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Am Ostersonntag verbreitet sich die Nachricht wie ein Lauffeuer im Dorf: Janice Heckler ist tot in der Greve gefunden worden, halbnackt und offensichtlich ertränkt. Auf den Täter einigt man sich in Garsdorf schnell: der Nachbar. Alex Junggeburt – als Kind noch von allen bedauert, als Jugendlicher gefürchtet, als Erwachsener verteufelt. Sechs Jahre später kommt Alex frühzeitig aus der Haft frei. Sein erster Weg führt ihn zurück an den Ort des Geschehens – in sein Elternhaus. Kaum jemand im Dorf ist darüber glücklich: Die einen fürchten seine Rache, die anderen weitere Gewalttaten. Wenig später wird die Leiche von Heike Jentsch gefunden ...
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Am Ostersonntag verbreitet sich die Nachricht wie ein Lauffeuer im Dorf: Janice Heckler ist tot in der Greve gefunden worden, halbnackt und offensichtlich ertränkt. Auf den Täter einigt man sich in Garsdorf schnell: der Nachbar. Alex Junggeburt – als Kind noch von allen bedauert, als Jugendlicher gefürchtet, als Erwachsener verteufelt.
Sechs Jahre später kommt Alex frühzeitig aus der Haft frei. Sein erster Weg führt ihn zurück an den Ort des Geschehens – in sein Elternhaus. Kaum jemand im Dorf ist darüber glücklich: Die einen fürchten seine Rache, die anderen weitere Gewalttaten. Wenig später wird die Leiche von Heike Jentsch gefunden ...
eBook-Ausgabe Februar 2026
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Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive
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eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (fe)
ISBN 978-3-69076-126-0
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Petra Hammesfahr
Psycho-Spannung
Es war achtundzwanzig Jahre her, doch der Anblick, der sich ihr damals geboten hatte, stand Franziska Welter wieder deutlich vor Augen, als sie ihren Urenkel in dem alten Buggy zum Grab ihrer ersten Tochter schob.
Frühmorgens hatte dichter Nebel das Dorf eingehüllt und der Frost jeden Schritt ins Freie zu einem riskanten Unternehmen gemacht. Im Laufe des Vormittags war es aufgeklart und überall gestreut worden. Die Mittagssonne löste den Nebel endgültig auf, hatte jedoch nicht die Kraft, ihn völlig zu vertreiben. Sieben Grad minus bannten die weißen Schwaden und verwandelten sie in filigrane Gebilde.
Überall Raureif. Es war kein Vergleich mit dem Schnee, der auch Straßen und Hausdächer bedeckte, aber nur obenauf lag. Die dünne Eisschicht umschloss sogar das kahle Geäst der Baumkronen vollständig. Jeder Grashalm, jeder noch so kümmerliche Zweig an den Sträuchern und jedes Pflänzchen auf den Gräbern war von einer Kristallkruste überzogen. Überall glitzerte und funkelte es im blendend grellen Sonnenlicht, als habe der Himmel den Friedhof mit Diamantensplittern bestreut.
Das war der Rahmen, vielmehr der Hintergrund für die beiden Gestalten, die Franziskas Aufmerksamkeit erregten, ihr die Brust eng und den eigenen Herzschlag so dramatisch bewusst machten.
Sie stand gebückt vor dem ältesten der sieben Gräber in der sogenannten Kinderecke, in der die Kleinen beigesetzt wurden. Keine der Grabstätten war länger als einen Meter zwanzig. Größere Kinder wurden seit Jahr und Tag bei den Erwachsenen bestattet. Doch das war, solange Franziska zurückdenken konnte, erst zweimal notwendig gewesen. Wenn die Kinder eine bestimmte Größe erreicht hatten, konnten sie dem Tod offenbar besser die Stirn bieten, liefen nur noch Gefahr, durch Unfälle oder sonst wie gewaltsam ums Leben zu kommen.
In der Nacht hatte der Wind irgendwo zwei verdorrte Blätter vom Herbstlaub aufgespürt und herübergeweht. Franziska zupfte sie aus einem Büschel winterharter Erika und äugte über die kniehohe Buchsbaumhecke, die das Karree von den anderen Grabreihen abgrenzte, zur letzten Ruhestätte der Familie Schopf hinüber.
Vor dem mit Granit eingefassten Eckgrab mit dem pompösen Stein am Kopfende standen Helene Junggeburt, geborene Schopf, und ihr jüngstes Kind, beide wie in ein stilles Gebet versunken. Für Helene mochte das zutreffen. Sie trug Schwarz: Schuhe, Hose, Mantel, Handschuhe und einen Hut mit Schleier, der ihr Gesicht verbarg, sodass Franziska nicht sehen konnte, ob sich ihre Lippen in einem inbrünstigen Zwiegespräch mit Gott oder den Lieben in der Erde bewegten. Oder ob sie nur so dastand und die Namen auf dem Stein betrachtete.
Das Kind hatte eine rosafarbene Plüschmütze über Kopf und Ohren gezogen, unter der im Nacken ein dunkler Zopf hervorquoll. Am Ende wurde er von einer Spange in Schmetterlingsform zusammengehalten. Vor der Brust baumelten die dicken Bommel der Bänder, mit denen die Mütze unter dem Kinn gebunden war. Eine Jacke aus demselben Plüschmaterial schützte den Oberkörper vor der Kälte. Die kleinen Hände steckten in lustig bunten Fäustlingen, die Füße in weißen, pelzbesetzten Stiefelchen, die sicherlich dick gefüttert waren. An den Beinchen dagegen trug das Kind nur weiße Strickstrumpfhosen und darüber ein kurzes Röckchen aus weißer Wolle mit einer gezackten rosafarbenen Borte am Saum.
Franziska fragte sich flüchtig, ob die Strumpfhosen wohl warm genug hielten. Ihr entging nicht, wie das Kind ständig sein Gewicht verlagerte, von einem Füßchen aufs andere trat. Vielleicht fror es beim Stillstehen. Vielleicht wurde ihm aber auch nur langweilig. Sein Verhalten sprach für Letzteres.
Es war ein ausnehmend hübsches Geschöpf, dessen Gesicht als Vorlage für die Bilderbuchzeichnung einer kleinen Prinzessin hätte dienen können. Allein diese Augen. Als das Kind verstohlen zu ihr hinüberblickte und sie anlächelte, überlief Franziska ein kalter Schauer. Große Augen, wie alle kleinen Kinder sie haben. Doch diese waren von einem so intensiven Blau, wie Franziska es bisher nur bei zwei Menschen gesehen hatte, bei Helenes älterem Bruder und bei Helenes Tochter. Es waren Augen, die von innen heraus zu leuchten schienen, weil die Iris von unzähligen hauchfeinen, hellgrauen, strahlenförmig angeordneten Linien durchbrochen war.
Als Franziska das Lächeln erwiderte, wandte das Kind sich wieder dem Grab zu und begann, mit seinem Atem zu spielen. Es ließ ihn kontrolliert in wohldosierten Wölkchen davonschweben, versuchte offenbar, bestimmte Formen wie Rauchringe zu schaffen. Als ihm das nicht gelang, ließen die aneinandergelegten Händchen die vor der Brust baumelnden Bommel der Mützenbänder hin und her schwingen. Und so weit war es mit Helenes Versunkenheit nicht, dass ihr das entgangen wäre. »Lass das, Alexa«, hörte Franziska sie tadeln.
»Wann darf ich denn das Licht anmachen, Mami?«, erkundigte sich die helle Kinderstimme.
»Sofort«, erbarmte sich Helene, zog dem Kind die Fäustlinge aus und ein Grablicht nebst einer Schachtel Zündhölzer aus ihrer Manteltasche. Das Licht hielt sie fest, die Schachtel reichte sie dem Kind, das sich mit wahrem Feuereifer daranmachte, Zündhölzer anzureißen und an den Docht zu halten.
Das engelsgleiche Kindergesicht war angespannt vor Konzentration. Bei jedem neuen Zündholz, das die kleinen Finger über die Reibefläche führten, erschien kurz eine winzige Zungenspitze zwischen den prallen Lippen. Es war windstill, trotzdem erloschen die ersten vier Flammen, ehe sie den Docht erreichten.
»Nicht so hastig, Schatz«, mahnte Helene und bot dann an: »Soll ich es machen?«
Das Kind nickte, überließ seiner Mutter die Schachtel, hockte sich neben die graue Grabeinfassung und öffnete das Türchen einer Grableuchte. Dabei rutschte der dicke Zopf vom Rücken auf die Brust. Das Kind warf ihn mit einer raschen Handbewegung wieder nach hinten. Die Bommel der langen Mützenbänder flogen mit. Und das Strickröckchen bauschte sich um die weiß bestrumpften Beine. Wirklich ein zauberhafter Anblick.
Einerseits so schön, dass man das Bild in Märchenbücher hätte zeichnen mögen, andererseits so beklemmend, dass es Franziska die Luft abschnürte.
Es ging am Ostersonntag wie ein Lauffeuer durchs Dorf, dass der halbnackte Körper von Janice Heckler in der Greve entdeckt worden war, ausgerechnet von der eigenen Mutter. Frau Heckler hatte ihre Tochter noch gar nicht vermisst, war am vergangenen Abend mit ihrem Mann bei Bekannten im Dorf gewesen und erst spät in der Nacht zurückgekommen.
Gegen neun Uhr morgens zog sie den Rollladen vor dem Schlafzimmerfenster hoch und ließ wie immer den Blick über den Garten und das dahinter verlaufende Flüsschen wandern. Janice lag nur dreißig Meter von ihrem Elternhaus entfernt mit dem Gesicht nach unten im Wasser.
Dass Frau Heckler am Fenster zusammenbrach und ihren Mann mit ihrem Schrei des Entsetzens aus dem Schlaf riss, ist reine Spekulation. Es ist eher anzunehmen, dass ihn das Hochziehen des Rollladens schon vorher geweckt hatte.
Auch dass die Polizei bereits um die Mittagszeit einen konkreten Verdacht hatte und den mutmaßlichen Täter kurz darauf zum ersten Mal verhörte, entspricht nicht den Tatsachen. Um die Mittagszeit stand noch nicht einmal fest, dass man es mit einem Tötungsdelikt zu tun hatte.
Der Arzt, der die Leiche am Fundort begutachtete, hatte keine Erfahrungen auf dem Gebiet der Forensik. Im Auftrag der Polizei entnahm er normalerweise nur Blutproben. Er stellte lediglich fest, dass Janice seit etlichen Stunden tot war und eine Prellung am Hinterkopf hatte, höchstwahrscheinlich hervorgerufen durch einen der zahlreichen Steine im Flussbett.
Das hätte bei einem Sturz passiert sein können, wenn Janice mit nacktem Unterleib und ohne Schuhe auf dem schmalen Uferstreifen abgerutscht und mit dem Hinterkopf aufgeschlagen wäre. Dann wäre sie aber kaum mit dem Gesicht ins Wasser geraten.
Erst dienstags entdeckte ein Rechtsmediziner bei der Obduktion neben Schrammen an den Beinen, die sowohl von Steinen als auch von Fingernägeln stammen konnten, Quetschungen im Nacken, die zweifelsfrei von einer Hand verursacht worden waren.
Zu dem Zeitpunkt gab es auch einen Verdächtigen, den Spross einer einflussreichen Familie. Der jüngste Sohn von Helene Junggeburt war durch Zeugenaussagen in den Fokus der Ermittlungen geraten und hatte bereits ein Leben auf dem Gewissen. Dafür war er nicht zur Rechenschaft gezogen worden, was in diesem Zusammenhang keine Rolle spielte. Es hieß allgemein, das sei ein Unfall gewesen.
Ihm im Fall Heckler einen Mord oder zumindest Totschlag nachzuweisen, schien für Polizei und Staatsanwaltschaft in den ersten Tagen nahezu unmöglich. Weil der Körper stundenlang im Wasser gelegen hatte, wurden keine verwertbaren DNA-Spuren gefunden. Mit anderen Sachbeweisen sah es genauso düster aus.
Es gab zwar die ihn belastenden Zeugenaussagen, doch unmittelbare Tatzeugen gab es nach ersten Erkenntnissen nicht. Und von einem Geständnis war der Verdächtige meilenweit entfernt. Er erklärte in jedem Verhör stereotyp, er sei betrunken gewesen und könne sich an nichts erinnern.
Seine Familie hatte ihm umgehend eine Rechtsanwältin mit einem gewissen Ruf beschafft. Frau Doktor Greta Brand war in Fachkreisen dafür bekannt, dass sie ein besonderes Faible für attraktive, aber total verkorkste Typen hatte. Beides traf auf den Verdächtigen zu. Das sprach zwar noch nicht für Greta Brands Qualifikation als Anwältin, doch sie galt als Koryphäe in Sachen Strafverteidigung, besonders in schwierigen Fällen. Und diesem Ruf machte sie alle Ehre. Egal, was Polizei und Staatsanwalt an Zeugen aufboten, um ihre Theorie zu untermauern, Greta Brand pflückte es auseinander. Es fehlte nicht viel, dann wäre es gar nicht erst zur Anklageerhebung gekommen.
Aber dann, sozusagen auf den letzten Drücker, korrigierte eine Frau ihre zuvor gemachte Aussage zur fraglichen Nacht. So kam es doch noch zum Prozess und einer Verurteilung. Lächerliche neun Jahre! Weil Greta Brand die Volltrunkenheit ihres Mandanten nun als mildernden Umstand anführte und damit durchkam.
Viele Garsdorfer empfanden das als Schande für das Rechtssystem und einen Schlag ins Gesicht der Familie Heckler. Nicht wenige vertraten die Ansicht, man hätte Helene Junggeburt, wäre die nicht kurz nach der Festnahme ihres jüngsten Sohnes verstorben, neben ihn auf die Anklagebank setzen sollen. Wer hatte ihn denn zu dem gemacht, was er war? Helene, diese durchgeknallte Person, die man eigentlich unmittelbar nach seiner Geburt in die Klapsmühle hätte stecken müssen.
So einfach wie für den Großteil der Garsdorfer Bevölkerung war es für Franziska Welter nicht. Sie war mit Helene zur Schule gegangen und mit den Schicksalsschlägen, die das Leben dieser Frau zugemutet hatte, ebenso vertraut wie mit denen, die sie selbst hatte einstecken müssen.
Nach der Schulzeit hatte sie einige Jahre für Helenes Eltern gearbeitet. Der Familie gehörte die Brauerei Schopf. Die stand damals am Stadtrand von Grevingen und beschäftigte auch junge Mädchen und Frauen. Ein Großteil der arbeitsfähigen Männer war im Zweiten Weltkrieg gefallen oder in Gefangenschaft geraten wie Helenes älterer Bruder, an dem sie mit ganzem Herzen hing.
Als die Überlebenden Jahre später zurück in die Heimat kamen, wurde die Belegschaft der Brauerei nach und nach ausgetauscht. Die Frauen mussten sehen, dass sie anderswo Arbeit fanden. Franziska war davon nicht betroffen, weil sie im Haushalt beschäftigt war. Die Villa Schopf stand am Ende der Breitegasse am südlichen Ortsrand von Garsdorf. Ein schönes Anwesen mit einem riesigen Garten, hinter dem die Greve vorbeifloss.
Helene bestickte Deckchen und Kissen, spielte Klavier und schrieb lange Briefe an ihren Bruder, von dem niemand wusste, ob er noch am Leben oder schon vor Jahren irgendwo in Sibirien verscharrt worden war. Franziska schrubbte derweil Fußböden und wusch die Wäsche. Große Teile wurden anschließend zum Trocknen auf der sogenannten Bleiche ausgebreitet.
Auf dieser Rasenfläche hinter dem Haus wendete Franziska mit Hilfe der Kochfrau Laken und Bettbezüge, als Heinrich Junggeburt die Nachricht überbrachte, Helenes Bruder sei kurz nach Kriegsende in russischer Gefangenschaft verstorben. Das wusste Heinrich, weil er angeblich im selben sibirischen Lager gewesen war.
Helenes Schreie klangen Franziska noch Stunden später in den Ohren. Wäre sie im Haus gewesen, hätte Helene sich wohl in die Greve gestürzt, als sie völlig von Sinnen ins Freie gerannt kam. Auch wenn man das Flüsschen die meiste Zeit durchwaten konnte und oft genug nicht mal nasse Knie bekam, war die Greve wegen der Steine im Flussbett tückisch. Franziska fing Helene auf, wiegte sie in den Armen und murmelte unsinnige Trostworte, die von den ebenso sinnlosen Schreien übertönt wurden.
Heinrich Junggeburt blieb – erst einmal auf Einladung des alten Schopfs. Der hatte eine praktische Ader und blickte den Tatsachen ins Auge. Irgendwer musste in der Lage sein, die Brauerei weiterzuführen, wenn er das nicht mehr tun konnte. Und wenn der Sohn nicht mehr unter den Lebenden weilte … Helene konnte wunderschön sticken und Klavier spielen. Sie hatte auch eine lyrische Ader. Die Briefe, die sie ihrem Bruder geschickt hatte, waren überwiegend in Reimform verfasst. Von Hopfen und Malz dagegen hatte Helene keine Ahnung.
Heinrich brachte einige dieser Briefe mit zurück. Er war fast achtzehn Jahre älter als Helene, aber rein äußerlich ein Typ, an den junge Frauen schnell ihr Herz verloren. Er war groß und schlank, körperlich unversehrt, seine Gesichtszüge konnte man als klassisch bezeichnen. Wenn er Helene anschaute mit diesem nachdenklich verträumt wirkenden Blick, sah das aus, als stelle er sich vor, sie langsam auszuziehen und in Ekstase zu versetzen.
Deshalb verwunderte es nicht, dass er Helene bald zu der Annahme verleitete, er könne sie glücklich machen. Allein auf die Verkupplungsbemühungen ihres Vaters war das nicht zurückzuführen. Zwei Jahre nachdem Heinrich als Todesbote in die Villa Schopf gekommen war, fand die Hochzeit statt.
Zu der Zeit war auch Franziska schon in festen Händen. Beim Schützenfest im Frühjahr hatte sie Gottfried Welter kennengelernt und sich Hals über Kopf in ihn verliebt. Schon beim zweiten Rendezvous erklärte Gottfried, er würde gerne Tisch und Bett mit ihr teilen, auf eine Heirat brauche sie allerdings nicht zu spekulieren.
Obwohl eine wilde Ehe nicht unbedingt das war, was Franziska für ihre Zukunft vorschwebte, musste sie nicht lange über sein Angebot nachdenken. Sie war die älteste von vier Töchtern, zwölf Jahre älter als die jüngste. Ihre Mutter war noch nie ein Putzteufel gewesen und am Herd auch nicht sonderlich begabt. Ihr Vater war nach dem Verlust seines rechten Unterarms beim Polenfeldzug zum Tyrannen geworden und trug seine Kriegsversehrtenrente lieber in die Kneipe, statt sein Scherflein zum Haushalt beizusteuern. Franziska hatte daheim nicht nur ihren gesamten Lohn abzugeben. Wenn sie bei Schopfs Feierabend hatte, wartete auch noch ein Berg Arbeit auf sie. Weil sie nun mal diejenige war, die es bei feinen Leuten gelernt hatte und somit am besten waschen, putzen, bügeln und auch kochen konnte.
Da war es bei Gottfrieds Eltern angenehmer und bequemer für sie. Die hatten auch nichts dagegen, dass Gottfried sie ins Haus holte. Aber auch wenn sie Einwände erhoben hätten, Gottfried hätte sich kaum darum gekümmert.
Gottfried ließ sich von keinem etwas sagen, der älter war als er. Es waren schließlich die Älteren gewesen, die lautstark ja gebrüllt und gejubelt hatten, als ihnen der totale Krieg in Aussicht gestellt wurde. Die hatten in seinen Augen das Recht verwirkt, das Maul aufzureißen. Seine Generation konnte jetzt zusehen, wie sie das halbe Land wieder zu einer Nation machte, auf die man stolz sein konnte. Gottfried war ein Rebell und Franziska sehr glücklich mit ihm. Noch glücklicher wäre sie nur mit einem Trauring am Finger gewesen.
Genau ein Jahr nach der Hochzeit brachte Helene ihren ersten Sohn zur Welt und nannte ihn Albert, nach ihrem Bruder. Im Sommer wurde sie zum zweiten Mal schwanger, fast zeitgleich mit Franziska, die nun doch einen schlichten Goldring an den Finger gesteckt bekam, allerdings nur auf dem Standesamt, auf den Segen der Kirche musste Franziska verzichten. Da mochte der Pfarrer noch so oft vorbeikommen und Gottfried Vorträge über die Konsequenzen eines sündigen Lebens halten.
»Uns gefällt diese Art von Sünde, Hochwürden«, antwortete Gottfried jedes Mal. »Dabei kommt wenigstens keiner zu Schaden.« Und das sündige Leben gefiel ihm umso besser, weil er während der Schwangerschaft nicht aufpassen musste.
Für Helene fand die Liebe mit der zweiten Schwangerschaft ein abruptes Ende. Heinrich zog aus dem gemeinsamen Schlafzimmer aus und nie wieder ein. Zuerst hieß es, er wolle seine ruhebedürftige Gattin nicht stören. Er neige zu lebhaften Träumen, würde häufig im Schlaf reden, manchmal sogar schreien. Nach der Geburt einer Tochter war es dann umgekehrt.
Da nannte Helene ihn bereits den eisernen Heinrich.
Er wollte nicht um seine Nachtruhe gebracht werden, wenn Helene zum Stillen und Windelnwechseln aufstand. Den kleinen Albert und das Töchterchen, das auf den Namen Alexandra getauft und Alexa gerufen wurde, versorgte sie selbst, sonst hatte sie nichts zu tun.
Für die Brauerei war Heinrich bares Geld, als Ehemann konnte man ihn in der Pfeife rauchen. Er ging höflich und zuvorkommend mit Helene um, führte sie einmal im Monat aus und half ihr bei der Gelegenheit in den Mantel, hielt ihr die Autotür auf und reichte ihr Feuer, wenn sie ihr Zigarettenetui zückte.
Es gab nie ein lautes Wort, allerdings auch kein zärtliches mehr. Heinrich glaubte offenbar, mit zwei Kindern seine eheliche Pflicht voll und ganz erfüllt zu haben. Immerhin hatte er der Brauerei einen männlichen Erben und seiner Gattin eine Ablenkung für einsame Stunden geschenkt.
Alexa war ein liebes Kind. Das sagten noch Jahre später alle, die sie gekannt hatten. Dass Albert früher ebenso lieb gewesen war wie seine Schwester, wurde nicht mehr erwähnt. Albert wurde auch schnell zum Ebenbild seines Vaters, nicht nur äußerlich.
»Wo wir ein Herz haben, Franziska«, sagte Helene einmal, »hat mein Sohn einen Rechenschieber. Er ist genau wie Heinrich.«
Alexa dagegen kam ganz nach ihrer Mutter. Schon mit zehn Jahren spielte sie recht passabel Klavier, schrieb mit vierzehn ein Gedicht, das in der Wochenendbeilage der regionalen Tageszeitung abgedruckt wurde. Das Mädchen war Helenes Ein und Alles.
Leider infizierte Alexa sich kurz vor ihrem achtzehnten Geburtstag mit Meningokokken, Pneumokokken, Streptokokken oder Staphylokokken, so genau brachte Franziska das nie in Erfahrung, irgendwelche Kokken eben. Alexa bekam eine Hirnhautentzündung und starb binnen weniger Tage.
Für Helene war das ein Schlag, über den sie nie hinwegkam. Der Tod ihrer Tochter traf sie umso härter, weil sie im Vorjahr kurz hintereinander ihre Eltern verloren und das noch nicht überwunden hatte.
Zwei Tage nachdem Alexa im Familiengrab bei den Großeltern zur letzten Ruhe gebettet worden war, schluckte Helene eine Überdosis Schlaftabletten. Die Haushälterin Frau Schmitz fand sie gerade noch rechtzeitig. Es sei ein Versehen gewesen, behauptete Helene, als Franziska sie im Krankenhaus besuchte.
Einen knappen Monat später fiel Helene aus Versehen so unglücklich mit dem linken Arm in das Rasiermesser ihres Vaters, dass sie sich die Pulsader der Länge nach aufschlitzte. Weil Frau Schmitz auch diesmal schneller war als der Tod, probierte Helene es beim dritten Mal mit ihrem Auto. Sie zog sich schwerste Verletzungen zu und musste mit dem Hubschrauber in eine große Klinik geflogen werden, weil das Grevinger Krankenhaus solch einem Notfall nicht gewachsen war.
Helene überlebte auch ihren Unfall, wurde danach aber lange Zeit nicht mehr im Dorf gesehen, was zu wüsten Spekulationen führte. Mal hieß es, sie sei so stark entstellt, dass sie sich nicht mehr unter Leute traue. Mal war sie angeblich gelähmt und an den Rollstuhl gefesselt. Mal hatte sie ihr Augenlicht und beide Beine verloren. Man wusste gar nicht, was man glauben sollte.
Wenn Franziska Helene besuchen wollte, wurde sie entweder von einer Krankenpflegerin oder von Frau Schmitz mit unterschiedlichen Sprüchen an der Haustür abgewimmelt. Die Krankenpflegerin erklärte meist, die gnädige Frau habe sich gerade hingelegt und möchte nicht gestört werden.
Wenn Frau Schmitz an die Tür kam, befand Helene sich stets auf Reisen. Sie war wohl tatsächlich mehrfach für einige Monate in einem Sanatorium. Und manchmal war sie einfach nicht in der Verfassung, eine frühere Magd zu empfangen. Bei aller Verbundenheit, viel mehr als eine Magd war Franziska in der Villa Schopf letztlich nie gewesen. Da mochte sie noch so gut aus eigenem Erleben wissen, durch welche Hölle man nach dem Tod einer über alles geliebten Tochter ging.
Als Alexa Junggeburt starb, lag Franziskas Erstgeborene schon seit sechzehn Jahren in der sogenannten Kinderecke, dem von der kniehohen Buchsbaumhecke umstandenen Geviert mit den kleinen Grabstellen. Nur zweieinhalb Jahre alt war Mariechen geworden und auch ein liebes Kind gewesen, ein quietschvergnügtes obendrein, stets fröhlich, nie ernsthaft krank.
Was immer im Dorf die Runde gemacht hatte, jede Erkältung, die Masern, Röteln, Wind- oder Wasserpocken, Mumps, Keuchhusten und diese eklige Darmgrippe, unter der die Hälfte der Bevölkerung gelitten hatte, an Mariechen war alles spurlos vorbeigezogen. Sie hatte nicht mal Fieber bekommen, wenn wieder ein Zahn durchgebrochen war. Ein Glückskind. Wie oft hatte Gottfried das gesagt.
Und wie oft hatte der Pfarrer ihn auf der Straße angehalten und auf den Frevel angesprochen. Für den Pfarrer war Mariechen ein Kind der Sünde, dessen unsterbliche Seele zu allem Überfluss auch noch von der Erbsünde befleckt war, weil seine nicht vor Gottes Altar getrauten Eltern ihm das Sakrament der Taufe verweigerten. So ein Kind ausgerechnet nach der Mutter unseres Herrn Jesu zu benennen, wenn sich das nur nicht eines Tages bitter rächte, hatte der Pfarrer mehr als einmal prophezeit.
»Wir haben sie nach meiner Mutter genannt, Hochwürden«, hatte Gottfried jedes Mal geantwortet.
Gottfried mit seinem rebellischen Mundwerk! Kannte keinen Respekt vor irgendeiner Obrigkeit, glaubte an keinen Gott, fürchtete nicht Tod und Teufel, nur die Menschen, vielmehr das, was sie einander antun konnten. Viel zu jung hatte er entsetzliche Gräuel miterlebt. Dreizehn-, vierzehnjährige Kinder, die auf Befehl hirnverbrannter alter Narren an der Heimatfront verheizt wurden. Ein Fünfzehnjähriger, mit dem Gottfried die Schulbank gedrückt hatte, war vor seinen Augen standrechtlich erschossen worden. Wegen Feigheit vor dem Feind und Fahnenflucht.
»Er wollte nur nach Hause zu seiner Mutter«, erzählte Gottfried später einmal, als alle Eltern sich wünschten, dass ihre Fünfzehnjährigen freiwillig und rechtzeitig heimkamen und sich nicht an verrufenen Orten herumtrieben.
Gottfried konnte sich nicht vorstellen, dass sein Glückskind einmal Pech haben könnte. Er wurde auch danach nicht wankend in seiner Ungläubigkeit, wollte nichts hören von göttlichem Zorn oder einer Prüfung, die der Himmel ihnen geschickt hatte.
Franziska dagegen quälte sich jahrelang mit Selbstvorwürfen. Weil sie Mariechen nicht heimlich in die Kirche gebracht und übers Taufbecken gehalten hatte. Und mehr noch, weil sie an ihre Bequemlichkeit und etwas Erholung, an die eigene und die Gesundheit eines Ungeborenen gedacht hatte. Hätte sie dem Dorfarzt nicht nachgegeben, als der vorschlug, sie solle für die zweite Entbindung ins Grevinger Krankenhaus gehen …
Sie hatte wie viele andere heftig an der Darmgrippe gelitten. Der fortgeschrittenen Schwangerschaft zum Trotz fast zehn Pfund abgenommen, nicht mal ein Schlückchen Kamillentee im Leib behalten und tagelang kein Leben gespürt. Ihre Schwiegermutter meinte schon, das Ungeborene habe die Infektion nicht überlebt.
Was das anging, konnte der Arzt sie beruhigen. Es gab noch einen Herzschlag, allzu kräftig war der jedoch nicht. Deshalb klang sein Vorschlag vernünftig. Wer wollte das Risiko eingehen, im eigenen Bett ein Kind in die Welt zu pressen, das vielleicht zu schwach war, um aus eigener Kraft zu atmen, das sofort medizinische Versorgung brauchte, die ihm zu Hause keiner bieten konnte?
Wer wollte Gefahr laufen, während der Presswehen einen Schwächeanfall zu erleiden? Völlig auf dem Damm fühlte Franziska sich wahrhaftig noch nicht. Und wer wollte unmittelbar nach einer Entbindung gleich wieder auf den Beinen sein, um zu kochen oder eigenhändig das Bett abzuziehen und die Laken zu waschen? Ihre Schwiegermutter hatte schon anklingen lassen, sie habe während der Grippewelle genug Laken geschrubbt und nur zwei Stunden nach Gottfrieds Geburt damals die Fenster geputzt.
Nach Mariechens Geburt hatte Franziska ihre Arbeit in der Villa Schopf aufgegeben. Gottfried hatte durch Vermittlung seines Vaters eine gute Stelle bei den Stadtwerken in Grevingen gefunden. Seitdem rührte ihre Schwiegermutter kaum noch einen Finger und verstand sich prächtig darauf, ihre Faulheit in Lobhudeleien zu verpacken. Franziska hatte immer die flinkeren Finger und die besseren Augen.
Ein paar Tage im Krankenhaus, sich noch ein Weilchen umsorgen lassen, das bekäme ihr bestimmt nicht schlecht, dachte Franziska. Gottfried meinte das auch. Die Hebamme, die schon Mariechen auf die Welt geholt hatte, sah es ebenso und schlug vor: »Schick deine Schwiegermutter vorbei, wenn es tagsüber losgeht, Franziska. Dann hol ich dich ab, du kannst mit mir fahren.«
Es ging am frühen Vormittag los, aber ihre Schwiegermutter schickte Franziska nicht. So weit wohnte die Hebamme nicht entfernt, dass sie das Stück nicht noch selbst hätte gehen können. Ehe sie das Haus verließ, nahm sie Mariechen zum letzten Mal auf den Arm, küsste zum allerletzten Mal die weiche rosige Wange und sprach ein paar tröstende Worte, weil das Kind, so gar nicht seinem Wesen entsprechend, zu weinen begann.
Als hätte Mariechen geahnt, was ihr bevorstand, wollte sie mit Franziska gehen, klammerte sich an deren Hals und begriff nicht, warum ihre Ärmchen gelöst wurden, warum sie bei der Oma bleiben sollte, während Mama irgendwo ein Brüderchen oder Schwesterchen abholte.
Auf den vier Kilometern Landstraße nach Grevingen, damals noch eine Allee, wurde auch Franziska ganz mulmig. Das hatte jedoch nichts mit einer bösen Vorahnung zu tun. Obwohl ihr der tränenreiche Abschied schwer auf den Magen drückte und Mariechens Schluchzer ihr die Kehle eng machten, lag es hauptsächlich am Fahrstil der Hebamme. Ihr war übel, als sie beim Krankenhaus ankamen. Wehen hatte sie auch keine mehr.
Dann lag sie im Kreißsaal, ging zeitweise hin und her, um die Wehentätigkeit wieder anzuregen. Die Hebamme strickte derweil einen Pullover und erzählte aus ihrem Berufsalltag: »Letzte Woche hatte ich eine hier, die wusste offenbar noch nicht, dass Waschen der Gesundheit überhaupt nicht schadet. Unzumutbar, sag ich dir. – Soll ich dir ein Bad einlassen?«
»Ich hab mich gewaschen, ehe ich kam«, glaubte Franziska sich rechtfertigen zu müssen.
»Sicher«, sagte die Hebamme. »So war das auch nicht gemeint. Heißes Wasser könnte die Sache vorantreiben. Sonst läufst du morgen noch herum.«
Und während Franziska in die Wanne stieg, sich vorsichtig im heißen Wasser ausstreckte, ging ihre Schwiegermutter in den Garten. Später hieß es, sie hätte nur schnell einen Kopfsalat fürs Abendessen geholt. Franziska hätte geschworen, dass sie ein längeres Schwätzchen mit der Nachbarin gehalten hatte. Mit der zweiten Niederkunft gab es doch ein Gesprächsthema.
Mariechen nahm sie selbstverständlich mit, achtete aber nicht darauf, was das Kind sich in den Mund steckte. Die Blüten oder Blätter der Tollkirsche aus Nachbars Garten zum Beispiel oder den Goldregen. Es gab keinen Zaun auf der Grundstücksgrenze, und bei den Nachbarn wuchs einiges, was hübsch aussah, ein kleines Kind aber schnell unter die Erde bringen konnte.
Den Goldregen könne man theoretisch ausschließen, sagte der Dorfarzt später. Wenn Mariechen davon etwas geschluckt hätte, hätte sie erbrochen. Das wäre ihrer Großmutter keinesfalls entgangen. Und Gottfrieds Mutter schwor Stein und Bein, es sei nichts passiert, was sie zu der Vermutung hätte bringen können, mit Mariechen stimme etwas nicht. Das glaubte Franziska ihr nie.
Als Gottfried und sein Vater von der Arbeit kamen, lag Mariechen im Bett. Sie sei quengelig gewesen, weil sie sonst am Rockzipfel ihrer Mutter hing und Franziska sie nicht habe mitnehmen können, hörte Gottfried von seiner Mutter. Er ging zwar sofort ins Schlafzimmer, in dem auch das Kinderbett stand. Doch die Gardinen waren zugezogen. Und Gottfried machte kein Licht.
Da Mariechen dem Anschein nach fest schlief, wollte er sie nicht aufwecken. Ihm kam auch nicht der Gedanke, ihr eine Hand auf die Stirn zu legen oder gar nach ihrem Puls zu tasten. Er nahm nur leise ein frisches Hemd aus dem Schrank, schlich auf Zehenspitzen wieder hinaus auf den Flur, zog sich dort um und schwang sich draußen aufs Fahrrad. Verständlicherweise zog es ihn ins Krankenhaus, wo er noch gute zwei Stunden vor dem Kreißsaal warten musste, ehe seine zweite Tochter ihren ersten Schrei tat.
Zu dem Zeitpunkt schrieb der Dorfarzt bereits den Totenschein für Mariechen aus. Sie war wohl schon tot gewesen, als Gottfried das frische Hemd aus dem Schrank genommen hatte. Sein Vater hatte kurz darauf festgestellt, dass die Kleine nicht mehr atmete. Warum der, kaum dass Gottfried aus dem Haus war, das Schlafzimmer von Sohn und Schwiegertochter betreten hatte, um einen Blick ins Kinderbett zu werfen, darüber wurde nie offen gesprochen, es kamen immer nur Ausflüchte. Deshalb war Franziska sicher, dass ihre Schwiegermutter ihm gesagt hatte, mit Mariechen sei etwas nicht so, wie es sein sollte.
Gottfried kam erst gegen elf Uhr nachts aus Grevingen zurück, glücklich und erleichtert, dass Franziska es überstanden hatte und Mutter und Kind wohlauf waren. Er wollte seinen Eltern nur Bescheid sagen und dann ins Bett. Doch in der Nacht machte im Hause Welter keiner mehr die Augen zu.
Sie saßen zu viert in der guten Stube, als Gottfried hereinkam. Seine Mutter mit verheultem Gesicht, am ganzen Körper zitternd, als erwarte sie das Jüngste Gericht. Sein Vater mit starrer Miene und mahlenden Kiefern. Der Arzt druckste herum, weil er auf dem Totenschein die Darmgrippe als Ursache angegeben hatte. Und die war es bestimmt nicht gewesen.
Der Vierte im Bund war der Pfarrer. Gottfrieds Mutter hatte ihn alarmiert und unter Tränen um ein paar Sakramente angefleht. Die hatte er dem kleinen Leichnam leider nicht mehr spenden können. Nun hoffte er inständig, dass der Allmächtige sich dennoch barmherzig zeigte und die unsterbliche Seele des Kindes nicht bis zum Jüngsten Gericht im Fegefeuer schmoren ließ, um sie dann in die Hölle zu verbannen. Das war zu der Zeit noch wichtiger, als der tatsächlichen Todesursache auf den Grund zu gehen und die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen.
Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen. Lasst euch das eine Lehre sein und euer zweites Kind taufen. Und holt euch endlich den Segen der heiligen Mutter Kirche für eure Ehe.
Gottfried dachte nicht daran, er war so außer sich, dass er den Pfarrer hinauswarf und seiner Mutter anschließend an die Gurgel wollte. Sein Vater und der Arzt hielten ihn mit Mühe zurück. Der Arzt redete beschwichtigend auf Gottfried ein und erbot sich, es Franziska so schonend wie möglich beizubringen. Davon wollte Gottfried ebenso wenig hören wie vom himmlischen Reich. Es Franziska beizubringen, sei seine Aufgabe, meinte er. Er wusste nur nicht, wie er die bewältigen sollte.
Am nächsten Vormittag nahm er sich frei, um die amtlichen Formalitäten zu erledigen. Dabei kam ihm die vermeintlich gute Idee, den Verlust für Franziska ein wenig erträglicher zu machen. Ursprünglich hätte die zweite Tochter Silvia heißen sollen, den Namen hatte Franziska am vergangenen Abend vorgeschlagen. Nun gab es noch ein Kind der Sünde mit Namen Maria.
Wie hätte das für Franziska ein Trost sein können? Sie war nicht imstande, das Neugeborene noch einmal in den Arm zu nehmen, geschweige denn, es zu versorgen. Sie konnte den Säugling nicht einmal mehr anschauen und bekam einen Schreikrampf, als eine Krankenschwester von der kleinen Marie sprach. Deshalb wurde das Kind Ria genannt.
Zwei Tage nach Mariechens Tod verließ Franziska das Krankenhaus ohne Ria. Sie ging zu Fuß nach Garsdorf, weil sie Mariechen vor der Beerdigung unbedingt noch einmal sehen musste. Sonst hätte sie es doch gar nicht glauben können.
Ria blieb noch eine volle Woche in der Obhut der Schwestern. Die Hebamme holte sie schließlich heim und übergab sie Gottfrieds Mutter. Die schob das Kinderbett notgedrungen in ihr Schlafzimmer und rannte zum nächsten Bauern, um einen Liter Milch zu besorgen, weil Franziska nicht stillen konnte. Bei ihr war der Fluss versiegt, als hätte jemand die Quelle zugemauert.
Ihre Schwiegermutter zerfloss in Fürsorge und rührendem Eifer, als ließe sich damit etwas gutmachen. Nebenher rannte sie sich ein Bein aus zur Kirche. Mit den Kerzen, die sie vor dem Marien-Altar anzündete, hätte man die ewige Finsternis ausleuchten können. Nur nicht die Dunkelheit, die sich über Franziska gelegt hatte.
Es zog sie täglich zum Friedhof. Da mochte es wie aus Kübeln gießen, die Sonne vom Himmel brennen, dass man Kopfschmerzen bekam, oder frieren, dass die Tränen im eisigen Wind wie scharfe Klingen in die Wangen schnitten, Franziska brauchte das. Jeden Tag. Mindestens eine halbe Stunde Zwiesprache mit ihrem Mariechen.
In den ersten Jahren konnte sie nur um Verzeihung betteln, um Verständnis für ihren Entschluss, das zweite Kind im Krankenhaus zu gebären, für ihre Bequemlichkeit und den Egoismus, sich ein paar Tage von den barmherzigen Schwestern verwöhnen zu lassen, für die Tatsache eben, dass sie nur ein Mensch war.
Irgendwann fing sie an, dem Fleckchen Erde zu erzählen, was ihr so durch den Kopf ging und das Herz schwer machte. Und da kam mit der Zeit einiges zusammen. Ihre Schwiegermutter wurde auch nicht damit fertig, dass ihre Unaufmerksamkeit oder Nachlässigkeit zu Mariechens Tod geführt hatte.
Eine Zeitlang hielt Gottfrieds Mutter sich mit der Fürsorge für die zweite Enkeltochter und mit Besuchen in der Kirche seelisch über Wasser. Aber Ria wuchs heran, brauchte mit sieben, acht Jahren keine ständige Aufsicht mehr, wollte nicht bei jedem Schritt ins Freie an die Hand genommen werden und gewiss nicht jeden Tag mit Oma zur Kirche gehen und stundenlang beten.
Von da an verfiel Gottfrieds Mutter zusehends. Man konnte wirklich zuschauen, wie sie ihrem Grab entgegenschritt. Von Woche zu Woche wurde sie wunderlicher und vergesslicher, dachte nicht daran, sich zu waschen und eine Strickjacke überzuziehen, wenn sie bei kühler Witterung zur Kirche ging. Immerzu musste Franziska sie erinnern, zu essen und zu trinken. Am Ende vergaß sie ihren eigenen Namen und das Atmen. Da war Ria zehn Jahre alt.
Der Schwiegervater überlebte seine Frau nur ein knappes Jahr. Er hatte nach Mariechens Tod eine regelrechte Manie für die Gartenarbeit entwickelt. Doch nachdem er seine Frau verloren hatte, wollte sein Herz nicht mehr so wie er. Der Arzt musste ihm jede körperliche Anstrengung verbieten. Ein paar Wochen lang scharwenzelte der alte Mann noch jeden Abend den Gartenweg hinauf und hinunter. An einem kühlen Märzabend kam er nicht zurück ins Haus. Ria fand ihn auf der Grundstücksgrenze liegend, etwa an dem Platz, an dem der Goldregen gestanden hatte.
In den darauffolgenden Jahren verausgabte Gottfried sich mit Umbauen und Modernisierungen am Haus und regte sich nebenher über Ria auf. Zeitweise war sein Blutdruck astronomisch hoch. Mehr als einmal befürchtete Franziska, er bekäme einen Schlaganfall, nur wegen Ria.
Franziskas jüngste Schwester Martha nannte Ria einen Nestflüchter. Das traf es auf den Punkt. Ein paar Wochen, nachdem sie die Leiche ihres Großvaters im Garten entdeckt hatte, riss Ria zum ersten Mal aus, nur für eine Nacht, als wolle sie bloß feststellen, ob es ihren Eltern auffiel.
Gottfried fuhr stundenlang herum und suchte sie, ohne Erfolg. Er machte sich Vorwürfe, weil er glaubte, Ria habe einen furchtbaren Schreck bekommen, als sie ihren Opa im Garten liegen sah und feststellen musste, dass er nicht mehr lebte. Man hätte anschließend mit Ria über Tod und Trauer reden müssen, meinte Gottfried. Als er gegen Mitternacht zur Polizeiwache nach Grevingen fuhr und den Beamten ein Foto von Ria brachte, wünschte Franziska sich, sie hätte ebenfalls Angst um ihr Kind haben können. Aber sie fühlte absolut nichts.
Am nächsten Morgen kam Ria von alleine zurück. Sie roch nach Zigaretten und Bier. Gottfried ging vor Wut die Wände hoch, schlug sie grün und blau, weil sie partout nicht sagen wollte, wo sie sich herumgetrieben hatte. Bis auf die Knochen blamiert fühlte er sich, weil er die Polizei um Hilfe gebeten hatte.
Kurz nachdem er sich abreagiert hatte, standen zwei Beamte vor der Tür und wollten wissen, ob Ria inzwischen heimgekommen sei. Franziska rief ihre Tochter herunter. Und Gottfried musste gestehen, dass Ria nicht etwa während ihrer Abwesenheit so fürchterlich verprügelt worden war.
Die Polizisten zeigten Verständnis für den ohnmächtigen Zorn eines Vaters. Gottfried handelte sich nicht auch noch eine Anzeige wegen Körperverletzung ein, musste sich nur eine Ermahnung anhören und zügelte fortan seinen Jähzorn. Wenn es ihn danach in den Fäusten juckte, rannte er lieber den Gartenweg rauf und runter. Und das tat er verflucht oft.
Mit vierzehn, fünfzehn wurde Ria regelmäßig in einer Diskothek in Grevingen aufgegriffen, in der viele Soldaten verkehrten. Es gab eine Kaserne in der Nähe. In der Diskothek wurden die Ausweise nicht kontrolliert, da schaute nur häufig die Polizei nach dem Rechten und sammelte alles ein, was unter achtzehn war.
Franziska hatte den Verdacht, dass Ria es darauf anlegte, erwischt zu werden. Jedes Mal musste Gottfried sie anschließend auf der Wache abholen, platzte beinahe vor Wut und musste an sich halten, sie nicht wieder zu verprügeln.
Dass Ria mit ihrem Verhalten keineswegs völlig aus der Art schlug, wollte er nicht wahrhaben. War er in seiner Jugend nicht genauso rebellisch gewesen und hatte sich von keinem Vorschriften machen lassen?
»Das kannst du nicht vergleichen«, widersprach Gottfried immer, wenn Franziska auf seine rebellische Ader verwies. »Das war eine andere Zeit. Ich war ein paar Jahre älter als Ria. Und ich war ein Mann, dem niemand an die Wäsche wollte.«
Wie recht ihr Vater mit seinen Befürchtungen hatte, erfuhr Ria mit siebzehn. Da entging sie beim Trampen nur knapp einer Vergewaltigung, zog daraus aber keine Lehre. Kaum war die Volljährigkeit auf achtzehn herabgesetzt worden, packte Ria ein paar Sachen, stahl Franziska das Haushaltsgeld aus dem Schrank und machte sich aus dem Staub.
Ein volles Jahr lang trieb sie sich in der Weltgeschichte herum. Gelegentlich rief sie daheim an und bat um Geld für eine Fahrkarte Richtung Heimat, postlagernd, bitte. Franziska schickte ihr jedes Mal etwas und hatte deswegen oft genug Krach mit Gottfried.
Wer nicht heimkam, war Ria. Ob sie für das Geld tatsächlich Fahrkarten oder sonst etwas kaufte, wusste nur sie allein. Sie lebte nach der Devise, Arbeit sei etwas für Hirnamputierte. Man kam auch ohne durchs Leben.
Aus den Lebzeiten ihrer Großmutter hatte sich ihr der Spruch von den Vöglein auf dem Felde eingeprägt. »Sie säen nicht, sie ernten nicht, und Gott, der Herr, ernährt sie doch.« Nach Hause kam Ria erst, als sie voller Läuse war und eine Gelbsucht hatte. Da war sie zwanzig und musste für zwei Wochen ins Krankenhaus. Danach verschwand sie erneut.
Zu der Zeit kam in Garsdorf das Gerücht auf, Helene Junggeburt sei an Krebs erkrankt. Sie habe einen kürbisgroßen, bösartigen Tumor im Leib und verweigere die ärztliche Behandlung. Ihr Bauch sei aufgebläht wie ein Ballon, ansonsten sei sie nur noch Haut und Knochen.
Franziska hörte das wie vieles andere von ihrer jüngsten Schwester Martha, die in die Bäckerei Jentsch eingeheiratet hatte. Eine Kundin hatte im Laden erzählt, Helene wäre todkrank. Die Kundin wiederum hatte es von einer Nachbarin erfahren und die von einer Bekannten. Diese Bekannte sollte Helene in Begleitung der Krankenpflegerin auf dem Friedhof getroffen, angeblich sogar ein paar Worte mit ihr gewechselt haben.
Trotz der verschlungenen Wege, die diese Information genommen hatte, zweifelte Franziska nicht am Wahrheitsgehalt. Es waren vier Jahre vergangen, seit Helene ihre über alles geliebte Alexa hatte begraben müssen. Seitdem hatte Franziska sie nicht mehr gesehen, mit Ausnahme des Besuchs am Krankenbett, nachdem Helene sich mit Schlaftabletten das Leben hatte nehmen wollen. Nach den nächsten beiden Versuchen mit dem Rasiermesser und dem Auto war Franziska doch nicht mehr ins Haus gelassen worden, wenn sie Helene besuchen wollte.
Aber es war einleuchtend, dass es Helene ebenso zu ihrer Tochter zog wie Franziska zu Mariechen. Dass sie sich bisher auf dem Friedhof nicht begegnet waren, bedeutete nichts. Der Tag hatte schließlich mehr als nur eine halbe Stunde.
Von der Kinderecke aus hatte Franziska die große Grabstelle der Familie Schopf-Junggeburt mit dem monumentalen Stein sehr gut im Blick. Das Eckgrab war stets tipptopp gepflegt, darum kümmerte sich die Gärtnerei Wilms. Das hatte Franziska schon mehrfach beobachtet.
Wenn sie am späten Nachmittag zu Mariechen ging, war ihr verschiedentlich Albert Junggeburt aufgefallen, der um die Zeit in der Brauerei Feierabend machte und seiner Schwester frische Blumen brachte oder ein neues Öllicht in die Grableuchte stellte. Es brannte immer eins. Und dass Albert täglich kam, um eine ausgebrannte Hülle gegen einen frischen Vierundzwanzigstundenbrenner zu tauschen, konnte Franziska sich nicht vorstellen. An den eisernen Heinrich dachte sie in dem Zusammenhang gar nicht. Sie war überzeugt, dass Helene das tat.
Vermutlich kam Helene erst nach Einbruch der Dunkelheit. Wenn sie von ihrem dritten Selbstmordversuch mit dem Auto so entstellt war, wie allgemein behauptet wurde, wenn sie im Rollstuhl saß, die Beine und ihr Augenlicht verloren hatte, war es ihr vermutlich unangenehm, gesehen zu werden.
Aber Helene saß weder im Rollstuhl, noch war sie erblindet, wie Franziska dann feststellte. Dass die Leute immer so übertreiben mussten. Als ob die nackten Tatsachen nicht schlimm genug gewesen wären.
Franziska pflanzte an dem Tag wieder mal eine Azalee in das Fleckchen Erde, das Mariechens sterbliche Überreste aufgenommen hatte. Erde zu Erde. Wahrscheinlich war längst nichts anderes mehr da unten. Und höchstwahrscheinlich würde auch diese Azalee so groß werden wie die vorherigen. Wenn sie die Einfassung überwucherte, musste Franziska sie wieder ausgraben und in den Garten setzen. Da standen schon einige, obwohl es Unglück bringen sollte, etwas von den Toten zu nehmen und bei den Lebenden einzupflanzen.
Als sie den Blick hob, sah sie die schwarz gekleidete Gestalt wie traumverloren über den roten Splittweg herankommen. Ein Hut mit Schleier verdeckte das Gesicht. Dass es Helene war, erkannte Franziska erst, als der Schleier gehoben wurde.
Sie tauschten ein paar Floskeln. Lange nicht gesehen. Schönes Wetter heute. Wie geht’s dir? Danke, gut, und dir? Ich kann nicht klagen. Nur nicht am Schmerz rühren. Helene sprach, als sei sie betrunken oder von Medikamenten benommen. Der dritte Selbstmordversuch hatte unübersehbare Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Eine tiefe Narbe zog sich quer über die Stirn, eine zweite kerbte die linke Wange ein, eine dritte teilte das Kinn. Das linke Augenlid hing herab, ebenso der Mundwinkel, als hätte Helene zwischenzeitlich auch noch einen Schlaganfall erlitten. Genauso gut konnten es aber Folgen der Verletzungen sein, durchtrennte Nerven womöglich.
Franziska war jedenfalls sehr erschrocken, nicht nur wegen des entstellten Gesichts. Helenes Körper schien das jüngste Gerücht zu bestätigen. Abgesehen vom ballonartig aufgetriebenen Leib war sie tatsächlich nur noch Haut und Knochen.
Dass Helenes Bauch von etwas anderem als einer bösartigen Krebsgeschwulst aufgetrieben sein könnte, auf den Gedanken wäre Franziska von allein nie gekommen. Auch das erzählte ihr zwei Tage später ihre jüngste Schwester. Martha hatte es ihrerseits unter dem Siegel der Verschwiegenheit von einer Kundin erfahren, deren Schwiegertochter in der Grevinger Apotheke arbeitete, in der Rezepte für Helene eingelöst wurden. In letzter Zeit hauptsächlich Eisen-, Vitamin- und Kalzium-Präparate. Antidepressiva nähme Helene seit Monaten nicht mehr, auch keine Schmerzoder Schlaftabletten, war Martha anvertraut worden.
Auf Anhieb konnte Franziska nicht glauben, dass Helene schwanger sein sollte. Mit achtundvierzig? In dem Alter brachte man doch freiwillig keine Kinder mehr zur Welt. Man steuerte aufs Klimakterium zu und bekam Enkel. Oder fürchtete, bald Enkel zu bekommen, weil die Tochter sich mit allerlei Gesindel herumtrieb und den Heimweg nur fand, wenn es ihr richtig dreckig ging.
Franziska glaubte es nicht einmal sofort, als zwei Monate später bekannt wurde, dass Helene in einer Kölner Klinik von einem zweiundfünfzig Zentimeter großen und gute sieben Pfund schweren Baby entbunden worden war. Leider kein Mädchen, wie sie sehnlich gehofft hatte. Aber der Junge war gesund, und das sei die Hauptsache, fanden alle.
Gottfried hörte es beim sonntäglichen Frühschoppen in der Kneipe. Als er heimkam, wollte er sich immer noch ausschütten vor Lachen. »So viel zum Tumor«, sagte er. »Da soll noch mal einer behaupten, der eiserne Heinrich hätte Helene nur wegen der Brauerei geheiratet. Wenn dem so wäre, hätte er sie doch in die ewigen Jagdgründe ziehen lassen können, statt sein bestes Stück noch mal aus der Mottenkiste zu kramen. Als sexbesessen konnte man Heinrich nie bezeichnen. Und mit einem Mal war der Braten bestimmt nicht in der Röhre.«
Franziska schüttelte nur den Kopf zu Helenes später Niederkunft. In dem Alter noch ein Kind, wer sich das aus eigenem Entschluss antat, musste den Verstand verloren haben. Helene hatte ihn verloren. Das wurde Franziska klar, als sie fünf Jahre später an dem frostigen Dezembertag mit eigenen Augen sah, was ihr bis dahin nur gerüchteweise zu Ohren gekommen war:
Helene staffierte ihren jüngsten Sohn aus wie ein Mädchen. Der Junge war auf den Namen Alexander getauft worden. Helene nannte ihn beim Namen der verstorbenen Tochter – Alexa.
Einen Satansbraten, wie während seiner Schulzeit, oder einen Teufel in Menschengestalt, wie nach Janice Hecklers Tod, nannte ihn zu Anfang niemand. Im Gegenteil, der kleine Alexander Junggeburt wurde allgemein bedauert. Manch einer warf die Frage auf, warum der eiserne Heinrich nicht durchgriff und Helene den Kopf zurechtsetzte. Wohin sollte das denn führen, was sollte aus dem armen Jungen werden? Ein Mörder, was sonst?
Für Janice Hecklers Tod in der Greve hatte man ihn zu neun Jahren verdonnert, absitzen musste er nur gute zwei Drittel der Zeit. Die Untersuchungshaft mitgerechnet, wurde er am neunten Oktober nach knapp sechseinhalb Jahren aus der JVA Ossendorf entlassen. Die restliche Zeit war zur Bewährung ausgesetzt worden.
Seine Anwältin holte ihn an dem Donnerstag ab, hätte ihn auch nach Hause gefahren. Aber er wollte sich in Köln erst einmal neu einkleiden, unter anderem mit einer schicken Lederjacke, wie er mit zwanzig eine besessen hatte. Die zog er auch sofort an. Und zwei Paar Schuhe, eins zum Laufen. Das hatte er sich fest vorgenommen, laufen, wohin und wann immer er die Lust dazu verspürte, und wenn’s um drei Uhr nachts war.
Die Schuhe waren nicht billig, aber Geld war für ihn kein Problem, war es nie gewesen, nicht mal im Knast, dafür hatte seine Mutter gesorgt.
Als sie die Brauerei auf seinen Bruder überschrieb, war er zwanzig, und kein Mensch hatte mehr erwartet, er könne sich noch zu einem brauchbaren Mitglied der Gesellschaft entwickeln. Sein Vater war immer nur Geschäftsführer und Platzhalter für Albert gewesen. Und er war ein Taugenichts, hatte bereits einen Gebrauchtwagenhändler aus Grevingen auf dem Gewissen. Stecher und Dosenöffner nannten sie ihn in Garsdorf. Doch auch so einer musste von etwas leben.
Deshalb war Albert verpflichtet, sowohl dem eisernen Heinrich als auch dem missratenen Brüderlein jeden Monat einen gewissen Betrag für eine angemessene Lebensführung zu überweisen. Die Summe war abhängig vom Umsatz der Brauerei, nicht etwa vom Gewinn. Damit Albert nicht auf die Idee kam, umfangreiche Modernisierungen vorzunehmen oder Unsummen zu investieren und den Dosenöffner am langen Arm verhungern zu lassen, um ihn auf die Weise zur Vernunft zu bringen.
Nach seiner Verurteilung hatte Albert den Unterhalt um die entstandenen Unkosten gekürzt. Die Anwältin und einiges mehr musste bezahlt werden. Es hatte sich trotzdem ein hübsches Sümmchen auf seinem Konto angesammelt.
Ein preiswertes Prepaidhandy gönnte er sich auch, ließ es mit zwanzig Euro aufladen und bestand darauf, dass es für eine Stunde an den Strom gehängt wurde. In der Zeit kaufte er anderswo noch ein paar Kleinigkeiten. Als er das Handy wieder in Empfang nahm, fühlte er sich einigermaßen gewappnet. Notfalls konnte er Frau Doktor Brand erreichen. Wen er sonst anrufen sollte, wusste er nicht.
Seine Mutter lag seit sechs Jahren bei ihren Eltern und der unersetzlichen Alexa. Der eiserne Heinrich war ihr vor zwei Jahren gefolgt. Seitdem war die Villa Schopf unbewohnt, und laut dem Testament seiner Mutter gehörte sie ihm. Sein Bruder verwahrte die Schlüssel, doch bei Albert meldete er sich lieber nicht an.
Vor seiner Inhaftierung hatte er nur wenig, in den letzten Jahren gar keinen Kontakt mehr zu seinem Bruder und dessen Familie gehabt. Wichtige Nachrichten wie der Tod seines Vaters und der Termin für die Beisetzung waren ihm durch die Anwältin übermittelt worden. Nun hoffte er, dass seine Schwägerin zu Hause war und er die Schlüssel zur Villa in Empfang nehmen konnte.
Es wäre ihm lieber gewesen, Frau Doktor Brand hätte ihm den Weg abgenommen. Doch sie fand, es sei seine Familie und seine Sache. Sie hatte Albert den Entlassungstermin mitgeteilt, leider eine falsche Ankunftszeit genannt, weil sie nicht erwartet hatte, dass er sich sofort ins Getümmel stürzen und einen Großeinkauf machen wollte.
Nachdem Greta Brand ihn zweimal beim Freigang begleitet hatte, war sie zu der Ansicht gelangt, er sei menschenscheu und misstrauisch geworden. Sie hatte ihn ermahnt, sich nicht in der Villa zu verkriechen. Er sei jetzt wieder ein freier Mann in einem freien Land, hatte sie gesagt. Als hätte sie keine Ahnung, dass man ihn in dem Kaff, in dem er aufgewachsen war, für eine Ausgeburt der Hölle hielt. Wahrscheinlich war er eine. In den letzten Jahren hatte er sich das jeden Tag vor Augen gehalten.
In einem Rechtsstaat galt jede Schuld nach Verbüßung der Strafe als getilgt. Darauf hatte sie ihn hingewiesen. Dass er für Janice Heckler nicht zu Ende und für den Gebrauchtwagenhändler überhaupt nicht gebüßt hatte, war der Anwältin nicht so wichtig.
Zu seinem achtzehnten Geburtstag hatte Mami ihm das Geld für die Fahrschule und ein Auto geschenkt. Die Führerscheinprüfungen bestand er mit Bravour. Was das Auto anging, fiel seine Wahl auf einen zwei Jahre alten BMW, den er in Grevingen auf dem Hof von Richard Parlow gesehen hatte.
Parlow war siebenunddreißig Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei kleinen Kindern. Das älteste ging noch nicht zur Schule. Mit der Aussicht auf ein gutes Geschäft ließ er ihn für eine Probefahrt ans Steuer. Selbstverständlich fuhr er mit.
Sie nahmen die – abgesehen von einer einzigen Kurve – recht übersichtliche Landstraße von Grevingen nach Garsdorf. Wie nicht anders zu erwarten, wollte er nicht nur eine Runde durchs Dorf drehen. Er wollte den BMW auf der Autobahn testen, kam jedoch nur bis zu der Kurve. Aus Richtung der Stadt lagen Autobahnauf- und -abfahrt unmittelbar dahinter.
Unglückseligerweise hatte der Naturschutzbund an der Stelle ein Feuchtbiotop angelegt, das Fröschen als Laichplatz dienen sollte und von Schilf fast vollkommen zugewachsen war. Der BMW raste mit schätzungsweise hundertvierzig Stundenkilometern, erlaubt waren siebzig, unter den Anhänger eines Lkws, der gerade aus der Autobahnabfahrt in die Landstraße einbog und wegen des Schilfs am Tümpel erst zu sehen war, als kein Bremsen mehr half, jedenfalls nicht bei dem Tempo.
Richard Parlow auf dem Beifahrersitz wurde geköpft. Alex kam mit ein paar Kratzern im Gesicht, zwei geprellten Rippen, einem verstauchten Fuß und einem Schock davon, weil im Moment des Aufpralls die Rückenlehne des Fahrersitzes nach hinten wegbrach und er liegend unter den Anhänger geriet. So musste er – über und über mit Parlows Blut besudelt – neben der kopflosen Leiche ausharren, bis die Feuerwehr ihn aus dem Wrack befreit hatte.
Sein Bruder beauftragte einen Rechtsanwalt mit der Wahrnehmung seiner Interessen. Der Anwalt beauftragte einen Sachverständigen, was auch die Staatsanwaltschaft bereits getan hatte. Und beide Sachverständige kamen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass der BMW schon vorher einen Unfall gehabt haben musste, bei dem nicht nur der Fahrersitz beschädigt worden war.
Es waren erhebliche Mängel festgestellt worden. Eine verzogene Vorderachse, defekte Bremsleitungen, ein paar Karosserieteile waren ersetzt, andere ausgebeult und gespachtelt worden. Dann hatte man das Fahrzeug komplett neu lackiert. Mit anderen Worten, Richard Parlow hatte einen ahnungslosen Fahranfänger über den Tisch ziehen und zum Kauf eines Wagens verleiten wollen, den der TÜV sofort aus dem Verkehr gezogen hätte, wäre der BMW vor dem verheerenden Unfall dort vorgestellt worden.
Den besten Ruf als Gebrauchtwagenhändler hatte Parlow nicht genossen. Wegen der zweifelsfrei zusammengeflickten Karosserie zog auch niemand in Betracht, er hätte nichts von den Mängeln gewusst. Es war anzunehmen, dass er beim Ankauf des optisch fast wie neu aussehenden Fahrzeugs zumindest hier und da mal gegen das Blech geklopft hatte. Da hätten ihm die ausgebesserten Stellen sofort auffallen müssen.
Für die Garsdorfer spielte es keine Rolle, dass Alex den Unfall nicht hätte verhindern können. Wäre es nicht in der Kurve passiert, dann eben auf der Autobahn. Ob man seitlich oder hinten unter den Auflieger eines Lkw geriet, machte keinen Unterschied.
Greta Brand meinte, er verdiene wie jeder andere die Chance, sein Leben nun nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Schöne Worte. Er wollte sie beherzigen, vor allem den letzten Satz. Dabei hatte er nicht die leiseste Vorstellung von der zukünftigen Gestaltung seines Lebens.
Mit der S-Bahn fuhr er nach Grevingen, schon das war ein komisches Gefühl. Er erinnerte sich unweigerlich an frühere Fahrten, vielmehr die Ankunft. Damals war er bei der Bundeswehr gewesen und auch immer erst weit nach Mittag angekommen mit einer großen Segeltuchtasche in Natooliv. Jetzt trug er Plastiktüten mit Markenlogos, in denen seine Einkäufe verstaut waren.
Die Reisetasche mit den wenigen Habseligkeiten, die er in der Zelle bei sich gehabt hatte, war im Wagen der Anwältin zurückgeblieben. Die wollte er sich irgendwann nächste Woche abholen. Wenn Frau Doktor Brand sie ihm bis dahin nicht vorbeibrachte. Er war ziemlich sicher, dass sie bald bei ihm auftauchen würde, um sich persönlich zu überzeugen, dass es ihm gut ging und er unbehelligt von einer möglicherweise aufgebrachten Dorfbevölkerung eine ruhige Kugel schieben konnte. Greta Brand hatte einen Narren an ihm gefressen, das stand fest.
Die S-Bahn-Station hatte sich während seiner Abwesenheit nicht großartig verändert, wenn man davon absah, dass die Unterführung, die von Gleis drei zum Vorplatz führte, vergammelter und beschmierter und der Parkplatz erweitert worden war. Er warf einen Blick hinüber und schätzte, dass doppelt so viele Autos dort standen wie früher. Dann konzentrierte er sich auf die Leute, die mit ihm aus der Bahn stiegen.
Eine Horde Frauen mittleren Alters, zwei Rentner und ein paar Jugendliche. Bekannte Gesichter waren nicht dabei. Ihn schien auch keiner zu kennen. Niemand schenkte ihm Beachtung. Mit den Tüten sah er aus wie einer, der sich in Köln für Herbst und Winter eingekleidet hatte.
Die Leute zerstreuten sich rasch. Die Jugendlichen liefen zu den Bushaltestellen gegenüber dem alten Bahnhofsgebäude, das seit langem nicht mehr genutzt wurde und deutliche Zeichen von Verfall zeigte. Die beiden Männer und einige Frauen gingen zum Parkplatz, fünf oder sechs steuerten Heikes Kaffeebüdchen an.
Er schlug einen weiten Bogen um das Blockhaus mit der großzügig verglasten Vorderfront. Vor ewigen Zeiten war das eine stinknormale Imbissbude gewesen. Dann hatte Heike Jentsch, die Nichte von Franziska Welter, den heruntergekommenen Schuppen übernommen und ihr blitzsauberes Büdchen daraus gemacht.
Seitdem gab es an der S-Bahn-Station keine fettigen Pommes und keine Würste mehr. Heike verkaufte stattdessen appetitlich belegte Brötchen, eine breite Palette von Süßigkeiten, Kaffee in verschiedenen Variationen, Tee, Kakao, Milch und Kaltgetränke in Dosen oder Tetrapacks.
Ab Mittag war zusätzlich Kleingebäck im Angebot. Das stammte wie die Brötchen aus der elterlichen Bäckerei in Garsdorf, die seit Jahren Heikes Bruder führte, unterstützt von einem Gesellen und einem Lehrling. Der alte Jentsch ging auf die siebzig zu, stand aber wahrscheinlich immer noch regelmäßig mit in der Backstube. Solche wie der kannten keinen Ruhestand.
Offiziell geöffnet war Heikes Kaffeebüdchen von halb sechs in der Früh bis um sechzehn Uhr. Aber so genau nahm das niemand. Nachmittags blieb die Tür auf, bis das letzte Plunderteilchen oder Brötchen verkauft war. Das konnte auch mal um halb vier der Fall sein. Zum Ausgleich bekamen Berufstätige, die frühmorgens mit der ersten Bahn zur Arbeit fuhren, schon um Viertel nach fünf einen frisch aufgebrühten Kaffee und ein von Heike eilig geschmiertes Brötchen, Polizisten auf Streife, die das Ende ihres Nachtdienstes herbeisehnten, ebenso. Heike kannte fast alle, die in der Grevinger Wache ihren Dienst versahen.
Ihn kannte sie auch und musste ihn nicht gleich bei seiner Ankunft zu Gesicht bekommen. Es war ihre Aussage gewesen, die zu seiner Verurteilung geführt hatte. Nach der Urteilsverkündung hatte er ihr prophezeit, das werde sie noch bitter bereuen.
Er spielte kurz mit dem Gedanken an ein Taxi. Das Wetter lud nicht unbedingt zu einem längeren Spaziergang ein. Der Himmel war eine Palette unterschiedlicher Grautöne, die Luft so diesig, dass sie sich wie ein feuchter Lappen aufs Gesicht legte. Und er hatte einiges zu schleppen. Aber er sehnte sich nach Bewegung an frischer Luft. Es hätte ihm nichts ausgemacht, an der Greve entlang bis nach Garsdorf zu laufen.
Doch zuerst musste er zu dem Prachtbau am Stadtrand von Grevingen, den Albert für sich und die Seinen in die Landschaft hatte stellen lassen. Seine Schwägerin war daheim und allein. Die Putzhilfe hatte sich wohl gerade erst verabschiedet. Der Fußboden in der Diele sah aus wie geleckt. Seine Schuhe hinterließen nach dem Marsch auf den Straßen hässliche Spuren.
Vielleicht war Cecilia nur deshalb nicht erfreut, ihn zu sehen. Vielleicht war sie auch verärgert, weil sie den halben Tag umsonst auf ihn gewartet hatte. Oder sie befürchtete wegen all der Tüten, er wolle sich in ihrem trauten Heim einquartieren und ihre Putzfrau requirieren, um sein Domizil in Garsdorf erst einmal wohnlich herrichten zu lassen. Als er nach der knappen Begrüßung sofort die Schlüssel verlangte, hatte Cecilia Mühe, ihre Erleichterung nicht zu offenkundig zur Schau zu stellen.
Sie eilte davon, die Schlüssel lagen schon bereit. Keine zehn Sekunden später war sie wieder da, streckte ihm das Gewünschte entgegen und fragte wohl nur der Form halber: »Brauchst du sonst noch etwas?«
»Ein Kaffee wäre nicht schlecht«, antwortete er, um sie aus der Reserve zu locken. »Ein guter, starker Kaffee. Einen Abstecher in Heikes Kaffeebüdchen habe ich mir verkniffen. Und die Brühe, die sie im Knast servieren, sieht aus wie Spülwasser und schmeckt auch so ähnlich. Kann ich beurteilen, ich musste mal Spülwasser trinken. Einer wollte mir unbedingt zeigen, wie es sich anfühlt, wenn man mit dem Gesicht ins Wasser gedrückt wird.«
Cecilias Zusammenzucken war nicht zu übersehen, der rasche Blick auf ihre Armbanduhr zu demonstrativ, um ihre folgenden Worte für ehrlich zu halten. »Viel Zeit habe ich leider nicht mehr. Ich mache dir natürlich gerne einen Kaffee, aber wenn ich dich noch nach Garsdorf fahren soll …«
»Mach dir keine Umstände«, sagte er. »Ich muss noch mehr einkaufen. Oder hast du mir den Kühlschrank gefüllt?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Dachte ich mir«, sagte er. »Putzmittel brauche ich wahrscheinlich auch, oder?« Ihre Antwort wartete er nicht ab, drehte sich auf dem Absatz um und ließ sie mitten in ihrer geleckten Diele stehen.
»Du willst aber doch nicht mit all den Sachen den ganzen Weg zu Fuß …«, hörte er sie im Hinausgehen stammeln.
Es klang verunsichert und beschämt. Vielleicht war ihr gerade eingefallen, wie oft sie ihn früher gebraucht hatte. Einer wie er, der gelernt hatte, mit Puppen zu spielen, eignete sich hervorragend als Babysitter.
Damals hatten seine Nichte und der Neffe ihn heiß und innig geliebt. Seit seiner Festnahme wollten beide nichts mehr mit ihm zu tun haben. Sie waren sofort auf Distanz gegangen, hatten nicht mal den Prozess abgewartet. Dabei war es sehr wahrscheinlich gewesen, dass er freigesprochen wurde, weil die Beweise nicht für eine Verurteilung reichten.
Genau genommen hatten sie keine Beweise gehabt, bloß eine Theorie und die Aussage der Bäckerstochter. Wäre es seiner Anwältin gelungen, Heike Jentsch im Zeugenstand ebenso auseinanderzunehmen wie andere, die meinten, ihn hinter Schloss und Riegel bringen zu können, hätten sie nichts gegen ihn in der Hand gehabt und ihn freisprechen müssen. Aber zu dem Zeitpunkt war er von den meisten längst für schuldig befunden worden. Seine eigene Familie war keine Ausnahme, dafür hatte der eiserne Heinrich gesorgt. Für den war er immer untragbar gewesen.
