Die rote Eule - Peter Baacke - E-Book

Die rote Eule E-Book

Peter Baacke

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Beschreibung

Rache, Wahn und dunkle Rituale Max glaubt an Fakten, an die Freiheit auf See und an seine Yacht Bounty. Doch sein geordnetes Leben in Eckernförde gerät aus den Fugen, als seine hochschwangere Frau Sybille nach einem tragischen Schicksalsschlag in den Bann einer charismatischen Schamanin gerät. Was als spirituelle Heilung beginnt, entpuppt sich als ein perfides Netz aus Manipulation und dunklen Ritualen. Überall taucht sie auf: die rote Eule – ein Omen, das den Wahnsinn ankündigt. Während Sybille sich zusehends verändert, stellt sich Max die alles entscheidende Frage: Ist die Gefahr real, oder verliert er selbst den Verstand? Ein fesselnder Psychothriller über Besessenheit, tiefsitzende Schuld und die zerstörerische Kraft der Rache.

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Seitenzahl: 353

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Peter Baacke

Die rote Eule

Psychothriller

Impressum

»Die rote Eule« © 2025 Peter Baacke, alle Rechte vorbehalten. Umschlaggestaltung: Perpicx Media Design, www.perpicx.de Veröffentlichung: © 2026 Suspense Verlag Höhenstraße 18, D-61267 Neu-Anspach E-Mail: [email protected]

chaptune

Die musikalische Begleitung zum Buch!

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chaptune.de/GIQFJ6FTA

Widmung

Für Martina,

die mir Kraft gibt und zeigt, was wahre Liebe bedeutet. Schatz: »Das Beste kommt zum Schluss!«

Kreativität ist Intelligenz, die Spaß macht! (Albert Einstein, 1879-1955)

Prolog

Der Altstadthafen von Eckernförde bot ein Bild der Verwüstung. Dort, wo am Vortag noch der Geruch von Seetang, Öl und frischem Fisch in der Luft gelegen hatte, hing nun ein schwerer Dunst aus verbranntem Holz, geschmolzenem Plastik und Asche. Die Hafen-Tankstelle war nur noch ein verkohltes Skelett, die Hafenmeisterei ein Haufen schwarzer Trümmer. Der Hauptsteg, der zuvor wie eine Lebensader ins Wasser hinausgeführt hatte, war vom Feuer zerfressen. In seiner Mitte klaffte eine breite Lücke – wie eine Narbe, als hätte das Feuer selbst die Verbindung zum Leben und zur Freiheit auf dem Wasser brutal durchtrennt.

Die Yachten, die nicht rechtzeitig geborgen werden konnten, lagen verrußt in ihren Boxen. Einige trieben schief im Wasser. Sie wirkten leblos, als habe das Feuer ihnen nicht nur ihre Farbe, sondern auch ihr Wesen genommen.

Über allem lag Qualm – schwer und mit einer merkwürdigen Süße.

»Riecht irgendwie nach Weihrauch«, murmelte Hauptkommissar Hansen, während sein Blick über den verkohlten Steg glitt.

Er und Max Lüdecke standen schweigend am Hafenbecken und schauten auf das Ergebnis des nächtlichen Infernos.

Dann bemerkte Max etwas. Am Ende des Hauptstegs, dort, wo die Flammen am heftigsten gewütet hatten, zeichneten sich dunkle Linien im Holz ab. Keine zufälligen Brandspuren – vielmehr eine deutliche Form. Ein Symbol. Es hatte den Umriss eines Vogels. Ihre Augen waren tief und schwarz, als würden sie ihn aus der Asche heraus anstarren.

»Herr Hansen, sehen Sie das?«

Der Kommissar trat näher. Er kniete sich hin, strich mit dem Handschuh über die verkohlte Oberfläche. »Das ist nicht durch das Feuer entstanden. Das wurde bewusst so hinterlassen.«

Max spürte, wie sich ihm die Kehle zuschnürte. »Wie kann das sein?«

»Doch«, sagte Hansen leise. »Es war eindeutig Brandstiftung.«

Ein Windstoß kam vom Meer, ließ die Balken leise knacken. Der Rauch formte für einen Moment mäanderförmige Figuren in der Luft. Da war ein Laut – kaum hörbar, wie ein Wispern. Weiblich. Sanft.

Es ist noch nicht vorbei …

Max fuhr herum, sein Herz raste. »Haben Sie das gehört?« Seine Stimme zitterte.

Hansen hob den Kopf. »Nein … was?«

»Sie«, flüsterte Max. »Sie ist doch tot.«

Der Kommissar sah ihn lange an. »Davon sind wir immer ausgegangen.«

Über dem Hafen lag eine lautlose Spannung, als wollte eine unsichtbare Macht die Glut bewachen – und warten ...

Idylle

Es war einer dieser Frühlingstage, an denen das Licht wie ein goldenes Band über die Ostsee glitt. Der Wind trug den Geruch von Seetang herüber und mischte ihn mit dem süßlichen Duft frisch gemähter Gärten. Max Lüdecke stand barfuß auf der Terrasse des kleinen Einfamilienhauses in Schwedeneck.

Er war jetzt Anfang vierzig, groß und breitschultrig. Als leitender Ingenieur in einem Marinebetrieb in Kiel hatte er es für sein Alter schon recht weit gebracht. Max war zielstrebig und wusste, was er im Leben wollte. Seine große Leidenschaft war das Segeln. Er hatte eine Yacht im Hafen von Eckernförde. Sein erstes Baby hieß Bounty.

Sybille war Mitte dreißig und für eine Frau groß, einen Meter achtzig, schlank und sportlich, auch noch in ihrer Schwangerschaft. Sie arbeitete als Versicherungsangestellte in Kiel, war etwas introvertiert und zugleich fügsam. Ihr Vater hatte ihr damals den Beruf ausgesucht. Sie hatte noch keine konkrete Vorstellung vom Leben, als sie Max im Fitnesscenter kennenlernte, während Max bereits von Familie – Haus – Baum – Boot träumte. Das konnte er nur erreichen, wenn er auch Karriere in seiner Firma machte. Sein Blick wanderte über den gepflegten Rasen, den weißen Holzzaun und die Rosen, die Sybille erst im Frühjahr gepflanzt hatte. In den Fenstern spiegelte sich der Himmel, als hätte er die Farbe des Sommers nur für sie beide gewählt.

»In ein paar Wochen sind wir zu dritt.« Sybilles Stimme kam von der Terrassentür. Sie stand da, barfuß wie er, das helle Kleid spannte sich sanft über ihren Bauch. Ihr blonder Kurzhaarschnitt ließ sie sehr jugendlich wirken, trotz der runden Formen, die die Schwangerschaft gezeichnet hatte. Max drehte sich zu ihr um; sein Lächeln breitete sich langsam aus. »Es wird unser schönstes Abenteuer.«

Sie trat zu ihm hinaus. »Abenteuer klingt, als ob wir auf eine Expedition gehen.«

»Sind wir doch auch.« Max zog sie näher an sich. »Nur diesmal nicht nach draußen, sondern nach innen. Zu uns.«

Sybille lachte, leise und hell, wie das Klirren von Gläsern im Sommerwind. »Wenn du so weiterredest, solltest du die Werbetexte für Kinderzimmermöbel schreiben.«

Sein Blick glitt automatisch nach oben, in das Zimmer unter dem Dach, dessen Fensterläden weit geöffnet standen. »Ich glaube, es passt perfekt.«

Im Kinderzimmer stand bereits alles bereit: ein kleines Bett in Pastellgrün, eine Kommode in sanftem Gelb, ein Schaukelstuhl, in dem Sybille abends manchmal saß, um die winzigen Strampler zu falten. An den Wänden klebten Wolken und Sonnen in zarten Farben. Es war ein Raum, der förmlich leuchtete.

»Ich mag, wie hell es hier ist.« Sybille folgte seinem Blick. »Es fühlt sich an wie ein Versprechen.«

»Es ist ein Versprechen.« Max legte die Hand auf ihren Bauch. »Für uns drei.«

Sie blieben so eine Weile stehen, hörten das ferne Rauschen der Wellen vom Surendorfer Strand, das Zirpen der Grillen im Gras, das Bellen eines Hundes aus der Nachbarschaft. Es war eine heile Welt, getragen von einfachen Rhythmen: Arbeit in Kiel, gemeinsames Lachen beim Abendessen, kurze Gespräche mit den Nachbarn, die im Sommer ihre Gärten herrichteten.

»Weißt du noch, wie wir uns im Fitnesscenter kennengelernt haben? Du mit deinem strengsten Trainerblick der Welt?«

Max grinste. »Und du, wie du die Einzige warst, die das Laufband in Rekordtempo überlebt hat.«

»Ich wollte beeindrucken.« Sie zwinkerte. »Hat funktioniert.«

Er zog sie sanft an sich, küsste sie auf die Stirn. »Ich hätte nie gedacht, dass wir mal hier landen. Haus, Garten, Kind.«

»Es klingt nach Spießigkeit, wenn du es so sagst.«

»Nein.« Er schüttelte den Kopf. »Es klingt nach Glück.«

Sybille lehnte sich an ihn, als wollte sie den Moment in sich aufnehmen, als wüsste sie, wie zerbrechlich alles war. Dann, plötzlich, ein Laut. Ein dumpfes Poltern aus dem Obergeschoss. Max’ Kopf schnellte hoch. »Hast du das gehört?«

»Ja…« Sybille runzelte die Stirn. »Im Kinderzimmer?«

Sie sahen einander an. Die helle Idylle, eben noch wie in Pastellfarben gemalt, bekam einen feinen Riss – hauchdünn, kaum greifbar, doch spürbar. Und wieder war da dieses Geräusch. Als ob etwas im Zimmer über die Dielen rollte. Das Poltern kam wieder. Leise diesmal, fast so, als sei es nur ein Irrtum der Ohren gewesen, ein Spiel des Windes. Doch Max spürte, wie sich die Härchen an seinen Armen aufstellten.

»Vielleicht ist ein Fenster aufgegangen«, sagte er, ohne wirklich überzeugt zu klingen.

»Oder etwas ist vom Regal gefallen.« Sybille versuchte zu lächeln, doch ihre Stimme zitterte.

Sie gingen gemeinsam die Treppe hinauf. Das Holz knarrte unter ihren Schritten, obwohl sie beide versuchten, möglichst leise zu gehen – als könnten sie so verhindern, das zu stören, was da oben vielleicht lauerte. Die Tür zum Kinderzimmer stand einen Spalt offen. Ein matter Lichtstreifen fiel über den Flur, pastellig, friedlich, wie immer. Max legte die Hand an die Klinke.

»Bereit?«, fragte er flüsternd.

»Es ist doch nur ein Zimmer ...« Sybille atmete tief ein.

Er drückte die Tür auf. Das Kinderzimmer lag friedlich da. Zu friedlich. Die kleine Kinderwiege befand sich an der Wand, akkurat bezogen, das Kopfkissen aufgeschüttelt. Max fiel eine kleine Spielkarte unter dem Kinderbettchen auf. Es war eher eine Symbolkarte. Dieses Spiel kannte Max gar nicht. Auf dem Blatt war eine rote Eule mit feurigen Augen abgebildet. Wahrscheinlich hatte Sybille sie beim Aufräumen irgendwo liegengelassen. Er schenkte ihr keine weitere Beachtung. Auf der gelben Kommode stand ein leeres Glas, daneben ein zerfleddertes Bilderbuch mit einem Esel auf dem Cover. Der Schaukelstuhl bewegte sich – ein kaum sichtbares Wippen, das man leicht für Einbildung halten konnte. An den Wänden klebten Papierwolken, leicht vergilbt, ihre Ränder hoben sich ein wenig von der Tapete ab. Und bei jedem Luftzug schienen sie zu atmen. Alles war genauso, wie sie es hinterlassen hatten. Und doch – etwas stimmte nicht.

Ein feiner Geruch hing in der Luft. Nicht unangenehm, aber fremd. Schwer. Kräuter, vielleicht Lavendel – nein, etwas Bitteres, etwas, das an getrocknete Blätter erinnerte. Sybille rieb sich über die Nase, als könne sie den Geruch aus ihren Gedanken wischen.

»Riechst du das?« Ihre Stimme war flach, gespannt.

Max nickte langsam. Sein Blick glitt über den Boden, blieb abrupt stehen. Neben dem Bett, auf dem alten Dielenboden, lag etwas. Eine kleine Holzfigur. Sybille liebte diese Figur. Es war ein Vogel – mit einem irgendwie durchdringenden Blick, der auf einem runden Sockel befestigt war. Max fand sie immer scheußlich. Sybille hatte sie schon vor ihrer Ehe von ihrer besten Freundin Bettina geschenkt bekommen. Sie sagte Max immer, dass der Vogel sie beide beschützen würde – so ähnlich wie ein Schutzengel. Sie lag auf der Seite, der Schnabel in Richtung Tür, als hätte sie versucht, etwas zu sagen, bevor sie fiel und wegrollte. Sybille blickte sie ungläubig an.

»Wie kann die runterfallen?«, flüsterte sie. »Alle Fenster sind doch zu.«

Max schwieg. Die Luft war still. Dann ein Laut. Kaum hörbar, irgendwo zwischen einem Hauch und einem Flüstern. Vielleicht aus den Wänden. Vielleicht direkt hinter seinem Ohr: Willkommen ...

Das Wort war so leise, dass er sich nicht sicher war, ob es wirklich gesprochen oder nur gedacht worden war. Ein Kribbeln zog ihm über den Nacken.

Er schluckte. »Lass uns gehen«, sagte er mit fester Stimme, die jedoch zu brüchig klang, um überzeugend zu sein.

Dann griff er nach Sybilles Arm und zog sie zum Flur. Die Tür fiel ins Schloss – hart und laut. Und in dem Moment war das Wispern weg. Wie abgeschnitten. Max atmete schwer, presste die Hand gegen die Brust, als wolle er sein Herz beruhigen.

»Es war nur der Wind«, murmelte er, obwohl er wusste, dass das nicht stimmte. Sybille stand verwirrt da.

»Nein«, flüsterte sie. »Das war kein Wind.«

Dann – ein Geräusch. Ein leises, helles Lachen. Von draußen. Ein Kinderlachen. Kurz, glockenrein, so echt, dass Max für einen Moment glaubte, ein Kind im Garten zu sehen. Doch als er zum Fenster trat, war da niemand. Nur die alte Wiese und der Wind, der durch das hohe Gras strich – und irgendwo in der Ferne das leise Klirren eines Windspiels.

Abschied

Der Himmel über Kiel war an diesem Abend ungewöhnlich klar – ein seltener Moment zwischen Sturm und Regen, als hielte der Frühling kurz den Atem an.

In der kleinen Versicherungsagentur in der Holtenauer Straße klirrten Gläser, Stimmen hallten über die Flure, und der Geruch von kaltem Buffet, Parfüm und Druckerpapier lag in der Luft.

Sybille saß zwischen ihren Kolleginnen, lächelte, aber ihr Lächeln wirkte angestrengt. Ihr Bauch war rund, gespannt, als trüge sie darin eine Welt, die sich zu bewegen begann. Die Frauen lachten, umarmten sie, wünschten alles Gute für die bevorstehende Geburt. Auf dem Tisch standen alkoholfreier Sekt, Saft, kleine belegte Brötchen.

»Kein Prosecco für dich, Sybille«, rief ihre Kollegin, Nadine und prostete ihr mit einem Glas Apfelschorle zu.

»Ich weiß«, antwortete Sybille lächelnd. »Nur noch ein paar Wochen. Dann beginnt ein neuer Lebensabschnitt.«

»Oder das Schönste überhaupt«, meinte jemand aus dem Hintergrund.

Später, nach Dienstschluss, gingen sie noch gemeinsam in die kleine Pizzeria in der Holtenauer Straße, Sybilles und Max’ Stammlokal. Der Wirt, ein grauhaariger Italiener mit breitem Grinsen, erkannte sie sofort.

»Ah, Signora Sybille! Bald Mamma, eh?« Er legte eine Hand auf sein Herz. »Doppelte Portion Glück für dich!«

»Grazie, Paolo«, erwiderte sie leise.

Die Gespräche drehten sich um Urlaubspläne, Hochzeiten, Klatsch. Sybille hörte nur halb zu. Sie fühlte sich müde, als sei etwas in ihr ausgelaugt. Ein paar Mal legte sie die Hand auf den Bauch, spürte das leichte Treten unter ihrer Haut. Dann war ihr Kind wieder still.

Gegen halb zehn stand sie auf. »Ich sollte gehen. Max wartet schon.«

»Meld dich, wenn’s losgeht!«, rief Nadine lachend.

»Mach’ ich«, versprach Sybille, zog ihre Jacke an und trat hinaus in die Dunkelheit.

Die Straße nach Schwedeneck war wie ausgestorben. Nur das monotone Surren der Reifen und das leise Ticken des Blinkers durchbrachen die Stille. Als Sybille Kiel hinter sich ließ, wurde die Welt um sie herum dunkler, enger. Die letzten gelblichen Lichter der Stadt verblassten im Rückspiegel, und mit ihnen verschwand jedes Gefühl von Sicherheit. Rechts, hinter den schwarzen Linien der Bäume, musste das Meer liegen – unsichtbar, aber sie konnte es spüren. Diese salzige, kühle Schwere in der Luft. Sie kannte die Strecke. Jede Kurve, jede Steigung, jede unbeleuchtete Kreuzung. Und doch – heute war alles irgendwie anders. Der Wald zwischen Dänischenhagen und Schwedeneck schien dichter zu sein, als hätte er sich in der Nacht enger zusammengedrängt, um sie zu verschlucken. Das Fernlicht durchschnitt die Schwärze der Nacht. Sybille summte leise vor sich hin, irgendein Lied aus dem Radio. Dann vibrierte ihr Handy. Sie zuckte zusammen, drückte auf die Freisprechanlage.

»Sybille? Wo steckst du, ich mach mir Sorgen.« Die Stimme von Max war warm, vertraut – aber jetzt schwang eine unterschwellige Angst darin mit.

Sybille atmete aus, zwang sich zu einem Lächeln.

»Bin gleich da. Alles gut, wirklich.«

»Fahr vorsichtig, ja?«

»Mach ich.«

Das Klicken der Leitung war das letzte Geräusch, bevor wieder diese tiefe, pulsierende Stille zurückkehrte.

Und dann – eine Silhouette.

Zuerst glaubte sie, es wäre ein Ast, der in den Lichtkegel geriet. Doch es bewegte sich anders. Zu schnell.

Es kam direkt auf sie zu. Ein Flügelschlag? Dann ein dumpfer Aufprall, er riss sie aus den Gedanken. Dieses Etwas traf die Windschutzscheibe mit solcher Wucht, dass Glas splitterte wie Eis. Ein feines Netz aus Rissen breitete sich aus, glitzerte kurz im Licht.

»Scheiße!« Sybille schrie auf, riss instinktiv das Lenkrad herum. Das Auto schlingerte, der Asphalt wurde zu einer glatten Fläche. Reifen quietschten, Dreck spritzte auf.

Dann – ein Knall.

Metall auf Holz. Der Aufprall war hart. Sybilles Wagen prallte frontal gegen einen Baum und sie wurde brutal nach vorn geschleudert; der Gurt schnitt tief in ihre Brust. Der Airbag explodierte mit einem dumpfen Schlag. Alles in ihr brannte. Dann Stille. Nur das Ticken des Motors, das Knacken von heißem Metall.

Sie schmeckte Blut. Der Geruch von verbranntem Plastik mischte sich mit etwas Bitterem, Eisenhaltigem. Langsam drehte sie den Kopf. Das Licht der Scheinwerfer fiel schräg auf den Waldboden – und da, mitten auf der Windschutzscheibe, lag ein großer Vogel. Die Federn glänzten im Licht – und mitten im Federkleid, kaum sichtbar, schimmerte ein roter Fleck.

Sybille spürte, wie ihr Atem flacher wurde. Sie sah nach unten. Blut. Zwischen den Beinen. Zu viel Blut.

»Nein … nein, bitte nicht …« Ihre Hände zitterten, tasteten nach dem Handy. Es glitt ihr beinahe aus der Hand, doch sie erwischte es im letzten Moment. Sie drückte auf Max’ Nummer. Das Freizeichen klang wie aus einer anderen Welt. Dann klickte es.

»Sybille?« Seine Stimme, atemlos. »Wo bist du?«

»Ich, ich hatte einen Unfall, da war, da war ein Vogel, ein großer, ich blute, Max.«

»Bleib ruhig, hörst du? Atme. Sag mir, wo du bist.«

»Kurz nach Dänischenhagen, im Wald; ich seh’ keine Schilder, es ist so dunkel.« Ihre Stimme brach.

»Sybille! Halt dich wach, bitte! Ich ruf ’ die 112. Bleib dran, hörst du? Bleib dran!«

»Ich … ich kann nicht … mir ist so … kalt.«

»Sybille?!« Stille. »Sybille?!«

Das Rascheln in der Leitung wurde leiser. Dann nur noch ein Knistern. Es kam keine Antwort mehr. Max’ Stimme verhallte im Nichts. Die Verbindung brach ab.

Im Inneren des Autos tropfte Blut auf den Fahrersitz. Der Motor verstummte. Sie blutete stark und hatte einen Schock. Dann verlor sie das Bewusstsein. Stille. Und draußen – auf der zertrümmerten Windschutzscheibe, inmitten der Sprünge – klebte ein großer, dunkler Umriss – mit zwei runden, leuchtend roten Augen.

21:45 Uhr

Max wählte hektisch den Notruf, die Hände klamm vom Schweiß. »Meine Frau – sie ist hochschwanger – sie hatte einen Unfall! Waldstück, Straße nach Schwedeneck, kurz nach Dänischenhagen! Bitte schicken Sie alles, was Sie haben!«

»Können wir sie orten?«, fragte die Disponentin ruhig.

»Ich gebe Ihnen ihre Handynummer. Bitte, beeilen Sie sich!«

»Ruhig, Herr ... ?«

»Lüdecke! Max Lüdecke!« Er schluckte.

»Bitte, sie ist im achten Monat, sie antwortet nicht mehr!«

»Bleiben Sie in der Leitung, Herr Lüdecke. Wir schicken sofort Rettungskräfte. Fahren Sie nicht!«

Aber Max hörte schon nicht mehr zu. Er war bereits unterwegs. Die Reifen fraßen den Asphalt, die Scheibenwischer kämpften gegen den aufkommenden Regen. Jeder Meter zählte, jede Sekunde. Der Wagen vibrierte, als er die Kurve aus Schwedeneck Richtung Dänischhagen nahm. Die Lichter des Ortes verschwanden im Rückspiegel, verschluckt von der schwarzen Landstraße. Er hatte das Gefühl, in ein Nichts zu rasen.

»Sybille, bitte geh ran!«

Er drückte erneut auf den Anrufbutton, doch das Handy blieb stumm. Nur das monotone Tuten, das irgendwann in sein Ohr schnitt wie ein Messer. Dann ein rotes Blinken vor ihm – Stau. Max schlug mit der flachen Hand gegen das Lenkrad. Ein Unfall. Blaulicht. Polizei. Abschleppdienst.

»Verdammte Idioten!«, keuchte er, während er sich an den wartenden Fahrzeugen vorbeiquetschte. »Heute Nacht? Ausgerechnet heute Nacht!«

22:02 Uhr

Die Straße war jetzt menschenleer, nur der Wind, das Rauschen der Bäume, das Kreischen der Reifen. Dann – ein Flackern zwischen den Stämmen. Blaues Licht. Er trat auf die Bremse. Mehrere Fahrzeuge standen am Straßenrand. Taschenlampen bewegten sich im Dunkel. Menschenrufe, hektische Kommandos.

Max stieg aus, nahm seine Taschenlampe aus dem Handschuhfach und rannte los. »Sybille!«

Ein junger Polizist stellte sich ihm in den Weg, die Hand erhoben. »Sie können hier nicht hin!«

»Ich bin der Ehemann!« Max’ Stimme brach.

Hinter dem Beamten sah er es. Das Auto – ihr Auto – halb im Graben, zerquetscht gegen den Stamm einer Buche. Die Front legte sich um den Stamm, das Blech gefaltet wie Papier.

Die Windschutzscheibe war ein Netz aus Glas und Blut. Auf der Motorhaube, direkt unterhalb der Frontscheibe: ein dunkler Fleck, Federn, ein Flügel, reglos.

»Sybille!«, schrie er, und diesmal war es kein Name mehr, sondern ein verzweifelter Laut.

Später, im nüchternen Polizeibericht, stand: Verkehrsunfall durch Wildschaden. Auf der Windschutzscheibe: Blut- und Federreste eines Raubvogels. Eine schwer verletzte Person. Keine weiteren Unfallbeteiligten, keine Unfallzeugen.

Doch was niemand erwähnte, war das, was Max an Sybilles Wagen später sah – flüchtig, im Licht seiner Taschenlampe: eine Eule, ihre Flügel zuckten leicht. Vielleicht war es der Wind – oder sie lebte noch.

Ihre Augen blickten ihn direkt an. Nur für den Bruchteil einer Sekunde. Als würden sie sagen: Es ist nicht vorbei. Es beginnt gerade …

Doch dann erlosch ihr Augenlicht. Sie starrte ins Leere. Und der Wind trug den Geruch von verbranntem Gummi, kaltem Metall – und etwas anderem. Etwas, das wie Vorahnung schmeckte.

Gefühle

Eckernförde, zwei Jahre später

Max war jetzt seit über einem Jahr geschieden. Das Einfamilienhaus in Schwedeneck – der Stolz ihrer gemeinsamen Jahre – hatte längst einen neuen Besitzer.

Zu viele Erinnerungen, zu viel Schmerz in den Zimmern. Sybille war nach Neumünster gezogen, zu ihrer Freundin Bettina. Er selbst hatte Zuflucht hier gefunden, in dieser kleinen Wohnung mit Blick auf den Hafen. Sie war schlicht, aber gemütlich, und sie bot das, was er am meisten brauchte: Nähe zur See. Nur die Bounty war ihm geblieben. Zwölf Meter Holz, Stahl und Segeltuch – und doch mehr Trost als alles, was er besaß.

An diesem Samstagmorgen wollte er alleine hinaus zu einem Törn. Keine klare Route, kein Ziel. Nur Wind, Wasser und der Gedanke, dass irgendwo hinter dem Horizont vielleicht wieder Hoffnung wartete. Der Tag erwachte, als Max Lüdecke die Augen öffnete. Ein schmaler Streifen Licht schnitt durch die halb geschlossenen Jalousien und legte sich wie eine blasse Spur über die Wand seiner kleinen Erdgeschosswohnung in der Nähe des Altstadthafens von Eckernförde. Das Kreischen der Seemöwen mischte sich mit dem salzigen Atem der Förde – Tang, Algen, Meer, alles in einem vertrauten Rhythmus.

Er blieb einen Moment liegen und lauschte. Seit Monaten begann jeder Tag so: erst das Licht, dann die Stille, schließlich das ferne Klirren von Masten, das ihn zurückholte ins Leben.

Als er die Wohnung verließ, lag noch Nebel über der Stadt. Er schwebte zwischen den Dächern und über den Masten, ließ Eckernförde aussehen, als sei es aus der Zeit gefallen. In der Fußgängerzone begannen die Händler, ihre Stände aufzubauen. Der Geruch von frischem Bauernbrot, geräuchertem Fisch und frisch geschnittenen Blumen lag in der Luft. Das Leben am Markt erwachte in kleinen, gedämpften Bewegungen. Vor der Sankt-Nicolai-Kirche blieb Max stehen. Die alten Mauern wirkten, als hielten sie Geheimnisse fest, die längst niemand mehr zu deuten wusste. Für einen Moment spürte er ein leichtes Frösteln – nicht unangenehm, sondern seltsam vertraut, wie ein Echo aus einer anderen Zeit.

Als er den Stadthafen erreichte, begann sich der Nebel langsam zu lichten. Die Sonne schob sich über die Dächer, traf auf die Fassade des alten Getreidesilos. Der rote Backstein glühte im ersten Licht, als würde er von innen heraus brennen. Überall das Knarren von Leinen, das leise Ticken der Masten, das dumpfe Schlagen kleiner Wellen. Es war Musik – die Melodie seines Lebens. Und doch, irgendwo darin schwang eine Spannung mit. Etwas, das er nicht benennen konnte. Dann sah er sie: die Bounty, Liegeplatz 105. Ihr Rumpf glänzte weiß, die Reling spiegelte das Licht. In diesem Moment fiel von ihm ab, was ihn beschwert hatte. Hier, an Deck, sollte sein Tag beginnen. Doch die Erinnerung kam schneller, als er sie verdrängen konnte. Er sah im Geiste Sybille. Und dann ihren traurigen Blick, leer und fremd in den letzten Monaten seit ihrer Erkrankung. Vor seinem inneren Auge erschienen die Psychiatrie in Kiel, Sybilles lange Klinikaufenthalte und die endlosen Gespräche über diese Frau, diese Schamanin, die sie in ihren Bann gezogen hatte.

»Max, du verstehst es nicht!«

»Doch, Sybille. Ich sehe, wie sie dich kaputtmacht!«

»Sie heilt mich!«

»Sie nimmt dir alles. Geld. Verstand. Uns.«

Dann dieser letzte Satz, gesprochen mit einer Ruhe, die ihn traf wie ein Messer: »Ich habe einen anderen.«

Er schloss die Augen, atmete tief durch. Nicht heute. Heute wollte er leben – wenigstens für ein paar Stunden. Am alten Leuchtturm bog er in das kleine Hafenrestaurant ein. Er hatte vor, erst noch frühstücken zu gehen. Die Terrasse war bereits gut gefüllt, das Stimmengewirr mischte sich mit dem Duft von Kaffee und gebutterten Croissants. Max suchte nach einem Platz, fand aber keinen freien Tisch. Nur ganz am Rand saß eine Frau alleine – jung, blond, mit einem hellen Sommerkleid und einem Latte Macchiato vor sich. Sie bemerkte seinen suchenden Blick und lächelte.

»Möchten Sie sich setzen?«, fragte sie freundlich. »Hier scheint der letzte freie Platz zu sein.«

»Danke«, sagte Max und nahm etwas unsicher Platz. »Ich bin Max.«

»Helga«, antwortete sie. Ihre Stimme war warm und sympathisch. Sie musterte ihn, nicht neugierig, sondern aufmerksam. »Segeln Sie – oder träumen Sie nur davon?«

Ein flüchtiges Lächeln huschte über sein Gesicht.

»Ich segle. Und manchmal träume ich auch dabei.«

»Dann sollten Sie das öfter tun.«

Der Kellner brachte seinen Kaffee. Max roch den kräftigen Duft, hörte das Murmeln der Gäste, das Klappern von Besteck. Für einen Moment fühlte er sich wieder leicht. Sie sprachen über Boote, über das Wetter, über Nebensächlichkeiten, die sich erstaunlich mühelos aneinanderreihten. Helga erzählte, sie arbeite im Vertrieb in Rendsburg, sei übers Wochenende hier, um ein paar Besorgungen zu machen. In ihrem Lächeln lag eine Offenheit, die ihm unvertraut vorkam.

»Verzeihen Sie«, sagte sie plötzlich und rieb sich die Augen. »Ich kann Sie kaum erkennen – und die Brille liegt im Auto. Ich habe heute Morgen meine Kontaktlinsen verloren – ich sehe alles verschwommen. Ich muss später noch zum Optiker.«

Max schmunzelte. »Das kenne ich. Ich trug jahrelang Brille – als Ingenieur am Bildschirm war das unvermeidlich. Dann kamen die Gleitsichtgläser, jedes Jahr teurer.«

»Und jetzt? Sie tragen gar keine.«

»Operation in Hamburg«, erklärte er. »Intraokulare Gleitsichtlinsen. Sie ersetzen die natürliche Linse im Auge. Nicht billig, aber … ich habe es nie bereut.«

Helga legte den Kopf leicht schief, ihre Augen strahlten – warm und goldfarben. »Das klingt interessant. Davon müssen Sie mir mehr erzählen.«

Er nickte, und sie redeten weiter. Er klärte sie auf. OP-Verlauf, Kosten, Behandlung und das Ergebnis. Sie war beeindruckt. Dann unterhielten sie sich über die Vergangenheit. Über Entscheidungen, die alles veränderten. Über den Mut, neu zu beginnen.

Als er später aufstand, um zu zahlen, sah Max, dass sich der Nebel vollständig aufgelöst hatte. Die Sonne funkelte auf dem Wasser. Es sollte ein herrlicher Segel-tag werden. Er sah zu Helga hinüber. Sie lächelte. Und in diesem Lächeln lag etwas, das blieb – ein winziger Riss in der Dunkelheit, die ihn so lange begleitet hatte. Sie tauschten Nummern aus. Sie wollten unbedingt ein »medizinisches Zweitgespräch«, wie sie es nannten. Max sah sie an. Und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er das Gefühl, dass etwas Neues beginnen würde. Etwas, das ihn vielleicht retten könnte.

Untergang

Unfallklinik Kiel

Der Flur war still, steril, zu still – nur das ferne Piepen von Monitoren und das gedämpfte Quietschen eines Rollwagens drangen durch die Tür am Ende des Ganges. Neonlicht. Kaltes, unnachgiebiges Neonlicht, das wie ein Skalpell jede Farbe aus der Welt schnitt.

Max saß auf der harten Plastikbank vor der Intensivstation, die Hände ineinander verkrallt. Seine Finger waren taub, der Rücken verkrampft. Er blickte auf die Wand vor sich, als könnte er darin ein Muster finden, irgendetwas, das ihm irgendwie Halt gab. Doch da war nur Weiß. Endloses, tödliches Weiß. Der Geruch von Desinfektionsmittel brannte in seiner Nase, mischte sich mit Schweiß und etwas Metallischem – Blut vielleicht. Er wusste es nicht. Er wollte es nicht wissen. Die Schiebetür öffnete sich leise. Ein Arzt trat hinaus. Ein Mann mittleren Alters, die Schultern schwer, der Blick müde.

»Herr Lüdecke?« Seine Stimme war ruhig, geübt – und doch klang sie, als würde sie aus der Ferne kommen.

Max sprang auf. »Meine Frau – wie geht es ihr? Und das Kind?«

Der Arzt zog langsam die Maske vom Gesicht. Ein tiefer Atemzug, bevor er sprach. »Ihre Frau lebt. Wir mussten eine Notoperation durchführen. Sie liegt jetzt auf der Intensivstation.«

Hoffnung blitzte in Max’ Augen auf.

Dann kam der Nachsatz. Leise, präzise, wie ein Schnitt: »Aber das Kind… wir konnten es nicht retten.«

Etwas in Max brach. Kein Laut, kein Schrei – nur ein Zittern, das ihn durchfuhr, als würde sein Körper sich weigern, das zu begreifen.

»Nein …« Das Wort kam kaum über seine Lippen. »Nein, das darf nicht sein!«

Seine Knie gaben nach. Er griff nach der Bank, fand keinen Halt, rutschte an der kalten Wand hinunter. Der Arzt wollte ihn auffangen, aber Max stieß ihn weg, atmete heftig, kämpfte gegen die Leere in seiner Brust.

»Sie … sie wollte doch nur ihren Abschied feiern.«

Er sah an dem Mann vorbei, als könnte er die Realität einfach übergehen, wenn er nur lange genug wegsah.

Der Arzt nickte. »Es tut mir sehr leid, Herr Lüdecke.« Dann ging er. Wortlos. Nur das leise Rascheln seiner Schritte war zu hören, als er wieder im Flur verschwand.

Als Max sie später sah, lag Sybille da – bleich, ihre Lider wirkten schwer. Ein schmaler Beatmungsschlauch führte zu ihrer Nase, die Monitore blinkten im Rhythmus ihres schwachen Herzschlags. Er setzte sich an ihr Bett, nahm ihre Hand. Sie war eiskalt. Kein Druck, keine Bewegung.

»Es tut mir so leid«, flüsterte er. Tränen brannten hinter seinen Lidern, heiß, schmerzhaft. »Ich war nicht da, ich hätte…«

Da öffnete sie plötzlich die Augen, nur einen Spalt weit. Ihr Blick war glasig, wie von weit her. »Max«, hauchte sie.

Er beugte sich vor. »Ich bin hier.«

Ihre Lippen zitterten, kaum hörbar formten sie die Worte: »Unser Kind, unser Zimmer …«

Dann fiel sie zurück in die Bewusstlosigkeit. Max blieb bei ihr, bis die Krankenschwester kam und ihn bat, zu gehen. Er stand auf, schwankte, und sah sie noch einmal an. Das Gesicht, das er so oft im Morgenlicht gesehen hatte – jetzt wirkte es fremd und leblos.

Die Zeit danach wurde ein einziger Nebel aus Schmerz und Schweigen. Das Haus in Schwedeneck – einst ihr Paradies – war jetzt ein stilles Mausoleum. Das Kinderzimmer blieb verschlossen. Pastellgrün gestrichen, mit kleinen Sternen an den Vorhängen. Ein Teddy saß auf dem Regal, wartete. Aber niemand kam. Sybille sprach kaum noch. Sie saß stundenlang am Fenster, sah hinaus in den Garten, als suche sie etwas, das sie nicht finden konnte. Wenn Max hereinkam, sah sie ihn nicht. Ihre Augen waren offen, aber sie blickten durch ihn hindurch. Eines Abends versuchte er es wieder, vorsichtig: »Komm doch raus … nur frische Luft, Sybille. Der Wind tut gut.«

Sie wandte ihren Blick wieder zum Fenster. »Ich kann nicht, Max.«

Ihre Stimme klang leer, stumpf, als würde sie die Worte nur nachsprechen.

»Du musst … wir müssen irgendwas tun.« Er klang verzweifelt, wie ein Mann, der längst alles verloren hatte.

»Ich will nicht.«

Drei Worte. Ein Todesurteil für jede Hoffnung.

Vier Wochen später kündigte sie bei ihrem Arbeitgeber. Keine Erklärung, kein Zögern. Sie packte ihre Unterlagen in eine Mappe, legte sie auf den Küchentisch.

»Ich kann da nicht mehr hin«, sagte sie nur.

Max nickte. Er verstand. Und doch verstand er nichts. Er sah sie an, dieses blasse Gesicht, dieser tote Blick– und wusste: Er hatte sie nicht verloren, weil das Kind gestorben war. Er hatte sie verloren, weil etwas in ihr mitgestorben war. Etwas, das nie wieder zurückkommen würde. Es begann harmlos. Oder zumindest glaubte Max das. Sybille hatte in den Wochen nach der Entbindung kaum gesprochen, kaum gegessen. Und wenn sie sprach, dann klammerte sie sich nur noch an Bettina, ihre einzige Freundin und ihre direkte Nachbarin. Ihr Blick war leer, die Haut blass wie Kreide. Dann, eines Nachmittags, stand Bettina vor der Tür – mit ihrer lauten Stimme, ihrem flirrenden Parfum und diesem unerschütterlichen Lächeln, das selbst auf Hochzeiten deplatziert gewirkt hätte.

»Sybille, komm, du musst hier raus. Du verfaulst ja in diesem Haus!«

Sie hatte ihr keinen Widerspruch gelassen. Bettina war so jemand, der immer wusste, was gut für andere war – auch wenn sie selbst ihr Leben kaum im Griff hatte. Frisch geschieden, das Haar zu hell blondiert, die Fingernägel in einem grellen Pink, das in Max’ Augen schrie. Doch Sybille lächelte tatsächlich, zum ersten Mal seit Wochen. Ein kleines, brüchiges Lächeln – aber es war da.

»Ich will dir was zeigen«, sagte Bettina geheimnisvoll und senkte die Stimme. »Etwas, das dir helfen kann.«

Sybille hob müde den Kopf. »Was meinst du?«

»Es gibt Kräfte, Sybille. Mächte, die stärker sind als alles, was wir sehen. Ich habe jemanden kennengelernt. In Kiel. Roxana. Sie ist ... besonders. Eine Heilerin, eine, die dich spürt. Die dich versteht.«

Max, der zufällig im Türrahmen stand, verzog das Gesicht. »Heilerin? Bettina, bitte. Nicht jetzt.«

Doch Bettina schob die Handfläche abwehrend in die Luft. »Du verstehst das nicht, Max. Sie hat mir geholfen. Nach der Scheidung;, ich war am Boden. Und dann – sie hat mich neu aufgerichtet, mich gereinigt. Energetisch.«

Max verdrehte die Augen. »Energetisch? Das klingt nach Räucherstäbchen und Hokuspokus.«

»Vielleicht«, entgegnete Bettina mit einem seltsamen Funkeln in ihrem Blick. »Aber manchmal ist das genau das, was wir brauchen.«

Sybille sagte nichts. Doch in ihrem Wesen veränderte sich etwas. Ein Funken Hoffnung. Ein gefährliches Leuchten, das Max sofort auffiel. »Ich ... ich weiß nicht«, murmelte sie.

»Komm einfach mal mit«, drängte Bettina sanft. »Wenn es dir nichts bringt, kannst du wieder gehen. Aber wenn doch …«

Sybille nickte, als wäre sie in diesem Moment ferngesteuert.

Die Treffen mit Roxana begannen harmlos – kurze Sitzungen, in denen sie angeblich ›die Energiezentren öffnete‹ oder ›die seelischen Blockaden löste‹.

Doch bald war Sybille wie ausgewechselt. Sie sprach anders. Bewegte sich anders. In ihrem Blick lag eine Unruhe, ein fiebriges Glänzen.

»Roxana sagt, ich muss mich lösen«, flüsterte sie eines Abends beim Essen. »Von den Schatten. Von der Schuld.«

»Und ich soll mich schützen … und dich schützen.«

»Vor wem?«

»Vor bösen Energien?«

»Und ich soll das Haus räuchern.«

Max legte das Besteck beiseite. »Sybille, du brauchst keine fremde Frau, die dir sagt, was du tun sollst oder fühlst. Du brauchst Zeit. Und vielleicht Hilfe.«

Sie sah ihn an, ruhig, irgendwie mitleidig. »Sie hilft mir. Mehr, als du je könntest.«

Er schwieg. Von da an wurde alles schlimmer. Sybille verschwand immer häufiger. Kam spät nach Hause, manchmal erst nach Mitternacht. Das Auto roch nach Rauch und fremden Kräutern.

»Weihrauch«, sagte sie. »Beifuß. Baldrian. Dinge, die reinigen.«

Das Haus veränderte sich. Leise. Unmerklich zuerst.

Dann mit jeder Stunde, mit jedem Atemzug. Auf den Kommoden standen kleine Säckchen, gebunden mit schwarzen Fäden. In Schalen lagen Steine, glatt und kalt wie Erinnerungen. Zwischen den Buchrücken ragten Titel hervor, die Max noch nie zuvor gesehen hatte: Der Schleier zwischen den Welten. Der Ruf der Ahnen. Übergänge.

Ein süßlich-schwerer Geruch klebte an den Vorhängen, wie Rauch, der nicht gehen wollte. Verbrannte Kräuter, vielleicht. Oder etwas anderes. Etwas, das nach Ritual roch. Manchmal stand Sybille am Fenster. Die Arme ausgestreckt, das Gesicht still, die Lippen bewegten sich lautlos. Ein Flüstern, kaum hörbar, aber voller Bedeutung, als würde sie mit jemandem sprechen, der längst nicht mehr hier war.

»Sybille?«, fragte Max eines Abends.

Langsam drehte sie sich um. Ihre Augen wirkten dunkler als sonst, als spiegle sich darin etwas, das nicht ins Licht gehörte.

»Ich spüre sie«, sagte sie. »Sie ist da. Roxana hat mir gezeigt, wie.«

»Wen spürst du?«

»Unsere Tochter. Unser Kind.«

Die Worte trafen ihn wie ein Schlag. Er fror. Noch bevor er etwas sagen konnte, spürte er, wie die Luft zwischen ihnen dicker wurde, schwerer.

»Sybille …«

»Sie sagt, es ist nicht verloren. Nur ... auf einer anderen Ebene.«

Er wollte widersprechen, aber jedes Wort fühlte sich falsch an, hohl. Schließlich brachte er nur hervor: »Bitte. Hör auf damit. Ich halte das nicht aus.«

Sybille lächelte schwach. Ein Lächeln ohne Freude.

»Du verstehst nicht«, flüsterte sie und wandte sich ab.

Ein paar Nächte später erwachte Max. Das Bett neben ihm war leer. Ein leises Flackern schlich unter der Kinderzimmertür hervor. Er stand auf, barfuß, tastete sich durch die Dunkelheit. Im Kinderzimmer brannten Kerzen – Dutzende. Ihr Licht zitterte an den Wänden, zeichnete fremde Schatten. Sybille lag auf dem Boden, die Decke bis zur Taille, die Lippen bewegten sich – sie murmelte rhythmisch und monoton. Ein Mantra. Auf der Kommode lag eine Karte. Darauf ein Symbol – blutrot, verschlungen, fremdartig. Max griff danach. Das Papier war warm. Nicht von der Kerze, nicht von der Luft. Es fühlte sich an, als würde es atmen. Er drehte das Blatt. Keine Schrift. Nur dieses Zeichen – und das Gefühl, beobachtet zu werden. Ein Schauer kroch über seine Haut, kalt und lebendig zugleich. Die Karte hatte er schon einmal unter dem Kinderbettchen gesehen.

»Was ist das?«, flüsterte er.

Sybille zuckte im Schlaf und murmelte. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Wispern; ein Echo aus einem anderen Raum. Er setzte sich neben sie, nahm ihre Hand. Sie war heiß, pulsierend. Zu heiß. Draußen begann es zu regnen. Langsam und gleichmäßig, wie ein Herzschlag. Und Max befürchtete in diesem Moment, tief in seinem Innern: Etwas war in Sybille erwacht – oder es hatte vielleicht schon immer in ihr gesteckt. Etwas, das vielleicht nie wieder zur Ruhe kommen würde.

Schmetterlinge

Am nächsten Wochenende trafen sich Max und Helga in Eckernförde erneut. Diesmal nicht zufällig, sondern bewusst verabredet. Und dieses Mal sah sie ihn wirklich deutlich. Sie hatte inzwischen ihre neuen Kontaktlinsen. Auf der Promenade glitzerte das Wasser der Förde, Boote klatschten sacht gegen ihre Festmacher. Max saß bereits am Fensterplatz des kleinen Cafés, das er ausgesucht hatte – Kaffeehaus Möwenblick, mit weißen Holztischen und dem Duft von Apfelkuchen und gerösteten Mandeln. Als Helga hereinkam, schien das Licht sich für einen Moment auf sie zu konzentrieren. Sie trug eine hellblaue Bluse, ihr langes blondes Haar fiel locker über die Schultern.

»Da sind Sie ja«, sagte Max, stand halb auf und lächelte verlegen.

»Natürlich. Ich lasse doch keine Einladung mit Apfelkuchen aus«, erwiderte sie und setzte sich ihm gegenüber.

Sie bestellten Kaffee und zwei Stück Kuchen. Eine angenehme Stille lag zwischen ihnen, keine angespannte, sondern jene, die entsteht, wenn zwei Menschen ahnen, dass es zwischen ihnen knistert. Helga rückte ihre Tasse zurecht.

»Also, Max, erzählen Sie mir mehr. Wer sind Sie wirklich?«

Max atmete tief durch. »Das wird aber eine lange Geschichte.«

»Ich habe Zeit.«

Er zögerte. Seit Jahren hatte er niemandem mehr von sich erzählt – zumindest nicht so ehrlich. Doch irgendetwas an ihr, ihre Ruhe, ihr offenes Zuhören ohne Mitleid, ließ ihn die Worte finden.

»Von außen sah alles perfekt aus: gute Karriere, Ehe, Haus, Boot. Aber innen war alles leer. Wir …« Er hielt inne, suchte nach den richtigen Worten. »Wir verloren unser erstes Kind. Meine Frau war im achten Monat schwanger, dann kam der Unfall.«

Helga blinzelte, ihre Stimme wurde weich. »Das tut mir unendlich leid.«

»Danach war nichts mehr, wie es war«, fuhr er fort. »Sie – meine Frau – wurde depressiv. Sie stürzte sich in eine esoterische Welt, in die Arme einer sogenannten Geistheilerin. Ich hab versucht, ihr zu helfen, aber sie glitt mir immer weiter weg. Am Ende war sie überzeugt, Dämonen würden uns verfolgen.«

Er rieb sich über das Gesicht, als könnte er den Schmerz fortwischen. »Ich stand daneben und sah zu, wie alles zerbrach.«

Helga nickte langsam. »Das klingt, als hätten Sie eine Menge ertragen.«

»Ich hab funktioniert. Gearbeitet. Gelächelt. Aber irgendwann ging nichts mehr. Burn-out und Medikamente.«

Er hob den Blick, sah sie an. »Ich glaube, ich hab einfach vergessen, wie sich Ruhe und Freude anfühlen.«

Eine Pause entstand. Nur das Klirren von Geschirr und leises Stimmengewirr erfüllten den Raum.

»Was machen Sie denn beruflich?«, fragte sie schließlich.

»Schiffbau. Ich arbeite bei einem Zulieferer in Kiel, Schiffsaggregate. Früher hat mich das begeistert. Heute ist es nur noch Routine.«

»Und was wünschen Sie sich stattdessen?«, fragte sie sanft.

Max lächelte bitter. »Ein Leben, das wieder leicht ist. Ohne Angst. Ohne Depressionen.«

Helga sah ihn an – ruhig, aufmerksam. »Vielleicht war es kein Zufall, dass wir uns getroffen haben.«

Er hob überrascht die Augenbrauen. »Sie glauben an Zufälle?«

»Manchmal schon«, antwortete sie. »Aber manchmal glaube ich auch, dass das Leben uns genau dann die Menschen schickt, die wir brauchen.«

Er lachte leise. »Klingt sehr spirituell.«

»Vielleicht«, erwiderte sie. »Aber auf eine bodenständige Art.«

Dann erzählte sie von sich. »Ich bin seit zwei Jahren geschieden. Mein Ex-Mann hat sich in meine beste Freundin verliebt. Ich wollte es lange nicht wahrhaben. Bis ich die beiden dann vor einem Hotel in Rendsburg gesehen habe – lachend und Händchen haltend.«

»Das muss schrecklich gewesen sein«, sagte Max leise.

»War es«, gab sie zu. »Aber es hat mich auch verändert. Ich habe gelernt, mich nicht mehr über andere zu definieren. Ich bin stärker geworden – und freier.«

Max sah sie nachdenklich an. »Sie klingen, als hätten Sie Ihren Frieden gefunden.«

Helga lächelte leicht. »Manchmal glaube ich das. Und manchmal suche ich ihn immer noch.«

Er nickte. »Vielleicht suchen wir beide dasselbe.«

Ein Moment des Schweigens – diesmal voller Bedeutung. Draußen brach die Sonne durch eine Wolkenlücke, fiel golden auf den Tisch zwischen ihnen.

»Darf ich etwas sagen, das vielleicht zu früh klingt?«, fragte Max vorsichtig.

»Versuchen Sie’s«, erwiderte sie, halb lächelnd.

»Ich glaube, ich habe Sie gebraucht, ohne zu wissen, dass es Sie gibt.«

Kein Wort. Nur ein Blick, warm und ruhig – und doch vibrierte darin etwas Neues. Später, als sie das Café verließen, lachte sie über die Sonne, die ihr ins Gesicht fiel. Sie musste niesen.

»Ich hatte fast vergessen, wie schön Licht sich anfühlt«, sagte sie.

Am Ausgang rutschte sie leicht auf dem Pflaster aus, und ehe sie fiel, hatte Max sie schon aufgefangen. Für einen Moment standen sie dicht beieinander – ihr Atem, seiner, nah, irgendwie vertraut.

»Alles gut?«, fragte er leise.

»Ja«, flüsterte sie. Und blieb einen Herzschlag länger in seinem Arm, als es nötig gewesen wäre. Sie gingen weiter, Seite an Seite. Helga hakte sich bei ihm ein, wie beiläufig – und doch war in dieser Geste etwas, das Max spürte, bevor er es verstand. Vor ihnen lag das Wasser, träge, irgendwie zu ruhig. Möwen kreisten lautlos über der Bucht, das Wasser glitzerte im Rhythmus des Sonnenlichts.

Schließlich blieb Max stehen. »Helga …«

Sie drehte sich zu ihm, sah ihn fragend an. Er sagte nichts mehr. Stattdessen beugte er sich vor, vorsichtig, zögernd, und küsste sie. Erst war es nur ein Hauch – dann leidenschaftlicher, erwiderte Helga seinen Kuss. In diesem Moment war das Eis gebrochen. Die Scheu, die Vorsicht, die Distanz – alles verschwand. Als sie sich lösten, sahen sie sich an, leicht erstaunt.

»Vielleicht«, sagte Helga schließlich. »Ist das ja der Anfang von etwas Besonderem.«

»Vielleicht«, wiederholte Max. Irgendwo tief in ihm regte sich etwas, das er verloren geglaubt hatte: eine neue Liebe, ein Neuanfang und die Hoffnung, dass das Dunkle seiner Vergangenheit endlich abgeschüttelt werden konnte – vielleicht aber auch nicht. Hinter dem hellen Licht des Nachmittags, jenseits der Förde, lauerte irgendetwas, das er nicht richtig einordnen konnte; das spürte er ganz deutlich.

Roxana

Sybille hatte Max überreden können, sie zu Roxana zu begleiten. Vielleicht konnte sie ihm auch helfen. Max steckte wegen des Verlusts ihres Kindes und seines Arbeitsstresses mitten in einer Lebenskrise. Er hatte immer häufiger schlaflose Nächte. Seine Ärzte empfahlen ihm Ruhe und verschrieben leichte Schlafmittel. Aber die brachten außer einer Benommenheit am nächsten Tag nichts. Er wollte nicht tablettensüchtig werden. Also ließ er sich auf Sybilles Schamanin ein. Vielleicht war das ein gangbarer Weg. Sybille schwärmte in den höchsten Tönen von ihr.

Kiel-Holtenau, Roxanas Praxis

Die Tür öffnete sich lautlos – und es war, als würde eine unsichtbare Präsenz den Flur füllen. Der Geruch von Sandelholz und Myrrhe legte sich auf Max’ Haut wie ein Film, als er eintrat. Die Luft im Raum war warm und schwer. Er hatte Mühe zu atmen.

»Willkommen, Max.«

Roxanas Stimme glitt wie Samt durch den Raum. Sie war größer, als er erwartet hatte – hochgewachsen, schlank, ihre Bewegungen fließend wie Wasser. Max schätzte sie auf Mitte vierzig. Silberne Strähnen durchzogen ihr dunkles Haar, das ihr locker über die Schultern fiel. Ihre Augen waren tiefschwarz – und doch glommen darin Lichtreflexe, als würden sie mehr sehen, als sie sollten.

»Ich habe schon auf dich gewartet.«