Die Schlange - Laura Martens - E-Book

Die Schlange E-Book

Laura Martens

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Beschreibung

Dr. Baumann ist ein echter Menschenfreund, rund um die Uhr im Einsatz, immer mit einem offenen Ohr für die Nöte und Sorgen seiner Patienten, ein Arzt und Lebensretter aus Berufung, wie ihn sich jeder an Leib und Seele Erkrankte wünscht. Seine Praxis befindet sich in Deutschlands beliebtestem Reiseland, in Bayern, wo die Herzen der Menschen für die Heimat schlagen. Der ideale Schauplatz für eine besondere, heimatliches Lokalkolorit vermittelnde Arztromanserie, die ebenso plastisch wie einfühlsam von der beliebten Schriftstellerin Laura Martens erzählt wird. Dr. Eric Baumann fuhr in die Auffahrt seines Hauses. Er hatte an diesem Wochenende Dienst und war bereits um sieben Uhr zu Frau Stecker gerufen worden, die einen schweren Angina-pectoris-Anfall gehabt hatte. Am liebsten hätte er sie ins Krankenhaus eingewiesen, aber die alte Frau hatte sich dem hartnäckig widersetzt. Ihr Mann war vor einigen Jahren während einer Operation gestorben. Seitdem haßte sie Krankenhäuser. »Ich werde gut auf meine Mutter aufpassen«, hatte ihm Wolfgang Strecker versichert. »Machen Sie sich keine Sorgen, Doktor Baumann. Falls es ihr schlechtergehen sollte, rufe ich Sie sofort an.« Eric wußte, daß er sich auf den Bauern verlassen konnte. Trotzdem machte er sich Sorgen, andererseits konnte er seine Patientin nicht gegen ihren Willen ins Krankenhaus einweisen lassen. Kaum hatte der Arzt vor seinem Haus gehalten, rannte ihm auch schon Franzl entgegen. Aus der Schnauze des Hundes ragte eine ganze Salami. Schwanzwedelnd setzte er sich einen Meter vom Wagen entfernt auf sein Hinterteil, um Eric herausfordernd die Wurst zu präsentieren. Es wirkte, als würde er grinsen. »Sieht aus, als hättest du geklaut, Franzl«, meinte Dr. Baumann und griff nach der Wurst. »Du weißt genau, daß du das nicht sollst.«

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Seitenzahl: 117

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Der Arzt vom Tegernsee – 48 –Die Schlange

Laura Martens

Dr. Eric Baumann fuhr in die Auffahrt seines Hauses. Er hatte an diesem Wochenende Dienst und war bereits um sieben Uhr zu Frau Stecker gerufen worden, die einen schweren Angina-pectoris-Anfall gehabt hatte. Am liebsten hätte er sie ins Krankenhaus eingewiesen, aber die alte Frau hatte sich dem hartnäckig widersetzt. Ihr Mann war vor einigen Jahren während einer Operation gestorben. Seitdem haßte sie Krankenhäuser.

»Ich werde gut auf meine Mutter aufpassen«, hatte ihm Wolfgang Strecker versichert. »Machen Sie sich keine Sorgen, Doktor Baumann. Falls es ihr schlechtergehen sollte, rufe ich Sie sofort an.«

Eric wußte, daß er sich auf den Bauern verlassen konnte. Trotzdem machte er sich Sorgen, andererseits konnte er seine Patientin nicht gegen ihren Willen ins Krankenhaus einweisen lassen.

Kaum hatte der Arzt vor seinem Haus gehalten, rannte ihm auch schon Franzl entgegen. Aus der Schnauze des Hundes ragte eine ganze Salami. Schwanzwedelnd setzte er sich einen Meter vom Wagen entfernt auf sein Hinterteil, um Eric herausfordernd die Wurst zu präsentieren. Es wirkte, als würde er grinsen.

»Sieht aus, als hättest du geklaut, Franzl«, meinte Dr. Baumann und griff nach der Wurst. »Du weißt genau, daß du das nicht sollst.« Franzl sah so treuherzig zu ihm auf, daß er Mühe hatte nicht zu lachen. »Na, gib mir die Wurst.«

Mit einem tiefen Seufzer ließ Franzl die Wurst fallen.

»Braver Hund.« Eric hob die Samali auf und tätschelte den Kopf des Hundes. »Komm ins Haus, dann werde ich dir ein Stückchen von deiner Beute geben.«

Katharina Wittenberg, die langjährige Haushälterin des Arztes, schaute ihnen grimmig entgegen. »Ich hatte die Wurst auf die Anrichte gelegt und mich nur einen Augenblick umgedreht«, berichtete sie. »Das Fell sollte ich dir gerben, du Lump!« Sie drohte Franzl mit der Hand.

Franzl legte sich ihr zu Füßen und schob seine Schnauze unter die Vorderpfoten.

»Nun schau sich einer diesen Heuchler an.« Eric schnitt ein Stückchen Wurst ab und warf es Franzl zu. Blitzschnell schnappte der Hund danach und kaute genüßlich. »Am besten, du verfütterst die Wurst nach und nach an ihn, Katharina. Wir können sie ja ohnehin nicht mehr essen«, meinte er und trat an den Spülstein, um sich die Hände zu waschen.

»Der Kaffee und die Croissants sind fertig.« Katharina legte die Wurst in die Speisekammer und schenkte Kaffee ein. Dr. Baumann wollte schon nach seinem Becher greifen, als das Telefon klingelte. »Sieht nicht aus, als würdest du heute viel zur Ruhe kommen«, bemerkte seine Haushälterin mißbilligend. »Laß nur, ich gehe ans Telefon. Du solltest in der Zwischenzeit wenigstens etwas trinken, Eric.« Eilig verließ sie die Küche.

Eric griff nach einem Croissant. Er beobachtete Franzl, der, nachdem er die Wurst verspeist hatte, sich nun über sein Trockenfutter hermachte. Mit den Gedanken war er nach wie vor bei Frau Strecker, die er sehr mochte. Er wußte, daß es ihr sehnlichster Wunsch war, ihren Sohn endlich verheiratet zu sehen, doch für einen Bauern war es nicht leicht, eine Frau zu finden. Wer wollte schon auf dem Land arbeiten?

Katharina kehrte in die Küche zurück. »Marion Sommer hat angerufen«, sagte sie. »Ihre Mutter hat starke Arthroseschmerzen und zudem einen heftigen Asthmaanfall.«

Der Arzt stand auf. Im Stehen stürzte er den Rest des Kaffees hinunter, rief Katharina einen Abschiedsgruß zu und eilte zu seinem Wagen.

Die Sommers hatten schon zu den Patienten seines verstorbenen Vaters gehört. Sie wohnten in Rottach-Egern, ganz in der Nähe der Mergenthalers. Eric wußte, wenn sie um einen Krankenbesuch baten, mußte es wirklich schlimm sein. Anderenfalls hätte Marion ihre Mutter zu ihm in die Praxis gebracht. Bisher hatten sie ihn noch nie leichtfertig gerufen.

Helga Sommer war erst vor kurzem fünfzig geworden. Sie besaß eine Reinigung, in der sie allerdings nicht mehr arbeiten konnte, weil die Chemikalien, die dort benutzt wurden, ihr Asthma verschlimmerten. Ihr Mann war vor drei Jahren bei einem Autounfall tödlich verunglückt.

Von Tegernsee nach Rottach-Egern war es nicht allzu weit. Als Doktor Baumann in die Salzerstraße einbog, sah er Jens Mergenthaler, der vom Bäcker kam. Der Bub winkte ihm fröhlich zu.

»Guten Morgen, Doktor Baumann«, wünschte ihm Gisela Feil, eine der beiden Frauen, die für die Sommers arbeiteten, kaum, daß er vor der Reinigung gehalten hatte. Ohne seine Erwiderung abzuwarten, betrat sie das Geschäft.

Der Eingang zur Wohnung lag seitlich des Hauses. Eine schmale Treppe führte zu ihm hinauf. Eilig stieg er sie hoch und wollte bereits klingeln, als ihm eine blonde, junge Frau die Haustür öffnete.

»Gut, daß Sie so schnell gekommen sind, Doktor Baumann«, meinte Marion Sommer und reichte ihm die Hand.

Max, eine braune Promenadenmischung, streckte neugierig den Kopf durch die Küchentür und wedelte freudig mit der Rute. Dr. Baumann rief dem kleinen Hund einen Gruß zu und stieg die Treppe zum Schlafzimmer seiner Patientin hinauf.

Helga Sommer saß keuchend in ihrem Bett. Auf ihrer Stirn hatte sich kalter Schweiß gebildet. Bei jedem Atemzug röchelte sie. In ihren dunklen Augen stand eine unvorstellbare Angst, für die Eric durchaus Verständnis hatte. Der Erstickungstod gehörte wohl zu dem Schlimmsten, was einem Menschen widerfahren konnte. Er wußte, daß jeder Asthmakranke mit der Angst lebte, eines Tages keine Luft mehr zu bekommen.

»Es wird Ihnen gleich bessergehen, Frau Sommer«, versuchte er, seine Patientin zu beruhigen, und stellte seine Tasche in einen Sessel.

»Als meine Mutter aufstehen wollte, war alles noch in Ordnung«, sagte Marion. »Der Anfall ist ganz plötzlich gekommen. Nicht einmal das Spray hat etwas gebracht.«

»Es war völlig richtig, daß Sie mich angerufen haben«, versicherte der Arzt und zog eine Spritze auf. »Keine Angst, Frau Sommer, gleich werden Sie besser atmen können.« Vorsichtig injizierte er das Medikament in den Arm der Kranken.

Es dauerte ein paar Minuten, bis es zu wirken begann, aber schon, als sie den Einstich gespürt hatte, schien Helga Sommer leichter atmen zu können. Allein schon der Gedanke, daß man ihr helfen wollte, nahm ihr etwas von ihrer Angst und löste die Verkrampfung. Ihr Gesicht begann sich zu entspannen.

Dr. Baumann wartete, bis er ganz sicher sein konnte, daß der Asthmaanfall vorbei war, dann gab er der Kranken noch eine Injektion gegen ihre Arthroseschmerzen und verabschiedete sich von ihr.

»Am besten, Sie bleiben noch ein wenig liegen, Frau Sommer«, riet er. »Was immer Sie tun wollten, es hat Zeit.« Er reichte Marion das Rezept, das er in der Zwischenzeit ausgeschrieben hatte. »Bei den Tropfen handelt es sich um ein neues Medikament gegen Arthrose. Wir müssen abwarten, ob es helfen wird. Auf jeden Fall kann es auch von Asthmakranken genommen werden.«

»Auf Wiedersehen, Doktor Baumann.« Helga Sommer schloß erschöpft die Augen. »Ein schönes Wochenende.«

»Ihnen auch, Frau Sommer.« Zusammen mit der jungen Frau verließ Dr. Baumann das Schlafzimmer.

»Danke, daß Sie so schnell gekommen sind«, sagte Marion, als sie die Treppe hinunterstiegen.

»Das ist selbstverständlich gewesen.« Eric drückte ihre Hand. »Machen Sie sich keine Sorgen um Ihre Mutter.« Er beugte sich zu Max hinunter, der schwanzwedelnd am Fuß der Treppe stand. »Na, du Bursche, du siehst ja so unternehmungslustig aus.«

»Heute morgen wäre Max fast vom Hund der Siebrands gebissen worden«, erzählte Marion. »Ich verstehe Frau Siebrands nicht. Sie weiß, wie gefährlich ihr Schäferhund ist, trotzdem hatte sie ihn erneut ihrem zehnjährigen Sohn Peter anvertraut. Wir hatten nur Glück, daß Peter die Hundeleine gerade noch rechtzeitig um einen Laternenpfahl schlingen konnte, sonst hätte sich Andy auf Max gestürzt.«

»Ich weiß auch nicht, weshalb manche Leute so unvernünftig sind«, erwiderte der Arzt aufseufzend. Es war nicht die erste Klage, die er über den Hund der Siebrands hörte. Andy schien in jedem Rüden, gleich welcher Größe, einen Feind zu sehen. Selbst Christine Siebrands hatte Mühe, ihren Hund zu bändigen. Im Grunde genommen gehorchte Andy nur ihrem Mann, den man nur selten zu Gesicht bekam.

Dr. Baumann war kaum weggefahren, als die Postfrau klingelte. Marion nahm die Post entgegen und schaute sie im Treppenhaus durch. Es war auch ein Brief für ihre Mutter dabei. Die junge Frau brachte ihn nach oben.

»Jutta Lambrecht hat dir geschrieben«, sagte sie, als sie der Kranken den Brief reichte. Sie wußte, daß es sich bei Jutta um die Tochter einer verstorbenen Schulfreundin ihrer Mutter handelte, die in Stuttgart lebte. Ihre Mutter hatte Jutta schon mehrmals nach Rottach-Egern eingeladen. Bis jetzt hatte es nie geklappt.

»Fein.« Helga Sommer riß den Umschlag auf und zog den Brief heraus. »Arme Jutta«, bemerkte sie nach einer Weile. »Sie hat ihre Arbeit verloren, und ihr Freund hat sie auch noch verlassen. Jutta möchte wissen, ob sie für ein paar Wochen zu uns kommen könnte.«

»Du wolltest immer, daß sie uns einmal besucht«, meinte Marion. »Am besten, du rufst sie nachher an und lädst sie ein.« Sie setzte sich auf das Bett ihrer Mutter. »Es wäre schön für dich, etwas Gesellschaft zu haben. Du bist viel zuviel allein.«

»Ja, das ist wahr.« Helga lächelte ihrer Tochter zu. »Kannst du mir eine Tasse Kaffee bringen, bevor du in die Reinigung hinuntergehst? Ich weiß, ich sollte lieber Früchtetee trinken, nur ein Laster muß der Mensch doch haben.«

»Ich brüh gleich Kaffee auf«, versprach Marion und verließ das Schlafzimmer. Tief in Gedanken stieg sie die Treppe hinunter. Sie hoffte, daß Juttas Gesellschaft ihrer Mutter wohl tun würde. Vielleicht würde die junge Frau es sogar schaffen, ihre Mutter zu bewegen, ab und zu etwas zu unternehmen. Dr. Baumann hatte seiner Patientin erst vor einigen Wochen geraten, viel spazierenzugehen. Sie hielt sich nicht an diesen Rat und war der Meinung, je weniger sie sich bewegte, um so besser würde es sein.

*

Florian Mergenthaler war in München bei der Hauptniederlassung der Bank gewesen, für die er in Tegernsee arbeitete. Als er kurz vor halb fünf sein Büro betrat, wartete bereits seine Sekretärin auf ihn. Ihre Augen glänzten.

»Der Verein ›Menschen helfen Tieren‹ hat angerufen«, sagte sie aufgeregt. »Es handelt sich um eine Lesung.« Sie reichte ihm die Telefonnummer.

»Um eine Lesung?« wiederholte Florian Mergenthaler skeptisch. Er legte seine Aktenmappe auf den Tisch. »Was für eine Lesung? Ich gehöre nicht einmal diesem Verein an.«

Seine Sekretärin hob die Schultern. »Bitte, rufen Sie gleich an«, bat sie. »Ich bin so gespannt.« Brigitte Zange, von den meisten Menschen in ihrer Umgebung auch Beißzange genannt, stützte sich mit beiden Händen auf den Schreibtisch ihres Chefs. »Es kann nur etwas Gutes bedeuten.«

»Hört sich jedenfalls so an.« Florian griff nach dem Telefon und wählte die Nummer des Vereins. Ihm wäre es zwar lieber gewesen, Brigitte Zange hätte sein Büro verlassen, so daß er in aller Ruhe telefonieren konnte, er brachte es jedoch nicht fertig, sie darum zu bitten. Er wußte, wie sehr sie seine dichterische Arbeit unterstützte.

Eine Frau Wolff meldete sich. »Fein, daß Sie zurückrufen, Herr Mergenthaler«, sagte sie. »Am Samstag in einer Woche veranstalten wir für unsere Mitglieder wie jedes Jahr eine kleine Feier, zu der auch einheimische Künstler eingeladen werden. Ich weiß, es ist ziemlich kurzfristig, und Sie wären eigentlich erst im nächsten Jahr an der Reihe gewesen, aber Margot Wollmer, die aus ihren Kurzgeschichten lesen wollte, ist leider verhindert. Wir haben uns überlegt, ob Sie nicht einspringen könnten.«

Also nur die zweite Wahl, dachte Florian in einem Anflug von Ärger, der jedoch nicht lange anhielt. Frau Wolff hatte ja gesagt, daß im nächsten Jahr eine Einladung an ihn ergangen wäre. »Ich helfe Ihnen gern«, erwiderte er.

»Das freut mich, Herr Mergenthaler.« Frau Wolff atmete auf. »Allerdings…« Sie zögerte einen Moment, bevor sie fortfuhr: »Wir können Ihnen kein Honorar zahlen. Unser Verein ist auf Spenden angewiesen. Es geht ja auch um einen guten Zweck.«

»Da es sich um einen Tierschutzverein handelt, hätte ich sowieso kein Honorar verlangt«, versicherte Florian.

»Danke. Wir erwarten Sie um fünfzehn Uhr im großen Saal des Hotels Wörner«, sagte Frau Wolff. »Es wird bestimmt nicht nur für Sie, sondern auch für Ihre Familie ein schöner Nachmittag werden. Unter anderem gibt es auch eine Tombola und ein Kuchenbüfett.«

Kaum hatte der Kreditsachbearbeiter aufgelegt, drückte Brigitte Zange auch schon seine Hand, um ihm freudestrahlend zu gratulieren. »Wie es aussieht, werden Ihre Gedichte sehr geschätzt. Ich habe von Anfang an gewußt, daß der große Durchbruch eines Tages kommen wird. Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr ich mich für Sie freue.«

»Danke, Frau Zange.« Florian glaubte zu schweben. Er dichtete seit seiner Kindheit, hatte jedoch jahrelang nur für die Schublade geschrieben. Brigitte Zange hatte ihn monatelang regelrecht angefleht, an die Öffentlichkeit zu gehen. Im vergangenen Jahr hatte sie heimlich eines seiner Gedichte zu einem Wettbewerb eingereicht. Er hatte es selbst kaum fassen können, als ihm der erste Preis zuerkannt worden war.

An diesem Nachmittag konnte Florian kaum den Feierabend erwarten, um seiner Familie von der Lesung zu erzählen. Seine Tochter Jessica war die erste, der er begegnete. Sie kam von ihrer Freundin Susanne.

»Ich habe mein Meerschweinchen bei Susi gelassen«, sagte sie. »Flips soll heute mal bei ihr übernachten. Er verträgt sich prima mit Susis Purzel.«

Wäre Florian Mergenthaler mit den Gedanken nicht so bei der Lesung gewesen, hätte er besser auf das geachtet, was seine Tochter sagte, so meinte er nur: »Schön, schön, Jessi«, und strich ihr durch die Haare. »Kannst du dir vorstellen, daß ich Samstag in einer Woche im Hotel Wörner aus meinen Gedichten lesen soll?«

»Vor einer Menge Leute, wie letztes Jahr bei der Tagung der Bäckervereinigung, Papa?« Jessicas Augen begannen zu strahlen.

»Ja, vor sehr vielen Leuten.«

»Prima, Papa.« Die Achtjährige rannte ins Haus, um diese Neuigkeit den anderen zu verkünden.

Olga Mergenthaler kam ihrem Sohn im Treppenhaus entgegen. Impulsiv umarmte sie ihn. »Ich wußte immer, was in dir steckt, Florian«, sagte sie. »Du glaubst nicht, wie sehr ich mich freue, daß es langsam auch die anderen Leute erkennen.« Sie wandte sich ihrem sechzehnjährigen Enkel Jens zu, der den Kopf aus der Wohnzimmertür steckte. »Hast du schon gehört, dein Vater wird nächste Woche im Hotel Wörner lesen.«

»Ja, habe ich«, erwiderte der Bub. »Tut mir leid, Papa, ich habe an dem Samstag keine Zeit. Da bin ich mit meinen Freunden verabredet.«

»Als wenn du so eine Verabredung nicht verschieben könntest, Jens«, meinte Florian mißbilligend.