Die Schloss-Schwestern: Sturmwindherz - Liv Helland - E-Book

Die Schloss-Schwestern: Sturmwindherz E-Book

Liv Helland

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Beschreibung

Drei entfremdete Schwestern, eine gemeinsame Herausforderung – der Auftakt zur romantischen Schloss-Schwestern-Trilogie.  Wenn ein Sturm aufzieht … Niemals wollte Ebba zurück in ihre Heimat Ostfriesland. Nach dem Unfalltod ihrer Eltern hat es sie und ihre beiden Schwestern in alle Winde verstreut. Doch dann erben sie von ihrem Großvater ein altes Wasserschloss. Einzige Bedingung: Sie müssen dort für drei Monate zusammenleben. Als Ebba bei der Testamentseröffnung unerwartet ihrer Jugendliebe Cord gegenübersteht, stürmen lange verdrängte Gefühle auf sie ein. Wenn der Wind sich dreht … Während ihre Schwestern die gemeinsame Zeit auf Schloss Süderholt so schnell wie möglich hinter sich bringen wollen, sieht Levke darin eine Chance. Vielleicht kann hier ihr gebrochenes Herz endlich heilen und sie ein neues Zuhause finden? Um ihr Ziel zu erreichen, muss sie sich mit Denkmalschützer Theo auseinandersetzen, zu dem sie sich unerwartet hingezogen fühlt.  Riskierst du dein Herz … Auch Marie, die jüngste der Schwestern, kehrt nur widerwillig an die Nordseeküste zurück, zu weh tun ihr die Erinnerungen, die sie damit verbindet. Um sich abzulenken, versucht sie, das Rätsel um die ungewöhnliche Erbschaft zu lüften. Dafür braucht sie ausgerechnet die Hilfe des wortkargen Wattführers Noah, einem Mann, der sie mehr herausfordert, als ihr lieb ist.  Wohlfühl-Liebesromane mit viel Nordsee-Flair: perfekte eskapistische Lektüre zum Fallenlassen mit Happy-End-Garantie. Die Fortsetzungen «Dünensommerliebe» und «Strandhaferkuss» erscheinen im Frühjahr 26.

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Seitenzahl: 418

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Liv Helland

Die Schloss-Schwestern: Sturmwindherz

Roman

 

 

 

Über dieses Buch

Wenn ein Sturm aufzieht …

 

Niemals wollte Ebba zurück in ihre Heimat Ostfriesland. Nach dem Unfalltod ihrer Eltern hat es sie und ihre beiden Schwestern in alle Winde verstreut. Doch dann erben sie von ihrem Großvater ein altes Wasserschloss. Einzige Bedingung: Sie müssen dort für drei Monate zusammenleben. Als Ebba bei der Testamentseröffnung unerwartet ihrer Jugendliebe Cord gegenübersteht, stürmen lange verdrängte Gefühle auf sie ein.

 

Wenn der Wind sich dreht …

 

Während ihre Schwestern die gemeinsame Zeit auf Schloss Süderholt so schnell wie möglich hinter sich bringen wollen, sieht Levke darin eine Chance. Vielleicht kann hier ihr gebrochenes Herz endlich heilen und sie ein neues Zuhause finden? Um ihr Ziel zu erreichen, muss sie sich mit Denkmalschützer Theo auseinandersetzen, zu dem sie sich unerwartet hingezogen fühlt.

 

Riskierst du dein Herz …

 

Auch Marie, die jüngste der Schwestern, kehrt nur widerwillig an die Nordseeküste zurück, zu weh tun ihr die Erinnerungen, die sie damit verbindet. Um sich abzulenken, versucht sie, das Rätsel um die ungewöhnliche Erbschaft zu lüften. Dafür braucht sie ausgerechnet die Hilfe des wortkargen Wattführers Noah, eines Mannes, der sie mehr herausfordert, als ihr lieb ist.

 

Drei entfremdete Schwestern, eine gemeinsame Herausforderung – der große Auftakt zur Schloss-Schwestern-Trilogie.

Vita

Liv Helland liebte schon immer das Meer, deshalb spielten dort viele der Geschichten, die sie sich als Kind gerne ausdachte. Sie studierte deutsche und englische Literatur und arbeitete als Journalistin und Übersetzerin, bevor sie das Bücherschreiben für sich entdeckte. An die Nordsee und nach Ostfriesland zieht es sie immer wieder, und dass es in Ostfriesland Schlösser gibt, hat sie besonders fasziniert. Daraus entstand die Geschichte um drei Schwestern, die gemeinsam ein Wasserschloss erben. Die beiden Fortsetzungen «Dünensommerliebe» und «Strandhaferkuss» erscheinen in kurzem Abstand mit dem Frühjahrsprogramm 2026.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Dezember 2025

Copyright © 2025 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

Redaktion Anne Fröhlich

Covergestaltung ZERO Werbeagentur, München

Coverabbildung Shutterstock

ISBN 978-3-644-02366-6

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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EBBA –

Die Vernünftige, wirkt auf den ersten Blick kühl und beherrscht, doch ihre grauen Augen sind unergründlich wie die Nordsee bei Sturm. Als sie wieder oben auf dem Deich steht, spürt sie, dass sie nicht mehr vor den Schatten ihrer Vergangenheit davonlaufen kann.

LEVKE –

Die Sanfte, versucht stets zu vermitteln und im Streit mit ihren Schwestern die Wogen zu glätten. Doch als es um Schloss Süderholt geht, steht sie plötzlich im Gegenwind und muss kämpfen: um ihr neues Zuhause und die Zukunft, die sie sich erträumt.

MARIE –

Die Freiheitsliebende, ist mit ihrem verbeulten VW-Bulli Otto überall in der Welt unterwegs. Nur nicht an der ostfriesischen Küste, wo schmerzhafte Erinnerungen warten. Nun muss sie sich ihnen stellen, um dem Geheimnis des Schlosses auf den Grund zu gehen.

Schwestern sind verschiedene Blumen aus demselben Garten.

(Verfasser unbekannt)

Prolog

Ein Klopfen hallte durch das alte Kapitänshaus und schreckte Cord Matthiesen aus seinen Gedanken. Draußen war es dun kel geworden, ohne dass er es bemerkt hatte, und der Schein seiner Schreibtischlampe bildete eine Insel des Lichts, die die Schatten in den Ecken des Raumes noch schwärzer machte.

Er blickte auf seine Armbanduhr und stellte überrascht fest, dass es schon halb neun war. Mein Gott, er hatte die Zeit ganz vergessen, war regelrecht in den Akten versunken, die er noch durcharbeiten musste. Das passierte ihm in den letzten Wochen häufiger, als gut für ihn war.

Wahrscheinlich lag es daran, dass er nach seiner Rückkehr in die kleine Wohnung über der Kanzlei gezogen war. Das machte die Wege kurz, aber auch die Versuchung groß, nach Büroschluss einfach weiterzuarbeiten. Es gab schließlich genug zu tun. Er musste sich einlesen in die Fälle seines Vaters, von denen er die meisten würde übernehmen müssen …

Müde reckte er sich und stand auf, um das große Deckenlicht einzuschalten. Doch auf dem Weg zur Tür vernahm er das Klopfen erneut und hielt inne. Diesmal war es deutlich lauter, und er begriff, dass er sich eben nicht verhört hatte. Da stand offenbar jemand vor der Kanzlei und hämmerte mit der Faust gegen die alte Haustür.

Cord fragte sich, warum die Person nicht einfach den Klingelknopf betätigte, der sich gut sichtbar neben der Tür befand, genau wie das Schild mit den Bürozeiten, dem man entnehmen konnte, dass die Kanzlei seit über einer Stunde geschlossen war.

Das Hämmern ertönte erneut, diesmal noch lauter und länger.

«Ja, verdammt, ich komm ja!», brummte Cord und nahm auf dem Weg in den Flur wieder die Geräusche von draußen wahr, die er während der letzten Stunde am Schreibtisch ausgeblendet hatte: den heulenden Wind, der schon den ganzen Tag an den Fensterrahmen rüttelte und den endlosen Regen gegen die Scheiben peitschte.

Wenn man dem Wetterbericht glauben durfte, dann waren es Vorboten der ersten Sturmflut der Saison, die Süderholt im Laufe der Nacht treffen würde. Es war erst Anfang Oktober, aber über der Nordsee braute sich schon seit Tagen etwas zusammen. Nun waren die Fluttore am Hafen geschlossen, und die Leute im Ort wappneten sich und hofften, dass die Deiche das Schlimmste verhindern würden. Bei so einem Wetter blieb man zu Hause und ging nur raus, wenn es unbedingt sein musste. Aber das galt offenbar nicht für den abendlichen Besucher, der immer noch klopfte.

Auf dem Weg zur Haustür kam Cord am verwaisten Empfang vorbei, wo sonst die Kanzleisekretärin Lena Goosen saß und sich um die Termine und die Akten kümmerte. Sie war schon nach Hause gegangen, und auch Cords Vater Hinnerk war nicht mehr da, er hatte sich schon am frühen Nachmittag verabschiedet, um einen wichtigen Termin in der Klinik in Emden wahrzunehmen. Cord war allein im Haus, und ganz kurz beschlich ihn ein mulmiges Gefühl.

Doch als er an dem großen Spiegel neben der Garderobe vorbeikam und einen Blick hineinwarf, beruhigte er sich wieder. Herrgott, er war jung, erst neunundzwanzig Jahre alt, und fast eins neunzig groß. Außerdem hatte ihm das Kitesurfen, dem er sich im Sommer gerne widmete, eine athletische Statur beschert. Er konnte es also vermutlich aufnehmen mit dem oder der Unbekannten vor der Tür.

«Hinnerk, verdammt, nun mach schon auf!», rief eine Männerstimme von draußen, als Cord sich der Haustür näherte. «Ich sehe Licht, also bist du da! Mach auf!»

Cord öffnete die Tür und sah, dass ein Mann davorstand, der um die achtzig sein musste, mit grauen Haaren und einem grauen Vollbart. Er trug olivgrüne Gummistiefel, eine hellbraune Hose und gelbes Ölzeug, und er hatte einen in eine Plastiktüte gewickelten eckigen Gegenstand unter dem Arm. Mit einer Hand hielt er seine dunkelblaue Seglermütze fest, die ihm der Sturm sonst vom Kopf geweht hätte.

In seinen wasserblauen Augen blitzte Überraschung auf, dann erschien ein Ausdruck der Enttäuschung auf seinem wettergegerbten, faltigen Gesicht.

«Du?», rief er Cord über das Tosen des Windes zu. «Was tust du denn hier?»

«Jörn Jensen!», entfuhr es Cord. Er hatte Ebbas Großvater sofort erkannt, und die Erinnerung an Ebba durchzuckte ihn so unerwartet schmerzhaft, dass er einen Moment brauchte, um sich davon zu erholen.

Er bedeutete Jörn hereinzukommen und schloss hastig die Tür gegen das schlechte Wetter. Einen Moment später standen sie sich im Eingangsbereich der Kanzlei gegenüber.

«Na, da hol mich doch …!» Der alte Jensen starrte Cord an wie eine Erscheinung. «Du bist wieder in Süderholt? Ich dachte, du machst jetzt Karriere in Hamburg.»

«Ich bin seit einem Monat zurück und unterstütze meinen Vater in der Kanzlei», erwiderte Cord ein wenig steif, und er verdrängte den Gedanken daran, was er dafür hatte zurücklassen müssen.

«Wo ist Hinnerk denn?», wollte Jörn wissen. «Ich muss etwas mit ihm besprechen. Etwas Berufliches.»

Davon war Cord ausgegangen. Hinnerk und Jörn kannten sich zwar, aber befreundet waren sie nicht.

«Mein Vater ist schon weg», informierte Cord ihn und überlegte kurz, ob er Jörn darauf hinweisen sollte, dass die Kanzlei längst geschlossen war. Bei jedem anderen hätte er es vermutlich getan, doch der Alte war Ebbas Großvater. Und auch wenn es ihm widerstrebte, sich das einzugestehen: Alles, was Ebba und ihre Familie anging, interessierte ihn noch. «Kann ich vielleicht etwas für dich tun?», bot er an.

Jörn zögerte einen langen Moment, dann nickte er. «Können wir irgendwo in Ruhe sprechen?»

Cord führte ihn in sein Büro und nahm ihm das nasse Ölzeug ab. Darunter trug Jensen ein Flanellhemd und eine dicke Fellweste, die schon bessere Tage gesehen hatte. Mit einem Seufzen ließ der Alte sich auf den Besucherstuhl sinken. Er wirkte müde, und sein faltiges Gesicht war ungewöhnlich blass. So sieht mein Vater aus, seit er krank ist, fuhr es Cord durch den Kopf. Aber er wusste nichts über Jörns Gesundheitszustand, deshalb schob er den Gedanken beiseite.

Er setzte sich wieder hinter den Schreibtisch und sah zu, wie Jörn den eckigen Gegenstand, den er mitgebracht hatte, aus der Plastiktüte holte. Es war eine Holzkiste mit leicht gewölbtem Deckel und einem kleinen Vorhängeschloss. Das deutlich nachgedunkelte Holz und die Kratzer und angestoßenen Ecken ließen Cord vermuten, dass die Kiste ziemlich alt war. Jörn hielt sie auf dem Schoß und hatte die Hände schützend um sie gelegt.

«Ich bin wegen meiner Mädchen hier», begann er nach einem kurzen Moment des Schweigens. «Du erinnerst dich doch noch an sie?»

Cord hätte beinahe gelacht. Als wenn er Ebba jemals vergessen könnte! Er hatte seit damals nie wieder etwas von ihr gehört – nicht hören wollen. Und er wusste auch nicht, was aus ihren jüngeren Schwestern Levke und Marie geworden war, weil er um alles, was mit dieser Familie zu tun hatte, seit Jahren einen großen Bogen machte.

Die Mädchen hatten ihre Eltern vor dreizehn Jahren bei einem schrecklichen Autounfall verloren. Sie hatten alle drei mit im Wagen gesessen, als ihr Vater einem Laster, der von der Straße abgekommen war, nicht mehr hatte ausweichen können. Thore und Henrike Jensen waren sofort tot gewesen, die Mädchen hatten verletzt überlebt und waren danach bei ihrem Großvater Jörn auf dessen Hof aufgewachsen, begleitet von ihrer Tante Mona, der Schwester von Henrike.

Der Unfall hatte damals für viele Schlagzeilen gesorgt, alle im Ort hatten darüber Bescheid gewusst, auch Cord. Er war gut zweieinhalb Jahre älter als Ebba, aber er hatte nach einem Auslandsaufenthalt ein Schuljahr wiederholt, und die fleißige, kluge Ebba hatte eine Klasse übersprungen. So waren sie sich in der Oberstufe begegnet und hatten vor dem Abitur einen magischen Sommer zusammen erlebt.

Cord hatte in den letzten Jahren versucht, nicht mehr daran zu denken. Er wollte vergessen, was damals zwischen ihm und Ebba passiert war, weil es wehtat. Doch jetzt, wo er so unverhofft wieder mit den Erinnerungen konfrontiert war, siegte seine Neugier.

«Was machen die drei denn jetzt?», erkundigte er sich.

Der alte Jensen verzog das Gesicht. «Levke arbeitet in München bei einer Eventagentur.» Er betonte das Wort «Event» missbilligend. «Früher nannte man das ‹Veranstaltung›, aber heutzutage muss ja alles englisch sein. Sie organisiert Firmenfeiern und so ’n Kram und hat zu viel zu tun, um uns zu besuchen.»

Er seufzte, und Cord sah die Traurigkeit in seinem Blick. «Und Marie reist um die Welt und macht Fotos, die sie dann ins Internet stellt. Influencerin ist sie, oder wie das heißt. Zuletzt war sie irgendwo in Australien und Neuseeland unterwegs, aber angeblich kommt sie bald zurück nach Europa. Nur Ostfriesland liegt dann vermutlich wieder nicht auf ihrer Route.» In seiner Stimme schwang Verbitterung mit, und er starrte einen Moment ins Leere.

«Und Ebba?», erkundigte sich Cord, weil er es einfach wissen musste.

Jensen betrachtete ihn mit wissendem Blick. Er hatte die Sache von damals also noch nicht vergessen.

«Sie ist immer noch in Boston», sagte er. «Arbeitet jetzt bei einer Bank.»

Sie schwiegen einen Moment, und Cord musste sich die Fragen verkneifen, die ihm auf der Zunge lagen. War Ebba mit jemandem zusammen? Hatte sie eine Familie?

Der Gedanke traf ihn, mehr als er sich einzugestehen wagte. Aber hätte Jörn das dann nicht erwähnt?

Der Alte sagte nichts weiter dazu, räusperte sich nur umständlich. «Kommen wir zum Geschäftlichen», meinte er und zog einen dicken, leicht zerknitterten Umschlag aus der Innentasche seiner Fellweste. Er reichte ihn über den Schreibtisch, und als Cord ihn öffnete, fand er darin mehrere handgeschriebene Seiten.

«Ich habe ein neues Testament gemacht», erklärte Jensen. «Und ich möchte, dass du es dir ansiehst und mir sagst, ob es so korrekt ist. Es soll schließlich alles seine Ordnung haben.»

«Natürlich.» Cord sparte sich den Hinweis, dass ein handschriftliches Testament immer galt. Im Grunde musste er das also gar nicht prüfen, es war rechtsgültig, solange es ein Datum enthielt und von Jensen persönlich unterschrieben war. Und das war der Fall. Die Formalien stimmten also. Aber der Inhalt …

Je weiter Cord las, desto ungläubiger starrte er auf die Worte. Er wusste, dass ihm kein Urteil zustand, er hatte als Anwalt neutral zu bleiben. Doch als er fertig gelesen hatte, konnte er seinen Schock nicht verbergen.

«Wissen die Mädchen, was hier drinsteht?»

Jensen schüttelte bedächtig den Kopf. «Nein, und Mona weiß es auch nicht. Sie erfahren es alle erst, wenn es so weit ist. Und auch sonst geht es niemanden etwas an. Ich verlasse mich da auf deine Verschwiegenheit.»

Cord nickte und dachte an Ebbas Tante Mona, die nach dem Unfalltod ihrer Schwester Henrike und ihres Schwagers Thore mit den drei Mädchen zu dem alten Jensen auf dessen Hof im Marschland gezogen war und die Familie zusammengehalten hatte. Dass Jensen nicht einmal sie eingeweiht hatte, war nicht gut. Gar nicht gut.

«Was ist los?», erkundigte sich Jensen. «Stimmt was nicht?»

Früher hätte Cord seine Entrüstung nicht verborgen, sondern Jensen gefragt, was er mit seinem Testament bezweckte. Und ob er wenigstens einmal daran gedacht hatte, was er da eigentlich von den Mädchen verlangte. Aber seine Meinung war hier nicht gefragt. Er war nur beauftragt worden, das Testament zu prüfen, und auch wenn der Inhalt ungewöhnlich war, fand er formell nichts daran auszusetzen. Es gab verdammt noch mal nichts, was er dagegen vorbringen konnte.

«Es ist alles in Ordnung», erklärte er, schob die gefalteten Seiten zurück in den Umschlag und unterdrückte den Impuls, Jensen zu fragen, ob er das wirklich so lassen wollte. «Ich leite das Testament gleich morgen an das zuständige Nachlassgericht weiter. Dann geht im Fall der Fälle alles seinen Gang.»

Der alte Jensen nickte zufrieden, dann fiel sein Blick auf die Kiste auf seinem Schoß.

«Ach ja, und die hier hebst du für mich auf, ja?» Er reichte ihm die Kiste über den Schreibtisch. Cord nahm sie entgegen und war überrascht, wie leicht sie war. Offenbar enthielt sie nichts Schweres. Papiere vielleicht, überlegte er.

Jörn Jensen zog einen Schlüssel aus seiner Hosentasche und gab Cord auch diesen. «Der ist für das Schloss», sagte er. «Gib den Mädchen die Kiste, wenn … du weißt schon. Wenn es so weit ist.»

«Was ist da drin?» Cord wusste, dass die Frage unprofessionell war. Es ging ihn nichts an. Aber er musste es einfach wissen.

Der Alte seufzte tief. «Antworten», sagte er und sah aus dem Fenster, schien für einen Moment in Gedanken ganz weit weg zu sein. Dann richtete er den Blick wieder auf Cord. «Der Inhalt ist für die Mädchen. Nur für sie», fügte er mit Nachdruck hinzu. «Sag ihnen, sie müssen der Sache auf den Grund gehen, hörst du? Das ist wichtig.» Als Cord nickte, erhob er sich. «Also, dann will ich mal wieder, nech? Hab dich lange genug aufgehalten.»

Er zog sich sein Ölzeug wieder über, und Cord begleitete ihn zurück zur Eingangstür. Der Sturm tobte draußen noch immer und schien sogar noch stärker geworden zu sein.

«Ich hoffe, du schaffst es heile nach Hause», meinte Cord besorgt, denn der Hof der Jensens lag ein Stück entfernt von der Stadt im Marschland. «Draußen am Deich wird es sicher ungemütlich heute Nacht.»

«Bei uns wird alles halten, darauf kannst du dich verlassen», erwiderte Jensen. «Ich kontrolliere das regelmäßig.»

Es wunderte Cord nicht, dass der alte Jensen sich immer noch für den Küstenschutz zuständig fühlte. Als ehemaliger Deichgraf war es lange seine Aufgabe gewesen, die Standfestigkeit der Deiche zu kontrollieren. Doch inzwischen hatte längst ein Nachfolger die Verantwortung dafür.

«Aber ich fahre nicht zum Hof», fügte der Alte hinzu. «Erst mal muss ich nach meiner Imke sehen.»

Cord starrte ihn verständnislos an, denn soweit er sich erinnern konnte, war Jensens Frau schon vor vielen Jahren verstorben. Dann fiel ihm ein, dass der Alte eine historische Segeljacht besaß, die so hieß. Sie lag im Jachthafen von Süderholt.

«Bei dem Wetter solltest du lieber Schutz suchen», mahnte er und kam sich dabei vor wie sein eigener Vater.

«Schutz?» Jörn lachte, aber es klang nicht fröhlich. «Vor manchen Dingen kann man sich nicht schützen, Junge. Vor der Vergangenheit zum Beispiel. Die ist wie das Meer, weißt du. Manchmal ist sie ganz lange ruhig, und man vergisst, was unter der Oberfläche lauert. Aber dann, wenn du schon nicht mehr damit rechnest, kommt ein Sturm und wühlt alles auf. Er holt die Dinge vom Grund, die du vergessen wolltest, und überspült dich damit. Er lässt dich untergehen, wenn du nicht aufpasst.»

Er zog die Mütze tiefer ins Gesicht und trat vor die Tür. Sofort fuhr der Wind in sein Ölzeug, presste es gegen seinen Körper. Doch das schien ihm nichts auszumachen, denn er hob nur noch einmal grüßend die Hand, bevor er in der Dunkelheit verschwand.

Mit einem mulmigen Gefühl schloss Cord die Haustür und lehnte sich von innen dagegen, während er über Jensens Worte nachdachte. Ebbas Großvater war als waschechter Ostfriese durchaus stur und manchmal ein bisschen wortkarg. Und er hatte in seinem Leben einige Schicksalsschläge verkraften müssen. Aber Cord hatte ihn früher auch als freundlichen, zupackenden Mann erlebt. Was meinte er damit, dass ihn die Vergangenheit eingeholt hatte? Und was hatte das mit seinem seltsamen Testament zu tun?

Seufzend stieß Cord sich von der Tür ab und kehrte in sein Büro zurück. Die Kiste, die der Alte ihm gegeben hatte, stand auf dem Schreibtisch, und der Schlüssel lag obenauf. «Antworten» befanden sich darin, hatte Jensen gesagt. Was er damit wohl meinte?

Cord spürte, dass es ihn interessierte. Aber wenn der alte Jensen eines Tages starb, war er selbst hoffentlich längst wieder zurück in Hamburg. Es war sein Vater, der zuständig sein würde für die Angelegenheiten der Jensens, nicht er. Und das war gut so, denn mit dieser ganzen verrückten Sache wollte Cord lieber nichts zu tun haben.

Vielleicht, dachte er, konnte man den alten Jensen ja noch von seinem Plan abbringen. Gleich morgen würde er seinen Vater bitten, noch mal mit Ebbas Großvater zu sprechen und ihm die Sache auszureden. Schließlich kannten die beiden sich schon lange. Denn wenn das, was Jensen sich da ausgedacht hatte, tatsächlich in Kraft trat …

Cord dachte an Ebba, Levke und Marie, die ihr Leben irgendwo da draußen in der Welt lebten. Das wird mehr als eine Überraschung für sie werden, dachte er und fragte sich, warum er sich immer noch verantwortlich fühlte für die drei. Ebbas Gesicht tauchte vor seinem geistigen Auge auf, aber er verdrängte das Bild hastig und beschloss, für heute mit der Arbeit Schluss zu machen. Sie würde auch morgen noch auf ihn warten, deshalb schloss er die Akten und die Sachen weg, die Jensen ihm gebracht hatte, und ging die Treppe nach oben in seine Wohnung.

Die Nacht wurde so unruhig wie erwartet, denn der Sturm rüttelte laut an den Fenstern. Erst in den frühen Morgenstunden, als die Wetterlage sich beruhigte, fand Cord Schlaf. Entsprechend gerädert fühlte er sich, als er am nächsten Morgen um Viertel nach acht wieder hinunter in die Kanzlei ging.

Die Sekretärin Lena Goosen, eine blonde, sehr elegant gekleidete Mittfünfzigerin, saß bereits auf ihrem Platz und telefonierte. Sie nickte Cord zwar zu, als er an ihr vorbeiging, schien jedoch ganz in ihr Gespräch vertieft. Die geschlossene Bürotür seines Vaters verriet Cord, dass auch Hinnerk bereits eingetroffen war. Cord wollte zu ihm, um ihn zu begrüßen, hielt jedoch inne, als Lena hinter ihm plötzlich einen Laut des Entsetzens von sich gab.

«Was, der alte Jensen! Das ist ja schrecklich!» Sie lauschte einen Moment. «Bist du ganz sicher?»

Mit einem mulmigen Gefühl im Magen kehrte Cord an den Empfangstresen zurück und wartete, bis Lena aufgelegt hatte.

«Das war meine Schwester», berichtete die Sekretärin aufgeregt. «Sie war gerade am Jachthafen, und stell dir vor, der alte Jensen wird vermisst!» Betroffen schüttelte sie den Kopf. «Er ist gestern noch mit seiner Segeljacht rausgefahren und bisher nicht zurückgekehrt. Die Küstenwache sucht nach ihm, aber alle befürchten, dass er gekentert ist.»

«Mein Gott!» Cord starrte sie erschrocken an. Es kam ihm kaum fassbar vor, dass der Mann, den er erst vor ein paar Stunden gesehen hatte, auf See geblieben sein sollte. «Er war gestern Abend noch hier. Als er ging, wollte er zum Hafen, um nach seinem Boot zu sehen. Aber ich hätte nicht gedacht, dass er bei dem Wetter damit rausfährt.»

«Jensen war nach Büroschluss noch hier?» Lena sah ihn überrascht an. «Was wollte er denn?»

«Sein Testament ändern», erwiderte Cord. Ihm war plötzlich kalt. War es Zufall, dass Jensen zu ihm kam, um seinen letzten Willen zu ändern, und am nächsten Tag verschwand? Hatte er seine Jacht vielleicht sogar absichtlich hinaus in den Sturm gefahren? Allein der Gedanke war so schrecklich, dass Cord ihn sich sofort verbot. Sie würden sicher bald erfahren, was mit dem alten Jensen passiert war.

Eins stand jedoch fest: Falls sich die Sorge bestätigte, dass sein Boot gekentert war, und er tatsächlich auf See blieb, würde das neue Testament in Kraft treten. Es würde die Jensen-Mädchen zurückbringen nach Süderholt. Und alle drei würden sich dem stellen müssen, was das Dokument enthielt.

1

Sieben Monate später

Levke goss den dunkelbraunen Tee aus der bauchigen Kanne in ihre dünnwandige Teetasse mit dem hübschen blau-weißen Muster und lächelte wehmütig, als der Kandis, der bereits darin lag, laut knackte.

«Nur wenn der Kandis knackt, ist das Wasser heiß genug», wiederholte sie leise, was ihr Großvater ihr von klein auf eingeschärft hatte. Für Opa Jörn war Teetrinken ein Ritual gewesen, das er gerne «auf ostfriesische Art» zelebriert hatte, und als Levke jetzt mit dem speziellen silbernen Rohmlepel vorsichtig ein wenig Sahne in die Tasse laufen ließ, hatte sie sein altes, runzliges Gesicht vor Augen.

Traurig sah sie zu, wie die Sahne sich mit dem Tee vermischte und in kleinen «Wölkchen» wieder nach oben stieg. Die Flüssigkeit umzurühren, wäre ein Sakrileg gewesen, das wusste Levke. Man trank den Tee hier in Ostfriesland genauso, wie er jetzt war, und genoss die verschiedenen «Schichten»: zuerst die sanfte Sahne, dann den bitteren Tee und am Ende die Süße des Kandis. Ein bisschen von allem, genau wie im Leben, hatte Opa Jörn immer gesagt, und Levke spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Denn er würde das nie wieder zu ihr sagen. Er war fort, lange schon, und sie würden seinen Verlust nun, da sein Testament eröffnet war, endgültig akzeptieren müssen.

Nur, dass das gar nicht so einfach war, denn der Text, den das Nachlassgericht ihr und auch ihren Schwestern zugesandt hatte, ergab überhaupt keinen Sinn. Wenn das stimmte, dann …

«Hast du schon was von den anderen gehört?» Levkes Tante Mona stand auf einmal hinter ihr und legte ihr lächelnd eine Hand auf die Schulter, was Levke zurück in die Realität holte. Sie war so tief in Gedanken versunken gewesen, dass sie ganz vergessen hatte, dass sie nicht allein war, sondern in Monas «Teestube» saß, einem Ladencafé mit ostfriesischen Spezialitäten mitten im Zentrum von Süderholt.

Es war Viertel nach zwei, und in dem kleinen, gemütlich eingerichteten Lokal saßen außer Levke nur noch zwei weitere Gäste an einem der Tische. Das würde sich am Nachmittag ändern, denn zur Teezeit war es in Monas Laden immer besonders voll.

Aber Mona war bereit für den Ansturm. Sie trug die weiße Rüschenschürze, in der sie stets hinter der Theke stand, um Tee nicht nur zu verkaufen, sondern wenn gewünscht auch auszuschenken, und Levke erinnerte sich daran, wie sie als Kind nach der Schule manchmal mit ihren Schwestern hergekommen war, um hier, an diesem Tisch in der Nähe der Theke, ihre Hausaufgaben zu erledigen. Aber nur an Monas «langen» Tagen. Um für ihre Nichten da sein zu können, hatte ihre Tante meist nur bis mittags gearbeitet – damals, nach dem Unfall.

Levke kämpfte kurz mit den Tränen, die ihr in den Augen brannten. Jetzt wieder hier in dem vertrauten Laden zu sein, in dem sich anscheinend nichts verändert hatte, tat unerwartet weh.

«Levke?» Mona hatte sich zu ihr gesetzt und sah sie besorgt an, weil sie immer noch nicht geantwortet hatte.

«Entschuldige, ich war in Gedanken.» Levke riss sich zusammen und lächelte ihre Tante an. «Ja, Ebba hat mir geschrieben, dass es Probleme mit ihrem Flieger gab. Sie hatte zwar einen Puffer eingeplant, aber sie wird wohl zu spät kommen. Bei Marie weiß ich es nicht. Ich habe schon zigmal versucht, sie zu erreichen. Aber wie immer reagiert sie nicht.»

Genervt dachte Levke an die Textnachrichten, die sie wegen des Termins schon an ihre kleine Schwester geschickt hatte. Marie hatte nur die erste davon mit einem knappen Alles klar beantwortet, und das war schon ein paar Tage her. Alle weiteren Nachfragen und auch Levkes Anrufe wurden seitdem von ihr ignoriert. Diese Unverbindlichkeit war leider typisch für Marie, sie antwortete nicht immer, und ans Telefon ging sie so gut wie nie. So war Marie einfach, sie legte sich nicht gerne fest, weder, was ihren Aufenthaltsort, noch, was Termine anging. Es war also keinesfalls sicher, dass sie tatsächlich kommen würde.

Ebba dagegen war die personifizierte Pünktlichkeit. Sie erschien immer zur verabredeten Zeit, es sei denn, es traten Umstände ein, die außerhalb ihrer Kontrolle lagen. Dafür, dass der Flieger zu spät gestartet war, konnte sie nichts, und bestimmt würde sie trotzdem alles in ihrer Macht Stehende tun, um rechtzeitig da zu sein. Auf ihre ältere Schwester war Verlass, was man von ihrer jüngeren Schwester nicht behaupten konnte.

Levke seufzte tief. «Zur Not werde ich mich wohl allein mit Hinnerk Matthiesen treffen müssen.»

«Ach, Schatz, das tut mir leid. Ich würde dich begleiten, wenn ich heute nicht allein im Laden wäre.» Mona strich Levke liebevoll über den Arm. «Aber wenn es wichtig ist, dann rufe ich eine meiner Aushilfen an, vielleicht kann ja doch jemand für mich einspringen. Dann kann ich …»

«Nein, schon gut, ich schaffe das», versicherte Levke ihr und lächelte sie dankbar an.

Dabei fiel ihr auf, dass die Falten in Monas vertrautem Gesicht tiefer geworden waren. Das war allerdings auch kein Wunder, schließlich war seit ihrem letzten Treffen eine Menge Zeit vergangen. Levke musste nachrechnen, wie viel genau, und erschrak, als ihr bewusst wurde, dass sie seit über zwei Jahren nicht mehr in Süderholt gewesen war. Und bei Ebba und Marie musste es sogar noch länger her sein, die beiden hatten sich hier seit einer Ewigkeit nicht mehr blicken lassen.

Ob Mona das etwas ausmachte? Gesagt hatte sie nie etwas, aber das war auch nicht ihre Art. Ihre Tante war jetzt fünfzig und sah Levke, die nur halb so alt war, mit ihren dunkelbraunen Locken und den klaren blauen Augen so ähnlich, dass sie als ihre Mutter hätte durchgehen können. Und wenn Levke es recht bedachte, dann war Mona das für ihre Schwestern und sie auch gewesen nach dem Unfall. Sie war mit ihren Nichten auf den Hof von Opa Jörn gezogen, hatte ihnen dort ein neues Zuhause geschaffen und ihnen auf ihre liebevolle und unaufdringliche Art geholfen, den Verlust ihrer Eltern zu verarbeiten.

Und wie haben wir es ihr gedankt?, dachte Levke und hatte wieder ein schlechtes Gewissen, genau wie gestern schon, als sie angekommen war und Mona sie weinend in die Arme geschlossen hatte.

«Es tut mir leid», sagte sie und zuckte mit den Schultern, als Mona sie überrascht ansah. «Ich hätte herkommen sollen, als das mit Opa passiert ist. Aber in der Agentur war die Hölle los. Max wollte mir nicht freigeben. Er meinte, dass ja noch gar nicht klar sei, was überhaupt los ist, und dass ich deswegen nicht einfach die Arbeit …»

«Schon gut», unterbrach Mona sie. «Ich weiß doch, wie viel du immer um die Ohren hast in deinem Job. Und jetzt bist du ja da.»

Ihr Verständnis ließ Levke schlucken. «Ich hätte trotzdem kommen müssen.»

So richtig begriff sie selbst nicht mehr, wieso sie sich nicht gegen Max durchgesetzt hatte und zu Mona gefahren war. Hatte sie den beruflichen Stress nicht vielleicht sogar vorgeschoben, um sich der Tatsache, dass ihr Großvater tödlich verunglückt war, nicht stellen zu müssen? Es riss Wunden auf, schon wieder jemanden, der ihr nahestand, so plötzlich zu verlieren, erinnerte sie an ihre Eltern, die sie auf ähnlich tragische Weise verloren hatte. War sie davor davongelaufen, so wie auch ihre Schwestern es vermutlich getan hatten? Denn sie waren alle drei nicht zurückgekommen, um Mona beizustehen.

«Du hättest doch gar nichts tun können, außer mit mir zu warten, Levke», beruhigte Mona sie und zuckte mit den Schultern. «Das war eigentlich das Schlimmste, weißt du, diese ständige Ungewissheit. Pfarrer Vornbeck hatte angeboten, eine Trauerfeier für Jörn abzuhalten, aber ich wollte das nicht. Irgendwie hatte ich die ganze Zeit die Hoffnung, dass sie ihn vielleicht doch noch finden. Er war ein sehr guter Segler. Dass ihm das passiert ist, kann ich immer noch nicht fassen. Aber jetzt müssen wir wohl oder übel der Tatsache ins Auge sehen, dass er nicht zurückkommt.»

Levke nickte und dachte an den Tag zurück, an dem sie erfahren hatte, dass ihr Großvater vermisst wurde. Es war ein großer Schock für sie und ihre Schwestern gewesen, und wie Mona hatten sie es alle drei nicht recht wahrhaben wollen. Aber Jörns Jacht war gekentert aufgefunden worden, und man ging davon aus, dass er ertrunken war.

Nach Ablauf der in solchen Fällen gesetzlich vorgeschriebenen Frist von sechs Monaten hatte man ihn für tot erklärt und sein Testament eröffnet, das Dinge enthielt, die Levke immer noch nicht glauben konnte. Es gab deswegen noch einiges zu klären, deshalb hatte Hinnerk Matthiesen, den Jörn als Testamentsvollstrecker eingesetzt hatte, Levke und ihre Schwestern zu einem Termin hergebeten. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit würden sie alle drei wieder aufeinandertreffen, und Levke spürte bei dem Gedanken ein nervöses Kribbeln im Magen.

Wenn Mona dabei gewesen wäre, hätte sie sich wohler gefühlt, ihre Tante war immer in der Lage, zwischen ihr und ihren Schwestern zu vermitteln. Aber Mona war im Testament nicht bedacht worden, was Levke immer noch wunderte.

«Wieso hat Jörn dich in seinem Testament übergangen?» Sie schüttelte den Kopf. «Auch wenn du nur die Schwester seiner Schwiegertochter bist, standest du ihm so nahe wie sonst kaum jemand. Du gehörst doch zur Familie!»

Mona tätschelte Levkes Hand. «Jörn hat mir damals den Laden und die Wohnung darüber gekauft», sagte sie und lächelte, als Levke sie überrascht ansah. «Das war seine Art, sich dafür zu bedanken, dass ich nach dem Unfall meine damalige Wohnung aufgegeben habe und mit euch zu ihm auf den Hof gezogen bin. Er wollte, dass ich eine eigene Wohnung habe, in die ich zurückkehren kann, wenn ihr aus dem Haus seid. Und dadurch, dass ich für den Laden keine Miete mehr zahlen musste, hatte er mich auch beruflich sehr entlastet. Ich konnte mich besser um euch kümmern und kann auch schlechte Zeiten seitdem gut überstehen. Dafür werde ich Jörn immer dankbar sein.» Sie zuckte mit den Schultern. «Er schuldete mir nichts mehr. Das Erbe gehört euch allein.»

Das war neu für Levke. Aber wenn sie ehrlich war, dann hatte sie nie hinterfragt, ob Monas Laden lief oder wie ihre Tante an die Wohnung darüber gekommen war, in der sie jetzt schon seit einer ganzen Weile lebte. Dafür war sie immer zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt gewesen. Denn nicht nur der Tod ihrer Eltern war traumatisch für sie gewesen, sondern auch der Unfall selbst.

Ebba hatte sich mehrere Rippen gebrochen damals, und Marie war so schwer am Bein verletzt worden, dass sie danach monatelang im Krankenhaus gelegen hatte. Levke selbst war dagegen mit kleineren Schnittwunden und einer leichten Prellung davongekommen, was an ein Wunder grenzte. Dafür hatte sie aber einen schweren Schock erlitten, denn sie war über Stunden im Wrack eingeklemmt gewesen. Als die Feuerwehr sie schließlich befreit hatte, war sie vor Angst fast von Sinnen gewesen. Seitdem plagten sie immer wieder schlimme Albträume, und sie bekam Herzrasen und im schlimmsten Fall sogar eine Panikattacke, wenn sie sich in ein Auto setzte. Ich trage meine Unfallnarben innen, dachte sie traurig.

«Was macht eigentlich dein Job in München?», erkundigte sich Mona. «Du hast noch gar nichts erzählt! Läuft es gut bei deiner Eventagentur?»

Levke erstarrte innerlich und war froh, als ein leiser, aber deutlich vernehmbarer Signalton ihr das Antworten ersparte.

Sie griff nach ihrem Handy und sah nach, von wem die Nachricht kam, die das Gerät ihr mit dem Ton angezeigt hatte. «Ebba schreibt, dass sie auf dem Weg nach Süderholt ist und sich wahrscheinlich nur ein bisschen verspätet.»

Mona runzelte die Stirn. «Ich dachte, der Abflug hätte sich um mehrere Stunden verzögert. Wie hat sie das denn angestellt?»

«Keine Ahnung, du kennst doch Ebba. Wahrscheinlich hatte sie für alle Fälle einen halben Tag Puffer eingeplant», erwiderte Levke lächelnd. «Sie schreibt jedenfalls, dass wir auf sie warten sollen.»

«Und Marie?», erkundigte sich Mona.

«Immer noch nichts.» Levke zuckte mit den Schultern und blickte zu der großen Wanduhr mit dem antiken Zifferblatt. Schon kurz vor halb drei. «Ich glaube, dann fahre ich schon mal los», sagte sie, auch um zu verhindern, dass ihre Tante auf ihre vorherige Frage zurückkam.

Rasch trank sie ihren Tee aus, dann verabschiedete sie sich von Mona und verließ den Laden.

Für Anfang Mai war es schon sehr warm, aber die Brise, die von der Nordsee herbeiwehte, erinnerte daran, dass die heißen Sommermonate der Hochsaison noch ein Stück entfernt waren. Die Luft schmeckte nach Salz, und die Rufe der Möwen unten am Jachthafen klangen vertraut in Levkes Ohren, als sie Monas blaues Hollandrad aufschloss, das vor der Teestube stand. Sie fuhr damit über die breite Promenade, die am Hafen mit seinem angrenzenden Strand begann und durch den Ort führte. Die Saison hatte gerade erst begonnen, aber es waren schon zahlreiche Touristen unterwegs, angelockt vom anhaltend schönen Wetter der vergangenen Tage.

Alle Passanten, die an den Schaufenstern der Souvenirläden und Boutiquen vorbeischlenderten, schienen guter Laune zu sein, überall ertönte Gelächter, und die Stimmung war so heiter und entspannt, dass Levke sich wie ein Fremdkörper vorkam. Sie war froh, als sie von der Hauptstraße abbiegen konnte. In den Gässchen mit den kleinen, renovierten Fischerkaten war es ruhiger, und sie kam schneller voran.

Schließlich erreichte sie den Ortsrand, wo bereits wieder die Felder und Wiesen begannen. Es gab vereinzelte Baumgruppen, darunter eine, die besonders auffiel, weil sie dichter und weitläufiger war als die anderen. Eine Allee führte zu ihr hin, und als Levke darauf zuradelte, konnte sie zwischen den grünen Blättern der Bäume die weiße Fassade und das schwarze Dach von Schloss Süderholt aufblitzen sehen.

Levke trat in die Pedale und wollte gerade in die Allee einbiegen, als ein lauter Knall die Nachmittagsstille zerriss. Erschrocken hielt sie an und blickte sich um. Doch sie konnte nicht erkennen, woher das Geräusch gekommen war, hörte lediglich das Brummen eines Motors. Als sie genauer hinsah, erkannte sie auf der Allee vor ihr ein rotes Fahrzeug, das ebenfalls auf das Schloss zuhielt.

Levke beschloss weiterzufahren und schwang sich zurück aufs Rad. Doch kaum, dass sie sich wieder in Bewegung gesetzt hatte, knallte es erneut, diesmal sogar noch lauter.

2

«Nein, nein, nein!» Marie trat verzweifelt immer wieder aufs Gaspedal. Doch nachdem es zweimal laut geknallt hatte, tat sich nichts mehr. Der Motor des VW-Bullis tuckerte zwar noch, aber der Wagen fuhr immer langsamer und schaffte es gerade noch über die schmale Brücke, die über den Wassergraben führte, und dann durch den halbrunden Durchgang im Torhaus auf den Vorplatz des Schlosses. Dort kam er nach wenigen Metern neben einer älteren silbernen Mercedes-Limousine zum Stehen. Der Motor soff ab, und als Marie versuchte, ihn wieder zu starten, gab er keinen Laut mehr von sich.

«Verdammt!» Frustriert schlug sie mit der Faust auf das Lenkrad. Sie war es zwar gewohnt, dass der alte Wagen hin und wieder mal ein paar Macken hatte, aber die Geräusche eben hatten bedrohlich geklungen. Wahrscheinlich würde die Reparatur viel Geld und Zeit kosten, und von beidem hatte sie gerade nur wenig.

Zumindest bin ich angekommen, dachte sie. Man musste in einer Situation immer das Positive sehen, und das war in diesem Fall, dass sie es tatsächlich – mit wortwörtlichem Ach und Krach – bis zum Schloss geschafft hatte. Sie hätte auch viel früher liegenbleiben können. Wie hatte Opa Jörn immer so schön gesagt? Das Wetter schlägt immer wieder um, Deern, also streck das Gesicht zur Sonne, solange sie scheint.

Marie lächelte bei der Erinnerung und spürte, wie ihr Tränen in die Augen schossen. Denn diesen Satz hatte er ihr auch immer wieder gesagt in den dunklen Stunden im Krankenhaus, damals nach dem Unfall, wenn sie geweint hatte, weil ihr Bein nicht heilen wollte. Monatelang war sie an das Krankenhausbett gefesselt gewesen, und Jörns Unerschütterlichkeit hatte ihr geholfen, die Hoffnung nicht aufzugeben. Er hatte ihr von den fernen Ländern erzählt, in die sie reisen würde, wenn sie wieder gesund war, und damit ein Fernweh in ihr geweckt, das sie bis jetzt nicht losgelassen hatte.

Ich werde dich vermissen, Opa, dachte sie und blieb einen Moment still sitzen, ganz in ihre Trauer versunken. Dann gab sie sich einen Ruck und stieg aus.

Oder sie wollte es, doch als ihre Füße den Boden berührten, trug ihr rechtes Bein ihr Gewicht nicht und gab nach. Instinktiv griff Marie nach dem Seitenspiegel und hielt sich daran fest. Ihr Herz hämmerte wild, und das Blut rauschte in ihren Ohren.

Verdammt, wieso passierte das plötzlich wieder? Sie hatte schon seit Jahren keine Probleme mehr mit dem Bein gehabt. Damals, als sie aus dem Krankenhaus entlassen worden war, ja, da war das öfter vorgekommen, dass sie es nicht hatte belasten können. Aber die Zeiten waren lange vorbei, deshalb war es ein Schock, dass die Beschwerden jetzt plötzlich wieder auftraten. An der langen Autofahrt konnte es nicht liegen, sie war es gewohnt, stundenlang hinter dem Steuer zu sitzen. Aber was war es dann?

Maries Bein kribbelte. Das war früher immer ein Zeichen dafür gewesen, dass es sich erholt hatte und wieder belastbar war. Aber Marie wartete lieber noch einen Moment und blickte dabei in den Seitenspiegel, starrte in ihre weit aufgerissenen blauen Augen.

Man sah ihr den Schrecken an, der ihr in die Glieder gefahren war. Und ihr wurde auch klar, dass sie für den Anlass nicht ordentlich genug aussah. Ihre blonden langen Haare hatte sie nachlässig mit einer breiten Spange hochgesteckt, doch die Hälfte fiel schon wieder heraus und umrahmte ihr schmales, braun gebranntes Gesicht. Sie blickte an sich herunter. Auch ihre Kleidung – ein Tanktop, eine kurze Strickjacke, abgeschnittene Jeans und ausgetretene Sneaker – war zwar passend für das warme Sommerwetter, aber ebenfalls nicht angemessen. Ihre älteste Schwester Ebba, die auf den Bildern, die sie hin und wieder schickte, immer im perfekten Business-Look zu sehen war, würde es sicher viel zu bunt finden.

Dann ist das eben so, dachte Marie trotzig und verwarf den Gedanken, sich im Wagen schnell noch umzuziehen. Sie testete ihr krankes Bein, und als sie merkte, dass es ihr Gewicht jetzt wieder hielt, ließ sie den Spiegel los und ging auf das Schloss zu.

Es sah eigentlich eher aus wie ein weiß verputztes Herrenhaus mit schwarzen Schindeln auf dem Dach und vielen hohen Sprossenfenstern. Einen Turm gab es nur oben auf dem Torhaus, das Schloss selbst hatte keinen. Doch das Gebäude wirkte trotzdem majestätisch, und je weiter Marie darauf zuging, desto klarer wurde ihr, dass es viel größer war, als sie zunächst angenommen hatte.

Die hölzerne Eingangstür stand einladend offen. Sie war mit einem rot-goldenen Wappen verziert, das einen Feuer speienden Drachen zeigte mit einem nach unten gerichteten Schwert in der rechten Klaue. Dieses Motiv fand sich auch in einem der erhabenen Ornamente, mit denen die Wand verziert war. Anders, als Marie erwartet hatte, waren diese jedoch nicht verwittert oder beschädigt. Im Gegenteil, das gesamte Schloss befand sich in einem sehr guten Zustand, so als wären die Fensterläden und die Wände erst kürzlich gestrichen worden.

Wie alle Süderholter kannte Marie das Gebäude bisher lediglich von außen. Der Schlosspark war ein beliebtes Ziel von Spaziergängern, und auch Fahrradtouren führten hier gerne vorbei. Öffentlich zugänglich war das Schloss selbst jedoch nie gewesen, denn solange Marie sich erinnern konnte, waren die einzigen beiden Brücken über den breiten Wassergraben – eine vorne am Torhaus, über die auch Autos fahren konnten, die andere, schmalere auf der Rückseite des Schlosses – von hohen Gitterzäunen versperrt gewesen.

Dabei war Schloss Süderholt eine der wenigen Sehenswürdigkeiten dieser Gegend. Ursprünglich im vierzehnten Jahrhundert als Trutzburg für Häuptling Onno tom Brok errichtet, war sie im achtzehnten Jahrhundert zu der Schlossanlage ausgebaut worden, die sie heute war. Wer die wechselnden Besitzer gewesen waren während all der Zeit, wusste Marie nicht. Nur, dass das Schloss zuletzt vor knapp zwanzig Jahren von einem exzentrischen Industriellen aus dem Ruhrgebiet gekauft worden war, der sich den Traum vom eigenen Schloss hatte erfüllen wollen. Er hatte mit einer Grundsanierung begonnen und angeblich sogar moderne Sanitäranlagen einbauen lassen, war dann jedoch unerwartet gestorben. Erben hatte man keine gefunden, und am Ende war das Schloss von der Gemeinde übernommen worden. Aus Geldmangel hatte man die Sanierung jedoch nicht weitergeführt, sondern das Gebäude mehr oder weniger sich selbst überlassen. Deshalb hatte Marie mit sichtbarem Verfall gerechnet. Doch selbst das Pflaster im Hof wirkte gepflegt, und das gesamte Gebäude erweckte den Eindruck, als könnte man dort problemlos einziehen.

Ich muss das fotografieren, dachte sie und holte ihr Handy heraus, um ein Selfie von sich vor dem Schloss für ihren Feed zu machen. Ihre Follower wollten Bilder sehen, sie konnte das nicht einfach abreißen lassen, nur weil sie gerade in Ostfriesland war. Und das Schloss war keine schlechte Kulisse, das würde die Leute sicher interessieren.

Mit geübten Griffen positionierte sie sich und lächelte in ihre Kamera. Doch noch bevor sie den Auslöser betätigt hatte, ließ sie das Handy wieder sinken. Sollte sie ihren Followern verraten, dass ihre Reise sie hierhergeführt hatte, zurück in ihren Heimatort? Und was sollte sie unter das Foto schreiben? Noch hatte sie keine Ahnung, was es mit dem Schloss auf sich hatte. Nein, sie musste warten, bis sie mehr wusste über das Testament und seine merkwürdigen Bedingungen …

«Hallo, Marie!»

Der Ruf schreckte sie auf. Sie drehte sich um und sah Levke, die gerade ein Fahrrad durch das Torhaus schob. Natürlich kommt sie so hier an, dachte Marie. Levke hatte als Einzige von ihnen dreien nie den Führerschein gemacht. Und nicht nur das: Seit dem Unfall ihrer Eltern stieg sie auch in kein Auto, wenn sie nicht unbedingt musste.

Marie wartete, bis ihre Schwester sie erreicht hatte, und umarmte sie. Die Geste fühlte sich jedoch steif an und dauerte nur kurz, dann löste Levke sich wieder von ihr, was Marie wehtat. Mein Gott, wir benehmen uns wie Fremde, schoss es ihr durch den Kopf.

«Ich dachte schon, du schaffst es nicht rechtzeitig», sagte Levke, und Marie glaubte, Missbilligung in ihrer Stimme zu hören.

«Tut mir leid, ich wollte eigentlich schon vor zwei Stunden hier sein», rechtfertigte sie sich. «Aber Otto zickt heute schon den ganzen Tag rum. Und jetzt streikt er offenbar endgültig.»

«Otto?» Levke sah sich um. «Hast du jemanden mitgebracht?»

Marie lächelte. «Ich nenne den Wagen so», erklärte sie. «Ich fand den Namen passend für das Auto einer Ostfriesin.» Sie dachte an den alten roten VW-Kastenwagen mit den typischen runden Scheinwerfern, den sie in Griechenland spontan und für wenig Geld von einem anderen Reisenden übernommen hatte. Der Wagen war sehr heruntergekommen gewesen, und es hatte Wochen gedauert, bis ein Mechaniker ihn in einen fahrtüchtigen und bewohnbaren Zustand versetzt hatte. Aber seitdem leistete ihr «Otto» gute Dienste. Bis jetzt jedenfalls, dachte sie mit einem Seufzen.

«Ich fürchte, mit dem Motor stimmt was nicht.» Sie runzelte die Stirn, als ihr etwas einfiel. «Gibt es die Werkstatt vom Ole Hilversen noch? Vielleicht kann er sich den Wagen mal ansehen.»

«Vielleicht können wir uns erst mal auf den Termin heute konzentrieren», entgegnete Levke, hörbar gereizt.

«Natürlich», stimmte Marie ihr zu und schluckte ihren Ärger über die Bemerkung ihrer Schwester herunter. Sie hatte nicht gemeint, dass sie das sofort erledigen wollte. Aber Levke hatte recht, es gab im Moment Wichtigeres als die Tatsache, dass sie vorläufig in Süderholt gestrandet war.

Warum ausgerechnet Levke plötzlich so spröde und kurz angebunden war, konnte Marie sich allerdings nicht erklären. Von ihnen dreien war sie stets mit Abstand die freundlichste gewesen, diejenige, die mit allen klarkam, weil sie ein ausgleichendes Wesen hatte. Die Schärfe in ihrer Stimme und die Ungeduld passten gar nicht zu ihr, sondern viel eher zu Ebba. Ob etwas vorgefallen war, das sie verändert hatte? Wenn ja, dann wusste Marie es nicht, denn ihr früher so enger Kontakt war über die Jahre spärlich geworden – eine Erkenntnis, die ihr einen Stich versetzte. Ich hätte mich öfter bei ihr melden müssen, dachte sie. Und bei Ebba auch. Aber hätten die beiden das überhaupt gewollt? Ganz sicher war Marie da nicht.

Sie blickte an der Fassade des Schlosses hoch. «Ich kann immer noch nicht glauben, dass Opa diesen Kasten gekauft hat. Was wollte er bloß damit?»

«Und was sollen wir vor allem damit anfangen?» Levke zuckte mit den Schultern. «Ich meine, hier soll es doch angeblich sogar spuken.»

Jetzt, wo ihre Schwester es erwähnte, erinnerte auch Marie sich wieder an die Geschichten, die sie als Kind gehört hatte, von der verschwundenen Häuptlingstochter Fenna tom Brok, die angeblich in Sturmnächten immer noch im Schloss umging. Das war sicher ein weiterer Grund dafür, dass der Kauf dieses riesigen alten Gebäudes keinen Sinn ergab. Aber Marie fielen noch mindestens ein Dutzend andere ein.

«Was ist mit Ebba?», fragte sie. «Kommt sie auch?»

Levke wollte antworten, doch in diesem Moment kam ein Mann aus der Eingangstür des Schlosses, den Marie erst auf den zweiten Blick als Hinnerk Matthiesen erkannte.

«Levke, Marie, wie schön, dass ihr kommen konntet», sagte er und winkte sie zu sich, aber Marie konnte das Lächeln, das er ihnen schenkte, nicht erwidern. Dafür war sie zu schockiert darüber, wie sehr Cord Matthiesens Vater sich verändert hatte.

Der große, früher sportliche Mann mit den vollen braunen Haaren war nur noch ein Schatten seiner selbst. Er hatte stark abgenommen, seine Haut wirkte fahl, sein Haar war an den Schläfen ergraut, und unter seinen Augen lagen dunkle Schatten. Auch sein Lächeln wirkte müde.

Marie tauschte einen Blick mit Levke, die ähnlich entsetzt wirkte. Dann setzten sie sich fast gleichzeitig in Bewegung und gingen auf Hinnerk zu.

 

Ebba stieg die letzten zwei Stufen hinauf und spürte, wie der Wind ihre Kleidung erfasste, als sie oben auf dem Deich angekommen war und den Blick über das Wasser gleiten ließ. Die Flut kam gerade herein, und die Wellen überspülten bereits den Strand, der bei Ebbe bis zum Horizont zu reichen schien. Auf den Wiesen hinter dem Deich weideten Schafe, und man hörte ihr Blöken in der Stille des Nachmittags.

Der Anblick war vertraut, und als Ebba die salzige Luft in ihre Lungen sog, spürte sie ein schmerzhaftes Gefühl der Wehmut. Sie hatte Ostfriesland vermisst. Natürlich war Amerika schön und Boston immer noch aufregend für sie. Aber das hier war die Landschaft ihrer Kindheit, und wieder hier zu sein, löste ein unerwartet warmes Gefühl in ihr aus.

Für einen Moment ließ sie das alles auf sich wirken und spürte eine innere Ruhe, die sie lange nicht mehr empfunden hatte. Dann erinnerte sie sich wieder daran, dass sie nicht gekommen war, um irgendwelchen sentimentalen Heimatgefühlen nachzuhängen. Sie hatte einen Termin, und den würde sie am Ende doch noch verpassen, wenn sie sich nicht sofort wieder auf den Weg machte.

Dass sie überhaupt angehalten hatte, um auf den Deich zu steigen und aufs Meer zu schauen, obwohl sie schon zu spät dran war, wunderte sie selbst. Aber als sie an dem Schild vorbeigefahren war, das auf den kleinen Parkplatz hinwies, hatte sie einfach abbiegen und dem Weg bis dorthin folgen müssen. Es war der Ort, an den sie damals immer mit Cord gefahren war, wenn sie allein sein wollten. Der Ort, an dem er sie zum ersten Mal geküsst hatte. Und der Ort, an dem sie ihm gesagt hatte, dass …

Nein, verdammt, ermahnte sie sich. Das war alles eine Ewigkeit her. Cord war längst fort und machte jetzt in Hamburg die Karriere, die er angeblich nie gewollt hatte. Er hatte sie längst vergessen. Also musste sie sich zusammenreißen und diesen unseligen Termin hinter sich bringen, damit sie möglichst schnell zurückkehren konnte in ihr Leben in Boston.

Das war nur gar nicht so einfach, wie Ebba sich eingestehen musste. Denn warum sonst stand sie hier oben auf dem Deich und hing alten Erinnerungen nach, anstatt die letzten Kilometer bis zu ihrem Heimatort zu fahren? Ostfriesland wiederzusehen, war eine Sache. Nach Süderholt selbst zog es sie dagegen weniger.

Genervt davon, dass sie jetzt vielleicht tatsächlich zu spät kam, und das völlig ohne Not, machte sie sich auf den Weg zurück zu ihrem Mietwagen, der allein auf dem Parkplatz stand. Wobei die Bezeichnung «Parkplatz» reichlich übertrieben war, eigentlich handelte es sich um eine kleine Wiese vor dem Deich, die man zum Parken nutzen durfte. Die meisten Touristen bevorzugten andere Orte, um ihre Wagen abzustellen, deshalb stand die BMW