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Lennox ist ein kompromissloser Weltverbesserer, der in gewagten Kunstaktionen auf Umweltverschmutzung, Fremdenhass und Ausbeutung aufmerksam macht. Protegiert vom Kunstförderer und Club-Besitzer Milan wird er zum gefeierten Nachwuchs-Star der Online-Kunst-Szene. Aber die Beziehung zu Isa und seinem besten Freund Jonas droht daran zu zerbrechen. Und als Lennox dann auch noch neben einem schwer verletzten Mädchen aufwacht, die blutige Tatwaffe noch in der Hand und ohne Erinnerung, beginnt ein Wettlauf mit der Polizei. Ist Lennox diesmal zu weit gegangen? Und wem kann er eigentlich noch vertrauen?
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Seitenzahl: 368
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Für Nina, Janek, Ben und Lola
Lennox’ Kopf platzte nicht, dabei wäre es für den Augenblick wahrscheinlich eine Erleichterung gewesen. Mit jedem Herzschlag wurde sein Gehirn gegen die Schädeldecke gepresst. Verdammt, was war passiert? Lennox hielt die Augen geschlossen. Gekrümmt lag er auf dem Boden. Mit den zitternden Fingern seiner Linken tastete er den Kopf ab, als gäbe es irgendwo ein Ventil. Er fand keines.
Lennox roch den feuchten, warmen Teer. Das erinnerte ihn daran, wie vor ein paar Wochen alles begonnen hatte. Eigentlich sollte es der beste Sommer seines Lebens werden. Irgendwie hatte er sein Abi geschafft und dann wollten sie zu dritt in den Urlaub fahren. So hatten sie es geplant. Immer waren sie zu dritt unterwegs gewesen: Jonas, Isa und er. Seit der Neunten oder Zehnten waren sie beste Freunde. Daran änderte auch nichts, dass Isa und er seit ein paar Monaten zusammen waren. Jetzt sagten die anderen, das hätten sie immer schon kommen sehen.
Lennox lag auf dem Teer und hoffte, dass die Kopfschmerzen nachlassen würden, wenn er nur lange genug liegen bleiben würde. Seine Kehle brannte. Sie fühlte sich staubtrocken an, als hätte er eine Handvoll Sand verschluckt. Wasser, er brauchte Wasser. Lennox zählte die Sekunden, versuchte Minuten zu addieren. Sein Gehirn weigerte sich, vernünftig zu arbeiten.
Mit dem Ellenbogen stieß Lennox gegen etwas Weiches. Es fühlte sich warm an. Da lag jemand. Lennox schob seinen Arm tastend weiter. Die Person bewegte sich nicht.
Entsetzt wich Lennox zurück. Er versuchte, sich aufzurichten und stützte sich mit seinem Ellenbogen ab. Mehr ging nicht.
Lennox’ Puls hämmerte im Stakkato. Die Schmerzen kamen jetzt nicht mehr in Wellen, sondern waren einfach nur da. Lennox zwang sich die Augen zu öffnen, einen Spalt zumindest. Das grelle Licht der Straßenlampe blendete ihn.
Dann sah Lennox sie. Sie lag direkt neben ihm ‒ die Arme und Beine so sonderbar abgewinkelt, wie bei einem Gecko. Das Gesicht lag auf den Boden gedrückt. Ihre Lederjacke und das T-Shirt waren hochgerutscht. Die Haut ihrer schmalen Taille schimmerte weiß. Fast ein Dutzend Silberringe glitzerte an ihren Fingern. Es sah aus, als hätte sie verzweifelt versucht, sich festzukrallen. An ihrem Hinterkopf klaffte eine riesige Wunde. Blut rann in ihren Nacken, tropfte von dort auf den Gehweg und versickerte in den Unregelmäßigkeiten des Teers. Reglos lag sie da.
Als Lennox bemerkte, dass er in seiner Rechten einen Mauerstein hielt, musste er sich übergeben. Und dann wurde wieder alles schwarz um ihn herum.
„Verdammt, Lennox, muss das sein? Wenn die uns erwischen ...“, fluchte Jonas. Isa schlug den Kragen ihrer Lederjacke hoch und drehte sich zur Seite, als gehörte sie nicht dazu.
„Kunst muss provozieren“, sagte Lennox und ließ seinen Rucksack von der Schulter rutschen.
Vor den dreien mitten auf dem Gehweg parkte ein goldener SUV. Der Wagen glitzerte im Licht der Straßenlampe wie eine monströse Weihnachtskugel.
„Der sieht so richtig scheiße aus“, kicherte Jonas.
Isa seufzte.
In aller Ruhe holte Lennox ein Paar rosafarbener Kindergummistiefel aus seinem Rucksack.
„Aber der Wagen ist noch total neu“, sagte Isa, während sie sich unruhig immer wieder umschaute.
„Umso besser.“
„Der kostet mindestens 70.000“, meinte Jonas.
Lennox grinste. Er zog eine Farbdose aus dem Rucksack. Mit seinem Hausschlüssel stemmte er den Deckel auf. Von der Innenseite des Deckels zog die Teerfarbe klebrige Fäden.
„Dann mach wenigstens schnell“, drängte Isa. Nervös warf sie noch einen Blick über ihre Schulter.
„Hier ist alles ruhig. Jetzt mitten in der Nacht kommt niemand“, sagte Jonas.
Lennox tunkte die rosa Gummistiefel in die Farbdose. Eigentlich waren die Gummistiefel zu groß oder die Dose zu klein. Aber irgendwie schaffte es Lennox, dass schließlich schwarze Teerfarbe von den Gummistiefelsohlen tropfte.
Schritt für Schritt setzte Lennox die Gummistiefel auf die Motorhaube des SUVs, als wäre ein kleines Kind mit dreckigen Schuhen über das Auto gelaufen. Nur beim letzten Mal drückte er die Stiefel mit viel Schwung auf die Motorhaube, damit sie dort kleben blieben. Da heulte die Alarmanlage des SUVs mit ohrenbetäubender Lautstärke los.
„Schnell weg“, schrie Jonas und spurtete los. Isa rannte hinterher.
Mit präzisen Bewegungen zog Lennox sein Smartphone aus der Hosentasche. Er brauchte noch ein Foto, um sein Kunstprojekt zu dokumentieren. Deswegen machten sie schließlich die Aktion.
Im Haus nebenan ging Licht an. Ein Fenster wurde aufgerissen. Lennox hielt die Kamera von vorne ein wenig über die Motorhaube, gerade so hoch, dass man die Abdrücke sehen konnte und die rosa Gummistiefel auf der Motorhaube voll im Bild waren.
„Schnell, Mann, komm endlich!“, hörte er Jonas von der anderen Straßenseite rufen. Lennox schob sein Smartphone zurück in die Hosentasche. Dann nahm er den klebrigen Deckel und drückte ihn zurück auf die Farbdose.
Die Haustür des Nachbarhauses wurde von innen aufgerissen. Schritte schlugen auf den Gehweg. Wutschnauben war zu hören.
Lennox ließ die Dose in den Rucksack gleiten. Bei seinen Aktionen war er immer konzentriert.
„Dafür wirst du bezahlen, du Arschloch“, schrie ein Mann.
Lennox sprang auf. Er wusste, wer der Typ mit den schwarzen, streng nach hinten gegelten Haaren war: Göktan Demir, der Dönerkönig. Es hieß, dass er in Drogengeschäfte verwickelt war. Scheiße, von dem durfte sich Lennox nicht erwischen lassen. Über Göktans Oberkörper spannte sich ein Unterhemd und um seinen rechten Arm wand sich ein tätowierter Drache, als wollte er dessen Muskeln in Zaum halten. Göktan sah aus, als würde er jeden Tag mehrere Stunden im Boxclub trainieren.
Ohne links und rechts zu schauen, spurtete Lennox über die Straße.
„Bleib stehen, du verdammtes Arschloch!“, brüllte Göktan Demir. „Ich mach dich fertig.“
Ich mach dich fertig, diese Worte brannten sich in Lennox’ Gehirn ein. Jonas und Isa waren längst in der Dunkelheit verschwunden. Lennox wusste, wo er sie treffen würde. Er hetzte weiter. Immer noch hörte er das wütende Schnauben von Göktan hinter sich. Der Typ gab nicht auf. Lennox jagte jetzt an der Mauer der alten Fabrikanlagen entlang. Er musste diesen Göktan abschütteln, bevor er dort vorne ‒ vielleicht hundert Meter hinter dem Bushäuschen ‒ die Stelle erreichte, wo Betonstücke aus der Mauer gebrochen waren und die rostigen Eisenträger blank lagen. Sie boten perfekte Griffe und Tritte. Dort konnte er hinaufklettern und über die Dächer der Industriehallen verschwinden, um die anderen zu treffen. Aber er hatte diesen verdammten Dönerfritzen noch nicht abgeschüttelt.
Plötzlich traten aus dem Schutz des Bushäuschens zwei Typen hervor, die bestimmt nicht auf den letzten Bus warteten. Lennox sah sie erst viel zu spät. Die Silhouetten ihrer Bomberjacken zeichneten sich gegen den Nachthimmel ab. Sie versperrten Lennox den Weg. Aber wie Göktans Leute sahen sie nicht aus. Lennox schaffte es gerade noch, seine Muskeln anzuspannen, um den Aufprall abzufangen. Einen Wimpernschlag bevor er gegen sie prallte, trat der Linke von den beiden mit der eleganten Behändigkeit eines Kampfsportlers zur Seite.
Lennox rauschte durch die Lücke, stürzte fast, da er nicht damit gerechnet hatte, fing sich wieder und rannte stolpernd weiter. Hinter ihm schloss sich die Lücke wieder.
Dann hörte Lennox den dumpfen Aufprall eines Faustschlags und Göktans zuvor noch wütendes Schnauben verwandelte sich in ein Grunzen.
„Du verdammtes Schwein hast hier nichts zu suchen“, rief einer der beiden mit vibrierender Stimme. Eigentlich war es mehr ein heiseres Flüstern, das Lennox irgendwie bekannt vorkam.
Endlich hatte er die Stelle der abgebröckelten Mauer erreicht, dort wo die Eisenträger blank lagen. Aus den Augenwinkeln sah Lennox noch, wie die zwei Typen in Bomberjacken Verstärkung erhielten. Ein Mädchen war auch dabei.
Lennox zog sich an einem Eisenträger hoch und suchte mit seinen Füßen den nächsten Tritt.
„Verschwinde aus unserem Gebiet, du schwuler Kameltreiber!“, rief der mit der sirrenden Stimme. Dann war wieder der dumpfe Aufprall eines Faustschlags zu hören. Göktan Demir riss seine Arme hoch und wich mit tänzelnden Boxerschritten aus.
Lennox’ Hände zitterten, als er endlich oben war. Benommen rollte er sich aufs Dach.
„Du hast hier nichts zu suchen!“, wiederholte der mit der heiseren Stimme. Jetzt wurde Lennox klar, dass das Marc Buchner sein musste, der Grund, warum Lennox sich damals in der Mittelstufe ein ganzes Jahr lang nicht auf den Pausenhof getraut hatte. Obwohl Buchner einen halben Kopf kleiner war, war er immer schon ein brutaler Schläger gewesen. Jetzt gehörte Buchner zum Westblock, so nannte sich die Gang, die die Weststadt terrorisierte und deren Gebiet bis hierher ging.
„Beeil dich!“, hörte Lennox Isas ängstliches Flüstern vom anderen Ende des Hallendachs.
Lennox drückte sich hoch. Mit unkoordinierten Bewegungen hastete er Isa und Jonas nach. Wie aus dem Takt geratene Trommelschläge hallten seine Schritte über das Wellblech. Er lief bis zum Dachende, sprang von dort auf das nächste Dach und dann weiter zur alten Halle, deren Flachdach mit Dachpappe belegt war, die noch warm und klebrig von der Sommersonne war.
Wie immer traf er Isa und Jonas ganz hinten zwischen den beiden Schornsteinen. Hier waren sie in Sicherheit. Jonas lehnte gegen einen der Kamine gestützt und versuchte, in schnellen Stößen Sauerstoff in seine Lungen zu pumpen. Isa hockte auf dem Boden. Lennox ließ sich neben sie fallen.
„So eine verdammte Scheißaktion!“, fluchte Isa und schlang ihre Arme um die Beine. Demonstrativ drehte sie sich von Lennox weg. Ihr ganzer Körper zitterte.
„Das war doch total krass“, rief Lennox. Er lehnte sich zurück und starrte in den Nachthimmel. In guten Nächten war hier der beste Platz, um Sternschnuppen zu beobachten, aber heute war der Himmel bedeckt.
„Da haben wir echt Schwein gehabt“, murmelte Jonas immer noch ganz bleich im Gesicht.
„Und alles nur wegen des bescheuerten Autos“, regte sich Isa auf. „Wenn uns die Typen nicht gerettet hätten, hätte Göktan uns fertiggemacht.“
Zornig sprang Lennox auf. „Die Typen wollten uns bestimmt nicht retten. Wisst ihr, wer das war? Die vom Westblock. Die denken, das Viertel gehört ihnen und dulden niemanden neben sich. Das sind radikale Arschlöcher.“
„Na ja, schon, aber sie haben uns geholfen.“
„Liebe Isa, nur weil sie Feinde unseres Feindes sind heißt das noch lange nicht, dass sie unsere Freunde sind.“
„Jetzt übertreibst du aber.“
„Leute, beruhigt euch“, mischte sich Jonas ein. „Im Grunde genommen sind die Typen vom Westblock arme Würstchen. Ich kenne sie von früher, als wir noch in der Weststadt gewohnt haben.“
„Arme Würstchen?“, fragte Lennox.
„Also der harte Kern vom Westblock sind Torben Dassig, seine Freundin Anne Strahm, Marc Buchner und Anton Kostic“, begann Jonas seinen Vortrag. „Dassig spielt den großen Boss, aber zu Hause wird er von seinem Alten verprügelt. Zumindest früher war es so. Immer wenn der alte Dassig betrunken nach Hause kam, hat er randaliert. Der hat es nie verwunden, dass sie ihm bei Diekermann einen Italiener als Vorarbeiter vor die Nase gesetzt haben. Und Torben Dassig rastet genauso schnell aus wie sein Alter. Anne Strahm ist Torbens Freundin. Sie arbeitet in einer Steuerkanzlei und wohnt noch bei ihrer Mutter hinten im Friseursalon. Sie hat ihre Wut genauso wenig unter Kontrolle wie Dassig. Marc Buchner arbeitet bei der Sparkasse und macht einen auf Musterknaben. Aber du darfst ihn nicht unterschätzen. Der macht seit Jahren Mixed Martial Arts und außerdem alles, was Dassig will. Buchner ist ein verbissener Terrier.“
Lennox nickte. „Ja, Buchner war schon in der Schule der totale Schläger und hat alle terrorisiert.“
„Über Anton Kostic weiß ich nur, dass er im Schlachthaus jobbt. Er rastet vielleicht nicht ganz so schnell aus wie die anderen, aber wo er zuschlägt, wächst kein Gras mehr.“
„Aber heute haben uns die vier gerettet“, beharrte Isa.
„Quatsch“, regte sich Lennox auf. „Denen ging es nur um Göktan.“
„Hört endlich auf, euch wegen dieser armen Würstchen zu streiten“, versuchte Jonas, die Wogen zu glätten. Aber Lennox wollte nicht einlenken und Isa gab genauso wenig nach.
Schließlich holte Lennox sein Handy aus der Hosentasche und murmelte: „Muss noch schnell die Bilder von der Aktion hochladen.“
„Vielleicht lässt du das diesmal besser“, sagte Isa und legte ihre Hand auf Lennox’ Arm.
Lennox schüttelte seinen Kopf. Genau darum ging es doch, dass er die Kunstaktionen veröffentlichte. Er klickte auf seinem Smartphone das Konto von nox an. Nox, das war das Pseudonym ihrer Künstlergruppe: Lennox, Isa und Jonas. Aber jeder von ihnen wusste, dass es eigentlich Lennox’ Projekt war. Er war der Motor von nox. „Ich lass mich doch nicht zensieren. Die rosa Gummistiefel auf dem goldenen Monstrum machen echt was her.“ Mensch gegen Maschine tippte Lennox als Bildunterschrift ein und noch ein halbes Dutzend Hashtags dazu. Längst hatte nox mehr als 10.000 Follower.
„Isa hat recht. Mit Göktan Demir ist nicht zu spaßen. Der macht dich fertig“, sagte Jonas.
„Meine Kunst ist kein Spaß.“
„Lennox, warte doch bis wir im Urlaub sind! Dann sind wir weg und es kann Gras über die Sache wachsen“, sagte Isa. Sie klang besorgt.
In den letzten Tagen hatte Lennox immer wieder über ihre Abireise nachgedacht. Schon vor einem Jahr hatten sie angefangen, den Road Trip zu planen. Sie wollten rund ums Mittelmeer fahren. Das ging natürlich nicht, war ihnen mittlerweile auch klar. Aber es gab noch genug Länder, durch die sie fahren konnten, vielleicht über Frankreich und Spanien und dann nach Marokko übersetzen. Endlich hatten sie Zeit, drei oder vier Monate. Dafür hatten sie alle gejobbt und wollten sich noch ein altes Auto kaufen ‒ groß genug, um darin zu schlafen. Das war Isa total wichtig. Sie hatte eine abartige Spinnen-Phobie. Großzügig hatte sich Jonas bereit erklärt im Zelt zu schlafen. Lennox hatte nichts dazu gesagt, denn ihm waren Spinnen egal und eigentlich auch die ganze Reise. Er war zu dem Schluss gekommen, dass er jetzt keinen Urlaub machen konnte. Noch hatte er es den anderen nicht gesagt. Isa würde sich total aufregen und Jonas fand es wahrscheinlich auch scheiße.
„Hey, was ist? Warum sagst du nichts?“ Isa nahm Lennox’ Hand und streichelte darüber. Sie sah ihn durchdringend an. Das hielt Lennox nicht aus. Er musste es ihnen endlich sagen. Er würde nicht mitfahren, so viel stand fest. Mit einem Ruck richtete sich Lennox auf und zog seine Hand von Isa weg.
„Kunst muss provozieren, Kunst muss mit den Leuten etwas machen, Kunst hat einen gesellschaftlichen Auftrag“, begann Lennox. Ihm war klar, dass er sich gerade wie ein bescheuerter Kunstlehrer anhörte.
„Alles klar, Mann. Das sehen wir doch genauso“, versuchte Jonas zu beschwichtigen, als ahnte er, dass gleich der große Knall kommen würde.
„Mir macht unsere Kunst doch auch Spaß, meistens zumindest“, gab Isa zu.
Spaß? Damit hatte Isa genau den falschen Knopf gedrückt. Lennox bebte vor Zorn. „Hier geht es nicht um Spaß. Wir sind keine beknackten Comedians. Habt ihr das immer noch nicht verstanden?“
„Mann, beruhig dich!“, sagte Jonas. „In vier Wochen fahren wir in die Pyrenäen. Dort gibt es Sterne, das glaubst du nicht. Es fühlt sich an, als wäre man ihnen ganz nah. Dort regnet es Sternschnuppen.“
Isa versuchte erneut, nach Lennox’ Hand zu greifen, aber er ließ es nicht zu. „Lenny, du weißt, unsere Aktionen sind mir wirklich wichtig. Das meine ich ernst. Aber warum ist Spaß bitte schön verboten?“
Lennox lachte bitter. „Spaß, ist das die einzige Kategorie, in der ihr denkt?“
„Also ich hatte das Gefühl, dass du das letzte Mal im Bett auch Spaß hattest.“
Jonas kicherte.
„Die Welt ist in einem beschissenen Zustand. Schaut euch doch an, was rund um uns passiert. Millionen von Menschen sind auf der Flucht und die Länder machen die Grenzen dicht. Aus Angst werden Idioten an die Macht gewählt. Immer mehr driften zu den Faschos ab. Da läuft etwas total schief und ihr denkt nur an Urlaub. Urlaub, das ist etwas für Rentner und Idioten. Ich muss mich nicht erholen. Bisher habe ich meine Zeit nur in der Schule abgesessen. Ich will endlich etwas bewegen. Jetzt! Und wenn ihr meint, ihr braucht Erholung, dann fahrt bitte schön in den Urlaub. Aber ohne mich!“ Jetzt war es raus.
„Komm erst mal runter“, sagte Jonas. Er zog eine Bierdose aus seinem Rucksack und hielt sie Lennox unsicher hin.
„Verdammt, ich trinke kein beschissenes Bier, auch heute nicht. Sich wegzuknallen, ist das eure einzige Antwort auf 60 Millionen Flüchtlinge?“
Isa sah Lennox ernst an. „Wir hatten doch längst beschlossen, dass wir keinen Urlaub machen, sondern einen Road Trip. Gemeinsam können wir kleine Dinge bewegen. Wasser ist mächtiger als Fels.“
„Hör doch mit dem Schülerzeitungsgequatsche auf!“ Als er Isas Blick sah, tat Lennox leid, was er gerade gesagt hatte. Isa nahm nichts auf die leichte Schulter und machte sich wirklich viele Gedanken. Aber Lennox schaffte es nicht, sich zu entschuldigen. „Kunst muss provozieren. Sonst bewegst du nichts“, maulte er.
„Ach so, und der Herr meint, dass rosafarbene Kindergummistiefel auf einem zugegebenermaßen geschmacklosen Angeberschlitten das Schicksal von Millionen Menschen verbessern können? Das halte ich ehrlich gesagt für einen Witz“, setzte Jonas trocken dagegen.
„Natürlich ist das nicht einfach. Aber mit unseren Kunstaktionen erreichen wir die Menschen. Wir müssen dranbleiben und provozieren“, verteidigte sich Lennox. Ja, Isa war seine Freundin und Jonas sein bester Freund, aber vielleicht hatten sie sich in letzter Zeit auseinanderentwickelt.
Mit einem spöttischen Grinsen checkte Jonas sein Handy. „23 Likes“, sagte er trocken. „Wir erreichen die Menschen.“
„Das ist nicht fair. Die Leute schlafen jetzt“, sprang Isa ein.
Es fühlte sich gut an, dass Isa ihn verteidigte, aber im Moment konnte Lennox das nicht zugeben. „Ich werde hier gebraucht. Ich muss Aktionen machen. Es tut mir leid. Ich kann nicht mit in den Urlaub fahren.“
Lennox stand auf und drehte sich um. Dabei fühlte er sich ziemlich mies. Aber jetzt musste er es durchziehen.
„Mann, überleg es dir noch einmal! Du musst nichts überstürzen. Schlaf dich erst einmal aus!“, sagte Jonas.
Lennox hasste diese gut gemeinten Ratschläge. Beruhigen und ausschlafen, das war etwas für Spießer. Da konnte er ja gleich in den Urlaub fahren.
„Lenny, bitte bleib.“
Lennox mochte es nicht, wenn Isa ihn Lenny nannte. Dann fühlte er sich ganz klein. Seine Mutter hatte ihn früher auch Lenny genannt.
Lennox atmete tief durch. Plötzlich merkte er, wie er zitterte. Ohne sich noch einmal umzudrehen, ging er einfach. Die warme Dachpappe fühlte sich so klebrig an, als wollte sie ihn zurückhalten.
„Bitte lass uns morgen noch einmal darüber reden“, rief Isa.
Lennox murmelte etwas, das ja oder vielleicht oder nein heißen konnte. Er wusste es selbst nicht. Wütend zog Lennox ab. Diese Wut gab ihm Kraft. Sie verhalf ihm zu seinen besten Ideen.
Aber auf dem Heimweg musste er an Isa denken und an Göktan Demir: Ich mach dich fertig.
„Lass mich los!“, regte sich Anne Strahm auf und wollte sich von Torben Dassig losreißen. Torben packte nur noch fester zu. In diesem Moment hasste Anne ihn, obwohl sie ein Paar waren, schon seit über einem Jahr. Kurz nachdem die Sache mit Alex passiert war, waren sie zusammengekommen, obwohl sie sich auch vorher fast täglich gesehen hatten. Seit damals waren Wut und Hass zu Annes ständigen Begleitern geworden ‒ bei Torben auch. Obwohl sie nie über Gefühle sprachen, wusste Anne das. Sie fühlte es, wenn sie gemeinsam zuschlugen, irgend so ein Arschloch fertigmachten. Das waren die Augenblicke, in denen sie ihren Hass und ihre Wut einfach ausleben konnten. In diesen Momenten hatte Anne das Gefühl tiefer Zufriedenheit. Aber bald waren die beiden lästigen Begleiter wieder da und verlangten nach mehr. Sie hörten niemals auf zu fordern und die Zeit der Zufriedenheit und das Gefühl, dass es doch noch etwas wie Gerechtigkeit auf der Welt gab, wurden immer kürzer. Als wäre sie süchtig, schrie Annes Körper nach immer höheren Dosen. Nein, ein schlechtes Gewissen hatte sie deswegen nicht. Beim ersten Mal vielleicht, aber das Gefühl der Befriedigung war einfach zu gut gewesen. Mit Wut und Hass knüppelte Anne das schlechte Gewissen genauso nieder wie ihre Opfer.
Bevor die Sache mit Alex passierte, waren ihre beiden Begleiter noch zahnlose Jammerlappen gewesen. Sie richteten sich höchstens gegen Anne selbst. Damals kannte sie das Ventil des Zuschlagens noch nicht. Anne fraß alles in sich hinein, häufte es in ihrem Inneren an wie eine stinkende Müllkippe. Vielleicht hätte sie die ihr ganzes Leben mit sich herumgeschleppt. Aber dann passierte die Sache mit Alex und alles wurde zu übermächtig. Damals hatte sie gelernt, ihre Begleiter rauszulassen, wie rasende Hunde in die Kampfarena zu schicken, die einfach nur zubissen und keine Schmerzen kannten.
Als Torben sie jetzt immer noch an den Handgelenken festhielt, biss sie die Zähne zusammen und kickte mit ihrem rechten Fuß voll gegen Torbens Schienbein. Fluchend gab er ihre Handgelenke frei. Torben konnte dankbar sein, dass sie nur gegen sein Scheinbein getreten hatte.
„Du verdammte Schlampe“, fluchte er und rieb sich sein Bein. Nicht dass sie Torben Schmerzen zufügen wollte, aber sie gehörten einfach dazu.
Torben Dassig versuchte, Anne nach hinten zu stoßen. Das war ein harmloser, fast schon neckender Versuch. Anne sprang zur Seite und grinste ihn an.
„Du Spacko, siehst du nicht, dass Buchner und Anton einen Typen in der Mangel haben?“, fauchte Anne und deutete mit einer Kopfbewegung hinüber auf die andere Straßenseite. Dabei hielt sie ihre Fäuste erhoben, bereit, Torben abzuwehren. Natürlich hatte Anne gegen Torben keine Chance, wenn es hart auf hart ging. Torben war über eins neunzig und brachte fettfreie hundertzwanzig Kilogramm auf die Waage.
Anton Kostic und Marc Buchner prügelten auf einen Mann im Unterhemd ein. Doch der Typ schlug knallhart zurück. Seine Arme und die Art wie er zuschlug machten sofort klar, dass er wusste, was er tat. Das war kein Amateur.
Torben stürmte voraus. In diesem Moment schickte Kostic den schmierigen Typen im Unterhemd mit einem Uppercut zu Boden. Nun würde der Spaß erst anfangen. Buchner wollte schon zutreten.
„Stopp!“, brüllte Torben, der jetzt neben ihnen stand.
Anne musste sich verhört haben. Torben war wirklich nicht der Typ, der von einem Opfer abließ, bloß weil es am Boden lag.
Widerwillig traten Kostic und Buchner einen Schritt zurück. Sie wagten nicht, sich Torbens Anweisung zu widersetzen, auch wenn sie bestimmt nicht seiner Meinung waren.
Behände sprang der Typ im Unterhemd wieder auf. Im spärlichen Straßenlicht konnte Anne das Gesicht des Mannes nicht genau erkennen, aber es sah nicht mehr jung aus, der war bestimmt schon fünfzig. Dafür war der Typ noch verdammt fit. Warum hatte Torben den Jungs ihren Spaß verdorben? Anne hätte auch gerne noch zugeschlagen.
„Kommt, wir verschwinden“, befahl Torben und nickte dem Typen zu.
„Warum denn?“, fragte Kostic ungläubig.
„Der schmierige Kameltreiber gehört nicht hierher“, regte sich Buchner auf.
Es war nur eine winzige Handbewegung, wie die eines Taschenspielers. Es ging zu schnell, um es kommen zu sehen, aber plötzlich hielt der Typ etwas Mattschwarzes in der Hand.
„Scheiße, der hat eine Knarre“, murmelte Buchner geschockt.
„Alles in Ordnung, wir gehen. Keinen Stress!“, sagte Torben ganz ruhig und hob seine Hände, als wollte er sich ergeben.
Verdammt, was sollte das? Meistens benahm Torben sich wie eine ungesicherte Handgranate, nahm auf niemanden Rücksicht, auch nicht auf sich selbst.
Der Mann im Unterhemd lächelte zufrieden, als wäre es endlich gelungen, ein kleines Missverständnis aus dem Weg zu räumen.
Anne hatte noch nie erlebt, dass Torben eine so krasse Fehlentscheidung getroffen hatte. Wenn Kostic und Buchner einfach zugetreten hätten, wäre dem alten Sack überhaupt keine Chance geblieben, seine Knarre zu ziehen. Sicherlich, jetzt sah die Situation anders aus. Das kam davon, wenn man zögerte.
„Abflug, Jungs“, befahl Torben, als wäre es völlig normal.
Selbstsicher blieb der schmierige Typ stehen. Seine Knarre hielt er jetzt nachlässig auf den Boden neben sich gerichtet.
„Ihr habt gehört, was der Boss gesagt hat“, rief Marc Buchner und wandte sich zu gehen. Dabei sah er Torben scheinheilig an. Buchner war ein echtes Frettchen. Anne mochte ihn nicht, aber er genoss Torbens Schutz. Torben hatte einmal zu Anne gesagt: „Wir brauchen mehr Leute wie Buchner, kompromisslose Kämpfer, die tun, was man ihnen sagt.“
Jeder nannte ihn nur Buchner. Anne hätte sich lieber auf die Zunge gebissen als das Frettchen beim Vornamen zu nennen. Buchner war Buchner, Punkt.
Ohne dem schmierigen Typen noch einen Blick zu schenken, zogen die vier vom Westblock ab. Als sie in die nächste Seitenstraße abbogen, fragte Anne genervt: „Was war denn das? Warum haben wir den nicht gleich fertiggemacht?“
Alle starrten auf Torben. Er war ihnen eine Antwort schuldig.
„Kennt ihr den Typen nicht?“, fragte Torben und machte eine bedeutsame Pause, bevor er erklärte: „Das war Göktan Demir.“
Als die drei Torben immer noch fragend ansahen, schob er nach: „Göktan, der Dönerkönig. Der verkauft sein Zeug in der ganzen Stadt.“
„Ich hasse Döner“, sagte Anton Kostic. „Gibt sowieso zu viele Dönerbuden.“
„Wenn wir gleich zugetreten hätten, hätte dieser Göktan überhaupt keine Chance gehabt.“ Wie zum Beweis kickte Marc Buchner gegen ein parkendes Auto.
Anne verstand auch nicht, warum Torben die Jungs zurückgepfiffen hatte. Jetzt würde sich dieser Göktan noch mehr herausnehmen. Typen wie den musste man fertigmachen, bis sie um Gnade winselten, und dann weiter zuschlagen. So machten sie es sonst doch auch.
„Der verkauft nicht nur Döner“, sagte Torben. „Und mit seinen Leuten sollten wir uns besser nicht anlegen.“
„Was denn noch?“, fragte Anton begriffsstutzig.
Bei Anne hatte es längst Klick gemacht. Sie wusste, was Torben meinte. Wut flammte in ihr auf.
„Stoff, du Idiot“, fauchte Buchner.
Wortlos ging Torben weiter. Und Anne begann, einen Plan zu schmieden.
Die vier vom Westblock kippten ein paar Bier, bis ihre Laune wieder stieg, und dann machten sie noch ein wenig Randale an der Meile neben dem Hauptbahnhof. Da hingen immer genug Opfer herum. Man musste nur schnell genug sein, wenn die Bullen einen Mannschaftswagen schickten. Der Abend entwickelte sich nach dem miesen Einstieg doch noch ganz brauchbar und Anne hatte genügend Gelegenheit, ihren Frust abzureagieren.
Lennox brauchte ein paar Augenblicke, bis er begriff, dass das Surren von der Klingel kam. Nass geschwitzt kämpfte er sich aus Laken und Bettdecke. Längst hatte die Sommersonne sein Zimmer auf unerträgliche Temperatur geheizt. Erneut klingelte es an der Haustür. Dieses nervtötende Surren hatte Lennox schon immer an einen Zahnarztbohrer erinnert. Ein Blick auf die Uhr macht ihm klar: Es war längst Mittag. Und so allmählich setzte sein Gehirn die Erinnerungssplitter an die letzte Nacht wieder zusammen. Nach dem Streit mit Isa und Jonas war er über unzählige Umwege nach Hause gelaufen. Er hatte die Zeit gebraucht, um nachzudenken. Als Lennox dann endlich zu Hause angekommen war, hatte er noch bis zum Morgengrauen an einem neuen Projekt gearbeitet. Er würde sich nicht einschüchtern lassen ‒ ganz bestimmt nicht.
Jetzt surrte die Klingel ununterbrochen.
Lennox zog seine Jeans an und streifte ein T-Shirt über. Barfuß hastete er nach unten. Seine Eltern waren vor einem Monat nach Edinburgh gezogen, zusammen mit Aleen, seiner kleinen Schwester. Lennox hatte von Anfang an klargestellt, dass er in NRW bleiben würde. Mama und Papa waren immer schon von einem Schottlandfimmel besessen gewesen, daher auch ihre Vornamen: Aleen und Lennox. Entsprechend begeistert hatte Papa das Jobangebot aus Edinburgh angenommen.
Lennox stoppte abrupt, als er die Tür erreicht hatte. Ich weiß, wer du bist. Ich mach dich fertig. Wenn Göktan vor der Tür stand? Aber woher sollte der seine Adresse kennen?
Quatsch, Lennox würde sich nicht verrückt machen lassen. Trotzdem öffnete er die Tür nur einen winzigen Spalt. Wenn Göktan gewollt hätte, hätte er sich in diesem Moment gegen die Tür werfen können. Lennox wäre chancenlos geblieben.
Aber Lennox blickte in Isas wasserblaue Augen. Sie sahen verweint aus. Die Haare trug Isa achtlos zusammengebunden.
„Was ist, darf ich nicht reinkommen?“
„Entschuldigung“, murmelte Lennox und hoffte, dass das auch als Entschuldigung für seinen Abgang gestern Abend ausreichen würde. Er öffnete die Tür ganz weit und machte eine Art Verbeugung. „Hi, Isa.“
„Hi“, erwiderte Isa und gab ihm einen flüchtigen Kuss, als wäre ihr jede Berührung unangenehm.
Lennox fühlte sich mies.
„Magst du einen Kaffee?“
„Ich muss mit dir reden.“
„Klar“, Lennox nickte betroffen. „Und zum Reden einen Cappuccino?“
„Okay.“
Lennox atmete erleichtert auf. Das Kaffeemachen würde ihm ein wenig Zeit verschaffen. Wortlos folgte ihm Isa in die Küche.
„Hab noch nicht gefrühstückt“, sagte Lennox, nur um etwas zu sagen. Er wusste, dass Isa peinlich genau auf die richtige Ernährung achtete und bestimmt schon eine Avocado oder einen Quinoa-Salat und Joghurt zu Mittag gegessen hatte. Diesen Essenstick hatte Isa noch aus der Zeit, als sie Leistungsschwimmerin gewesen war. Damals war bei ihr alles total durchorganisiert. Es gab keine Freiräume oder persönlichen Vorlieben. Ihr ganzes Leben war rund um das Schwimmtraining und die Wettkämpfe organisiert gewesen, bis Isa alles hingeworfen hatte. Sie ertrug den Druck nicht mehr und lechzte nach Freiheit. Ihre Liebe zum Sport wandelte sich in abgrundtiefen Hass gegen autoritäre Systeme ‒ auch der Schwimmkader gehörte dazu. Damals fing Isa mit dem Schreiben für die Schülerzeitung und das Stadtportal an. Sie entwickelte sich zu einem echten Querkopf und Lennox verliebte sich in sie.
Die Kaffeemaschine fauchte, als Lennox die Milch aufschäumte. Auch wenn es Lennox sonst nie schnell genug gehen konnte, ließ er sich heute alle Zeit der Welt. Umständlich fischte er das Thermometer aus der Schublade und kontrollierte die Milchtemperatur.
„Bisschen heiß. Soll ich noch etwas kalte Milch draufgießen?“
Isa nickte abwesend. „Lennox, wir müssen reden.“
„Klar doch.“
Lennox bestrich ein Brot mit Erdnussbutter. Dann gingen die beiden nach draußen. Heute ließ sich Isa nicht in die gelbe Hollywoodschaukel fallen, wie sie es sonst immer tat. Isa nahm auf dem Holzstuhl daneben Platz. Die Farbe blätterte ab. Lennox setzte sich auf den Stuhl gegenüber.
„Hier, dein Cappuccino“, murmelte er. Es war ihm klar, dass er sich noch einmal richtig bei Isa entschuldigen musste. Sie war in solchen Dingen total pingelig. Er versuchte, die Worte zurechtzulegen. Er hatte sich gestern Abend wirklich blöd verhalten.
„Lennox, das geht so nicht weiter“, sagte Isa scharf. Sie hielt ihren Kaffeebecher regungslos in den wie zum Gebet gefalteten Händen.
Warum nannte sie ihn jetzt nicht Lenny?
„Du kannst ihn schon trinken. Ich habe noch etwas kalte Milch aufgegossen.“
Isa machte nicht den Anschein, als wäre sie an dem Cappuccino interessiert. Wie immer trug sie ein halbes Dutzend Silberringe. Den mit dem Drachen hatte Lennox ihr geschenkt. Es war ihr Lieblingsring.
„Tut mir wirklich leid, das mit gestern Abend“, murmelte Lennox reumütig. „Das war blöd von mir. Ich hätte vielleicht nicht gehen sollen.“
Isa wartete ab. Lennox wusste nicht, was er noch sagen sollte. Wenn es um Gefühle ging, war er kein großer Redner. Er hoffte, dass Isa etwas sagen würde. Unsicherheit konnte Lennox am Allerwenigsten ertragen.
„Vielleicht?“, fragte Isa spitz und zog die Augenbrauen zusammen.
Lennox schluckte. „Nein, eigentlich sicher nicht. Das war ganz sicher nicht richtig von mir. Es tut mir leid“, antwortete er heiser.
„Lennox, ich mag dich wirklich …“
In Lennox’ Kopf begann sich alles zu drehen. Ich mag dich wirklich, das waren die bescheuertsten Worte, die Isa jemals zu ihm gesagt hatte.
„… Es war eine wunderschöne Zeit mit dir, die beste meines Lebens. Aber irgendwie steckt unsere Beziehung in einer Sackgasse.“
„Sackgasse?“, wiederholte Lennox fassungslos.
„Nox steht zwischen uns.“
„Nein, ganz bestimmt nicht nox“, stammelte Lennox. Nox, das war nicht nur sein Pseudonym als Künstler. Nox, das war seine Mission. Lennox wusste, dass sich manche seiner Projekte am Rande der Legalität bewegten oder darüber hinausragten. Aber er tat es nicht aus Egoismus. Nein, er tat es für die Kunst. Er konnte nox nicht aufgeben.
„Niemals wirst du dich von nox trennen.“
„Du verstehst es also?“, wagte Lennox zu hoffen.
Isa nippte an ihrem Cappuccino. Milchschaum klebte an ihren Lippen. Normalerweise hätte Lennox mit dem Zeigefinger über ihren Mund gestrichen. Heute traute er sich nicht. Es fühlte sich an, als stünde eine Glaswand zwischen ihnen.
„Ja, ich verstehe es.“ Plötzlich begannen Isas Hände zu zittern. Ihre Augen bekamen einen feucht glänzenden Film. Früher hätte Lennox sie einfach in den Arm genommen, aber jetzt hinderte ihn diese unsichtbare Wand daran.
„In deinem Leben gibt es nicht genügend Platz für nox und mich“, sagte Isa. Ihre Stimme klang tapfer, als bräche sie beinahe unter dieser Last zusammen.
„Nein, nein, das stimmt nicht“, versuchte Lennox dagegenzuhalten. „Du bist doch ein Teil von nox. Jonas und du und ich, wir drei zusammen sind nox.“
Isa lachte kurz auf, dann musste sie weinen. Alles hätte Lennox darum gegeben, Isa jetzt in den Arm zu nehmen. Aber er wusste, sie hätte es nicht gewollt. Beklommen wartete er ab.
„Du weißt, dass das nicht wahr ist. Du alleine bist nox. Jonas und ich laufen doch nur mit, sind deine Handlanger.“
Mit aller Kraft versuchte Lennox, die unsichtbare Wand niederzureißen und griff nach Isas Hand. Doch Isa zog sie weg. Alle Schleusen schienen sich zu öffnen und Isa heulte Rotz und Wasser. „Die ganze Zeit habe ich mich auf unsere Abireise gefreut und jetzt sagst du einfach ab.“
„Isa, im Moment geht das einfach nicht. Die Reise wäre eine Lüge für mich. Ich brauche jetzt keinen Urlaub. Aber mir macht es nichts aus, wenn du zusammen mit Jonas fährst.“
Vor Wut bebend verschüttete Isa ihren Cappuccino.
„Unsere ganze Beziehung ist doch eine Lüge“, kreischte Isa. „Du tust so, als ginge es dir um die anderen, dabei bist du der größte Egoist. Alles dreht sich nur um nox. Wie viele Likes hast du denn heute schon bekommen? War die Aktion mit den rosa Gummistiefeln ein Erfolg? Lieben sie dich, nur weil du wieder einmal Robin Hood gespielt hast. Ach was, du spielst nicht einmal Robin Hood, du spielst dich nur auf.“
„Bitte, beruhig dich, Isa.“ Warum kapierte Isa nicht, dass es genügend Platz für sie und nox gab? Sie war doch ein Teil von nox.
„Verdammt noch mal, ich will mich nicht beruhigen. Es ist Schluss! Ich will die Lüge unserer Beziehung nicht aufrechterhalten. Verstehst du, Schluss!“
„Isa, ich liebe dich. Du bedeutest mir alles.“ Jetzt fühlte Lennox auch in seinen Augen Tränen. Er konnte sich nicht dagegen wehren. Er wollte sich nicht dagegen wehren. „Isa, bitte bleib! Ich brauche dich.“
„Aha, es geht also wieder einmal nur um dich“, sagte Isa bitter und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. „Der große Egoist lässt den Samaritermantel fallen.“
„Nein, so ist es nicht. Bitte, du musst mir glauben.“ Lennox schluckte.
„Hör endlich auf, dich anzulügen, Lennox. Du weißt es selbst. Es ist besser, wenn wir uns trennen.“
Isa war aufgesprungen und drehte sich zur Tür.
„Nein, warte!“
Lennox griff nach Isas Handgelenk. Sie durfte nicht gehen. Isa riss ihren Arm los und schrie Lennox an: „Wach endlich auf, Mister nox! Das hat keinen Sinn mit uns.“
Lennox hörte noch das Knallen der Terrassentür. Es klang anders als sonst. Meistens war er es gewesen, der die Tür im Zorn zugeschlagen hatte. Doch bei ihm war es immer ein Hilfeschrei gewesen. Lennox zwang sich, ruhig zu atmen. Am liebsten hätte er sich jetzt schluchzend auf die Hollywoodschaukel verzogen und seinem Selbstmitleid ergeben.
Aber Lennox musste stark sein. Sein nächstes Projekt war im Grunde genommen viel wichtiger als all das kleinbürgerliche Glück. Er wollte nicht wie die Paare werden, die vor lauter Zweisamkeit die Gesellschaft aus den Augen verloren. Benebelt vom eigenen Glück raste die Menschheit auf den Abgrund zu. Warum begriffen die das nicht? Lennox hätte kotzen können vor Zorn. Es gab überhaupt keinen Grund, sich von seinem nächsten Projekt ablenken zu lassen. Wo hatte er die Unterlagen von letzter Nacht liegen lassen? Er musste weiterarbeiten. Das war das Einzige, was zählte. Das Projekt mit den Gummistiefeln hatte nox mittlerweile 15.000 Likes eingebracht und das war erst der Anfang.
Lennox raffte sich auf. Er sah die Skizzen auf seinem Computer an und studierte seine Aufzeichnungen. Doch die Bilder und Buchstaben wollten sich in seinem Kopf nicht zu Inhalten zusammenfügen. Dort drängten sich immer wieder die Gedanken an Isa dazwischen.
Sein Gesicht auf die Hände gestützt, starrte er auf den Computer vor sich. Alles verschwamm zu einem undurchdringlichen Gewirr blauer Linien. Und seine Tränen begannen, diese allmählich aufzulösen.
Anne hatte Torben nicht gesagt, dass sie hierher gehen würde. Torben hätte sich total aufgeführt. Natürlich hätte Anne sich zusammen mit den Jungs sicherer gefühlt, aber das ging nun mal nicht. Anne fühlte sich ohne ihre Bomberjacke und die geliebten Stiefel irgendwie nackt und verwundbar. Sie trug zu ihren Jeans ein Paar unauffällige Sneakers und ein langärmeliges T-Shirt, damit man ihre Tattoos nicht sah.
Normalerweise mied Anne dieses Viertel. Obwohl es ihre Stadt war, fühlte sie sich hier fremd. Sie hasste dieses Gefühl.
Unsicher öffnete Anne die Tür des Dönerladens an der Friesenstraße. Friesen lebten hier bestimmt keine. Anne musste sich zusammenreißen. Sie war hier in einer Undercover-Mission. Die Begegnung mit Göktan Demir hatte Anne auf die Idee gebracht.
Kaum jemand saß an den Tischen. Es war noch zu früh zum Mittagessen. Die Einrichtung sah billig aus, wie zusammengewürfelt. Plastikblumen hingen an den Wänden und Bilder von Sonnenuntergängen in goldenen Rahmen. Der Geruch von gebratenem Fleisch, Zwiebeln und Knoblauch schien aus jeder Ecke des Restaurants zu strömen. Die Musik war grässlich. Der Laden wirkte wie ein drittklassiger Schnellimbiss, nicht wie die Zentrale eines Dönerimperiums.
Anne ging an den Tresen. Ein schmieriger Typ säbelte mit seinem Elektromesser an einem Fleischspieß herum, der sich um sich selbst drehte, als wäre er der Mittelpunkt der Welt. Fleischfetzen fielen herab. Der Typ war so auf seine Arbeit konzentriert, dass er von Anne keine Notiz nahm.
„He“, sagte Anne.
„Mmh“, machte der Typ, ohne Anne anzusehen.
„Ich will den Chef sprechen.“
„Akin, dein Typ wird verlangt“, rief er ohne aufzublicken in den Nebenraum.
„Nein“, sagte Anne.
Jetzt sah er doch hoch, hielt das Elektromesser wie einen Säbel vor sich. „Willst du jetzt den Chef sprechen oder nicht?“
„Ich will Göktan sprechen, Göktan Demir.“
Der Typ pfiff durch die Zähne und ließ das Elektromesser sinken. „Bist du dir sicher?“
„Klar, sonst wäre ich nicht hier.“ Anne fühlte sich unwohl, obwohl sie wusste, dass Göktan sie nicht wiedererkennen würde. Sie war im Halbdunkel gestanden und die Begegnung hatte nur ein paar Sekunden gedauert.
„Hast du einen Termin?“
Anne nickte und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Denke, der Boss kommt in einer halben Stunde. Kannst ja so lange warten. Willst du was essen?“
„Keinen Hunger.“
„Hey, wir sind ein Restaurant, keine Wartehalle.“
Notgedrungen bestellte Anne irgend so ein fieses Süßteil. Sie setzte sich nach hinten. Schräg gegenüber hockten zwei Typen, die offensichtlich nichts zu tun hatten, außer Tee zu trinken. Wenn Torben und die anderen dabei gewesen wären, hätten sie die Sache schnell klarmachen können, aber so war das eine andere Geschichte. Anne hatte das Gefühl, dass diese beiden haarigen Affen immer wieder zu ihr herüberschauten. Beide trugen den üblichen Undercut und penibel gestutzte Bärte.
Ungefragt bekam Anne einen widerlich süßen Tee serviert. Sie rührte das Zeug nicht an. Sie mochte diesen Scheißladen nicht. Ihre Wut kochte hoch. Mit Mühe gelang es ihr, sich zu beherrschen.
Nach einer Dreiviertelstunde, Anne hatte gerade beschlossen, wieder zu gehen, wurde die Tür aufgerissen.
Göktan Demir trat ein. Auch wenn sie ihn nur im Dunklen gesehen hatte, erkannte sie ihn sofort an seinen Bewegungen. Er war bestimmt schon fünfzig und sein Gesicht von markanten Furchen durchzogen. Es war klar, dass Göktan hier der König war. Er schien den ganz Raum auszufüllen. Der Typ hinter dem Tresen verbeugte sich und selbst die beiden Gorillas schienen zu schrumpfen.
Der Typ am Tresen flüsterte Göktan etwas zu, dabei vermied er es, seinem Chef in die Augen zu blicken. Er deutete auf Anne und dann sah Göktan sie an. Es war ein unangenehmer Blick, zwingend, als wollte er in sie hineinschauen, und sie konnte nichts dagegen tun. Warum hatte Torben die anderen davon abgehalten, das Arschloch so richtig fertigzumachen? Der hätte überhaupt keine Chance gehabt, seine scheiß Knarre zu ziehen. Aber darum ging es jetzt gar nicht.
Wortlos kam Göktan auf sie zu. Anne fühlte sich von seinem Blick wie auf den Stuhl getackert. Jetzt stand er ganz dicht vor ihr. Sie roch sein aufdringliches Aftershave. Normalerweise wäre Anne wütend aufgesprungen und hätte dabei den Tisch umgestürzt und dann einfach zugetreten. Aber sie war hier in einer Mission und außerdem machte ihr der Typ Angst. Sonst hatte Anne nie Angst. Diesmal fühlte es sich anders an.
„Ja?“, sagte Göktan als wäre das eine ausreichend formulierte Frage. Dabei sah er sie so herablassend an, als wäre er an einer Antwort nicht wirklich interessiert.
Annes Wut und Hass kämpften alle Vernunftbedenken nieder. „Ich muss Sie unter vier Augen sprechen“, forderte sie rotzig.
Göktans Blick zuckte, als hätte er diese Antwort bestimmt nicht erwartet. Die beiden Gorillas am Tisch nebenan ließen sie keinen Moment aus den Augen. Sie warteten nur auf das kleinste Zeichen ihres Chefs.
Anne schob sich mit den Füßen ein paar Zentimeter nach hinten. Sie war immer noch zwischen Wand und Tischplatte eingekeilt, aber sie schaffte es, sich herauszuwinden und erhob sich. Sie hielt Göktans Blick auf Augenhöhe stand. Die beiden Gorillas sprangen auf. Einer riss seinen Stuhl um. Der Typ hinter dem Tresen hielt sein ratterndes Elektromesser in die Luft.
„Komm mit“, sagte Göktan zu Anne und deutete mit seinem Kinn auf den kleinen Gang, der zu den Toiletten führte.
Ohne Anne eines weiteren Blicks zu würdigen, ging Göktan voraus. Anne folgte ihm. In dem Gang waren bis unter die Decke Kisten mit Lebensmitteln geschichtet. Die beiden Gorillas kamen hinterher. Jetzt konnte Anne nicht mehr umdrehen. Sie musste es durchziehen.
Göktan führte Anne in einen Raum, der wohl ein Büro sein sollte. Auch hier stapelten sich Unmengen an Kisten. In der Mitte stand ein Schreibtisch mit goldverzierten Marmorsäulen als Beine. Auf der dunklen Holzplatte mit Schnitzereien lagen verstreut Dokumente. Es war keine Ordnung darin zu erkennen. Göktan nahm auf dem wuchtigen Stuhl hinter dem Schreibtisch Platz. Er wies Anne den Besucherschemel zu, der ihr die Rolle der Bittstellerin gänzlich klarmachen sollte. Die beiden Gorillas warteten vor dem Büro.
„Und?“, fragte Göktan. „Ich höre.“
Anne schluckte. Sie konnte mit Wut umgehen, aber Reden war nicht so ihr Ding. „Ich brauche Stoff“, spuckte sie rotzig hervor.
Ohne eine Miene zu verziehen, sagte Göktan: „Da musst du die Straße hinuntergehen. Vor der großen Kreuzung links ist ein Stoffladen. Die verkaufen alles, Vorhangstoffe, Stoffe für Kleider, Tischdecken, was du eben brauchst.“
Die Antwort brachte Anne total aus dem Konzept. „Sie wissen schon, was ich meine. Ich will Drogen kaufen.“
Göktan begann schallend zu lachen. „Mädchen, da bist du hier komplett falsch. Ich verkaufe nur Döner, meiner Meinung nach die besten der Stadt. Du solltest besser keine Drogen nehmen. Es wäre schade um dich. Und jetzt verschwinde! Ich muss arbeiten.“
Die beiden Gorillas rissen die Tür auf. Unsicher schraubte sich Anne von dem Schemel empor. Sie stand noch einen Moment herum, aber sie wusste, dass sie es versaut hatte. Schließlich ging sie, ohne ein weiteres Wort zu sagen.
Natürlich würde Göktan seine Männer auf sie ansetzen. Auf dem Heimweg wechselte sie vier Mal die S-Bahn, bis sie sicher war, dass ihr niemand mehr folgte. Wie hatte sie so naiv sein können zu glauben, dass sie bei Göktan reinspazieren und Drogen kaufen könnte?
Natürlich musste Lennox den ganzen Tag an Isa denken, aber er wollte es nicht zulassen. Verbissen stürzte er sich in seine Arbeit. Verdammt, er brauchte Ideen für ein neues Projekt. Immer wieder tigerte er durch das leere Haus, machte sich einen Espresso nach dem anderen, setzte sich an seinen Computer, zwang sich nachzudenken, wollte alle Ideen aufschreiben, selbst wenn sie noch so dämlich waren, aber da war nichts, rein gar nichts. Das war alles nur gequirlter Mist, was durch seinen Kopf ging. Nein, er würde nicht an Isa denken.
Erst als es dunkel wurde, konnte sich Lennox besser konzentrieren. Der Bildschirm seines Notebooks war die einzige Lichtquelle im ganzen Haus. Er hatte das Wifi deaktiviert. Das machte er immer so, wenn er sich konzentrieren musste. Und so allmählich schälte sich eine erste Idee aus dem Durcheinander seiner Gedanken. Dann gesellte sich eine zweite dazu und eine dritte. Es war noch nichts Brauchbares dabei, aber Lennox wusste, er musste weitermachen. Als er das nächste Mal auf die Uhr blickte, war es schon weit nach Mitternacht und Lennox dachte nicht daran aufzuhören. Jetzt war er im Flow. Er nahm sich nicht einmal die Zeit noch einen Espresso zu machen.
