Die Schöpfung war kein Gottesspaß - Horst Kratzmann - E-Book

Die Schöpfung war kein Gottesspaß E-Book

Horst Kratzmann

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Beschreibung

Laut biblischer Schöpfungsgeschichte war der Herr sehr angetan von seinem Werk und gönnte sich die Sonntagsruhe. Das erwies sich angesichts irdischen Murkses und Leides als ziemlich mutig, weshalb Wohlmeinende die Schaffung von Weltall, Erde und Mensch eher niederen Göttern (oder Demiurgen) zuordnen. Als Gottes Schöpfung bliebe dann die geistige Welt, die Er den Menschen in der jüdischen und christlichen Religion, der mit der griechischen Antike nachhaltig einsetzenden Kunst und den rechtlichen Disziplinen vermittelt, welche Macht und rohe Gewalt einhegen. Die Diskurse zwischen Transzendenz und Unterwelt sowie deren Gegenzüge könnten stark gerafft wie in den folgenden zwölf Akten angedeutet abgelaufen sein ...

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Seitenzahl: 251

Veröffentlichungsjahr: 2015

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INHALT

1. Akt

2. Akt

3. Akt

4. Akt

5. Akt

6. Akt

7. Akt

8. Akt

9. Akt

10. Akt

11. Akt

12. Akt

1. AKT

1. SZENE

Matt erleuchteter Raum mit Fenster zum Weltall(Schwärze und Milchstraßen)

LUZIFER (strahlend):Es ist vollbracht! Der Weltenkern platzt, gebiert ohn’ Ende neue Welten … (Schaut genauer hin) Die Milchstraße hier vorn begehrt mein besonderes Augenmerk, (nimmt ein Vergrößerungsglas) und der kleine blaue Edelstein an ihrem Rande ist, so scheint’s, ein ausnehmend edles Werk; (sucht) ein gleiches kann ich nicht entdecken. (Leicht umwölkt) Wie aber wird der Geist Gottes reagieren, dem ich zuvorkam? (Trotzig) Warum sollte ich nicht mich und folglich das verwirklichen, was ich mir selber zutraue? (Etwas gezwungen fröhlich) Was da ist, ist gut und besser allemal als das, was nicht da ist.

SATAN (hinter einer Wand):Der eitle Stümper hat’s gewagt; nun muß ich meinen Einsatz planen. Wirken kann ich nur, wenn jener vor mir tätig war, denn eig’nes Werk ist mir versagt. Doch welch’ ein Aufwand, um einen Planeten zum Juwel zu formen – und das offenkundig noch aus schierem Zufall … Aber in aufgesetzter Götterlaune braucht er sich um Kosten und Nutzen nicht zu kümmern.

DIABOLOS (hinter einer anderen Wand, kopfschüttelnd):Erst klaut er Gott das Material, dann verpfuscht er Ihm die Idee, und schließlich richtet er daraus nur nutzlose Klumpen und Haufen zu: Der Urknall als verfrüht gezündetes Feuerwerk. (Händereibend) Jetzt darf auch ich ohne Seine strenge Aufsicht in dieser Sandkiste spielen … Was ist das?

LUZIFER (hebt die Hände):Gott, erhöre mich, Gott, erhöre mich, wende dich zu meiner Gabe! (Lauscht, läßt resignierend die Hände sinken)

SATAN (tritt hervor):Ruf’ lauter! Schläft Er vielleicht, oder hat Ihm dein Werk schon die Sprache verschlagen?

LUZIFER (entsetzt):Hebe dich von mir, Satan. Hier ist deines Bleibens nicht.

SATAN:Oh doch, ich werde fortan dein Partner und Teilhaber sein … und meinen Beitrag zu deiner … Schöpfung leisten.

LUZIFER:Du impotenter Spielverderber und arroganter Trittbrettfahrer – du bist allein im Zerstören und Verneinen groß.

SATAN (zuckt grinsend mit den Achseln):Das sind nun einmal meine Funktionen – neben anderen …

LUZIFER (trotzig):Ich dagegen meine, daß für mein Ego und zu meinem Ergötzen jetzt Leben auf die Erde kommen soll. Ich kann mehr als große Kugeln formen!

DIABOLOS (tritt hervor):Euer Gottheit treten Ihr Werk also schon an die Evolution ab …

2. SZENE

Feierlicher Raum für Gipfeltreffen

Stimme des Herrn

Erzengel

ERZENGEL:Ihr habt das Flehen gehört?

STIMME:Hören ist nicht erhören …

ERZENGEL:Lassen Euch Urknall und Milchstraßen denn kalt?

STIMME:Sie stehen für eine zwar variable, aber hirntote Entwicklung der Materie. Was soll ein armer Teufel ohne mich denn mehr zustande bringen?

ERZENGEL:Also keine Schöpfung?

STIMME:Die kann nur aus meinem Geist entstehen.

ERZENGEL:In späteren Zeiten werden die neuen Bewohner in Schöpfungsgeschichten Euch als den Urheber darstellen.

STIMME:Vor dem Sieg der Naturwissenschaften bleibt ihnen kaum etwas anderes übrig. Ich gelte eben als der »oben im Himmel«, der alles lenkt – und damit auch sie.

ERZENGEL:So seid Ihr nicht allmächtig?

STIMME:Göttliche Präsenz muß sich nicht in der Realisierung der Fähigkeit beweisen, aus diesen Milchstraßen wieder einen Matschklumpen zu formen.

ERZENGEL:Aber irgendwie müßt Ihr in den Menschen das Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit von Euch wecken.

STIMME:Das wird mein Problem sein …

3. SZENE

Großer unaufgeräumter Raum, teils Studierzimmer, teils Laboratorium. An einer Seitenwand Beckmanns Bilder »Luftballon mit Windmühle«, »Triptychon«, »Kinder des Zwielichts«, »Die Nacht«

LUZIFER (gelangweilt und beunruhigt):Sterne und Welten habe ich geformt und wieder ex- und implodieren lassen, habe Fluten, Feuerstürme, Erdbeben, Weltuntergänge auf Sternen und Planeten inszeniert. Aber die leere Imposanz des Weltalls reizt mich nicht mehr. Wenn die Menschen als meine liebsten Geschöpfe nicht wären …

SATAN:Ein Edelstein macht keine Krone, ein Zufallswerk allein ist noch kein Grund zum Stolz, und die Menschen sind Zwerge.

LUZIFER (erregt):Ich handelte, und diese Welt ist da, legitimiert durch sich selbst. Basta!

SATAN:Der Herr wird aber nicht lachen wie Kaiser Wilhelm über den Hauptmann von Köpenick und seine »Legitimation«. Es fehlen Seine Glückwünsche!

LUZIFER (schluckt):Courage kann auf sie verzichten.

SATAN:Von der sprich besser erst, wenn du Seinen Zorn über deine tapsige Weltentöpferei ausgestanden hast! (Höhnisch) Er wollte gewiß schwelgen: »Vollendet ist das große Werk; der Schöpfer sieht’s und freuet sich …« und dann hören: »Alles lobe seinen Namen; denn er allein ist hoch erhaben!« Das hast du Ihm verpfuscht.

LUZIFER (traurig):Wie prachtvoll hatte ich mir meine schmucke blau-weiße Kugel vorgestellt! Tatsächlich entstehen vielerorts Wüste und Ödland, überall gibt es arme, kranke, gemordete, unglückliche Menschen, Gestalten, die nur Dulder und Sklaven sind. Zum Opfer bestimmt ist die halbe Tierwelt, weil sie von der anderen Hälfte gefressen wird.

SATAN:Was sag’ ich denn dazu? Der Katzenjammer fängt schon an. (Nachäffend) Ich find’ es dort in vielem herzlich schlecht. Der Menschen viele dauern mich in ihren Jammertagen, ich mag sogar die armen selbst nicht plagen.

LUZIFER:In dieser Welt, vom Paradiese fern, sind meine Lieblinge selten glücklich. Zwischen ihren schlechteren Kumpanen und der harten Umwelt werden sie langsam, aber stetig und unweigerlich aufgerieben und in den Tod getrieben. Das ist deine Schuld!

SATAN:Das also steckt dahinter: Du wolltest schöne Menschen an der Riviera oder in der Südsee haben! Da muß ich mit Mördern und Betrügern, mit Hungersnöten und giftigen Schlangen die Spezies und ihr Umfeld leider vervollständigen (lacht).

LUZIFER:Der Neid treibt dich, weil du dich nicht getraut hast.

SATAN:Zeitweise habe ich deinen Schneid bewundert, zugegeben, doch zum Neiden gibt es schlechthin nichts. Ich weide mich am Anblick der Häßlichen und am Auftreten der Dummen, beobachte genußvoll, wie die Tiere einander auffressen und die Menschen sich in Krankheiten quälen und im Tode verzweifeln. Ihre fleischlichen Begierden sind überaus vergnüglich zu begleiten, verfolgen sie doch den zusätzlichen Zweck, die Qual und Last des Erdenlebens ins Unendliche zu verlängern. Nein, mir gefällt die Welt erst jetzt – und so.

LUZIFER:Für dich habe ich mich nicht ins Zeug gelegt.

SATAN (zuckt mit den Schultern):Tu as travaillé pour le Roi de l’Enfer.

LUZIFER:Du vergißt dennoch den wahren Souverän: Ick heff dat Küken sülben utbrödt; ick kann dat Küken ok den Hals umdrein.

SATAN:Den Kraftakt bringst du nicht auf, und das irdische Omelette kannst du jedenfalls nicht in seine Zutaten zurückverwandeln.

DIABOLOS (tritt hervor):Kollegen, ich bin zu allem Überfluß auch noch da! Als Herr des Zufalls und der Katastrophen garantiere ich, daß eure triste Schöpfungsblockade sich löst, daß nichts vorherbestimmt ist und daß man auf der Erde nicht nur gefährlich, sondern auch in spannenden Zeiten lebt.

LUZIFER:Wie Parasiten klammert ihr euch an den einzigen Leistungsträger.

DIABOLOS:Sei Realist und kein Streber! Ich hätte die Ordnung, die Er plante, Seine Noten von »gut« bis »sehr gut« und Seinen Logos, der vernünftig macht und das Chaos verhindert, nicht ertragen. Sein Paradies hätte mich unendlich gelangweilt – um wie viel mehr tut’s dein platter Abklatsch! Aber nichts für ungut … was wäre die Welt ohne euch Pioniere? (Kichernd) Die Orden bekommen später wir Profiteure …

SATAN:Mehr als gehobene Biomechanik könnt ihr beide nicht leisten.

DIABOLOS:Immerhin, wir haben jetzt einen Übungsplatz für alles Chaotische. Der erleichtert Nachbesserungen, die Evolution erhält einen neuen Antrieb, und wir erleben ständig etwas Neues.

LUZIFER (hoffnungsvoll):Du liebst den Fortschritt?

DIABOLOS:Gewiß nicht in dem positiven Sinne, an den du denkst. Nur gibt es häufig ohne Zufall oder höhere Gewalt keine Erkenntnisse und ohne Erkenntnisse keine Innovationen für Krieg und Frieden … nur unendliche Langeweile. Also mische ich die Welt auf.

SATAN (zu Luzifer):Als wir uns selbständig machten, war doch klar, daß wir Lust und Spaß haben wollten. Die bekommen wir auch, und zwar ohne Ihn!

DIABOLOS (zu Luzifer):In uns ist ein alogischer, blinder, rastloser Drang, uns treibt unersättliche Seinsgier. Wenn du das als negativ empfindet, bist du zu bedauern.

LUZIFER:Um euch ging es gar nicht, ich war am Zuge, und ich kapituliere lieber vor Ihm als vor euch (geht ab).

DIABOLOS (zu Satan):Als Spannungspol zu Ihm ist er nicht zu gebrauchen. Wir müssen ihn unter Kontrolle halten (beide ab).

4. SZENE

Feierlicher Raum für Gipfeltreffen

Stimme des Herrn

Erzengel

ERZENGEL:Würdet Ihr die Kapitulation annehmen?

STIMME:Gemeinhin beendet die Übergabe einen Krieg und leitet den Frieden ein. Wo wurde hier gekämpft, und wie soll ein Frieden aussehen?

ERZENGEL:Künftige Zeiten würden vielleicht eine Art »Marshall-Plan« für die geplagte Menschheit ins Auge fassen …

STIMME:Der wird nicht reichen. Ich fürchte, mein Lieber, mein bisheriger Haftungsausschluß wird in einer Haftungsgemeinschaft enden … irgendwann …

ERZENGEL:Au weh, das wird teuer …

4. SZENE

Matt erleuchteter Raum (wie in der 1. Szene)

Luzifer

Satan

Diabolos

SATAN (zu Luzifer):Ich mache dir des lieben Friedens halber einen Vorschlag, um deinem Begehren nach Ordnung, Ausgleich, was weiß ich …

LUZIFER:… nach Schutz meiner Leute, nach Anerkennung meiner Schöpfungsleistung …

SATAN (kopfschüttelnd zu sich):Wie defensiv diese bürgerlichen Götter immer argumentieren …, (laut) also gut: … nach Würdigung Deiner großen Leistung nachzukommen: Wie im Reißverschlußverfahren führen wir unsere beiden Gefolgschaften zusammen. Wenn ich Hitler oder Stalin auf die Welt schicke, so beglückst du sie mit Albert Schweitzer und Mutter Teresa. Du produzierst Monarchen, Herrscher, freie Bürger, ich züchte Tyrannen, Sklaven und Knechte. Mutter Courage trifft auf ein Modepüppchen, dem Genie tritt der Idiot entgegen, und so weiter. Dazwischen liegt die breite Masse derer, die entweder ein bißchen schwach, dümmlich und käuflich sind oder ein wenig wacker, fleißig und brav.

LUZIFER:Wo ist bei dieser halben Machtübernehme dein Entgegenkommen?

SATAN:Ich verzichte auf die totale Hölle hier und akzeptiere das Kondominium … (zu sich) vorerst.

LUZIFER:So spricht der Räuber, der zunächst nur die halbe Beute fortschleppen kann.

SATAN:Bitte, dann laß mich weitermachen …

DIABOLOS:Obacht! M i r wird es obliegen, diese saubere Verteilung umzuwirbeln und die höhere Moral des Zufalls ins Spiel zu bringen.

LUZIFER:Ich hatte mir mein Unternehmen fröhlicher und heiterer vorgestellt. Sind wenigstens einige Menschen zufrieden?

SATAN:Daß du nicht Gott bist, merkt man schnell. Wer fragt nach der Meinung der Menschen?

LUZIFER:Warum soll ich als Göttergleicher mir nicht Dank, Lob und Opfer bringen lassen?

SATAN (schneidend):Ich mache Opfer, aber erwarte keine! Wo bleibt dein Gefühl für »göttliche« Distanz? – Wir sind uns also einig?!

LUZIFER:… Jaa … (Besorgt, zu sich) Ich werde mich um mein Werk kümmern müssen; Lebensumstände, Behausung und Verpflegung sind dort gar zu dürftig. Warte, bis ich die Menschen gewinne …

6. SZENE

Unwirtliche Gegend mit Höhle

Faust

Satan

Höhlenmensch

FAUST (als Steinzeitmensch, eingeschlossen in der Höhle):Weh! Steck’ ich in dem Kerker noch? Verfluchtes dumpfes Mauerloch. (Will einen Stein heben, um hinaus zu gelangen) Hier ist es dunkel, und dunkel ist’s in meiner Seele.

HÖHLENMENSCH:Erwartest du Erleuchtung von draußen? Es ist trostlos und gefährlich dort; hier sind wir wenigstens sicher.

FAUST:Es können doch das schlichte Vegetieren in einer Höhle und die Jagd nach ein wenig Nahrung nicht alles sein. Ich ertrage diese Öde nicht; ich brauche das Gespräch, den verbindenden Gedanken, eine Zukunft … (verzweifelt) eine Beschäftigung!

SATAN (haut ihm von oben den Stein auf den Kopf):Du hast alles, was du brauchst und was ich dir zubillige (verschwindet).

HÖHLENMENSCH (beleidigt zu Faust):Ich als dein Retter zähle wohl nicht? Geh’ auf die Jagd; das Fleisch nähert sich dem Ende, und ein Pelz zum Kleiden fehlt mir auch. Damit bist du ausgelastet …

5. SZENE

Großer unaufgeräumter Raum (wie in der 3. Szene), darin Bühne eines Marionettentheaters, von hinten gesehen

Luzifer

Satan

Diabolos

Stimme des Erzengels

(Luzifer und Satan hantieren mit nicht sichtbaren Marionettenpuppen, Diabolos versucht, sich einzumischen)

SATAN (zu Luzifer):Macht es nicht Spaß, wie wir hier mit unseren Puppen gegeneinander antreten?

LUZIFER:Jaaa, aber meine einzigartige Rolle ist dahin.

STIMME:Vertreter der Unterwelt zu mir …

LUZIFER:Endlich, Er will mich erhören! Eine Audienz … oder vielleicht ein Konzil?

SATAN:Meint der uns? Will Er ein Gipfeltreffen mit mir?

DIABOLOS:Gute Gelegenheit für ein Pokerspiel mit der anderen Seite …

STIMME:… zur Untersuchung!

2. AKT

6. SZENE

Feierlicher Raum für Gipfeltreffen

Stimme des Herrn

Erzengel

ERZENGEL:Die Fürsten dieser Welt haben ihre Bataillone nach Tüchtigkeit und Charakter geordnet – so, wie jeder sie jeweils versteht …

STIMME:Und wer wird ihr Gegner sein?

ERZENGEL:… Ich sehe eigentlich nur einen Bürgerkrieg …

STIMME:… hinter dem sich ein Stellvertreterkrieg gegen mich verbirgt. Umso hoffnungsloser ist die Lage für die aufgestellten Menschen, weil so ein Frieden unter ihnen niemals einkehren kann.

ERZENGEL:Was habt Ihr vor?

STIMME:Ich möchte Elemente meiner Vorstellungen von meiner Welt in die irdischen Konfrontationen einbringen und diesen Nichtsnutzen einmal zeigen, zu was der wahre Meister fähig ist. Zugleich vermittle ich dadurch den Menschen die Perspektiven meiner anderen, besseren und gnadenbringenden Welt. Das wird ihnen übrigens auch die Langeweile vertreiben.

ERZENGEL:Also keine tabula rasa mit totalem Neubeginn?

STIMME:Damit zeigte ich keinen Respekt vor dem gequälten Menschengeschlecht, und für die drei Teufel wäre es nicht hinreichend frustrierend.

2. SZENE

Matt erleuchteter Raum. Im Hintergrund ein Fenster mit Blick auf das Weltall und die Erde(vom Mond aus gesehen, im Halbschatten)

Erzengelals Vertreter des Herrn, in schlichter Kirchentracht ohne KreuzLuziferin feierlichem dunklen AnzugSatanals kalter GangsterDiabolosals Strizzi

LUZIFER (zum Erzengel):Wie schön, oh Großer, daß Ihr Euch endlich naht und fragt, wie alles sich bei uns befinde. Ich weiß, daß Ihr mich ungern seht, den Übereifrigen aus dem Gesinde.

ERZENGEL:Glaub’ unsereinem, dieses Ganze (zeigt auf das Fenster) ist nur für den Olymp gemacht. Du wähnest dich in ew’gem Glanze, den Menschen tauget einzig Tag und Nacht.

LUZIFER:Kommt Ihr nur nörgelnd anzuklagen? Ist wirklich auf der Erde Euch nichts recht?

ERZENGEL:Nein, Kerl! Ich finde es dort öd’ und herzlich schlecht. Die Menschen dauern mich in ihren Jammertagen. Ich sehe nur, wie sie sich ständig plagen.

DIABOLOS:Der Menschen Fähigkeiten mögen leicht erschlaffen, sie kämen bald zur unbedingten Ruh’. So geb’ ich gern mein Pech und Glück dazu, was reizt und treibt und kann als Zufall wirken.

ERZENGEL:Genug, der Verse wegen steht ihr nicht vor mir. Ich spreche für den Geist des Herrn und Seine Vollkommenheit, die eure Welt entbehrt. Sie stammt aus Sünde, ist nicht Sünde, doch ein Torso und so kleingehalten, daß sie besser nie entstanden wäre.

LUZIFER:Aber sie ist immerhin ein Anfang!

ERZENGEL:Wie ein zerschlag’nes Ei der Anfang eines neuen Vogels ist? »Ein großer Aufwand, schmählich! ist vertan …«. Noch im Gipfel ihrer Intelligenz sind die Menschen unselbständig, weil ihnen mit dem Geist jene Souveränität gegenüber der Welt abgeht, die einen Menschen erst zur Person und zum Gotteskind macht.

LUZIFER (pikiert):Es ist eine existierende Welt und besser als jeder wunderschöne Plan.

ERZENGEL:Oh nein, dein Pfusch ist schlimmer noch als jedes Nichts, das Raum und Zeit läßt für ein echtes Gotteswerk.

LUZIFER:Entschlossenheit mit Fehlern ist besser als Untätigkeit.

ERZENGEL:So spricht ein Bataillonskommandeur vor dem Einsatz, aber kein Gott.

LUZIFER (zeigt auf das Fenster):Strahlt denn kein Glanz von dieser schönen bunten Kugel?

ERZENGEL:Wenn man nicht genau hinschaut … Dieser »Glanz« verdeckt wie eine geschickte Werbung nur die Resultate von Drohung und Schrecken, von Hunger hier und Töten dort, von Jagd und Beute, von der Faszination gewissermaßen der Gladiatorenkämpfe für euch.

LUZIFER (wehleidig):Das haben diese zwei mir eingebrockt. Ich habe etwas Besseres gewollt.

ERZENGEL (schneidend):Du verdammter Tölpel, gutgemeint ist das Gegenteil von gut, doch ein dummer Teufel verfehlt hier sogar beides. Die Menschen wissen nicht einmal, wie unvollkommen sie sind und welche klägliche Rolle sie spielen müssen.

SATAN:Und wüßten sie’s, wär’s für sie nicht sogar schlechter?

ERZENGEL:Wie Tiere haltet ihr sie also? Dem Herrn tun sie dafür bitter leid. (Pause) Sagt einmal, nach wessen Bild habt ihr die Menschen eigentlich geschaffen?

LUZIFER (verlegen):Göttergleich habe ich sie mir schon vorgestellt …

ERZENGEL:Da spricht ein Blinder von der Pracht des Diamanten. (Sieht ein Herrenmagazin auf dem Tisch, interessiert) Ich belege mein Wort. (Blättert in dem Herrenmagazin, zu sich) Reife Leistung … alle Achtung!

LUZIFER (hoffnungsvoll):Das Reden geht, sie sei’n nach Seinem Bild geformt …

ERZENGEL (legt schnell das Heft weg):Wer redet? Du willst dich doch nicht nachträglich zum Agenten Seiner Herrlichkeit machen? Dir jedenfalls steht es nicht zu, den Menschen zum Gottesgeschöpf zu erheben. Das wird Er sich vorbehalten!

SATAN (ungläubig):Ihr wollt in das Unternehmen einsteigen, Euch an unserem »Torso«, unserem »Pfusch« beteiligen?

ERZENGEL:Wer zu Rettungszwecken in ein bankrottes Unternehmen eintritt, muß auch für Unausgereiftes seinen Namen hergeben, (zu sich) was den Herrn in arge Probleme bei der Theodizee bringen wird …

7. SZENE

Vor der Pforte zu einer Kultstätte

Faust(trägt einen Speer)Priester
FAUST:Geschrieben steht: »Am Anfang war das Wort«. Hier stock’ ich schon! Hilfst du mir weiter fort? Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin, geschrieben stehe: Am Anfang war der Sinn!PRIESTER:Sein Anblick gibt den Engeln Stärke, da keiner ihn ergründen mag. Und alle seine hohen Werke sind herrlich wie am ersten Tag.

FAUST:Freund, ich habe Probleme, und mein Denken ist nicht auf deine Orakel gerichtet. Ich erkenne den Sinn meines Vegetierens in dieser Wildnis nicht; ich möchte zu deinem Chef!

PRIESTER:Auch wir können ohne Religion nicht leben, aber das Göttliche ist nicht so faßbar und ansprechbar, wie du das gern hättest. Es lebt in unserem Herrscher, in unserem ganzen Staatswesen, im Kult, also hier.

FAUST (drohend):Dererlei Immanenz versteinert nur. Wer sagt mir ein Wort des Trostes, der Hoffnung oder der Unterstützung?

PRIESTER:Ehe du tätlich wirst … (ab).

FAUST:Ich bete gern zu einem richtigen Gott. Ich flehe ohne Scham den an, der mich aus dieser Trostlosigkeit befreit. Doch wo finde ich ihn? (Wartet)

PRIESTER (zerknirscht zurückkommend):Ich fürchte, mein Chef kann dir nicht sagen, wer für dein Elend verantwortlich ist; danach wurde noch nie gefragt. Beschwere dich bei anderen Göttern, bei Teufeln oder Dämonen, was weiß ich … (will ihn abwimmeln).

FAUST:Wer ist dein Gott? An diesem Ort pflegt man doch Götter und Weltengründer anzubeten?!

PRIESTER:Bisher trat man hier demütiger auf … (rennt fort).

FAUST:Von dem ist keine geistig-moralische Erhebung zu erwarten …

8. SZENE

Feierlicher Raum für Gipfeltreffen

ERZENGEL:Die Menschen stehen auf und klagen über unhaltbare Zustände. Da fühlt ein wahrer Gott sich angesprochen. Ich höre?

SATAN:Uns können diese Zwerge nichts anhaben, und Aufstände schlägt man nieder.

ERZENGEL (zu Luzifer):Und du? Wie steht es um deine Verantwortlichkeit … (verachtungsvoll) Schöpfer?

LUZIFER:Ich habe mein Prestige für die Menschen auf’s Spiel gesetzt. Daher will ich sie gut behandeln; aus etlichen läßt sich etwas machen, worauf ich stolz sein kann. (Kleinlaut) Aus allen aber nicht …

ERZENGEL:Rabenvater! (Zu Diabolos): An dich als Gott dächt’ ich zuletzt.

DIABOLOS:An mich als Macht denk’ ich zuerst! Denn meine Unabhängigkeit steht außer Frage.

ERZENGEL:Der Herr hört die Geständnisse eures Eigennutzes und eurer Gefühllosigkeit wohl mit Entsetzen, doch nicht mehr mit Erstaunen. Er wird euch die unendlichen Schätze Seines Geistes entgegensetzen, welche Er für die Menschen aus Liebe bereithält.

SATAN:Die bleibe Ihm unbenommen, und die Geistesschätze sind vermutlich nicht sichtbar und berühren mich nicht.

DIABOLOS:Ich verstehe nicht, wie Sein Geist unsere bunte und vielgestaltige Welt noch bereichern könnte.

ERZENGEL:Damit übersiehst du euer Problem.

LUZIFER:Was habe ich von diesen Geschenken, nachdem du meine Leistung so schlecht gemacht hast? Was wird aus mir?

ERZENGEL:Fragt ein liebender Weltenherr zuerst nach sich? – (Steigt von der Empore) Gott ist Realist und muß im Interesse der Geschöpfe auf dem Status quo aufbauen. Du leitetest den Evolutionsprozeß ein, welcher die Kunstwerke der Natur, der Lebewesen und besonders des Menschen hervorbrachte. Es existiert fortan eine hochentwickelte molekularsprachliche Ordnung. An ihr wird nichts geändert. Sie soll die Basis des Wirkens meines Herrn und Seiner Vernunft werden, die alles erfaßt, was Sprache oder Gedanke ist und Geist werden kann.

LUZIFER (stolz):Sag’ ich doch! Bei mir regieren nicht nur Materie und Physik.

ERZENGEL:Du hast Funktionen mitgegeben, jedoch keine Inhalte und keine Antennen für sie. Noch hören die Menschen beim Ohrenöffnen nicht wirklich, und richtig zu sehen haben sie auch nicht gelernt. Ihr verurteilt sie zur trostlosen Selbstbezogenheit auf eurem platten zweidimensionalen Präsentierteller!

SATAN (zu Luzifer):Das hält Er dir vor, merkst du es nicht?

ERZENGEL:Diese Autisten wird Er zu sich nach oben und zu den Mitmenschen öffnen: Er verleiht ihnen die Fähigkeit erst zur inneren sprachlichen Erkenntnis ihrer Situation, sodann zur Erfahrung Seiner gänzlich anderen Welt des Geistes, weiter zu deren beider eigenständigen künstlerischen Nachgestaltung und Wiedergabe und schließlich zur Weitervermittlung dieser Kunstwerke an andere und an die Nachwelt. Aus Objekten eurer Perversitäten werden sie so Subjekte und Bürger Seines Reiches.

SATAN:Was soll ich mir unter diesem Wortgeklingel vorstellen? Was ist Kunst?

ERZENGEL:Mit der Sprache werden sie schildern, mit dem Mund singen, mit den Händen malen, gestalten und instrumentieren, was in euren Plänen nicht vorgesehen ist und was in eurer Welt nicht existiert.

LUZIFER:Was bewirkt diese göttliche Kompetenzaufladung – am Ende das Paradies?

ERZENGEL:Das irdische Paradies als zeit- und geschichtslose Seligkeit hast du verpfuscht. So bleibt nur Gottes immaterielle Nachschöpfung, welche die Menschen aus der puren Hoffnungslosigkeit immerhin zu den Unwägbarkeiten einer irdischen Geschichte, häufig zu einem würdevollen Leben, bestenfalls sogar zum Abglanz des Paradieses in der Kunst führt und allemal die Hölle auf Erden verhindert, die in eurer totalen Herrschaft besteht.

SATAN (perplex):Ihr wollt nicht auch die Macht über die Menschen übernehmen? Ihr meint nicht: Wer wen? Ihr begnügt Euch mit den »Künsten« des Geistes auf dem Boden dieser unserer Erde?

ERZENGEL:Ja, das ist euch Geiselnehmern geschuldet. Der Herr wird euch jedoch nicht das Vergnügen des Eindruckes gewähren, das Böse sei in einem Dualismus der Kräfte so mächtig wie das Gute. Nein, Gottes Reich ist für die Erdenbewohner eine höherrangige, allerdings nur mittelbare Welt, vermittelbar allein durch geistig selbständige Menschen. Gott greift, von Ausnahmen abgesehen, nicht direkt in das Erdengeschehen ein; eine Gottesherrschaft gibt es nicht.

DIABOLOS:Na, na, Er verzichtet doch nur auf saure Trauben.

ERZENGEL:Den Menschen wird Er im Kampf gegen euch als der Mächtigere, der Höchste gelten, der Er auch ist.

DIABOLOS:Und das soll keine Doppelherrschaft sein?

SATAN (lacht):So wie die »Zusammenarbeit« von Dompteur und Tiger keine ist. Wenn aber die Menschen bei der »künstlerischen Nachgestaltung« der Geisteswelt sich am Ende zu Richtern über unsere Welt aufschwingen, werden sie virtuell zu unseren Herren. Das ist der Haken an dieser scheinbar bloß mittelbaren Welt, weshalb ich sie nicht akzeptiere.

ERZENGEL:Dann wird es Krieg zwischen uns geben.

DIABOLOS:Was werbt Ihr überhaupt bei uns um die Ausgießung Seines Geistes? Habt Ihr Macht, es zu tun, so tut es, und macht uns nicht zu Euren Gehilfen.

ERZENGEL:Der Herr taktiert wie ein kluger Polizist gegenüber Kidnappern.

LUZIFER:Ich soll einwilligen darin, daß meine Geschöpfe mir den Spiegel vorhalten?

ERZENGEL:Wahre Götter müssen das verkraften können! Kritik fördert immerhin die Verbesserung deines Werkes.

SATAN:Lenkt nicht ab! Ihr wollt die Menschen uns abspenstig machen, wenn Ihr sie so verselbständigt und zu »Gotteskindern« erhebt.

ERZENGEL:Was seid ihr für traurige Götter! Ihr riskiert allenfalls liebgewonnene Aspekte eurer Produktion und unterwerft eure Beiträge zu Weltall, Erde, Mensch einem Test, einer Evaluation. Der Herr dagegen setzt sein ganzes Prestige auf’s Spiel. Wollt ihr es wirklich nicht darauf ankommen lassen?

LUZIFER (resigniert):Ich will mich höherer Weisheit nicht verschließen. Vielleicht wird es wirklich besser.

SATAN:Was genau soll besser werden? Du glaubst nicht einmal an deine eigene Sache und bist nun bereit, dich deinem Idol zu unterwerfen? (Zu sich) Meine Nichtsnutze und Üblinge müßten resistent genug sein; wenn nicht, wäre es um sie nicht schade. Vielleicht siegen sie sogar …

LUZIFER (zu Satan):Du hast dich mir aufgedrängt. So nimm jetzt hin, daß man sich dir aufdrängt!

DIABOLOS (zum Erzengel):Versucht es nur auf Euer Risiko! Keine Mehrheit gegen Euch. Also: Worum soll es gehen?

ERZENGEL (lachend):Du willst den Einsatz wissen? Nun, es geht um die rein geistige, die mittelbare Herrschaft über die Menschen. Mein Gebieter will euren Pfusch um eine göttliche Dimension überlagern und die Macht Seiner geistigen Zugaben beweisen.

SATAN:Er will von Seinem Sanktuarium aus ohne eigene Gefährdung unsere Welt erobern.

DIABOLOS:Beraten wir uns!

5. SZENE

Großer, unaufgeräumter Raum(wie im 1. Akt 3. Szene)

Luzifer

Satan

Diabolos

LUZIFER:Ich bin zuversichtlich, daß meine Favoriten mit Seinen Gaben etwas Aufregendes und Neues zustande bringen werden.

SATAN:Soli deo gloria! Ich wußte wohl, weshalb ich dich nicht allein lassen konnte.

DIABOLOS:Mich kümmert allenfalls, ob wir uns danach noch für die Menschen interessieren werden. Weltabgewandte Wesen müssen tödlich langweilig sein …

SATAN:Ich zweifle an der Weltabwendung: Sie werden mitteilsam und anderen gefährlich, wenn Sein Geist sie erreicht hat. Er ist ansteckend, fürchte ich.

LUZIFER (optimistisch):Durch die Selbstbewegung des Geistes wird meine Schöpfung doch noch über alle Widrigkeiten hinaus zu makellosem Glanz aufsteigen!

SATAN (überlegt):Warum eigentlich soll ich für meine Seite nicht auch einen vergleichbaren Geist entwickeln können?

LUZIFER (ungläubig):Willst du Ihm etwa auf Seinem Feld entgegentreten? Du strittest doch selbst einen eigenen Beitrag zur Schöpfung ab …

SATAN:Hast du eine Ahnung! Gehen wir, das hier (zeigt auf den Raum) macht mich depressiv.

DIABOLOS:Damit hast du vielleicht mehr recht, als du ahnst – oder kannst du diese Rätsel (zeigt auf Beckmanns Bilder) nicht deuten?

LUZIFER (bedrückt):Meinen sie uns … als Widergötter … und unsere Opfer?

SATAN:Und wenn schon, ich zeige euch Besseres!

(Stürmt davon, die anderen folgen)

9. SZENE

Feierlicher Raum für Gipfeltreffen

Luzifer

Satan

Diabolos

LUZIFER:Bist du übergeschnappt? Hast du eine Verabredung mit Ihm?

SATAN:Schlichte Frage des Protokolls – und der »Augenhöhe«. Höre zu: Bei Ihm und gegen Ihn muß dir ständig etwas Neues einfallen. Ich mache daher unverzüglich den ersten Gegenzug: Gleich an der kulturellen Wiege Europas präsentiere ich Ihm und euch etwas ganz Überraschendes, nämlich Kunst mit Blutflecken. Ich meine die minoische Kultur mit Kreta und dem Palast von Knossos im Mittelpunkt. (Wirft mit Dias Bilder und Figuren an die Wand) Ihr seht die idyllische frühe Blüte der Zivilisation unter der Herrschaft der Frauen und ihrer feinsinnigen Künste, so, als ob (zu Luzifer) du dich dort mit Ihm zusammengetan hättest.

LUZIFER (schüchtern strahlend):Davon weiß ich nichts …

SATAN:Wie solltest du auch! Doch wenn ihr genauer hinschaut, werdet ihr Menschenopfer entdecken, Göttinnen mit furchtund abscheuerregenden Schlangen, Masken, deren Schönheit nur den Schrecken tarnt, und einen Blumenprinzen, der in Wahrheit ein Schlächter ist. Im Ableger dieser Kultur, in Mykene, lasse ich in Architektur und Figuren eine kriegslüsterne, grausame Kriegergesellschaft entstehen. Oh, meine Lieben, auch ich kann mich darstellen.

DIABOLOS:Du übersiehst eine winzige Kleinigkeit: Hast du den Künstlern diese scharfe, bildhafte Sicht auf eine grausame Wirklichkeit verliehen – oder der Andere? Er greift an; Seine Mannschaft ist bereits am Werk – und führt dich vor!

SATAN:Eine solche Kunst über Bösewichter kann nur vom Teufel sein.

DIABOLOS:Nein! Die Schrecken der Welt und die Idee der Hölle, mit der du die Menschen quälen wirst, stammen von dir. Aber die künstlerische Aufdeckung selbst einer bösen Wahrheit ist gewiß nicht von dir, weil der Böse die geistige Spannung zwischen äußerem Anschein und verborgenem Wirken gar nicht darstellen kann .

SATAN (von Zorn zerfressen):Na, wenn schon! Ich wußte, warum ich diesen Geist ablehne, und ich weiß, warum ich seine »Hilfe« bekämpfen werde! Nun mehr denn je … (Verläßt türknallend den Raum)

LUZIFER:Schon die schlechte Erziehung disqualifiziert ihn für Verhandlungen mit Ihm.

3. AKT

10. SZENE

Klassisches Griechenland Blick auf die Akropolis und Athen

LUZIFER (gebannt):Dieses Land erkenne ich nicht wieder. Seine aufgeweckten Bewohner, die feingliedrigen Bauten und Statuen, die ganze Kulturlandschaft … Stehen sie auf einem anderen Stern?

SATAN:Selbst ein Banause wie du erkennt, daß der »andere Stern« jedenfalls nicht von dir stammt.

LUZIFER:Ich suche die Ursache …

DIABOLOS:Du suchst den Geist des Anderen, deines Herrn. Am Ende tummelt Er sich hier vor deinen Augen; packe Ihn!

SATAN (zu Luzifer):Du hast zu hoffnungsfroh-beflissen übersehen, wie virulent der Geist des Anderen ist, den Sein Sendbote dir aufgeschwatzt hat.

DIABOLOS (zu Luzifer):Wie hätte gerade Er dir verzeihen können, daß Er nun statt Schöpfung zu genießen Schaden begrenzen muß? Seine Ruhe am siebenten Tag nach der Schrift ist dahin!

LUZIFER:So ist Sein Reich auch auf dieser Welt? (Erstaunt) Die Griechen betrachten ihre Handwerksarbeiten in den Städten, auf den Kultstätten und sogar auf den Friedhöfen offensichtlich als etwas ganz Alltägliches. Es ist die gängige Stadt- und Platzmöblierung … (Ernüchtert und erleichtert) Herausragend sind ihre Talente also nicht; Er wird sich doch nicht mit Handwerkern verbünden …

SATAN (hämisch):Auf höchstem ästhetischen Niveau wird ein echter Gott diese Hemmungen nicht haben.

LUZIFER (winkt den Griechen heran):