Die verschwundenen Töchter - Joy Ellis - E-Book

Die verschwundenen Töchter E-Book

Joy Ellis

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Beschreibung

Das Moor frisst seine Kinder Tief in den schlammigen Feldern der Lincolnshire Fens wird eine orientierungslose Jugendliche aufgegriffen. Sie sucht ihre Freundin Emily. Doch niemand hat je von dieser Emily gehört, niemand vermisst sie. Nicht weit entfernt wurde stattdessen die Leiche einer weiteren jungen Frau angespült. Die Fälle ereignen sich auf demselben Stück Land, wo bereits viele Jahre zuvor ein kleines Mädchen spurlos verschwand. Rowan Jackman, Marie Evans und ihr Team stehen unter enormem Druck, die Schuldigen hinter diesen schockierenden Verbrechen zu überführen, bevor das Moor noch mehr seiner Kinder frisst. Der zweite Band einer starken neuen Crime-Reihe aus England rund um ein außergewöhnliches Ermittler-Team.  Joy Ellis kam über ihre Arbeit als Buchhändlerin zum Schreiben. Bei den Ermittlungsdetails ihrer Fälle verlässt sie sich auf ihre Partnerin, eine pensionierte Polizeibeamtin. Sie lebt in den Lincolnshire Fens, wo auch ihre Kriminalromane spielen.

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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Aus dem Englischen von Sonja Rebernik-Heidegger

 

© 2017 by Joy EllisTitel der englischen Originalausgabe:»Their Lost Daughters«, Joffe Books, UK 2017© der deutschsprachigen Ausgabe:Piper Verlag GmbH, München 2020Redaktion: Sabine ThieleCovergestaltung: zero-media.net, MünchenCovermotiv: Rekha Garton/Arcangel Images; FinePic®, München

 

Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Wir weisen darauf hin, dass sich der Piper Verlag nicht die Inhalte Dritter zu eigen macht.

Inhalt

Cover & Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Epilog

Handelnde Personen

Widmung

Fast hätte ich aufgegeben.Deshalb danke ich dir, Jasper, dass du an mich geglaubt undmir die Möglichkeit gegeben hast,das zu tun, was ich liebe.

Und danke, Anne. Durch deine Fähigkeit,selbst das dichteste Unkraut zu entfernen,ist aus einem überwucherten Blumenbeetein wunderschönes Buch geworden!

Kapitel 1

Jackman lag einen Augenblick lang regungslos da, bevor er die Augen aufschlug und nach dem Handy auf dem Nachttisch griff. »Rowan Jackman.«

»Hier spricht Sergeant Danny Page, Inspector. Tut mir leid, dass ich so früh störe, aber am Strand von Dawnsmere wurde eine Leiche gefunden.«

Jackman biss die Zähne aufeinander. Er ermittelte zurzeit im Fall eines verschwundenen Teenagers. »Eine Leiche, Sergeant?«

»Ja, Sir, und leider ist es eine junge Frau. Mehr wissen wir noch nicht. Ich habe zwei Streifenwagen in der Nähe, aber ich dachte, Sie wollen es sich bestimmt persönlich ansehen.«

Jackman war bereits aus dem Bett gesprungen. »Ich bin schon unterwegs. Würden Sie bitte Sergeant Evans verständigen und sie bitten, direkt zum Fundort zu kommen? Und am besten geben Sie auch gleich dem Gerichtsmediziner und der Spurensicherung Bescheid.«

»Wird erledigt, Sir.«

Die Dusche musste warten. Jackman riss den Kleiderschrank auf und schnappte sich eine Hose, ein warmes Hemd, einen dicken Pullover und ein Paar Wandersocken. An der Küste war es um diese Jahreszeit bitterkalt, vor allem jetzt, kurz vor Tagesanbruch. Er zog sich eilig an und lief die Holztreppe hinunter in die Diele. Er holte seine Wanderstiefel aus dem Regal neben der Tür, überprüfte, ob er Dienstausweis und Geldbörse dabeihatte, nahm seine alte Wachsjacke vom Haken und schlüpfte hinein.

Zuletzt versperrte er die Eingangstür der zu einem Wohnhaus umgebauten Mühle und lief über die Auffahrt zu seinem Auto, das unter der Gartenlaube parkte. Er benutzte die Garage nur selten, denn er wollte keine Zeit verlieren, falls er einmal schnell losmusste. Wie jetzt zum Beispiel.

 

Die Dämmerung tauchte den Strand in ein verwaschenes, trostloses Licht, doch das eisige Grau passte ohnehin sehr viel besser zur Situation als ein spektakulärer Sonnenaufgang. Jackman sah sich um und versuchte, sich einen Moment lang nicht auf das zu konzentrieren, weswegen er hergekommen war.

Es war ziemlich übertrieben, Dawnsmere als Strand zu bezeichnen. Es war vielmehr ein öder, schmaler Sandstreifen zwischen dem wilden Marschland und dem kalten, wenig verlockenden Gewässer im Mündungsbecken dreier Flüsse, das im Allgemeinen The Wash genannt wurde.

Trotzdem war dieser Ort von einsamer, karger Schönheit. Jackman schätzte an diesen langen Küstenabschnitten in den Fens vor allem, dass jeglicher Hinweis auf eine menschliche Besiedlung fehlte. Es gab keine bunten Strandhütten, Sonnenliegen, Cafés oder sonstigen Unterhaltungsmöglichkeiten. Bloß die karge Landschaft und das Meer.

Auch jetzt wirkte der Strand beinahe urzeitlich – wenn man die Anwesenheit der Polizei und den traurigen Grund ignorierte, warum sie alle hier waren. Jackman riss sich zusammen und befahl seinem inneren Philosophen, den erfahrenen Polizisten das Kommando übernehmen zu lassen.

Das tote Mädchen lag auf der Seite, und sein aufgedunsenes Gesicht war zur Hälfte in den feuchten, schlammigen Sand gepresst. Ihre Kleider hingen wie Fetzen an ihr, und ihre Füße waren nackt. Jackman betrachtete die schlanken Knöchel und die Kratzer und Schnitte in der bleichen Haut. Er ging näher heran und runzelte die Stirn. Da waren auch jede Menge Blutergüsse.

Trotzdem wollte er keine voreiligen Schlüsse ziehen. Er ging immer gleich von einem Gewaltverbrechen aus, aber auch das Meer konnte einem Menschen erhebliche Verletzungen zufügen, wenn er von den Wellen gegen Steine und Felsen geschleudert wurde. Jackman griff in seine Jackentasche und holte ein Foto heraus. Es zeigte ein schlankes junges Mädchen mit schulterlangen, hellbraunen Haaren. Sie hatte fröhliche grüne Augen, eine schmale, zierliche Nase und ein breites Grinsen. Er betrachtete das leblose Gewirr aus Haaren und Stofffetzen und das unnatürlich weiße Fleisch und schüttelte den Kopf.

Vielleicht war das hier tatsächlich Shauna Kelly, aber es war schon mehr als ein Schnappschuss aus glücklicheren Tagen notwendig, um sie zu identifizieren. Er seufzte schwer. Das vermisste Mädchen hatte keine Tattoos, Narben oder anderen besonderen Merkmale, weshalb sie auf die zahnärztlichen Befunde zurückgreifen mussten. Es sei denn, die verzweifelten Eltern bestanden darauf, die Leiche zu sehen – wobei Jackman alles Menschenmögliche tun würde, um das zu verhindern.

Er versuchte, eine Verbindung zwischen dem toten und dem lebendigen, lächelnden Mädchen auf dem Foto herzustellen, aber abgesehen von der Haarlänge fiel ihm nichts auf.

»Was für eine Verschwendung. Das arme Ding.« Ein uniformierter Officer stand einige Schritte entfernt und scharrte unablässig mit der Stiefelspitze im Sand.

Jackman kannte ihn als Komiker, der im Aufenthaltsraum der Dienststelle immer einen Scherz auf Lager hatte und alle zum Lachen brachte.

Der Beamte sah Jackman an und senkte den Blick. »Tut mir leid, Sir. Ich habe auch drei Töchter.«

Jackman lächelte verständnisvoll und griff zu einem erprobten Trick, um den Kollegen abzulenken. »Tun Sie mir doch einen Gefallen, Constable, und sehen Sie nach, ob DS Evans schon da ist.«

Der Mann nickte, straffte die Schultern und verließ eilig den Fundort.

Jackman blieb allein mit dem toten Mädchen zurück und fragte sich zum wiederholten Mal, wie ein Mensch mit dem Anblick so vieler Leichen klarkommen konnte. Tote Erwachsene waren schon schlimm genug, Babys waren kaum zu ertragen, und Kinder brachen ihm jedes Mal das Herz. Aber Teenager waren noch einmal etwas anderes.

Da war dieses schreckliche Gefühl des Verlustes, wenn Jugendliche starben. Sie hatten es fast geschafft. Sie waren beinahe das geworden, was ihnen zugedacht gewesen war. Doch ihr gesamtes Potenzial war mit einem Mal verschwunden, die unentdeckten Talente innerhalb eines Wimpernschlages ausgelöscht, sämtliche Träume ausgeträumt.

Eine sanfte Brise wehte vom Meer herein, und die Oberfläche der seichten Pfütze, in der das Mädchen lag, kräuselte sich. Ihre durchtränkten Kleider bewegten sich kaum merklich, und einen Augenblick schien sie beinahe lebendig.

Jackman erschauderte, doch im nächsten Augenblick hallten Stimmen über den schmalen, von Dünen gesäumten Strand und rissen ihn aus seinen düsteren Gedanken.

DS Marie Evans und der Gerichtsmediziner eilten auf ihn zu. Jackman war froh, dass Professor Rory Wilkinson persönlich gekommen war und keine Vertretung geschickt hatte. Wilkinson war zwar ziemlich eigenwillig, aber sehr viel angenehmer als sein Vorgänger. Jackman hatte nur ungern mit Arthur Jacobs zusammengearbeitet. Er wusste zwar, dass der Pathologe kompetent und überaus intelligent war, aber er war auch kalt und unnahbar, und der Kontakt mit ihm war mehr als mühsam gewesen.

Rory Wilkinson war das genaue Gegenteil, und nachdem Jackman erst einmal den Mann hinter dem überkandidelten Auftreten kennengelernt hatte, war ihm klar geworden, dass er für Saltern-le-Fen ein großer Gewinn war.

Und heute war wohl ohnehin niemand zu Scherzen aufgelegt.

Marie kam einige Schritte vor dem Mediziner bei Jackman an. Sie war sicher genauso übereilt von zu Hause aufgebrochen wie er, aber dank ihrer Motorradkluft war davon nichts zu sehen. Außerdem wirkte sie hellwach – was vermutlich der rasanten Fahrt auf ihrer Suzuki V-Strom 650 cc durch die frühmorgendliche Kälte zu verdanken war.

»Ist sie es?«, fragte sie leise.

Jackman zuckte mit den Schultern. »Machen Sie sich lieber selbst ein Bild. Ich bin mir nicht sicher.« Er nickte Wilkinson zur Begrüßung zu und sagte: »Schön, dass Sie es persönlich geschafft haben, Rory. Wie es aussieht, brauche ich sowohl Ihr Fachwissen als auch Ihre Hilfe.«

»Aber das brauchen Sie doch immer, Inspector. Und auch wenn Sie sich freuen, dass ich mir hier um fünf Uhr morgens an einem Nordseestrand den Hintern abfriere, sehe ich das ein wenig anders. Mein kuscheliges, warmes Bett ruft verzweifelt nach mir.«

Rory trat auf das tote Mädchen zu und wurde schlagartig ernst. »Ein Vögelchen hat mir gezwitschert, dass sie etwas mit einer Kollegin zu tun haben könnte?«

Jackman entging nicht, dass seine Stimme nun sehr viel weicher klang. »Möglich. Wir sind seit drei Tagen auf der Suche nach einer jungen Ausreißerin. Shauna Kelly, vierzehn. Sie ist die Tochter von Liz Kelly, die als Zivilistin in der Einsatzleitstelle arbeitet.«

»Das Alter passt vermutlich«, murmelte der Pathologe, kniete nieder und untersuchte vorsichtig seinen neuesten Fall. »Aber wir müssen sie in die Gerichtsmedizin bringen, bevor ich Ihnen mehr sagen kann.« Er erhob sich und schob seine Drahtgestellbrille nach oben.

»Ich muss Sie leider warnen, dass solche Fälle immer schwierig sind. Manchmal lässt sich nicht einmal mehr die Todesursache feststellen. Vielleicht finde ich Hinweise in der Lunge oder den Nasen- und Stirnhöhlen, aber die besten Chancen haben wir vermutlich mit einer umfangreichen toxikologischen Untersuchung. Sie dürfen mich also nicht hetzen, verstanden? Ich verspreche, mein Bestes zu geben, und mir ist klar, dass dieser Fall oberste Priorität hat.« Er winkte einen Mitarbeiter der Spurensicherung zu sich, der zaghaft ein wenig abseits wartete.

»Also, mein Freund, zeigen Sie, was Sie können! Ich will Fotos und eine überaus vorsichtige Erstuntersuchung.« Er wandte sich noch einmal an Jackman. »Wir bringen sie sobald wie möglich von hier fort. Das ist in dieser Situation das Beste, was wir tun können. Ich sage es nur ungern, aber im Moment weiß ich nicht mehr als Sie. Das arme Mädchen ist tot, und das nicht erst ein paar Stunden. Sie lag schon eine ganze Weile im Wasser.« Er sog pfeifend die Luft ein und fixierte Jackman. »Es tut mir leid, aber damit ist der Ball wieder bei Ihnen, DI Jackman. Sie müssen die Umstände klären, die zu ihrem Tod geführt haben, und diese dann mit meinen Ergebnissen abgleichen.«

»Aber zuerst muss ich wissen, wer sie ist«, erwiderte Jackman finster.

»Na ja, da gibt es zwei ganz einfache Möglichkeiten: Entweder holen Sie Shauna Kellys Angehörige herein, um sie zu identifizieren, oder Sie warten auf die zahnärztlichen Befunde.« Er lächelte traurig. »Und ich bin mir ziemlich sicher, für welche der beiden Varianten Sie sich entscheiden werden.« Er nahm seine Tasche. »Ich mache mich erst mal auf den Weg, denn ich habe nicht das Bedürfnis, dem zweifellos herrlichen Engelschor zu lauschen, wenn hier gleich die Sonne aufgeht. Da fahre ich lieber zurück und bereite alles für das arme Mädchen vor.«

Jackman und Marie sahen ihm nach, wie er über den Strand stapfte.

»Er ist ziemlich gewöhnungsbedürftig«, meinte Marie grinsend.

»Also, ich habe mich schon an ihn gewöhnt. Und er ist gut – im Grunde sogar der Beste, den wir je hatten.«

»Ja, finde ich auch.«

Sie gingen ein Stück den Strand entlang, wo sie abseits der Blaulichter und der anderen Beamten in Ruhe reden konnten. Jackman setzte sich auf eine niedrige Steinmauer, die die Dünen begrenzte.

»Was wissen Sie über Ebbe und Flut in dieser Gegend, Marie?«, fragte er.

Sie biss sich nachdenklich auf die Unterlippe. »Nicht viel, aber ich weiß jemanden, der sich auskennt. Jack Archer hat sein ganzes Leben lang draußen in der Marsch gelebt, und schon sein Vater und Großvater waren Aalfänger. Inzwischen wohnt er in einem Altenheim bei Ihnen ums Eck. Das Sozialamt hat ihn aus der Marsch geholt, als er plötzlich krank wurde und niemand da war, um ihn zu pflegen. Er kennt die Fens besser als jeder andere.«

»Reden Sie mit ihm, Marie. Beschreiben Sie ihm die Fundstelle, und fragen Sie ihn, ob er uns einen Anhaltspunkt liefern kann, wo das Mädchen ins Wasser gegangen oder gefallen sein könnte. Vielleicht kann er uns helfen.«

»Gut. Er ist über achtzig, aber ich schätze, er steht immer noch früh auf. Ich dusche noch schnell und fahre zu ihm, sobald es hell ist.«

Jackman beobachtete, wie die goldene Sonne durch den grau melierten Himmel brach und sich auf dem silbernen Wasser spiegelte. »Sehen Sie sich das an«, murmelte er leise. »Dieser Ort hat etwas Besonderes an sich, nicht wahr? Ohne das arme tote Mädchen am Strand wäre es beinahe magisch.«

»Das ist es trotzdem«, erwiderte Marie sanft. »Wir sollten es als Segen betrachten, dass das Meer sie uns zurückgegeben hat. Egal, wer sie ist.«

Jackman warf einen letzten Blick auf den Strand und war froh, dass die Leiche nicht mehr zu sehen war. Sie wurde bereits von einer Gruppe Polizisten und Mitarbeitern der Spurensicherung umringt. Schon bald würde man sie aus dem kalten, nassen Sand heben und in Rorys Gerichtsmedizin bringen, wo sie ihre Geheimnisse hoffentlich dem einen Mann gegenüber preisgeben würde, der ihr jetzt noch zuhören konnte.

Kapitel 2

Jackman steckte bis zum Hals in Berichten, als Marie von Jack Archer zurückkam. »Zeitverschwendung?«, fragte er, nachdem er einen Blick in ihr ungewöhnlich ernstes Gesicht geworfen hatte.

»Nein, ganz im Gegenteil. Er ist ein netter alter Mann und war sehr hilfsbereit.« Marie stellte zwei Kaffeebecher auf Jackmans Schreibtisch und schloss die Tür.

»Warum sind Sie dann so schlecht gelaunt?«

»Ach, ich muss nur immer wieder an dieses hübsche junge Mädchen denken, das auf so grausame Weise gestorben ist.«

Jackman schloss die Akte, an der er gerade arbeitete, und deutete auf den Besucherstuhl. »Setzen Sie sich.«

Er griff nach einem der beiden Becher, nahm eine Handvoll Zuckertütchen und betrachtete Marie nachdenklich, während er den Zucker in den Kaffee rührte. Sie war eine attraktive Frau mit langen, glänzend braunen Haaren und einer aufrechten Haltung, die dafür sorgte, dass sich die Männer immer noch nach ihr umdrehten, auch wenn sie mittlerweile sechsundvierzig war. Sie war eine Amazone und nutzte diese Ausstrahlung bei Verbrechern und Kollegen gleichermaßen. Jeder wusste, dass man sich besser nicht mit ihr anlegte. Doch Jackman kannte auch eine andere Seite an Marie. Sie war mitfühlend und sanft, aber immer überaus scharfsinnig. Er legte großen Wert auf ihre Meinung und Einschätzung. Ihrer beider Werdegang und auch der familiäre Hintergrund konnten unterschiedlicher nicht sein, aber sie teilten die tiefe Liebe zu ihrem Beruf, und auch wenn sie auf verschiedenen Wegen zu ihren Ergebnissen gelangten, waren sie sich am Ende immer einig.

»Warum trifft Sie dieser Fall so hart? Sie haben doch schon mehr als genug Tote gesehen.«

Marie zuckte mit den Schultern. »Mein erster Fall war auch eine Wasserleiche. Es war ein Mädchen, ähnlich wie die Kleine heute Morgen. Wir konnten sie nie identifizieren.« Sie warf sich die Haare über die Schulter und griff nach ihrem Kaffee. »Es kam mir vor, als hätten wir das Mädchen und seine Familie im Stich gelassen. Wir haben die Angehörigen nie gefunden, und es trat auch niemand an uns heran, aber sie muss doch irgendwo eine Familie gehabt haben. Es ist ein schrecklicher Gedanke, dass sie nie nach Hause gebracht werden konnte, um dort ihre letzte Ruhe zu finden.«

»Wir können nicht allen helfen, Marie. Wir geben unser Bestes, aber manchmal arbeitet das Schicksal einfach gegen uns.«

»Glauben Sie, dass das Mädchen Shauna Kelly ist?«

»Mein Bauchgefühl sagt Ja, aber ich will mich noch nicht mit dieser Möglichkeit befassen, bevor es durch die zahnärztlichen Befunde bestätigt wurde.«

Marie nickte und nippte an ihrem Kaffee. »Egal, wer sie ist – wir müssen herausfinden, was ihr zugestoßen ist. Und falls es kein Unfall war …« Sie ließ den Rest des Satzes unausgesprochen.

»Ja, natürlich. Aber jetzt erzählen Sie mir erst mal, was der alte Mann über das Meer zu sagen hatte.«

Marie legte eine abgenutzte Karte des fraglichen Küstenabschnittes auf den Tisch und strich sie glatt. »Jack Archer meint, das Mädchen wäre irgendwo in diesem Bereich ins Wasser gefallen.« Sie deutete auf die Karte. »Allenby Creek. Die Gezeiten, die Strömungen und der mäßige Wind in den letzten Tagen machen das zur wahrscheinlichsten Stelle. Es sei denn, sie fiel von einem Boot. Aber das hoffen wir erst mal nicht.«

»Allenby Creek? Das ist sehr abgelegen, oder?«

Marie betrachtete die Karte. »Ja, es liegt an der Grenze zwischen unserem Zuständigkeitsbereich und Harlan Marsh. Es handelt sich vor allem um Farmland und Rohmarsch.«

»Wenn ich mich recht erinnere, war ich als Kind öfter dort. Da war ein ziemlich zugänglicher Strand … in der Nähe des Robbenschutzgebietes am Hurn Point.«

»Mmmm …« Marie ließ ihren schlanken Finger langsam die Küste entlanggleiten. »Genau! Ich sehe, was Sie meinen. Soll ich ein paar uniformierte Kollegen hinschicken?«

»Ich würde lieber selbst hin.« Jackman kaute auf seiner Unterlippe. »Aber Sie haben recht. Ich muss diese Berichte bis zum Abend fertig machen, und die Uniformierten sind durchaus befähigt, das zu erledigen.« Er griff nach dem Telefon. »Ich rede mal mit dem diensthabenden Sergeant, ob er ein paar Leute hat, die sich umsehen und die Anwohner befragen können …«

Wenige Augenblicke später legte er wieder auf. »Alles erledigt.«

»Sir?« Die Tür ging auf, und der zerzauste Haarschopf von Charlie Button, dem jüngsten Mitglied des Teams, schob sich herein. »Tut mir leid, wenn ich störe, aber Superintendentin Crooke will Sie beide in ihrem Büro sehen.«

Jackman bedankte sich bei dem jungen Detective und trank eilig seinen Kaffee aus. »Du meine Güte, gleich beide! Das lässt Schlimmes erahnen.«

Marie erhob sich. »Dann bringen wir es am besten schnell hinter uns und hoffen, dass es nichts mit dem Budget, Ausgabenkürzungen, Zielvorgaben oder unserer Leistungsstatistik zu tun hat.«

»Oder gleich mit allem auf einmal.« Jackman lächelte matt. »Das gab es nämlich auch schon mal.«

 

Superintendentin Ruth Crooke war eine schmallippige Frau, die eine ständige Aura der Unzufriedenheit umgab – vermutlich, weil sie es tatsächlich die meiste Zeit über war. Es war einiges nötig, um ihr etwas anderes als eine negative Reaktion zu entlocken, und wenn sie jemanden in ihr Büro zitierte, kam man der Aufforderung am besten so schnell wie möglich nach.

Marie nahm zwei Stufen auf einmal, um mit Jackman Schritt zu halten. Sie freute sich nicht gerade auf die »Höhle der Löwin«, aber sie arbeitete schon lange genug mit der Superintendentin zusammen, um zu wissen, dass sich hinter der harten, kontrollierenden Fassade und der spitzen Zunge eine verdammt gute Polizistin verbarg, und letztendlich zählte nur das.

Marie folgte Jackman in das Büro und setzte ihr strahlendstes Lächeln auf, doch die dünnen Lippen ihrer Vorgesetzten zeigten keinerlei Reaktion.

Stattdessen deutete Superintendentin Ruth Crooke verärgert auf die beiden Besucherstühle und beschwerte sich erst einmal ausgiebig über ihr letztes Telefonat.

»Ich habe gerade zehn Minuten mit einem dieser verdammten Finanzanalysten gesprochen, der in seinem ganzen Leben noch keine Polizeidienststelle von innen gesehen hat. Jede einzelne seiner Maßnahmen war Mist.« Sie schleuderte ihren Notizblock quer über den Tisch und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. »Ich glaube nicht, dass er noch mal anruft. Ich habe ihm sehr deutlich gesagt, was ich von seinen sogenannten Einsparungsmaßnahmen halte.«

»Ich weiß nicht, wie Sie das schaffen, Ma’am«, erklärte Jackman. »Zehn Minuten in Ihrem Job, und ich wäre reif fürs Irrenhaus.«

Sie zuckte mit den Schultern. »Irgendjemand muss ihn ja machen – und ich mache ihn ziemlich gut. Wenigstens haben Sie jemanden, der auf Ihrer Seite ist. Als ich das letzte Mal nachgesehen habe, hatten Sie noch Funkgeräte, schusssichere Westen und Autos – oder hat sich daran inzwischen vielleicht etwas geändert?«

Jackman lächelte. Auch wenn ihm seine Vorgesetzte nicht direkt sympathisch war, empfand er eine tiefe, wenn auch widerwillige Bewunderung für alle, die mit Budgets und Zielvorgaben jonglierten.

»Nein, wir können noch miteinander reden, uns schützen und uns fortbewegen. Gott sei Dank! Es wäre wohl nicht gerade hilfreich, wenn wir auf Fahrrädern durch die Fens patrouillieren müssten.« Er lehnte sich ebenfalls zurück und sah die Superintendentin über den großen, glänzenden Schreibtisch hinweg an.

Ruth Crooke schüttelte den Kopf. »Egal. Nachdem es die reinste Verschwendung meiner kostbaren Zeit ist, mit Ihnen über etwas anderes als über Ermittlungsarbeit zu reden, erspare ich mir das lieber.« Sie schob eine dicke Mappe über den Tisch.

Marie erschauderte, als sie den Namen las.

Kenya Black.

»Wir stehen ziemlich unter Druck. Mir ist natürlich klar, dass der Fall uralt ist, aber die Mutter hat beschlossen, ihn wieder aufzurollen. Sie versucht, die Presse mit an Bord zu holen, und zwar im großen Stil. Sie hat bereits einige bekannte Gesichter auf ihrer Seite und nutzt die sozialen Medien, um Stimmung zu machen.« Crooke zuckte kaum merklich mit den Schultern. »Natürlich kann ich es der armen Frau nicht verübeln, aber wir kommen sicher nicht gut weg, wenn wir hier nur Däumchen drehen. Deshalb wollen die ganz oben, dass der Fall endlich zu den Akten wandert. Und zwar für immer. Ich weiß, dass Sie gerade mit Shauna Kellys Verschwinden beschäftigt sind, aber ich will Ihr Team für diesen Fall. Er hat oberste Priorität.«

Jackman richtete sich auf. »Mein Gott. Es ist doch sicher schon sieben oder acht Jahre her, dass Kenya verschwunden ist, und Sie wollen ihr wirklich oberste Priorität einräumen?«

Jeder in den Fens hatte vom Verschwinden des kleinen Mädchens gehört, aber weder Jackman noch Marie waren Teil des ursprünglichen Ermittlerteams gewesen, weshalb sie keine Einzelheiten kannten.

Jackman runzelte die Stirn. »Ich weiß, dass derzeit nichts passiert, aber es handelt sich immer noch um einen laufenden Fall. Es ist doch sicher noch nicht lange her, dass ein anderes Team noch einmal alles durchgegangen ist, oder?«

»Nein, aber die Wissenschaft und die Forensik machen jeden Tag Fortschritte.«

Marie zermarterte sich den Kopf nach weiteren Informationen. Sie konnte sich vor allem an das Foto erinnern, das die Medien damals veröffentlicht hatten. Ein Kind mit weißblonden Haaren saß mit einem Spielzeughund auf einem Sitzsack. Das Mädchen trug Jeans und einen gelben Kapuzensweater mit einem aufgedruckten Teddybären. Ihre kleinen Finger gruben sich in das weiche Fell des Hundes. Sie glich einem kleinen Engel, und ihr herzzerreißendes Verschwinden hatte die größte Suchaktion nach sich gezogen, die die Fens je erlebt hatten. Die gesamte Bevölkerung war daran beteiligt gewesen.

Marie runzelte die Stirn, als ihr plötzlich immer mehr Details einfielen. »Jemand dachte, er hätte sie gesehen, oder? Sie spielte mit einem anderen Kind in der Nähe des Robbenschutzgebietes am Hurn Point.«

»Genau. Und eine Woche später wurde einer ihrer Turnschuhe etwa fünf Kilometer die Küste hinauf angeschwemmt, was die Beobachtungen des Mannes zu bestätigen schien.« Das Gesicht der Superintendentin glich einer steinernen Maske.

»Man nahm an, dass sie aufs Meer hinausgetrieben wurde.« Marie erinnerte sich noch an die Schlagzeilen: War es Mord oder ein tragischer Unfall?

»Das ist in etwa der Kern der Geschichte. Die Eltern sind ziemlich wohlhabend, aber es gab nie eine Lösegeldforderung, es wurden keine weiteren Hinweise gefunden, und niemand hat das Mädchen danach noch einmal gesehen. Mal abgesehen von den üblichen Spinnern, die sich jedes Mal melden. Nach einiger Zeit kamen die Verantwortlichen zu dem Schluss, dass sie vermutlich ertrunken war, und wir waren gezwungen, den Fall zurückzustellen.«

»Und jetzt soll er plötzlich wieder oberste Priorität bekommen?«

»Ich will, dass Sie noch einmal von vorne anfangen und ihn aus einem neuen Blickwinkel und mit einem sehr viel größeren Budget neu beleuchten.« Der Blick der Superintendentin war mehr als eindringlich. »Ich will, dass der Fall ein für alle Mal abgeschlossen wird. Wir sind zwar nicht immer auf einer Wellenlänge, aber ich muss zugeben, dass Ihr Team das gewisse Etwas hat. Ich weiß nicht, was es genau ist, aber wenn jemand herausfinden kann, was mit dem kleinen Mädchen passiert ist, dann sind Sie es. Sie könnten diesen verdammten Fall endgültig aufklären.«

Jackman nahm die Akte und betrachtete sie mit starrem Blick.

Marie hatte plötzlich ein seltsames Gefühl. Aufregung war nicht das richtige Wort dafür. Eher Beklemmung. Niemand aus dem ursprünglichen Ermittlungsteam hatte damals an einen Unfall geglaubt, doch nach jahrelanger erfolgloser Suche hatte man ihnen die Entscheidung einfach aus der Hand genommen. Vielleicht wurde es tatsächlich Zeit, dass man mit neuer Kraft versuchte, der trauernden Familie die Möglichkeit zu geben, mit allem abzuschließen.

Jackman erhob sich. »Wir werden unser Möglichstes tun, Ma’am, darauf können Sie sich verlassen. Aber Shauna Kelly hat trotzdem Vorrang. Falls es sich bei dem ertrunkenen Mädchen tatsächlich um Shauna handelt, werde ich die ersten wichtigen Tage der Ermittlungen sicher nicht mit anderweitigen Nachforschungen vergeuden. Sie ist die Tochter einer Kollegin, was zwar nicht bedeutet, dass wir den Fall anders behandeln, aber wir fühlen uns der Mutter verbunden.«

»Natürlich, etwas anderes hätte ich auch nicht erwartet. Wenn Sie Hilfe brauchen, melden Sie sich.« Ruth Crooke fixierte die beiden. »Aber sehen Sie zu, dass Sie den Fall Kenya Black nicht auf die lange Bank schieben. Es hängt sehr viel davon ab. Als ich vorhin sagte, dass die da oben wollen, dass er schnellstmöglich abgeschlossen wird, habe ich nicht übertrieben, verstanden?« Und damit war das Gespräch beendet.

Marie hatte das Gefühl, dass diese Ermittlungen alles andere als einfach werden würden.

Sie gingen gemeinsam zum Aufzug.

»Kenya Black«, murmelte Jackman. »Das hätte ich nicht erwartet.«

»Ich auch nicht«, pflichtete Marie ihm bei.

»Wie fühlen Sie sich bei dem Gedanken, den Fall zu übernehmen?«

»Na ja, wir können natürlich schlecht Nein sagen. Die Superintendentin hat recht. Die Familie braucht Antworten, und vielleicht sehen wir mehr als das Team vor uns.«

»Das habe ich nicht gemeint.« Jackman sah sie an. »Ich meinte, wie Sie sich dabei fühlen.«

Sie wurden langsamer. »Ich habe zwar keine Ahnung, warum, aber ich bin ziemlich beunruhigt.«

Sie traten in den Aufzug, und Jackman nickte. »Ich auch. Als ich den Namen auf der Akte sah, zog sich mein Magen zusammen.« Er seufzte. »Aber Sie haben recht. Es wird Zeit, dass dieser schreckliche Fall endlich abgeschlossen wird. Wir sollten also bald die Köpfe zusammenstecken und uns an die Arbeit machen.«

Die beiden schwiegen die restliche Fahrt über, und Marie hatte das untrügliche Gefühl, bald großen Schwierigkeiten gegenüberzustehen.

Kapitel 3

Sie gingen direkt in Jackmans Büro und schlossen die Tür.

Jackman ließ sich in seinen alten, lederbezogenen Bürostuhl sinken und schwang zu Marie herum. »Ich muss mir erst mal Gedanken über die Sache machen, bevor wir das Team informieren. Ich habe keine Ahnung, wie wir das alles unter einen Hut bringen sollen, aber es ist auf jeden Fall einiges an Planung nötig.«

Marie atmete aus. »Die Superintendentin will scheinbar unbedingt, dass wir den Fall übernehmen. Obwohl wir gerade mit Shauna Kelly beschäftigt sind.«

»Mhm. Man könnte es fast als Lob deuten, oder?«

»Schon, aber es gibt außer uns auch niemanden, der die Sache übernehmen könnte. Das zweite Ermittlungsteam steckt gerade bis zum Hals in einer schwierigen Betrugsgeschichte und hat keine Zeit für einen Fall dieser Größenordnung. Und DI Andy Felthams Team ist grob unterbesetzt, weil so viele seiner Mitarbeiter krank oder nach einem Unfall nicht einsatzbereit sind, und kann deshalb keine aufwendigen Fälle übernehmen.«

Jackman wollte gerade etwas erwidern, als es an der Tür klopfte.

Es war DC Max Cohen mit einem großen, versiegelten Umschlag. »Tut mir leid, wenn ich störe, aber ich dachte, das hier wollen Sie sicher sehen. Der Autopsiebericht. Mit dem Vermerk ›Dringend‹.«

»Danke, Max. Wir kommen in ein paar Minuten zu euch raus, es wäre also toll, wenn Sie Charlie bis dahin auftreiben könnten. In zehn Minuten im Ermittlungsraum, okay?«

Nachdem Max die Tür geschlossen hatte, betrachtete Jackman den braunen Briefumschlag. Es hing schrecklich viel von diesem ersten kurzen Bericht ab – nicht zuletzt die Frage, ob er bald einer Kollegin beibringen musste, dass ihre Tochter tot war. Jackman hatte vom ersten Augenblick an das Gefühl gehabt, dass das Mädchen am Strand weder ins Wasser gesprungen noch zufällig hineingefallen war.

Mit finsterem Blick riss er den Umschlag auf.

Die zahnärztlichen Befunde bestätigten, dass es sich bei der Leiche um Shauna Kelly handelte. Er reichte den Bericht wortlos an Marie weiter.

Sie seufzte. »Ich habe so gehofft, dass …«

»Ich schätze, wir wissen beide, was uns jetzt bevorsteht …«

»Ein herzzerreißendes Gespräch mit Liz Kelly. Wir reden gemeinsam mit ihr, oder? Wir kennen Liz schon eine ganze Weile, und ich glaube, sie weiß es zu schätzen, wenn ihr jemand Vertrauter die Nachricht überbringt.«

Jackman nickte. »Ich wünschte, wir könnten ihr schon mehr sagen.«

»Sie wird sowieso nichts davon aufnehmen. Ihr Kind ist tot – mehr wird heute nicht zu ihr durchdringen.«

Jackman erhob sich. »Sie informieren Max und Charlie, während ich der Superintendentin Bescheid gebe.« Er verzog das Gesicht. »Und dann gehen wir zu Liz.«

»Und Kenya Black? Soll ich den anderen davon erzählen?«

»Nein. Zuerst kümmern wir uns um Shauna. Kenya Black ist schon so lange verschwunden, da machen ein paar Tage hin oder her keinen Unterschied, während in Shaunas Fall die Beweise und die Erinnerungen möglicher Zeugen noch frisch sind.«

»Gut, Sir.« Marie ging nach draußen zu den anderen, während Jackman zum zweiten Mal innerhalb von zwanzig Minuten an die Tür der Superintendentin klopfte.

Ruth Crooke war bestürzt. »Was wissen wir denn über Shauna?«

»Wir haben bis jetzt keine Ahnung, was mit ihr passiert ist, Ma’am. Für Rory Wilkinson hat sie im Moment oberste Priorität, wir können also nur hoffen, dass sich ein Fremdverschulden bald bestätigen oder ausschließen lässt.« Er fuhr sich mit der Hand durch die dichten, hellbraunen Haare. »Shauna war offenbar schon immer ein wenig schwierig, aber kein hoffnungsloser Fall. Doch vor sechs Monaten hat ihr Vater die Familie plötzlich verlassen, und von da an wurde es schlimmer. Sie begann zu trinken, und Liz hat erzählt, dass sie in schlechte Gesellschaft geraten ist und es nicht einfach war, sie von diesen Leuten fernzuhalten.«

»Was ist an dem Abend passiert, als sie verschwand?«

»Max und Charlie haben sie auf drei Überwachungsvideos lokalisiert, alle aus der Innenstadt. Auf dem letzten Band sieht man sie lachend mit einem Unbekannten. In der Nähe des Lincoln Arms in der Brewer Street.«

»War sie betrunken?«

»Sie war nicht sternhagelvoll, aber auch nicht nüchtern.« Jackman dachte an das Video zurück, das Max ihm gezeigt hatte. »Ihrem Verhalten nach sind wir uns sicher, dass sie den Mann kannte. Er ist nicht gut zu erkennen, aber Max hat den Ausschnitt bestmöglich vergrößert und bearbeitet, damit die uniformierten Kollegen ihn für die Suche verwenden können.«

»Das ist nicht gerade viel.«

»Aber besser als nichts, Ma’am. Vielleicht haben wir Glück.«

»Hoffentlich. Ich habe jedenfalls einen weiteren Detective für Sie. DC Rosie McElderry aus DI Felthams Team hat gerade nichts zu tun, daher wird sie Ihr Team bis zum Ende der Ermittlungen unterstützen.«

»Danke, Ma’am. Ich mag Rosie. Sie hat das Zeug zu einem guten Detective.«

»Vorsicht! Sie ist bereits ein sehr guter Detective.«

Jackman grinste. »Schon verstanden.« Er schob den Stuhl zurück. »Aber jetzt gehe ich besser, Ma’am. Ich muss mit Liz Kelly reden, bevor sie es von jemand anderem erfährt.«

Er sah Mitgefühl in Ruths Augen. »Sorgen Sie dafür, dass sie den besten psychologischen und praktischen Beistand bekommt, den wir bieten können, Rowan. Ich werde meine Vorgesetzten informieren, damit sie auch sonst jede verfügbare Hilfe erhält, aber … Die arme Frau …«

»Ja, ich weiß. Auf das Gespräch freue ich mich ganz und gar nicht.«

»Natürlich nicht. Es ist mit Abstand der schlimmste Teil unseres Jobs.« Sie schenkte ihm ein seltenes Lächeln. »Aber ich bin mir sicher, dass Sie das schaffen.«

Jackman konnte nur hoffen, dass sie recht hatte.

 

Es war bereits nach zwei Uhr nachmittags, als Jackman schließlich das Team zusammentrommelte. Das Gespräch mit Liz Kelly war quälend gewesen. Er hörte noch immer den schmerzerfüllten Aufschrei der Frau.

Außerdem gab er sich mittlerweile im Fall Kenya Black keinen Illusionen mehr hin. Der schlechte Ruf eilte ihm voraus, und es war nicht gerade hilfreich, dass einer der an den ursprünglichen Ermittlungen beteiligten Detectives Selbstmord begangen hatte. Jackman biss die Zähne aufeinander und schwor sich, seine Mitarbeiter niemals in eine derart ausweglose Situation geraten zu lassen.

Er sah zu, wie sich sein kleines Team in dem großen Ermittlungsraum versammelte. Sie hatten keine Ahnung, was er ihnen gleich mitteilen würde, aber sie spürten natürlich, wie angespannt er war. Jackman war klar, dass es einen großen Einfluss auf die weitere Laufbahn seiner Mitarbeiter haben würde, wenn sie einen der berühmtesten ungelösten Kriminalfälle der letzten zehn Jahre aufklärten. Daran beteiligt zu sein, konnte die Karriere richtig ankurbeln, und selbst Jackman verspürte beim Gedanken daran eine gewisse Aufregung. Aber zuerst musste er seine Leute auf den neuesten Stand im Fall Shauna Kelly bringen.

»Bevor wir beginnen, möchte ich DC Rosie McElderry bei uns willkommen heißen. Sie wird uns unterstützen, nachdem wir in nächster Zeit zwei Fälle gleichzeitig bearbeiten werden.«

Er nickte der jungen blonden Frau zu, die etwas abseits saß. Rosie hatte ein elfenhaftes Gesicht mit zarten Konturen und grünblauen Augen. Sie sah sehr viel jünger aus als vierundzwanzig, doch Jackman wusste, dass sie eine Schnelldenkerin war, die selbst die kleinsten Widersprüche im Lauf einer Befragung aufdecken konnte. Außerdem hatte sie ein extrem gutes Gedächtnis. Die junge Polizistin hob lächelnd die Hand und grüßte in die Runde. »Freut mich, wenn ich helfen kann.«

Jackman lehnte sich an die Wand. »Wie schon angekündigt, haben wir in nächster Zeit gleich zwei Fälle. Der erste ist – wie ihr mittlerweile sicher schon wisst – der Tod von Shauna Kelly. Aber bevor wir loslegen, brauchen wir erst mal den vollständigen Bericht der Gerichtsmedizin, der morgen früh vorliegen sollte. Falls ein Fremdverschulden festgestellt wird, haben wir eine Mordermittlung. Um einen kleinen Vorsprung herauszuarbeiten, will ich, dass ihr die Identität des Mannes feststellt, mit dem Shauna auf dem Überwachungsvideo gesprochen hat. Außerdem solltet ihr noch einmal alle Freunde und Schulkollegen befragen. Vermutlich weiß irgendjemand, warum sie fortlief oder sogar entführt wurde.« Er holte Luft. »Der Zweite bringt für euch junge Kollegen eine Menge Hausaufgaben mit sich. Wir sollen nämlich das Verschwinden von Kenya Black neu aufrollen.«

Die anderen schnappten gleichzeitig nach Luft.

»Verdammt noch mal! Das ist ja der Hammer!« Max’ Herkunft aus dem Osten Londons war ihm wieder einmal deutlich anzuhören.

»Ja, das ist wahr. Ehrlich gesagt, müssen Marie und ich uns auch erst wieder einlesen, nachdem wir beide damals nicht an den Ermittlungen beteiligt waren«, fuhr Jackman fort. »Also, Marie, wo stehen wir?«

»Ich habe bereits im Archiv angerufen. Das Beweismaterial und die Unterlagen sind ab heute Nachmittag verfügbar. Aber wir brauchen vermutlich einen Gabelstapler, um alles hierherzukarren.«

»Ein Teil des Beweismaterials soll direkt ins Labor gehen. Ich habe schon mit Professor Wilkinson darüber gesprochen.«

Rory Wilkinson arbeitete normalerweise in Greenborough, hatte aber fürs Erste beschlossen, ins Leichenschauhaus des County-Krankenhauses umzuziehen, das etwas außerhalb von Saltern lag. Er hatte sofort seine Hilfe angeboten, was Jackman nicht weiter verwunderte. Das ganze Land hatte damals wie gebannt die Suche nach der kleinen Kenya Black verfolgt.

»Ich hatte noch nicht genug Zeit, mir die Berichte näher anzusehen, aber ich habe den Eindruck, dass man den letzten Durchgang des Falles ordentlich verpfuscht hat.« Jackman blätterte durch die Berichte.

Marie nickte. »Das ist leicht möglich, Sir. Damals wurde gewaltig umstrukturiert. Es wurden Zivilisten für Arbeiten an Bord geholt, die besser Polizisten erledigt hätten. Außerdem wurde der Fall schon zum buchstäblich hundertsten Mal aufgerollt. Ich schätze, die Kollegen waren nicht so richtig bei der Sache.«

»Nein, offensichtlich nicht. Aber dieses Mal läuft es anders. Wir werden herausfinden, was mit dem kleinen Mädchen passiert ist, und wenn wir jeden verdammten Penny aus dem überaus großzügigen Budget verprassen, das uns die Superintendentin zur Verfügung gestellt hat. Wir werden Kenya aufspüren – oder zumindest herausfinden, was mit ihr passiert ist.«

»DI Jackman?« Ein uniformierter Beamter trat ein und reichte Jackman ein Memo. »PC Kevin Stoner hat den Mann vom Überwachungsvideo identifiziert. Er glaubt, dass er in der Gegend arbeitet, in der das Mädchen zuletzt gesehen wurde.«

Jackman fasste den Inhalt des Memos für die anderen zusammen: »Asher Leyton. Er ist zwar nicht direkt polizeibekannt, aber er wurde schon einige Male verwarnt, weil er mit dem Auto langsam die Straßen entlangfuhr und offensichtlich auf der Suche nach leichter Beute war.«

»Das bedeutet nichts Gutes, oder?«, meinte Marie.

Nein, dachte Jackman. Mit Sicherheit nicht. Für manche Männer, die Frauen auf offener Straße bedrängten, war es manchmal nur ein kleiner Schritt, sie einfach gegen ihren Willen mitzunehmen.

»Haben wir eine Adresse, Sir?«

»Granary Court in der Norfolk Street. Eine Erdgeschosswohnung mit Garten.«

»Eine noble Gegend für einen Perversen. Granary Court gehört zu den teuersten Ecken in Saltern.« Max klang beinahe ein wenig eifersüchtig.

»Wir sollten wohl mal ein Wörtchen mit Mr Asher Leyton reden, was meinen Sie?«, fragte Jackman an Marie gewandt.

Marie zog den Autoschlüssel aus der Tasche. »Auf jeden Fall. Fahren wir.«

 

Die Wohnungstür wurde von einer zierlichen jungen Blondine mit langem, welligem Haar und perfekt geschminkten Augen geöffnet. Sie trug hautenge Jeans, ein cremefarbenes Oberteil mit Wasserfallausschnitt und einen breiten, nietenbesetzten Ledergürtel. Für Marie war sie das typische Weibchen an der Seite eines erfolgreichen Mannes.

»Asher?« Sie warf einen Blick auf ihre Dienstausweise, und ihre Augen wurden noch größer. »Ach, du meine Güte, Detective Inspector, ich fürchte, der ist leider nicht hier.«

»Wann kommt er denn wieder, Miss?«, fragte Marie.

Die junge Frau lächelte und offenbarte ein zahnärztliches Meisterwerk. »Erst ziemlich spät. Er arbeitet bis etwa zehn.«

Jackman war wie geblendet von den Zähnen und versuchte, nicht zu blinzeln. »Und Sie sind?«, fragte er.

»Lynda. Lynda Cowley. Ich bin Ashers Verlobte.« Ihr Lächeln verblasste. »Es geht ihm doch gut, oder? Er hatte doch keinen Unfall oder so?«

Jackman lächelte beruhigend. »Nein, es ist nichts dergleichen, Miss Cowley. Wir wollen nur mit ihm sprechen. Könnten Sie uns vielleicht die Adresse seines Büros oder die Handynummer geben?«

Die junge Frau wirkte immer noch zutiefst beunruhigt. »Er arbeitet für ein Unternehmen in der George Street. Hanson & Company. Aber er ist heute sicher nicht im Büro. Er hat am Nachmittag eine Besprechung und isst danach mit einem Klienten zu Abend. Ich kann Ihnen natürlich seine Nummer geben, aber er macht sein Handy immer aus, wenn er viel zu tun hat.«

»Wissen Sie, wohin er zum Abendessen gehen wird?« Marie fand die Tatsache, dass der Mann ausgerechnet jetzt nicht zu erreichen war, irgendwie beunruhigend.

Die junge Frau schüttelte langsam den Kopf, und ihre Haare schwangen von einer Seite zur anderen wie bei einer Shampoowerbung. »Das hat er nicht gesagt.«

Abendessen mit einem Klienten, von wegen! Marie dachte an Asher Leytons Angewohnheit, mit dem Auto langsam die Straßen abzufahren. Sie reichte der jungen Frau ihre Karte. »Na gut, Miss Cowley, geben Sie ihm die hier bitte. Er soll uns anrufen, sobald er nach Hause kommt, egal, wie spät es ist.«

»Oder gleich morgen früh. Es ist dringend«, fügte Jackman hinzu.

»Darf ich fragen, worum es geht, Inspector? Asher wird sich sicher Sorgen machen, wenn ich ihm erzähle, dass die Polizei mit ihm sprechen will.«

Ja, das wird er mit Sicherheit, dachte Marie. »Wir müssen mit allen reden, die an einem bestimmten Abend letzte Woche in der Brewer Street waren, das ist alles.«

»Die Brewer Street ist doch gegenüber der George Street, wo Asher arbeitet, nicht wahr?«

Jackman nickte.

Lynda Cowley wirkte ein wenig erleichtert. »Ich werde es ihm ausrichten.«

Auf dem Rückweg zum Auto meinte Marie: »Wie leichtgläubig kann man eigentlich sein?«

»Ich würde sagen, das hier war ein Musterbeispiel.« Jackman schüttelte den Kopf. »Das arme Mädchen.«

»Sie sah aus wie sechzehn. Was glauben Sie, wie alt sie wirklich ist?«

»Eher an die zwanzig, vielleicht sogar älter. Ich glaube, sie ist wie Rosie. Sie sieht viel jünger aus, als sie in Wirklichkeit ist.«

Marie runzelte die Stirn. »Ist der Kerl es wert, bei Hanson & Co vorbeizufahren?«

»Ich habe das Gefühl, dass er nicht dort sein wird, und Lynda hatte recht: Ich habe gerade die Nummer probiert, die sie uns gegeben hat, und das Handy ist aus.« Jackman überlegte. »Wir nutzen die Zeit besser, um ins Büro zurückzufahren und die Ermittlungen ins Rollen zu bringen. Es gibt mehr als genug zu tun.«

»Ich frage mich, ob er uns anrufen wird.« Marie öffnete den Wagen mit der Fernbedienung.

»Das wollen wir hoffen. Sonst stehen wir gleich morgen wieder vor der Tür.«

Kapitel 4

Einige Stunden später hatte sich Dunkelheit über die Fens gelegt, und zwei junge Mädchen in High Heels stolperten den Bürgersteig von Harlan Marsh entlang.

»Bist du dir sicher, dass wir hier richtig sind?« Jasmine raffte sich das dünne Oberteil enger um den knochigen Körper, und ein Schauder durchlief sie.

»Klar«, erwiderte Chloe. »Ich bin Paul letzte Woche gefolgt und habe gesehen, wie er reingegangen ist.«

Die beiden Mädchen betrachteten unsicher das schmiedeeiserne Gitter zu beiden Seiten der Betontreppe. Sie führte zu einer alten Tür, von der bereits die Farbe abblätterte und die ein halbes Stockwerk tiefer im Schatten lag.

»Also heute Abend läuft hier sicher nichts. Gehen wir nach Hause, Chloe! Das hier ist übel. Echt gruselig.« Jasmine war von Anfang an dagegen gewesen, einfach auf einer Party aufzukreuzen, zu der nur Chloes Bruder eingeladen war.

Chloe runzelte die Stirn. »Aber ich habe extra auf seinem Handy nachgesehen. In der Nachricht stand, dass heute die nächste Party steigt. Und ich weiß, dass Paul früher schon mal hier war.«

»Vielleicht wurde sie im letzten Moment abgesagt.« Jasmine trat von einem Fuß auf den anderen. Es war eine bekloppte Idee gewesen. Scheiß auf den Gratisalkohol! Sie mochte den Geschmack sowieso nicht, und wenn ihr Dad davon erfuhr, flippte er völlig aus, und sie bekam den Rest des Jahres Hausarrest.

»Kann ich euch helfen, Ladys?«

Die Stimme klang freundlich, und als Jasmine sich umdrehte, stand sie plötzlich einem Mann gegenüber, der die beiden Mädchen anlächelte. Er hatte kurze, modisch geschnittene Haare, trug trendige Klamotten und hielt einen großen Weinkarton in der Hand.

»Bist du der Typ, der hier die Partys schmeißt?«, fragte Chloe.

Die Augen des Mannes wurden schmal. »Welche Partys?«

Chloe deutete auf den Weinkarton. »Du trinkst die wohl alle allein, was?«

»Kluges Kind.« Er grinste und stellte seine Last ab. »Gehört ihr beide zum Club?«

Jasmine bekam es langsam mit der Angst zu tun und wünschte sich erneut, sie wären zu Hause geblieben.

»Klar«, erwiderte Chloe betont gelangweilt. »Warum sollten wir sonst hier sein? In der Nachricht stand, dass heute was abgeht, also …?«

Der Mann schüttelte den Kopf. »Aber nicht hier. Tut mir leid, wenn ihr da falsch informiert seid. Da ist wohl etwas durcheinandergeraten.«

»Na, toll«, schnaubte Chloe. »Und wo ist die Party dann? Wir wollen nicht die ganze Nacht vor dieser beschissenen Tür rumstehen!«

Der Blick des Mannes wanderte von einem Mädchen zum anderen. »Seltsam, ich habe euch beide noch nie hier gesehen, dabei vergesse ich selten ein Gesicht.«

Jasmine griff nach dem Arm ihrer Freundin. »Komm, Chloe! Lass es gut sein.«

»Auf keinen Fall!« Chloe schob Jasmine von sich und stemmte die Hände in die Hüften. »Die Jungs haben es versaut, Punkt. Wir sind zwar neu, aber deshalb brauchen wir noch lange keine Party zu versäumen. Stimmt’s, Opa?«

Der Mann, der vermutlich kaum älter als dreißig war, legte den Kopf schief und betrachtete sie eingehend. »Wie alt seid ihr?«

»Ich bin siebzehn«, erwiderte Chloe schnell. »Und sie ist sechzehn. Obwohl dich das nichts angeht.«

»Ausweise?«

Ein interessierter und auch ein wenig amüsierter Ausdruck huschte über sein Gesicht, als Chloe ihm erklärte, dass sie ihre Ausweise zu Hause vergessen hatten. Jasmine erschauderte erneut. Sie hasste es, wenn Chloe wegen ihres Alters log. Natürlich sahen sie sehr viel älter aus als vierzehn, aber das hier wurde langsam echt unangenehm. »Tut mir leid, aber ich gehe, Chloe. Mach doch, was du willst!« Sie wandte sich ab.

»Okay, okay.« Der Mann schüttelte grinsend den Kopf. »Ihr habt gewonnen. Heute treffen sie sich in der alten Lagerhalle am Carters Way. Da ist eine seitliche Eingangstür, und …« Er brach ab und seufzte. »Wisst ihr, was, ich muss noch einen Karton holen, dann fahre ich selbst hin. Ich kann euch mitnehmen. Als eine Art Entschuldigung, dass ihr nicht verständigt wurdet.«

»Ja, das ist wohl das Mindeste«, erwiderte Chloe.

Jasmin warf ihr einen entsetzten Blick zu, während der Mann ein paar Türen weiter ging und in einem heruntergekommenen Haus verschwand. »Du kannst doch nicht allein mit ihm fahren, Chloe! Das ist total irre! So etwas machen wir nicht!«

»Dann komm mit! Das wird witzig. Er frisst uns praktisch aus der Hand. Entspann dich, Jasmine. Mein Bruder hält die Partys für das Coolste überhaupt. Echt abgefahren! Gratisgetränke die ganze Nacht, Musik, tanzen, knutschen – alles, was du willst.« Sie senkte die Stimme. »Und ich meine, echt alles. Er weiß nicht, dass ich zugehört habe, aber Paul hat seinem pickeligen Freund Darren erzählt, dass er und seine Freundin es echt getan haben! Ist das zu glauben?«

Jasmine wollte nicht mal daran denken. Bei der Vorstellung, wie Paul seine schmuddelige Freundin an die Wand drückte, wurde ihr übel. Wenn man es »tat«, wie Chloe es ausgedrückt hatte, sollte es etwas Besonderes sein. Jasmine wünschte sich Blumen, Kerzen und ein großes weiches Bett für ihr erstes Mal und kein schmutziges Kellerloch voller betrunkener Teenager.

»Ich fahre auch allein, Jas. Ehrlich.«

»Das kannst du nicht! Was ist, wenn dein Bruder auftaucht? Er bringt dich um, wenn er dich sieht. Außerdem weiß er dann, dass du an seinem Handy warst.«

»Er wird nicht kommen. Er ist bei einem Konzert in Sheffield.« Chloes Blick wanderte die verlassene Straße hinunter, wo gerade eine Tür ins Schloss gefallen war. »Bitte, Jas! Sehen wir es uns doch mal an. Wenn es dir nicht gefällt, gehen wir gleich wieder, versprochen.« Der Mann kam auf sie zu. »Und der dort ist sicher harmlos. Das merkt man doch schon, wenn man ihn nur ansieht.«

Zwei Minuten später folgte Jasmine Chloe widerwillig auf den Rücksitz des Autos. Ihr war klar, dass sie gerade einen riesigen Fehler beging, aber sie konnte ihre Freundin unter keinen Umständen allein mit dem Kerl losfahren lassen.

 

Es war beinahe neun Uhr abends, als Marie endlich nach Hause kam. Sie war müde, aber auch sehr zufrieden mit der Arbeit, die sie heute noch hatten erledigen können. Sie wussten alle, dass es morgen früh sofort rundgehen würde, wenn sie die Dienststelle betraten, deshalb mussten sie vorher schon etwas von der Grundlagenarbeit abhaken.

Marie holte ein Fertiggericht aus dem Kühlschrank und goss sich ein Glas kühlen Roséwein ein. Sie wollte gerade den Teller in die Mikrowelle stellen, als das Telefon klingelte.

»Marie?«

Sie lächelte in sich hinein. Warum klang ihre Mutter immer so überrascht, wenn sie abhob? »Nachdem ich allein wohne und die Katze meines Wissens nicht ans Telefon geht, muss ich es wohl sein, Mum.«

Wohlklingendes Lachen drang aus dem Hörer. »Ich wollte nur sichergehen, Schatz.«

Marie liebte den sanften, melodiösen Waliser Akzent ihrer Mutter. Er hatte sie als Kind immer beruhigt, und in schwierigen Zeiten schaffte er es auch jetzt noch. »Wie geht es dir, Mum?«

»Viel wichtiger ist doch, wie es dir geht! Ich musste heute den ganzen Tag an dich denken, Marie. Steckt ihr gerade in einem großen Fall?«

Man nannte Rhiannon Roberts nicht umsonst die »Walisische Hexe«. »Seltsam, dass du fragst, Mum. Wir stehen gerade am Anfang einer Sache, die wahrscheinlich ziemlich schwierig werden wird.«

»Du weißt ja, wo du mich findest, wenn du darüber reden willst.«

Marie nippte an ihrem Wein. »Danke. In den nächsten Wochen komme ich sicher noch mal darauf zurück, also wappne dich!«

»Das klingt nach einem wirklich großen Fall.«

»Ja, er ist gewaltig und wird bestimmt einige öffentliche Aufmerksamkeit bekommen, also behalte die Zeitungen im Auge. Du könntest durchaus auf den Namen deiner Tochter stoßen.«

»Ich verspreche dir, dass ich nicht alles glaube, was geschrieben wird.« Ihre Mum lachte erneut, und Marie wurde von einer tiefen Sehnsucht gepackt. Hätte ihre Mutter nur nicht so weit weg im tiefsten Wales gewohnt!

»Wann kommst du wieder mal vorbei? Das Gästezimmer steht jederzeit bereit.«

»Ich komme sofort, wenn du mich wirklich brauchst, das weißt du doch.«

Marie verstand. Es gab noch andere, die sich auf ihre Mutter verließen. In Rhias Haus waren alle willkommen, die einen Rückzugsort suchten, etwas zu essen brauchten oder sonst irgendwie Hilfe benötigten. Außerdem half sie in der Schule aus und brachte Medikamente zu gebrechlichen Nachbarn, die nicht mehr selbst zum Arzt gehen konnten. Kurz gesagt, war sie ein Engel in Strickjacke, wallenden Röcken und Doc Martens.

Ihre Mum war einzigartig, und Marie liebte sie sehr. Nachdem Maries Mann Bill bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen war, hatte Rhia sie wieder aufgerichtet und ihrer Tochter durch die schlimmste Zeit ihres Lebens geholfen, und diese war gestärkt daraus hervorgegangen.

Sie unterhielten sich noch ein paar Minuten, und am Ende versprach Marie, am nächsten Abend wieder anzurufen.

»Pass auf dich auf, Marie. Ich spüre, dass du in den nächsten Wochen gewaltig unter Druck stehen wirst. Iss gesund und schlafe, so viel du kannst. Müde Polizisten sind gefährliche Polizisten.«

»Du klingst wie Jackman. Das ist einer seiner Lieblingssprüche.«

»Dann ist er ein vernünftiger Mann. Du solltest auf ihn hören. Und, Marie? Ich bin immer für dich da, wenn du mich brauchst, das weißt du doch, oder?«

»Ja, klar. Ich habe dich lieb. Schlaf gut.«

»Und träum süß.«

Marie legte den Hörer auf die Gabel. Ihre Mutter hatte tatsächlich eine Art sechsten Sinn bei ihrer Tochter. Als Jugendliche hatte Marie es nie geschafft, ihr etwas vorzulügen oder ein Geheimnis vor ihr zu haben – ihre Mutter war jedes Mal dahintergekommen. Und wenn sie etwas bedrückte, rief Rhiannon sie in neun von zehn Fällen noch am selben Tag an.

Sie stellte das Essen in die Mikrowelle und dachte, dass ihre Mum ihr persönlicher Schutzengel war, der über sie wachte. Und in ihrem Job war das nicht das Schlechteste.

 

Jackman brauchte ein wenig länger als Marie, um nach Hause in seine umgebaute Mühle namens Mill Corner zu kommen. Das Dörfchen hieß Cartoft und befand sich eine etwa fünfzehnminütige Autofahrt von der Dienststelle entfernt. Er versperrte den Wagen und machte sich mit mehreren Aktenordnern beladen auf den Weg zu seinem Zuhause. Als er die Tür öffnete, stieg ihm ein köstlicher Duft in die Nase. Er legte die Unterlagen auf dem Küchentisch ab und griff nach dem kleinen Zettel, den ihm Mrs Maynard dagelassen hatte.

Mr Jackman, auf dem Herd steht ein Eintopf, und Mr M. lässt ausrichten, dass morgen der Kanaldienst kommt. Er kümmert sich darum.

Hetty

 

Jackman lächelte und fragte sich, was er ohne das alte Ehepaar machen würde, das sich regelmäßig um ihn »kümmerte«.

Als Erstes stellte er einen Scheck für den Kanaldienst aus, der morgen die Abortgrube leeren würde. Cartoft war nicht ans Abwassernetz angeschlossen, daher hatte man alle zwei bis drei Jahre dieses zweifelhafte Vergnügen. Noch ein Grund mehr, den Maynards dankbar zu sein.

Er nahm sich eine große Schüssel Rindereintopf, machte das Radio an, setzte sich an den alten Kieferntisch und warf einen Blick auf die mitgebrachten Unterlagen. Sie konnten warten, bis er fertig gegessen hatte.

Die nächsten fünfzehn Minuten genoss Jackman sein Abendessen und hörte klassische Musik, bis die Anziehungskraft der Akten zu groß wurde. Er wusch die Schüssel aus und stellte sie in die Spülmaschine, bevor er zum Tisch zurückkehrte und die erste Mappe öffnete.

Es war eine deprimierende Lektüre. Kenyas Mutter, Grace Black, hatte unermüdlich versucht, das öffentliche Interesse am Verschwinden ihrer Tochter so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Jedes Mal, wenn es verebbt war, hatte sie einen neuen Weg gefunden, um Gehör zu finden, doch im Lauf von beinahe zehn Jahren hatte es keine neuen Erkenntnisse gegeben. Jackman war klar, dass sie einer sehr schwierigen Aufgabe gegenüberstanden, aber er war fest entschlossen, sie zu meistern. Grace Black hatte das Recht auf jemanden, der an ihrer Seite kämpfte, und sein Team konnte der verzweifelten Mutter mithilfe eines aufgestockten Budgets und modernerer Technologien vielleicht neue Hoffnung geben. Oder den Fall endlich abschließen. Jackman erschauderte. Er konnte nur erahnen, welchen Qualen Grace Black ausgesetzt war. Sie wusste nicht, ob ihr Kind tot oder noch am Leben war. Hatte Kenya Schmerzen gelitten, bevor sie starb? Und falls sie tatsächlich noch lebte, was machte sie durch? Die schrecklichen Bilder, die sie Tag und Nacht heimsuchen mussten, waren kaum vorstellbar.

Jackman erhob sich abrupt, um Kaffee zu kochen. Er stellte den Wasserkessel auf den Herd und löffelte das starke schwarze Pulver in die Stempelkanne. Er brauchte ordentlich Koffein, wenn er noch mehr herzzerreißende Berichte lesen wollte. Morgen würde er Grace aufsuchen und ihr erklären, dass er Himmel und Hölle in Bewegung setzen würde, um ihr Gewissheit über ihre wunderhübsche Tochter zu verschaffen.

Genau, wie er es auch Liz Kelly versprochen hatte:

»Liz, wir werden herausfinden, was mit Shauna passiert ist, und wenn jemand an ihrem Tod Schuld hat, dann bringen wir ihn vor Gericht. Sie haben mein Wort, dass wir nicht ruhen werden, bis wir Antworten für Sie haben.« Liz hatte nichts darauf erwidert, aber das hatte er auch nicht erwartet. Die arme Frau ging gerade durch die Hölle, und nichts, was er sagte, konnte den Schmerz auch nur ansatzweise lindern.

»Wir leben in einer echt beschissenen Welt«, murmelte er, als der Kessel zu pfeifen begann. Doch dann dachte er an sein Team aus engagierten Polizisten, die fest entschlossen waren, etwas zu verbessern.

»Nein, die Welt selbst ist nicht so. Es leben nur einige echt beschissene Leute in ihr«, erklärte er leise.

Kapitel 5

Als Marie am nächsten Morgen zur Arbeit fuhr, bewunderte sie das herrliche Farbenspiel. Über dem flachen Farmland hing Nebel, und der Himmel war von einem dunklen Grau, über das die letzten nächtlichen Wolken zogen und das bereits von einem breiten Streifen in flammendem Orange durchbrochen wurde, aus dem sich der purpurrote Strahlenkranz der aufgehenden Sonne erhob.

Die Bedenken, die sie am Abend zuvor wegen Kenya Black verspürt hatte, waren inzwischen verschwunden, und im Fall Shauna Kelly würden sie heute die Ergebnisse der Gerichtsmedizin bekommen. Anschließend konnten sie endlich das weitere Vorgehen planen, und sie freute sich tatsächlich schon auf den Besuch bei dem Kerl, der so gerne vom Auto aus Frauen auflauerte. Außerdem wollte sie sich die Stelle ansehen, an der Shauna vermutlich ins Wasser gefallen war.

An der letzten Kreuzung vor der Stadteinfahrt musste sie anhalten, bis ein Traktor mit einem Anhänger voller Brokkoli vorbeigefahren war, und sie betete währenddessen leise, dass Shaunas Tod ein tragischer Unfall und kein Vorbote für zukünftiges Unheil gewesen war.

Als sie schließlich auf den Polizeiparkplatz bog, hatte sich ein Teil der gestrigen Anspannung erneut in ihr breitgemacht.

Jackman hatte kaum den Ermittlungsraum betreten, als jemand seinen Namen rief. Die harsche Stimme gehörte der Sekretärin von Superintendentin Crooke. »Sir, könnten Sie bitte mitkommen? Jetzt gleich.«

Ruth Crooke wartete vor ihrem Büro auf ihn.

»Hören Sie«, sagte sie eindringlich. »Ich weiß, dass Ihnen das, was mein Besucher Ihnen mitzuteilen hat, sicher nicht gefallen wird, aber ich bitte Sie trotzdem, sich einfach zu fügen. Und denken Sie immer daran: Bei Ihren derzeitigen Fällen geht es um ein vermisstes Mädchen und ein totes Mädchen. Nicht vergessen!« Sie wandte sich ab, ohne seine Antwort abzuwarten, und marschierte in ihr Büro.

Am Fenster stand ein Mann mit gestrafften Schultern in der Uniform eines Chief Superintendenten. Jackman erkannte ihn sofort. James Cade war der Leiter der benachbarten Dienststelle und hatte den Ruf, ein schleimiger Mistkerl zu sein, mit dem man sich besser nicht anlegte, wenn einem etwas an der eigenen Karriere lag.

»James, das ist Detective Inspector Rowan Jackman.«

Die Superintendentin lächelte angespannt und wandte sich wieder an Jackman. »Chief Superintendent Cade hat ein Problem in Harlan Marsh. Eine junge Frau ist verschwunden, und seine beiden Teams sind mit anderen schweren Verbrechen beschäftigt. Er braucht also unsere Hilfe. Oder besser gesagt: Ihre Hilfe.«

Jackman wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Erst gestern hatte er den Auftrag bekommen, sich um einen Fall von höchster Priorität zu kümmern, bevor die Sache zum Problem für die ganze Dienststelle wurde, obwohl er daneben auch noch Shauna Kellys Todesumstände klären musste. Und jetzt bat man ihn tatsächlich, beide Fälle zurückzustellen, um einem anderen Revier zu helfen, weil dort zu viel Arbeit anfiel?

Er war sprachlos, doch er riss sich zusammen und antwortete: »Tut mir leid, Ma’am, aber wie Sie wissen, habe ich auch nicht gerade wenig um die Ohren. Sie müssen ein anderes Team dafür abstellen. Für eine solche Untersuchung hat DI Feltham sicher genug Leute.«

Cade unterbrach ihn. »Es wäre mir aber sehr recht, wenn Sie mir einen Teil Ihrer kostbaren Zeit opfern würden, DI Jackman«, zischte er und klang beinahe wie eine Schlange.

Jackman wandte sich Hilfe suchend an Crooke: »Ma’am? Was ist mit dem Fall von allerhöchster Priorität?«

»Ich würde vorschlagen, Sie setzen erst einmal Ihr Team darauf an, um die Sache ins Rollen zu bringen. Es gibt sicher eine Menge Grundlagenarbeit.«

»Und Shauna Kelly?«

»Dasselbe. Sie warten doch noch immer auf den Bericht der Gerichtsmedizin und wissen nicht, ob es ein Unfall war oder Fremdverschulden anzunehmen ist, oder? Überlassen Sie auch hier die Vorbereitungen lieber Ihrem Team. Dann können Sie und DS Evans nach Harlan Marsh hinausfahren und sich ein Bild machen.«

Ende der Leseprobe