Die Schattensurfer - Hubert Wiest - E-Book

Die Schattensurfer E-Book

Hubert Wiest

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Beschreibung

Die vierzehnjährige Sansibar möchte endlich im Netzwerk von RUHL aufgenommen werden. Alle wollen aufgenommen werden. Ihre beste Freundin gehört längst dazu. Sansibar lernt wie besessen für die Aufnahmeprüfung. Sie ist bereit, alle Gedanken mit dem mächtigen Netzwerk zu teilen. Nur die einzige Erinnerung an ihre verschwundene Mutter will sie für sich alleine behalten. Computergenie Luan hat nur ein Ziel, Programmierer zu werden. Doch mit einem Diebstahl ruiniert er seine ganze Zukunft und muss fliehen. Sansibar will Luan helfen, oder sind es nur seine tintenblauen Augen, die sie süß findet? Auf jeden Fall hat sie Luan noch nie zuvor in ihrem Leben gesehen, aber genau das behauptet Luan. Die beiden haben keine Zeit die Sache zu klären und Luan ist überzeugt, dass Sansibar ihn verraten hat. Da macht Kalawesi, der Besitzer eines Vergnügunsparks, Luan ein unglaubliches Angebot. Zum Selberlesen, Vorlesen, Zuhören, Zittern, Bibbern, Mitfiebern und Genießen! Selbst im hintersten Winkel des Internets ist vermeintlich Privates längst öffentlich. Wohin führt diese Entwicklung? Wie lange bleiben unsere Gedanken noch geheim? Oder muss das Wort Geheimnis bald aus unserem Wortschatz gestrichen werden? Was wäre wenn…? Die Schattensurfer zeichnen ein Zukunftsszenario ohne zu moralisieren oder zu werten. Abwechselnd aus der Perspektive von Luan und Sansibar geschrieben sind die Handlungsstränge ineinander verwoben und zeigen die Träume und Ziele zweier Teenager in einer oberflächlich bunten Welt. Aber sind sie auch bereit für ihre Wünsche gegen RUHL zu kämpfen? Doktor Tornham und die Sipos verkörpern das totalitäre Netzwerk. Mit Emotionen und Irrationalität gibt Vergnügunsparkbesitzer Kalawesi viel Farbe in die technisierte Welt. Ein Buch, in dem es nicht um Technik sondern um Menschen geht. "… Ein Hammer-Buch, nicht nur für Jugendliche", Andrea H. "Ich bin begeistert. Die Geschichte hat mir super gut gefallen", Andreas S.

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Seitenzahl: 497

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Hubert WiestDIE SCHATTENSURFER

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt

Copyright © 2014 Hubert Wiest

Lomoco Publishing

 

All rights reserved.

www.lomoco.de

[email protected]

 

Titelgestaltung: sempersmile

Kontakt:

Literarische Agentur Hoffman GmbH

Roswitha Kern

Landshuter Allee 49D-80637 München

Agence Hoffman

Lektorat: Christina Krey

 

E-Book ASIN: B00GSF6NUW

E-Book ISBN: 978-3-8476-6784-1

Taschenbuch ISBN: 978-1493556175

 

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Für Nina, Janek, Ben und Lola

1 DIE SACHE MIT DEM GELIEHENEN GELD

„Das Geheimnis ist eine der größten geistigen Errungenschaften der Menschheit.“

Georg Simmel 1907

 

Luan drückte sich ganz dicht an die Stahlsäule, die das gewölbte Vordach hielt. Es war verboten, nachts hier draußen herumzulungern, wie es Mama Berta wohl genannt hätte. Die nasse Betonzufahrt glitzerte abwechselnd rot und blau. Die blinkende Neonschrift des Vordachs spiegelte sich auf dem Boden: Häppy Kidz. Sein ganzes Leben lang, jeden Tag, musste Luan diesen lächerlichen Schriftzug sehen. Aber selten war er glücklich. Wie sollte er auch? Er war in diesem Heim aufgewachsen. Seine Eltern kannte er nicht einmal.

Endlich erloschen die Lichter in der Küche. Darauf hatte er lange genug gewartet. Gleich würde die Köchin aus dem Nebeneingang kommen und auf ihrem Scooter nach Hause gleiten. Das tat sie jeden Abend um diese Zeit. Luan wusste es. Er wartete nicht zum ersten Mal darauf.

Da zischte die Tür. Die Köchin trat heraus. Luan hörte, wie sie die Tür hinter sich schloss und mit dem Code verriegelte. Ein Pfeifen bestätigte die Aktivierung. Luan grinste über dieses altmodische System, das Mama Berta wohl für sicher hielt. Schon mit acht Jahren konnte er es knacken und jetzt war er fünfzehn.

Die Köchin stieg auf ihren Scooter und schloss die Glaskuppel. Surrend schwebte der Scooter über die Betonausfahrt hinaus.

Luan blickte sich noch einmal um. Im Haupthaus war es ruhig. Um diese Zeit schliefen alle. Auch Frau Bertowa, die Heimleiterin. Mama Berta, wie sie von den Kindern genannt wurde, achtete penibel genau auf die Bettruhe.

Luans Puls pochte. Dabei hatte er es schon einige Male getan. Nie hatte es Probleme gegeben.

Luan drückte sich von der Stahlsäule ab. Wie ein Kaninchen schlug er Haken über den Betonweg. Luan wusste genau, wo ihn die Kameras nicht einfangen konnten. Uralte Kameras. Zum Glück hielt Mama Berta nichts von moderner Technik.

Sein Atem pumpte, als er vor der Tür stand, und das nicht nur wegen des Spurts. Mit der rechten Hand strich er über den biegsamen Bildschirm, den er wie ein breites Band um sein Handgelenk trug. Man hätte es für ein ceeBand halten können, aber Luan hatte es selbst gebaut. Niemals hätte er sich ein echtes ceeBand leisten können. Taschengeld gab es bei den Häppy Kidz nicht. Mama Berta vertrat die Ansicht, dass Kinder kein Geld bräuchten. Sie bekämen schließlich zu essen und zu trinken, Kleidung und was sie sonst noch bräuchten. Mama Berta war wirklich nicht von dieser Welt. Sie war schuld, wenn sich Luan Geld ausleihen musste.

Neben der Tür war eine altmodische Glasplatte in die Wand eingelassen. Eine Zahlentastatur leuchtete auf. Er hielt sein ceeBand daneben. Wie geklont erschienen auf seinem Armband die gleichen hellblauen Ziffern, von 0 bis 9. Für einen Moment geschah nichts. Luan hielt die Luft an. Dann blinkten auf seinem ceeBand die Ziffern 8-7-3-4-7. Luan tippte sie in der gleichen Reihenfolge auf die Glasplatte. Und mit der letzen 7 fuhr die Stahltür zischend auf.

Luan grinste. Mit seinem ceeBand kam er überall hinein. Es war um Klassen besser als das Original.

„Es kommt schließlich niemand zu Schaden“, versuchte sich Luan Mut zu machen. Mit einer fahrigen Bewegung wischte er sich eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht. Er schlich durch die Schleuse und presste sich an der glatten Wand entlang. Mit dem Ellenbogen fühlte er endlich die Ausbuchtung zur Küche. Vorsichtig drückte er die Klinke und öffnete die Tür. Er schlich hinein. In riesigen silbernen Töpfen spiegelte sich die rot-blaue Leuchtschrift von draußen wider. Der stechende Duft des Küchenreinigers mischte sich mit Sauerkrautgeruch. Luan hasste Sauerkraut. Jeden Freitag gab es Sauerkraut. Heute Mittag hatte er wieder nur Kartoffeln gegessen.

Luan glaubte ein leises Zischen zu hören. Er blieb stehen, wartete wie versteinert und wagte nicht zu atmen. Nur sein Pulsschlag pochte.

Er musste sich getäuscht haben. Da war nichts, ganz bestimmt nichts.

Luan ging um den großen Herd, der wie ein Eisberg aus der Mitte der Küche ragte. Über der Spüle in einem Regal stand sie, die gelbe Kakaodose. Das Etikett war völlig abgegriffen und das lächelnde Jungengesicht darauf längst nicht mehr zu erkennen.

In dieser Dose versteckte die Köchin immer ihre Karte. Natürlich wusste es Luan. Er stellte sich auf die Zehenspitzen. War da nicht ein Geräusch?

Nein, nichts. Alles still. Mit den Fingerspitzen bekam er die Dose am Rand zu fassen und versuchte sie zu sich zu ziehen. Dabei riss er eine Tüte Nudeln mit. Sie rutschte über die Kante des Regalbretts, schlug auf dem sauber gescheuerten Boden auf und zerplatzte. Wie Murmeln schossen die Makkaroni über die Fliesen.

So ein Mist! Luan riss den Deckel der Kakaodose auf. Er tastete hinein. Ja, er konnte sie fühlen, die kleine Plastikkarte. Mit nervösen Fingern nahm er sie. Hoffentlich war genug Geld aufgeladen. 100 Euro brauchte er diesmal. Er würde das Geld zurückgeben. So wie er es immer getan hatte.

Von dem Geld konnte er Bauteile kaufen, um einen Computer für einen Bekannten zu bauen. Dieser hatte ihm viel Geld versprochen. Luan könnte seine Schulden zurückzahlen und trotzdem würde ein wenig übrig bleiben.

Luan schob die Geldkarte in den Leseschlitz seines ceeBands.

Da war wieder dieses Geräusch. Es klang, als würde jemand atmen. Oder war es die Pressluft der Schleuse?

Luans ceeBand leuchtete auf. Fünf Einhundert-Euro-Scheine erschienen auf dem Display. Luan strich über einen Schein und drückte den Knopf „abbuchen“. Der Schein flatterte auf sein Konto. Davon konnte er die nötigen Bauteile kaufen. Und er würde das Geld ganz bestimmt zurückzahlen. Noch nie hatte er seine Schulden vergessen.

Mit einem Knall wurde die Küchentür zugeschlagen. Die Kakaodose rutschte Luan vor Schreck aus den Händen. Sie donnerte zu Boden.

Surrend sprang das Neonlicht an. Luan kniff die Augen zusammen. Die Küche strahlte gleißend weiß. Ein dunkler Schatten löste sich von der Tür – eingehüllt in einen graubraunen Frotteebademantel. Die Haare wurden von einem Netz zusammengehalten. In der Hand hielt der Schatten ein Schwert. Nein, es war ein Regenschirm. Luan klammerte sich an der Spüle fest. Dort stand Mama Berta, ausgerechnet Mama Berta. Warum hatte ihn nicht wenigstens die Köchin erwischt?

„Luan, du Dieb“, herrschte ihn Frau Bertowa mit eisiger Stimme an.

Luans Magen klumpte wie saure Milch. Er wagte nicht, Mama Berta in die Augen zu sehen. Er blickte auf die Nudeln, die verstreut über den Boden lagen. „Ich habe noch Hunger gehabt. Freitagmittag gibt es immer Sauerkraut. Das vertrag ich nicht“, murmelte er und bückte sich, um die Nudeln einzusammeln. Die Hand mit seinem ceeBand hielt er hinter dem Rücken.

„Ich meine nicht die Nudeln. Gib die Geldkarte her.“

Es hatte keinen Sinn zu lügen. Luan zog die blaurote Karte aus seinem ceeBand und reichte sie Mama Berta über den Herd.

„Komm gefälligst her“, schnaubte Frau Bertowa und packte Luan am Arm. Grob zog sie ihn zu sich. Sie kontrollierte die Geldkarte mit einem Lesegerät. 400 Euro blinkten auf.

„Luan, du hast die Gemeinschaft bestohlen“, wie verfaultes Fleisch spuckte Frau Bertowa diese Worte aus.

„Ich kann das erklären“, stammelte er und starrte auf Mama Bertas Hausschuhe.

„Da gibt es nichts zu erklären. Du hast uns bestohlen. Du hast das Vertrauen der Gemeinschaft missbraucht.“

„Aber Mama Berta, es ist anders, als Sie denken. Ich …“, versuchte es Luan.

„Schweig. Ich will deine Lügen nicht hören. Für dich bin ich nicht mehr Mama Berta. Merk dir das.“

„Bitte, nur zwei Minuten“, flehte Luan.

„Nein, das hättest du dir früher überlegen müssen“, sagte Frau Bertowa. Sie zog ihren Regenschirm durch die Luft, als wollte sie damit jeden Widerspruch abschneiden. „Du Betrüger bist von der Kristallfeier ausgeschlossen. Aus dir wird kein nützliches Mitglied der Gesellschaft werden. Du hast die Kristallfeier nicht verdient. Niemals.“

Die Kristallfeier, schoss es Luan durch den Kopf. Seit Monaten hatte er für die Kristallprüfung gelernt. Endlich durfte er beweisen, was er wirklich konnte. Keiner machte ihm etwas vor, wenn es um Computer ging. Er war der Beste in seiner Klasse, vielleicht in der ganzen Schule. Sein Lehrer hatte einmal gesagt, dass er das Zeug zu etwas Besonderem hätte.

Frau Bertowas Stimme drang wie durch Watte an Luans Ohren. Die ganze Küche drehte sich um ihn. Und dann tauchte er wie nach einem gleißenden Blitz in tiefe Dunkelheit.

2 NIE MEHR HÄPPY

Luan hatte keine Ahnung, wie er in sein Bett gekommen war. Er wusste nicht, wie lange seine Ohnmacht gedauert hatte. Minuten, Stunden oder Tage? Sein Kopf dröhnte, als führe eine Autobahn mitten hindurch. Er fühlte sich an wie auf doppelte Größe angeschwollen. Luan ertastete einen turbandicken Verband. „Du hast eine schwere Gehirnerschütterung erlitten“, sagte die Krankenschwester.

Nach zehn Tagen ließ das Hämmern in seinem Kopf endlich nach. Luan konnte kaum noch liegen. Alles tat ihm weh, egal ob er sich auf den Bauch, den Rücken oder die Seite drehte. Stundenlang starrte Luan auf die beiden Poster in seinem Zimmer: Marc Bodin und Eva Hanberg, die besten Computerprogrammierer der Welt. Beide waren erst 20 Jahre alt. Eva Hanberg arbeitete mittlerweile als Chefprogrammiererin für den Computerhersteller Mermox. Marc Bodin war vor einem Jahr verschwunden und blieb seitdem verschollen.

Auf Luans Schreibtisch stapelten sich Computerbauteile. Aus ihnen baute Luan neue Computer, programmierte sie oder reparierte Geräte von Bekannten. Luan legte Wert darauf, dass es Bekannte waren, denn Freunde hatte er keine. Luan traute niemandem. Zu oft war er enttäuscht worden. Die anderen von den Häppy Kidz hatten ihm oft übel mitgespielt. Nur wenn sie Probleme mit Computern hatten, dann kamen sie wieder an.

In den vergangenen Tagen hatte Luan immer wieder überlegt, was er Mama Berta sagen würde, wie er sich verteidigen könnte. Satz für Satz hatte er geplant.

Aber Mama Berta kam nicht. Irgendwann beschloss Luan, selbst zu ihr zu gehen.

Wackelig stand Luan vor dem kleinen Waschbecken in seinem Zimmer. Er begann den Verband von seinem Kopf zu lösen. Links an der Stirn hatte er eine verkrustete Platzwunde. Luan versuchte sein Spiegelbild anzulächeln und verzog die Augen zu Schlitzen. Er streifte sein Lieblings-T-Shirt über, das mit der ceeBand-Werbung.

Dann ging er zur Tür. Luan griff nach dem runden Knauf. Doch der Knauf ließ sich nicht drehen. Die Tür war abgesperrt, verschlossen wie eine Zelle. Luan rüttelte daran, zerrte, riss und drückte. Er polterte gegen die Tür. Er donnerte mit den Fäusten auf den schweren Kunststoff und schrie: „Aufmachen. Ich muss hier raus.“ Immer lauter, aber niemand schien ihn zu hören, als würde kein Laut nach außen dringen.

Plötzlich leuchtete der Bildschirm auf, der über dem Schreibtisch in die Wand eingelassen war. Aus den Lautsprechern drang ein Räuspern und vom Bildschirm lächelte ihn Mama Berta an, zumindest hatte sie ihren strichdünnen Mund ein wenig in die Breite gezogen.

Luan erschrak. Noch nie hatte Mama Berta die Computerkamera genutzt. Das tat sie aus Prinzip nicht. Sie wollte den Leuten lieber direkt in die Augen sehen, nicht durch eine Glasscheibe. Oft genug hatte sie das erwähnt.

Luan ging hinüber zum Bildschirm. Das rote Kameralämpchen blinkte. Mama Berta blickte ihn regungslos an, doch Luan war fast sicher, dass sie zumindest ein wenig lächelte.

„Mama Berta“, haspelte Luan. „Ich weiß, ich hätte das nicht tun dürfen. Ich schwöre, ich werde das Geld zurückzahlen. Immer habe ich meine Schulden beglichen. Schon fünf Mal habe ich mir Geld ausgeliehen. Aber nicht einen Cent bin ich schuldig geblieben. Bitte prüfen Sie es nach! Fragen Sie die Köchin! Es fehlt nichts. Gar nichts. Und auch diesmal hätte ich das Geld zurückgezahlt. Alles. Vertrauen Sie mir!“

Luans Geständnis schien Mama Berta nicht zu beeindrucken. Ernst blickte sie Luan vom Bildschirm herab an. Luan war ganz sicher, dass sie zumindest ein wenig lächelte. Das gab ihm Mut. Er holte Luft und fuhr fort: „Sie wissen doch, ich repariere Computer, helfe Bekannten und dafür muss ich Ersatzteile kaufen: Prozessoren, Speicherbausteine, Controllerchips und all die anderen Tausendfüßler. Tausendfüßler, so nennt man die elektronischen Bauteile. Schwarze Chips mit vielen silbernen Beinchen dran.“ Luan lachte unsicher.

„Luan, du hast uns belogen und bestohlen. Nicht nur einmal, sondern wieder und wieder. Ich habe das überprüfen lassen. Du gehörst nicht mehr zu uns, nicht zu den Häppy Kidz.“

„Das stimmt nicht“, schrie Luan. Er sprang auf und stellte sich vor Mama Bertas Blick. Sie nahm keine Notiz von ihm.

„Luan, du weißt, wir geben allen eine zweite Chance“, sagte Frau Bertowa nüchtern, als würde sie eine Gebrauchsanweisung für Waschpulver vorlesen. „Aber keine vierte oder fünfte. Meine Entscheidung steht fest. Du wirst von der Kristallfeier endgültig ausgeschlossen. Betrüger bekommen keinen Platz in unserer Gesellschaft. Du wirst ein Leben ohne Computer führen müssen.“

Luan krallte sich an der Tischplatte fest. Er flehte: „Nein, Mama Berta, bitte nicht. Ich habe nicht gestohlen! Niemals!“

Doch Frau Bertowa verschwand im dunklen Glas des Monitors. Sie hatte einfach aufgelegt, ihm nicht die kleinste Chance gegeben. Die Monitorscheibe glänzte matt.

Luan stürzte auf sein Bett. Er heulte und schrie. Er packte sein Kissen und donnerte es gegen die Wand. Immer wieder, bis es platzte und Schaumperlen durch das Zimmer rieselten.

Ohne Kristallfeier konnte er vergessen, jemals Programmierer zu werden. Er dürfte nicht einmal einen Computer besitzen und sein ceeBand würden sie ihm abnehmen. Wer es bis zum 17. Geburtstag nicht geschafft hatte, die Kristallprüfung abzulegen, dem wurde der Zugang zu Computern für immer verboten. Dessen Gedanken störten den Geist der Gemeinschaft. Sie waren verdorben wie Müll, hatte er in der Schule gelernt.

Er konnte nicht bei den Häppy Kidz bleiben und abwarten, bis sein 17. Geburtstag ohne Kristallprüfung verstrich. Er musste weg hier, verschwinden. Heute noch. Ein Bekannter hatte einmal erzählt, dass es im Lunapark immer eine Möglichkeit gäbe unterzutauchen. Niemand fragte im Lunapark so genau nach, wenn es darum ging, Fahrgeschäfte zu reinigen oder in den riesigen Kantinen Kartoffeln zu frittieren. Der Lunapark war sein Strohhalm. Dorthin würde er fliehen und Luan fasste einen Plan.

Als würde er schlafen gehen, schlüpfte Luan aus seiner Hose. Ordentlich gefaltet legte er sie über den Stuhl, wie jeden Abend. Dann stieg er in sein Bett und zog die Decke über den Kopf, so wie er es immer tat, wenn er schlief. Er wartete ein paar Minuten, dann wälzte er sich zur Seite, hin und her, wie jede Nacht. Er schnarchte. Es sollte so aussehen als würde er schlafen. Währenddessen rief er unter der Decke von seinem ceeBand die exakte Uhrzeit ab: 18:35.

Luan stellte mit seinem ceeBand eine Verbindung zum Überwachungscomputer der Häppy Kidz her. Nach dem dritten Versuch knackte sein ceeBand das Passwort und Luan war drinnen. Er wählte die Überwachungskamera seines Zimmers aus. Nun musste er nur noch die Liveaufnahme beenden und stattdessen die Aufzeichnung von 18:32 bis 18:35 abspielen. Immer wieder, in einer Endlosschleife. Die Wachmannschaft würde Luan in seinem Bett sehen, wie er schlief und sich hin und her wälzte. Frühestens morgen würde es auffallen, wenn er nicht aufstand. Und dann wäre er längst im Lunapark untergetaucht.

Luan kletterte aus dem Bett und zog sich an. Er ging zum Fenster. Fingerdicke Stahlbolzen verriegelten es von außen. Mit Gewalt ließ sich da nichts machen. Luan setzte einen starken Elektronikmagneten von innen gegen die Scheibe, konzentrierte die Magnetleistung auf die Stahlbolzen und schob sie wie von Geisterhand zu Seite. Jetzt ließ sich das Fenster ohne Widerstand öffnen.

Luan sprang aus dem Fenster. Er ließ sich von den riesigen Blättern der Bananenstaude auffangen und glitt hinunter auf den weichen Boden. Nervös suchte er den Park von Häppy Kidz ab. Da war niemand. Sie saßen alle beim Abendessen. Es war genau der richtige Moment. Luan sprang auf und jagte im Zickzack durch den Park. Er wusste, wo er den Überwachungskameras verborgen blieb. Sein ceeBand zeigte ihm den Weg bis zum Tor.

Am Eingang stand Frau Bertowas Scooter. Es war ein burgunderroter Zweisitzer. Die Polster waren mit braunem Samt bezogen und der vergoldete Bersolantrieb glitzerte im Straßenlicht. Den Code könnte er lässig knacken. Diebstahl, schoss es Luan durch den Kopf. Dann hätte die Bertowa vielleicht doch recht gehabt, ihn von der Kristallfeier auszuschließen. Nein, den Gefallen würde er ihr nicht tun.

Er atmete ganz tief durch. Sein ceeBand zeigte den Fußweg zum Lunapark an. Er würde 57 Minuten und 12 Sekunden brauchen.

3 IM LUNAPARK

Sansibar ließ die Verschlüsse ihrer Schuhe zuschnappen und warf ihre Tasche über die Schulter. Vor dem Spiegel zupfte sie ein paar lila Haarsträhnen zurecht, die zwischen ihren glatten haselnussbraunen Haaren hervorleuchteten. Sie achtete peinlich genau darauf, dass ihre Haare das linke Ohr bedeckten. Sansibar mochte es nicht, wenn man ihr Ohrläppchen sah, denn das war unten so komisch eingekerbt. Als kleines Kind hatte sie einen Unfall gehabt. Papa hatte es ihr erzählt. Sie selbst konnte sich nicht mehr daran erinnern. Sansibar war beim Spielen mit dem Ohrring an der Schraube eines Klettergerüsts hängen geblieben. Sie hatte es nicht gemerkt und war in den Sand gesprungen. Dabei war der Ohrring herausgerissen. Es musste ziemlich wehgetan haben, vielleicht waren deshalb ihre Erinnerungen daran verschwunden. Den zweiten goldenen Ohrring trug sie immer noch am rechten Ohr.

Sansibar strich über den Bildschirm, der sich wie ein breites Band um ihr Handgelenk zog. Ein TwaddleBand. Nicht gerade das neueste Modell, aber als Kommunikator taugte es noch allemal.

„Papa, ich gehe mit Marella in den Lunapark. Sie nimmt mich auf ihrem neuen Scooter mit“, tippte Sansibar und wusste, dass ihr Vater nichts dagegen haben würde. Ihr Vater verbot nie etwas. Er konnte sich darauf verlassen, dass sie keinen Blödsinn machte. Dazu war sie viel zu vernünftig.

Auf dem Bildschirm erschien ein Mann mit grau durchzogenen Locken. Er hatte seine widerspenstigen Haare mit Gel in eine ordentliche Frisur gezwungen. Auf seinem schwarzen Stirnband schimmerte ein dunkelroter Kristall. Corrado Arbani lächelte Sansibar durch seine Hornbrille an: „Ich wünsch dir viel Spaß, mein Schatz. Bitte denk dran, dass du bis 10 Uhr zu Hause bist, auch wenn heute Freitag ist. Und schick mir ein paar Bilder vom Lunapark. Du weißt, Mama und ich hatten uns damals dort kennengelernt.“

„Klar, mach ich“, sagte Sansibar. Sie dachte an Mama. Sansibar hatte nur ein einziges Bild ihrer Mutter vor Augen. Mama im orangefarbenen T-Shirt. Eine große lila Blume aufgedruckt. Es war damals vor zehn Jahren, mitten in der Nacht.

„Bei mir wird es heute Abend spät werden. Ich habe noch einen Stapel Akten auf meinem Schreibtisch liegen“, sagte Herr Arbani. „Den Antrag zum Versicherungsschutz der Verwaltungsvereinbarung muss ich heute noch unbedingt bearbeiten. Das ist im Übrigen eine ganz interessante Sache: eine Vereinbarung, die ohne Versicherungsschutz auf Regionalebene …“

Sansibar schluckte, wenn Papa erst einmal anfing zu erzählen, konnte sie ihn kaum noch bremsen. Er war der liebste Papa der Welt, aber eine ziemliche Plaudertasche.

Auf Sansibars TwaddleBand blinkte nun das Bild eines blonden Jungen und wollte Sansibars Vater zur Seite schieben. Dabei verformte es sich wie ein Gummiball, der auf den Boden aufschlug.

„Muss auflegen, Papa. Mika meldet sich.“

Sansibar strich über den Bildschirm. Das Bild ihres Vaters verblasste.

„Kannst du mir Karamellsticks vom Lunapark mitbringen?“

„Klar, mach ich, Mika.“

„Mir bitte auch, Gruß Hannah“, legte sich ein Schriftzug über Mikas Bild. Das Video eines Mädchens mit Helm drängelte sich in den Vordergrund: „Kommst du endlich runter, Sansibar. Ich warte schon eine halbe Ewigkeit vor eurem Haus.“

„Hallo, Marella, bin sofort unten.“

Sansibar öffnete die Wohnungstür und trat hinaus in den schneeweißen Hausgang. Er roch frisch geputzt, nach Kaugummi. Sansibar dachte an früher. Mama hatte das gleiche Putzmittel verwendet. Ich liebe Kaugummiduft, tippte sie auf ihren Bildschirm. Ein paar Freunde schickten Bilder mit nach oben gereckten Daumen.

Sansibar fuhr in der gläsernen Aufzugskapsel nach unten. Die Türen zischten auf und direkt davor wartete Marella mit ihrem nagelneuen Scooter. Er schwebte eine Handbreit über dem Boden. Sanft wie auf Wellen schaukelte er in der Luft. Der Rahmen glänzte milchkaffeefarben. Darum rankten sich hellblaue Blumenmuster. Sie leuchteten. Lässig, als würde sie schon jahrelang Scooter fahren, hielt Marella den weit nach oben geschwungenen Lenker. An den Griffen hingen hellblau blinkende Fransen.

Marella grinste glücklich. Sie hatte den Scooter von ihren Eltern zum Kristallfest bekommen.

Aber noch viel wichtiger war das funkelnagelneue Lackstirnband mit dem klaren Kristall. Er saß vorne, ganz in der Mitte. Jeder erhielt so einen zum Kristallfest. Marella hatte die Prüfung erfolgreich bestanden. Jetzt war sie Mitglied der Gesellschaft. Sie war Teil von RUHL. Noch glänzte der Kristall farblos. Er war durchsichtig wie Fensterglas. Sansibar wusste, dass er seine Farbe ändern würde, wenn Marella der Gesellschaft half. Aber es würde Monate dauern, bis er ein erstes zartes Gelb annehmen würde. Und bis zum Ende der Schulzeit verfärbte sich der Kristall bei den meisten nur in ein kräftiges Zitronengelb. Kaum jemand erreichte ein Dottergelb oder gar Orange. Orange war die nächste Stufe. Manche Erwachsene kamen Zeit ihres Lebens nicht über ein Zitronengelb hinaus. Die vertrockneten Zitronen, wie sie genannt wurden, hatten kaum etwas für die Gesellschaft geleistet. Sie wären auch mit einem Granit gut bedient gewesen. Hinten auf dem Stirnband saß der Protrektor, das technische Herz. Er schickte die freien Gedanken an RUHL.

Bewundernd ging Sansibar um den Scooter: „Der ist echt cool“, sagte sie und pfiff durch die Zähne. „Zu meinem Kristallfest wünsche ich mir auch einen Scooter.“

„Das ist ein Aeroflair 125“, hauchte Marella. Sie strahlte. „Das neue Modell mit Pentussekantrieb.“

„Der fliegt bestimmt wahnsinnig schnell.“

Marella nickte. „Eigentlich schon. Aber meine Eltern haben das Sicherheitspaket installieren lassen. Zu meinem sechzehnten Geburtstag wird es deaktiviert. Das haben sie versprochen.“

Vorsichtig strich Sansibar über das hellblaue Blumenmuster. Der Lack fühlte sich glatt an.

„Nun steig endlich auf“, drängelte Marella. „Du wirst sehen, er fliegt fantastisch.“

Sansibar schwang sich hinter ihrer Freundin auf die Sitzbank. Der Scooter federte weich. Marella startete den surrenden Motor und beschleunigte sanft. Sie lehnte sich in die Kurve und zog auf die Scooterspur. Als wäre Marella schon immer Scooter geflogen, schwebten sie zwischen all den anderen. Lässig nahm Marella eine Hand vom Lenker.

Der Fahrtwind ließ die Hitze des Tages vergessen. Sansibar lehnte sich zur Seite, an Marella vorbei, um mehr von der herrlichen Luft einzuatmen. Sie träumte davon, endlich fünfzehn zu werden, und konnte ihre eigene Kristallfeier gar nicht mehr erwarten. Papa hatte schon angedeutet, dass sie vielleicht auch einen Scooter bekäme. Sicher keinen Aeroflair, aber selbst ein alter Scooter mit Bersolantrieb wäre fantastisch.

Sansibar schaltete die Kamera ihres TwaddleBands ein. Riesige Häuser, deren Spitzen viel zu hoch waren, um auf das Bild zu passen, sausten vorbei. Sansibar richtete die Kamera auf Marella. Ihre Freundin lachte, als gehöre ihr die ganze Welt.

„Das nächste Mal nehmt ihr mich aber auch mit“, meldete sich Hannah. Viele Freundinnen schickten Nachrichten auf Sansibars TwaddleBand. Manche ihrer besten Freundinnen kannte Sansibar nur über den Bildschirm, hatte sie noch nie getroffen.

Marella parkte den Scooter vor dem Lunapark neben all den anderen. Aber nur wenige Scooter sahen so cool aus wie der Aeroflair.

Im Lunapark schossen Achterbahnen durch die Luft wie sich windende Drachen. Sie schienen ständig zusammenzustoßen und wichen dann doch in letzter Sekunde aus. Dabei spien sie Lichtflammen und drehten sich vorwärts und rückwärts oder rollten zur Seite. Sansibar liebte den Höllenritt durch die Luft. Von alten Bildern wusste sie, wie der Lunapark früher ausgesehen hatte. Schwerfällig und schrecklich langsam waren die Achterbahnen damals gefahren. An starre Stahlgestelle gebunden, konnten sie ihren Kurs nicht verlassen, jedes Mal dieselbe Fahrt. Musste das langweilig gewesen sein.

Der Eingang führte durch einen riesigen, orangefarbenen Feuermond. Mitarbeiter in lila Uniformen begrüßten alle Gäste einzeln. Ein Junge, nicht älter als 16, seine roten Haare quollen unter der lila Schirmmütze hervor, eilte auf die beiden zu. Auf seiner Stirn leuchtete ein blassgelber Kristall. Der Junge lächelte Marella an: „Einen wunderschönen guten Abend, Marella. Wir freuen uns, dass du den Lunapark besuchst. Ganz besonders möchte ich dir heute den Golden Surfer empfehlen. Er wird dir gefallen.“

„Woher kennst du den?“, fragte Sansibar ein bisschen neidisch, denn ihren Namen wusste der Junge nicht.

Marella tippte auf ihren wasserklaren Kristall. „Damit bin ich immer eingeloggt: Sie wissen, wer ich bin und welche Fahrgeschäfte besonders gut zu mir passen.“

„Cool“, nickte Sansibar.

„Heute Mittag hat mir der Kristall auch schon geholfen“, erzählte Marella begeistert. „Ich hatte meine Einkaufsliste zu Hause vergessen, aber der Kristall wusste genau, was ich kaufen musste. Und meine ersten zwanzig Punkte habe ich von RUHL auch schon bekommen. Das ist nicht schwierig. Du merkst nicht einmal, wenn deine Gedanken für die Gemeinschaft arbeiten.“

Der Junge mit den roten Haaren drückte Sansibar ein Formular in die Hand. „Du hast leider noch keinen Kristall. Du musst bitte das Formular ausfüllen.“

Sansibar trug alle Daten ein. Was die alles wissen wollten, und trotzdem konnte ihr der Rothaarige nicht ein einziges Fahrgeschäft empfehlen, das zu ihr passte. „Du findest sicher etwas“, sagte er knapp. Dann verschwand er hinter einem Tresen aus Mondstein. Mit einer großen Tüte kam er zurück. Sie war mit blauen Klumpen gefüllt. Lächelnd ging er auf Marella zu, hatte nicht einen einzigen Blick für Sansibar übrig.

„Bitte sehr, Marella, dein Lieblingspopcorn, pflaumenblau, doppelt gezuckert und Mandelgeschmack. Mit besten Empfehlungen vom Lunapark.“

Marella lächelte ihre Freundin an und sagte: „So ist das, wenn man zur Gesellschaft gehört. Man gibt und bekommt von RUHL.“

Sansibar platzte fast vor Neid. Pflaumenmandelpopcorn, einfach so, geschenkt. Nächste Woche würde auch ihr Unterricht für die Kristallprüfung beginnen. Sie konnte es gar nicht erwarten. Endlich. RUHL ist cool, tippte sie in ihren Bildschirm am Handgelenk. Lauter nach oben gereckte Daumen blinkten auf.

Sansibar drückte dem Jungen das ausgefüllte Formular in die Hand. Es dauerte, bis er alles registriert hatte, aber dann durften sie endlich in das Vergnügen eintauchen.

Marellas pflaumenblaues Popcorn schmeckte fantastisch. Das nächste Mal würde Sansibar die gleiche Mischung bestellen.

„Als Erstes gehen wir zum Weltraumschwein. Dann fahren wir den Golden Surfer“, schwärmte Marella. Sansibar nickte. Trauben von Menschen schoben sich durch den Park. Die meisten waren furchtbar aufgeregt, hatten rote Gesichter und plapperten, ohne Luft zu holen. Sansibar starrte dem dicken Paar in den aufblasbaren Anzügen nach und dort drüben den Jugendlichen, die sich an Lianen durch den kleinen Dschungel schwangen. Nur mit einer Hand hielten sie sich fest. Sicher wie Gibbons sprangen sie von Ast zu Ast. Erst jetzt bemerkte Sansibar, dass nicht die Jugendlichen nach den Lianen griffen, sondern sich die Lianen um deren Arme wickelten und sie dann durch den Wald schwangen, bis die nächste Liane übernahm.

„Zu den Schlinglianen gehen wir später“, drängelte Marella und zerrte an Sansibars Arm, als wäre er eine Liane. Sie schob Sansibar in die kleine Gasse neben dem Dschungel. Vor einer Hütte, die wie ein Schweinestall aussah, wartete eine lange Schlange. Ein Misthaufen türmte sich neben dem Eingang auf. Wenigstens stank er nicht. Überall grunzte und quiekte es.

Endlich waren sie an der Reihe. Sansibar bekam ein lilafarbenes Weltraumschwein mit Zottelfell und Astronautenhelm. Sie kletterte auf den hellblauen Sattel. Das Schwein fühlte sich wie ein lebendes Tier an, warm und weich, aber Sansibar wusste, es war nur eine Maschine, obwohl sogar ein Floh über das Fell hüpfte.

Ein Mitarbeiter vom Lunapark, gekleidet wie ein Schweinehirte, streifte Sansibar ein Geschirr aus Gurten über und hakte das Geschirr am Sattel ein. Dann wünschte er: „Wilde Fahrt“ und klatschte mit einer Rute auf das Hinterteil des Schweins.

Das lila Zottelschwein schoss wie eine Rakete aus dem Stall. Es stieg senkrecht in die Luft und kreiste dabei um die eigene Achse. Dann machte es Bocksprünge in schwindelerregender Höhe.

Sansibar kreischte und schrie. Sie krallte sich am Zottelfell fest. Ihr Herz raste. Sie hatte schreckliche Angst abzustürzen. Im nächsten Augenblick raste Marella vorbei, so dicht, dass sie Sansibar fast heruntergerissen hätte. Marella streckte ihre Arme weit von sich und jauchzte. Auf einmal stürzte Sansibars Schwein in die Tiefe. Es trudelte, überschlug sich, drehte sich wie ein Propeller. Sansibar verlor den Halt, ihre Finger rutschten ab. Sie schrie. Für einen Moment glaubte sie zu fallen. Doch mit einem Ruck hing sie in den Gurten, die sie sicher hielten. Der Ritt war der absolute Wahnsinn. Nach viel zu kurzer Zeit landete das Zottelschwein auch schon sanft im Schweinestall. Sansibars Gesicht glühte wie Lava. Sie sprudelte schier über. „Ich liebe das Weltraumschwein“, tippte Sansibar in ihren Bildschirm am Handgelenk.

„Ganz schön mutig“, meldete sich ihr Papa.

„Komm schon, lass uns jetzt zum Golden Surfer gehen, der ist noch viel besser“, drängelte Marella.

Die beiden Mädchen drückten und schoben sich durch die Menge, ans andere Ende des Parks, dort, wo ein gleißend weißer Berg den ganzen Lunapark überragte. Ein dreidimensionaler Hologramm-Schriftzug schwebte funkelnd darüber: Golden Surfer.

Hunderte von Menschen warteten davor. Vier Sipos standen neben dem Eingang.

„Was machen die hier?“, fragte Sansibar. Obwohl Sansibar nichts ausgefressen hatte, meldete sich ihr schlechtes Gewissen beim Anblick der Sicherheitspolizisten. Dabei waren Sipos ausgesprochen höflich. Sie waren im freundlichen Umgang mit den Bürgern geschult. Immer lag ein Lächeln auf ihren Lippen und meistens hatten sie Zeit für einen lockeren Spruch. Wenn man Probleme hatte, halfen sie gerne. Sipos trugen keine militärischen Uniformen mit Schulterklappen, Schirmmütze und Pistolengurt, sondern einen sympathisch blauen Trainingsanzug mit Zickzackmuster an den Seiten, dazu eine blau verspiegelte Brille. Ihre Kristalle saßen auf Frottee-Stirnbändern. Keiner der vier war über ein Orange hinausgekommen.

„Zum Glück sind die Sipos da“, ereiferte sich Marella und nickte wie zur Bestätigung. „Sie sorgen für unsere Sicherheit. Wenn sie nicht hier wären, würden meine Eltern mich niemals alleine in den Lunapark gehen lassen.“

Natürlich hatte Marella recht, aber irgendwie waren Sansibar die Sipos unheimlich. Sansibar mochte sie nicht. Sie wollte ihnen nicht zu nahe kommen. Wenn sie in der Stadt welche sah, wechselte sie immer die Straßenseite. Aber jetzt musste sie ganz dicht an ihnen vorbeigehen. Sansibar dachte an Mama. Wieder tauchte ihr Bild mit dem orangefarbenen T-Shirt auf.

„Lass uns ein Eis in der Surferbar essen. Wenn wir mehr als 30 Euro ausgeben, dürfen wir den V.I.P.-Eingang zum Golden Surfer nehmen. Das geht viel schneller“, schlug Marella vor.

4 EIN ALTER BEKANNTER?

Jemand tippte auf Sansibars Schulter. Sansibar drehte sich um. Sie blickte in die tintenblauen Augen eines schlanken Jungen, der bei genauerem Hinsehen eigentlich dünn war. Er war bestimmt nicht viel älter als Sansibar und kaum größer. Aber zumindest mit seinen strubbeligen schwarzen Haaren überragte er Sansibar. Eine Strähne stand seitlich ab wie ein Kleiderhaken. Das sah so merkwürdig aus, dass Sansibar sie am liebsten gerade gebogen hätte.

Der Junge bewegte unablässig seine Hände, schien sie nicht stillhalten zu können. Dabei tippte er von einem Fuß auf den anderen, als müsste er dringend auf die Toilette.

Eigentlich war der Junge überhaupt nicht Sansibars Typ, wären da nicht diese tintenblauen Augen gewesen.

Der Junge versuchte zu lächeln. Er sah nicht glücklich aus, war ganz außer Atem. Jetzt strich er mit den Händen sein T-Shirt glatt, als wollte er sie abtrocknen.

„Hallo, Schlitzohr. Kennst du mich noch? Ich bin Luan“, stammelte er.

Sansibar hatte immer noch rote Backen vom Ritt auf dem Weltraumschwein. Zum Glück, sonst hätte sie spätestens jetzt welche bekommen. Sansibar griff nach ihrem linken Ohr. Sie zog die Haare darüber. Schlitzohr, so hatte sie schon lange niemand mehr genannt.

„Nein, ich heiße Sansibar“, sagte sie. Ihr Blick klebte an seinen Augen. Sie konnte sich nicht erinnern, ihn jemals gesehen zu haben.

Der Junge fuhr sich mit einer Hand nervös durch die Haare. An seinem Handgelenk schimmerte ein türkisblauer Bildschirm. Der Junge trug ein ceeBand. Dabei war er höchstens vierzehn oder fünfzehn. Er hatte schließlich noch keinen Kristall. Seine Eltern mussten reich sein. In Sansibars Klasse hatte nur einer ein ceeBand und dessen Eltern schwammen so in Geld, dass sie sogar ein eigenes Schwimmbad in der Wohnung hatten.

„Wir kennen uns“, beharrte Luan. „Weißt du nicht mehr? Damals vor vielen Jahren bei den Häppy Kidz. Du warst nur ein paar Monate dort.“

Sansibar schüttelte den Kopf. „Häppy Kidz? Nie gehört. Was ist das?“

Luan trug uralte Turnschuhe. Sie sahen abgelaufen aus und wollten so gar nicht zu seinem ceeBand passen. Obwohl, vielleicht waren die Schuhe teure Sammlerstücke. Ja genau, ein ganz seltenes Modell.

„Sansibar, komm schon!“, rief Marella, die vorausgegangen war.

„Einen Moment.“

Luans Tintenaugen zuckten nach links und rechts, als hätte er Angst. Er fuhr sich schon wieder durch die Haare. Dann hielt er die Hand vor den Mund und flüsterte: „Kannst du mir Geld leihen. Ich habe meine Geldkarte verloren. Ich muss nach Hause fahren.“

„Geld?“, wiederholte Sansibar laut. Sie hatte mit allem Möglichen gerechnet, aber nicht, dass der Junge mit dem ceeBand sie anpumpen würde. Und das sah man ihr wohl an.

„Entschuldigung“, murmelte Luan und drehte sich um. Im nächsten Augenblick wäre er in der Menge verschwunden, wenn er nicht gegen Marella gestoßen wäre.

„Was machst du denn?“, fragte Marella vorwurfsvoll und sah abwechselnd zu Sansibar und Luan. „Kennt ihr euch?“

Sansibar schüttelte den Kopf und sagte: „Das ist Luan.“

„Tag“, nickte der Junge in dem schwarzen T-Shirt. Unentschlossen blieb er einen Moment stehen. Seine Augen scannten die Umgebung.

„Luan hat seine Geldkarte verloren. Er braucht Geld“, rief Sansibar.

Luan zuckte zusammen.

„Das kann doch jedem passieren, das muss dir nicht peinlich sein“, sagte Marella. Sansibar merkte, wie ihre Freundin mit großen Augen auf Luans ceeBand starrte. Marella hatte eine Vorliebe für reiche Leute. Sansibar wusste, dass Marella am liebsten zu ihnen gehören würde und ihre Nähe suchte.

„Jetzt gehen wir erst einmal ein Eis in der Surferbar essen. Ich lade euch ein“, schlug Marella großzügig vor.

Die vier Sipos, die gerade noch den Eingang zum Golden Surfer bewacht hatten, schoben sich nun durch die Menge. Ihre verspiegelten Brillen blitzten zwischen den Besuchern auf. Sansibars Magen verkrampfte, als die vier näher kamen.

„Gute Idee, lasst uns Eis essen gehen“, sagte sie und drängte Marella und Luan hastig zur Surferbar. Sie wollte den Sipos nicht begegnen. Wie ein Fisch glitt Luan neben ihr durch die Menge.

Sansibar atmete auf, als sie die Surferbar betraten. Eine junge Frau im goldenen Overall führte die drei zu einem Tisch direkt am Fenster. Sie hatten eine wunderbare Aussicht auf den schneebedeckten Berg: Auf goldenen Snowboards surften die Leute durch den Pulverschnee. Dabei veränderte der Berg unaufhörlich seine Form. Wo gerade eine abschüssige Piste in die Tiefe stürzte, ragte im nächsten Moment eine Steilwand in den Himmel. Snowboarder schossen in die Luft und wurden von weichem Pulverschnee aufgefangen. Ein anderer Hang drehte sich im Kreis. Und dort bewegte sich die Piste wie eine Wippe. Das sah irre aus. Sansibar wollte auch den Golden Surfer fahren. Sie konnte es kaum erwarten.

Marella bestellte Sesameis mit Goldsplittern, für alle. Das Sesameis veränderte seine Form und die Goldsplitter surften über das Eis. Sansibar jagte einen Goldsplitter mit dem Löffel. Er war so zart, dass er im Mund schmolz und hatte diesen herrlichen Geschmack. Noch nie hatte Sansibar ein besseres Sesameis gegessen.

Luan kratzte nur eine winzige Löffelspitze von seinem Eis. Kein Wunder, dass er nichts auf den Rippen hat, dachte Sansibar. Anstatt sein Eis zu essen, starrte Luan durch das Fenster. „Cool, wie die das hinbekommen haben“, murmelte er. „Die Computersteuerung für den Berg muss der Wahnsinn sein.“

„Lasst es uns ausprobieren. Wir gehen auch eine Runde surfen“, schlug Marella vor.

Sansibar bemühte sich, gleichgültig zu klingen, und fragte: „Kommst du mit, Luan?“

Luan schüttelte den Kopf: „Hab doch mein Geld verloren.“

„Kann ich dir leihen“, sagte Sansibar eine Spur zu schnell und schoss eine Frage hinterher, die sie brennend interessierte: „Wie alt bist du eigentlich?“

„Fünfzehn“, nuschelte Luan. Dabei blickte er immer noch wie gebannt auf den Berg. Das Eis auf seinem Löffel war längst geschmolzen.

„Ich werde auch bald fünfzehn“, sagte Sansibar. „Nächste Woche beginnt mein Kristallunterricht. Wann hast du deine Kristallprüfung?“

Sansibar gefielen Luans tintenblaue Augen. Irgendwie sah Luan süß aus.

„Nein, hab keinen Kristallunterricht“, sagte Luan wie nebenbei und deutete mit seinem Löffel nach draußen: „Schaut euch den an!“

Sansibar sah einen Snowboarder, der mit einem doppelten Salto über eine Schanze flog, dann vor einer Steilwand lässig abschwang, sich abdrückte und über die Schlucht sprang. Jetzt raste er eine wilde Buckelpiste hinunter. Der weiße Berg schien den Surfer zu jagen, aber der Surfer war immer ein wenig schneller.

Ein älterer Snowboarder in einem grauen Skianzug glitt gemächlich ins Tal und der Berg breitete sich wie eine gemütliche Wiese vor ihm aus. Für ihn brach der Berg nicht in Steilwände ab und auch keine Felsen stellen sich ihm in den Weg.

„Die Programmierung des Bergs ist wirklich genial“, begeisterte sich Luan. „Der Berg stellt sich auf jeden einzelnen Surfer ein. Alle Surfer werden bis an die Grenzen ihres Könnens gefordert, aber für niemanden wird es wirklich gefährlich.“

Sansibar wunderte sich, woher Luan so viel über Computer wusste.

„Wieso gehst du nicht in den Kristallunterricht, wenn du schon 15 bist?“, fragte Marella spitz. Sansibar kannte den Unterton ihrer Freundin. Das war keine gewöhnliche Frage.

Luan zuckte mit den Schultern. Seine Haare rutschten ihm vor die Augen.

„Ohne Unterricht kannst du die Kristallprüfung nicht ablegen. Und ohne Kristallfeier wirst du nie zur Gesellschaft gehören. Du wirst kein Teil von RUHL werden, sondern bleibst ein verantwortungsloser Schmarotzer“, schimpfte Marella.

Sansibar fand, dass ihre Freundin wirklich übertrieb. Das ging sie doch gar nichts an. Luan konnte das machen, wie er wollte.

„RUHL brauche ich nicht“, sagte Luan und sah dabei wütend aus. Mit dem Eislöffel schlug er immer wieder auf seine Handfläche.

„Pass auf, was du sagst“, zischte Marella. „Deine Eltern haben genug Geld, dir ein ceeBand zu kaufen, aber keinen Anstand, anderen zu helfen. Sonst würden sie dich in den Kristallunterricht schicken.“

„Ach das“, sagte Luan und fuhr über den Bildschirm an seinem Handgelenk. Blubbernde Blasen folgten seinem Finger auf dem biegsamen Glas. „Das ist kein richtiges ceeBand. Das habe ich mir selbst gebaut.“

„Du lügst doch“, schnauzte Marella.

„Und ob meine Eltern Anstand haben, das weiß ich nicht. Ich kenne sie nicht einmal“, sagte Luan und stand auf.

Sansibar musste an ihre Mutter denken, die vor zehn Jahren gegangen war. Wieder tauchte das orangefarbene T-Shirt mit der lila Blume auf. Aber das Gesicht ihrer Mutter verschwamm in den Erinnerungen. Sie versuchte es festzuhalten, aber wenn sie sich Mamas Augen vorstellte, lösten sich Nase und Mund auf.

„Danke für das Eis. Ich gehe jetzt wohl besser“, sagte Luan.

„Warte“, rief Sansibar. Sie wollte nicht, dass Luan ging. Sie wollte mehr über ihn wissen. Bei wem lebte Luan? Vielleicht bei den Großeltern, aber dann müsste er doch etwas über seine Eltern wissen. „Du brauchst doch Geld. Ich kann dir etwas leihen, wenn du es mir zurückzahlst.“

„Ich habe meine Schulden immer zurückgezahlt. Immer! Verstehst du? Jeden Cent“, sagte Luan und klang plötzlich furchtbar aufgeregt.

„Ist schon gut. Ich vertraue dir“, beschwichtigte Sansibar und zog ihre Geldkarte aus der Jackentasche. „Du kannst 30 Euro haben.“

„Danke“, sagte Luan und nahm Sansibars Karte. Seine Finger zitterten, als er die Karte in sein ceeBand schob. Drei Zehn-Euro-Scheine wischte er über den Bildschirm und lud sie auf sein ceeBand.

Er riss die Karte wieder aus seinem Computer und drückte sie Sansibar in die Hand. „Danke“, murmelte er und blitzte Sansibar mit seinen tintenblauen Augen an.

Und wieder starrte Sansibar ihn einen Augenblick zu lange an. „Komm doch mit zum Golden Surfer“, schlug sie vor. Jetzt glühte ihr Gesicht vor Aufregung, nicht mehr wegen des Weltraumschweins.

„Du siehst doch, dass er nicht will“, zischte Marella und zog Sansibar am Ärmel.

Luan schüttelte den Kopf und seine Arme hielt er ganz starr. Irgendwie traurig sah er aus.

In diesem Moment betraten zwei Sipos die Surferbar. Sansibar sah die blauen Trainingsanzüge aus den Augenwinkeln. Die beiden gingen von Tisch zu Tisch und redeten mit den Gästen. Was wollten die hier? Wieder kroch dieses Unbehagen in Sansibar hoch. Dabei hatte sie gar keinen Grund.

„Mir dauert das zu lange. Ich möchte jetzt surfen gehen“, erklärte Sansibar und wandte sich zum V.I.P.-Eingang des Golden Surfers auf der anderen Seite. Sie wollte nur weg von den Sipos. Sie hasste dieses Gefühl von Furcht, aber sie konnte nichts dagegen unternehmen.

„Na gut, meinetwegen, dann komme ich eben doch mit“, änderte Luan seine Meinung und hatte es plötzlich sehr eilig. Marella folgte grummelnd.

Direkt hinter dem V.I.P.-Eingang wartete eine gläserne Gondel auf die drei. Ein Mitarbeiter in einem goldenen Skianzug hielt die Gondeltür auf und reichte ihnen drei goldene Snowboards und Helme. „Ich muss euch auf die Helmpflicht hinweisen. Es dient eurer eigenen Sicherheit“, sagte er und verbeugte sich. Sansibar, Marella und Luan kletterten in die Gondel. Mit einem Ruck fuhr sie an. Und schon schwebten sie über der Piste. Der weiße Berg unter ihnen pulsierte, zog sich zusammen und dehnte sich im nächsten Moment wieder. Bergzacken stülpten sich aus und zerrissen dann in atemberaubende Schluchten. Dazwischen schwangen sich all die Snowboarder auf ihren goldenen Boards ins Tal. Nicht ein Einziger stürzte, der Berg kümmerte sich um seine Gäste.

Marella machte immer noch ein säuerliches Gesicht und sah ins Tal. Auf der Bank gegenüber saßen Sansibar und Luan. Sansibar fand den weißen Gipfel atemberaubend schön.

„Zeigst du mir dein ceeBand?“, fragte Marella und sah Luan fordernd an.

„Ich habe doch gesagt, das ist kein ceeBand. Das hab ich mir selbst gebaut. Das kann viel mehr“, gab Luan zurück. Dann wischte er über den Bildschirm, rief ein paar Programme auf, hackte Passwörter ein und plötzlich tauchte auf dem Bildschirm der pulsierende Berg auf. Das Bild zeigte jede noch so kleine Erhebung, die sich im Sekundentakt veränderte. In roten Ziffern flimmerten millimetergenau die Höhenangaben über den Bildschirm und die Bewegungen des Berges in Zehntelsekunden.

„Da“, sagte er stolz und wischte sich die Haare aus dem Gesicht. Sansibar sah für einen Moment Luans verkrustete Platzwunde. „Das sind die Originaldaten vom Golden Surfer-Computer“, fuhr Luan fort. „Mit einem normalen ceeBand kannst du die niemals abrufen.“

„Angeber“, murmelte Marella und sah aus dem Fenster. Die Gondel ruckelte über eine Stütze. Sie näherten sich der Gipfelstation.

Plötzlich begann Marella zu winken.

„Was soll das? Warum winkst du?“, fragte Sansibar.

„In der Gondel hinter uns fahren unsere Beschützer. Die wird man wohl noch grüßen dürfen“, erklärte Marella.

Sansibar und Luan drehten sich um.

In der Gondel saßen vier Sipos. Ihre Brillen blitzten auf. Luan wurde plötzlich ganz bleich. Er rutschte auf seiner Bank zusammen, zupfte seine Haare vor die Augen.

„Ein Glück, dass die Sipos für unsere Sicherheit sorgen“, trumpfte Marella auf. „RUHL ist cool.“ Stolz lächelte Marella und murmelte: „Das ist so einfach. Wenn man nicht alle Gedanken braucht, stellt man sie RUHL zur Verfügung und RUHL setzt sie zum Wohl der Gesellschaft ein. Das nimmt dir nichts, aber du gibst für die Allgemeinheit. Ich verstehe nicht, wie man sich gegen RUHL stellen kann.“ Mitleidig sah sie Luan an.

„Luan wird schon seine Gründe haben“, ereiferte sich Sansibar. Natürlich war RUHL die tollste Erfindung der Menschheit, aber es blieb immer noch jedem selbst überlassen, ob er mit seinen Gedanken der Gesellschaft half. Sansibar wusste auch nicht, warum sie Luan verteidigte. Sie kannte ihn doch gar nicht. Aber irgendwie mochte sie ihn.

Luan sagte kein Wort mehr. Käsebleich hockte er neben Sansibar. Er starrte auf sein ceeBand und tippte mit unglaublicher Geschwindigkeit. Dann studierte er all die Ziffern und Zeichen, die über seinen Bildschirm liefen. Sansibar verstand nicht, was sie bedeuteten. Sie stülpte ihren Helm über und sagte betont fröhlich: „Wenn wir oben sind, fahren wir gleich los. Ich möchte keine Sekunde verplempern. Ich will meine Zeit im Golden Surfer auskosten.“ Natürlich wollte sie den Golden Surfer genießen, aber viel wichtiger war ihr, nicht den Sipos zu begegnen.

Marella nickte und setzte ihren Helm auf. „Du siehst ein bisschen wie eine Weihnachtskugel aus“, kicherte Sansibar.

„Glaub nur nicht, dass du besser aussiehst“, gab Marella zurück.

Luan zögerte. „Ich muss auf die Toilette. Ich komme nach. Ich hole euch ein. Ganz bestimmt.“

„Alles klar“, stimmte Sansibar zu.

Marella putzte mit dem Ärmel über den Kristall.

„Gibt das viele Punkte?“, fragte Sansibar. „Ich meine deine Gedanken für RUHL.“

Marella lächelte vergnügt in sich hinein: „Das hängt davon ab, wie gut meine Gedanken sind. Wenn ich mich bemühe, sagt mein Kristallkunde-Lehrer, ist ein zartes Gelb schon im ersten Jahr möglich, natürlich nur für die Besten.“

Die gläserne Gondel rumpelte in die Bergstation. Ehe sich die Tür ganz aufgeschoben hatte, quetschte sich Luan durch die Öffnung und rannte, als ginge es um sein Leben.

„Bis gleich“, rief Sansibar ihm nach.

„Vielleicht hat er die Goldsplitter nicht vertragen“, lästerte Marella.

„Quatsch nicht und komm endlich.“ Sansibar zerrte Marella aus der Gondel. Sie wollte loslaufen. Da stieß sie gegen einen älteren Mann. Die wenigen grauen Haare trug er sorgfältig über den Kopf gekämmt. „Hausmeister“ stand auf seiner grauen Uniformjacke.

„Entschuldigung“, murmelte Sansibar.

„Macht nichts, macht nichts“, lächelte der Hausmeister. „Dort drüben geht es zur Piste.“

Sansibar zog Marella weiter. Endlich standen sie auf der strahlend weißen Piste. Hier oben war der Berg noch ruhig. Er ließ den Gästen Zeit, das Board anzuschnallen. Aber schon der erste Hang warf wilde Wellen.

„Weißt du“, sagte Marella und verriegelte den Magnetverschluss ihrer Schuhe, „irgendetwas stimmt mit Luan nicht.“

„So ein Quatsch“, verteidigte Sansibar Luan schon wieder.

„Wenn du mich fragst, hat er das ceeBand gestohlen. Hat kein Geld, armselige Klamotten, aber der junge Herr trägt ein ceeBand und behauptet auch noch, dass er es selbst gebaut hat. Niemals. Das ist gelogen“, sagte Marella.

„Kann doch sein, dass er das Teil selbst gebastelt hat. Ich mag ihn“, sagte Sansibar. Sie stand abfahrbereit auf ihrem Board.

„War ja nicht zu übersehen, dass du ihn toll findest“, lästerte Marella. „Wir werden gleich wissen, ob er uns die Wahrheit erzählt hat.“

„Wieso?“, wollte Sanisbar wissen.

„Ich habe die Sipos über meinen Kristall verständigt. Die werden ihn überprüfen“, sagte Marella schnippisch und stemmte die Arme in die Hüften.

„Du hast was? Du hast die Sipos geholt? Du hast Luan verraten?“ Sansibar blieb die Luft schier weg.

„Nicht verraten. Wenn er nichts verbrochen hat, wird ihm auch nichts geschehen. Sie werden ihn nur kontrollieren. Oder willst du in einer Gesellschaft mit Verbrechern leben, nur weil du den Jungen süß findest? Wo kämen wir da hin, wenn Diebstahl erlaubt wäre? Immerhin hat mir diese Meldung 500 Punkte eingebracht. Wenn er wirklich etwas gestohlen hat, haben sie mir weitere 3000 Punkte in Aussicht gestellt. Ehrlich gesagt hoffe ich, dass er ein Dieb ist“, sagte Marella.

Sansibar drehte sich um: „Du bist gemein.“ Sie schwang sich auf die Piste. Der weiße Boden fühlte sich genauso weich an wie ihre Knie. Langsam eierte sie quer über den Hang. Der Berg türmte weder Felsen vor ihr auf, noch brach er in Schluchten ab. Ruhig rollte er sich vor ihr aus.

Da sah Sansibar auf der anderen Seite der Bergstation einen Jungen auf die Piste springen. Er trug ein schwarzes T-Shirt mit ceeBand-Werbung: Luan! Er stürzte sich einen fast senkrechten Hang hinunter, flog über weiße Klippen. Er riss seinen Arm hoch, versuchte in sein ceeBand zu tippen.

In diesem Moment stürmten vier Sipos auf die Piste. Sie rasten Luan hinterher. Sie fuhren schneller. Meter um Meter holten sie auf, kamen näher, immer näher.

Marella stoppte in einem lässigen Schwung neben Sansibar: „Scheint wohl doch etwas ausgefressen zu haben, dein Luan.“

„Das ist nicht mein Luan“, fauchte Sansibar.

Luan verschwand hinter einem Abhang. Seine Verfolger hetzten ihm nach.

5 ABFAHRT

Luan quetschte sich aus der gläsernen Gondel. Er hastete an einem Mann in grauer Jacke vorbei. „Entschuldigung“, murmelte Luan, als er ihn mit dem Board rammte. Dort hinten waren die Toiletten. Luan riss die Tür auf und zog sie blitzschnell hinter sich zu. Sein Herz raste. Er hielt die Luft an. Luan hörte Schritte trampeln. Sipos? Mit einem Satz war er am Fenster. Luan zerrte es auf. Er flankte über das Fensterbrett. Im Sprung hielt er das Board unter seine Schuhe und ließ die Magnetverschlüsse zuschnappen. Der künstliche Schnee begann sofort zu pulsieren und neigte sich steiler. Luan drückte sich ab. Er hörte noch das Krachen der Toilettentür.

In geduckter Haltung nahm Luan Fahrt auf. Auf der anderen Seite des Hangs standen die beiden Mädchen, diese blöden Kühe. In seiner Sandkastenfreundin hatte er sich gründlich getäuscht. Sie leugnete sogar, ihn zu kennen.

Jetzt streckte Sansibar ihren Arm aus. Sie zeigte auf etwas hinter Luan. Luan drehte sich um.

Verdammt, die Sipos waren ihm auf den Fersen. Alle vier standen schon auf ihren Boards. Der Berg ließ ihnen freie Bahn.

Vor Luan brach der Berg in einen Steilhang ab. Luan schwang über die Kante hinunter, raste direkt ins Tal. Nur Geschwindigkeit zählte. Je schneller er fuhr, umso steiler neigte sich der Berg. Luan wagte einen Blick zurück. Für einen Moment hatte er seine Verfolger abgeschüttelt. Doch schon tauchten die Sipos über die Kante in den Steilhang ein. Sie machten Zentimeter um Zentimeter gut. Sie waren einfach schneller. Luan wusste, er würde den Vorsprung nicht bis unten durchhalten. Sie würden ihn erwischen.

Luan strich in rasender Fahrt über sein ceeBand, wechselte das Programm. Er hatte sich wieder in den Computer des Golden Surfers eingeloggt. Er sah den pulsierenden Berg auf dem Bildschirm, jeden Millimeter, jede Zehntelsekunde. Wenn er die Daten des Bergs nur verändern könnte. Hektisch startete er seinen Passwortscanner. Ohne das richtige Passwort hatte er keine Chance, auch nur eine einzige Schneeflocke zu beeinflussen.

Der Steilhang bog sich jetzt zu einer Buckelpiste. Die Buckel pumpten im Rhythmus seines Herzschlags. Dort, wo gerade ein zwei Meter hoher Buckel herausragte, gähnte nun ein tiefer Trichter. In scharfen Schwüngen riss Luan sein Board um die Trichter und Buckel.

Die Sipos blieben ihm auf den Fersen. Er konnte sie nicht abschütteln. Sie kamen immer näher. Die Sipos zogen engere Kurven um die Hindernisse, schienen nicht an Geschwindigkeit zu verlieren. Dabei lächelten sie so höflich, als würden sie einer alten Frau über die Straße helfen.

Nervös blinzelte Luan auf sein ceeBand. Der Passwortscanner raste durch die Möglichkeiten. Vor Luan stülpte sich mit einem Ploppen der nächste Buckel aus. Eine Schneefontäne spritzte in die Luft. Luan riss sein Board nach rechts. Der Schnee wurde härter. Er knirschte unter den Kanten. Und wieder knirschte es. Diesmal war es nicht sein Board. Luan warf einen Blick über die Schulter. Ein Sipo lächelte ihm zu, keine fünf Boardlängen entfernt. Er streckte seine Hand aus, bereit, Luan zu packen.

Luan fuhr einfach zu langsam. Vor ihm lag ein großer Trichter. Er hielt darauf zu, wich keinen Millimeter aus. Und dann raste er direkt in den Trichter hinein.

Sein Verfolger bremste im allerletzten Moment ab und schwang links um den Trichter.

Genau in dem Augenblick, als Luan den tiefsten Punkt des Trichters erreicht hatte, stülpte sich dieser aus und katapultierte Luan in die Höhe. Wie ein Skispringer flog Luan davon und landete mit einem Vorsprung von gut 30 Metern. Er schlug hart auf. Seine Knie knirschten, aber er hatte wertvolle Meter gewonnen. Luan suchte die Piste nach weiteren Trichtern ab, stürzte sich in den nächsten und ließ sich erneut nach vorne schleudern. Luans Herz pumpte. Er hatte keine Kraft mehr. Seine Oberschenkel zitterten. Er konnte sich kaum noch auf dem Board halten. Er würde keinen weiteren Sprung mit einem Trichter durchstehen. Der Berg schien dies zu erkennen. Die Piste vor ihm neigte sich flacher. Die Buckel und Vertiefungen verschwanden fast völlig. Er verlor an Geschwindigkeit.

Für die Sipos blieb die Piste steil und Luans Vorsprung schmolz wie Vanilleeis in der Sonne.

Da piepste Luans ceeBand. Luan drehte sein Handgelenk und sah: Passwort korrekt. Zugang zum Zentralrechner des Golden Surfers genehmigt.

Auf dem Display pulsierte der Berg immer noch mit all den Zahlen, Millimetern und Sekunden, aber jetzt konnte er die Zahlen selbst verändern. Er verschob den Wert für einen klitzekleinen Trichter vor ihm. Dahinter lag eine riesige Gletscherspalte. Luan zog den Trichter tiefer und tiefer. Ein letzter Sprung. Luan stürzte in den Trichter. Für einen Augenblick verschwand er darin vollkommen. Dann spürte er einen Schlag, als würden seine Oberschenkelmuskeln zerreißen. Wie eine Rakete schoss er heraus und flog über die Gletscherspalte. Er hatte keine Kraft mehr, die Landung durchzustehen. Er überschlug sich. Er stürzte. Der eisige Schnee war plötzlich überall. In seiner Nase, in seinen Ohren und unter dem T-Shirt. Er spuckte aus, wischte sich den Schnee vom Gesicht.

Auf der anderen Seite der Gletscherspalte bremsten die vier Sipos scharf ab. Ruhig standen sie dort und lächelten. Sie wechselten kein Wort, als wüssten sie haargenau, was zu tun sei. Auch eine Gletscherspalte war in der Welt des Golden Surfers nicht von Ewigkeit. Sie würde sich gleich wieder auflösen, verändern, verschieben.

Luan strampelte sich aus dem Schnee frei. Er tastete nach seinem linken Handgelenk. Beruhigt fühlte er die glatte Oberfläche des ceeBands. Er streifte den Schnee ab.

Auf dem kleinen Display sah er, wie die Gletscherspalte, die ihn für den Augenblick von den Sipos trennte, langsam wieder zusammenwuchs. Luan rieb seine Hand am T-Shirt trocken, so gut es eben ging. Dann berührte er die Zahlen, die sein Display für die Gletscherspalte anzeigte. Er zog sie tiefer, immer tiefer und breiter hinüber zu den Sipos. Die standen einfach nur da und sahen den Rand der Gletscherspalte auf sich zukommen, wie ein riesiges Ungeheuer, das seinen Rachen aufriss und alles verschlang. Sie schenkten der Gletscherspalte keine Aufmerksamkeit. Sie schienen überzeugt, dass die Gletscherspalte vor ihnen stoppen würde. Bis zum letzten Augenblick standen die Sipos regungslos da. Und dann fielen sie einfach hinein, in den Schlund der Gletscherspalte, verschwanden darin, wie aufgefressen.

Luan atmete nervös. Er musste nur noch die Zeit verändern. Er verlängerte die Dauer der Gletscherspalte auf eine halbe Stunde. Das würde reichen. Dann loggte er sich aus dem Zentralcomputer des Golden Surfers aus. Niemand sollte seine Spuren entdecken.

Luan klopfte den restlichen Schnee ab. Er versuchte aufzustehen. Seine Beine zitterten. Die Muskeln brannten. Er konnte sich kaum aufrichten. Eine Ewigkeit verging, ehe er wieder auf den Füßen stand. Seine Knie schwammen. Es fühlte sich an, als würden seine Beine jeden Augenblick zusammenklappen. Zitternd tastete er nach seinem Board. Schob seine Füße vorsichtig darüber. Das schmatzende Geräusch der Magnetverriegelung beruhigte ihn. Als beide Beine wieder fest auf dem Board standen, atmete Luan erleichtert auf. Ganz sanft neigte sich die Piste vor ihm. Luan drückte sich ab. Langsam glitt er talwärts. Vor jedem Schwung hatte er Angst, dass er es nicht mehr schaffen würde. Doch irgendwie half der Berg mit und hievte Luan um die Kurven.

Endlich sah er die Talstation. Alle Surfer kamen dort unten an. Dicht drängten sie sich um den Ausgang. Hier musste jeder durch.

Ausgelaugt rutschte Luan den letzten Hang hinunter. Es wurde immer voller. Vor dem Ausgang standen Buden, die Krimskrams und Süßigkeiten verkauften. Ein Duft von Blaubeerpfannkuchen wehte herüber. Die hatte es bei den Häppy Kidz nur an Weihnachten gegeben. Luan griff nach seinem ceeBand, 30 Euro waren darauf geladen. Nur einen einzigen Blaubeerpfannkuchen.

Luan bremste mit einem letzten Schwung vor den Buden ab. Er löste die Verschlüsse seines Boards und ließ es wie alle anderen einfach liegen. Hungrig humpelte er zum Pfannkuchenstand. Jeder Schritt tat ihm weh. Doch der Duft nach Blaubeerpfannkuchen zog ihn unwiderstehlich an.

„Bitte einen Blaubeerpfannkuchen“, bestellte er bei der rundlichen Verkäuferin. Diese lachte ihn fröhlich an und sagte: „Du siehst aus, als könntest du zwei vertragen.“

„Ja, aber ...“, stammelte Luan.

„Schon in Ordnung“, sagte die Frau und strich die Blaubeermarmelade besonders dick auf die Pfannkuchen. „Der zweite geht auf Kosten des Hauses.“

„Danke“, hauchte Luan, als sie ihm die gerollten Pfannkuchen in die Hand drückte. Luan bezahlte. Erschöpft ließ er sich neben der Bude in den Schnee fallen und biss in den ersten Pfannkuchen. Klebrige Marmelade quoll heraus. Er leckte sie ab. Für einen Augenblick vergaß Luan alles um sich herum. Er fühlte sich wie an Weihnachten. Luan schloss die Augen und biss noch einmal ab. Diesen Moment konnte ihm niemand nehmen. Nicht Mama Berta, nicht die Sipos und nicht die beiden Mädchen, die ihn verraten hatten. Jeden Bissen genoss Luan, bis der letzte Krümel in seinem Bauch verschwunden war. Luan öffnete die Augen. Er sah nur Schuhe und Beine vor sich. Sie wimmelten durcheinander, als gehörten sie nicht einmal paarweise zusammen. Dann sah Luan Beine, die in Trainingsanzügen steckten, ein Zickzackmuster an der Seite. Sie liefen nicht planlos hin und her. Ganz ruhig schritten sie durch die Menge und kamen dabei immer näher.

Hastig sprang Luan auf. Er drückte sich hinter die Pfannkuchenbude. Gebückt drängte er sich weiter bis zum nächsten Stand. Hier herrschte ein furchtbares Geschiebe. Luan quetschte sich hinein. Nicht einmal die Richtung konnte er noch selbst bestimmen. Die Menge presste ihn einfach voran. Egal ob er wollte oder nicht. Für einen Moment fühlte sich Luan sicher. Doch dann sah er das Schild, in dessen Richtung er gedrückt wurde. In goldenen Buchstaben blinkte dort das Wort Ausgang. Luan wollte nicht zum Ausgang. Am Ausgang würden sie sicher stehen. Natürlich würden sie dort warten. Nicht zum Ausgang!

Luan stemmte sich gegen die Masse, versuchte, einfach stehen zu bleiben, wie ein Sack Kartoffeln. Doch er würde höchstens zu Kartoffelbrei zerquetscht werden. Aus diesem Sog gab es kein Entkommen.

Luan sah die verspiegelten Brillengläser aufblitzen und dann die beiden Sipos in ihren Trainingsanzügen, direkt neben dem Ausgang. Hatten sie ihn schon entdeckt? Er nahm seine letzte Kraft zusammen und kämpfte sich zur Seite. Mit jedem Schritt vorwärts gelang ihm ein halber Schritt nach rechts. Er musste dem Sog entkommen. Doch wie ein einzelner Wassertropfen in einem Strudel wurde er einfach mitgezogen.

6 DER MANN IM LILA SAMTANZUG

Da legte sich ein Arm um Luan. Eine behaarte Männerhand packte ihn an der Schulter.

Luan fuhr zusammen. Sein Herz raste vor Angst.

„Ich denke, wir nehmen besser einen anderen Ausgang, wo es weniger Gedränge gibt“, sagte der Mann mit brummig tiefer Stimme und zog Luan einfach zur Seite. Es schien ihn keine Anstrengung zu kosten.

Ängstlich sah Luan zu ihm auf. Nein, der Mann war bestimmt kein Sipo. Er trug einen lila Samtanzug und darunter ein goldenes Hemd, von dem die Knöpfe abzuplatzen drohten, so sehr wölbte sich der Bauch. Der Mann war groß wie ein Bär. Vorne, in der Mitte seines Stirnbands, saß ein amethystfarbener Kristall. Seine Glatze glänzte wie eine Speckschwarte. Nur noch an den Seiten und hinten wuchsen Haare, diese aber so lang, dass er sie mit einem Gummiband zusammengebunden hatte. Der kurz geschorene Vollbart war grau meliert. Luan ließ sich aus der Menge ziehen, folgte dem Mann im Samtanzug. Dieser führte Luan zu dem riesigen Bildschirm zwischen den Verkaufsbuden und dem Ausgang. Ein Snowboarder zeigte in einem Film sein Können. Er jagte einen höllischen Abhang hinunter. „Dank Metagie bin ich fit wie nie“, erklärte der Snowboarder in dem Werbefilm. „Metagie der Müsliriegel für Sportler.“

Der Mann im Samtanzug klappte ein Stück des Bildschirmsockels zur Seite. Nur für Wartungsarbeiten stand darauf. Ein enger Gang mit Notbeleuchtung öffnete sich hinter der quadratischen Klappe. Luan sah nicht, wohin der Gang führte. Wer war dieser Mann? Was wollte er von ihm?

Ohne ein Wort zu sagen, deutete der Mann auf den Gang. Luan sollte hineinklettern. Er zögerte. Er hatte Angst.

Der Mann im lila Samtanzug brummte: „Dort drinnen wirst du keinen Sipo treffen.“

Woher wusste der Mann, dass Luan sich vor den Sipos fürchtete? Warum wollte er ihm helfen? Egal! Luan quetschte sich durch die Wartungsklappe. Ob der Mann im Samtanzug da überhaupt hineinpassen würde? Er versuchte es nicht einmal und drückte die Klappe hinter Luan zu. Das Schloss schnappte ein.

„Wir sehen uns dann bei mir“, hörte er den Mann noch murmeln. Aber wo, das verstand Luan nicht mehr.