Die Schule der Wunderdinge (3). Zicke Zacke Zaubertasche - Kira Gembri - E-Book

Die Schule der Wunderdinge (3). Zicke Zacke Zaubertasche E-Book

Kira Gembri

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Beschreibung

Die magische Kinderbuchreihe von Bestseller-Autorin Kira Gembri. Humorvoll, liebenswert und wahrlich wunderbar! Tilly Bohnenstängel könnte vor Aufregung platzen: Sie darf zu einer spannenden Mission für Wunderhüter mitkommen - in den Amazonas-Regenwald! Dort treiben seit Neuestem rätselhafte Wunderdinge ihr Unwesen. Gar nicht so einfach, zwischen Schlangen und Schlingpflanzen ein paar wildgewordene Möbel einzufangen! Dann ist plötzlich Wunderlehrerin Wilma wie vom Erdboden verschluckt. Ein Glück, dass die sechs Wunderschüler immer noch magische Unterstützung haben: zum Beispiel von Lux, dem frechen Kerzenständer. Und von ein paar ausgesprochen zauberhaften Reisetaschen … Für Fans von "Die Schule der magischen Tiere" und "Der zauberhafte Wunschbuchladen" und alle Leserinnen und Leser ab 8 Jahren. In der Reihe "Die Schule der Wunderdinge" sind erschienen: Band 1: Hokus Pokus Kerzenständer Band 2: Simsala Schirm Band 3: Zicke-Zacke, Zaubertasche Band 4 erscheint im Frühjahr 2023. Weitere Bände sind in Planung.

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Seitenzahl: 130

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Weitere Bücher von Kira Gembri im Arena Verlag:Die Schule der Wunderdinge:Hokus Pokus Kerzenständer (Band 1)Simsala Schirm (Band 2)

Kira Gembriwurde 1990 als Zweitälteste von fünf Geschwistern in Wien geboren. Seit ihrem Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft schreibt sie Romane für Kinder und Jugendliche. Ihre Kaffeemaschine nörgelt gern, der Futternapf ihres Katers leert sich wie von Zauberhand, und die Haarspangen ihrer kleinen Tochter können sich unsichtbar machen. Grund genug, endlich mal Geschichten über Wunderdinge zu Papier zu bringen.

Marta Kissiwurde in Warschau geboren und arbeitet heute als Illustratorin in London. Sie studierte Illustration und Animation an der Kingston University und Communication Art und Design am Royal College of Art. Sie liebt es, mit ihren Illustrationen Geschichten zum Leben zu erwecken, indem sie charmante Charaktere entwirft – und die wunderbaren Welten, in denen sie leben. Sie teilt sich ein Studio mit ihrem Mann James.

Ein Verlag in der Westermann Gruppe

1. Auflage 2022© 2022 Arena Verlag GmbHRottendorfer Straße 16, 97074 WürzburgAlle Rechte vorbehalten

Text: Kira GembriCover und Innenillustrationen: Marta KissiLektorat: Anna WörnerUmschlaggestaltung: Juliane Lindemann

E-Book ISBN 978-3-401-81011-9

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1. Kapitel

Tilly Bohnenstängels Eltern liebten den Montag. Die Wochenenden verbrachten sie meistens mit Putzen und Aufräumen, also erstrahlte ihr Haus dann immer in einem besonderen Glanz. Außerdem standen die beiden sehr gerne um sechs Uhr morgens auf, zogen frisch gebügelte Kleider an, frühstückten Haferschleim mit Kamillentee und fuhren dann gut gelaunt zu der Bank, in der sie arbeiteten. Am Montag, so fanden Herr und Frau Bohnenstängel, war noch alles sauber und ordentlich und perfekt organisiert.

Genau deshalb konnte Tilly diesen Tag normalerweise nicht ausstehen.

Der Montag Ende September war jedoch vollkommen anders. Tilly strahlte auf dem Weg zur Schule über das ganze Gesicht, obwohl düsteres Nieselwetter herrschte. Die Kleinstadt Blasslingen sah noch öder aus als sonst, und die Grundschule war ein absolut trostloser Anblick: ein kahler Betonklotz, vom Regen dunkelgrau verfärbt.

Am Schultor warteten Tillys zwei beste Freunde und winkten heftig, sobald sie den Hof betreten hatte. Philippa Matzkowski trug mal wieder ein viel zu großes Kleid, das sie von einer ihrer Schwestern geerbt hatte, und Nico de Luca hatte sich seine Kopfhörer über den Nacken gehängt – genau wie immer. Allerdings benahm sich Pip sonst gerne etwas mürrisch, und Nico wirkte oft verschlossen. Heute aber konnten sie ihre Aufregung genauso schlecht verbergen wie Tilly.

»Da bist du ja endlich!«, rief Pip. »Ich dachte schon, deine Eltern wären misstrauisch geworden!«

»Nicht so laut.« Nico schaute sich hastig um, doch zum Glück waren alle anderen Kinder bereits hineingegangen.

Tilly rannte die letzten paar Meter bis zum Schultor, dann schnaufte sie: »Nein, es gab keine Probleme. Mama und Papa wollten mich nur unbedingt begleiten, um dem Bus hinterherzuwinken. Also musste ich herumtrödeln, bis sie keine Zeit mehr hatten.« Trotz ihrer Vorfreude spürte sie einen Anflug von schlechtem Gewissen. Ihre Eltern glaubten, dass sie mit ihrer Klasse seltene Steine für ein Naturkunde-Projekt sammeln wollte. Die Nacht würden die Schüler und Lehrer dann angeblich in einer Berghütte verbringen. Leider durfte Tilly ihren Eltern auf keinen Fall die Wahrheit erzählen, weil die Bohnenstängels nicht zu den eingeweihten Familien der Stadt gehörten. Herr und Frau Bohnenstängel hätten sich nie im Leben vorstellen können, dass magische Gegenstände wirklich existierten. Sie ahnten auch nichts von einer geheimen Schule, in der man lernen konnte, sich um solche Wunderdinge zu kümmern. Tilly hatte selbst erst vor Kurzem davon erfahren, und das war eine riesengroße Ausnahme gewesen.

Was an diesem ganz speziellen Montag passieren sollte, wusste Tilly allerdings auch nicht genau. Klar war nur, dass sie und die anderen fünf auserwählten Kinder zu einer echten Mission für Wunderhüter aufbrechen würden. Ob es vielleicht um einen magischen Gegenstand ging, der repariert oder gerettet werden musste? Jedenfalls würde es viel spannender werden als eine Wanderung durch die Berge – und wahrscheinlich auch gefährlicher.

Als hätte Nico Tillys Gedanken gelesen, verzog er ein bisschen das Gesicht. »Manchmal fände ich es besser, wenn meine Mutter nicht über das alles Bescheid wüsste«, sagte er. »Sie wollte mich fast nicht gehen lassen. Wilma musste ihr fest versprechen, dass wir morgen wieder zu Hause sind. Das ist der Grund, warum wir jetzt nur eine Nacht wegbleiben anstatt zwei, wie es eigentlich geplant war.«

Tilly und Pip wechselten einen Blick. Nicos Vater war Wunderforscher und hatte schon auf der ganzen Welt magische Abenteuer erlebt. Von seiner letzten Reise war er allerdings nicht zurückgekehrt. Seitdem machte sich Nicos Mutter ständig Sorgen um ihren Sohn und fand Magie eher bedrohlich als wundervoll.

Bevor eines der Mädchen etwas sagen konnte, eilte Nico zum Klassenzimmer. Als sie ihm durch die Tür folgten, packte ihr Lehrer, Herr Klausner, bereits mit roboterhaften Bewegungen seine Aktentasche aus. »Nun aber bitte … auf eure Plätze … meine Herrschaften«, sagte er in seinem üblichen Schneckentempo. »Wir befassen uns heute … in aller Ausführlichkeit … mit unregelmäßigen Verben. Öffnet jetzt alle … eure Grammatikbücher.«

Pip bohrte Tilly den Ellenbogen in die Rippen, und beinahe wären die beiden in Gekicher ausgebrochen. Natürlich waren unregelmäßige Verben nicht zum Kichern. Sie konnten sogar ziemlich schrecklich sein, wenn man sich einen ganzen Vormittag damit beschäftigen musste. Aber Tilly und Pip wussten, dass sie nicht lange auf ihre Rettung zu warten brauchten. Und wirklich: Schon wenige Minuten später knackte es im Lautsprecher über der Klassentür.

»Achtung, Achtung«, ertönte die Stimme der Rektorin. »Wasserrohrbruch im Schulkeller. Die freiwilligen Helfer der Hausmeisterin werden dringend gebeten, sich zur Unterstützung bei der Besenkammer einzufinden.«

Ein leises Murren ging durch die Klasse, als Tilly, Pip, Nico und Clarissa aufstanden. »Wenn ich das gewusst hätte, dann hätt ich mich auch zu diesem blöden Helfer-Kurs angemeldet«, beschwerte sich jemand. Doch Herr Klausner sorgte wieder für Ruhe, indem er schleppend in die Hände klatschte: Patsch. Patsch. Patsch. »Helfen … ist übrigens auch … ein unregelmäßiges Verb«, machte er einfach mit seinem Unterricht weiter. »Ich helfe … du hilfst … er-sie-es hilft …«

Mehr bekam Tilly nicht mit. Sie flitzte aus dem Klassenzimmer und dann gleich weiter den Flur entlang. Erst als sie in ihrem Rucksack ein Zappeln spürte, verlangsamte sie ihre Schritte. Das war Lux, der sich über den unsanften Transport beschweren wollte. In den vergangenen Wochen hatte er sich damit abgefunden, jeden Vormittag zwischen Schulheften und Büchern zu stecken, doch heute hatte Tilly ihren Rucksack zusätzlich mit Klamotten und Waschzeug vollgestopft. Da blieb für einen lebendigen Kerzenständer nicht viel Platz.

»Jaaa, schon gut«, murmelte Tilly und schaukelte ihren Rucksack behutsam hin und her. »Ich lass dich gleich raus, versprochen.«

»Dein Buckel qualmt, Bohnenstängel«, meldete eine kühle Stimme, und Clarissa von Rosenberg rauschte mit wehenden blonden Haaren an Tilly vorbei. »Was ist, bist du festgewachsen? Beeil dich lieber, sonst reisen wir ohne dich ab!«

»Als ob ausgerechnet die so was bestimmen dürfte«, brummte Pip. Während sie Clarissa ärgerlich hinterherstarrte, öffnete Nico den Reißverschluss von Tillys Rucksack und pustete, bis die Rauchwolken verschwunden waren.

»Danke.« Tilly lächelte ihm zu, dann wandte sie sich an Pip. »Du darfst dir von ihr nicht immer gleich die Laune verderben lassen. Sprich mir bitte nach: Clarissa ist uns ganz egal!«

»Clarissa ist ein ranziger Aal«, wiederholte Pip feierlich. Sie griff nach Tillys Hand und zog sie bis zu einer Tür mit der Aufschrift:

ZUTRITT NUR FÜR REINIGUNGSPERSONAL

Clarissa stand bereits in der Besenkammer. Sie hatte einen Staubwedel aus dem Regal genommen, den sie jetzt über ein Loch im Verputz tanzen ließ. Kichernd wurde das Loch immer größer, bis es eine Tür geformt hatte. Von hier aus führte eine Treppe zu einer Falltür, durch die man in einen verwilderten Garten gelangte. Mitten darin stand die Wundervilla, und auf der Veranda warteten Gabriel und Bastian aus der Parallelklasse.

»Wurde auch Zeit!«, rief Gabriel, als Tilly, Pip, Nico und Clarissa auf die Villa zukamen. »Sagt mal, was habt ihr alles für unseren Ausflug eingepackt? Das hat mir gestern echt Kopfzerbrechen bereitet!« Hektisch drehte er an dem magischen Zauberwürfel herum, der ihn normalerweise mit schlauen Ideen versorgte. Aber auch sein Wunderding konnte nicht wissen, wo die Reise hingehen sollte.

»Ein sauberes T-Shirt und eine Zahnbürste«, sagte Nico mit einem Schulterzucken. »Oder meinst du, Werkzeug und Waffen wären besser gewesen?«

»Waffen?« Bastian wurde bleich.

»Na ja, ein Taschenmesser oder so.« Nico schaffte es immer noch, ganz locker zu klingen. Tilly kannte ihn allerdings gut genug, um zu wissen, dass auch er ein wenig nervös war.

»Nun stellt euch doch nicht so an!« Clarissa rückte ihren magischen Schmetterling zurecht, den sie gerne als Haarspange benutzte. »Wilma würde uns niemals zu einer wirklich riskanten Aufgabe mitnehmen. Sie ist zwar schräg, aber nicht total verrückt. Immerhin trägt sie als Wunderlehrerin die Verantwortung für uns!« Ohne zu zögern, hob Clarissa die Hand und klopfte energisch an die Tür zur Wundervilla. Schnelle Schritte näherten sich, dann ertönte ein Rumpeln.

»Aua! Armer Kescher, armer Fuß!« Die Tür flog auf, und eine sehr zerzauste, lilahaarige Wilma Wirbelig stand im Rahmen. »Willkommen, ihr Lieben!«, keuchte sie und strahlte in die Runde. Mit ein paar Verrenkungen befreite sie ihren Fuß, der sich im Netz eines Keschers verfangen hatte. »So, das wäre erledigt. Und jetzt beantwortet mir gleich mal die wichtigste Frage: Keiner von euch fürchtet sich vor Spinnen, Schlangen oder Schreckgespenstern – nicht wahr?«

2. Kapitel

Bastian schluckte so laut, als hätte er einen Tennisball im Hals. »Schreckgespenstern?«, presste er hervor. »Willst du damit sagen, unsere Mission hat mit Geistern zu tun?«

»Ach nein, kann ich mir nicht vorstellen.« Auffordernd wedelte Wilma mit dem Kescher, damit die Kinder eintraten. »Ich habe zwar einen Bericht darüber gelesen, dass es in einem Wald seit Neuestem spukt, aber an Geister glaube ich nicht so recht. Das kommt mir einfach zu eigenartig vor.« Mit diesen Worten marschierte sie in die Werkstatt, die man ebenfalls als sehr eigenartig bezeichnen konnte. Doch natürlich war Wilma längst daran gewöhnt, dass es in den hohen Regalen nur so von Wunderdingen wimmelte. Überall knarrte und quietschte es, ein geflügelter Hammer schwirrte durch die Luft, und Tilly sah aus dem Augenwinkel, wie zwei Pullover miteinander Armdrücken machten. (Oder, um genau zu sein, Ärmeldrücken.) Außerdem gab es einen magischen Spiegel, der halb verborgen hinter einer Gardine hing. Er hatte die hölzernen Augen geschlossen und schnarchte vor sich hin.

Wilma pochte gegen das Spiegelglas. »Hallo-ho«, trällerte sie. »Mein Bester, ich weiß genau, dass du nicht wirklich schläfst. Komm schon, wir brauchen deine Unterstützung!«

Der Spiegel schnarchte extra laut weiter.

Gabriel hatte sich inzwischen neben Wilma gestellt und schaute sie forschend an. »Wenn du nicht an Geister glaubst«, sagte er, »dann denkst du wohl, dass der angebliche Spuk mit Wunderdingen zusammenhängt?«

»So ist es.« Wilma nickte eifrig, ohne ihren Blick von dem Spiegel abzuwenden. »Spaziergänger haben in einem Wald seltsame Gestalten bemerkt, die offenbar keine Menschen oder Tiere waren. Jemand hat sogar ein Foto gemacht, doch leider ist es sehr verschwommen. Was man darauf sieht, könnte ein Geist sein … oder es ist eine lebendige Decke.«

»Ohne Besitzer?«, fragte Nico. »Das wäre ungewöhnlich. Mit meinem Vater hab ich zwar manchmal Wunderdinge in freier Wildbahn aufgespürt, aber –« Er stockte, und man merkte ihm an, dass er am liebsten nicht weitergesprochen hätte. Für einen Moment wurden seine Augen ganz dunkel, so wie immer, wenn es um seinen Vater ging. Dann gab er sich einen Ruck. »Die waren nie dort, wo man sie zufällig hätte sehen können.«

Schnell trat Tilly an seine Seite. »Diesem Rätsel werden wir also auf den Grund gehen, ja?«, fasste sie zusammen.

Wilma wackelte vielsagend mit ihrem Kescher. »Das Rätsel zu lösen, ist nicht genug«, meinte sie. »Sollte es dort tatsächlich wilde Wunderdinge geben, müssen wir sie unbedingt einfangen! Es wäre zu riskant, sie in der Nähe von nicht-eingeweihten Menschen herumirren zu lassen. Wenn sie in falsche Hände geraten, könnten sie verkauft oder sogar zerstört werden! Und natürlich wäre es auch für den Wald nicht gut, wenn so eine Geschichte die Runde macht. Stellt euch vor, plötzlich suchen Horden von Menschen nach angeblichen Geistern und machen dabei alles kaputt. – Hast du gehört?«, fügte sie an den Spiegel gewandt hinzu. »Wunderdinge, Tiere und Pflanzen schweben in Gefahr! Also sei so nett und hilf uns!«

Unendlich langsam schlug der Spiegel die Augen auf. »Hrrrmpf. Was hab ich denn damit zu tun?«, brummelte er.

Das fragte Tilly sich auch. Sie wusste, dass man den Spiegel als eine Art Telefon benutzen konnte, aber mit wem wollte die Wunderlehrerin jetzt sprechen? Ungeduldig wippte Tilly auf den Zehenspitzen, während Wilma sich vorbeugte. Sie flüsterte irgendetwas, und im nächsten Moment gab der Spiegel ein Kreischen von sich.

»WAS? Also, meine werte Wilma Wirbelig, das kannst du gleich vergessen. Ist dir klar, wie viel Kraft mich das kosten würde? Und dann auch noch bei sieben Personen? Danach müsste ich den ganzen Tag lang schlafen!«

»Trifft sich perfekt«, entgegnete Wilma freundlich, aber bestimmt. »Wir werden ohnehin über Nacht wegbleiben. Um genau zu sein, brauchen wir dich erst morgen früh wieder, kurz bevor die Schule anfängt!«

Der Spiegel ließ sich nicht besänftigen. »Ständig muss ich irgendwas machen«, jammerte er. »Am besten, ich gebe meine Magie auf und werde ein ganz gewöhnlicher Gegenstand. Dann hab ich endlich meine Ruhe.«

»O nein, sag so etwas nicht!« Pip streckte die Hand aus und tätschelte den hölzernen Rahmen. »Das kannst du uns auf gar keinen Fall antun. Wir brauchen dich doch, du tolles, glänzendes Spiegilein!«

Vermutlich wusste Pip genauso wenig wie Tilly, was Wilma von dem Spiegel wollte, aber sie war geübt im Umgang mit bockigen Wunderdingen. Bei ihr zu Hause gab es nämlich auch ein paar von dieser Sorte. Tilly beobachtete, wie ihre Freundin den murrenden Spiegel streichelte, dann hatte sie eine Idee. Eilig öffnete sie ihren Rucksack, und Lux kam ins Freie geschossen. Er schüttelte sich empört, dehnte seine Kerzenarme und ließ dabei Totenköpfe, Blitze und Rufzeichen aus Rauch aufsteigen – fast wie eine schimpfende Figur aus einem Comic.

»Tut mir sehr leid, dass du es so eng hattest«, sagte Tilly zerknirscht. »Aber warte, ich mach es gleich wieder gut.« Sie wühlte in ihrem Rucksack, bis sie eine bunt bedruckte Flasche gefunden hatte. Darin war das duftende Zitronen-Putzmittel, das ihre Eltern immer benutzten. Schon vor Tagen hatte Tilly dem Spiegel versprochen, es für ihn mitzubringen. Nun spritzte sie etwas davon auf ein Taschentuch und polierte erst das Spiegelglas, dann Lux’ metallenen Sockel.

Lux zappelte, als wäre er kitzelig, doch nach einer Weile puffte er ein kleines, fröhliches Feuerwerk in die Luft. Erleichtert schaute Tilly wieder zum Spiegel, dessen Laune sich ebenfalls gebessert hatte. »Hmmm«, summte er, »nicht schlecht. Wurde aber auch Zeit, dass man mich ordentlich putzt! Nur fleckenfreies Glas ist zu hundert Prozent durchlässig, versteht ihr?«

»Äh, nein«, gab Tilly zu und verstaute das Putzmittel wieder in ihrem Rucksack. Ihr Kopf flog hoch, als Pip neben ihr ein leises Quietschen ausstieß. Auch die anderen Wunderschüler drängten sich jetzt vor den Spiegel. Er zeigte plötzlich nicht mehr die vollgestopfte Werkstatt, sondern … ein Badezimmer. Ein sehr kleines, finsteres Badezimmer mit einer winzigen Dusche und einem Klo, über dem das Bild eines Papageis hing.

»Was zum …« Gabriel beugte sich so weit vor, dass er beinahe mit der Nase gegen das blank polierte Glas prallte. Trotzdem war er nicht im Spiegel zu sehen. Es wirkte eher, als blickte er durch ein Fenster.