Die Schuld der Zeugen - Joy Ellis - E-Book

Die Schuld der Zeugen E-Book

Joy Ellis

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Beschreibung

Der bisher schwerste Fall in Detective Jackmans Karriere. Wer sind die Schuldigen und ist überhaupt irgendjemand wirklich unschuldig? Als DI Jackmans Schwägerin Selbstmord begeht, muss er feststellen, dass er fast nichts über ihre Vergangenheit wusste. Die Detectives tauchen tief in das Privatleben der Verstorbenen ein. Was hat die scheinbar glückliche Frau zu einem so drastischen Schritt getrieben? Dann kommt eine weitere Frau unter ähnlichen Umständen zu Tode. Des Rätsels Lösung scheint in ihrer gemeinsamen Vergangenheit zu liegen, und in einer Schuld, die die Frauen auf sich geladen haben. Doch mittlerweile hat sich Jackman selbst einen gefährlichen Gegner gemacht, der nicht ruhen wird, bis er sein Ziel erreicht hat … Das exzentrische Ermittler-Team Rowan Jackman und Marie Evans ermittelt wieder.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Für Yvonne Bark.

Danke, dass du Jacqueline auf dem Badmintonplatz

auf Trab hältst, während ich Bücher schreibe!

Dieses Buch ist für dich – und zum Gedenken

an deine wunderbare Mutter Margaret Bark.

 

Aus dem Englischen von Sonja Rebernik-Heidegger

 

© Joy Ellis 2018

Titel der englischen Originalausgabe:

»The Guilty Ones«, Joffe Books, UK 2018

© der deutschsprachigen Ausgabe:

Piper Verlag GmbH, München 2021

Redaktion: Sabine Thiele

Covergestaltung: zero-media.net, München

Covermotiv: Rekha Garton/Arcangel Images; FinePic®, München

 

Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.

 

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Inhalt

Cover & Impressum

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Epilog

Handelnde Personen

Prolog

Der Junge saß auf dem Bett seiner Schwester und betrachtete sie im Spiegel.

»Dad wird dich umbringen, wenn du so spät noch rausgehst.« Es klang weder wütend noch tadelnd, sondern besorgt.

»Er muss es ja nicht erfahren, oder?« Ihre Augen wurden schmal, und sie warf ihm im Spiegel einen herausfordernden Blick zu, der bis in seine tiefste Seele drang.

Er sah sie mit großen Augen an. »Ich sage nichts, versprochen.«

»Ich traue dir nicht. Du hast mich schon mal verraten.« Sie drehte ihre blonden Haare zu einem komplizierten Knoten. Damit sah sie viel älter aus, als sie tatsächlich war.

»Aber nur, weil er mich geschlagen hat. Er hat mir wehgetan, weißt du.« Die Erinnerung daran trieb ihm die Tränen in die Augen, und er blinzelte dagegen an. »Er hat mir echt wehgetan.«

»Du musst härter werden, kleiner Bruder. Du bist ein solcher Waschlappen. Und du solltest nie vergessen, dass ich alles bin, was du noch hast. Vater schert sich einen Dreck um uns beide.«

Das stimmte, und auch wenn seine Schwester ihn mies behandelte, waren es immer nur Worte. Im Gegensatz zu ihrem Vater hatte sie ihn noch nie geschlagen. Mittlerweile hatte er sich sogar schon an ihre plötzlichen Stimmungsschwankungen gewöhnt, auch wenn er nicht verstand, wie sie in einer Sekunde noch liebevoll und in der nächsten schrecklich gemein sein konnte. Wahrscheinlich war sie einfach so.

»Wo gehst du hin?«

»Das ist meine Sache, also halt dich da gefälligst raus.« Sie warf ihm einen drohenden Blick zu.

»Du triffst dich wieder mit dem Jungen, oder?« Sie hatte noch nie seinen Namen erwähnt, aber er wusste genau, wer es war. Er war ihr einige Male gefolgt, und einmal hatte er gesehen, wie sie den Jungen geküsst hat. Außerdem merkte er an ihrem Verhalten, dass etwas im Busch war – manchmal war sie fast schon nett zu ihm, und in letzter Zeit hatte er sie von einer anderen, sehr viel weicheren Seite kennengelernt.

»Spar dir die Mühe, kleiner Bruder, und jetzt sei nicht so neugierig, von mir erfährst du nichts.« Sie griff nach ihrer Schultasche, holte ein paar Bücher und Stifte heraus und schließlich einen kleinen Beutel. Ihr Make-up.

Der Junge lehnte sich nach vorne. Er liebte die Prozedur. Ein paar bunte Stifte und Puderdosen verwandelten dieses gewöhnliche Mädchen, das ihm jeden Tag die Schulbrote schmierte, in eine exotische Fremde. Es war wie Zauberei. Wenn sie fort war, holte er den Beutel manchmal heimlich aus ihrer Tasche, öffnete den Lippenstift und betrachtete ihn lange. Vielleicht, weil Dad ihr jedes Make-up verboten hatte und sie die Sachen versteckt hielt. Es schien ihm so geheimnisvoll wie die Rätsel in den Comics, die er las.

»Geh zurück in dein Zimmer. Wenn er nachsieht, dann tu, als würdest du schlafen. Wir sehen uns morgen früh.«

Sie lehnte sich zu ihm, und einen Moment lang dachte er, sie wolle ihn küssen, doch stattdessen zog sie ihn an sich und murmelte: »Du musst tapfer sein und noch ein klein wenig durchhalten. Wir holen dich hier raus.«

Er wollte etwas sagen, aber ihr Gesichtsausdruck veränderte sich von einer Sekunde zur anderen. Sie schien der Meinung, dass er etwas nur dann verstand, wenn es mit einer Drohung einherging.

Sie packte ihn grob an den Schultern und flüsterte ihm ins Ohr: »Heute Nacht ist sehr wichtig für mich, kleiner Bruder. Ich will es mehr als alles andere auf dieser Welt. Ein Wort zu Vater, nur ein Wort zu ihm oder irgendjemandem, und ich mache Folgendes …«

Sie sprach noch leiser, doch er hörte jedes Wort klar und deutlich. »Schwöre es!«, befahl sie anschließend. »Schwöre, dass du es niemals verraten wirst!«

Er schluckte, fluchte leise und rannte aus dem Zimmer. Dieses Mal ließ er den Tränen freien Lauf, und sie strömten über seine Wangen.

Er kauerte sich ins Bett und fragte sich, warum sie so grausam zu ihm war. Sie musste ihm nicht drohen. Warum kapierte sie es bloß nicht? Er verstand so gut wie alle anderen, was es bedeutete, jemanden zu lieben.

 

Er konnte nicht schlafen. Ihre Worte ließen ihn nicht los. Es stand außer Zweifel, dass sie es ernst gemeint hatte. Aber was hatte »Wir holen dich hier raus« zu bedeuten? Er rollte sich unter der Decke zusammen und zitterte vor Angst davor, was sie ihm antun würde. Da hörte er, wie das Fenster klickend von außen geschlossen wurde. Er stieg im Dunkeln aus dem Bett, tappte auf Zehenspitzen zum Fenster und sah durch den Spalt zwischen den Vorhängen nach draußen.

Seine Schwester schlich mit einem Paar Stöckelschuhen und einer glitzernden Handtasche in der Hand über das Flachdach des Wintergartens und verschwand.

Er stand wie erstarrt da und dachte an die schrecklichen Drohungen, doch dann wurde das Verlangen zu groß. Er schnappte sich seine Jeans und eine Jacke mit Reißverschluss und zog beides über den Schlafanzug. Danach schlüpfte er in seine Turnschuhe, atmete tief durch und folgte ihr.

Kapitel 1

DS Marie Evans stieg von ihrer nagelneuen Suzuki Hayabusa und sah sofort, dass DI Rowan Jackmans Parkplatz leer war. Sie überlegte kurz, doch sie konnte sich nicht erinnern, dass er sich heute freigenommen hatte.

Hoffentlich ging es ihm gut. Sie nahm ihren Helm ab und marschierte auf den Eingang der Dienststelle zu.

Der Beamte am Empfang ordnete gerade seine Unterlagen.

»Guten Morgen, Sarge«, rief sie ihm zu. »Ist DI Jackman heute nicht da?«

»Ich habe ihn noch nicht gesehen, aber die Superintendentin war vorhin hier, und sie wirkte ziemlich beunruhigt.«

Das war ungewöhnlich. Superintendentin Ruth Crooke ließ sich um diese Uhrzeit selten bei ihnen blicken. Marie war sich ziemlich sicher, dass etwas Ernstes passiert war, und eilte besorgt nach oben in den Ermittlungsraum.

Nachdem sie die Erste war, konnte sie niemanden fragen. Doch kaum hatte sie sich an ihren Schreibtisch gesetzt, kam die spindeldürre Superintendentin auf sie zu. Sie hatte die Lippen aufeinandergepresst und runzelte sorgenvoll die Stirn.

»Ma’am? Stimmt etwas nicht?«, fragte Marie.

Ruth Crooke nickte und winkte sie mit sich in ihr Büro.

Dort schloss sie sorgfältig die Tür, und Marie setzte sich auf den angebotenen Stuhl. Was, zum Teufel, war hier los?

»Rowan hat heute frühmorgens angerufen. Er musste zu einem familiären Notfall. Können Sie sich während seiner Abwesenheit um die laufenden Ermittlungen kümmern?«

Ruth wirkte angesichts dieses »familiären Notfalls« mehr als beunruhigt, und Marie wollte unbedingt wissen, was los war. Doch vorerst antwortete sie bloß: »Natürlich, Ma’am.«

»Er meinte, er würde Sie später noch anrufen.«

»Wissen Sie, was passiert ist?« Jackmans Mutter war erst Anfang sechzig und, soweit Marie wusste, eine fitte, gesunde Frau, die ihren eigenen Reitstall leitete und mehrmals täglich auf einem Pferd saß. Hatte sie einen Unfall gehabt? Sie wusste außerdem, dass Jackmans Bruder verheiratet und Vater zweier kleiner Jungen war, und hoffte, dass die beiden nichts mit dem Notfall zu tun hatten.

Ruth zögerte, dann beugte sie sich nach vorne und flüsterte: »Rowans Schwägerin ist verschwunden. Sie ist gestern früh zur Arbeit gegangen und seitdem nicht mehr aufgetaucht.«

Marie schnappte nach Luft. »O Gott.«

»Sie ist am Abend nicht nach Hause gekommen, und laut ihren Vorgesetzten war sie auch nicht im Büro. Rowans Bruder ist verständlicherweise vollkommen außer sich, und Rowan versucht zu helfen, so gut es geht.«

»Was ist mit den Kindern?«

»Die sind im Moment bei ihrer Großmutter und wissen von nichts. Sie glauben, dass sie ein paar Tage Ferien bei Oma machen. Es ist ein wunderschönes Haus mit angeschlossenem Reitstall, und sie lieben es dort natürlich.« Ruth zuckte mit den Schultern. »Mehr weiß ich leider auch nicht.«

Marie versuchte, sich an alles zu erinnern, was sie über Jackmans Familie wusste, doch es war nicht gerade viel. Er legte großen Wert auf seine Privatsphäre, und auch wenn er nicht nur ihr Vorgesetzter, sondern auch ein guter Freund war, redeten sie kaum über persönliche Angelegenheiten. »Ich kümmere mich um die Arbeit, Ma’am. Bei dem Drogenfall liegen wir genau im Zeitplan, und ich bin mit dem Betrugsfall vertraut, den wir gemeinsam mit DI Pete Lawrence bearbeiten, da gibt es also keinerlei Probleme.«

»Gut. Halten Sie das Schiff einfach weiterhin auf Kurs, und in der Zwischenzeit hoffen wir, dass seine Schwägerin bloß ein paar Tage Auszeit braucht.«

»Und dafür ihre Kinder zurücklässt?«

Ruth verzog das Gesicht. »Wir wissen doch nur zu gut, dass sehr viel Schlimmeres passieren kann, wenn einer Frau alles zu viel wird.«

Marie nickte. Das stimmte, aber sie glaubte nicht, dass es in diesem Fall zutraf. Jackman hatte ihr einmal gestanden, wie sehr er seinen Bruder um dessen wunderbare Familie, die liebevolle Frau und die beiden hübschen Jungen beneidete. Seine Mutter versuchte andauernd, ihn unter die Haube zu bringen, und wünschte sich, er wäre mehr wie sein Bruder. Sie hoffte, dass er ebenfalls bald zur Ruhe kommen und eine eigene Familie gründen würde.

Ruth warf einen Blick auf die Aktenberge auf ihrem Schreibtisch. »Ich sollte mich besser wieder an die Arbeit machen. Geben Sie Bescheid, wenn Sie Hilfe bei den laufenden Ermittlungen brauchen – und auch, wenn Sie etwas von Rowan hören.« Sie atmete tief durch. »Er klang schrecklich erschöpft, Marie. Sein Bruder ist offenbar außer sich und kann keinen klaren Gedanken fassen, und Rowan versucht, alles im Griff zu behalten.«

»Ich werde helfen, so gut ich kann«, erwiderte Marie und meinte es auch so. Im Moment wollte sie allerdings einfach nur mit ihm reden.

 

Dank der zusätzlichen Aufgaben verging der Tag wie im Flug. Marie hatte beschlossen, dem Rest des Teams erst Bescheid zu geben, nachdem sie persönlich mit Jackman gesprochen hatte. Vorerst wussten die anderen nur, dass es sich um eine familiäre Angelegenheit handelte, und alle packten mit an, um mit der Arbeit nicht in Verzug zu geraten. Nur PC Gary Pritchard schien zu ahnen, dass es sich um etwas Ernsteres handelte, und kurz vor Feierabend nahm er Marie zur Seite, um ihr seine Hilfe anzubieten. Ehe sie etwas erwidern konnte, klingelte ihr Telefon.

»Jackman?« Sie bedeutete Gary, sich zu setzen und einen Moment zu warten, während sie ihrem Vorgesetzten aufmerksam zuhörte.

Er bat sie, nach der Arbeit zum Haus seines Bruders zu kommen, und klang dabei seltsam gekünstelt. »Es sieht nicht gut aus, Marie.«

»Noch kein Lebenszeichen von ihr?«

Er schwieg vielsagend, dann sagte er: »Ich will nicht am Telefon darüber reden. Bitte kommen Sie vorbei. Das Anwesen heißt Rainham Lodge und liegt in der Water Lane in Amberly Fen. Fahren Sie etwa zweieinhalb Kilometer die Straße entlang und dann nach links über eine schmale Brücke.«

»Ich bin in einer Stunde da.«

»Danke, Marie.« Er legte auf.

Gary sah sie an. »Das klingt ernst.«

»Ja. Wahrscheinlich ist es noch schlimmer, als ich befürchtet habe. Sein Tonfall gefiel mir überhaupt nicht.«

»Sagst du mir, worum es geht? Du weißt ja, dass ich nichts weitergebe.«

Marie nickte. »Gehen wir in sein Büro, dann erzähle ich dir, was ich weiß. Obwohl ich dir nach dem Gespräch mit ihm sicher mehr sagen kann.«

Sie berichtete ihm, was sie wusste.

Gary schüttelte den Kopf. »Im Grunde ist unser DI ein großer Unbekannter. Er spricht kaum über seine Familie, oder? Sind beide Eltern noch am Leben?«

»Ja. Aber soweit ich weiß, ist sein Vater von früh bis spät im Büro, und er steht seiner Mutter um einiges näher. Natürlich auch, weil sie die Liebe zu Pferden teilen.«

»Darüber redet er tatsächlich manchmal. Er hat mir erzählt, dass er sich sofort eigene Pferde zulegen will, sobald er in Rente gegangen ist.« Gary lächelte.

»Seine Mühle steht auf einem weitläufigen Grundstück, also kann ich mir das durchaus vorstellen.« Marie seufzte. »Er klang so verängstigt, und das gefällt mir ganz und gar nicht. Es passt nicht zu Jackman.«

»Ruf mich an, wenn du zu Hause bist. Egal, wie spät es ist. Halt mich einfach auf dem Laufenden, und wenn du irgendwo Hilfe brauchst, dann gib mir Bescheid. Ich mag den DI sehr, er war immer gut zu mir, und ich werde helfen, wo ich kann.«

Marie lächelte. »Mache ich, versprochen. Aber jetzt muss ich wirklich los.«

Fünfzehn Minuten später fuhr Marie durch die endlosen Felder der Fens und fragte sich, was sie bei Jackmans Bruder erwarten würde.

Kapitel 2

Marie fuhr über die Brücke, die den tiefen, von Schilf gesäumten Wasserlauf überspannte, und bog auf einen großzügigen Parkplatz. Neben Jackmans Land Rover standen zwei Streifenwagen und ein BMW.

Rainham Lodge war ein dreistöckiges ehemaliges Farmhaus im georgianischen Stil, und der nächste Nachbar war an die fünfhundert Meter entfernt. Es erinnerte Marie wieder einmal daran, dass ihr Vorgesetzter und sie aus vollkommen unterschiedlichen Welten stammten. Die Familie Jackman war immens wohlhabend, und offensichtlich hatte auch der älteste Sohn mehr als genug Geld.

Sie sah sich um. Es war zwar ein teures Anwesen, wirkte aber trotzdem einladend. Der Herbst näherte sich in großen Schritten, doch in den Hängekörben und Trögen wuchsen üppige Blumen, und an der Wand lehnten zwei Kinderfahrräder. Es war ein Zuhause voller Leben und Liebe.

»Hier geht es nicht um einen Familienstreit«, murmelte sie, obwohl die Alternativen nicht minder tragisch waren.

Jackman trat zur offenen Tür heraus. »Marie! Vielen Dank, dass Sie gekommen sind!«

Sie eilte auf ihn zu und griff nach seinem Arm. »Geht es Ihnen gut?«

Einen Moment lang schien er den Tränen nahe zu sein. Dann schloss er sie in eine schnelle Umarmung. »Ich bin mir nicht sicher, Marie. Ehrlich gesagt, eher nicht. Es ist alles so schrecklich.« Er warf einen Blick über die Schulter. »James redet gerade mit den Kollegen. Gehen wir doch in den Garten, dann kann ich Ihnen in Ruhe erzählen, was passiert ist.«

Hinter dem Gebäude erstreckte sich eine weitläufige Rasenfläche, an deren Ende ein kleines Gartenhaus stand.

Jackman hielt ihr die Tür auf, und sie traten ein.

Im Inneren fanden sich noch mehr Beweise für ein glückliches Familienleben. Ein offenbar häufig benutztes Krocketset, Kricketschläger, vier altmodische Liegestühle mit aufgedruckten Namen an der Rückseite, stapelweise Brettspiele und eine Staffelei mit Holzkisten voller Farben und Pinsel.

Es roch nach Holz, und Marie wurde nostalgisch zumute. Ihre Eltern waren nicht so wohlhabend gewesen wie die Jackmans und außerdem geschieden, doch damit hatte sie auch zwei Zuhause gehabt – eines in Wales bei ihrer Mutter und eines hier in Lincolnshire bei ihrem Dad. Und sie hatte sich überall geliebt gefühlt.

Jackman ließ sich in einen der Liegestühle sinken, und Marie tat es ihm nach. Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander. Offenbar war Jackman nicht sicher, wie er beginnen sollte.

»Sarah ist tot«, erklärte er schließlich.

Die Worte hingen zwischen ihnen in der Luft.

»Tot?«

Jackman seufzte schmerzerfüllt. »Sie ist in die Themse gesprungen.«

»Wie bitte?«

»Ich weiß.« Er hob ergeben die Hände. »Ich sagte ja, dass es schrecklich ist.«

»Aber ich dachte, sie wären glücklich gewesen?«

»Das waren sie auch. Sie hat James geliebt und die Jungen vergöttert.« Er schluckte. »Es ergibt keinen Sinn. Sie hätte sie niemals verlassen.«

Marie runzelte die Stirn. »War es denn ganz sicher Selbstmord? Kein Unfall oder sogar Fremdverschulden?«

Jackman schüttelte den Kopf. »Selbstmord. Definitiv.«

Er rieb sich die Augen. Marie hatte den sonst so gepflegten Jackman noch nie so zerzaust erlebt. Er hatte offensichtlich die ganze Nacht nicht geschlafen.

»Ich erzähle Ihnen jetzt mal, was ich von meinem am Boden zerstörten Bruder und den örtlichen Polizeikollegen erfahren habe: Gestern Morgen hat Sarah für alle Frühstück gemacht, dafür gesorgt, dass die Jungen gewaschen und ordentlich angezogen sind, und sich anschließend auf den Weg in die Arbeit gemacht.«

»Wo hat sie denn gearbeitet?«, fragte Marie.

»Ein Stück weit außerhalb von Lincoln, aber sie war Vertreterin und viel unterwegs. Sie teilte sich die Stelle mit einer anderen Frau, um mehr Zeit für die Jungen zu haben. Gestern wurde sie in Lincoln erwartet, aber sie ist nie dort angekommen. Stattdessen hat sie das Auto bei einem Shoppingcenter in Greenborough geparkt und ist mit dem Zug nach Peterborough und weiter nach London gefahren. Eine Überwachungskamera hat sie beim Verlassen des Bahnhofs King’s Cross gefilmt.«

»Hatte sie vielleicht einen Termin, von dem niemand etwas wissen sollte?« Marie dachte zum Beispiel an einen Arztbesuch.

»Nein. Sie fuhr weiter nach East London und wurde dabei mehrere Male von Überwachungskameras erfasst, dann verlor sich die Spur. Bis sie vor Kurzem wiederauftauchte.«

»Man hat sie gefunden?«

Jackman nickte. »Ich muss sie identifizieren. James ist nicht dazu in der Lage, und Sarahs Eltern sind beide tot.«

»Soll ich mitkommen?«, fragte Marie sofort.

»Nein, das ist nicht nötig. Ich werde in einer Stunde abgeholt. Ich schaffe das schon – wir haben das immerhin schon oft genug gemacht, nicht wahr?«

»Aber dieses Mal geht es um ein Familienmitglied, Jackman.« Die Trauer über den tragischen Tod ihres Mannes stieg plötzlich erneut in ihr hoch.

»Ehrlich, ich schaffe das. Es klingt zwar fürchterlich, aber ich brauche dringend Abstand von meinem Bruder. Sein Kummer zerreißt mich. So kann ich wenigstens etwas Sinnvolles tun und ihm außerdem diese schwere Last abnehmen.«

»Die armen Jungen«, flüsterte Marie.

»Ja. Meine Mutter ist unglaublich, und Dad fliegt gerade von einem Geschäftstermin in Belgien nach Hause, aber ich habe keine Ahnung, wie es auf längere Sicht weitergehen wird.«

»Wie alt sind Ihre Neffen?«

»Ryan ist acht, Miles sieben. Sie sind beide sehr schlau, und es wird nicht lange dauern, bis sie Verdacht schöpfen.«

Marie wurde von der Tragik der Situation überwältigt. Sie konnte sich vorstellen, wie schrecklich die nächste Zeit werden würde. »Jackman? Woher weiß man so genau, dass es Absicht war?«

»Dank einer Überwachungskamera am Hintereingang eines Clubs, direkt am Fluss.« Er biss sich auf die Lippe. »Sie war ganz allein, Marie, und dann ist sie gesprungen. Es war zweifellos Selbstmord.«

Doch Marie war anderer Meinung. Es gab so viele Fragen. Die drängendste war: Warum?

Kapitel 3

Anstatt sofort nach Hause zu fahren, hielt Marie vor dem kleinen Bungalow, in dem Gary Pritchard mittlerweile wohnte.

Sie parkte ihr Motorrad neben seinem Nissan Juke und nahm den Helm ab.

Als sie sich umdrehte, stand Gary bereits in der Tür. »Komm rein. Ich habe schon gegessen, aber ich habe dir etwas übrig gelassen.« Er ging voran, und sie folgte ihm. Aus der Küche drang ein herrlicher Duft nach Rindereintopf und Kräuterklößen, und ihre Lebensgeister erwachten wieder.

»Mhm, das ist genau das, was ich jetzt brauche.«

Sie schlüpfte aus ihrer Lederjacke, hängte sie im Flur an einen Haken und eilte zu Gary, der gerade einen Suppenteller mit Eintopf auf den Tisch stellte.

»Ich dachte mir schon, dass du noch nichts gegessen hast.«

»Du bist mein Retter. Ich bin am Verhungern.«

»Dann hau rein. So, wie du aussiehst, war es furchtbar.«

»Nicht so sehr wie für Jackman. Ich habe ihn noch nie so fertig erlebt.«

Während sie aß, erzählte Marie ihm, was passiert war. »Er hat mich gebeten, es gleich morgen früh dem Team zu sagen. Bevor sie es aus den Medien erfahren.«

»Soll er sie heute Abend noch identifizieren?«

»Ja. Der Wagen kam gerade an, als ich fuhr. Ich kann gar nicht sagen, wie seltsam das alles ist. Was, um alles in der Welt, hat sie dazu gebracht, so etwas zu tun?«

»Wie heißt es so schön? Man kann nie wissen, was hinter verschlossenen Türen vor sich geht. Viele Leute sind hervorragende Schauspieler. Vielleicht hatten sie Probleme, von denen niemand wusste, und die arme Frau sah keinen Ausweg mehr.«

»Du hast das Haus nicht gesehen, Gary. Es schrie geradezu nach glücklicher Familie. Von den Bildern und Notizen am Kühlschrank bis zu den gerahmten Fotos im Wohnzimmer. Sie leben praktisch im Wohnzimmer – überall liegen Kinder- und Erwachsenensachen verstreut, alles wild durcheinander. Es war so … fröhlich. Ich glaube nicht, dass man so etwas inszenieren kann.«

»Vielleicht war sie unheilbar krank?«

»Das habe ich mich auch schon gefragt.« Marie starrte gedankenverloren auf ihren Suppenteller. »Vielleicht sind wir nach der Obduktion schlauer. Jackman hat übrigens Professor Rory Wilkinson dafür angefordert.«

»Das überrascht mich nicht. Der Mann übersieht nichts, egal, wie unbedeutend es scheint.«

Gary lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. »Es gibt noch eine Möglichkeit, auch wenn es eher unwahrscheinlich ist. Vielleicht litt sie unter einer psychischen Störung. Obwohl Jackman das vermutlich bemerkt hätte.«

Marie überlegte. »Dann wäre ihr Mann wohl nicht so schockiert und am Boden zerstört.«

»Vielleicht kommt die Wahrheit nie heraus. Obwohl ich der Familie zuliebe hoffe, dass sie ein paar Antworten finden werden.« Er deutete auf Maries leeren Teller. »Möchtest du einen Nachschlag?«

»Puh, nein danke, Gary. Es war köstlich und sehr aufmerksam von dir.« Sie warf einen Blick auf die Uhr. »Aber ich gehe jetzt besser.«

»Sei bloß vorsichtig auf dieser Bestie von Motorrad.«

»Harvey? Er ist keine Bestie, sondern ein Schmusekätzchen.«

»Du nennst dein Motorrad Harvey?«

»Na und?«

Gary lachte erneut. »Schon gut. Es sieht nur eher aus wie Satan oder Godzilla.«

»Blödsinn. Harvey schnurrt wie ein Kätzchen. Ich wette, ich störe keinen einzigen Nachbarn, wenn ich gleich losfahre.«

»Da wäre ich dir sehr dankbar. Die meisten Leute hier sind um halb neun schon im Bett.«

Sie stand auf und schob den Stuhl unter den Tisch. »Danke fürs Essen, Gary. Das war super. Wir sehen uns morgen im Büro.«

»Frisch und munter. Und falls du noch mal mit Jackman redest, grüß ihn von mir.«

Marie nickte. »Natürlich.«

 

Ihr Haus fühlte sich an diesem Abend leer an, und obwohl sie überall Licht machte, war es trotzdem düster – so wie ihre Stimmung. Die Fröhlichkeit, die sie bei Gary verspürt hatte, war verschwunden, und sie wurde von einer tiefen Traurigkeit darüber erfasst, wie schnell sich das Leben durch ein einziges tragisches Ereignis verändern konnte.

Es war bereits elf, als Jackman anrief. Er klang erschöpft, war allerdings froh, dass er Sarahs Leiche identifiziert hatte.

»Ich übernachte heute noch einmal bei James. Wir müssen gleich morgen früh zu meiner Mutter und es den Kindern sagen. Wir dürfen nicht riskieren, dass sie es irgendwo lesen oder hören, bevor wir mit ihnen gesprochen haben.«

»Haben Sie professionelle Hilfe angefordert?« Marie wusste, wie wichtig psychologische Unterstützung beim traumatischen Tod eines Elternteils war.

»Laura Archer hat angeboten, uns zu begleiten.«

Laura war Polizeipsychologin, und nach einem besonders schwierigen Fall rund um einen Officer, dem Marie sehr nahegestanden hatte, waren sie gute Freunde geworden. »Das ist wunderbar. Sie ist die Beste. Wie geht es Ihrem Bruder?«

»Der Arzt hat ihm etwas zum Schlafen gegeben, aber ich glaube nicht, dass es helfen wird. Ich hätte nie gedacht, dass er so reagieren würde. Er war immer stark, geradlinig, ruhig und selbstsicher, aber jetzt …«

»Es war ein grauenhafter Schock. Ich weiß noch, als ich zusehen musste, wie Bill starb. Es war unvorstellbar. Man wird vollkommen von dem Horror aufgefressen und funktioniert nicht mehr.«

Jackman stöhnte leise. »Es tut mir so leid. Ich hätte das nicht alles auf Ihnen abladen sollen. Das ist nicht fair.«

»Seien Sie nicht albern, Jackman! Ich bin Ihre Freundin. Sie können alles auf mir abladen. Sie wissen ja, was für ein zäher alter Drache ich bin. Ich kann mich nur gut in Menschen hineinfühlen, das ist alles.«

»Zäh, ja. Aber alt und Drache halte ich für ein Gerücht.«

Eine Spur des alten Jackman lag in diesen Worten, und das machte Marie Mut.

»Das gefällt mir schon besser.« Sie erzählte von ihrem Gespräch mit Gary und richtete die Grüße aus. »Das Team hat alles im Griff, bis Sie wieder da sind. Darüber brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen. Aber die anderen wissen es sicher zu schätzen, wenn Sie sie einweihen.«

»Natürlich. Sie sind nicht nur Arbeitskollegen, sondern auch Freunde.«

»Jackman, Sie klingen hundemüde. Schlafen Sie ein wenig, wenn Sie können, und halten Sie mich wegen morgen auf dem Laufenden.«

 

Zur selben Zeit versammelte sich in einem anderen Teil des Countys eine Familie im Wohnzimmer eines kleinen Cottages.

Dale, seit dem Tod des Vaters Familienoberhaupt, war gerade aus dem Krankenhaus zurückgekehrt. »Sie geben Mum noch etwa drei Monate.«

Die anderen seufzten und murmelten leise durcheinander.

»Es ist also so weit.« Er klang ernst, und die anderen sahen ihn schweigend an. »Wir müssen uns entscheiden. Kämpfen wir weiter und sorgen vielleicht noch vor ihrem Tod für Gerechtigkeit, oder lassen wir es bleiben, damit sie ihre letzten Tage in Frieden und ohne Gedanken an Vergeltung verbringen kann?«

»Wir können doch jetzt nicht aufgeben! Nach all den Jahren!«, rief Liam. »Diese Familie wird sich nicht geschlagen geben – das haben wir noch nie.«

»Aber du sagst es doch selbst: all die Jahre – und wohin hat es uns gebracht? Unser Dad ist tot, Mum wird ihm bald folgen, und wir haben nur noch mehr Schmerz verursacht. Ich glaube, es ist Zeit, dass wir loslassen.« Yvette, die jüngere der beiden Frauen, war den Tränen nahe.

»Wir können Brendan nicht einfach so aufgeben!«, fauchte Liam.

»Aber er hat doch auch aufgegeben, oder nicht?«, erwiderte Kenny traurig.

»Weil er als gut aussehender junger Mann in ein Gefängnis voller Psychopathen kam! Der Himmel weiß, was mit ihm passiert ist. Da hättest du auch aufgegeben! Aber wir müssen nicht dasselbe tun.«

»Liam! Brendan ist tot! Wofür kämpfen wir eigentlich noch? Um Gerechtigkeit für unseren Bruder? Oder darum, dass du dich besser fühlst?« Susie war derselben Meinung wie ihre Schwester. »Sorgen wir dafür, dass Mums letzte Tage glücklich sind. Sie soll alles haben, was sie sich wünscht. Wir verwöhnen sie nach Strich und Faden und genießen jede Minute mit ihr.«

Die Diskussion ging noch über eine Stunde weiter, bis jemand Dale fragte, warum er so ruhig war.

»Weil ich darauf warte, dass einer von euch das Offensichtliche sagt, aber bis jetzt war das nicht der Fall.« Er betrachtete sie traurig und auch mit einer Spur Verachtung. »Ich weiß, dass ich die Frage in den Raum gestellt habe, aber die einzig richtige Antwort ist: Wir tun, was unsere Mutter will.«

Die anderen schwiegen eine Weile, dann wagte sich Yvette vor. »Dann hat sie es dir also gesagt?«

»Ja. Sie will nicht, dass wir irgendetwas tun, womit wir nicht glücklich sind, aber ich erwarte trotzdem, dass diese Familie als Einheit auftritt und ihrem Wunsch entspricht. Ist das klar?«

Zustimmendes Murmeln erklang.

»Sie will, dass Brendan Gerechtigkeit erfährt. Sie will, dass wir weiterkämpfen, auch nach ihrem Tod. Sie erträgt den Gedanken nicht, dass ihr wunderhübscher Junge mit dem Schild ›Mörder‹ um den Hals in seinem Grab liegt. Sie will eine posthume Begnadigung, und wir dürfen erst ruhen, wenn wir es geschafft haben.«

Keiner sagte ein Wort, bis Liam aufsprang und die Faust in die Luft stieß. »Gerechtigkeit für Brendan! Sorgen wir dafür, dass unsere Mutter stolz auf uns ist!«

Kapitel 4

Es war bereits später Nachmittag, als Marie DI Pete Lawrence’ Büro nach einer einstündigen Besprechung über den aktuellen Betrugsfall verließ und in den Ermittlungsraum zurückkehrte. Die Tür zu Jackmans Büro stand offen. Sie runzelte die Stirn und sah nach, wer sich darin zu schaffen machte.

»Jackman? Was, um alles in der Welt, machen Sie hier?«, fragte sie.

Ihr Vorgesetzter hatte sich über den Schreibtisch gebeugt und starrte auf den Bildschirm, während der Drucker ein Blatt ums andere ausspuckte. »Oh, hallo, Marie.« Er lächelte schwach. »Ich weiß, ich habe hier nichts verloren, aber ich brauchte ein wenig Abstand, und mein Büro war der einzige Ort, der mir einfiel, um in Ruhe meine Gedanken zu ordnen.«

»Und gleich noch eine Menge Arbeit mit nach Hause zu schleppen«, erwiderte sie und deutete auf den immer größer werdenden Stapel.

»Das ist nur etwas, das mir einfach nicht aus dem Kopf geht.«

Er sah um einiges besser aus als am Vorabend, aber da war noch immer dieser furchtbar gequälte Blick in seinen Augen. Sie war sich nicht sicher, wie sie ihn darauf ansprechen sollte, also fragte sie bloß: »Wie ist es mit den Jungen gelaufen?«

»So schlimm, wie ich es mir gedacht habe. Es war das Schrecklichste, was ich jemals tun musste. Wir mussten sehr vorsichtig sein und ihnen erst mal erklären, was es überhaupt bedeutet, wenn jemand stirbt. Ich war heilfroh, dass Laura dabei war. James und ich hätten es sicher vermasselt.«

»Nein, ganz bestimmt nicht. Ich habe Sie schon einige Male mit Kindern sprechen gehört. Sie sind einfühlsam und behandeln sie nie von oben herab.«

»Da wäre ich nicht so sicher.« Er seufzte. »Das Schlimmste kommt erst noch. Sie haben es noch nicht richtig begriffen und es viel zu gut weggesteckt. Als wir fertig waren, fragten sie, ob sie jetzt wieder zu den Pferden dürften. Laura meinte, Kinder trauern im Gegensatz zu Erwachsenen in Intervallen. In einem Moment sind sie traurig, im nächsten schon wieder aufgeregt und fröhlich. Es ist ziemlich verstörend.«

»Wo ist James jetzt?«, fragte Marie.

»Er übernachtet heute mit Ryan und Miles bei meiner Mutter, und mein Vater ist inzwischen auch zu Hause. Wir haben beschlossen, dass immer ein Erwachsener in der Nähe der Kinder bleiben soll, falls sie reden wollen oder Fragen haben.« Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare. »Ich fahre später auch noch mal hin, aber nur bis heute Abend. Laura hat mir genau erklärt, worauf ich achten soll und wie ich ihre Fragen beantworten kann, damit sie sich am Ende nicht die Schuld an dem Unglück geben.«

»Warum sollten sie das tun?«

»Offenbar kommt das bei Kindern recht häufig vor. Sie suchen sich irgendeine Kleinigkeit aus, die sie falsch gemacht haben, und nehmen es als Grund für Mummys Tod. Daraus folgern sie, dass es ihre Schuld war.«

Marie fühlte mit Jackman und seiner Familie, aber im Hintergrund lauerte immer noch der Verdacht, dass etwas an diesem sorgfältig geplanten Selbstmord faul war. Doch jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um Jackman darauf anzusprechen. »Sie wissen ja, wo ich bin, falls Sie mich brauchen. Egal, um welche Uhrzeit. Muten Sie sich auf keinen Fall zu viel zu, und nehmen Sie die Hilfe in Anspruch, die Ihnen zusteht.«

»Jawohl, Mutter.« Er lächelte kläglich. »Natürlich. Wir müssen uns jetzt vor allem Gedanken darüber machen, wie wir die nächsten Tage überstehen. Es ist noch zu früh für weitreichende Pläne, aber wir müssen uns überlegen, was für die Jungs das Beste ist und wie wir James wieder auf die Beine bekommen. Wir setzen uns heute Abend zusammen.«

»Alles Gute. Ich werde an Sie denken.« Sie betrachtete den Papierstapel vor dem Drucker. »Was ist das eigentlich?«

»Ich bin mir nicht sicher.« Er sah sie mit durchdringendem Blick an. »Vielleicht ist es nur, weil ich Polizist bin, aber ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache. Irgendetwas stinkt hier.«

Marie nickte. »In diesem Fall würde ich vorschlagen, dass wir uns ebenfalls zusammensetzen, sobald mit Ihrer Familie alles geklärt ist. Ich habe nämlich dasselbe Gefühl.«

Erleichterung machte sich auf Jackmans Gesicht breit. »Gott sei Dank! Ich hielt mich schon für paranoid.«

»Das wird sich noch herausstellen. Sie dürfen nicht vergessen, dass ich ebenfalls Polizistin bin, und wir sind von Natur aus misstrauisch, bis Beweise auf dem Tisch liegen. Vielleicht sind wir beide paranoid.«

Jackman raffte die Unterlagen zusammen und steckte sie in eine Mappe. »Meine Abendlektüre.«

»Über Sarah?«

Er nickte. »Und über Selbstmord im Allgemeinen. Wenn Sie sie gekannt hätten, würden Sie verstehen, warum ich der Meinung bin, dass hinter ihrem Tod noch etwas anderes steckt. Es ist schlichtweg unmöglich.«

Marie brauchte keine Erklärung. »Gut, tun wir das, was wir am besten können – wir machen uns auf die Suche nach der Wahrheit.«

»Okay, dann sehen wir uns morgen im Lauf des Tages, und danke noch mal, Marie. Es ist schön zu wissen, dass wir auf derselben Wellenlänge sind.«

Sie lächelte. »Sind wir das nicht immer?«

 

Das gemeinsame Abendessen war eine Katastrophe. Die Kinder waren ungezogen, was äußerst untypisch für sie war, doch keiner der Erwachsenen brachte es übers Herz, sie zurechtzuweisen. Abgesehen von einigen halbherzigen Ermahnungen, schien James sie gar nicht zu bemerken, und es war beinahe unmöglich, mehr als ein paar Halbsätze aus ihm herauszubekommen.

Jackman hatte das Gefühl, als müsste er ein Gespräch am Laufen halten, versagte dabei jedoch kläglich. Schließlich schlug er seiner Mutter flüsternd vor, die Jungen in ihr Zimmer zu schicken, damit sie sich vor dem Schlafengehen noch einen Film ansehen konnten.

Sie war sofort einverstanden und brachte die beiden nach oben.

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll.« Jackmans Vater nahm einen großen Schluck Wein. »Es ist ja nicht ihre Schuld. Die armen Kinder sind am Boden zerstört.«

Genau wie ihr Dad, dachte Jackman. Er fing den Blick seines Vaters auf und deutete mit dem Kopf in Richtung James.

Der ältere Mann zuckte hilflos mit den Schultern, und Jackman wurde klar, dass nicht nur sein Bruder mit der Situation überfordert war.

»Ähm … Komm schon, mein Sohn. Rede mit uns. Wir sind für dich da, das weißt du doch«, versuchte es ihr Vater betreten.

Doch James zuckte bloß mit den Schultern. »Ich verstehe es nicht. Ich verstehe es einfach nicht. Wie konnte sie das nur tun? Und warum? Warum, um Himmels willen?«

Jackman hatte seinen großen Bruder noch nie so hilflos erlebt. Es war mehr als bloß Betroffenheit und Ungläubigkeit – James’ Welt war aus den Fugen geraten, und er befand sich im freien Fall.

»Wir wissen nicht, warum sie es getan hat.« Jackman legte seinem Bruder eine Hand auf den Arm. »Aber ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um es herauszufinden. Das verspreche ich dir.«

James sah ihn mit Tränen in den Augen an. »Das Schlimmste ist, dass ich sie nie wiedersehen werde, ganz egal, was ich mache.«

Ihr Vater erhob sich und trat ungelenk auf seinen Sohn zu, dann drückte er James wie ein Kind an seine Brust. Er sagte nichts, denn offensichtlich fehlten ihm die Worte. Stattdessen summte er beruhigend vor sich hin.

Jackman konnte sich nicht erinnern, dass sein Vater ihn jemals im Arm gehalten hatte, nicht einmal als kleines Kind.

Nach einiger Zeit wurde James’ Schluchzen leiser, und ihre Mutter kehrte an den Tisch zurück und ließ sich auf den Stuhl sinken.

»Ich habe sie bettfertig gemacht, und jetzt sehen sie sich einen Zeichentrickfilm an, aber ich denke, sie werden bald eingeschlafen sein. Sie sind schrecklich müde.« Ihr Blick wanderte zu James und dann zu ihrem Mann. »Ich habe den Kamin im Büro angemacht, Darling. Trink einen kleinen Brandy mit deinem Sohn und unterhaltet euch ein wenig. Rowan und ich räumen in der Zwischenzeit auf.«

Jackman nickte zustimmend und sah zu, wie sein Bruder seinem Vater wie ein Zombie in dessen Büro folgte.

Das Geschirr war schnell in der Spülmaschine verstaut, und nachdem sie das Esszimmer in Ordnung gebracht und noch einmal nach den bereits schlafenden Jungen gesehen hatten, setzten Jackman und seine Mutter sich in die Küche. Es war ein grauenhafter Abend gewesen, an dem sie versucht hatten, das Unerklärliche zu verstehen. Jetzt waren sie beide erschöpft und sahen auch so aus.

Harriet Jackman schenkte sich und ihrem Sohn noch ein Glas Rotwein ein und schüttelte den Kopf. »Was für ein Albtraum.«

Seine Mutter sah aus, als wäre sie an einem Abend um zehn Jahre gealtert. Sie war eine starke, robuste Frau, aber das hatte sogar sie aus der Bahn geworfen.

»Ich mache mir im Grunde sogar mehr Sorgen um James als um die Jungen«, meinte Jackman.

Seine Mutter nickte. »Und ich dachte immer, du wärst der Sensiblere von euch beiden.« Sie legte ihre Hand auf seine. »Eigentlich bin ich nach wie vor dieser Meinung. Aber James ist der Sache nicht gewachsen. Er hat keine Ahnung, wie er damit umgehen soll.«

»Große Emotionen waren noch nie sein Ding, da ist er wie Dad. Auch wenn ich zugeben muss, dass der sich wirklich bemüht. Er hat James sogar umarmt, während du oben bei den Jungen warst.« Jackman hielt die Hand seiner Mutter einen Moment lang fest. »Trotzdem habe ich das Gefühl, dass wir beide hier die grundlegenden, alltäglichen Entscheidungen treffen müssen, du nicht auch?«

Seine Mutter zog ihre Hand zurück und griff nach ihrem Glas. »Auf alle Fälle, aber das war doch schon immer so, oder? Wenn es um Gefühle geht, ist dein Vater in etwa so viel wert wie ein Fallschirm aus Blei.« Sie schnaubte. »Er kann Tabellen lesen und Aktienmärkte analysieren, aber familiäre Probleme, na ja …« Sie schüttelte den Kopf.

»Also gut, worum kümmern wir uns zuerst?«

»Ich habe eine Liste mit Leuten gemacht, die von Sarahs Tod erfahren müssen. Und dann sind da auch noch die Kinder. Ich werde morgen in der Schule anrufen und erklären, was passiert ist. Ich glaube, es wäre wichtig, sie nicht vollkommen aus ihrem gewohnten Leben herauszureißen.«

Jackman nickte. »Ja. Sie brauchen Normalität, zumindest so viel, wie wir ihnen derzeit geben können, und die Lehrer wissen, wie man mit solchen Situationen umgeht.« Er nahm einen großen Schluck Wein. »Aber wir müssen ihnen auch zu Hause die nötige Ruhe vermitteln. Dazu brauchen wir allerdings auch James, und ich habe keine Ahnung, wie wir das schaffen sollen.«

Seine Mutter beugte sich nach vorne. »Rowan, ich habe da über etwas nachgedacht. Letzte Woche habe ich Ella Jarvis auf dem Supermarktparkplatz getroffen. Sie hat mir erzählt, dass sie gekündigt hat.«

Jackman nickte. »Das habe ich schon gehört. Es war eine sehr traurige Geschichte.«

Ella war früher Ryans und Miles’ Nanny gewesen und hatte danach eine Ausbildung bei der Spurensicherung absolviert. Doch vor ein paar Monaten war sie zu einem schrecklichen Fall von Kindesmissbrauch hinzugezogen worden und hatte es nicht verkraftet. Sie hatte noch am selben Tag gekündigt.

»Sie stand Sarah sehr nahe, und die beiden hatten regelmäßig Kontakt. Die Jungen haben sie vergöttert.«

Jackman wusste sofort, worauf sie hinauswollte. »Glaubst du, sie würde uns helfen?«

»Ich wüsste nicht, wer besser geeignet wäre, und sie würde den beiden ein winziges Stück ihres alten Lebens zurückgeben. Was meinst du?«

Er lächelte. »Mum, du bist ein Genie.« Er warf einen Blick auf die Uhr. Es war bereits neun. »Hast du ihre Nummer noch?«

»Wahrscheinlich steht sie in meinem Adressbuch.« Sie schob den Stuhl zurück, ging ins Wohnzimmer und kam gleich darauf wieder. »Hier ist sie.«

Nach dem ersten Schock musste Ella Jarvis nicht lange über Harriets Bitte nachdenken und antwortete schlicht: »Natürlich helfe ich. Ich habe keinerlei Verpflichtungen, und ich wäre, ehrlich gesagt, enttäuscht gewesen, wenn Sie jemand anderen gefragt hätten. Ich komme morgen Vormittag vorbei, dann können wir besprechen, was ich konkret tun kann.«

Harriet legte auf und stieß ein erleichtertes Seufzen aus. »Sie macht es.«

Jackman lächelte. »Damit wäre ein Punkt abgehakt. Und vielleicht hilft es auch Ella aus ihrem Tief. Ich habe gehört, dass es ihr sehr schlecht ging. Sie war eine verdammt gute Kriminaltechnikerin, und Rory vermisst sie. Sie konnte hervorragend mit der Kamera umgehen und hat in mehreren schwierigen Fällen exzellente Arbeit geleistet.«

Ellas Anwesenheit im Haus hatte aber noch einen weiteren Vorteil. Nachdem sie Sarah sehr gut gekannt hatte, konnte sie ihnen vielleicht bei dem Rätsel um den tragischen Tod seiner Schwägerin helfen.

»Du wirkst so nachdenklich, mein Junge.«

»Mum? War mit Sarah in den letzten Wochen alles in Ordnung? Wirkte sie irgendwie …« Er zuckte mit den Schultern. »Anders als sonst?«

Seine Mutter schnaubte. »Jetzt, wo du es sagst, bin ich mir nicht sicher, ob da nicht tatsächlich etwas war.« Sie rieb sich die Hände. »Als sie die Jungen vor etwa einer Woche zur Reitstunde vorbeibrachte, wirkte sie irgendwie verängstigt. Sie hat es abgestritten, als ich nachgefragt habe, aber sie sah abgespannt und nachdenklich aus.« Sie sah ihn durchdringend an. »Ich habe mir Sorgen gemacht, aber sie meinte, sie fühle sich ein wenig angeschlagen, mehr nicht.«

»Niemand bringt sich ohne guten Grund um, Mum, und etwas angeschlagen zählt da sicher nicht dazu. Mir fällt nichts in Sarahs Leben ein, das sie zu so einer verheerenden Entscheidung veranlasst haben könnte – für sich selbst, für James und für ihre geliebten Kinder. War sie vielleicht krank?«

»Körperlich, nein«, erwiderte seine Mutter entschieden. »Sie hatte vor Kurzem einen Gesundheitscheck und war vollkommen fit. Und seelisch? Ich bin keine Expertin, aber zeitweise war sie …«, Harriet runzelte nachdenklich die Stirn, »… übermäßig besorgt, vor allem, wenn es um Miles und Ryan ging. Alle Mütter sind Glucken, und das sollten sie auch sein, aber bei ihr war da eine unterschwellige, ein wenig überdimensionierte Angst um das Wohlergehen ihrer Kinder.«

»Davon hast du nie etwas erzählt.«

»Ich konnte es nicht richtig erklären und dachte, ich wäre übersensibel. Aber jetzt denke ich, dass ich meinem Gefühl hätte vertrauen sollen.«

»Im Nachhinein sind wir alle schlauer, Mum. Ich glaube nicht, dass irgendjemand Sarahs Selbstmord vorhersehen konnte.« Er zog den Notizblock seiner Mutter näher heran und betrachtete die Liste. »Du hast ganze Arbeit geleistet.«

»Mir ist klar, dass wir den Großteil erst machen können, wenn wir die Sterbeurkunde haben, aber ich brauchte Beschäftigung. Wenigstens gibt es jetzt dieses System, bei dem man den Tod nur einer Behörde melden muss, und die leitet die Nachricht dann an alle anderen Stellen weiter. Dadurch wird es viel einfacher.« Sie nahm noch einen Schluck Wein. »Der arme James. Sarah war seine Verbindung zur echten Welt. Er ist deinem Vater schrecklich ähnlich, und ich bin mir nicht sicher, wie er ohne sie zurechtkommen soll.«

»Da könnte Ella eine große Hilfe sein. Sie wird dafür sorgen, dass die Schuluniformen der Kinder gewaschen sind und das Schulessen bezahlt wird.« Er neigte den Kopf. »Wo wir gerade davon reden, dass zwei Menschen einander ähneln. Ella war Sarah auch sehr ähnlich, oder? Nicht, was das Aussehen betrifft, aber im Charakter und im Auftreten.«

»Ich habe mir oft gedacht, dass die beiden Schwestern hätten sein können. Und ohne Ella hätte es Sarah nach Miles’ Geburt noch sehr viel schwerer gehabt.« Seine Mutter biss sich auf die Lippe und sah ihn besorgt an. »Glaubst du, dass da ein Zusammenhang besteht? Hatte die postnatale Depression etwas damit zu tun?«

»Das kann ich mir nicht vorstellen, Mum. Sie hatte sich vollständig erholt, und so etwas kommt häufig vor. Ich habe zwar nicht viel Zeit mit ihnen als Familie verbracht, sondern vor allem mit den Jungen allein Ausflüge unternommen, aber mir wäre nie aufgefallen, dass sie depressiv ist.«

Harriet trank ihr Glas leer. »Es ist sicher normal, dass wir das alles immer wieder durchkauen, aber es bringt uns nicht weiter, oder?«

»Wir dürfen es aber auch nicht in uns hineinfressen.«

Sie seufzte. »Das gilt vor allem für James.«

Jackman wusste, dass sie recht hatte. Sein Bruder existierte in zwei Welten. In einer ging er voll im Geschäftsleben auf und hatte die totale Kontrolle, in der anderen stand die Familie an erster Stelle und Sarah hinter dem Steuerrad. Auch wenn sie Teilzeit gearbeitet hatte, hatte sie sich um den Haushalt gekümmert und das Leben der Kinder gemanagt, während James bereitwillig und fast wie ein drittes Kind hinterhergetrottet war und jede Minute genossen hatte. Doch jetzt fehlte ihm der Steuermann. Seine Söhne brauchten ihn, aber Jackman hatte das Gefühl, dass James in nächster Zeit nicht für sie da sein würde – oder konnte.

»Rowan?« Seine Mutter lächelte traurig. »Ich bin froh, dass du uns zur Seite stehst, aber ich will nicht, dass deine Arbeit darunter leidet, ja? Ich weiß, wie viel sie dir bedeutet.«

»Die Familie steht an erster Stelle«, erwiderte er schnell.

»Natürlich, aber ich wollte dir damit vor allem sagen, dass ich ganz genau verstehe, warum du Polizist geworden bist. Auch wenn dein Vater es nie wirklich nachvollziehen konnte. Außerdem weiß ich, warum du in deinem Job so glücklich bist und nicht das Bedürfnis hast, auf Kosten anderer die Karriereleiter hochzuklettern.«

»Du weißt tatsächlich, warum ich Polizist werden wollte, Mum?«

»Natürlich! Ich bin doch deine Mutter!«

Jackman sah sie ehrlich überrascht an. »Aber ich habe doch nie etwas gesagt.«

»Das musstest du nicht.« Sie lehnte sich zurück. »Korrigiere mich, wenn ich falschliege. Es war Winter, und du warst acht oder neun. Du hast im Stall geholfen, als plötzlich Geschrei aus der Reithalle drang. Ein Pferd hatte sich erschreckt und ausgeschlagen, und eine der Pferdepflegerinnen war getroffen und ohnmächtig geworden. Du wolltest gerade Alarm schlagen, als ein Mann wie aus dem Nichts auftauchte und sich vor das Pferd stellte, bevor es die junge Frau überrennen konnte. Er schaffte es, das Tier zu beruhigen und die Pferdepflegerin in Sicherheit zu bringen. Er wusste genau, was zu tun war, bis der Krankenwagen eintraf.« Harriet sah ihn grinsend an. »Stimmt es bis jetzt?«

Jackman nickte. »Ich habe erst später herausgefunden, dass er Polizist war und seine Tochter abholen wollte, die bei uns als Stallgehilfin gearbeitet hat. Er war so mutig und hatte alles unter Kontrolle. Da wusste ich, dass ich auch Leuten helfen wollte, so wie er – und danach wollte ich nichts anderes werden.«

»Seit dem Tag warst du wie ausgewechselt, mein Junge. Du hattest auf einmal viel mehr Verständnis für andere Menschen und deren Verhalten.«

»Es ist nur traurig, dass Dad es nicht einmal zu schätzen wüsste, wenn ich es bis zum Chief Constable schaffen würde.« Er lächelte kläglich. »Und als einfacher DI bin ich erst recht eine herbe Enttäuschung.«

»Er ist sehr stolz auf das, was du machst. Er kann es nur nicht zugeben. Denn wenn er es täte, gäbe es nichts mehr, worüber er sich beschweren kann.«

»Du meinst, wie über die Tatsache, dass er das Geld für die Universität zum Fenster hinausgeworfen hat? Dass ich mir noch keine hochrangigen Abzeichen verdient habe? Dass mir die Motivation fehlt, Geld zu scheffeln? Und so weiter und so fort?«

»So in etwa.« Ihr Lächeln verschwand. »Rowan, bitte finde heraus, was mit Sarah passiert ist! Du bist ein hervorragender Detective. Der Beste. Also liefere uns bitte ein paar Antworten.«

»Mum, das ist genau das, was ich vorhabe. Ich weiß, dass irgendetwas nicht stimmt, und ich werde es aufklären. Auch wenn es vielleicht nicht das ist, was wir gerne hören würden. Ich werde die Wahrheit ans Licht bringen.«

Kapitel 5

DC Robbie Melton eilte auf Maries Tisch zu. »Guten Morgen, Sarge. Der Kollege am Empfang hat mich gerade aufgehalten. Es gibt einen verdächtigen Todesfall unten am Fluss, und es wurde jemand von der Kriminalpolizei angefordert. Können wir hinfahren?«

»Na, toll! Genau das, was wir brauchen, wenn der Boss nicht da ist.« Marie stand auf. »Hast du genauere Infos?«

Robbie schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, Sarge, viel ist es nicht. Ein Mann fortgeschrittenen Alters, und es sieht aus wie Selbstmord, aber die Kollegen sind nicht überzeugt.«

Marie versteifte sich. Noch ein Selbstmord. »Klar, sag ihm, dass wir unterwegs sind. Und nimm Max mit, wenn er Zeit hat. Sechs Augen sind besser als vier. Wenn Sergeant Conway ein seltsames Gefühl hat, dann hat er vermutlich einen guten Grund. Ich organisiere inzwischen einen Wagen, und wir treffen uns am Parkplatz.«

Er nickte und ging zur Tür. Robbie war der letzte Neuzugang im Team. Er war noch nicht lange bei ihnen, passte aber sehr gut zur Truppe.

Auf dem Weg nach unten fragte Marie sich, was den Sergeant wohl misstrauisch gemacht hatte. Tote Landstreicher oder Obdachlose waren leider keine Seltenheit.

Am Fundort angekommen, schlüpften sie in ihre Einwegoveralls und Schuhüberzieher und machten sich auf den Weg zu der Leiche.

Ein uniformierter Beamter hielt vor dem blau-weißen Absperrband Wache, ein weiterer stand einige Meter entfernt.

Marie trat so nahe an den Toten heran, wie es möglich war, ohne den Fundort zu verunreinigen, und ließ ihren Blick über den Mann und die nähere Umgebung schweifen.

Er hatte ein markantes Gesicht und einen Dreitagebart. Seine Kleider waren zerrissen und schmutzig, und er lag zusammengekauert in einer Blutlache auf einem überwucherten und selten benutzten Fußweg am Flussufer. Neben seiner rechten Hand entdeckte Marie ein blutiges Teppichmesser, und als sie sich nach unten beugte, sah sie, dass das Blut von einer tiefen Wunde am linken Handgelenk stammte. Es sah tatsächlich aus wie ein Selbstmord, aber sie begann langsam zu verstehen, warum der uniformierte Kollege Zweifel bekommen hatte.

»Der Pathologe ist bereits auf dem Weg, Ma’am«, erklärte PC Kevin Stoner. »Die Spurensicherung habe ich noch nicht angefordert. Ich wollte zuerst abwarten, was Sie dazu sagen.«

»Wir brauchen sie auf alle Fälle, Kev.«

»Haben Sie dieselben Bedenken wie der Sarge?«

»Vermutlich.« Sie starrte auf die Leiche hinunter. »Wie viele tote Obdachlose haben Sie bis jetzt gefunden, die sich die Pulsadern aufgeschnitten haben?«

»Keinen einzigen, Ma’am. Normalerweise bringt sie gepanschter Alkohol ins Grab, sie verhungern, werden ausgeraubt oder sterben an einer Überdosis oder Unterkühlung.«

»Mmm.« Sie wandte sich an Max und Robbie. »Was meint ihr?«

»Seine Hände sind zwar schmutzig, aber der Dreck hat sich nicht so tief in die Haut gefressen wie bei den meisten Leuten auf der Straße«, bemerkte Robbie. »Und seine Fingernägel sind säuberlich geschnitten.«

»Das ist gar kein Obdachloser«, behauptete Max.

»Warum nicht?«

»Sieh dir mal die Haare an. Klar sind sie genauso schmutzig wie der Rest, aber der Schnitt war sauteuer.«

Marie sah noch genauer hin. »Woher weißt du das?«

Max warf ihr einen spöttischen Blick zu. Er war einer der coolsten und schicksten jungen Detectives in Saltern und wäre ohne Weiteres als Model durchgegangen. »Der Kerl hatte einen Topstylisten, das kannst du mir glauben. Der Schnitt ist schon etwas ausgewachsen, aber trotzdem richtig cool – für einen alten Knacker.«

»Sehr schön gesagt, Max.« Marie verkniff sich ein Grinsen. »Aber ich stimme dir zu. Wir brauchen neben dem Gerichtsmediziner auch ein oder zwei Leute von der Spurensicherung.«

»Ich kümmere mich darum.« Robbie hatte bereits sein Handy herausgeholt.

Marie wandte sich an PC Stoner. »Kevin? Sorgen Sie dafür, dass entweder ein Zelt oder zumindest ein Sichtschutz aufgestellt wird, und lassen Sie den Bereich großräumig absperren. Es handelt sich ab jetzt um einen Tatort. Wenn Sie also bitte alles Notwendige in die Wege leiten?«

Kevin nickte und sprach in sein Funkgerät.

»Ist es Mord, Sarge?« Robbie und Max betrachteten den unglückseligen Mann.

»Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, womit wir es zu tun haben, Jungs. Aber er war ganz sicher kein lebensmüder Obdachloser.«

Gerade, als Marie in den Ermittlungsraum zurückkehrte, klingelte ihr Telefon.

»Marie, ich brauche Ihre Hilfe. Haben Sie eine Stunde Zeit? Dann würde ich kurz vorbeikommen.« Jackman klang, als wäre es dringend.

Sie erzählte ihm, was gerade passiert war. »Ich habe die uniformierten Kollegen losgeschickt, um die Anwohner und anderen Obdachlosen zu befragen, und Charlie und Rosie kümmern sich um die Überwachungskameras der Gegend, also kann ich mehr oder weniger nur warten, bis die Leute von der Spurensicherung mir weitere Infos liefern. Sie können gleich kommen, wenn Sie wollen.«

Als Jackman den Raum betrat, merkte Marie sofort, dass der Schock und die Benommenheit verschwunden waren. Seine Schritte waren bestimmt, sein Gesicht wirkte aufgeweckt und munter. Er deutete auf sein Büro, und nachdem sie sichergestellt hatte, dass alle beschäftigt waren, folgte sie ihm.

Jackmans Augen funkelten. Er ließ sich in seinen Stuhl fallen und verkündete: »Wir hatten recht.«

Marie setzte sich ihm gegenüber. »Sie haben etwas gefunden?«

»Ich war heute Morgen in Rainham Lodge, um ein paar Sachen für die Jungen zu holen, und ganz hinten in Ryans Schrank habe ich Sarahs Umhängetasche entdeckt. Sie hat sie jeden Tag mit zur Arbeit genommen, außer an dem Tag, an dem sie verschwand.«

Marie runzelte die Stirn. »Und?«

»Ihr Laptop war nicht drin. Sie hat ihn als Terminkalender und Notizbuch verwendet und außerdem Unmengen an Arbeitsunterlagen darauf gespeichert. Sie hatte ihn ständig bei sich, und er befand sich immer in ihrer Umhängetasche.«

»Wissen Sie, wo er ist?«

»Sie hat versucht, ihn zu zerstören.«

»Wie bitte? Warum?«

»Ich hoffe, dass uns die IT-Abteilung in dieser Hinsicht weiterhelfen kann.« Er holte einen zerbeulten Laptop aus einer Einkaufstüte und legte ihn auf den Tisch. »Ich habe ihn gestern Abend tief unten in der Mülltonne entdeckt. Es war ein reiner Glückstreffer, denn heute kommt die Müllabfuhr.«

»Jetzt verstehe ich, worauf Sie hinauswollen.«

Er lächelte grimmig. »Außerdem hat mir meine Mutter gestanden, dass Sarah seit ein paar Wochen ängstlicher und besorgter gewirkt hatte als sonst, und eine ihrer Freundinnen hat sich bei meiner Mutter gemeldet und ihr erzählt, dass Sarah in letzter Zeit nicht mehr ans Telefon ging und auch nicht zurückrief. Was sehr ungewöhnlich für sie war.«

Ende der Leseprobe