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Mit den spannenden Arztromanen um die "Kurfürstenklinik" präsentiert sich eine neue Serie der Extraklasse! Diese Romane sind erfrischend modern geschrieben, abwechslungsreich gehalten und dabei warmherzig und ergreifend erzählt. Die "Kurfürstenklinik" ist eine Arztromanserie, die das gewisse Etwas hat und medizinisch in jeder Hinsicht seriös recherchiert ist. Nina Kayser-Darius ist eine besonders erfolgreiche Schriftstellerin für das Genre Arztroman, das in der Klinik angesiedelt ist. 100 populäre Titel über die Kurfürstenklinik sprechen für sich. »Und wie gefällt es Ihnen an der Kurfürsten-Klinik, Herr Berg?«, erkundigte sich Dr. Adrian Winter bei seinem Kollegen, dem neuen Chefarzt der Chirurgie, Jürgen Berg. Der Angesprochene ließ sich Zeit mit der Antwort, was Adrian sehr gefiel. Jürgen Berg war ein Mensch, der sich nicht aus der Ruhe bringen ließ. Er überlegte sich gut, was er sagte, und dann hatte es in der Regel Hand und Fuß. Schließlich lächelte er. »Ich weiß es noch nicht, Herr Winter. Es ist zu früh, um ein endgültiges Urteil abzugeben. Die Kurfürsten-Klinik hat einen ausgezeichneten Ruf, das wissen Sie ja selbst, und die Arbeitsbedingungen sind hervorragend. Das zumindest kann ich sagen.« »Aber?« fragte Adrian gespannt. Er selbst leitete seit einigen Jahren die Notaufnahme der Klinik, und er liebte seine Arbeit, obwohl sie ungeheuer kräftezehrend war. Anders als viele seiner Kollegen wünschte er sich dennoch keinen ruhigeren Posten. Er stöhnte zwar, wenn er wieder eimal Nachtdienst machte, aber er hätte nicht darauf verzichten wollen. Ihm war es am wichtigsten, für die Patienten da zu sein – am Schreibtisch zu sitzen hatte ihn noch nie interessiert. Außerdem fühlte er sich mit seinen fünfunddreißig Jahren dazu viel zu jung. Er nahm an, daß der neue Chefarzt zwei oder drei Jahre älter war als er selbst. Ein dunkelhaariger Mann mit einem sympathischen Gesicht und einer angenehm tiefen Stimme. »Aber«, fuhr Jürgen Berg nun nachdenklich fort, »ich bin hier noch nicht zu Hause. Ich meine, weder an der Klinik, noch in Berlin. Meine Freunde leben woanders, meine Familie ebenfalls. Das alles zusammengenommen spielt
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Seitenzahl: 114
Veröffentlichungsjahr: 2017
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»Und wie gefällt es Ihnen an der Kurfürsten-Klinik, Herr Berg?«, erkundigte sich Dr. Adrian Winter bei seinem Kollegen, dem neuen Chefarzt der Chirurgie, Jürgen Berg.
Der Angesprochene ließ sich Zeit mit der Antwort, was Adrian sehr gefiel. Jürgen Berg war ein Mensch, der sich nicht aus der Ruhe bringen ließ. Er überlegte sich gut, was er sagte, und dann hatte es in der Regel Hand und Fuß. Schließlich lächelte er. »Ich weiß es noch nicht, Herr Winter. Es ist zu früh, um ein endgültiges Urteil abzugeben. Die Kurfürsten-Klinik hat einen ausgezeichneten Ruf, das wissen Sie ja selbst, und die Arbeitsbedingungen sind hervorragend. Das zumindest kann ich sagen.«
»Aber?« fragte Adrian gespannt. Er selbst leitete seit einigen Jahren die Notaufnahme der Klinik, und er liebte seine Arbeit, obwohl sie ungeheuer kräftezehrend war. Anders als viele seiner Kollegen wünschte er sich dennoch keinen ruhigeren Posten. Er stöhnte zwar, wenn er wieder eimal Nachtdienst machte, aber er hätte nicht darauf verzichten wollen. Ihm war es am wichtigsten, für die Patienten da zu sein – am Schreibtisch zu sitzen hatte ihn noch nie interessiert. Außerdem fühlte er sich mit seinen fünfunddreißig Jahren dazu viel zu jung.
Er nahm an, daß der neue Chefarzt zwei oder drei Jahre älter war als er selbst. Ein dunkelhaariger Mann mit einem sympathischen Gesicht und einer angenehm tiefen Stimme.
»Aber«, fuhr Jürgen Berg nun nachdenklich fort, »ich bin hier noch nicht zu Hause. Ich meine, weder an der Klinik, noch in Berlin. Meine Freunde leben woanders, meine Familie ebenfalls. Das alles zusammengenommen spielt eine Rolle, ich kann das nicht voneinander trennen. Die Arbeit gefällt mir, und die Stadt gefällt mir auch, aber beides ist mir noch nicht wirklich vertraut.«
Adrian nickte. »Ja, das kann ich mir vorstellen. Ich denke aber, das wird sich ändern. Sie werden sich in der Stadt einleben – und in der Klinik auch.«
»Vermutlich«, stimmte der andere zu. »Und Sie? Sind Sie schon lange in Berlin? Haben Sie Familie hier?«
»Meine Zwillingsschwester lebt hier«, antwortete Adrian. »Wir sind in Berlin aufgewachsen.«
»Und Sie haben die Stadt niemals verlassen, Sie und Ihre Schwester?«
»O doch, wir beide. Ich habe eine Weile in England gearbeitet, in London. Esther war in den USA, sie hat einen Amerikaner geheiratet, aber die Ehe ist leider gescheitert. Sie ist übrigens auch Medizinerin – Kinderärztin an der Charité.«
»An der Charité, soso. Interessant«, sagte Jürgen Berg.
Etwas an seiner Stimme ließ Adrian aufhorchen, doch sein Kollege verstummte, also sprach er selbst weiter. »Ja, schon länger. Es gefällt ihr gut dort. Sie wohnt in Kreuzberg, ich habe mich in Charlottenburg niedergelassen, in der Nähe der Klinik, das finde ich sehr angenehm.«
»Ich wohne auch in Charlottenburg – eine schöne Wohnung habe ich gefunden, in dem Punkt habe ich wirklich Glück gehabt.« Jürgen Berg sah auf die Uhr. »Schon so spät! Ich habe noch einen Termin mit dem Verwaltungsdirektor, diese Formalien nehmen einfach kein Ende.«
Adrian lachte. »Lassen Sie sich nicht entmutigen, das wird schon! Außerdem ist unser Verwaltungsdirektor ein ausnehmend netter Mensch.«
»Ja, nicht wahr? Das ist mir auch schon aufgefallen«, erwiderte Jürgen Berg. »Wenn man Herrn Laufenberg erlebt, möchte man gar nicht glauben, daß er sein Leben mit Papierkram und Organisation verbringt.«
»Oh, das tut er auch nicht«, meinte Adrian, der das zufällig recht genau wußte. Er war nicht nur mit Thomas Laufenberg gut befreundet, dieser würde auch in absehbarer Zeit sein Schwager werden. Doch das wollte er seinem sympathischen neuen Kollegen nicht verraten – so gut kannten sie einander noch nicht. »Grüßen Sie ihn von mir, wir hier in der Notaufnahme sind ihm zu großem Dank verpflichtet, weil er unser Personalproblem ernst nimmt und uns in regelmäßigen Abständen Ärzte im Praktikum schickt, die bei uns aushelfen. Ohne unseren Nachwuchs wüßten wir oft nicht, wie wir die Arbeit bewältigen sollten.«
»Ich werde den Gruß ausrichten«, versprach Jürgen Berg. »Auf Wiedersehen, Herr Winter, und danke für Ihre aufmunternden Worte.« Er eilte davon.
Als Adrian sich umdrehte, stand seine Kollegin Julia Martensen vor ihm. »Netter Mann, oder?« fragte sie. Julia war Internistin, sie arbeitete gewöhnlich auf der Inneren Station, ließ sich aber immer wieder für die Notaufnahme einteilen, weil sie Abwechslung in ihrer Arbeit brauchte, wie sie sagte.
»Ich glaube, ja. Außerdem ist er fachlich hochqualifiziert, wir können froh sein, daß wir ihn bekommen haben. Er tut sich allerdings noch ein bißchen schwer mit der Eingewöhnung.«
»Das geht doch jedem so«, meinte sie. Julia ging bereits auf die Fünfzig zu, was man ihr nicht ansah. Sie war eine gutaussehende Brünette mit einem modischen Kurzhaarschnitt, sehr schlank, mit klugen Augen und lebhafter Mimik und Gestik. Adrian arbeitete ausgesprochen gern mit ihr zusammen. »Ist er verheiratet? Hat er Kinder?« fragte sie.
»Davon war nicht die Rede. Er hat nur von sich gesprochen – daß er eine Wohnung hier in der Nähe gefunden hat.«
»Ein Mann wie er läuft doch nicht mehr allein herum«, murmelte sie, dann lachte sie plötzlich auf. »Aber du bist ja auch nicht verheiratet, obwohl man das wirklich nicht verstehen kann. Du siehst gut aus, bist ein hervorragender Unfallchirurg, hast ein ausgesprochen angenehmes Wesen...«
»Oh, vielen Dank, Julia.«
Sie ließ sich nicht beirren. »Bitte. Also: Du bist ein netter Mensch, hast sehr schöne braune Augen, ein reizendes Lächeln und eine Menge Humor. Du bist immer für deine Patienten da, um es kurz zu machen: Du bist ein Traummann. Und trotzdem noch allein.«
»Wie du«, erwiderte er.
»Aber ich bin trotzdem nicht mit meiner Arbeit verheiratet!« entgegnete sie. Julia reiste leidenschaftlich gern. »So wie du, Adrian.«
»Frau Senftleben behauptet das auch immer.«
»Du mit deiner Frau Senftleben! Wie geht’s ihr denn?«
»Gut, wie meistens. In dieser Woche hat sie eine Opernpremiere und einmal geht sie ins Theater...«
Julia unterbrach ihn lachend… »Und das bedeutet, sie lädt dich nicht zum Essen ein, du mußt dich selbst verpflegen. Armer
Adrian.«
»Danke für dein Mitgefühl, Julia.« Er zwinkerte ihr zu.
Die Türen der Notaufnahme flogen auf, und zwei Sanitäter keuchten mit einem Patienten herein. »Fünfzehnjähriger Junge, er hat Crack genommen«, rief einer von ihnen, »Crack und wer weiß, was noch alles!«
»An die Arbeit«, murmelte Adrian und rief dann laut: »Hierher, in Kabine fünf!«
In der nächsten Stunde rangen Julia und er um das Leben des Jungen, aber es war ein Kampf, den sie verloren. Müde und mit grauen Gesichtern versuchten sie anschließend, den Eltern zu erklären, daß ihr Sohn offenbar schon länger ein Leben geführt hatte, das diesen vollständig verborgen geblieben war.
*
Dr. Sophie Hartmann kam an diesem Abend müde nach Hause und nahm den Fahrstuhl, um hinauf in ihre Wohnung zu fahren, obwohl sie kein Vertrauen zu ihm hatte. In der letzten Zeit war er bereits zweimal stehen geblieben, hatte man ihr erzählt. Zum Glück hatte sie es nicht selbst erlebt, solche und ähnliche Situationen jagten ihr Angst ein.
Sie arbeitete seit einiger Zeit als Kinderärztin an der Berliner Charité, was ihr sehr gut gefiel. Sie bedauerte nur, daß ihr so wenig Zeit für ihr Privatleben blieb. Noch immer war es ihr nicht gelungen, sich die Stadt Berlin wirklich zu erobern, denn an den Wochenenden war noch viel in ihrer neuen Wohnung zu tun, die in Charlottenburg lag. Hier gefiel es ihr sehr gut, außerdem hatte sie einen höchst attraktiven neuen Nachbarn...
Sie mußte lächeln, als sie an Dr. Berg dachte. Er war gerade Chefarzt an der Kurfürsten-Klinik geworden, aber das war so ungefähr das einzige, was sie über ihn wußte. Und auch das wußte sie nur, weil eine ihrer überaus neugierigen Nachbarinnen es ihr erzählt hatte. Aber interessant gefunden hatte sie den Mann schon vorher: Er hatte ein ausgesprochen nettes, ein wenig schüchternes Lächeln. Dieses Lächeln hatte sie sofort für ihn eingenommen, denn mit draufgängerischen Männern konnte Sophie, die selbst schüchtern war, wenig anfangen. Sie machten ihr Angst.
Als sie ihr Stockwerk erreicht hatte und den Fahrstuhl verließ, erreichte eben jener Mann die oberste Treppenstufe, an den sie gerade gedacht hatte: Dr. Berg. Sie war sicher, daß ihr Gesicht dunkelrot anlief, obwohl das unsinnig war, er konnte ja schließlich keine Gedanken lesen.
»Guten Abend, Frau Hartmann«, sagte er freundlich – und da war es wieder, sein nettes Lächeln.
»Guten Abend, Herr Berg«, erwiderte sie schüchtern und fügte dann erstaunlich mutig hinzu: »Ich war heute zu müde, um die Treppe zu nehmen.«
»Passen Sie auf mit dem Fahrstuhl«, warnte er scherzhaft, »er bleibt doch angeblich dauernd stehen.«
»Ja, das habe ich auch schon gehört, aber heute war es mir egal.«
Sein Blick war aufmerksam, als er nun sagte: »Sie sehen tatsächlich müde aus. Hatten Sie einen so anstrengenden Tag? Sie arbeiten in der Charité, nicht wahr?«
»Ja«, antwortete sie, erstaunt darüber, daß er das wußte, denn sie hatten bisher höchstens mal einen Satz über das Wetter gewechselt.
Er schien ihre Gedanken zu erraten, denn er erklärte lächelnd: »Das weiß ich von Frau Horst, sie scheint hier im Haus die Informationszentrale zu sein.«
Sophie lachte. »Ja, das stimmt. Mir hat sie erzählt, daß Sie an der Kurfürsten-Klinik Chefarzt geworden sind.«
Er wunderte sich sichtlich. »Woher weiß sie das denn? Von mir jedenfalls nicht.«
»Fragen Sie mich nicht, Herr Berg, woher Frau Horst ihre Informationen bezieht. Sie scheint einfach alles zu wissen.«
»Das Gefühl habe ich auch. Wohnen Sie hier schon lange?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich bin drei Monate vor Ihnen eingezogen, aber ich bin immer noch nicht richtig heimisch in Berlin, weil mir so wenig Zeit bleibt, mir die Stadt in Ruhe anzusehen. Wir haben schrecklich viel zu tun auf der Kinderstation, und abends bin ich oft so müde wie jetzt, daß ich keine Lust mehr habe, etwas zu unternehmen.«
»Wie wäre es, wenn wir uns gelegentlich zusammentäten? Ich kenne die Stadt sicherlich noch weniger als Sie – und wenn man zu zweit ist, rafft man sich eher auf als allein. Jedenfalls ist das meine Erfahrung.«
»Meine auch«, sagte sie und errötete schon wieder. »Sehr gern, es würde mich freuen.«
»Also machen wir am Wochenende unseren ersten gemeinsamen Erkundungsgang durch Berlin?« fragte er.
»Einverstanden«, sagte sie, »zum Glück habe ich keinen Wochenenddienst.«
»Ich auch nicht«, erwiderte er. »Ich freue mich schon. Lieber Samstag oder Sonntag?«
Fast hätte sie gesagt: ›Am liebsten an beiden Tagen‹, aber sie schaffte es gerade noch rechtzeitig, sich auf die Zunge zu beißen. »Lieber am Sonntag. Der halbe Samstag vergeht ja schon mit Einkaufen.« Sie seufzte. »Außerdem muß ich noch so viel in meiner Wohnung machen. Sie würden nicht glauben, wie es da noch aussieht. Ich habe noch nicht einmal alle Umzugskisten ausgepackt.«
»Das wird mir genauso gehen«, meinte er.
»Wollen Sie nicht am Sonntag gegen elf zu einem späten Frühstück kommen?« fragte sie. »Und danach gehen wir dann los.«
Er sah erfreut aus und nickte sofort. »Gern«, sagte er. »Sehr gern sogar.«
»Gut, dann bis Sonntag! Auf Wiedersehen.« Sie drehte sich rasch um, damit er nicht sah, daß sie schon wieder rot wurde, weil sie sich so über diese Verabredung freute.
»Auf Wiedersehen, Frau Hartmann!«, hörte sie ihn noch sagen, dann schloß sie die Wohnungstür hinter sich und lehnte sich von innen aufatmend dagegen. Am Sonntag, dachte sie. Wir treffen uns am Sonntag!
Als ihr Blick wenig später in den Spiegel fiel, strahlten ihre blaugrünen Augen wie zwei Sterne, und ihre roten Haare schimmerten ganz besonders schön. Sie betrachtete sich eingehend und dachte schließlich zufrieden: Nicht schlecht, Sophie.
*
»Es tut mir sehr leid, Adrian, daß dieser Junge gestorben ist«, sagte Carola Senftleben und füllte den Teller ihres jungen Nachbarn zum zweiten Mal mit köstlichem Lammragout, ohne daß er es bemerkte. Sie saßen in ihrer geräumigen Wohnküche, wie so oft. Es war der Raum in der Wohnung seiner Nachbarin, den Adrian am allerbesten kannte. Schon viele Stunden hatten sie gemeinsam hier verbracht, stets bei einem hervorragenden Essen, denn Carola Senftleben hätte als Köchin jedem guten Restaurant Ehre gemacht. Beim Essen sprachen sie dann über Gott und die Welt, über die Kurfürsten-Klinik, Patientenschicksale, Bücher, Opernpremieren und Theateraufführungen. Adrian liebte diese Gespräche, weil Carola Senftleben eine kluge und vielseitig interessierte Frau war, die zudem lebhaften Anteil an seinem Berufsleben nahm.
Sie selbst war Schneidermeisterin mit eigener Werkstatt gewesen, hatte in jungen Jahren für Leute mit viel Geld gearbeitet, ihre Kunst war sehr gefragt gewesen. Geheiratet und Kinder bekommen hatte sie nicht, und so war Adrian so etwas wie ihr Ersatzsohn. Niemals jedoch mischte sie sich ungebeten in seine Angelegenheiten, und auch er behandelte sie mit gebührendem Respekt. Auf dieser Basis waren sie über die Jahre zu echten Freunden geworden, denen die mehr als dreißig Jahre Altersunterschied, die zwischen ihnen lagen, meistens gar nicht mehr auffielen.
»Ja, das war schlimm, Frau Senftleben«, erwiderte Adrian niedergeschlagen. »Er war unser erster Patient heute morgen – und eine Stunde nach seiner Einlieferung war er tot, können Sie sich das vorstellen? Und dann die Eltern...« Er schüttelte bei der Erinnerung den Kopf. »Sie hatten überhaupt keine Ahnung, daß ihr Sohn drogenabhängig war. Dabei muß das schon länger so gegangen sein, mindestens anderthalb Jahre. Offenbar hat der Junge genommen, was er kriegen konnte, und zum Schluß hat er nicht mehr aufgepaßt. Überdosis. Wir haben getan, was wir konnten, aber es war zu spät. Er hat wahrscheinlich die halbe Nacht irgendwo gelegen. Wenn man ihn früher gefunden hätte, hätten wir ihn vielleicht noch retten können.«
Er leerte seinen Teller erneut, ohne zu merken, was er aß, das sah sie ihm an. Aber plötzlich hielt er inne, kaute langsamer und sagte dann: »Ich bin heute kein guter Gast, Frau Senftleben. Jetzt fällt mir erst auf, wie lecker das wieder ist, was Sie gekocht haben. Bisher habe ich es einfach in mich hineingestopft.«
»Sie sind immer noch sehr aufgewühlt«, bemerkte sie verständnisvoll.
