Die Schafe im Wolfspelz - Felix Winter - E-Book

Die Schafe im Wolfspelz E-Book

Felix Winter

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Beschreibung

Felix Winter, Finder und Sammler der Erzählungen, ist Sohn einer süddeutschen Kleinstadt, über deren christlich-jüdische Vergangenheit allerdings viele Jahre eine Art Schweigegebot gegolten hatte.

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Seitenzahl: 772

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort d. Hrsg.

1Margarethe/“Gretchen”

Von Fliegerhelden und Kannibalen

2Der rote Andres

Es geht dahin

3Judith

Romeo, Julia und der gelbe Stern

4Jenny

Wieder im Land der Mörder

5Moses

Die Mokka-Odyssee

6Hochwürden

Die Schafe im Wolfspelz

7Olga

Verzeihe nichts und niemandem

8Felix Winter

ausgesiedelt, ….verschollen

9Felix Winter

Prozesse, Prozesse

10Felix Winter

… unfähig zu trauern

11Anstelle eines Nachworts

Vorwort

Die Erzählungen der vorliegenden Sammlung berichten aus der süddeutschen Kleinstadt „Herrnweiler“, über dortige Ereignisse am Beginn des „Jahrhunderts der Katastrophen“, im ersten Krieg, in den vermeintlich guten Zwischenkriegsjahren, der „Hitlerzeit“, wie man in Herrnweiler zu sagen pflegte, und in der Nachkriegszeit, in der – wie es der Orts-Chronist und Stadt-Pfarrer ausdrückte – die Schafe ihren Wolfspelz wieder abgelegt haben. Die Erzähler*innen entstammen alle dieser kleinen Stadt, vier Frauen, drei Männer. Und auch ich, der Sammler dieser Geschichten, darf mich wie alle anderen ebenfalls einen Herrnweiler nennen.

In der Endphase meines Studiums wurde ich von Freunden auf ein zeitgeschichtliches Projekt aufmerksam gemacht, das interessant klang und – so hieß es – finanziell „gut ausgestattet“ war. Das heißt, es wurden recht großzügige Stipendien an die Teilnehmenden vergeben. „Ausgeschüttet“, sagte man dazu. Das hörte sich gut an, und ich hatte immerhin eine ganze Reihe von Seminarscheinen erworben, die mich als hinreichend qualifiziert auswiesen. Möglicherweise hat auch meine Herkunft aus Herrnweiler eine gewisse Rolle gespielt, denn das übergeordnete Thema dieses – wie man es nannte – „Prestige-Projekts“ hieß: “Gefolgschaft und Verfolgung im Nationalsozialismus”. Und als ein wichtiger „Seiten-Arm“ war in der Plan-Skizze vorgesehen: „Täter und Opfer des Nationalsozialismus im ländlichen Raum“, zu analysieren am Beispiel mehrerer Kleinstädte und Dörfer. Das Thema Nationalsozialismus hatte sich inzwischen im Zentrum der akademischen Aufmerksamkeit etabliert. Einer der Erfolge der Protest-Generation 1968, der auch ich mich zugehörig fühlte. Und die einstige „christlich-jüdische Erfolgsgeschichte“ meiner Heimatstadt war in der Historiker-Zunft besser bekannt als unter den meisten ihrer Einwohner. Meine Mitarbeit steigere, so formulierte es ein beteiligter Dozent freundlich, „die Authentizität des Projekts“. Die Geschichte von Herrnweiler könne „ohne Zweifel als paradigmatisch“ eingestuft werden. Deshalb setze man große Erwartungen in meine „Recherchen im Mikrokosmos einer ländlichen Region“. Ich fühlte mich fast ein bisschen hofiert. Nun war es freilich nicht meine Absicht, bloß eine „ordentliche“ Untersuchung abzuliefern. Ich war Anhänger der „progressiven Auffassung“, dass man die Kluft verkleinern sollte zwischen der hehren Wissenschaft auf der einen und auf der anderen Seite dem Bestreben, das, was man erforscht hat, auch wirklich für möglichst viele lesbar und verständlich zu machen. Auch und gerade für die sogenannten „einfachen Leute“, in deren Gemeinschaft ich sozusagen hineingeboren war. Nur so machte im Hinblick auf die NS-Vergangenheit die Losung „Nie wieder“ einen Sinn. Vielleicht eine naive Wunschvorstellung. Aber ein nachvollziehbares Credo der Studentenbewegung war nun einmal, dass „Forschung“ nicht Selbstzweck, sondern politisch zu sein hatte. Die von mir produzierte Dissertation sollte deshalb nicht nur die in zahlreichen Publikationen der Nachkriegszeit vorzufindenden Erkenntnisse ein weiteres Mal mit anderem Ortsnamen präsentieren, die typischen Stationen des Wegs in die kleinen und großen Katastrophen unseres Jahrhunderts: zuerst verbale, dann gesetzliche und schließlich lebenspraktische Ausgrenzung von Minderheiten; bedingungslose Gefolgschaft einerseits ohne nennenswerten Widerstand andererseits – mit kleinen regionalen und lokalen Nuancen. Das Spezifische war so nicht zu erfassen. Ich wollte wirklich wissen, was in den Leuten vorging, als man von ihnen Dinge verlangte, die wir heute als unbegreiflich empfinden. Wie konntet ihr nur? War diese Frage wirklich gerechtfertigt, oder müssten wir zugeben, dass auch wir in ähnlichen Situationen kapituliert hätten? Für eine echte Antwort brauchte man die konkrete Lebenssituation, die Spielräume und die Zwänge der vielen Einzelnen, und zwar möglichst vieler Einzelner, um das, was an Unbegreiflichem geschah, und das, was man aus heutiger Sicht als richtig und wünschbar betrachtet, gegeneinander abgleichen zu können.

Zu dem „besonders Bedeutsamen“ meiner so nach und nach entstehenden „Sammlung“ gehörten zunächst die Aufzeichnungen aus Gesprächen mit Andres, dem Herrnweiler Schreinermeister, der zwei Kriege hatte durchleben müssen und zeitlebens das personifizierte schlechte Gewissen seiner Landsleute blieb. Auf ganz andere Art, aber ebenso bedeutsam war das private Archiv des allseits geachteten örtlichen Stadtrats und Bauunternehmers, des einzigen, der nach und nach begonnen hatte sich für „das braune Herrnweiler“ zu interessieren und sich dabei sogar öffentlich zu Wort zu melden. Unter anderem entdeckte ich bei ihm die Spur von Moses, einem der „11 Freunde“ aus der Herrnweiler Fußballmannschaft der Zeit vor 1933. Einem „Glücksfall“ waren die Bekenntnisse des einstmaligen Ortsgeistlichen der Kleinstadt zu verdanken: meiner Begegnung mit dem inzwischen betagten Journalisten einer seit längerem nicht mehr existierenden jüdischen Zeitung. Ihm hatte sich der ehrfurchtsvoll „Hochwürden“ Genannte kurz vor seinem Tod anvertraut. Dieser war über Jahrzehnte hinweg die moralische Instanz „seiner Gemeinde“ gewesen, über die er, wie er sich selber eingestehen musste, schon im zweiten „Hitlerjahr“ jegliche Kontrolle verlor. In der Folge gab es auch mehr und mehr Frauenstimmen in meiner Sammlung. Ein besonders erlesenes „Fundstück“ war dabei handschriftlich und in Kurzform der „Roman“ einer außergewöhnlichen Herrnweiler Familie, den Herrnweiler Buddenbrooks, wie ich sie insgeheim nannte. Aus dem Nachlass des einzigen auch nach beiden Weltkriegskatastrophen am Ort verbliebenen Familienmitglieds mit Namen Margarethe, von ihrem Vater, dem vormaligen Herrnweiler Bürgermeister, einst faustisch „Gretchen“ gerufen. Der Ich-Erzählerin dieses „Romans“ sehr nahe war Judith, die mit ihrer – jüdischen – Familie im Nordflügel der Bürgermeistervilla wohnte. Ihr begegnete ich durch puren Zufall und gerade noch rechtzeitig sogar persönlich. Jenny schließlich war die Enkelin des vormaligen Ehrenbürgers von Herrnweiler und eine von drei Überlebenden ihrer zu Beginn der Nazizeit vierzehnköpfigen Familie. Ihr war zugetragen worden, dass sich die Grabmale auf dem jüdischen Friedhof von Herrnweiler in einem schlechten Zustand befanden, auch die ihres Vaters, ihrer Mutter und ihrer Schwester. Sie wollte die Gräber in Ordnung bringen lassen und hatte deshalb den Herrnweiler Bürgermeister angeschrieben. Auf eine Rückantwort wartete sie jahrelang vergebens. Immerhin kam ich so – „unter der Hand“, wie man in Herrnweiler sagt – zu ihrer aktuellen Adresse und in Kontakt mit ihrer Tochter.

Das war der Stand meiner Sammlung bei einer ersten Zwischenbilanz – meinem “ersten Rapport” in den Worten meines Doktorvaters. Diese Wortwahl war wohl noch ein Überbleibsel aus seiner Zeit bei der Wehrmacht. Die Zwischenbilanz fiel vor allem wegen der „mangelnden wissenschaftlichen Validität“ meiner „Quellen“ alles andere als positiv aus. Sie wurden wenig schmeichelhaft als „Einzelbefunde ohne RelevanzKontrolle“ klassifiziert, ein „Geschichtenbuch“, kein Geschichtsbuch und schon gar keine Analyse. Das Konzept, wenn man denn von einem solchen sprechen könne, stütze sich auf „geschichtsvergröbernde Erinnerungen zweifelhafter Zeitzeugen, die einen nüchternen Zugang zum Kern der Materie zusätzlich erschweren.“ Und um einen solchen nüchternen Zugang gehe es zuallererst.

Ich hatte natürlich Vorsorge für eine ganze Reihe von Rechtfertigungsgründen getroffen, z.B. einen Abriss der Geschichte Herrnweilers als Fakten-basierten Gegenpol zu den Zeitzeugenberichten. Trotzdem ließ sich der „Verdacht“ – so hieß es – schwer ausräumen, dass ich nämlich zwei Dinge miteinander verwechselte: „das Geschäft des Historikers und den Versuch, einen publikumsträchtigen TV- oder Filmstoff zu entwickeln“. Man machte mir sogar Vorschläge für eine solche gänzlich andere Nutzung meines Konzepts: Mein Material sei sicherlich „sehr gut geeignet“ für ein TV-Projekt a la „Holocaust“. Am Ende aber doch die Diagnose, dass ich mit dem vorgelegten Konzept „hier am falschen Platz“ sei – und eine freundliche Verabschiedung. Zugegeben, ich hatte wohl das Pferd von der falschen Seite her aufgezäumt und zeigte mich auch wenig einsichtig.

Mein Beitrag zum Projekt „Nationalsozialismus auf dem Lande“ wurde zwar nie formell aufgekündigt, rückte aber sowohl bei mir als auch bei der Projektleitung immer weiter in den Hintergrund. Ergänzungen gab es nur noch dort, wo sie mir quasi per Zufall über den Weg liefen. Meist verbunden mit weiteren Einladungen von überwiegend älteren Herrnweilerinnen, die von meiner Sammlung wussten, „auf ein Gespräch und eine Tasse Kaffee“.Auf diesem Weg fand ich noch zumindest den Anfang einer letzten Geschichte, die mir erzählenswert erschien, einer „Liebesgeschichte“, aber „einer ganz besonderen“. Mit diesen Worten weckte eines Tages eine Anfang der 20er Jahre geborene Herrn-weilerin namens Olga meine Neugier. Es war klar, dass es dabei nicht um sie selber gehen würde. Sie war zu Beginn der „Hitlerzeit“ noch ein Mädchen gewesen. Olga war noch einmal eine Frauenstimme, nicht aus dem Kreis der jüdischen Familien von Herrnweiler, aber aus einer Familie, die nur über den Gartenzaun zu schauen brauchte, um das Schicksal ihrer jüdischen Nachbarn mit zu verfolgen. Dessen letzten Akt hatte man in Herrnweiler – wie andernorts auch – viel- bzw. nichtssagend mit „Aussiedlung“ umschrieben.

Nun war es ja nicht so, als hätte es in den inzwischen vergangenen vier Jahrzehnten seit Kriegsende keine Erkenntnisse über das gegeben, was sich im Verlauf des Eroberungszuges der deutschen Wehrmacht durch Osteuropa dort abgespielt hatte. Aber im Fokus von Forschung und Justiz standen dabei vor allem die „Todesfabrik“ Auschwitz und das unter dem Namen „Ghetto“ firmierende Theresienstadt. Nun war aber der erste der „Transporte“ aus Herrnweiler, dem auch Olgas Nachbarin Bella zugeteilt war, eben nicht an diese „prominenten“ Orte gegangen. Und auch wenn es mehr so dahingesagt war, immer wenn ich Olga begegnete, wurde ich an mein Versprechen erinnert, auch das noch herauszufinden, was sich hinter der nebulösen Formulierung „Aussiedlung“ verbarg. Der Fall des „Eisernen Vorhangs“ war eine zusätzliche Erinnerung an mein Versprechen, weil es jetzt – außer den sprachlichen – kaum noch Hindernisse gab, die Spuren der ehemaligen jüdischen Herrnweiler zu verfolgen.

Zwei Mal führte mich dieses Unterfangen in den ostpolnischen Bezirk Lublin und am Ende noch für einen längeren Zeitraum in das Akten-Dickicht bundesdeutscher Prozesse aus mehreren Jahrzehnten gegen hinreichend verdächtige „NS-Täter“ in diesem von den Nazis „Generalgouvernement“ genannten Gebiet. Das Material einmal zusammengetragen und ausgewertet, schien mein Sammel-Projekt zu seinem Abschluss gekommen. Alles war wohlsortiert. Was daraus werden sollte, blieb eine offene Frage. Da der Platz auf meinem Schreibtisch immer dringlicher für meine andere berufliche Option, die Pädagogik, gebraucht wurde, mussten nach und nach die Zeugnisse der vieljährigen Sammler-Tätigkeit weichen. Als ich die Tischplatte endgültig von diesen schweren Lasten befreite, kam vieles ans Tageslicht und ganz am Ende, wie ein Talismann, unter den nunmehr in die Regale verlagerten Stapeln verborgen, von ihnen fast erdrückt, ein Buch, nein zwei Taschenbuchbändchen, die eine große Rolle gespielt hatten am Beginn der Beschäftigung mit der Vergangenheit meines Heimatorts Herrnweiler und dessen Weg durch das „Jahrhundert der Katastrophen“: Gottfried Kellers „Die Leute von Seldwyla“. „Das verlorene Lachen“ heißt die allerletzte der Geschichten aus Seldwyla, die – obwohl eigentlich das verblüffend perfekte Gleichnis auf „unsere“ zwölf Nazi-Jahre – niemals zum Kanon des Lesenswerten in Schule und Studium gehört hatte. Die Seldwyler erliegen hier nämlich doch noch den Verlockungen etwas Außergewöhnliches aus sich zu machen. Der Weg, den sie dafür wählen, ist der des gegenseitigen Hasses und der Denunziation. Hass vor allem gegen jene, die so lange besser hatten sein wollen als andere Leute…. So eilten denn aus allenRitzen und Schlupfwinkeln die Teilnehmer an dem allgemeinen Reichstage der Verleumdung und der Beschimpfung herbei. Personen, deren eigene physiognomische Beschaffenheit, Lebensarten und Taten sie selbst zum Gegenstande der Schilderung des Unwillens und des Spottes zu machen geeignet waren, stellten sich gerade in die vorderste Reihe und erhoben als rechte Herzoge der Schmähsucht und der Verleumdung ihre Stimme, und je lauter der grimmige Lärm war, desto stiller und kleinlauter wurden die Geschmähten. Die Seldwyler hatten von Anfang an diese Ereignisse wie ein goldenes Zeitalter begrüßt. Verkommene Winkeladvokaten, ungetreue und bestrafte kleine Amtsleute, betrügerische Agenten, müßiggängerische Kaufleute und Bankerottierer, verkannte Witzlinge und Sandführer (Fuhrleute) verschiedener Art jubelten und sangen, als ob das tausendjährige Reich da wäre.

Im 19. Jahrhundert konnte Keller seine Seldwyler bei aller Tragik noch zu einem guten Ende führen. Sie hatten ein Einsehen und erkannten das Verwerfliche ihres niederträchtigen Verhaltens. Und gerade das enthüllte sich für mich bei allen Ähnlichkeiten dann doch als der gravierende Unterschied zwischen Seldwyla und Herrnweiler: eine Happy-end-Geschichte zum Abschluss war – nach den mörderischen Exzessen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – für die Herrnweiler wohl nicht mehr denkbar. Aber da schien es mir, als belehrte mich die Erinnerung an meine Kindheit eines Besseren. Hatte es für die – verbliebenen – Herrnweiler nicht doch einen recht passablen Ausgang gegeben? War es nicht so gewesen, dass sie schon bald nach dem Ende des zweiten großen Krieges ähnlich wie in Seldwyla das verlorene Lachen wieder gefunden hatten. „Wir sind fidel, wir sind fidel und singen bumsfallera“ oder etwas anspruchsvoller „Trink, trink, Brüderlein trink, lass doch die Sorgen zu Haus! – Meide den Kummer und meide den Schmerz, dann ist das Leben ein Scherz!“ Singen, trinken und lachen, so hieß das zeitgemäße Rezept, in dem sich alles, sogar Schmerz und Scherz, scheinbar aufs Beste zusammenreimte. Immerhin für sie, die am Ort überlebt hatten und für die im Zuge der Vertreibung neu Hinzugekommenen. Die Toten, die Ausgetriebenen, die Verschollenen, die konnten natürlich nicht mehr mitlachen. Was für ein Lachen aber war das gewesen? Ein echtes, fröhliches, ein befreiendes Lachen oder doch eher ein lautes und verräterisches, das den Lärm der schlimmen Vergangenheit übertönen sollte? Dies herauszufinden war für mich die eigentliche Triebfeder gewesen, die letztlich zur vorliegenden Sammlung von Lebensberichten führte, der ich den Untertitel „Der Völkermord in Herrnweiler“ gab.

Den wenn auch zweifelhaften Ruhm der Literaturfähigkeit wollten vor 150 Jahren viele schweizerische Städte für sich beanspruchen, und doch bestand Gottfried Keller darauf, dass keinem realen Ort diese Ehre zuteil werden sollte. So wie Utopia das Symbol für „nirgendwo“ ist, war Seldwyla ein Synonym für „überall“. Und so soll auch im Fall der nachfolgenden Erzählungen der Name des Ortes keine besondere Rolle spielen. Auch Herrnweiler meint wie Seldwyla „überall“. Für den Fall, dass sich die eine oder andere Gemeinde in diesem Spiegel wieder erkennt, so ist dagegen nichts einzuwenden. Denn immerhin gab es am Beginn der NS-Zeit um die tausend deutsche Orte mit einer christlich-jüdischen Einwohnerschaft. Die Texte, allesamt in der Ich-Form des Zeitzeugen-Berichts, sind in diesem Sinne nicht mehr, aber auch nicht weniger als das Psychogramm einer solchen christlich-jüdisch geprägten Kleinstadt in Zeiten von Krieg und Völkermord.

1Margarethe/“Gretchen”

Von Fliegerhelden und Kannibalen

Dezember Neunzehnvierzehn

„Unser Flieger“, sagte Mama, wenn sie über Arthur sprach. Und da war sehr viel Stolz in ihrem Gesicht. Dann schob sie manchmal noch nach: „Unser Fliegerleutnant“. Das war dann der letzte Beweis, dass Arthur, unser Jüngster, die Nummer eins in unserer Familie war, der Held schlechthin. Unser Küken, unser Filou, unser Schlaks. Keiner von uns war neidisch auf ihn, weil er all das machte, was sich keiner von uns traute. Er tat das alles ja irgendwie auch stellvertretend für uns. Auch irgendwie für Papa, den viel beschäftigten und erfolgreichen Kaufmann und Bürgermeister, der für seine Familie eine Villa am Stadtrand von Herrnweiler gebaut hatte. Dafür bewunderten wir ihn und liebten ihn. Papa war unser Versorger und Beschützer. Aber Arthur war der Held. Schon früh war er groß gewachsen, schlank und zu jedem Blödsinn aufgelegt, vor allem wenn er Judith neckte, die kleine Tochter des Mieters, der mit seiner Familie den nördlichen Teil unserer Villa bewohnte. Besonders anfällig war sie, wenn er rund ums Haus und im Garten „Gespenst“ spielte. Am Ende weinte sie dann meistens. Unsinn und Abenteuer, das waren seine zwei Stärken. Beides war im wirklichen Leben zunächst nur schwer unterzubringen.

Vier Jahre Volksschule und dann Gymnasium. Aber auch das Gymnasium wars nicht. Deshalb wählte er einen Beruf, der sich zumindest nach Abenteuer anhörte: Hamburg-amerikanische Petroleumgesellschaft. Das klang zumindest gut. Aber er gestand mir bei seinem ersten Heimatbesuch, dass er dort lediglich in der Karteiverwaltung eingesetzt war. Wieder nichts. Armes, abenteuerlustiges Brüderchen. Dann freilich kam, kaum dass er in die Firma eingetreten war, der Krieg, und da war es keine Frage, dass er – noch nicht einmal achtzehn – sofort kündigte, um sich als Freiwilliger zu melden. Auch in unserer Familie fand niemand etwas dabei, weil alle andern es genauso machten, sogar die Juden. „Sogar“ sage ich. Warum sollten sie nicht?

“Unser Flieger”. Immer wieder taucht dieses so harmlose und unscheinbare Wort “unser” in meinen Erinnerungen auf. Es spielte in – da ist es schon wieder – „unserem Haus“ eine große Rolle: „Unsere Stadt“, „unsere Nachbarn“, derer wir freilich nur zwei hatten. Judiths Familie im Nordflügel unseres Hauses und in Sichtweite nach Osten am Fluss die Mühle, wo nicht nur die Familie des Mühlenbesitzers, sondern auch die des Fuhrmanns und die Bediensteten wohnten. Wir betrachteten uns als etwas größeres Ganzes, das auf jeden Fall zusammengehört, also „unsere Familie“, und das hat sich ganz selbstverständlich auch auf die nächst größeren Einheiten, die Nachbarschaft, die Stadt übertragen. Ganz ähnlich war das mit der Bezeichnung „unser Flieger“ für unseren Jüngsten. Nicht nur, dass er zu uns gehörte. Das „unser“ hatte auch hier Gültigkeit für die ganze Kleinstadt, deren Bürgermeister in jenen Jahren wie gesagt unser Vater war. Denn Arthur war das einzige Exemplar dieser damals sehr raren Spezies am Ort.

Das mit dem Fliegen geht zurück auf die Weihnachtszeit des ersten Kriegsjahres 1914. In Uniformen hatte man die jungen Männer da schon gesteckt oder sollte man sagen, haben sie sich bereitwillig stecken lassen. Lauter Freiwillige, genauer gesagt drei, saßen da. Es ist wohl einer der letzten Tage des Jahres gewesen, in unserem „Herrenzimmer“. Unsere Haushaltshilfe, die Frau eines der vielen Schneider in Herrnweiler, hatte an diesem Nachmittag frei, und deshalb fand ich mich nolens vo-lens angesichts der zu versorgenden Heldenrunde in der Rolle der Bedienerin, unterstützt von Mama, die aufgeregt in der Küche hantierte. Cognac-Gläser zuerst. Gläser noch einmal angehaucht und ausgewischt. „Beeil dich.“ Während drinnen Zigarren in Brand gesetzt wurden. Cognac würden sie nächstes Jahr direkt aus Paris mit nach Hause zur Weihnachtsfeier bringen, rief Wolfram, der älteste der drei Kriegshelden, der gerne Wulf genannt werden wollte. Die andern beiden nickten. Und als sie ihre Gläser hoben, setzte er, jetzt in gespielt feierlichem Ton, noch eins drauf: „Meine Herren, wir hatten ja geschworen, bis Weihnachten wieder zurück zu sein. Und was wir versprechen, das halten wir auch, eine grunddeutsche Tugend.“ Sie lachten, tranken und pafften auf diese spaßige Eröffnung ihres Colloquiums hin, das im Grunde genommen ein Monolog war.

Wolfram bzw. Wulf war der Cousin unseres Nachbarn, des Mühlenbesitzers. Ich erinnerte mich undeutlich zunächst, dann deutlicher – je größer seine Begeisterung beim Erzählen wurde – an den kleinen Jungen, der manchmal während des Sommers bei seinen Verwandten in der Mühle zu Besuch gewesen war. Am Wehr der Mühle war damals auch die städtische Badeanstalt. Wolfram, damals noch Wolfi und jünger und kleiner als ich und die meisten von uns, war trotzdem Mädchen gegenüber der Frechste von allen Knaben gewesen. Wo es ging, schubste er uns ins Wasser. Einmal allerdings kam ich ihm zuvor, was den Knirps sehr zornig machte, weil alle Mädchen ihn nun auslachten und weil sich zeigte, dass er noch gar nicht richtig schwimmen konnte. Wir halfen ihm aus dem Wasser, und den zornigen Blick, mit dem er mich bedachte, werde ich nie vergessen. Aber jetzt, so viele Jahre später erinnerte er sich offenbar nicht mehr an diese frühe Niederlage. Er begrüßte mich höflich wie alle andern, mehr nicht. Auch ich verkniff es mir ganz gegen meine Natur, seine Erinnerung an diese Schmach aufzufrischen. Inzwischen war aus dem Knaben ein ansehnlicher Mann geworden, und es gab natürlich unendlich Wichtigeres zu bereden als Kindheitserlebnisse: den Krieg. Wolframs Elternhaus stand in einem Dorf nur ein paar Kilometer weiter. „Zwischen den Feiertagen“, wie man das nannte, also zwischen Weihnachten und Neujahr, war er auf Heimaturlaub und für zwei Tage auch bei den Verwandten zu Besuch. Dort wurde die Taufe des vor kurzem geborenen Stammhalters gefeiert, und Wolfram hatte die Patenschaft übernommen.

Der Dritte im Bunde war der Bruder unseres Mieters. Karl, so hieß er, trug einen kecken kurzen Schnurrbart, der mich einerseits amüsierte, den ich aber durchaus männlich fand, bis ich dasselbe Exemplar einige Zeit später bei einem gewissen Adolf Hitler wieder entdeckte. Karl hatte schon vier Jahre zuvor die Offiziersprüfung bestanden und war als Vize-Feldwebel ausgeschieden, wenn ich mir diese Unzahl von Rangunterschieden richtig gemerkt habe. Natürlich zog auch er unmittelbar bei Kriegsausbruch ins Feld, hatte sich da und dort, aber immer ganz vorne, hervorragend bewährt und war schon nach zwei Monaten als einer der ersten seines Regiments „wegen besonderer Tapferkeit vor dem Feinde“ mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet und zum Offizierstellvertreter ernannt worden. Seine Nichte Judith, die damals sechsjährige Tochter der bei uns in Miete wohnenden Familie, konnte das alles auswendig aufsagen. Die Beförderung zum Offizier, so vermutete Judiths Vater, blieb ihm wegen seiner jüdischen Herkunft – zunächst – versagt.

Mein Brüderchen war sowohl dem einen wie dem andern in der Männerrunde gegenüber ein Grünschnabel, ein Milchgesicht, was man ihm auf keinen Fall hätte sagen dürfen. Deshalb war er auch besonders eifrig mit dem Cognac-Glas und der Zigarre zu Gange. Wolfram, der Älteste, hingegen führte das Wort, denn er hatte den beiden andern etwas Entscheidendes voraus: er war schon ein Flieger. Ich gestehe freimütig, dass ich richtiggehend neugierig war, wie ein kleines Mädchen. Ich gestehe auch, mit drei Jahrzehnten Abstand fällt einem das nicht mehr allzu schwer, dass es dafür neben der Neugier noch einen zweiten Grund gab. Sagen wir es offen, dass ich nicht ganz unempfänglich für diese Art von Männlichkeit war, die da im Herrenzimmer meines Elternhauses vor sich hin qualmte und bramarbasierte. Das galt zuvorderst für Wolfram, den Besuch aus der Nachbarschaft, aber auch für Judiths Onkel Karl. Der offenkundige Nachteil, beide waren ein bisschen zu jung für mich. Der einzige, der meinem Alter angemessen gewesen wäre, war Judiths Vater, aber der war verheiratet. So erging es mir eigentlich immer, wenn ich darüber nachdachte, was aus einer Lehrerin am Ende ihrer zwanziger Jahre werden könnte, bevor sie eine alte Jungfer wurde. Immerhin Wolfram, der Wortführer dieses Nachmittags und Abends, war sozusagen noch in meiner Reichweite, nur zwei Jahre, „Jährchen“ sagte ich beschönigend, von mir entfernt, allerdings auch er – wie gesagt – zur falschen Seite hin. Nun ja, ich will nicht, dass man mich für einen verspäteten Backfisch hält, der Männer belauscht. Zweifellos waren es „Männergespräche“ im „Herrenzimmer“, aber doch auch spannende Geschichten und in einem Ton erzählt, der ein gutes Ende erwarten ließ.

Deshalb ignorierte ich die Anweisung von Mama, doch die Küchentür zu schließen wegen des grässlichen Qualms. Auch wenn ich nur Bruchstücke von Wolframs Auslassungen mitbekam, so war doch unverkennbar, dass es sich hier um ein Musterexemplar von soldatischer Existenz handelte: Von klein auf sehnlichster Wunsch ebenso wie sein Vater Soldat zu werden. Direkt von der Schule zu den Pionieren. Die dortige Ausbildung alles andere als Genuss. Kaum zur Besinnung gekommen. Von frühmorgens bis spätabends Ausbildungsdienst, dann hartes Lager, tödlicher Schlaf. Frühmorgens wieder das Wecksignal. Dann auf eine Kriegsschule und anschließend zum Leutnant befördert. Schließlich auf der militärtechnischen Hochschule zum ersten Mal Genaueres von der Fliegerei. Sein Wunsch Flieger zu werden sehr groß, aber als Pionier aussichtslos dorthin zu kommen. Nach vier Jahren, hieß es, würde der Bataillonskommandeur ein entsprechendes Gesuch frühestens weiterleiten. Soweit also beeindruckend, aber doch eher ernüchternd für die beiden aufmerksamen Zuhörer, die sich ganz offensichtlich schon angesteckt hatten mit dem Virus der Fliegerei, die damals in aller Munde war. Wer irgendeine Chance sah, dahin zu kommen, der ergriff sie natürlich. Das war – in den besseren Kreisen, versteht sich – wie ein Fieber.

Inzwischen waren die drei Helden in einen Nebel von Zigarrenrauch gehüllt und nur noch schemenhaft zu erkennen. Man konnte trotzdem gut beobachten, wie die Asche an den Zigarren wuchs und wuchs, ohne dass der Erzähler oder seine Zuhörer dies bemerkten. In der Küche, wo wir Vorbereitungen trafen für eine Silvestertorte, hörte ich, wie Mama von den „drei Musketieren“ sprach. Dabei kicherte sie vergnügt und schenkte sich ein Gläschen Likör ein. Meine Aufmerksamkeit oder eben Neugier galt währenddessen weniger der Küchenarbeit als der Unterhaltung der drei Zigarrenraucher. Sowohl Wolfram als auch Karl waren der festen Überzeugung, dass man für einen militärischen Sieg unbedingt den Luftraum beherrschen müsse. Zwei veritable Kriegshelden. Und unser Arthur, Möchtegern-Abenteurer, der mit seiner ganzen jugendlichen Energie aus dem eher gewöhnlichen Infanteristendasein herauswollte, hörte sich das alles mit hochrotem Kopf an.

“Der Teppich Margarete, sie ruinieren den Teppich”, hörte ich jetzt Mama neben mir mit Blick auf die in der Zwischenzeit heruntergefallene Zigarrenasche der „Musketiere“ flüstern. Da sie auch schon Handbesen und Schäufelchen bereithielt, nahm ich ihr diese ab und betrat den nebelverhangenen Raum. Vermutlich wollte ich nur die Gelegenheit wahrnehmen, um das „Herrenzimmer“ betreten zu können. Denn Wolframs Erzählungen hatten mittlerweile ihren Höhepunkt erreicht. Dass ich von den Herren gar nicht beachtet wurde, gestattete mir, meine Aufräumarbeiten etwas in die Länge zu ziehen. Mittlerweile befand sich „Wulf“ an der Front, in den Vogesen, nannte das seine „Feuertaufe“, die Sturmangriffe, die er mit seinen Getreuesten begeistert an der Spitze der Infanterie mitfocht, und erhielt dort seine für die Zukunft so bedeutsame Verwundung, einen Schuss in das linke Schienbein. Dabei zog er seine Uniformhose hoch, um den beiden anderen die Narben zu zeigen. Dass sich das direkt vor meinen Augen abspielte, da ich ja Asche einsammelnd vor ihm kniete, fiel ihm überhaupt nicht auf. Zu seiner Betrübnis habe er in die Heimat zurückkehren müssen. Aber das sei unvermutet sein Glück gewesen, denn sein „heißester Wunsch“ konnte nun in Erfüllung gehen, er war ja – momentan zumindest – für die Fußtruppe untauglich geworden. Um sofort wieder an die Front zu kommen, meldete er sich also zu der schon im Aufschwung begriffenen Fliegertruppe. Sein damaliger Kommandeur zauderte aber, die dazu notwendigen Telegramme an das General-Kommando abzuschicken. “Also”, dabei nimmt Wulf einen mächtigen Zug von seiner Zigarre, „griff ich höchstselbst in den Gang meines Geschickes ein: Ich schrieb das Urteil über meine besondere Eignung vor allem aufgrund meiner technischen Vorkenntnisse eigenhändig nieder und ließ es an das Generalkommando telegraphieren“.

“Höchstselbst” in den „Gang seines Geschickes“ eingreifen, das versetzt die beiden anderen in eine Art Ehrfurchtsstarre. Und mehr noch das vorläufige Ende dieser Geschichte: “Acht Tage, dann traf meine Einberufung zur Fliegertruppe ein”. Was für ein Hasardeur schon von Beginn an. Natürlich gab es heftige Vorwürfe seines Kommandeurs wegen dieser Eigenmächtigkeit im Verkehr mit den hohen Behörden. „Tiefstes Missfallen“. “Nun,” – erneuter Zug an der Zigarre – „Punktum, er war ein guter Freund meines Vaters, und so kam ich ohne einen Verweis davon.“ Erleichterung in der Runde, selbst bei mir, und die Herren heben die Cognac-Gläser. Da ich nicht zur Kenntnis genommen werde, kann ich ungestört auch noch die beginnende Fliegertätigkeit mitverfolgen. Erste Station Flugplatz Johannisthal. Zunächst als Flugzeug-Beobachter vorgesehen. „Dafür gab es damals ja noch keine Ausbildung. Also setzte ich mich eben in die startenden Flugzeuge hinein, egal, wer gerade flog, Hauptsache ich kam hinauf in die Luft und konnte die Erde mal von oben sehen, das Sehen aus der Luft, die Straßen, die Eisenbahn-Linien, die Häuser, die Flüsse. Aus der Vogelperspektive, das war alles neu und faszinierend“. “Zuerst das Sehen aus der Luft lernen, meine Herren”, sagte er immer wieder. Zur Erheiterung der Zuhörer ergänzte er: „Damals war es noch nicht allgemein bekannt, ich meine, auch unter Fliegern noch nicht, dass es zweckmäßig sei, vor solchen Flügen Wettermeldungen einzuholen“. Das ließ nichts Gutes ahnen, deshalb einen erneuten Schluck Cognac, für den ich, obwohl weiterhin unbeachtet, nachschenken musste.“Ungefähr auf halber Strecke dicke Wolkendecke. Flogen nun nach der Uhr über den Wolken weiter. Als wir Grund zu der Annahme zu haben glaubten, wir seien in der Nähe des Flugplatzes, gab ich dem Piloten das Zeichen zum Niedergehen.” Strömender Regen und…..kein Flugplatz in Sicht. Also? Landeversuch auf dem nächstbesten Stoppelacker. „Aber da erfasste uns eine starke Gewitterböe und wir rutschten über den Flügel ab. – Mein erster Bruch in meiner Fliegertätigkeit.“Gespannte Nachfragen: „Was nun?“

“Außer dem Flugzeug”, fährt Wulf nach einem weiteren tiefen Zug an der Zigarre fort, „war wenig kaputt“. Hörte sich an wie ein Scherz, war aber doch bitterernst. Die Spannung der Zuhörer begann sich langsam zu lösen. Und dann das merkwürdige und doch versöhnliche Ende: “Wir packten unsere Habseligkeiten, und zogen betrübt nach dem nächstgelegenen Bahnhof ab.” Da schüttelten nun die beiden anderen die Köpfe, begannen periodisch zu wiehern und bogen sich schließlich vor Lachen: „Zum Bahnhof?“ „Die Flieger steigen um auf die Eisenbahn?“.Dann doch noch die Flugzeugführerausbildung: “Ein Freund hatte eine Flieger-Ersatzabteilung unter sich. Er lud mich ein, ihn in meinem Urlaub zu besuchen. Ich sagte zu unter der Bedingung, dass er mich während dieser – wenn auch kurzen Zeit – bei der ihm unterstehenden Flieger-Abteilung schulen ließe. Innerhalb von drei Tagen hatte ich in den Morgen- und Abendstunden schon Dutzende von Flügen hinter mir. Und schließlich erster Alleinflug.” Sein „etwas ängstlicher Fluglehrer“ hatte ihm bis dahin nie so recht das Steuer überlassen. Wolfram vermutet, der habe ihn für einen Draufgänger gehalten. „Nicht zu Unrecht würde ich ohne falsche Bescheidenheit sagen“, lobte er sich selber, denn von Beginn an drückte er das Flugzeug – natürlich – auf zu starke Fahrt, hatte aber nicht gewusst, dass die Maschine dadurch nur schwer wieder abzufangen war. „Ich fing also zu hoch ab und da ich wusste, dass es in solchen Fällen ratsam war noch etwas mehr Gas zu geben, tat ich das, allerdings etwa zwei oder drei Sekunden zu spät, so dass ich hart aufsetzte und der Propeller nach Einknicken des Fahrgestells die Grasnarbe ordentlich beschädigte.“ Nächster Morgen dann endlich Pilotenprüfung. In einer Höhe von 500 m mussten drei Achten geflogen werden. „Diesmal bändigte ich mein Temperament, und das hieß: perfekter Flug und auch gute Landung.“

Das war’s. Der Funke oder besser gesagt das Fieber war endgültig übergesprungen vom nunmehrigen Fliegerhelden auf die Infanteristen. Die hatten von diesem Augenblick an ebenfalls nur dieses eine Ziel. Was ihnen noch fehlte, war die erforderliche Verwundung, die sie für den Bodenkrieg untauglich machte. Für Karl, den Bruder unserer Mieterfamilie, löste sich dieses Problem, wie mir seine Nichte Judith stolz berichtete, bereits zwei Monate später bei Combres südöstlich von Verdun. Bei meinem kleinen Bruder sollte es noch ein weiteres langes Vierteljahr dauern, bis sich auch sein Traum erfüllte: „Beim Sturm auf Steenstrate“ holte er sich endlich die erhoffte, „seine Verwundung“. „Am linken Gesäß“, wie es amtlich hieß. Nun war auch der letzte der drei bei der Infanterie nicht mehr zu gebrauchen. Jetzt stand auch ihm der Weg ins Abenteuerland Fliegerei offen.Allerdings weiß ich nicht, ob die drei Herren im Dezember 1914 auch wenigstens ein bisschen daran gedacht hatten, dass dieses fliegerische Abenteuerland damals hochgradig lebensgefährlich war, und zwar zu diesem Zeitpunkt noch in erster Linie für die Flieger selber. Aber was machte das einem echten Mann schon aus. Im Gegenteil, die Parole, mit der Wulf seine Erzählungen abschloss, lautete ebenso mannhaft unerbittlich wie simpel: „Ohne Furcht und Scheu allen Gefahren ruhig und fest ins Auge blicken und mit einem Lächeln dem Ende entgegensehen.“

Nun saßen sie, erschöpft von Wolframs Abenteuern, berauscht vom französischen Cognac in unserem Herrenzimmer und hatten schon längst vergessen an ihren Zigarren zu ziehen. Die Asche war in großen Stücken heruntergefallen auf ihre Uniformen oder auf den Boden, und ich hatte nicht einmal mehr daran gedacht, sie zu entfernen. Mama stand in der Küchentür und trauerte vermutlich um ihre Teppiche. Jetzt erst entdeckten die Männer mich, ebenfalls in einer Art Trance, als dritte Zuhörerin. Mein Gott, wie peinlich, wie ein Backfisch fühlte ich mich ertappt, wahrscheinlich hatte ich auch gerötete Wangen oder gar hektische Flecken am Hals. Peinlich. Aber warum eigentlich? Ich war ja gerade mal achtundzwanzig, da durfte man sich ein bisschen wilde Romantik wohl noch gönnen.

Frauen und Heldenbegräbnisse – 1917/18

In unserer Familie war ich ständig von zahlreichen Männern umgeben. Für die aus-häusige Beziehung zum anderen Geschlecht freilich war mein Beruf wohl doch etwas hinderlich. Lehrerinnen nannte man automatisch „Fräulein“. Manche meiner Kolleginnen bestanden sogar darauf. Vielleicht, weil das etwas über ihre Unbescholtenheit aussagte. Der umgekehrte Zölibat, damals noch hochoffiziell gesetzlich verfügt. Ganz der Lebensaufgabe gewidmet, jungen Menschen, in meinem Fall Mädchen, behilflich zu sein auf den rechten Pfad zu kommen und auf ihm zu bleiben. Nur, was war das denn, der rechte Pfad? So ganz wohl war mir ja selber nicht auf meinem Pfad der möglicherweise fortdauernden Jungfräulichkeit. Vielleicht hing diese Unentschiedenheit auch zusammen mit meiner Stellung als der Ältesten unter uns Kindern. Eine Erstgeborene, na ja die Enttäuschung wird sich in Grenzen gehalten haben. Mama und Papa gehörten schon zu denen, die auch Töchter für vollwertige Menschen hielten. Immerhin verpasste man mir diesen deutschesten aller Mädchennamen: Margarethe. Papas Privileg mich „Gretchen“ nennen zu dürfen, „mein Gretchen“ oder manchmal auch „unser Gretchen“. Es mag vielleicht etwas kurios gewirkt haben, wenn er mich dabei umarmte, da ich für eine Frau ein bisschen zu groß und er für einen Mann vielleicht ein bisschen zu klein war. Ein bisschen kleiner jedenfalls als ich. Immerhin waren wir so fast auf Augenhöhe. Da wusste ich natürlich noch nicht, dass es für Gretchen trotzdem – oder wahrscheinlich gerade deswegen zu keinem guten Ende kam mit den Männern, den faustischen Alles-Wollern. Es war in diesen Jahren einfach noch nicht angesagt, dass Männer und Frauen auf Augenhöhe waren.

Nach meiner Geburt hatte es immerhin noch vier Jahre gedauert, bis die Familie auch ihren Stammhalter bekam, dann wieder vier Jahre bis zum zweiten Sohn und schließlich zwei weitere Jahre bis zu Arthur, unserem Küken, das nun das Fliegen lernen wollte. Für meine Brüder war die Verkleinerungsform, das „Gretchen“, natürlich tabu. Ich war und blieb die Erstgeborene. Zumal mein ältester Bruder, der Stammhalter, der nach Papa getauft worden war, schon vor dem Krieg beim Baden im nahe gelegenen Fluss ertrank. Nun waren also die zwei verbliebenen Söhne damit beschäftigt den Krieg zu überleben. Der eine als Leutnant der Artillerie und der andere am Ende als „unser Fliegerleutnant“. Darauf konnten Eltern und Geschwister wirklich rundum stolz sein, wenn es denn bloß gut ausging.

Karl, der Onkel der kleinen Judith aus unserer Mieterfamilie, hatte sich nach mehreren Streifschüssen schließlich doch eine ordentliche Verwundung eingefangen. Bei ihm, so hörte ich, war’s der Oberschenkel. Und noch während der Genesung wurde seinem Versetzungsgesuch zur preußischen Fliegertruppe stattgegeben. „Alle meine Wünsche sind nun erfüllt. Ich habe das Glückslos gezogen“, hieß es wörtlich in dem Brief, den mir seine Nichte Judith mit Tränen in den Augen zu lesen gab. Die Ausbildung fand, als wär’s eine Kopie von Wolframs Werdegang, in Berlin-Johannisthal statt. Kurz bevor er sein Fliegerexamen machte, wurde er dort zum Leutnant der Reserve befördert. Damit war die von seiner Familie bitter beklagte Benachteiligung als Jude vom Tisch und so fehlte ihm zum vollkommenen Glück – man sieht, der Krieg war also auch eine Art Glückslotterie – nur noch das Patent des Flugzeugführers.Jedoch am Tag des Examensflugs war es vorbei mit den Glückslosen. Nicht der Feind wurde ihm zum Verhängnis, sondern ein zweiter Examensflieger. Beide überlebten den Zusammenstoß ihrer Maschinen nicht. Es gab – wie man mir erzählte – ein sehr würdevolles Begräbnis am Heimatort der Familie mit allen militärischen Ehren und ein Jahr später sogar ein Ehrenmal mit einer Bronzetafel, die das Porträt des Fliegerhelden zeigte. Denn als heldenhaft galt in jenen Jahren allein schon, wer es gewagt hatte, sich dieser neuen Elite von tollkühnen Kämpfern anzuschließen.

Dann also meines Bruders Verwundung mit Lazarett-Aufenthalt, nach der Genesung ein Kurs zum Offiziersaspiranten. Ich fragte mich manchmal, ob hier eigentlich wirklich für die Existenz und das oft beschworene Wohl des Vaterlandes oder zum Zwecke der Befriedigung dieser typisch männlichen Helden-Träume gekämpft wurde. Denn nichts zählte auch unter Zivilisten mehr als der Herr Offizier. Es mutete fast wie ein Wettlauf mit der Zeit an, um es bloß nicht versäumt zu haben, die Offiziers-Er-nennungs-Urkunde rechtzeitig in Händen zu halten, bevor das Völkerschlachten zu Ende war. Da mussten in aller Eile honorige Personen benannt werden, die für die charakterliche Eignung des Offiziersanwärters Zeugnis ablegten: Immerhin mit einem Oberstabsarzt, einem Stabsarzt, einem Fabrikdirektor und einem Prokuristen konnte mein Brüderchen da aufwarten. Außerdem verwies er aufs Tennisspielen, Bergsteigen, Segeln zwecks körperlicher Ertüchtigung und auf eine Vielzahl von kulturellen Unternehmungen zur Stärkung seiner geistigen und sittlichen Bildung. Als weitgehend Unbeteiligte an diesem Wettlauf um Dienstgrade fragte man sich natürlich, wozu man gerade „die geistige und sittliche Bildung“ brauchte beim gegenseitigen Totschlagen und Erschießen. Insofern machte es auch nichts aus, dass dieser enorme Hang zur Kultur zumindest bei meinem Bruder frei erfunden war. Gewichtiger erschien da schon die Frage, wie so ein Leutnant weiterleben würde, wenn der Krieg vorüber war. „Nach dem Feldzug“, schreibt mein Brüderchen, als wäfs eine Ferienreise, werde er die Stellung in seiner früheren Firma wieder aufnehmen. Was aber wenn nicht, wollte die Verwaltung wissen, da ja ein Offizier nicht nur überleben, sondern seinem neuen Stande gemäß leben sollte. An dieser Stelle war ausnahmsweise sogar eine Frau, in diesem Fall ich, gefragt. Da mir Papa den vermieteten Teil unserer Villa „als Sicherheit“ oder für den Fall des Falles auch als Mitgift überschrieben hatte, bat mich Arthur, eine Erklärung abzugeben. Falls sich für den künftigen Offizier nach Kriegsende keine angemessene Lebensstellung finden ließe, sollte ich mich bereit erklären, eine monatliche „Subvention“ von zweihundert Mark zu leisten, damit er als Reserve-Offizier eben „standesgemäß leben“ kann.Ich war mir nicht so ganz im Klaren, was das zu bedeuten hatte. Eine Frau, der im Grunde genommen noch immer viel mehr untersagt war, als man ihr zugestand, sollte im Notfall einen Kriegshelden versorgen. Ein heimlicher Triumph? Wohl doch eher eine Verpflichtung und eine Selbstverständlichkeit, meinem Bruder zu helfen seinen Lebenstraum zu verwirklichen. Einen Traum sozusagen mit zwei Flügeln: einmal der Leutnant, den man einfach haben musste, wenn’s wieder hieß zurück in den Alltag, und zum andern der Zusatz „Flieger“. Dann konnte das Leben so richtig Fahrt aufnehmen. Wenn man es denn erleben durfte, dieses ganz neue, ganz andere Leben.

Es war nicht das gewohnte vaterländische Pathos, es war der Ton des echten Schmerzes über etwas Tragisches, das man mit Worten eigentlich nicht ergründen kann. Trotzdem suchte Papa schon ein Jahr später nach solchen Worten. Nun ja, ein Übungsflug war es gewesen, nicht einmal ein Kampfeinsatz, und der verhängnisvolle Fehler war nicht Arthur unterlaufen, sondern dem Fliegerkameraden, der an diesem Tag das Steuer in der Hand hatte, dem wir aber, wie Papa betonte, „keinerlei Vorwurf machen“ wollten. Uns blieb in der Tat kein Trost außer diesen Worten:„tieferschüttert“, „unvergesslicher, lieber Sohn“ „eilte als Kriegsfreiwilliger mit 18 Jahren zur Fahne“, „opferte sein junges Leben für sein Vaterland“. Auch die vollzählige Anwesenheit von Arthurs Fliegerkameraden samt Vorgesetzten war so etwas wie ein Trost, weil man sehen konnte, dass für unseren Bruder die hinter vorgehaltener Hand immer häufiger zu hörende trostlose Vokabel vom sinnlosen Sterben nicht zutraf. Deshalb auch das gerührte Dank-Schreiben Papas an die Kameraden des Sohnes, das er mir mit zitternder Hand zu lesen gab, da ich ja die „Schriftgelehrte“ in der Familie sei. Was sollte ich dazu sagen, so verfasste man damals eben offizielle Schriftstücke. Eine Sprache wie in ein Korsett eingeschnürt, dachte ich mir, wie in eines dieser Korsetts, die wir Frauen gerne losgeworden wären. Aber wie hätte man Tragödien solcher Art in einer weniger korsettierten Sprache formulieren sollen: einfach so, „frisch von der Leber“, weniger künstlich? Ehrlich gesagt, wusste auch ich das nicht. Abgesehen davon war Papa, der notorische Zivilist, wie er sich selbst nannte, mit seinen Worten – selbst wenn sie diesen geschraubten Amtston hatten – immer sehr aufrichtig:“Euer Hochwohlgeboren “, stand da auf weißem Büttenpapier, „für die gütige Teilnahme an unserem schweren Verluste und für die herrliche Kranzspende bitte ich Euer Hochwohlgeboren den innigsten Dank unserer Familie entgegennehmen und der Fliegerabteilung gefl. übermitteln zu wollen.Mit vorzüglicher HochachtungEuer Hochwohlgeboren ergebensten …….“Die andere – ebenfalls zitternde – Hand hielt zwei Urkunden, die Arthur erst wenige Monate zuvor verliehen worden waren und die er bei seinem letzten Heimaturlaub zurückgelassen hatte. Auf der einen in knappen nüchternen Worten, als lasse der Krieg keine Zeit für unnütze Ausschmückungen: „Das königlich Preußische Eiserne Kreuz II. Klasse wurde verliehen dem Leutnant d. Reserve …..“. Die zweite aber dann doch in feierlicherem Ton: „S. M. der König haben mit allerhöchstem Entschluß zu verleihen geruht den Militärischen-Verdienst-Orden 4.Klasse mit Schwertern an Leutnant d. Reserve ….“Zugegeben, auch auf solchen Urkunden hatte diese furchtbar gewundene Sprache, niedergelegt in dieser ebenso gewundenen und gebrochenen deutschen Schrift, etwas Würdevolles. Ich brachte Papa einen Karton und sagte ihm, dort solle alles aufbewahrt werden, was wir aus dem Leben unseres Fliegerhelden noch an Dokumenten hätten oder bekämen, so als könnten wir ihn auf diese Weise noch ein Weilchen unter uns behalten. Mama nahm an all dem keinen Anteil. Ihr Schmerz, nun schon den zweiten Sohn begraben zu müssen, ließ sie bereits in der Mitte ihres Lebens Abschied nehmen von den Dingen des familiären Alltags. Ihre Aufmerksamkeit gehörte nur noch zur Hälfte uns Überlebenden, zur anderen Hälfte ihren beiden toten Söhnen, die sie, so oft es ging, auf dem Friedhof besuchte. Da dieser genau am entgegengesetzten Ende von Herrnweiler lag, brauchte sie meist halbe Tage für diese Besuche.Papa schien mit zunehmendem Abstand zu den Begräbnisfeierlichkeiten fürs erste getröstet, war aber doch im Grunde genommen, wie sich bald zeigte, untröstlich. Bei nächster Gelegenheit, und die bot sich dann nach Einstellung der europäischen Feindseligkeiten mit dem später so schmachvoll genannten Waffenstillstand, zog er sich von allen politischen Ämtern zurück. Er widmete sich nur noch seinen Geschäften mit Lederhäuten aus ganz Europa, wohl wissend, dass er dafür keinen Nachfolger finden würde in eben dieser „seiner Familie“ bzw. dem, was ihm das Schicksal und der Krieg davon übrig gelassen hatten. Aber es gab diesbezüglich nie einen Vorwurf, war es doch ganz selbstverständlich, dass „sein Gretchen“, er sagte dies in seinen letzten Jahren noch eine Spur zärtlicher als früher, für das Geschäft nicht in Frage kam. Und auch der mittlere Sohn wollte eigene Wege gehen. Eine akademische Zukunft war nun einmal etwas, was in der Zeit lag, wenn man es sich leisten konnte. Sie war weitaus erstrebenswerter, als in Lager-Räumen erfüllt von diesem grässlichen Ledergeruch seine Geschäfte abzuwickeln.

Nun, da wieder Frieden herrschte, war von den drei Zigarren rauchenden „Musketieren“ des Jahres neunzehnvierzehn in unserem Herrenzimmer – wenn überhaupt – als einziger Wolfram noch am Leben, der im Grunde genommen die Verantwortung für die hochfliegenden Lebenspläne auch der beiden anderen trug mit seinen Abenteuer-Geschichten im Cognac-Dunst und Zigarrenqualm. Der Cognac und die Zigarren wurden von uns beigesteuert, nur die Abenteuer waren von ihm. Wirklich oder erfunden? Nein, einer wie der Wulf musste nichts erfinden, an ihm war alles echt. Was war aus ihm geworden? Eine Frage, die in solch turbulenten Monaten wie den letzten des Krieges sowohl in Herrnweiler wie in der Großstadt natürlich vorerst in Vergessenheit geriet. Man war mit ganz viel anderem beschäftigt nach vier Jahren hoch-offizieller Siegesmeldungen: nicht nur Waffenstillstand und Kriegsende, nein, nichts war mehr wie zuvor, das Unterste zuoberst, Arbeiter- und Soldaten-, ja sogar Bauern-Räte statt der gekrönten Häupter, Räte auch im bisher so beschaulichen Magistrat von Herrnweiler, wo Papa ja nun nicht mehr Bürgermeister war und sich auch ansonsten nicht mehr öffentlich zeigte. Das war sein eigener Entschluss, aber niemand empfand etwas Außergewöhnliches bei seinem Rückzug, weil, wie alle sagten, jetzt eine vollkommen neue Zeit begann. Auch eine Welt der Frauen? Davon war in Herrnweiler natürlich nicht die Rede. Umso mehr aber in meiner anderen Heimat, der „Hauptstadt der Künste“.

„Die Neue Zeit“

In der Landeshauptstadt gingen diejenigen, man hat von fünfzigtausend gesprochen, die mit dem Krieg endlich Schluss machen wollten, auf die Straße, besser gesagt auf die Theresienwiese. Angeführt vom etwas kauzigen Kurt Eisner zogen sie Anfang November neunzehnhundertachtzehn, unter den Blicken der Bavaria, vom Ort des Oktoberfestes, das es schon seit dem ersten Kriegsjahr fünfmal in Folge nicht mehr gegeben hatte, durch die Stadt und niemand stellte sich ihnen in den Weg oder hätte gar auf sie geschossen – im Gegenteil, die Soldaten sollen aus den Kasernen gekommen und sich bei ihnen eingereiht haben. Da fand nicht nur nach mehr als vier Jahren „das Völkerschlachten“, wie man es inzwischen nannte, ein Ende. Man spürte, dass es viel mehr war als das. Sowohl für die, die den Waffenstillstand ein „Verbrechen“ nannten, wie auch für die, die sich heimlich oder offen über ihn freuten. Jeder, so schien es, hatte das Gefühl, dass jetzt alles Alte, alles Althergebrachte ein Ende fand. Nicht bloß der Krieg sollte beendet werden, auch die Monarchie, die Herrschaft der Reichen über die Armen und nicht zuletzt die Herrschaft der Männer über die Frauen. Aber für diesen Neuanfang hatten der Herr Eisner und seine Gefolgsleute sich eine denkbar schlechte Zeit – natürlich nicht ausgesucht, aber so war sie halt diese Zeit. Nach vier Jahren Krieg jetzt Inflation, Hunger, Arbeitslosigkeit, immer noch viel Mord und Totschlag, Gott sei Dank hauptsächlich unter Männern. Auch Eisner wurde ermordet, weil viele fanden, dass sich so viel nun auch wieder nicht ändern sollte, und weil einige fanden, dass es einem Juden überhaupt nicht zustand die deutsche Gesellschaft zu verändern. Sogar in unserem Haus „auf dem Land“, in Herrnweiler, wo die Welt so viele Jahre „heil“ gewesen und „our Home our Castle“ war, sollte es kein Ende nehmen mit den Veränderungen. Zwei Brüder, wie gesagt, fehlten schon. Einer beim Baden ertrunken, der andere, weil er wie der Schneider von Ulm das Fliegen lernen wollte. Allein der letzte überlebende meiner „kleinen Brüder“, wie ich sie immer genannt habe, Hermann, war noch zu Hause. Er hatte im zweiten Kriegsjahr, die Reifeprüfung in Sicht, die Schulbank mit dem offenbar so verlockenden Schlachtfeld vertauscht und es zum Leutnant gebracht. Im Gegensatz zu seinem Bruder Arthur war er allerdings auf dem Boden geblieben, bei der Artillerie, und konnte nun, wieder Zivilist, sein Abitur nachholen, um anschließend seinen sehnlichsten Wunsch zu verwirklichen: ein Medizinstudium. Es lag also in der Folgezeit allein an mir, der nach wie vor Unverheirateten, trotz meiner Anstellung als Lehrerin in der Landeshauptstadt, so oft es ging „nach den Eltern zu sehen“. Warum war das eigentlich immer noch ausschließlich Männern überlassen, „die Gründung einer Familie“ und damit die Unabhängigkeit von kindlichen Verpflichtungen, also das Recht so ganz und gar erwachsen zu werden?

Die „Neue Zeit“ war unabhängig davon eine Zeit vieler Veränderungen. Das galt für mich und in ganz ähnlicher Weise – wie in einer Spiegelung – auch für Judith, das Mädchen, das mit seinen Eltern im Nordflügel unseres Hauses wohnte und mittlerweile zu einer höchst ansehnlichen jungen Frau herangewachsen war. Dabei spielte es vorderhand noch überhaupt keine Rolle, dass ihre Familie zur jüdischen Gemeinde von Herrnweiler gehörte. Judith war vorerst gänzlich im Elternhaus zurückgeblieben, während ihr Bruder Leo – immerhin war er der Ältere von ihnen – hinauszog, um sein Glück als Journalist zu machen. Nur ganz selten kam er zu Besuch, war an vielen Orten unterwegs und immer in Eile. Vielleicht deshalb hatte er im Gegensatz zu meinem Bruder keine Zeit oder Gelegenheit eine Familie zu gründen. Dann aber, als die wirtschaftlichen Verhältnisse sich besserten, die politische Lage sich beruhigte, man sprach von „Normalisierung“, fasste auch Judith sich ein Herz und verließ – zum ersten Mal und wahrscheinlich eher ungern – das Nest, das Mama und Papa so sorgsam hüteten: eine Stellung als Erzieherin in einem Haushalt in Thüringen, über einen Geschäftspartner ihres Papas vermittelt. „Unausweichlicher Schritt ins wirkliche Leben“, nannte ich das bei unserem Abschied, um die auch für mich schmerzliche Trennung herunter zu spielen. Judith war mir über all die Jahre wie eine kleine Schwester gewesen, die ich so gerne in unserer Familie gehabt hätte. Nur mit Mühe konnte sie das große Heulen zurückhalten. Deshalb drückte ich sie an mich und entdeckte später einen ziemlich großen Fleck auf meiner Bluse. Judiths Tränen. Die meinen musste ich mir mit einem Taschentuch selbst trocknen, da ich Judith um Haupteslänge überragte. Ich hatte ihr noch Mut machend von meinen Aufenthalten in Frankreich und England erzählt, natürlich nur von den beglückenden Erlebnissen, und ihr vorgerechnet, wie nahe Thüringen doch vor unserer Haustür lag. Drei Jahre lang erfüllten sich dann auch alle Erwartungen. Thüringen sei „nicht viel anders als zu Hause bei uns in Herrnweiler“, schrieb sie mir. Nur die Leute verstehe man manchmal etwas schlecht.

Nun also endlich, in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts, schien sich doch alles zum Guten gewendet zu haben. Die politische Großwetterlage ebenso wie die privaten Angelegenheiten. Auch die meinen. Immerhin galt ich nach bald fünfzehn Jahren an „meiner Schule“ – es erstaunt mich noch heute, dass ich sie so nenne – schon als so etwas wie eine Institution. Ebenfalls eine Institution war – sogar ohne das Bürgermeisteramt – Papa. An seinem 70. Geburtstag wurde im „Marktboten“, der örtlichen Zeitung von Herrnweiler, ein Loblied auf den „unbeirrbaren Demokraten“ angestimmt, der „in völlig geistiger und körperlicher Frische“ dieses denkwürdige Jubiläum begehen durfte. Unter den zahlreichen Besuchern an diesem Tag auch sein Nachfolger im Amt, der Mühlenbesitzer aus der Nachbarschaft, der fünf Jahre später, um im Amt bleiben zu können, zur Nazipartei übertrat. Vorderhand aber rühmte er Papa als einen „Demokraten der frühen Stunde“ und verwies auf die Vielzahl der „Großtaten“, so sagte er wörtlich, die er in all seinen öffentlichen Ämtern seit Beginn unseres Jahrhunderts „für das Allgemeinwohl und insbesondere für das Wohl seiner Stadt geleistet“ hatte. Papa, das sage ich auch aus heutiger Sicht, war ein Demokrat aus Überzeugung, aber vor allem war Demokratie für ihn ein Lebensprinzip bis hinein in die Familie.Die Demokraten, das besagte sein biblischer Geburtstag, hatten eine lange Tradition, aber die Demokraten waren dabei eben auch alt geworden. Niemand freilich hätte sich träumen lassen, dass das Startkapital dieses neuen demokratischen, nach bald zehn Jahren immer noch neuen Staates, so schnell verbraucht sein würde, wie es dann passierte. Man war optimistisch und, wie sich im Nachhinein herausstellte, zu gutgläubig gewesen. Der große Börsenkrach kam unvermittelt und für uns alle überraschend im Oktober neunundzwanzig.Eine merkwürdige Vorankündigung des frühen Endes der so sehr herbeigesehnten guten Jahre hatte es in unserem häuslichen Bereich schon ein halbes Jahr zuvor gegeben. Judiths Vater, der souveräne Geschäftsmann, den nichts, auch nicht ein Zerwürfnis mit dem Magistrat von Herrnweiler, aus der Ruhe bringen konnte, war ebenso unvermittelt wie für alle überraschend verstorben. Aber niemand dachte natürlich, dass diese Verfinsterung des privaten Glücks von Judiths Familie ein Vorbote des Zusammenbruchs unseres gesamten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens sein würde – mit fürchterlichen Folgen, wie ich das heute nennen würde. Judith kehrte sofort nach Herrnweiler zurück, eine gewisse Ratlosigkeit herrschte in ihrer Familie. Ihr Bruder Leo hatte wie gewöhnlich zu wenig Zeit, als dass er sich um mehr als die Formalitäten hätte kümmern können, musste bald wieder weiter. „Die Republik“, sagte er, „beschäftigt uns Journalisten außerordentlich gut“.

Die beiden Frauen, Judith und ihre Mama, bewohnten nun allein unsere nördliche Haushälfte. Mutter und Tochter drohten sich in ihrer Trauer einzuschließen und gegenüber der Außenwelt abzuriegeln, sogar gegenüber uns im anderen Flügel des Hauses. Was ich da beobachtete, ehrte natürlich den Verstorbenen, dem ich, wie ich schon einmal gebeichtet habe, nicht nur Hochachtung, sondern wahrscheinlich sogar ein bisschen mehr entgegenbrachte. Aber es ärgerte mich doch auch, wie sehr wir Frauen augenblicklich drauf und dran waren, unseren ganzen Lebenswillen und unsere Lebensfreude zu verlieren, wenn ein solcher Dreh- und Angelpunkt unseres Daseins, der Mann, weggefallen war. Vielleicht wurde aus dieser Verärgerung meine Idee geboren zu einem kleinen, ich nannte es für mich „Experiment“: der Anbahnung einer Verbindung zwischen Judith und meinem Neffen Alexander. Erstens wollte ich nicht, dass sich die beiden Frauen in ihrer Trauer um den dahingeschiedenen Gatten und Vater verzehrten, und zweitens war Alex, wie ich ihn nannte, die Verkörperung eines neuen Männertypus. Nicht mehr deutscher oder noch schlimmer preußischer Patriarch, sondern eher englischer Gentleman, nicht teutonischer Kommandeur, sondern guter und geistreicher Freund. Am wichtigsten aber: ich war mir sicher, dass diese Verbindung eine glückliche sein und vielleicht sogar ein wenig anders verlaufen würde als die üblichen Verheiratungen, auch solche in den sogenannten besseren Kreisen. Mir war natürlich bewusst, dass dies trotzdem ein riskantes Unterfangen war. Schließlich gehörte Judith der jüdischen und Alexander der christlich-katholischen Religion an. Aber das wurde ja erst einige Jahre später zu einem echten Problem. Jedenfalls lud ich Alex, wenn ich am Wochenende in Herrnweiler war, mehrfach zum Kaffee ein und bat ganz spontan auch Judith „auf einen Sprung zu uns herüber zu kommen“. Wenigstens konnte ich auf diese Weise bei jemand anderem, der mir sehr ans Herz gewachsen war, etwas zu dieser Art von Lebens-Glück beitragen.

Als Judith und Alexander dann begannen ihre Hochzeit vorzubereiten, da war „diese Art von Lebens-Glück“ für mich schon, und zwar endgültig, was ich aus heutiger Sicht weiß, keine Option mehr. Nicht dass ich deswegen Traurigkeit oder gar Neid empfunden hätte. Es war halt so gekommen. Man konnte sich in einem vermögenden Haushalt wie dem unseren ja einiges leisten, und deshalb war ich auf die „Höhere Töchterschule“, eine Internatsschule der Maria-Ward-Schwestern in der Bezirkshauptstadt, gekommen. Man sollte dort nach offizieller Auffassung freilich keinesfalls auf einen Beruf oder ein Studium vorbereitet werden. Nein. Kein Gedanke an so etwas. Im Gegenteil, Ziel war es unseren Handelswert auf dem Heiratsmarkt zu steigern. Man sollte – ein bisschen jedenfalls – mitreden können mit dem Herrn Gemahl, ihn bei Laune halten. Deshalb gab’s viel Deutsch, auch Französisch und ein bisschen Englisch, zuviel Religion und Handarbeit, zu wenig Zeichnen und Schreiben. Aber was tun nach dem Ende dieser Erziehung zur heiratsfähigen Tochter aus gutem Haus, mit sechzehn Jahren. Zurück zu den Eltern und die nächsten Jahre dort absitzen, bis ein allen Beteiligten genehmer Bräutigam daherkam? Das passte nicht zu mir. Gerade war das neue Jahrhundert angebrochen, und das sollte das Jahrhundert der Frau werden, sagten jedenfalls einige Frauen, ebenso einige unserer Lehrerinnen, die ja auch auf keinen Bräutigam gewartet hatten, vielleicht gar keinen haben wollten. Also was dann? Die einfachste weil nahe liegende Lösung war das im selben Schulgebäude untergebrachte Lehrerinnenseminar. Noch einmal drei Jahre Unterricht und ein praktisches Jahr, um dann selber unterrichten zu können. Oder vielleicht gar doch den nächsten Schritt an die Universität wagen, was gerade erst möglich geworden war, aber immer noch erheblichen Mut erforderte. Den hätte ich vermutlich aufgebracht. Nur, zu diesem Zeitpunkt hatte ich mir schon eine ganze Menge Wissen einverleibt und damit den Argwohn der Männer meiner Umgebung, sogar meiner Brüder, geweckt. „Langsam aber sicher unheimlich“ werde ich ihnen, sagten sie zu Papa und Mama. Natürlich im scherzhaften Ton, versteht sich. Aber ganz ehrlich, ich wollte es mit dem „Unheimlich-Werden“ dann doch nicht übertreiben, wollte nach Ende des Seminars endlich etwas Praktisches bewirken. Was genau das sein sollte, wusste ich natürlich nicht. Eine Lehrerinnen-Stelle antreten, jung wie ich war, und dort dann den Rest meines Lebens verbringen? Doch da gab es ja noch eine weitere Tür, durch die man gehen konnte. Etwas, das man mittlerweile auch Töchtern, selbstverständlich nur höheren, ebenso zugestand wie den Söhnen: die Welt kennen lernen, die vertraute Heimat einmal von außen betrachten, auch einmal fremde Luft atmen. Da es in diesen Jahren im europäischen Ausland durchaus en vogue war, die deutsche Sprache zu erlernen, ging ich in Stellung als Erzieherin.

Ausgesprochen wohltuend war die freundliche Aufnahme und die Aufgeschlossenheit der Leute in Frankreich wie auch später in England. Gelegentlichen Fragen nach den Absichten, die hinter den forschen Attacken unseres deutschen Kaisers steckten, konnte ich als Frau einigermaßen elegant ausweichen, indem ich darauf hinwies, dass es sich dabei um eine ausgesprochen männliche Form von Politik handele, was mir zwar den Beinamen „our Suffragette“, aber durchaus auch einige Sympathiepunkte einbrachte. Als sich jedoch die Rhetorik „unseres Kaisers“, der ja immerhin ein Enkel der Queen war, es hieß sogar ihr Lieblingsenkel, immer kriegerischer gebärdete, begannen die von ihm so forsch angegangenen alten Großmächte, insbesondere die britische, mit gleicher Münze herauszugeben. „Our German Suffragette“, hieß es jetzt, und ich merkte, dass das bestenfalls noch zur Hälfte als Scherz zu verstehen war. Also zog ich es vor, nach Deutschland, besser gesagt nach Hause, in „unser Herrnweiler“ zurückzukehren.Dafür gab es natürlich noch einen anderen, vermutlich sogar wichtigeren Grund: Gerade hatte die erste Tragödie mein Elternhaus heimgesucht. Der älteste von meinen Brüdern war beim Baden ertrunken. Vor allem Mama war untröstlich und brauchte – trotzdem – meinen Trost. Das war im Spätsommer des Jahres zwölf, zwei Jahre bevor sich die drei freiwilligen Kriegshelden in unserem Herrnweiler Herrenzimmer in einen Begeisterungstaumel für den Luftkampf hineinredeten, -tranken und -rauchten und sich gegenseitig versicherten, dass man es den Franzosen ebenso wie den Briten schon zeigen werde, aber nicht so plump, wie die üblichen Parolen es verkündeten, mit einem „Stoß für den Franzos“ und einem „Tritt für den Britt“, nein, sondern „ritterlich Aug in Aug“ in Luftgefechten, die sportlich fairen Regeln folgten.

Noch bevor es schließlich zu den unglückseligen gegenseitigen Kriegserklärungen unter den familiär bestens miteinander verbundenen europäischen Fürstenhäusern kam, fand ich mein, wenn auch nicht privates, so doch berufliches Glück. Dank einem Kontakt der Familie von Mama in die große Landeshauptstadt. Ich schrieb einen Brief und erhielt wenig später eine Antwort, die sehr freundlich formuliert war. Man lud mich zum Vorstellungsgespräch ein.Ein etwas merkwürdiger Empfang. Zuerst die freundliche Sekretärin, dann aber der Rektor in seinem gänzlich dunkelbraunen Amtszimmer nur schwer auszumachen. Altmodisch kam mir das vor, zumal er so bayerisch sprach und dabei so gewunden, mit zahlreichen Einräumungen und Zusatzinformationen, dass ich große Mühe hatte ihn zu verstehen. Ich nickte freundlich zustimmend auch bei dem, was ich nicht verstand, und baute mir aus dem, was ich verstand, einen positiven Bescheid zusammen. Draußen erklärte mir die Sekretärin noch einmal in einfachen und nicht zu bayerischen Sätzen den Kern der Auslassungen des Herrn Rektors: Ja, man habe Bedarf vom neuen Schuljahr an, allerdings müsse ich mich mit den Fächern „Deutsche Sprache mit den Schwerpunkten Handelskorrespondenz und Verträge“ sowie „Schönschrift in allen vorkommenden Schriftarten“ wie es wörtlich hieß, begnügen. Natürlich begnügte ich mich, und zwar für die nächsten zweiunddreißig Jahre. Und dann war ja noch diese andere Verordnung, gemäß der man sich zu begnügen hatte. Im Falle einer Verheiratung hätte es geheißen, seine Stellung aufzugeben. Nun freilich, wie schon erwähnt, sollte sich mein Leben im Verlauf der nächsten fünfzehn Jahre so entwickeln, dass mir die bange Frage Beruf oder Familie erspart blieb.

Es war übrigens dann nach Beginn der neuen, der demokratischen Zeit – zumindest in den größeren Städten – nichts Ehrenrühriges mehr ein Leben ohne Mann und Kinder zu führen. Die Alternative hieß auch nicht mehr zwangsläufig alleine zu bleiben. Immer häufiger taten sich Frauen zu Lebensgemeinschaften zusammen, wofür allein schon die immer kostspieligere Lebenshaltung sprach. Eine Maßnahme der Rationalisierung also, häufig wohl auch eine des Herzens. Dafür gab es inzwischen schon weithin bekannte, wenn auch nicht von allen anerkannte Vorbilder, weibliche Vorbilder für die „Weibsbilder“, wie man das hier in der Landeshauptstadt ausdrückte, mit diesem abfälligen Unterton. Vorbilder, die auch Frauen wie mir vormachten, dass ein „Frauenleben“ nicht nur ein einziges Ziel haben und in welche Richtung das gehen könnte. So ein „Frauenleben“ der modernen Art musste ja nicht gleich im tragischen Selbstmord enden wie bei der Münchner „Skandalgräfin“ Fanny Reventlow. Da gab es quasi vor meiner Haustür mittlerweile immer mehr unerschrockene „Weibsbilder“, deren Beispiel wirklich Mut machte. Die selbst ernannte – und das ja gar nicht zu unrecht – „Stadt der Künste“ hielt sich nämlich bei aller konservativen Dickschädeligkeit doch auch eine ganze Menge auf ihre Freigeistigkeit zugute. Anita Augspurg und Lida Heymann zum Beispiel waren so etwas wie unsere Gali-onsfiguren. Nicht nur für die Mitglieder in ihrer „Frauenliga für Frieden und Freiheit“. Nein auch für Frauen wie mich, die sich den Fortgang „unserer Sache“ eher so vom Rand her anschauten. Vor allem „die Augspurg“, wie man sie etwas abschätzig titulierte, hatte es zu einer Art von Berühmtheit in der männlich bierseligen Landeshauptstadt gebracht. Man konnte sie am Steuer ihres Automobils bewundern oder ihre Zeitschrift „Die Frau im Staate“ abonnieren, wo vieles von dem zu lesen stand, was man selber auch gedacht, aber nie in die passenden Worte gefasst hatte. Ich gestehe, ich verschlang alles, was da gedruckt vor mir lag. Endlich kam etwas wirklich „von uns“ und es war – vorsichtig gesagt – mindestens ebenso gut und gescheit wie das von Männern, wohlgemerkt von gescheiten Männern.

 

Männer und Frauen 1923

Besonders erinnere ich mich an die Dezember-Ausgabe neunzehndreiundzwanzig der „Frau im Staate“. Wieder war es die Zeit zwischen Weihnachten und dem Jahres-schluss gewesen wie schon anno 1914. Die vom versuchten Staatsstreich der Nazis aufgewühlten Gemüter hatten sich noch längst nicht wieder beruhigt. In Kürze sollte es einen großen Prozess gegen die Verschwörer geben. Und wieder einmal zwischen den Jahren tagte eine Gesprächsrunde im Herrenzimmer unseres Hauses in Herrnweiler. Keiner der drei Fliegerhelden war mehr dabei. Immerhin einer, Wolfram, hatte zumindest überlebt und war wer weiß wo.