie«, erwiderte Zach und runzelte die Stirn. Er zog seinen abgewetzten Armeematchsack zu sich rüber und stopfte William hinein.

»Aber, meinst du, er würde sie heiraten?«, fragte Poppy.

Zach antwortete nicht gleich. Sie diskutierten oft darüber, wie sich die Figuren fühlten, und die Frage war wirklich nicht schwer zu beantworten. Doch etwas in Poppys Stimme ließ ihn vermuten, dass mehr dahintersteckte. »Er ist Pirat. Piraten heiraten nicht. Aber, na ja, wenn er kein Pirat wäre und sie keine verrückte Kleptomanin, wäre es nicht ausgeschlossen.«

Poppy seufzte, als wäre das die schlechteste Antwort aller Zeiten, doch dann ließ sie es gut sein und wechselte das Thema.

Danach plauderten die beiden noch eine Weile darüber, dass Zach am nächsten Tag nicht zum Spielen kommen würde, weil er Basketballtraining hatte, diskutierten, ob jemals Aliens auf der Erde landen würden, und wenn ja, ob sie in friedlicher Absicht kämen (was sie beide nicht glaubten), und wer von ihnen bei einem Zombieaufstand besser wegkäme – keiner, weil Zach mit seinen längeren Beinen schneller weglaufen und Poppy sich besser verstecken konnte, weil sie so klein war.

Auf dem Weg zur Haustür blieb Zach noch einmal stehen, um die Königin anzusehen. Ihr blasses Gesicht lag im Schatten, doch er hatte das Gefühl, dass sich ihre geschlossenen Lider ein wenig gehoben hatten. Während er sie betrachtete und überlegte, ob er sich das nur einbildete, flatterten ihre Wimpern ganz kurz – als habe sie eine Brise gestreift.

Oder als schliefe sie und würde gleich aufwachen.

Zweites Kapitel

Zachary wollte gerade zur Schule aufbrechen, als sein Vater von der Arbeit zurückkam. Er stank nach Fett und humpelte stark. Das Restaurant, in dem er arbeitete, schloss um drei Uhr morgens, doch danach mussten noch die Bestände überprüft und neue bestellt werden. Anschließend aßen noch alle Beschäftigten zusammen, sodass er an den meisten Tagen erst sehr spät nach Hause kam. Heute hatte er offensichtlich zudem Schmerzen.

»Schreckliche Blasen«, knurrte sein Vater als Erklärung. Er war groß und kräftig, seine kurzen, ungezähmten schwarzen Locken waren kohlschwarz wie Zachs, der auch seine meerblauen Augen geerbt hatte. Seine Nase war bereits zwei Mal gebrochen gewesen. »Und dann habe ich Idiot mich auch noch mit Öl bespritzt. Aber es war rappelvoll, immerhin.«

Rappelvoll war gut.

Rappelvoll bedeutete, dass viele Menschen in dem Restaurant aßen, und das hieß, Zachs Vater wurde nicht arbeitslos.

Zachs Mutter holte einen Becher, schenkte wortlos Kaffee ein und stellte ihn auf den Tisch. Zach ging mit seinem Matchsack zur Tür. Manchmal war er immer noch überrascht, seinen Vater hier zu sehen, auch wenn der Gedanke daran ihm ein schlechtes Gewissen machte. Sein Pa war vor drei Jahren aus- und vor drei Monaten wieder eingezogen. Zach hatte sich noch nicht wieder an seine Anwesenheit gewöhnt.

»Mach sie alle«, sagte sein Vater und wuschelte ihm durchs Haar, als wäre er ein kleiner Junge.

Zachs Vater fand es toll, dass sein Sohn im Basketball-Team war. Zeitweise hatte Zach das Gefühl, es wäre das Einzige, was er an ihm mochte. Es gefiel ihm gar nicht, dass Zach nach der Schule mit Mädchen spielte, statt mit den älteren Jungs aus dem Viertel Korbwürfe zu üben. Er mochte es auch nicht, dass Zach ein Tagträumer war. Und manchmal beschlich Zach der Verdacht, dass ihm nicht einmal gefiel, dass er ein guter Basketballspieler war, weil er ihm so nicht vorhalten konnte, alles andere hielte ihn vom Sport ab.

Die meiste Zeit kümmerte Zach sich jedoch nicht darum, was sein Vater dachte. Immer wenn der ihm einen missbilligenden Blick zuwarf oder ihm eine Frage stellte, um ihn in die Ecke zu drängen, ignorierte Zach es. Bevor sein Vater wieder eingezogen war, hatten seine Mutter und er es gut miteinander gehabt, und so würde es wieder sein, wenn er erneut auszog.

Seufzend machte Zach sich auf den Weg zur Schule. Normalerweise traf er noch andere Schüler, die zu Fuß unterwegs waren, doch heute war weit und breit nur Kevin Lord zu sehen. Ausgerechnet Kevin, der Zach lang und breit erzählte, wie er einmal Rehe im Wald gesehen hatte, als er mit seinem Mountainbike unterwegs war, und der ein rohes Teilchen, das man eigentlich hätte toasten müssen, direkt aus der Packung aß.

Zach betrat Mr Lockwoods Klasse kurz nachdem der Schulbus die Fahrschüler abgesetzt hatte. Alex Rios lehnte sich zurück und stieß seine Faust gegen Zachs. Dann klatschten sie die Handflächen aufeinander und zogen den Arm zurück, bis sie nur noch an den Fingerspitzen verhakelt waren. Diesen Handschlag lernte man im Basketball-Team und Zach fühlte dabei jedes Mal ein warmes Kribbeln – er gehörte dazu.

»Was meinst du, gewinnen wir Sonntag gegen Edison?«, fragte Alex. Das war eine rhetorische Frage. Wie der Handschlag gehörte sie zum Ritual.

»Wir schießen sie ab«, sagte Zach, »Hauptsache, du spielst mir die richtigen Bälle zu.«

Alex schnaubte, aber dann kontrollierte Mr Lockwood die Anwesenheit und die Jungen wandten sich der Tafel zu. Zach unterdrückte sein Grinsen und setzte eine aufmerksame Miene auf.

Nach dem Mittagessen drückte Poppy ihm einen dreieckigen Zettel in die Hand, als sie sich im Gang begegneten. Auch ohne ihn zu entfalten, wusste er, was darauf stand. Es war eine Befragung. Er konnte sich nicht mehr erinnern, wer damit angefangen hatte, oder wann, aber die Befragung war eine streng geheime Angelegenheit, die mit dem eigentlichen Spiel nichts zu tun hatte. Poppy, Alice und er mussten alle Fragen zum Spiel schriftlich beantworten, doch die Antworten waren nur für den Fragenden gedacht. Die Figuren erfuhren nichts davon.

Die Zettel gingen zwischen ihnen hin und her, vor allem, wenn einer Hausarrest hatte oder bevor jemand einen Ausflug machte. Zach überkam jedesmal ein Hochgefühl, wenn er einen gefalteten Zettel erhielt, und gleichzeitig ein leichtes Grauen. Dieser Teil des Spiels war besonders riskant. Wenn ein Lehrer den Zettel beschlagnahmen oder Alex etwas merken würde – allein bei der Vorstellung brannte Zachs Nacken, so peinlich war ihm das.

Er entfaltete vorsichtig den Zettel und strich ihn auf der aufgeschlagenen Seite seines Schulbuchs glatt, als Mr Lockwood mit dem Geschichtsunterricht begann.

Sollte der Fluch aufgehoben werden, würde William dann wirklich kein Pirat mehr sein wollen? Wenn ja, würde er es vermissen?

Wen hält er für seinen Vater? Glaubt er, dass Lady Jaye ihn mag?

Hat William jemals Albträume?

Zach fing an zu schreiben. Es gefiel ihm, wie sich die Geschichte dabei entwickelte und dass ihm die Antworten manchmal wie von selbst einfielen, aus heiterem Himmel, wie eine Wahrheit, die er nur erkennen musste.

Manchmal träumt William, er sei lebendigbegraben. Er träumt, dass er aufwacht und alles um ihn schwarz ist. Er weiß nur, wo er ist, weil eine schwere Last auf seine Brust drückt und er kaum genug Luft bekommt, um zu schreien. Normalerweise wacht er auf, wenn er versucht zu schreien. Dann merkt er, dass er in seiner Kajüte in der Hängematte schaukelt. Er ist in kalten Schweiß gebadet und sein Papagei mustert ihn misstrauisch mit seinem einen schwarzen Auge. Unddann sagt William sich, wenn er irgendwann bestattet wird, dann auf See.

Auch nachdem er den Zettel wieder zusammengefaltet und in die Vordertasche seines Rucksacks gesteckt hatte, war er noch immer ganz in der Geschichte gefangen. Zach kritzelte Bilder an die Ränder seines Hefts, zeichnete Entermesser, abgefeuerte Gewehre und Kronen neben seine Geometrie-Hausaufgabe und die Daten der Schlacht am Wounded Knee.

Im letzten Sommer war auch Zach das Mysterium widerfahren, das Jungen wie Bohnenkraut in die Höhe schießen ließ. Er war immer schon groß gewesen, doch jetzt hatte er seinen Vater beinahe eingeholt und konnte mit seinen neuen Riesenhänden den Basketball viel besser fangen. Auch seine Beine waren so lang geworden, dass er im Sprung fast das Netz berühren konnte. Im Vorjahr hatte er sich auf dem Spielfeld noch zurückgehalten, doch jetzt stürmte er es jedesmal regelrecht.

Plötzlich sahen ihn alle in der Schule mit anderen Augen. Die Jungs wollten häufiger mit ihm abhängen, schlugen ihm auf den Rücken und lachten lauter über seine Witze. Und die Mädchen benahmen sich einfach total seltsam.

Sogar Alice verhielt sich ihm gegenüber manchmal sonderbar. Im Beisein ihrer Schulfreundinnen redete sie nicht mehr wie sonst mit ihm, sondern kicherte genauso verlegen wie alle anderen. Erst an diesem Nachmittag war er nach dem Training Alice und einigen Mädchen aus der Theatertruppe begegnet. Laut lachend und kreischend waren sie davongestoben, ehe er Alice fragen konnte, was so lustig war oder ob sie mit ihm nach Hause gehen wollte.

Deshalb fühlte er sich an diesem Spätsommertag auf dem Heimweg ein bisschen einsam und ließ den Teppich welker Blätter bei jedem Schritt aufstieben. Er wusste nicht, was er sonst tun sollte, damit es wieder ein bisschen war wie früher. Er konnte sich schließlich nicht in den zurückschrumpfen, der er mal gewesen war.

Ein unheimlicher Wind pfiff durch die dicht verzweigten Bäume vor Mr Thompsons altem Haus am Ende der Straße. Es hörte sich an, als würde jemand stetig näher kommend in weiter Ferne kreischen. Zach beschleunigte sein Tempo, ging schneller und schneller und kam sich dabei kindisch vor. Ihm kribbelte der Nacken, als wäre, was immer da kam, ihm schon so dicht auf den Fersen, dass er den Hauch seines Atems spüren konnte.

Auf einmal überkam ihn eine schreckliche Angst. Sie war überwältigend und er rannte los, obwohl er sich idiotisch vorkam, und hetzte über den Rasen auf ihr kleines Backsteinhaus zu. Um nicht in vollem Lauf gegen die Haustür zu knallen, fing er sich mit den Händen ab, schnellte zurück und riss sie auf.

Es roch warm und tröstlich nach Spaghettisoße und Würstchen in der Pfanne, was sogleich alle Gedanken an den unheimlichen Wind vertrieb.

Seine Mutter streckte den Kopf aus der Küche. Sie trug eine Jogginghose und hatte ihr langes braunes Haar mit Haarspangen nach hinten gebunden. Sie sah müde aus. »Gleich gibt es Abendessen. Du kannst schon mal mit den Hausaufgaben anfangen, ich rufe dich dann, wenn es fertig ist.«

»Okay«, sagte Zach. Als er durchs Wohnzimmer ging, kam sein Vater die Treppe herunter. Er legte eine Hand schwer auf seine Schulter.

»Du bist kein Kind mehr«, sagte er, eine dieser seltsamen Bemerkungen, die Erwachsene offenbar manchmal gerne machten, die Offensichtliches konstatierte und auf die man nichts erwidern konnte.

Seit sein Vater wieder eingezogen war, sagte er ständig so ein Zeug.

»Vermutlich.« Zach schüttelte seine Hand ab und ging nach oben in sein Zimmer.

Er warf den Rucksack aufs Bett, ließ sich bäuchlings danebenplumpsen und holte das Sozialkundebuch heraus. Er las das aufgegebene Kapitel und machte dann mit den Interpunktionsaufgaben weiter. Dabei schlüpfte er aus seinen Turnschuhen und ließ sie auf den Boden fallen. Er konnte sich kaum konzentrieren. Sein Magen knurrte wie verrückt und der Essensduft machte das Ganze erst recht zur Qual. Das Training war anstrengend gewesen und er hatte wirklich keine Lust, noch zu lernen. Zach wollte vor dem Fernseher sitzen und die Geisterjäger-Serie sehen oder die mit dem Meisterdieb, der fürs FBI arbeitete. Am allerliebsten direkt vom Sofa aus mit einem großen Teller Spaghetti und Würstchen auf dem Schoß.

Doch seine Mutter würde es ihm wahrscheinlich nicht erlauben. Seit sein Vater zurückgekehrt war, mussten sie immer, wenn er da war, alle zusammen am Tisch essen – Handys, Gameboys oder Bücher waren dann verboten. Dazu zitierte sie eine Studie aus einer Zeitschrift, in der stand, ein gemeinsames Abendessen würde aus Zach einen glücklicheren Erwachsenen machen und ihr beim Abnehmen helfen. Warum das nur galt, wenn sein Vater zu Hause aß, obwohl es angeblich so wichtig war, blieb Zach ein Rätsel.

Während ihm all das durch den Kopf ging, fiel ihm etwas Seltsames auf. Als er morgens zur Schule gegangen war, hatte Säbel-William mit mehreren anderen Actionfiguren der weniger wichtigen Crewmitglieder der Neptunperle am Rand seines Schreibtisches gesessen. Doch jetzt waren sie alle weg.

Zach ließ den Blick durch sein Zimmer wandern. Es war nicht besonders aufgeräumt, obwohl seine Mutter ihn jeden Sonntag aufforderte, ein wenig für Ordnung zu sorgen. Seine schmutzige Wäsche häufte sich um den eher leeren Wäschekorb und aus dem Bücherregal quollen Piratenbücher, Abenteuerromane und Schulbücher. Einige lagen auch auf dem Fußboden. Auf dem Schreibtisch neben seinem Computer stapelten sich Zeitschriften, Legosteine und Modellbauschiffe. Trotzdem wusste er genau, wo seine Männer sein sollten – und da waren sie nicht.

Zach stand unbeholfen auf und glitt langsam von der Matratze. Dann bückte er sich und sah unterm Bett nach. Hin und wieder kam Party, ihre Katze, in sein Zimmer und wirbelte alles durcheinander. Doch auch als Zach auf dem Teppich hockte, konnte er Säbel-William nirgends entdecken.