Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Als Hexe verdächtigt, flieht sie und schließt sich einem Kreuzzug an … Österreich, 1146. Die junge Johanna hadert mit ihrem Schicksal als Nonne im Kloster Admont, weil sie sich in den ansehnlichen Pater Anselm vom benachbarten Mönchsorden verliebt hat. Als er mit den Kreuzfahrern ins Heilige Land aufbricht und Johanna plötzlich von einer missgünstigen Mitschwester angeklagt wird, mit dem Teufel im Bunde zu stehen, beschließt sie, ihm zu nachzureisen. Im Gefolge der französischen Königin Eleonore findet sie Anschluss und Schutz. Doch dann wird ihr Schiff von Piraten überfallen und Johanna begibt sich in größte Gefahr, um die Königin zu retten … Ein abenteuerlicher Mittelalterroman für Fans von Manuela Schörghofer.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 580
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Über dieses Buch:
Österreich, 1146. Die junge Johanna hadert mit ihrem Schicksal als Nonne im Kloster Admont, weil sie sich in den ansehnlichen Pater Anselm vom benachbarten Mönchsorden verliebt hat. Als er mit den Kreuzfahrern ins Heilige Land aufbricht und Johanna plötzlich von einer missgünstigen Mitschwester angeklagt wird, mit dem Teufel im Bunde zu stehen, beschließt sie, ihm nachzureisen. Im Gefolge der französischen Königin Eleonore findet sie Anschluss und Schutz. Doch dann wird ihr Schiff von Piraten überfallen und Johanna begibt sich in größte Gefahr, um die Königin zu retten …
Über die Autorin:
Ursula Niederberger schreibt unter dem Pseudonym Nora Berger. Sie wurde in Düsseldorf geboren, heiratete nach Bayern und lebt heute mit ihrem Mann in Traunstein und zeitweise in einem kleinen Appartement mitten in Paris, wo sie an der Sorbonne Philosophie und Literatur studierte. Sie ist aktives Mitglied bei der DeLiA und Homer.
Die Website der Autorin: nora-berger.info/
Die Autorin im Internet: facebook.com/norabergerhistorischeromane/
Nora Berger veröffentlichte bei dotbooks bereits »Das Mädchen und der Templer«.
***
eBook-Neuausgabe April 2025
Copyright © der Originalausgabe 2023 by Weltbild GmbH & Co. KG, Ohmstraße 8a, 86199 Augsburg
Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von iStock/CAP53 und eine Gemäldes von Malnig »Schiff vor stürmischer Küste«
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ae)
ISBN 978-3-98952-767-6
***
dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people. Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!
***
Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit gemäß § 31 des Urheberrechtsgesetzes ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected]. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags
***
Sind Sie auf der Suche nach attraktiven Preisschnäppchen, spannenden Neuerscheinungen und Gewinnspielen, bei denen Sie sich auf kostenlose eBooks freuen können? Dann melden Sie sich jetzt für unseren Newsletter an: www.dotbooks.de/newsletter (Unkomplizierte Kündigung-per-Klick jederzeit möglich.)
***
Besuchen Sie uns im Internet:
www.dotbooks.de
www.facebook.com/dotbooks
www.instagram.com/dotbooks
blog.dotbooks.de/
Nora Berger
Die Reise der Kreuzfahrerin
Historischer Roman
dotbooks.
Kloster Admont im Jahre 1146
Die Gesänge des Gotteslobs zur Matutin-Messe hallten durch den eiskalten, kreuzförmigen Raum der romanischen Basilika und flogen über den geschmückten, mit goldenen Sakralgegenständen verzierten Altar. Die melodiösen Töne ließen die in Stein gemeißelten Heiligenfiguren Rupert und Martin im dreischiffigen Chorraum jedoch unbeeindruckt. Ora et labora et lege – Bete und arbeite und lies – der Wahlspruch des Benediktinerordens war in goldenen Lettern auf eine Steinplatte über dem Altar geprägt. Johanna schloss für einen kurzen Moment fröstelnd die Augen. Sie war müde, die Stimme versagte ihr des Öfteren, denn ihre Gedanken schweiften ab. Sie versuchte, sich zusammenzureißen, um die Psalmen mitzubeten und den Lesungen zu folgen. Was war bloß mit ihr los? In der kurzen Nachtruhe hatte sie kaum geschlafen und sich von einer Seite auf die andere gewälzt. Sie wagte es nicht, sich ihrer sündigen Träume zu erinnern, die sie in den kurzen Schlafphasen überfallen hatten. Ständig musste sie an Pater Anselm denken, den jungen Mönch aus dem angeschlossenen Nachbarkloster. Er hatte ihr gestern in Vertretung des ehrwürdigen Pater Eusebius, der plötzlich erkrankt war, die Beichte abgenommen. Das war nichts Ungewöhnliches, denn die beiden Benediktinerklöster lagen als Doppelkonvente nahe beieinander am Fluss Enns. Den Mönchen war der freie Zugang zum Frauenkloster verboten, aber sie nahmen den Nonnen regelmäßig die Beichte ab, spendeten ihnen die Sakramente und leisteten, wenn nötig, seelischen Beistand. Auch in einigen praktischen und wirtschaftlichen Dingen war ihre Hilfe gefragt. Der Zugang zum Nonnenkonvent wurde allerdings streng bewacht und konnte nur durch den Gebrauch dreier Schlüssel geöffnet werden. Einen besaß die Magistra, die Oberin des Klosters, den zweiten der Prior des Männerklosters, und der dritte wurde vom Ältesten der Mönche, Pater Eusebius verwahrt.
»Ich gehöre und gehorche unserem Herrn …«, betete Johanna, während sie an ihre samstägliche Beichte dachte, an die wenigen und vor allem harmlosen Sünden, die sie gestanden hatte. Sie hatte Pater Anselm nur im schummrigen Licht der Zelle durch das vergitterte Fensterchen an der Verbindungstür wahrnehmen können, doch seine sanfte, junge Stimme, die Umrisse seines im Schatten liegenden, gut geschnittenen Gesichts, in dem die graugrünen Augen vor Glaubenseifer leuchteten, waren ihr nicht mehr aus dem Kopf gegangen.
»Tut Buße, Schwester! Eure Sünden sind euch hiermit vergeben – wenn man bei Eurer Beichte überhaupt von Sünden sprechen kann!« Ein leichtes Lächeln hatte auf Pater Anselms Lippen gelegen, als er das Kreuzzeichen schlug. »Gott segne Euch!«
Johanna hatte beklommen genickt. Tatsächlich hatte sie nicht viel zu bereuen gehabt, außer, dass sie ein paar Pflaumen aus der Speisekammer stibitzt und einmal die Vigil verschlafen hatte. Aus tiefer innerer Scham verschwieg sie bei der Beichte auch lieber die peinlichen und eigentlich unerlaubten Vorgänge im Kloster. Zum Beispiel, dass ihre Mitschwester Edigna sie in letzter Zeit immer so verliebt ansah. Dass sie ihr nachstellte und jede Gelegenheit wahrnahm, sie zu berühren und sich gegen sie zu drücken, wenn niemand hinsah. Neulich war sie sogar in ihre Zelle gekommen, um ihr einen angeblich »schwesterlichen« Kuss zu geben, und hatte versucht, ihr dabei an ihre Brust und unter ihre Tracht zu fassen. Johanna hatte sie angewidert und entsetzt zurückgestoßen, aber Edigna hatte behauptet, das machten doch die meisten Nonnen im Kloster so, und diese Zärtlichkeiten wären ganz normal. Als sich die Nonne nicht zurückweisen ließ, eskalierte die Situation, es war zu einem Kampf zwischen den beiden gekommen, bei dem Johanna, die Edigna körperlich überlegen war, ihr eine Ohrfeige gegeben und die Haube vom Kopf gerissen hatte.
Edigna konnte ihr diesen Zwischenfall wohl nicht vergessen und verfolgte sie seitdem mit einem unversöhnlichen Hass. Erst jetzt fiel Johanna auf, dass es unter den Nonnen tatsächlich ein paar enge Beziehungen gab, vor denen die Magistra, wie man die Mutter Oberin im Kloster nannte, wohl die Augen verschloss. Sie begriff, dass da etwas existierte, ein unausgesprochenes Tabu im Kloster. Doch sie konnte sich diese Art Liebe unter Frauen gar nicht vorstellen und verzog allein schon bei dem Gedanken vor Abscheu das Gesicht. Da gab sie sich eher ihren Fantasien hin, erlebte Situationen, die sie in der Beichte natürlich nicht erwähnte. So hatte sie im Traum einmal den jungen Viehhirten geküsst, den sie doch nur auf dem Feld und ganz von Weitem gesehen hatte, als sie im Kräutergarten Unkraut zupfte. Es war aufregend und ein sehr angenehmes Gefühl gewesen.
Aurora luci rutilitat, caelum resultat lausibus … »Das Licht in der Dämmerung beginnt zu schimmern, der Himmel hallt wider von Lobgesängen«, tönte es jetzt inbrünstig aus den Kehlen der Nonnen. Johanna bewegte nur leicht die Lippen. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Edigna sie beobachtete, wahrscheinlich, damit ihr keine Unaufmerksamkeit entging, die sie dann der Magistra melden konnte. Unscheinbar und von kleiner Statur, mit unreiner Haut und welligen dunklen Haaren, war Edigna der ganze Gegensatz zu ihrer Mitschwester, der hochgewachsenen Johanna, die mit ihrer milchweißen Haut, den blauen, engelhaft blickenden Augen und blonden Haaren eine wahre Schönheit darstellte. Die folgenden Psalmen und Gebete, hundertfach schon rezitiert, flossen ganz von selbst von Johannas Lippen – nur bei den Lesungen verlor sie sich wieder in Gedanken an Pater Anselm. Würde sie ihn wiedersehen? Eine zehrende, nie gekannte Sehnsucht durchströmte ihre Brust, seine Augen durch das Beichtgitter noch einmal auf ihr ruhen zu fühlen und den Klang seiner Stimme zu hören.
»Johanna«, rügte die Magistra sie am Ende der Messe, als sie sie in ihr Büro kommen ließ. »Was ist mit dir? Du warst wohl heute nicht ganz bei der Sache. Das hat mir Schwester Edigna gemeldet. Bist du krank?« Sie sah sie prüfend von oben bis unten an.
»Nein, nein, ehrwürdige Mutter«, erwiderte Johanna. »Das heißt, nun ja, ich habe ein wenig Kopfweh. Ich bitte um Entschuldigung.«
Die Magistra warf ihr einen strengen und wachsamen Blick zu. Sie war groß und hager, mit einer kräftigen Nase, einem fliehenden Kinn und verwaschenen graubraunen Augen, an deren Ausdruck man nicht erkennen konnte, was sie dachte. Ihre Haut war trotz ihrer kaum fünfzig Jahre in der Klosterluft frühzeitig gewelkt, und den dunklen Schatten des Damenbartes, der sich auf ihrer Oberlippe zeigte, nahm sie als gottgegeben hin. Sie achtete auf Disziplin und tauchte in ihrem schwarzen Habit mit leisen Schritten immer da auf, wo man sie nicht vermutete. »Geh dir ein Mittel aus der Klosterapotheke holen«, sagte sie milde und nahm die Feder in die Hand, um etwas in ihren Papieren zu notieren.
Johanna verließ den Raum und folgte den anderen Nonnen durch den Kapitelsaal ins Refektorium, in dem zwischen Säulen mit verzierten Kapitellen einfache Holztische und Bänke standen. In Blickrichtung an der Wand befand sich eine Darstellung der Mutter Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm. Ein Schälchen Hirsebrei mit getrockneten Früchten stand für jede Nonne dort bereit. Nur das leise Rascheln der schwarzen Ordenskleider war zu hören – Unterhaltungen waren nicht gestattet, und so verzehrte jede Nonne ihr Mahl schweigend. Johanna war unruhig, sie hatte wenig Appetit. Nur ein Gedanke kreiste in ihrem Kopf – Pater Anselm. Ständig hörte sie seine sanfte Stimme, sah die im dämmrigen Schatten der Zelle verschwimmenden Umrisse seines Gesichts, fühlte seinen Blick durch das vergitterte Fensterchen. Waren seine Augen grün oder blau? Sie dachte lange darüber nach. Wie sollte sie diesen, ihren Kopf und Körper gleichermaßen durchdringenden, sehnsuchtsvollen Schmerz nur wieder loswerden? Es war ein seltsames Gefühl, das ihr bisher unbekannt gewesen war und das ihr ganzes Wesen in Aufruhr versetzte.
Würde es helfen, diese Gefühle dem ehrwürdigen Pater Eusebius zu beichten? Vor Scham errötete sie. Nein, das konnte sie nicht. Und außerdem würde man sie wegen ihrer sündigen Gedanken bestrafen.
Wenn sie nur wüsste, wer dieser Pater Anselm war, was er dachte! Man sagte, er wäre erst kürzlich aus dem Mutterstift Sankt Peter in Salzburg nach Admont gekommen. Sie hätte gerne alles über ihn erfahren. Aber wie sollte sie das nur anstellen, bei den Sicherheitsvorkehren, die zwischen den beiden nicht weit auseinanderliegenden Klöstern bestanden? Nun, vielleicht hatte sie Glück, dass Pater Anselm am kommenden Samstag bei der Beichte noch einmal den ehrwürdigen Eusebius vertreten musste. Dann würde sie ihn wiedersehen. Ihr Herz schlug vor Freude plötzlich in schnellem Takt. Aber wenn er nicht käme – was machte sie dann? Ihn aus ihrem Herzen zu verbannen schien ihr so schrecklich, wie dem Tod ins Gesicht zu sehen, der Leere, der Einsamkeit, dem Nichts. Noch nie hatte sie solche Gedanken gehabt – sie war immer glücklich im Kloster gewesen, in das ihr Vater sie schon als halbes Kind gebracht hatte. Es war allerdings auch ihr eigener Wunsch gewesen, ein frommes Leben unter Nonnen zu führen – selbst eine solche zu werden und ihr ganzes Leben der Anbetung Gottes zu widmen. »Lieber Gott«, betete sie inbrünstig. »Lass Pater Anselm noch einmal kommen, damit ich sein Bild in mein Herz aufnehme und es darin bewahre. Dann will ich auch weiterhin ein frommes, dir gefälliges Leben führen und an ihn denken wie an eine ferne, kostbare Erinnerung, die mir für immer teuer sein wird …«
An diesem Punkt hielt sie inne. War das wirklich das, was sie sich wünschte? In Wahrheit sehnte sie sich doch danach, ihm nahe zu sein, seine Gegenwart zu spüren, ihn zu berühren. Diese Gedanken schienen ihr eigentlich unstatthaft und höchst sündig. Aber sie konnte nichts dagegen tun, dass diese Wünsche gegen ihren Willen einen Platz in ihrem Herzen einnahmen. Es war, als hätte ein Dämon von ihr Besitz ergriffen, der sie mit ihren eigenen Phantasien quälte. Vielleicht brachte es ihr ja Erleichterung, Pater Anselm selbst ihre Gefühle zu beichten, ihn zu fragen, was sie tun sollte. Nur er konnte den Bann über sie lösen, sie lossprechen, sie von ihren sündigen Vorstellungen befreien, die ihre Gefühle ihr eingaben. Sie ging zur Klosterapotheke und ließ sich ein Tränklein geben, von dem sie wusste, dass es ihr ohnehin nicht helfen würde.
Edigna saß nach einer Stunde der Einkehr in der Zelle im Kalefaktorium, der Wärmestube, und war über eine Näharbeit gebeugt, an der sie eifrig stichelte. Draußen lag Schnee, es war eisig kalt, und die zugigen Zellen, die frostige Kirche und der scharfe Wind, der erbarmungslos durch die Flure und den Kreuzgang fuhr, schützte die Nonnen kaum vor der Witterung. Dabei war der Winter schon vorbei – doch in dieser von Bergen umgebenen Region kamen selbst im April noch einmal Schnee und schneidend kalte Temperaturen zurück. Auch Johanna hatte Zuflucht in dem von einem riesigen Kamin geheizten Raum gesucht, wo ein hoch aufflammendes Feuer unterhalten wurde. Genau wie sie wärmten sich auch die anderen Mitschwestern bis zur nächsten Gebetsmesse an diesem Zufluchtsort, der ihre eisigen Hände ein wenig beweglicher machte.
Die Magistra fehlte in der Runde, denn in ihrem Arbeitszimmer befand sich ein eigener Kamin. Da Bildung im Kloster großgeschrieben wurde und die Nonnen Unterricht in Latein bekamen, waren einige von ihnen auch über erbauliche Texte gebeugt. Leise und unhörbar bewegten sich ihre Lippen beim Lesen.
Wie Edigna hatte sich auch Johanna etwas zum Flicken mitgebracht – an ihrer Haube hatte sich eine Naht gelöst. Von Zeit zu Zeit hob Edigna den Kopf und betrachtete ihre Mitschwester verstohlen von der Seite. Gleich zu Anfang hatte sie sich in die schöne, blondgelockte Johanna verguckt, die aber nichts von ihr wissen wollte. So war aus Verliebtheit und Bewunderung Neid und Rachsucht geworden, und sie war dazu übergegangen, Johanna kleine, boshafte Streiche zu spielen, die nicht weiter auffielen. Zuerst hatte sie deren Ration beim Essen halbiert, wenn sie an der Reihe war auszuteilen, dann versteckte sie ihre Sachen und rupfte Kräuter, die sie gerade eingepflanzt hatte, wieder aus.
Doch seit die Magistra im Scriptorium ausgerechnet Johannas schöne Handschrift gelobt und sie mit besonders delikaten Abschriften und Zeichnungen beauftragt hatte, war es ganz aus. In der ehrgeizigen Edigna, die so etwas selbst gerne angefertigt hätte, nahmen Hass, Neid und Eifersucht überhand. Das heitere, liebenswürdige Wesen, mit dem Johanna alle Herzen gewann und nur das Ihre zurückwies, schmerzte tief. Sie fühlte den immer stärker werdenden Drang, sich an ihr zu rächen, mehr noch, sie zu vernichten. Ständig lag sie auf der Lauer, um sie bei einem Fehler zu ertappen und bei der Magistra zu melden. Diese hielt zwar auf Zucht und Ordnung, doch bei manchen der eher harmlosen Verfehlungen der Nonnen, wie Schwatzen beim gemeinsamen Mahl, Unpünktlichkeit bei der Morgenmesse, Fastenbrechen und kleineren Streitigkeiten, mahnte sie eher milde.
So musste Edigna sich etwas Besonderes ausdenken – etwas, was nicht alle Tage vorkam. Der streng geregelte Tagesablauf im Kloster erlaubte nicht viele Freiheiten, aber die Magistra hatte dennoch einige Lockerungen eingeführt. Dazu gehörte der tägliche Spaziergang am Fluss Enns entlang, der ihrer Meinung nach der Gesundheit und dem Wohlbefinden der Nonnen diente. Jeden Tag, außer bei strömendem Regen, Schneesturm oder Gewitter, brach das kleine Grüppchen der Nonnen unter der Führung der Oberin zu einem Spaziergang auf. Das sollte Leib und Seele guttun. Zu zweit, wohlgeordnet und manchmal auch in Begleitung des betagten Priors, der über den Hauptschlüssel zum Nonnenkloster verfügte, wanderte man ein Stück am Fluss entlang, vorbei am mächtigeren Bau des benachbarten Klosters der Benediktinermönche.
Edigna, die wegen ihres in der Kindheit schlecht ausgeheilten Rheumas nicht so leichtfüßig wie Johanna über Stock und Stein laufen konnte, blieb immer ein Stück zurück. Sie folgte wachsam Johannas Blicken, die heute sehnsüchtig an der Fassade des Männerklosters hafteten, als suchte sie dort etwas. Johanna achtete nicht auf ihre Bewacherin, die sofort ein Geheimnis witterte. Sie hoffte auf ein Wunder – nämlich, dass Pater Anselm gerade jetzt über den Hof laufen oder sich an einem der Fenster des Gebäudes zeigen würde. Die Mauern des Konvents schienen ihr nun umso heiliger und kostbarer, weil sie ihn beherbergten und seine Zelle umschlossen. Konnte nicht allein ihr inniger Wunsch wenigstens einen Zipfel seiner Kutte sichtbar machen? Es war aufregend, sich genau das auszumalen – darauf zu warten, dass es durch eine ganz besondere Fügung geschähe. Ihre Wangen glühten bei diesen Gedanken noch mehr als durch den frischen Wind, der durch das Tal fuhr.
Von ihrer Arbeit im Scriptorium wusste sie, dass die geheimnisvollen Folianten, in denen die Nonnen auf keinen Fall lesen durften, alle möglichen Zaubersprüche enthielten, mit denen man sich eine Person herbeiwünschen konnte. Auch Beschwörungen gegen die Anfechtungen des Teufels waren darin aufgelistet. Aber an solches Zauberwerk wollte sie jetzt lieber nicht denken. Oder doch? Sie wusste, dass es ein besonderes Buch in der Bibliothek gab, das solche Zaubersprüche beschrieb, denn sie hatte es heimlich schon einmal aufgeschlagen.
Es handelte auch davon, wie man die Liebe eines Menschen auf sich ziehen oder unerwünschtes Begehren und fremde Behexung abwehren konnte. Bei Letzterem hatte sie eher an Edigna gedacht, die nicht aufgab, ihr Schlechtes zu wünschen und sie zu verleumden. Ein Mönch namens Regidius hatte in dem Buch verschiedene Beschwörungsformeln niedergeschrieben, die Mönche und Nonnen nutzen konnten, um schlechte Einflüsse und Gefahren abzuwenden, zum Beispiel von Plünderern und Soldaten, die das Kloster bedrohten. Auch gegen Dämonen, die in die Seele der Klosterschwestern fahren konnten, sollten seine Bannsprüche wirksam sein.
Was Johanna aber an diesem Buch besonders fasziniert hatte, war ein Kapitel über die Zubereitung von Liebestränken. Regidius nannte den verderblichsten Trank dieser Gattung Amor Potio und beschrieb das geheime Rezept. Es handelte sich um ein Gemisch aus Alraune, Cochenille, dem Blut von Taubenherzen, einem Extrakt von schwarzem Bilsenkraut und einer Prise spanischer Fliege. Mit Cannabis oder Opium versetzt, sollten ein paar Tropfen dieses Gebräus selbst einem Mönch oder einer Nonne gefährlich werden. Demjenigen, dem es vielleicht unwissentlich beigebracht wurde und der dadurch ein unredliches Verlangen verspürte, empfahl der Mönch folgenden Bannspruch: »Hat es getan ein Weib«, hieß es da, »dann fahr ihm in den Leib« – und umgekehrt: »Hat dich beschrien ein Mann, so komm es ihm selber an.« – »Mache dann das Zeichen des Kreuzes und singe ein Pater Noster darüber«, riet Regidius zum Schluss.Damit wardas Kapitel aber noch nicht abgeschlossen, denn nun ging es darum, die Dämonen, deren verschiedene Namen genau beschrieben waren, mit noch anderen Mitteln auszutreiben.
Johanna hatte sich den Spruch gegen unerwünschte Liebe gut gemerkt und beschlossen, ihn demnächst bei den Annäherungen Edignas auszuprobieren. In ihren Phantasien hätte sie dem jungen Pater Anselm gerne einen Liebestrank serviert, damit auch er diese glühende Sehnsucht verspürte, die ihr Herz marterte. Doch allein die komplizierte Herstellung, so wie sie im Buch stand, und eine unauffällige Verabreichung eines solchen Trankes schienen ihr nahezu unmöglich. Auch wenn es sündig war, so zu denken und zu lieben, wie sie es jetzt tat, so wünschte sie sich doch leidenschaftlich, dass Pater Anselm ebenso empfände wie sie.
Sie seufzte leise, aber aus tiefstem Herzen, als sich die Nonnen an der Brücke über die Enns formierten, um ins Kloster zurückzukehren. Die Luft war rein, klar und kalt, der Himmel von einer unendlichen Bläue, die die Augen blendete. Vorwitzige Sonnenstrahlen erzeugten jedoch schon eine angenehme und belebende Wärme auf der schwarzen Tracht der Schwestern und ließen den Frühling ahnen. Johanna wäre gerne noch länger an der frischen Luft geblieben und meldete sich bei ihrer Rückkehr zum Dienst im Kräutergarten. Doch vergeblich – die Magistra hatte sie für die Schreibstube eingeteilt.
Sie trat an ihr Pult, an dem die frisch gespitzte Gänsefeder und das Töpfchen mit der Eisengallustinte schon bereitstanden. Die Urkunde, mit deren Ausführung sie bereits begonnen hatte, diente der Absicherung der Rechte des Nonnenklosters, die ihm vom Mutterkloster Sankt Peter in Salzburg zugesichert worden waren. An beiden Seiten des Pergaments hatte Johanna die Schutzheiligen des Klosters, Rupert und Martin, fein säuberlich von einer Vorlage abgemalt. Die Anfangsbuchstaben waren mit einem schönen verschnörkelten Schwung verziert, so wie es sich gehörte. Sie begann mit der Abschrift und zog sorgfältig die Feder über das raue Pergament. Auch Edigna war, wie sie mit einem kurzen Blick feststellte, an diesem Tag zur Arbeit im Scriptorium eingeteilt. Doch sie hatte nur eine unbedeutende Kopie, das Dokument für einen Kaufvertrag anzufertigen, eine langweilige Arbeit, die keine besondere Kunst erforderte.
Als die Nonnen in einer Pause ihren Arbeitsplatz in der Schreibstube verließen und nur Johanna zurückblieb, beobachtete Edigna sie heimlich durch einen Spalt der halb geöffneten Tür, um zu sehen, was sie gerade tat. Und tatsächlich, als Johanna sich vergewissert hatte, dass alle Mitschwestern fort waren, betrat sie den von der Schreibstube abgeteilten Raum der Bibliothek, obwohl dies den Nonnen streng verboten war. Sie stieg auf die Leiter zu den oberen Regalen, wählte einen der dicken Folianten und zog ihn aus dem Regal. Vorsichtig blätterte sie darin und vertiefte sich in einen Text. Erst als Schritte ihr verrieten, dass die Pause um war und die Nonnen zurückkehrten, stellte sie den Folianten wieder an seinen Platz, nicht ohne ein Zeichen zwischen die Seite gelegt zu haben. Edigna setzte sich rasch an ihr Pult, bevor Johanna in die Schreibstube zurückkehrte, und tat so, als schriebe sie eifrig. Innerlich triumphierte sie jedoch. Da es den Nonnen strengstens verboten war, gewisse Bücher aufzuschlagen, deren Texte nur der Magistra oder einem Prior zum Lesen vorbehalten waren, hatte sie wieder einen Grund, Johanna anzuschwärzen. Aber erst einmal wollte sie wissen, was in dem alten Buch stand, das Johanna so sehr interessierte, dass sie es mit einem Zeichen eingemerkt hatte.
Als zur Mittagsmesse, der Sext geläutet wurde und das Scriptorium leer war, schlich Edigna zum betreffenden Regal, stieg auf die Leiter und zog das schwere Buch heraus. Auf dem von Johanna gekennzeichneten Blatt ging es um Magie, um Bannsprüche, wie sie sehr schnell feststellte. Und ein folgendes Kapitel war gewissen Zaubertränken gewidmet. Ein schadenfrohes Lächeln überzog Edignas Gesicht – endlich hatte sie Johanna auf frischer Tat bei etwas Zwielichtigem und Verbotenem ertappt. Nur wer jemanden behexen wollte, war an solchen Dingen interessiert!
Gespannt blätterte sie ein paar Seiten weiter und kam zum nächsten Kapitel mit dem Titel: »Maleficium«. Darin war nur vom Schadenszauber die Rede, von den Fallen und Tücken des Teufels. Gebannt las sie, wie man den Versuchungen des Satans durch Beten, Geißeln widerstehen oder ihn gar durch die angeführten Bannsprüche verjagen konnte. Ein kurzer Abschnitt handelte davon, wie man Personen erkennen konnte, die vom Teufel besessen waren. Dieses Thema interessierte Edigna ganz besonders, und so hörte sie nicht, dass Johanna in die Bibliothek zurückkehrte. »Was machst du hier?«, fragte Johanna misstrauisch, als sie Edigna auf der Leiter erblickte, mit dem gleichen Folianten, in dem sie vorher gestöbert hatte. »Weißt du nicht, dass es verboten ist, in diesen Büchern zu lesen?«
Edigna fuhr wie ertappt zusammen. Sie klappte den Folianten zu, stellte ihn wieder ins Regal und kletterte von der Leiter. »Du hast es ja auch getan«, sagte sie triumphierend und mit einem falschen Lächeln. »Ich habe dich vorhin beobachtet. Da wollte ich nur mal sehen, womit du dich so beschäftigst. Die Magistra wird nicht erfreut sein, wenn ich ihr darüber Meldung mache. Schadenszauber und Bannsprüche – davon sollte eine gottesfürchtige Nonne keine Kenntnis haben.«
»Was redest du denn da?«, fragte Johanna mit Unschuldsmiene. »Mir ging es nur um die Bedeutung eines lateinischen Wortes, das ich abschreiben musste!«
»Ach so? Hieß dieses Wort etwa Liebeszauber?« Edigna dehnte den Satz maliziös. »Dummerweise hast du diese Stelle angemerkt!«
»Da hast du wohl das falsche Blatt erwischt«, verteidigte sich Johanna errötend. »Und hör endlich auf, mir nachzuspionieren. Soviel ich weiß, solltest du hier die Kopie eines Dokumentes anfertigen.« Sie ging zu ihrem Schreibpult zurück.
»Das geht dich gar nichts an! Du hast mir nichts vorzuschreiben«, fauchte Edigna ärgerlich. »Anweisungen nehme ich nur von der Magistra entgegen.« Sie raffte ihre schwarze Kutte, folgte Johanna und sah auf das Dokument an ihrem Pult. »Du bildest dir doch nur etwas darauf ein, dass du hier besondere Arbeiten anfertigen darfst«, sagte sie abschätzig, feuchtete ihren Finger an und fuhr, die Tinte verwischend, über den großen, verschnörkelten Buchstaben, mit dem sich Johanna besondere Mühe gegeben hatte.
»Bist du verrückt geworden?«, rief Johanna empört und bedeckte das Dokument. Jetzt musste sie wieder ewig lange radieren, um den Fleck wegzubekommen. »Lass mich endlich in Ruhe. Meinst du, ich habe nicht gemerkt, dass du ständig versuchst, mir etwas auszuwischen. Und was noch schlimmer ist, dass du es wagst, die Hand an meine Taille zu legen oder meinen Busen zu berühren? Und mich sogar in meiner Zelle mit deinen angeblichen Zärtlichkeiten bedrängst? Ich will das nicht, hast du das immer noch nicht begriffen? Spionierst du mir deshalb nach? Ich habe noch nie etwas gesagt, wenn du die Messe verschläfst und dann über angebliche Kopfschmerzen jammerst. Oder wenn du heimlich den Messwein austrinkst!«
»Verleumdung!«, protestierte Edigna, die blass geworden war. »Du meinst wohl, du bist etwas Besseres als ich.«
»Das bin ich auch. Statt nach Gottes Geboten zu leben, bist du schamlos, du lügst und betrügst und machst andere Leute schlecht. Wenn das so weitergeht, werde ich alles der Mutter Oberin erzählen. Alles!« Johanna betonte das Wort laut und deutlich.
»Mach das nur – dann wirst du schon merken, was passiert«, sagte Edigna mit einem drohenden Unterton. »Die Mutter Oberin ist nämlich auch keine Heilige. Sie wird mehr Verständnis für mich als für dich haben.«
»Was meinst du damit?«, Johanna stand auf und stemmte die Hände in die Hüften.
»Geh mir aus dem Weg – und nimm dich künftig in Acht, sonst passiert etwas!« Edigna spitzte die schmalen Lippen, und die halb zusammengekniffenen, fast wimpernlosen grauen Augen in ihrem teigigen Gesicht funkelten boshaft. »Ich warne dich!« Sie versetzte Johanna einen groben Stoß und rauschte an ihr vorbei. Johanna sah ihr nach: »Hat es getan ein Weib, dann fahr ihm selbst in den Leib – Hat dich beschrien ein Mann, so komm es ihn selber an«, murmelte sie mehrmals hintereinander, bekreuzigte sich und schickte ein Vaterunser hinterher.
***
Der Samstag rückte näher, und Johanna konnte es vor Spannung und Erwartung auf die Stunde der Beichte kaum aushalten. Scheinheilig hatte sie sich bei der Magistra nach dem Befinden von Pater Eusebius erkundigt. »Er hat noch Fieber – gebe Gott, dass er bald wieder gesund ist«, hatte diese mit bedenklichem Unterton geantwortet. »In seinem Alter muss man schließlich mit allem rechnen.«
»Fieber …«, dachte Johanna und versuchte den Wunsch zu verdrängen, dass der Pater noch einige Tage das Bett hüten müsse. Sie war völlig durcheinander, denn sie hatte in den letzten Tagen alles versucht, um das Bild Pater Anselms aus ihren Gedanken und Phantasien zu verscheuchen. Doch es half nichts. In den Nächten schlief sie kaum, sie aß wenig, betete und geißelte sich nach Vorschrift. Aber das Gefühl in ihrem Herzen ließ sich nicht eindämmen. Nicht Gott oder Jesus wohnten mehr darin, sondern der junge Pater, sein Gesicht und seine Stimme füllten ihr Herz, ihre Seele und ihr ganzes Wesen.
Das Einzige, was sie fürchtete war, dass ein anderer als er den alten Eusebius bei der Beichte vertreten würde. Ihr Herz klopfte wie rasend, als der Samstag endlich da war, sie nach den anderen Nonnen in die schummrige Zelle mit dem Beichtstuhl trat und voller Spannung durch das vergitterte Fensterchen blickte.
Eine heiße Welle durchfuhr ihren Körper, als sie Pater Anselm eintreten sah, der das Kreuzzeichen schlug und sie durch das vergitterte Fenster mit einem milden, aber freundlichen Blick bedachte. »Gott grüße Euch, meine Tochter!«, begann er. Ohne ein weiteres Wort, von ihren zurückgedrängten Emotionen förmlich überwältigt, brach Johanna sogleich in Schluchzen aus.
»Was ist Euch, meine Tochter?«, fragte Anselm bestürzt. »Was habt Ihr?« Er neigte sein Gesicht näher an das Gitter, um Johanna genauer zu betrachten. Die junge Nonne mit dem engelgleichen Gesicht, den leuchtend blauen Augen und den feinen blonden Härchen, die sich unter der strengen Haube hervorstahlen, hatte schon am ersten Beichttag einen ganz besonderen Eindruck auf ihn gemacht und ihn ganz unstatthaft bis in seine Träume verfolgt.
»Ich weiß, dass es eine große Sünde ist«, schluchzte Johanna ohne weitere Einleitung, »aber ich kann an nichts anderes mehr denken, als an Euch, Pater Anselm!« Ihre Worte stürzten aus ihrem übervollen Herzen über ihre Lippen wie ein Strom, der sich nicht mehr eindämmen ließ. »Tag und Nacht höre ich Eure Stimme, habe Euer Gesicht vor mir, Eure Augen …«
»Haltet ein, meine Tochter«, unterbrach sie der Pater, verwirrt von diesem unerwarteten Geständnis. »So etwas dürft Ihr nicht sagen. Ich bin ein Mann Gottes, ein Mönch und Euer Beichtvater! Ihr dürft mich mit solch sündigen Gedanken nicht in Verbindung bringen …«
»Pater Anselm – wie soll ein solch tiefes Gefühl, wie das, welches ich für Euch hege, sündig sein!« Johanna drückte ihr Gesicht so fest gegen das Gitter des Fensters, dass sein Muster sich auf ihren Wangen abzeichnete. »Noch nie, ich schwöre es, war mir ein Mensch so viel wert wie Ihr – so nahe meinem Herzen!«, klagte sie. »Ich habe gebetet, gefastet – und weiß nicht, was ich noch tun soll. Ihr müsst mir helfen, mir einen Rat geben. Sonst möchte ich lieber sterben. Ich habe oft daran gedacht, dass im Kräutergarten des Klosters eine Pflanze mit Namen Digitalis wächst, deren giftigen Saft ich am liebsten trinken würde, um Euch zu vergessen. Oder daran, mich vom Turm der Kirche zu stürzen. Der Tod erscheint mir süß – ein Leben, in dem ich Euch nicht mehr sehen darf, wäre die Hölle.« Sie wandte sich ab und senkte mutlos den Kopf.
»Aber meine Tochter …« Anselm wusste nicht, wie er in seiner eigenen Verwirrung die leidenschaftliche junge Nonne beruhigen sollte. »Ich verstehe nicht, was Ihr meint. Wir haben uns doch erst einmal im Beichtstuhl gesehen – und Ihr gesteht mir solche … solche Dinge. Die muss Euch der Teufel eingesagt haben.«
»Aber dieses Gefühl kann doch nicht vom Teufel kommen! Er ist das Böse – Jesus ist die Liebe! Ich habe sie nie gefühlt, aber jetzt kenne ich sie!« Johanna legte die Hand an das Gitter. »Legt Eure Hand hierher und lasst sie mich berühren.«
Der Pater wich zurück. »Nein! Ihr verlangt Unmögliches von mir …« In sein Gesicht trat flammende Röte.
»Dann sagt mir, was ich tun soll«, flehte Johanna.
»Welchen Rat soll ich Euch denn geben, außer dem, Euch mit Christi Liebe zu begnügen?«
»Sprecht zu mir – sagt irgendetwas, lasst mich Eure liebe Stimme hören! Erzählt mir etwas über Euch …«
»Aber … das geht doch nicht!« Pater Anselm schüttelte den Kopf. »Nicht in diesem Beichtstuhl. Ich bin gekommen, um Euch die Beichte abzunehmen – nicht umgekehrt. Besinnt Euch: Ihr habt ein Gelübde abgelegt. Ihr seid eine Braut Christi – und ich ein Mönch, der sich für das Zölibat entschieden hat! Kommt zu Euch! Tut Buße! Vergesst dieses unsinnige Verlangen.«
»Ich kann nicht«, stieß Johanna hervor. »Wie soll ich Euch vergessen, Pater! Ich habe es versucht, das schwöre ich. Ich höre Eure sanfte Stimme Tag und Nacht und sehe Eure Augen, deren Blick mir tief ins Herz gedrungen ist.«
Pater Anselm zögerte. »Ihr dürft solchen Gedanken nicht länger Raum geben. Vergesst mich – wir werden uns ohnehin nicht wiedersehen. Es ist das letzte Mal, dass ich Pater Eusebius vertrete. Ich verlasse das Kloster.«
»Was?«, Johanna erbleichte hinter dem Gitter. »Ihr geht fort?« Ein kurzes Schweigen trat ein, bevor sie mit gebrochener Stimme fortfuhr. »Dann habe ich nur einen Wunsch an Euch: Ich möchte Euch ein einziges Mal bei hellem Licht und in freier Natur gegenüberstehen«, bat sie. »Um mich von Euch zu verabschieden. Ich verspreche, dass ich meine Liebe dann ganz tief in meinem Herzen begraben werde.«
»Das ist unmöglich, das wisst Ihr genau«, fiel ihr der Pater ins Wort. »Ihr kennt doch die Regel, dass Nonnen und Mönche aus den beiden Klöstern einander nicht treffen dürfen. Die Türen sind gut versperrt.«
»Wenn es weiter nichts ist!« Johanna ließ nicht nach. »Pater Eusebius hat Euch für seine Vertretung sicher auch seinen Schlüssel übergeben. Und wenn der zweite, der des Priors, genau wie bei unserer Magistra in einem unverschlossenen Schrein in seinem Schreibtisch läge – dann wäre es für Euch ein Leichtes, ihn dort für eine kurze Zeit wegzunehmen.«
»Warum sollte ich denn so etwas Unsinniges tun – Euch außerhalb der Klostermauern zu treffen?
»Weil ich Euch so vieles sagen möchte. Ihr würdet mein Leben retten! Ich schwöre es. Ohne Euch hat alles keinen Sinn mehr für mich. Wenn ihr mich nicht sehen wollt, stürze ich mich vom obersten Turm …«
Dem Pater stockte bei dieser Ankündigung fast der Atem. »Das dürft Ihr nicht tun! Es wäre eine große Dummheit. Ich sagte doch, ich werde das Kloster verlassen. Und ihr müsst diese sündige Liebe aus Eurem Herzen verbannen.«
»Nein!«, Johanna stieß einen unterdrückten Schrei aus. »Niemals! Ich werde Euch niemals vergessen.«
Pater Anselm sah sich erschrocken nach allen Seiten um. »Pssst! So seid doch still«, fuhr er sie an. »Was soll die Magistra denken?«
»Das ist mir egal«, stammelte Johanna unter Tränen. »Sagt mir wenigstens, wohin Ihr gehen werdet!«
Der Priester legte den Finger auf die Lippen. »Das kann Euch doch ganz gleichgültig sein. Besinnt Euch! Ihr seid noch so jung – konzentriert Eure Liebe auf Jesus Christus.«
»Das, was ich für Euch empfinde, ist eine andere Art von Liebe. Sagt mir nur eins – warum geht Ihr fort?«, fragte Johanna verzweifelt. »Und wohin? Wollt Ihr ein weltliches Leben führen?«
»Nein!«, wand sich der Pater. »Das ist es nicht. Ich werde dem Aufruf von Papst Eugen III. folgen und am zweiten Kreuzzug ins Heilige Land teilnehmen.« Er heftete seinen Blick wie zur Unterstützung auf das kunstvoll geschnitzte Kruzifix an der Wand. »Er gibt für diesen Kreuzzug Ablass für alle Sünden – und diejenigen, die im Namen Christi fallen, kommen sofort ins Paradies.«
»Ihr seid sehr mutig«, sagte Johanna bewundernd.
»Gott will es, und sein Wille ist mir Befehl«, sagte der Pater mit unterdrückter Begeisterung. »›Deus lo vult‹ hat der französische Abt Bernhard de Clairvaux gepredigt. Wir Christen müssen die Stadt Edessa von den Heiden befreien. Der französische König Ludwig VII. und der deutsche König Konrad III. haben eigene Heere aufgestellt, die in Kürze mit einem großen Gefolge aufbrechen werden. Sogar des Königs Gattin Eleonore will sich ins Heilige Land begeben.«
Johanna schwieg eine Weile. Nachdenklich begann sie: »Und warum kann ich dann nicht mitziehen – an Eurer Seite würde ich mich nicht fürchten.«
»Ihr?« Pater Anselm schüttelte den Kopf. »Was für eine unsinnige Idee! Ihr seid eine Nonne – und viel zu jung für ein solches Unternehmen.«
»Ich hörte, dass beim Ersten Kreuzzug auch Nonnen, Frauen und sogar Kinder mitgezogen sind«, widersprach Johanna trotzig.
»Dann wisst Ihr aber auch, dass die meisten der Nichtkombattanten im fremden Land den Tod gefunden haben. Ich will nicht schuld daran sein, wenn Ihr aus blinder Liebe zu mir in Euer Verderben lauft. Diese Reise birgt große Gefahren. Ihr riskiert Krankheit und Tod.«
»Das ist mir egal«, erwiderte Johanna widerspenstig. »Ohne Euch werde ich ohnehin sterben!«
»Sagt doch so etwas nicht«, empörte sich der Pater. »Ihr habt Euer Gott geweihtes Leben doch noch vor Euch! Bleibt im Kloster und tragt dort zur Ehre Gottes bei.«
»Und Ihr, Pater? Habt Ihr denn keine Angst vor der Gefahr? Davor, vielleicht selbst kämpfen und töten zu müssen?« Johanna lehnte ihre Stirn dicht gegen das Gitter der Beichtzelle. »Obwohl Jesus Christus Frieden gelehrt hat?«
Trotz des schummrigen Lichtes sah sie seine Augen unsicher aufflackern. »Wenn mir im Heiligen Land nichts anderes übrigbleibt, dann werde ich kämpfen. Möge Gott uns dort beistehen. König Ludwigs Ritterheer besteht aus fünfundzwanzigtausend Mann – und die Kreuzritter König Konrads werden dieser Zahl nicht nachstehen. Zusammen sind wir unschlagbar und können den Heiden die Stadt Edessa wieder entreißen.« Seine Augen leuchteten in heiligem Feuer auf. »Vielleicht werde ich getötet – oder an einer Krankheit sterben. Aber dann wartet das Paradies auf mich.«
»Glaubt Ihr das wirklich?« Johanna war skeptisch. »Ich flehe Euch an: Bevor Ihr fortgeht und vielleicht im fremden Land den Tod findet, lasst mich Euch einmal außerhalb der Klostermauern sehen, um Euer Bild für immer in meinem Herzen zu bewahren.«
»Versteht Ihr denn nicht, dass das das nicht geht!«, fuhr Pater Anselm sie an. Ein Schweigen trat ein. »Warum sagt Ihr denn nichts?«, fragte er nach einer Weile unsicher.
»Ich schwöre, dass ich mich noch heute vom Turm der Kirche stürzen werde, wenn Ihr mir diesen Wunsch verweigert«, beharrte Johanna eigensinnig. »Aber mein Tod berührt Euch ja nicht.«
»Ihr sprecht wie ein dummes kleines Mädchen«, schalt Anselm aufgebracht. »Ich werde das alles der Magistra berichten!«
Johanna seufzte tief auf. »Das müsst ihr mit Eurem Gewissen vereinbaren.«
Pater Anselm fühlte jetzt nicht nur Verwirrung, sondern auch Angst in sich aufsteigen. Wenn das Mädchen in ihrem Wahn ihre Drohung wahrmachte, würde es einen Skandal geben, und er würde sicher Schwierigkeiten bekommen. Er hatte plötzlich Mitleid mit dem bleichen Mädchengesicht, das durch das vergitterte Fenster schmal und fast durchsichtig wirkte. Ihre blauen Augen, die ihn verzweifelt anblickten, schienen tief in seine Seele zu dringen.
Eine Glocke ertönte. »Die Zeit ist vorbei!« Anselm schlug hastig das Kreuzzeichen. »Eure Sünden sind Euch vergeben. Ich wünsche Euch, dass Ihr den Frieden Eures Herzens wiederfindet. Dass Ihr vernünftig werdet und Eure törichte Liebe zu mir so schnell wie möglich vergesst. Und dass Ihr nicht mehr an den Tod denkt.«
»Wartet«, hielt Johanna ihn zurück. »Das Leben ist mir ab jetzt nichts mehr wert. Wenn Ihr übermorgen nicht um neun Uhr nach der Abendmesse am Ufer des Flusses unter den drei Bäumen seid, findet Ihr mich am nächsten Morgen zerschmettert am Fuße des Kirchturms.«
»Was für ein unsinniges Vorhaben«, zürnte der Pater. »Ihr wollt mich erpressen! Bedenkt, dass Selbstmord die größte Sünde ist – die Gott niemals verzeihen wird.«
»Gott sieht in mein Herz«, hielt Johanna dagegen. »Er weiß, dass ich nicht anders kann. Ich bitte Euch! Nur eine Stunde – dann werde ich gehorchen und meine Liebe zu Euch tief in meinem Herzen begraben.«
Pater Anselm zögerte. »Und Ihr versprecht, Euch diese Dummheit mit dem Turm aus dem Kopf zu schlagen?«
»Ich verspreche es. Ihr könnt mir vertrauen.«
Pater Anselm stand rasch auf, als der Schlüssel sich im Schloss herumdrehte und ein Bruder erschien, um ihn zum Mönchskloster zu begleiten. »In nomine patris et filii et spiritus sancti«, murmelte er. »Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Deine Sünden sind dir vergeben.«
»Ich warte auf Euch«, flüsterte Johanna ihm zu, während er den Segen über sie sprach. »Übermorgen.«
***
Am nächsten Tag rief die Magistra Johanna in ihr Arbeitszimmer. »Schwester Johanna! Wie konntest du das tun?«, fuhr sie die junge Nonne an. »Bist du dir im Klaren darüber, welch große Sünde du begangen hast?«
Johanna holte tief Luft. Das Blut schoss ihr ins Gesicht, so sehr erschrak sie. Sie schwankte.
»Setz dich.« Die Oberin wies mit ernster Miene auf den unbequemen Stuhl mit der harten Lehne vor ihrem Schreibtisch. »Und erzähl mir, wie es dazu kam und was auf einmal mit dir los ist. Wie kamst du auf diesen sündigen Gedanken?«
Johanna suchte nach Worten. Sie war überzeugt, dass Pater Anselm mit der Magistra über den Vorfall im Beichtzimmer und das Geständnis ihrer Liebe zu ihm gesprochen hatte. »Ich … ich bereue es, Mutter Oberin!«, stammelte sie bestürzt. »Aber ich konnte nicht anders.«
»Du … konntest nicht anders?« Die Magistra dehnte die Worte in die Länge und runzelte die Stirn. »Was soll das heißen?« Sie sah an Johanna vorbei und trommelte mit den Fingern unheilverkündend auf ihren Schreibtisch, der mit Dokumenten bedeckt war. An seinen beiden Seiten begrenzten die in Miniaturen geschnitzten Statuen der Schutzheiligen des Klosters die Arbeitsfläche. Ein schweres Holzkreuz mit dem gekreuzigten Jesus hing gewöhnlich an der weiß getünchten Wand hinter dem Schreibtisch – doch heute war dieser Platz leer, nur eine kahle Fläche mit einem dunklen Fleck war geblieben. Die Oberin folgte Johannas Blicken und ihre Miene verdüsterte sich. »Na, worauf wartest du? Erklär mir bitte, warum du nicht anders konntest! War es eine Einflüsterung des Teufels? Gib es zu!«
Fieberhaft überlegte Johanna, was sie antworten sollte. »Nein, nein. Aber ich fühle mich schuldig. Ich habe immerzu davon geträumt. Es war ein Gefühl in meinem Innern, das plötzlich da war – wie … wie eine Flamme, die zu einem Brand wurde. Sie hat mich verzehrt und nachts nicht mehr schlafen lassen. Ich hätte meine sündigen Wünsche besser unterdrücken müssen, sie in meinem Herzen verschließen. Es tut mir so leid, ehrwürdige Mutter«, begann sie. »Ich bereue es zutiefst. Aber ich musste es Pater Anselm bei der Beichte doch gestehen …« Sie hielt ein, als sie sah, wie die Magistra die Augen zum Himmel hob. »Du hast es Pater Anselm gebeichtet? Warum hat er mir denn nichts davon gesagt?« Lauernd sah sie Johanna an. »Was hat der Teufel dir versprochen, damit du es tust? Du musst ganz offen zu mir sein, damit ich dir helfen kann!«
»Der Teufel hat mir gar nichts versprochen«, wunderte sich Johanna. Sie machte sich ganz klein auf dem Stuhl, der mit seiner harten Lehne unangenehm gegen ihren Rücken drückte. Sie senkte den Blick. »Dieses unbekannte Gefühl war so süß und wunderbar wie eine göttliche Eingebung. Es kam über mich – ich wusste nicht wie …«
»Fasele nicht solchen Unsinn. Dieser Frevel kann doch keine göttliche Eingebung sein! Du hast eine Entweihung begangen, das dürfte dir doch spätestens jetzt klar sein«, empörte sich die Magistra. Sie schlug mit der Handfläche auf die Schreibtischplatte. »Den Gekreuzigten von der Wand zu reißen – das wertvolle Kreuz zu beschädigen.«
»Wieso – was … was meint Ihr?«, Johanna wurde blass.
»Das siehst du doch!« Die Magistra wies auf die Holzsplitter, die auf dem Boden lagen, und einen abgebrochenen Fuß der Figur. »Das Symbol unseres Glaubens – du hast es geschändet. Wie konntest du so etwas nur tun? Das war Teufelswerk, das ist dir doch wohl klar! Was hat er dir dafür versprochen? Wie hat er sich dir gezeigt?« Sie beugte sich vor und fixierte Johanna mit ihren grauen, von kleinen Fältchen umgebenen Augen. »Hat er dich vielleicht in Trance versetzt, damit du tust, was er befiehlt?«
»Ich … ich weiß wirklich nicht, wovon Sie sprechen, ehrwürdige Mutter!«, stammelte Johanna verwirrt. »Mit dem Teufel habe ich nichts zu schaffen.«»Doch! Schwester Edigna hat dich gesehen – um Mitternacht, als du den Kreuzgang betratest. Sie sagte, du hättest so abwesend gewirkt und wärst beschwörende Worte murmelnd an ihr vorbeigegangen. Sie dachte, du wandeltest im Schlaf und folgte dir heimlich bis in mein Arbeitszimmer. Dort sah sie mit eigenen Augen, wie du das Kreuz abnahmst, darauf einschlugst und es hinter dir her durch den Kreuzgang zerrtest. Schwester Edigna war völlig aufgelöst, als sie mir das berichtet hat.«
»Aber so etwas kann sie ja gar nicht gesehen haben«, stieß Johanna empört hervor. »Das ist ja alles gar nicht wahr … sie lügt!«
»Aber du hast doch eben gerade zugegeben, dass es über dich kam, und du wusstest nicht, wie? Dass du gegen dieses Gefühl nicht ankamst. Und dass der Teufel dir das eingegeben hat.« Misstrauisch sah die Oberin Johanna an.»Nein, nein, so habe ich das doch gar nicht gemeint. Mit dem Kreuz habe ich nicht das Geringste zu tun. Ich hätte es nie von der Wand genommen oder gar beschädigt – das schwöre ich!« Johanna war im ersten Moment erleichtert, dass der Pater geschwiegen hatte und dass es hier um eine ganz andere Sache ging als um das Geständnis ihrer Liebe.
»Wer soll es denn sonst getan haben? Schwester Edigna hat mir gesagt, sie hätte dich schon des Öfteren nachts im Kreuzgang gesehen – vor dem Bild des Heiligen, der gegen die Versuchungen des Teufels kämpft. Und sie hätte dich vor dem Abbild des Bösen knien sehen … als wenn du den Teufel anbeten würdest. Und du hättest vor der Marienstatue ausgespuckt.«
»Ehrwürdige Mutter«, Johanna sah sie fest an. »Glaubt Ihr wirklich, was Schwester Edigna über mich erzählt? Sie hasst mich, weil … weil …« Sie hielt inne.
»Das kann ich mir nicht vorstellen. Sie hat doch ein sehr sanftes und aufrichtiges Wesen.«
»Sie verstellt sich. Sie hat Neigungen, die…« Johanna hielt ein, aus Scham, über die Annäherungen ihrer Mitschwester zu sprechen.
»Du hast doch vorhin gestanden, die Tat begangen zu haben«, stellte die Oberin ungerührt fest, ohne auf die Andeutung einzugehen. »Ich habe es wohl vernommen. Du wirst den heutigen Tag in deiner Zelle verbringen und darüber nachdenken, wann dir der Teufel zum ersten Mal begegnet ist und was er dir befohlen hat. Wenn du mir nicht die ganze Wahrheit gestehst, werden wir einen Exorzisten bemühen müssen, um Satan aus deiner Seele auszutreiben. So, und nun kannst du gehen.«
Johanna presste die Lippen zusammen, als sie mit gesenktem Kopf das Arbeitszimmer der Oberin verließ. Ihr Herz klopfte wild. Was für eine unsinnige Anklage, was für ein nicht wiedergutzumachendes Missverständnis! Edigna war es diesmal geglückt, sie mit einer raffinierten Intrige und Lüge in große Schwierigkeiten zu bringen. Dass die Mitschwester selbst die Tat begangen hatte, war Johanna völlig klar. Und in der Meinung, es handele sich um den Inhalt ihrer Beichte, hatte sie diesen Frevel auch noch zugegeben!
Ihr schauderte, wenn sie an den Exorzisten dachte, einen schmallippigen Priester, den die Magistra schon öfter hatte ins Kloster kommen lassen. Eine Nonne, die er mit den Methoden seiner Teufelsaustreibung gequält hatte, war auf mysteriöse Weise an den Torturen und Experimenten gestorben.
Doch das Wichtigste war: Pater Anselm hatte sie nicht verraten, er hatte geschwiegen über das, was sie ihm anvertraut hatte. Vielleicht war dies ein Zeichen, dass er morgen zum Ufer des Flusses kommen würde. Ein Glücksgefühl durchströmte sie bei diesem Gedanken, und sie vergaß für einen Moment Edignas gemeine Verleumdungen.
Die harte Fußbank in der Kirche des Männerklosters Admont übte einen unangenehmen Druck auf Pater Anselms Knie aus. Auf die Eröffnung des Priors bei der Komplet, dem lateinischen Nachtgebet, »Ajutorium nostrum in nomine Domine – Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn«, antwortete er mit den anderen Mönchen in monotonem Singsang: »Der Himmel und Erde erschaffen hat«.
In der kurzen Pause des Schweigens und der Selbstbesinnung schweiften seine Gedanken ab. War es richtig, das Kloster zu verlassen und sich dem Heer der Kreuzfahrer anzuschließen? Aber musste nicht auch er, wie alle verantwortungsvollen Christen, dem Aufruf Papst Eugens III. folgen, der in seiner Bulle dringend zum Kreuzzug aufgerufen hatte? Er fragte sich, ob es nicht eher seine Berufung war, ein einfaches Leben im Kloster zu führen. Doch gegen seinen eigenen leidenschaftlichen Wunsch, der Aufforderung des Papstes zu folgen, hinauszuziehen, die Welt zu sehen und das Heilige Land von den Heiden zu befreien, kam er einfach nicht an.
Deus lo vult! Gott will es! Das war schon der Wahlspruch Papst Urbans zum ersten Kreuzzug gewesen. Und er hatte Wirkung gezeigt. Die Christen hatten Jerusalem von den Heiden befreit und ihre Kolonien im Heiligen Land errichtet. Aber jetzt hatte Gott die Sünden und Gräueltaten der ersten Kreuzfahrer bestraft, die dreitausend Einwohner von Jerusalem niedergemetzelt hatten. Edessa war ihnen wieder fortgenommen worden! Er horchte in sich hinein und fühlte den Ruf, Jesus nicht nur in der abgeschiedenen Stille des Klosters zu dienen, sondern auch für ihn zu kämpfen. Oder zu sterben. Nicht mehr länger im Kloster Lobpreisungen zu Gottes Ehre zu singen, sondern edle und große Taten zu vollbringen und – wenn es sein musste, auch zum Märtyrer zu werden! Das Blut brauste bei diesen Gedanken ungeduldig durch seine Adern, und er hätte sich am liebsten auf der Stelle aufgemacht.
Aber dazu mussten noch viele Vorbereitungen getroffen und ein Plan erstellt werden. Es gab zwei Möglichkeiten, nach der Überquerung der Alpen ins Heilige Land zu kommen – entweder zu Land oder übers Meer. Wie er gehört hatte, wollte das Heer zusammen mit den Nichtkombattanten – einer Mischung aus Freiwilligen, Frauen und Kindern – den Landweg an der Donau entlang über Kleinasien nehmen. Dies schien ihm allerdings nicht ungefährlich und ziemlich beschwerlich. Eine Gruppe Adeliger und Ritter mit ihrer Hofgesellschaft und einigen Frauen zog es daher vor, in Venedig Schiffe zu mieten, mit denen sie bequemer und schneller ans Ziel gelangen würden. Graf von Torro Delcanto, ein weitläufiger Verwandter von Anselms Mutter, der in Venedig lebte, hatte ihm zu dieser Möglichkeit geraten und zugesagt, ihm bei allem, was er brauchte, behilflich zu sein.
Auch Anselm schien dies zunächst vernünftiger, als in der Menge des Heeres mitzuziehen, das überall verpflegt werden musste. Doch dann überlegte er es sich wieder anders. Er wollte gleich mit dem Heer König Konrads mitziehen – direkt am Puls des Geschehens sein. Eine heilige Erregung, zugegebenermaßen auch mit weltlicher Neugier gepaart, hatte ihn erfasst. Wenn es sein musste, würde auch er das Schwert nehmen und gegen die Heiden kämpfen. Nur musste er erst lernen, es zu schwingen und sich damit zu verteidigen. Was würde er in der Welt wohl alles sehen, wie viele fremde Städte und Orte kennenlernen, wo er vielleicht Menschen bekehren konnte, die noch nie von Jesus gehört hatten! Ihnen das Wort Gottes und das Heil des Paradieses nahebringen, das den wahren Christen erwartete!
Er hatte bereits beim Erzbischof Eberhard von Salzburg angefragt, ob er sich der Gruppe der Adeligen anschließen durfte, die sich zum Kreuzzug gemeldet hatten, und dieser hatte ihm wohlwollend geantwortet. Nun kam es darauf an, was er für den praktischen Gebrauch benötigte. Er war nicht mittellos und stammte aus einer begüterten Familie, deshalb würden ihm die Anschaffungen nicht schwerfallen. Das rote Kreuz hatte er schon selbst auf sein Gewand genäht, und den gesegneten Pilgerstab sowie den Wallsack stellte der Papst den Kreuzfahrern zur Verfügung.
Die Lesung eines seiner Klosterbrüder war bei den Gedanken, in die er vertieft war, ungehört an seinem Ohr vorübergerauscht. Sich verneigend, murmelte er nun aufmerksamer das Schuldbekenntnis und die Vergebungsbitte, die von wechselnden Psalmen mit ihren Antiphonen, also den Antworten, gefolgt wurden. Nach dem Segen für die Nacht erhob er sich zusammen mit den anderen Mönchen, die unter allgemeinem Schweigen ihre Zellen aufsuchten. Anselm wanderte noch eine Runde durch den Kreuzgang und sog die frische Luft tief in seine Lungen. Er war nicht müde – zu viele Gedanken kreisten durch seinen Kopf. Die Magistra des Frauenklosters hatte ihm heute die unangenehme Nachricht überbracht, dass eine der ihr anvertrauten Nonnen angeblich vom Teufel heimgesucht worden sei. Er sollte ihr morgen anstelle des erkrankten Eusebius die Beichte abnehmen und Einzelheiten ihrer Verwirrung herausfinden, bevor ein Exorzist zur Prüfung gerufen wurde.
In Aufruhr versetzt hatte ihn ganz besonders das Liebesgeständnis der jungen Nonne mit den sprechenden blauen Augen, deren Anblick ihn durch das kleine Gitterfenster des Beichtraums verfolgte. Noch in derselben Nacht hatte er die sündige Versuchung gefühlt, ihr nahe zu sein, seine Lippen auf die ihren zu legen und sie zu umfassen. Als er ihren zarten Körper im Traum spürte, versetzte die Süßigkeit dieses Gefühls sein ganzes Wesen in Flammen. Erschrocken war er aufgewacht, von seinem Lager gesprungen und hatte sich vor das schlichte Kreuz gekniet und den Rosenkranz gebetet.
Er suchte nun seine Zelle auf, einen kleinen, gemauerten Raum, in den wenig Licht fiel, und hoffte, dass die Versuchung ihn heute Nacht nicht quälen wurde. Eine Truhe mit der darauf stehenden Waschschüssel neben dem schmalen Bett und dem Betschemel vor dem schlichten Kreuz – mehr gab es darin nicht. Den Rest der Nacht wälzte er sich, von wirren Träumen heimgesucht, von einer Seite auf die andere. Noch bevor der Tag anbrach und es zur Vigil läutete, war er schon bereit, hatte sich am Brunnen Wasser zum Waschen geholt und seine Kutte übergeworfen. Bete und arbeite – beschwor er immer wieder den Wahlspruch der Benediktiner. Er nahm sich vor, sich für seine sündigen Gedanken zu geißeln, zu büßen, um das Bild der jungen Nonne, das ihn verfolgte, aus seinen Sinnen zu verbannen. Doch es gelang ihm nicht ganz, und es störte erneut seine Andacht bei der Morgenmesse.
***
»Gottes geheiligtes Land ist in Gefahr – terra sua«, tönte der Zisterzienserabt Bernhard von Clairvaux in einer leidenschaftlichen Rede von der Kanzel herab. »Gott selbst erhebt Anspruch darauf! Wir müssen es von den Heiden befreien!«, rief er aus und schwenkte die päpstliche Bulle, damit jeder sie sehen konnte. Die Kirche in der Nähe von Rom war gedrängt voll, die Zuhörer lauschten gebannt seiner Predigt. Bernhard von Clairvaux war extra aus seinem Kloster in Frankreich nach Italien gereist, um nach einer Unterredung mit Papst Eugen III. mit vollster Überzeugung für den Kreuzzug zu werben. »Der Papst selbst ruft uns mit seiner Kreuzfahrtbulle zum zweiten Kreuzzug auf!«, fuhr er mit Stentorstimme fort. »Die Grafschaft Edessa ist von dem gewalttätigen Sultan Zengi von Mossul erobert worden – und er hat die meisten christlichen Einwohner auf bestialische Art ermordet. Wir können nicht zulassen, dass er der Sieger bleibt. Christen!«, er hob die geballte Faust. Sein leidenschaftlicher Aufruf hallte in dem hohen Kirchenschiff wider: »Nehmt das Kreuz! Nicht nur, um Jesus Christus nachzufolgen, sondern weil ihr euch der Gnade Gottes unterwerfen wollt! Nur so wird es uns gelingen, die Heiden aus Edessa zu vertreiben. Und ich versichere euch im Namen des Papstes: Seine Heiligkeit Eugen III. garantiert euch Ablass für alle Sünden, die ihr jemals begangen habt! Auch das Paradies ist euch sicher. Und nicht nur das: Eure weltlichen Schulden sollen euch erlassen werden, egal, wie hoch sie sind. Seid mutig – ihr kämpft mit Gottes Segen, denn wer im Namen Christi stirbt, dem wird besondere Gnade zuteil. Habt auch keine Sorge um euer Seelenheil im Falle einer Krankheit. Der Papst hat König Ludwig VII. und seinem Heer hochrangige päpstliche Legate zugeteilt: Den Kardinalbischof von Porto und den Kardinalpriester von Chrysogono. Jedem, der das Kreuz nimmt, wird kirchlicher Beistand zuteil, wann und wo immer er ihn benötigt.«
Bernhard von Clairvaux machte eine wirkungsvolle Pause und blickte von der Kanzel hinab in die Runde. Es schien, als sähe er jedem Einzelnen, der seiner Rede folgte, mitten ins Herz. Mit Genugtuung spürte er die Begeisterung, die seine flammende Rede in den Gemütern entfacht hatte. Zustimmendes Murmeln, laute, beifällige Rufe gingen jetzt durch die Kirche.
»Dio lo vuole!«, rief der Abt jetzt von der Kanzel auf Italienisch, was enthusiastische Beifallsrufe auslöste. »Gläubige und Gottesfürchtige!«, fuhr er fort, als sich die allgemeine Erregung beruhigt hatte. »Hört die Stimme des Herrn. Auch die Könige haben sie vernommen: Ludwig VII., König von Frankreich, und der deutsche König Konrad III. werden, jeder mit einem großen Heer, ins Heilige Land ziehen und sich in Konstantinopel zu einer unbesiegbaren Macht vereinigen.« Er hob beschwörend die Hände und machte eine kurze Pause, um Atem zu schöpfen: »Doch vor einem, liebe Gläubige, muss ich euch im Namen Gottes warnen: Wenn ihr euch aufmacht, dann hütet euch vor den Grausamkeiten und Ausschweifungen im Kriegsdienst, die das weltliche Rittertum im ersten Kreuzzug begangen hat!« Er hob mahnend die Hand. »Gott hat sie gestraft. Haltet euch deshalb immer vor Augen – das Sterben für den Herrn ist für das geistliche Rittertum, aber auch für den einfachen Mann, ein ganz besonderer Verdienst. Die Ritter des neu gegründeten Templer-Ordens in Jerusalem sollen uns darin ein Vorbild sein. Sie stellen die christlichen Werte über alles. Und zum Zweiten: Vergesst niemals unseren Wahlspruch: »Deus lo vult! Dio lo vuole! Gott will es! Kommt alle – zieht ins Heilige Land und verbreitet die Botschaft Christi!«
Seine laute Stimme hallte enthusiastisch und wie ein Befehl von den Gewölben wider. Jubelgeschrei der aufgewühlten Kirchenbesucher, die die gefalteten Hände zu ihm erhoben hatten, antwortete ihm. Jetzt brauste feierlich die Orgel auf, und Bernhard stimmte in den Choral mit ein. Alle dachten jetzt das Gleiche: Wie recht der berühmte Abt und Priester hatte! Und warum sollten sich nur die Adeligen das Abenteuer des Kreuzzuges leisten können und damit den Ablass aller Sünden? Statt in Armut dahinzuvegetieren und mühsam seine Scholle zu bearbeiten, konnte man nun allem entfliehen und sich den Himmel und sein Seelenheil mit dem Segen des Papstes sichern. Vielleicht gelang es ja auch, sich im Heiligen Land niederzulassen und dort Besitz oder Land zu erwerben – reich zu werden. Gott würde mit ihnen sein! Gott will es – das hatte der Papst gesagt!
***
Abt Bernhard von Clairvaux war nach der Beendigung des Gottesdienstes hochzufrieden mit seiner Predigt, die die Herzen aller sichtlich bewegt hatte. Seine Rede, der Aufruf zu einem erneuten Kreuzzug, war wie eine Flamme gewesen, die in trockenes Holz fällt und hell auflodert. Er faltete die Hände zum Gebet, während die Gemeinde inbrünstig mitbetete: »Pater noster, qui es in caelis …«
Nach dem Segen strömten die Menschen aus der Kirche und bildeten kleine Gruppen, um aufgeregt miteinander zu diskutieren. Die Adeligen in ihren pelzverbrämten Gewändern in den ersten Reihen rechts und links des Altars, die auf ihren mit Messingplaketten beschrifteten und mit rotem Samt gepolsterten Bänken saßen, verließen die Kirche durch einen Nebenausgang. Dort wechselten sie einen Händedruck mit Bernhard von Clairvaux und beglückwünschten ihn zu seiner gelungenen Predigt, bevor sie in ihre Kutschen stiegen. Für sie war das Ziel längst klar – der Aufruf des Papstes ließ kein Zögern mehr zu.
***
Es war nicht allzu schwer für Johanna, den Schlüssel aus dem Schrein im Arbeitszimmer der Magistra zu entwenden, als sich diese nicht darin befand. Das Holz war morsch, und das lockere Schloss öffnete sich nach einigen Versuchen mit einem spitzen Messer ganz von selbst. Sie hielt es vor Spannung kaum mehr aus, so sehr fieberte sie der Begegnung mit Pater Anselm entgegen. Neben der Sehnsucht, ihn zu sehen, hatte sie auch vor, ihm zu schildern, was man ihr vorwarf, und ihn um Rat zu fragen, wie sie sich vor Edignas Verleumdungen schützen konnte. Was würde er dazu sagen? Seine Augen hatten sie während der Beichte so mitfühlend angeblickt, und seine Stimme war wie immer gütig und sanft geblieben – selbst als er sie zurechtgewiesen hatte.
Trotzdem würde es schwierig sein, ihm zu erklären, aus welchem Grund sich ihre Mitschwester Edigna an ihr gerächt und ihr diese ganz besonders böse Falle gestellt hatte! Ihre Scham, über deren Annäherungen zu sprechen, war sehr groß, aber sie musste es tun, damit Pater Anselm sie verstand. Eines wusste sie aber jetzt schon: Bevor sie die Beschwörungen eines sogenannten Teufelsaustreibers über sich ergehen ließe, würde sie lieber die Flucht ergreifen und das Kloster verlassen. Doch wohin sollte sie gehen? Ihre Familie würde sie auf keinen Fall mehr aufnehmen. Ihr Vater war so stolz gewesen, sie im Admonter Kloster zu wissen. Und vielleicht auch erleichtert, denn er hatte nach dem Tod ihrer Mutter eine neue Familie gegründet, in die sie so gar nicht passte. Jetzt kam es nur noch auf Pater Anselm an. Was würde er sagen, wenn sie ihm gestand, dass sie sich ebenfalls dem Kreuzzug anschließen wollte? Es hieß doch, dass jedermann willkommen sei – auch Frauen und Kinder.
***
Pater Anselm hatte mit sich gerungen. Was sollte er nur tun? Er hatte Angst vor sich selbst. Sollte er zum Fluss gehen? Wenn Johanna sich tatsächlich vom Turm stürzen würde, wäre er an ihrem Tod schuld – und das wollte er auf keinen Fall. Für ihn war es nicht sonderlich schwer, die Abtei der Mönche zu jeder Stunde zu verlassen, denn er besaß ja den Schlüssel des erkrankten Pater Eusebius, den er wegen der Beichte der Nonnen im Frauenkloster vertrat. Diesmal musste er sich allerdings heimlich hinausschleichen, denn den Mönchen war es streng verboten, sich mit einer Nonne zu treffen. Um eventuelle Unzucht zu vermeiden, wurden die Mönche, die das Frauenkloster wegen eines wirtschaftlichen Rates oder wegen der Beichte der Nonnen betraten, nur in einen isolierten Raum mit einem vergitterten Fenster geführt.
Trotz aller Bedenken zog es Pater Anselm zur verabredeten Stunde wie magisch zum Fluss. Er beruhigte sich mit dem Gedanken, dass er nur dorthin gehen würde, um der jungen Nonne gehörig die Leviten zu lesen. Und um ihr das Gelübde vor Augen zu halten, das sie Gott gegenüber getan hatte.
***
