Die Seehexen von Positano - Sarah Penner - E-Book + Hörbuch

Die Seehexen von Positano Hörbuch

Sarah Penner

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Beschreibung

Machtvolle Zauberei. Ein versunkener Schatz. Eine verbotene Liebe auf hoher See.

Haven Ambrose, eine der führenden Meeresarchäologinnen, ist in das sonnige Städtchen Positano gekommen, um die mysteriösen Schiffswracks an der Amalfiküste zu untersuchen. Insgeheim hofft sie aber, noch mehr zu finden: Sie ist auf der Suche nach einer Truhe mit unschätzbaren Edelsteinen, die ihr Vater auf seinem letzten Tauchgang entdeckt hatte. Nach Havens Ankunft beginnen jedoch seltsame Unglücke die Stadt heimzusuchen. Ist es nur die Natur oder ist hier etwas Düsteres im Gange?

Bei der Suche nach dem Schatz entdeckt Haven eine Erzählung über uralte Magie und eine Frau, die durch die legendäre Kraft der stregheria, der Macht des Ozeans, ihren Geliebten und ihr Dorf retten wollte. Könnte diese Magie hinter den seltsamen Unfällen in Positano stecken? Haven muss den Fluch von Amalfi lösen, bevor alles zerstört wird.

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Zeit:12 Std. 11 min

Veröffentlichungsjahr: 2026

Sprecher:Charlotte Puder; Michael Schrodt

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Zum Buch

Haven Ambrose, eine der führenden Meeresarchäologinnen, ist in das sonnige Städtchen Positano gekommen, um die mysteriösen Schiffswracks an der Amalfiküste zu untersuchen. Insgeheim hofft sie aber, noch mehr zu finden: Sie ist auf der Suche nach einer Truhe mit unschätzbaren Edelsteinen, die ihr Vater auf seinem letzten Tauchgang entdeckt hatte. Nach Havens Ankunft beginnen jedoch seltsame Unglücke die Stadt heimzusuchen. Ist es nur die Natur oder ist hier etwas Düsteres im Gange?

Bei der Suche nach dem Schatz entdeckt Haven eine Erzählung über uralte Magie und eine Frau, die durch die legendäre Kraft der stregheria, der Macht des Ozeans, ihren Geliebten und ihr Dorf retten wollte. Könnte diese Magie hinter den seltsamen Unfällen in Positano stecken? Haven muss den Fluch von Amalfi lösen, bevor alles zerstört wird.

Zur Autorin

Sarah Penner ist Mitglied in der Historical Novel Society sowie der Women‘s Fiction Writers Association. Nach dreizehn Jahren im Finanzsektor arbeitet sie seit dem Erfolg ihres Debütromans als Vollzeit-Autorin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrer kleinen Dackeldame Zoe in St. Petersburg, Florida. Ihr Debüt »Die versteckte Apotheke« wurde weltweit in vierzig Sprachen übersetzt und zu einem internationalen Bestseller. Ende 2023 erscheint ihr zweiter Roman »Die geheime Gesellschaft«. Mehr Informationen zur Autorin gibt es unter slpenner.com

Sarah Penner

Die Seehexen von Positano

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Ursula Rasch und Julia Walther

HarperCollins

Die Originalausgabe erschien 2025 unter dem Titel

The Amalfi Curse bei Park Row Books, Toronto.

Deutsche Erstausgabe

© 2026 HarperCollins in der

Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH

Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg

[email protected]

Covergestaltung von FAVORITBÜRO, München

Coverabbildung von © John Falkner, © English School / Bridgeman Images|atk work / Shutterstock

E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN9783749909735

www.harpercollins.de

Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte des Urhebers und des Verlags bleiben davon unberührt.

Für meinen Ehemann, Marc

Und auf dem Strudel, wo das Schiff

versank, kreist ungestüm

das Boot, verklungen ist der Ton;

der Berg nur spricht von ihm.

(»Die Ballade vom alten Seemann«, 1798)

Registro degli incantesimi marini

Verzeichnis der von den streghe oder Seehexen von Amalfi angewandten Zauberformeln.

Incantesimo di riflusso – ein Zauberspruch, der Wasser zum Verebben bringt

Hilfsmittel: ein Donnerkeil

Incantesimo di flusso – ein Zauberspruch, der Wasser zum Strömen bringt

Hilfsmittel: eine Große Perlmuschel

Incantesimo divinatorio – ein Zauberspruch, der die Lage von Gegenständen im Wasser anzeigt

Hilfsmittel: eine Kette mit sechs Hexensteinen aus dem Meer

Incantesimo raffreddare – ein Zauberspruch, der die Wassertemperatur mithilfe einer kalten Wassersäule senkt

Hilfsmittel: die getrocknete Eikapsel eines Knorpelfischs, auch Meerjungfrauen-Handtasche genannt

Incantesimo dell’elemento – ein Zauberspruch, der die Zusammensetzung des Wassers verändert

Hilfsmittel: die versteinerte Schnauze eines Sägefischs oder eine Venuskammschnecke

Incantesimo vortice – ein Zauberspruch, der einen Strudel oder Wasserwirbel hervorruft

Kein Hilfsmittel erforderlich.

Incantesimo centuriaria – ein Zauberspruch, der einen gewaltigen Strudel oder Wasserwirbel hervorruft, der hundert Jahre anhält.

Kein Hilfsmittel erforderlich, aber die strega muss ihr cimaruta-Schutz-Amulett abnehmen, um diesen Zauberspruch auszuführen.

Prolog

Brief an Matteo Mazza in Neapel, Italien

Montag, 9. April 1821

Signor Mazza,

wir hatten noch keine Gelegenheit, uns persönlich kennenzulernen, aber ich bitte Sie inständig, sehr ernst zu nehmen, was ich Ihnen zu sagen habe.

Sie sind der Eigner von Neapels erster Schifffahrtsgesellschaft, und Ihr Unternehmen ist auf Gedeih und Verderb dem Meer ausgeliefert. Allerdings bin ich kürzlich zu der Überzeugung gelangt, dass das Meer einer anderen Macht gehorcht: nämlich einer kleinen Gruppe von Frauen, die in Positano ansässig sind.

So mancher hat sich in den vergangenen Jahren über das Glück des winzigen Fischerdorfes gewundert mit seinen so dauerhaft günstigen Bedingungen und seiner Lage am Meer. So sind beispielsweise die Gezeiten verdächtig ruhig. Seefahrer haben schon oft bemerkt, wie wenig das Dorf, wie wenig das Ufer ausgehöhlt ist, obwohl es kaum ein natürliches Riff zu seinem Schutz gibt und es sich nicht in eine Bucht schmiegt. Wieso werden die sturmgepeitschten Klippen von Amalfi und Minori immer wieder von Abbrüchen und Steinschlägen heimgesucht, Positano hingegen nicht?

Und dann dieser Überfluss an Goldbarschen und Pezzogne. Wie kann es sein, dass es Tage gibt, an denen andernorts die Fischer nur Beifang oder gar leere Netze nach Hause bringen, während die Männer von Positano mit einem stattlichen Fang gesegnet sind? Selbst bei Viertelmond. Es scheint, als hätte der Zyklus des Mondes keine Auswirkung auf dieses Dorf.

Ah, aber Gezeiten und Fische sind nur ein Aspekt. Piraten dagegen eine ganz andere Sache. Also, ich möchte den Menschen, mit denen Sie verkehren, ja nichts unterstellen, Signor Mazza, aber Ihnen müssen diese Ungereimtheiten doch auch aufgefallen sein: Es gibt keine Aufzeichnungen, dass jemals Piraten in Positano gelandet sind.

Diese Freibeuter brandschatzen Schiffe um Sizilien. Sie plündern von Salerno bis Capri. Würde ich mit Nadeln auf einer Karte die Orte markieren, an denen Piraten unsere Küste überfallen haben, würde eine perfekte Linie entstehen, die an der gesamten Amalfiküste entlangführen würde – alle Dörfer wären davon eingeschlossen, bis auf eines. Nur eines!

Ich wage zu behaupten, dass Positano einen abgeschirmten Eindruck macht. Beschützt. Bevorzugt.

Andernorts auf der Halbinsel klagen die Menschen über unreines Meerwasser, Plünderer, schlechte Fänge. Ja, Positano floriert, sagen sie zu mir, aber wir würden niemals mit unseren Familien dorthin ziehen, denn ihr Glück wird bald vorbei sein. Es kann jederzeit so weit sein. Lass dir das gesagt sein!

Selbst manche der Einwohner von Positano sind verwundert über ihr Glück. Die Männer sind wohlgerüstet, sicherlich rechnen sie demnächst mit einem Piraten-Überfall. Andere salzen, trocknen und konservieren ihre Fische, gewiss, dass ihre Quellen bald versiegen werden. Wieder andere weigern sich, zu nahe an der Küste zu bauen: Die Klippen werden nächstens abbrechen, sagen sie, und die Bewohner dort oben in einen steinigen Tod schicken.

Irgendetwas geht dort in Positano vor – ein äußerst gut gehütetes Geheimnis.

Und ich meine, genau zu wissen, worin dieses Geheimnis besteht.

Wie wäre es mit einem Geschäft, Signor Mazza? Für gutes Geld bin ich durchaus gewillt, Ihnen zu enthüllen, was ich weiß – zu berichten, was ich erfahren und gesehen habe. Wen ich gesehen habe.

Ich kann nur spekulieren, welches Vermögen Ihnen dieses Wissen einbringen würde.

Bitte antworten Sie, sobald es Ihnen passend ist.

Unterschrieben,

Ihr ergebenster Freund, Partner etc.

1: Mari

1

Mari

Mittwoch, 11. April 1821

Eine lang gezogene, dunkle Meeresküste unter der steilen Felswand des Dorfes Positano. Zwölf Frauen zwischen sechs und vierundvierzig saßen dort im Kreis. Es war zwei Uhr in der Früh, direkt über ihnen der zunehmende Mond.

Eine der Frauen erhob sich, zerstörte dadurch das Rund. Ihr Haar war zinnoberrot, wie schon seit ihrer Geburt. Vollständig bekleidet schritt sie ins hüfthohe Wasser. Mit den Fingern einen Donnerkeil umklammernd, tauchte sie ihre Hände in die Wellen, begann die Lippen zu bewegen und den ersten Teil des Zauberspruchs incantesimo di riflusso zu rezitieren, den sie als Kind gelernt hatte. Innerhalb weniger Augenblicke begann die Unterströmung, die sie heraufbeschworen hatte, um ihre Knöchel zu wirbeln. Die Strömung zog Richtung Süden, weg von ihr.

Mühsam watete sie aus dem Wasser zurück an die Küste.

Eine zweite Frau mit hellerem Haar von der Farbe einer Dattelpflaume erhob sich aus dem Kreis. Auch sie näherte sich dem Meer und tauchte ihre Hände unter die Wasseroberfläche. Still richtete sie ihren Zauberspruch an das Meer, zufrieden, als sie spürte, wie die Unterströmung noch stärker wurde. Sie wandte ihren Blick zum Horizont, einer beständigen schwarzen Linie, wo der Himmel auf das Meer traf, und lächelte.

Wie all die anderen Dorfbewohner entlang der Küste wussten auch diese Frauen, was sie erwartete: Eine Anzahl von Piratenschiffen hatte sich nordöstlich von Tunis auf den Weg gemacht. Die Winde waren günstig, so hatten ihre Quellen verlauten lassen, und die kleine Flotte wurde innerhalb des nächsten Tages erwartet.

Ihr Ziel? Vielleicht Capri, Sorrent, Maiori. Manche dachten, es könnte vielleicht sogar Positano sein – vielleicht endlich Positano.

Daher hatten die Fischer entlang der gesamten Amalfiküste beschlossen, am folgenden Tag bis in die Nacht hinein bei ihren Familien zu Hause zu bleiben. Sie wären auf dem Wasser nicht sicher. Das genaue Ziel dieser Piraten war unbekannt, und was sie wollten, blieb ebenfalls ein Geheimnis. Gierige Piraten waren auf allerlei Arten von Beute aus. Hungrige Piraten suchten nach Netzen voller Fisch. Lüsterne Piraten wollten Frauen.

Am Strand stand eine dritte und letzte Frau aus dem Kreis auf. Ihre Haare hatten den satten, tiefroten Farbton von Blut. Rasch entkleidete sie sich. Sie mochte das Gefühl von nassem Tuch auf ihrer Haut nicht, und die anderen Frauen hatten sie bestimmt schon tausendmal nackt gesehen.

In der einen Hand hielt sie einen Donnerkeil, in der anderen das Ende eines Seils, das an einem schweren Anker festgebunden war, der in der Nähe im Sand lag. Ihr Part war es, den letzten Teil des heutigen Zauberspruchs vorzutragen. Ihre Rezitation war die wichtigste und mächtigste, und nachdem sie vollendet war, würde die landauswärts strebende Unterströmung noch heftiger sein – daher das Seil, das sie sich fest um den Leib wickeln würde, ehe sie ihren Zauber vollzog.

Es war ein gefährliches, unheimliches Unterfangen. Und dennoch war von den zwölf Frauen, die sich in dieser Nacht am Wasser versammelt hatten, die zwanzigjährige Mari DeLuca für diese abschließende Aufgabe am besten geeignet.

Sie waren streghe del mare – Seehexen –, die eine einmalige Macht über den Ozean besaßen. Sie rühmten sich einer Zauberkraft, die nirgendwo sonst auf der Welt zu finden war, begründet in ihrem Geschlecht, das auf die Sirenen zurückging, die einst die Li-Galli-Inselchen in der Nähe bewohnt hatten.

Ihretwegen würden die Piraten am nächsten Tag nicht in Positano landen. Die Männer würden nicht an ihr Hab und Gut, ihre Nahrungsmittel, ihre Töchter Hand anlegen. Wie auch immer die Piraten ihre Segel auftakelten, ihnen würde kein Durchkommen durch die Unterströmung gelingen, die die Frauen jetzt vom Meeresboden heraufbeschworen. Sie würden sich nach Osten oder Westen wenden. Sie würden anderswo landen.

Das taten sie immer.

Während der Stammbaum der anderen Frauen verschlungen und unübersichtlich war, angefüllt mit Söhnen oder von Eheschließungen durcheinandergebracht, war die Abstammung von Mari DeLuca perfekt: Ihre Mutter war eine strega, wie auch die Mutter ihrer Mutter und so fort. Die Linie ließ sich Tausende von Jahren bis zu den Sirenen zurückverfolgen. Unter den Frauen, die sich in dieser Nacht am Strand befanden, war Mari die einzige strega finisima.

Das bürdete ihr so manche große Verantwortung auf. Denn sie konnte das Wasser instinktiv besser lesen als alle anderen. Außerdem hatten ihre Zaubersprüche die größte Kraft. Sie allein konnte Dinge bewirken, für die es ansonsten die geballte Kraft von zwei oder drei der anderen streghe brauchte. Daher war sie die Anführerin der anderen elf Frauen. Ihre Meisterin, Lehrerin, Entscheiderin.

Oh, aber was für eine Schande, dass sie das Meer so sehr hasste.

Während sie auf das Wasser zutrat, löste Mari ihren langen Zopf. Es war ihr auffallendstes Merkmal, solch blutrotes Haar gab es in Italien eigentlich nicht. Andererseits war so einiges ungewöhnlich, was Mari geerbt hatte. Sie verspannte sich, als die kalten Wellen über ihre Füße schossen. Eigentlich sollte meine Mutter dies tun, dachte sie bitter. Dieser Groll hatte sie in den vergangenen zwölf Jahren niemals verlassen, seit der Nacht, in der die achtjährige Mari zusehen musste, wie sich das Meer ihre Mutter Imelda holte.

In jener schrecklichen Nacht, gerade der Mutter beraubt, taumelnd vor Entsetzen, hatte Mari erkannt, dass das Meer nicht länger ihr Freund war. Aber noch schlimmer als das war die Sorge um ihre jüngere Schwester Sofia gewesen. Wie sollte Mari ihr nur diese Nachricht überbringen? Wie sollte sie sich mit ebenso viel Geduld und Wärme wie ihre mamma um die temperamentvolle Sofia kümmern?

Ihr blieb kaum Zeit zu trauern. Bereits am nächsten Tag ernannten die anderen streghe die junge Mari zur strega finisima. Ihre Mutter hatte sie schließlich gründlich unterwiesen, und sie verfügte von Geburts wegen über größere Fähigkeiten als alle anderen. Niemanden schien es zu stören, dass Mari so jung, zart und untröstlich war oder dass sie von nun an das Meer hasste, über das sie solche Macht besaß.

Aber verloren nicht alle Kinder ihre Mutter irgendwann? Und die lebhafte Sofia war Grund genug gewesen weiterzumachen – sie war Balsam für Maris blutendes Herz. Wegen Sofia war sie zuverlässig und diszipliniert. Sogar heiter, jedenfalls meistens. Solange Sofia bei ihr war, würde Mari die Verantwortung schultern, die man ihr aufgebürdet hatte, bereitwillig oder auch nicht.

Jetzt, mit den Zehen im Wasser, durchfuhr Mari ein plötzlicher Stich der Angst, wie es bei solchen Gelegenheiten oft passierte.

Weder Mamma noch Sofia waren heute Nacht bei ihr.

Mari stieß langsam den Atem aus. Das hier war ein wichtiger Moment, an den sie sich später erinnern würde. Denn er bedeutete das Ende eines zwei Jahre währenden, quälenden Zauderns. Keine der Frauen am Strand ahnte es, aber dieser Zauberspruch, diese Beschwörung, die sie jetzt gleich vortragen würde, würde ihre letzte sein. In wenigen Wochen würde sie fortgehen, sich befreien. Und der Ort, wohin sie sich wenden würde, lag zum Glück weit entfernt vom Meer.

Mit geschlossenen Augen ließ Mari ihren nackten Körper ins Wasser gleiten und verfluchte das Stechen, als es schmerzhaft in eine kleine Verletzung an ihrem Knöchel drang. Sofort wandelte sich das Wasser, das sie umgab, von Dunkelblau in ein tintiges Schwarz, wie Balsamessig. Mari war dieses Phänomen bereits ihr Leben lang vertraut: Das Meer spiegelte ihre Stimmung wider, ihr Temperament.

Als Kind hatte sie es großartig gefunden, wie der Ozean ihre geheimsten Gedanken lesen konnte. Unzählige Male hatten ihre Freundinnen sie darum beneidet. Doch jetzt drohte das schwarze Wasser, das um ihre Beine schwappte, die Geheimnisse zu verraten, die Mari bewahren wollte, und sie war froh um die Dunkelheit, weil sie darin ihre Gefühle vor den Frauen am Strand besser verbergen konnte.

Sie war erst halb im Meer, da konnte sie bereits die Strömungsänderungen fühlen: Die beiden Frauen vor ihr hatten ihren Part sehr gut gemacht. Das immerhin war ermutigend. Ein paar scharfkantige Steine, von der Unterströmung herumgewirbelt, kratzten wie Dornen über die Oberseite ihrer Füße, und sie musste sich sehr konzentrieren, um sich gegen den Sog, der sie hinaus ins offene Meer ziehen wollte, zu behaupten. Sie breitete ihre Arme aus und hielt so das Gleichgewicht, wie ein müder Vogel, der auf einem schwankenden Ast mit den Flügeln flattert.

Sie wickelte sich das Seil zweimal um den Unterarm. Sobald sie sich sicher fühlte, begann sie den Zauberspruch zu intonieren. Mit jedem Wort, tira und obbedisci – ziehe und gehorche – zog sich das Seil enger auf ihrer Haut zusammen. Rasch verstärkte sich die Unterströmung mit noch mehr Macht, als sie erwartet hatte. Sie zuckte zusammen, als das Seil ihre Haut zerriss und sogleich brennendes Meerwasser in die frische Wunde drang. Sie begann zu taumeln, verlor die Balance und beendete den Spruch so schnell wie möglich, damit ihr das Seil nicht den Arm zerfleischte.

Nächte wie diese würde sie nicht vermissen, ganz sicher nicht.

Als sie fertig war, winkte Mari zum Zeichen für die anderen Frauen, sie wieder an Land zu holen. Sofort spürte sie den Zug am anderen Ende des Seils, und kurz darauf war sie in seichten, sanften Gewässern. Die restliche Strecke kroch sie auf Händen und Knien. Als sie sicher am Strand angelangt war, legte sie sich hin und ruhte sich aus, wobei Sand und Kieselsteine unangenehm an ihrer nassen Haut hafteten. Sie würde sich später gründlich waschen müssen.

Das alles war schrecklich zeitaufwendig.

Plötzlich hörte sie jemanden rufen. Mari setzte sich auf und spähte in der Dunkelheit umher. Ami, ihre beste Freundin, stand knietief im Wasser und kämpfte darum, ihr Gleichgewicht zu halten.

»Lia!«, schrie Ami hysterisch. »Lia, wo bist du?«

Lia war Amis sechs Jahre alte Tochter, eine strega in der Ausbildung, mit zartroten Haaren. Noch wenige Augenblicke zuvor war sie im Kreis der Frauen gesessen, die spindeldürren Beine an die Brust gezogen, und hatte das Wirken des Zaubers verfolgt.

Mari sprang auf und stolperte, als sie auf das Meer zulief.

»Nein, bitte nicht!«, rief sie. Falls Lia wirklich im Wasser war, würde sie es unmöglich alleine zurück an den Strand schaffen. Sie war kleiner als andere Mädchen ihres Alters, ihre Knochen zerbrechlich wie Muschelschalen, und obwohl sie schwimmen konnte, hatte sie der Macht der Wellen nichts entgegenzusetzen. Der alleinige Zweck des Zauberspruchs war es gewesen, die Wogen in das tiefe, dunkle Meer hinauszuschicken, und zwar mit so viel Macht, ein Piratenschiff abzuwehren.

Außerdem trug Lia keine cimaruta, ein magisches Amulett, das den anderen Frauen in Bedrängnis große Kraft und Stärke verlieh. Dafür war sie noch zu jung: Streghe bekamen ihre cimaruta erst mit fünfzehn, wenn ihre Zauberkräfte herangereift waren und man sie für ausreichend bewandert in ihrer Kunst erachtete.

Sogleich waren alle Frauen vom Strand an den Meeressaum gelaufen und starrten auf die unruhige Wasseroberfläche. Die Frauen mochten zwar mächtig sein, aber unsterblich waren sie nicht. Und wie Mari nur zu gut wusste, konnten sie ertrinken wie jeder andere auch.

Mari drehte sich im Kreis und suchte mit den Augen den Strand ab. Plötzlich verkrampfte sich ihr Magen, sie beugte sich nach vorne, ihr Sichtfeld verdunkelte sich und sie schmeckte Galle.

Das Ganze war zu vertraut – das Drehen im Kreis, das Prüfen des Horizonts auf der Suche nach jemandem.

Zuerst sieht man nichts.

Und dann sieht man das Schlimmste.

Wie damals, als sich das kupferfarbene Haar ihrer Schwester um die Schultern ihres schlaffen Körpers ausgebreitet hatte, während sie mit dem Gesicht nach unten im rollenden Wellengang trieb.

Mari hatte die vierzehnjährige Sofia nicht vor dem bewahren können, was auch immer ihr an diesem Tag vor nur zwei Jahren unter den Wellen begegnet war. All die Jahre hatte sich Mari bemüht, ihre Schwester zu beschützen, und dennoch hatte sie am Ende versagt. Sie hatte Sofia im Stich gelassen.

An jenem Tag hatte das Meer wieder einmal bewiesen, dass es nicht nur gierig, sondern auch bösartig war, etwas zutiefst Verabscheuungswürdiges.

Und irgendwann hatte Mari beschlossen, davor zu fliehen.

Jetzt fiel sie auf die Knie, ihr war zu schwindlig, um sich auf den Beinen zu halten. Es fühlte sich an, als wäre ihr Körper zurückversetzt an jenen unglücklichen Morgen. Sie beugte sich vor, musste sich übergeben …

Plötzlich hörte sie ein Kichern, schrill und verspielt. Es klang genau wie Sofia, und einen Moment lang glaubte Mari zu träumen.

»Hier bin ich, Mamma!«, hörte sie Lias Stimme ganz in der Nähe. »Ich habe im Sand gegraben nach diesen kleinen gran…« Sie brach ab. »Ich habe das Wort vergessen.«

Ami schrie auf, erleichtert und zugleich verärgert. Sie lief zu dem Kind und drückte es an ihre Brust. »Granchio«, sagte sie. »Und wage es ja nicht, mich noch einmal so zu erschrecken!«

Mari setzte sich auf, so unendlich erleichtert. Sie hatte keine Kinder, war nicht einmal verheiratet, aber Lia fühlte sich manchmal wie ihr eigenes Kind an.

Sie bemühte sich, ruhiger zu atmen. Lia geht es gut, murmelte sie leise zu sich selbst. Es ist alles in Ordnung, sie ist an Land, direkt hier bei uns. Und obwohl ihr Atem allmählich wieder ruhiger wurde, musste sie sich noch einmal umdrehen und ihren Blick über die Wellen schweifen lassen.

Die Frauen, die die Zaubersprüche vollzogen hatten, streiften sich trockene Kleider über.

Lia wand sich aus Amis Umklammerung und schlich sich zu Mari, die sie mit einer warmen, festen Umarmung willkommen hieß. Mari beugte sich über das Mädchen und küsste es auf die Stirn, atmete ihren Duft nach Orangen, Zucker und Schweiß ein.

Lia wandte ihr schmales Gesicht Mari zu, die Lippen fragend geschürzt. »Wird uns der Zauberspruch für immer vor den Piraten beschützen?«

Mari lächelte. Wenn es doch nur so einfach wäre. Sie dachte an das Piratenschiff, das sich in dieser Nacht der Halbinsel näherte. Falls es tatsächlich Positano zum Ziel hatte, konnte sie sich die Reaktion des Kapitäns vorstellen. Diese verfluchten Strömungen, mochte er schimpfen. Was ist nur los mit diesem Dorf? Aber dann würde er sich an seinen Bootsmann wenden und ihm befehlen, die Takelage entsprechend zu ändern, und dem Steuermann, einen östlichen Kurs einzuschlagen. Egal wohin, nur nicht in diese verdammten Gewässer, würde er seine Mannschaft anfauchen.

»Nein«, antwortete Mari jetzt. »So funktioniert unsere magia nicht.«

Sie hielt inne und überlegte, was sie dem Mädchen noch erzählen konnte. Beinahe jeder Zauber, den die Frauen anwendeten, verflüchtigte sich innerhalb von ein paar Tagen wieder. Doch es gab einen einzigen Fluch, den vortice centuriaria, der hundert Jahre andauerte. Er konnte nur angewendet werden, wenn eine strega ihr schützendes cimaruta-Amulett ablegte. Und der Preis für diesen Zauber war ungeheuer: Die jeweilige Frau musste ihr Leben opfern, damit er seine volle Wirkung entfalten konnte. Soweit Mari wusste, war der Zauber Hunderte, wenn nicht Tausende von Jahren nicht mehr vollzogen worden.

Aber für ein so ernstes Thema war jetzt nicht der richtige Augenblick, daher begnügte sie sich mit einer einfachen Erklärung. »Unsere Zauber wirken meist ein paar Tage. Vergleichbar mit den Auswirkungen eines Sturms auf den Ozean: Er wühlt ihn auf und schleudert ihn herum. Und nach und nach beruhigen sich die Wogen wieder. Letztendlich behält das Meer immer die Oberhand.«

Wie sehr sie es hasste, das zuzugeben. Denn selbst der gefürchtete Strudel vortice centuriaria klang irgendwann ab. Die Frauen hatten große Macht über das Meer, das ja, aber sie beherrschten es nicht.

»Deshalb ist es wichtig, dass wir in engem Kontakt mit unseren Informanten stehen«, fuhr Mari fort. »Das sind Leute, die uns Bescheid geben, wenn Piraten oder fremde Schiffe auf offener See gesichtet werden. Da wir wissen, dass unser Zauber nur einige Tage anhält, müssen wir weise damit umgehen. Wir dürfen den Wasserzauber nicht zu früh, aber auch nicht zu spät aussprechen. Unsere Fischer brauchen sichere, ruhige Gewässer, um ihre Netze auszuwerfen, daher dürfen wir das Meer nur dann verzaubern, wenn wir sicher sind, dass wir bedroht werden.« Sie lächelte und fühlte sich ein bisschen selbstzufrieden. »Wir machen das sehr gut, Lia.«

Lia setzte sich neben Mari und zeichnete mit dem Finger ein großes Oval in den Sand. »Mamma hat gesagt, dass ich alles mit dem Meer machen kann, wenn ich älter bin. Alles.«

Das war eine verlockende Vorstellung, diese Idee, die vollkommene Kontrolle über den Ozean zu haben. Aber sie war falsch. Ihre Zaubersprüche waren eigentlich recht einfach und es gab auch nur ein paar davon – insgesamt sieben –, und sie folgten den Gesetzen der Natur.

»Ich möchte gerne einen dieser großen, weißen Bären sehen«, fuhr Lia fort. »Deswegen werde ich einen Eisberg von der fernen Arktis herbeizaubern.«

»Leider«, erwiderte Mari, »fürchte ich, dass das zu weit ist. Wir können die Piraten vertreiben, die sich in unserer Nähe befinden. Aber die Arktis? Weißt du, da gibt es so viele Landmassen, die uns von deinen geliebten Eisbären trennen …«

»Dann werde ich mich eben anderen Seehexen anschließen, wenn ich älter bin«, meinte Lia. »Solchen, die näher an der Arktis leben.«

»Es gibt nur uns, Liebes. Außer uns sind da keine anderen Seehexen.« Als sie Lias Stirnrunzeln bemerkte, erklärte sie: »Wir stammen von den Sirenen ab, die auf diesen Inseln lebten.« Sie deutete zum Horizont, wo die Li-Galli-Inselgruppe aus dem Wasser ragte. »Und wir sind die einzigen Frauen auf der Welt, die Macht über das Meer geerbt haben.«

Lia sackte mit einem Seufzer in sich zusammen.

»Aber du wirst zu vielen Dingen befähigt sein«, ermutigte Mari sie. »Nur nicht zu allen.«

Wie zum Beispiel die Menschen zu retten, die man liebt. Bis zum heutigen Tag fühlte sich der Verlust von Sofia so sinnlos und unnötig an. Die Schwestern hatten sich in seichtem Wasser befunden, Radschlagen und Handstände geübt und nach Meerglas getaucht. Unzählige Male hatten sie ihre Nachmittage so verbracht. Später fragte sich Mari immer wieder, ob sich Sofia beim Tauchen den Kopf am Meeresboden angeschlagen hatte oder ob sie aus Versehen einen Mund voll Wasser eingeatmet hatte. Was auch immer geschehen war, Sofia war lautlos unter die sich kräuselnden Wellen geglitten.

Sie spielt mir einen Streich, dachte Mari damals, als die Minuten verstrichen. Sie hält die Luft an und taucht jeden Moment wieder auf. Die Mädchen hatten sich oft einen Spaß daraus gemacht zu erraten, wo die andere an die Oberfläche kommen würde. Aber Sofia tauchte nicht wieder auf, dieses Mal nicht. Und da sie noch nicht ganz fünfzehn war, trug sie auch noch kein cimaruta-Amulett.

Lia begann ihr Oval am Rand mit kleinen Strichen zu verzieren. Sie malte ein Auge mit Wimpern. »Mamma hat gesagt, dass du mehr Macht hast als sie«, verkündete sie. »Dass man zwei oder drei streghe braucht, um das zu erreichen, was du allein schaffst.«

»Ja«, sagte Mari. »Das stimmt.«

»Wegen deiner mamma, die gestorben ist?«

Mari zuckte zusammen. »Ja. Und wegen meiner nonna und ihrer mamma und so fort. Die Linie reicht viele tausend Jahre zurück. Es ist etwas Besonderes in unserem Blut.«

»Aber in meinem nicht.«

»Du bist in vielerlei Hinsicht besonders. Denk zum Beispiel an die kleinen Hornhechte. Du entdeckst sie immer als Erste, obwohl sie fast unsichtbar und furchtbar schnell sind.«

»Das ist doch einfach«, widersprach Lia mit gerunzelter Stirn.

»Für mich nicht. Verstehst du? Wir alle haben unsere besonderen Fähigkeiten.«

Plötzlich blickte Lia zu Mari auf. »Aber ich hoffe trotzdem, dass du nicht sterben musst, weil du dieses andere, besondere Blut hast, das sonst niemand hat.«

Mari wich zurück, verblüfft von Lias Bemerkung. Es schien beinahe, als hätte das Mädchen Maris geheime Pläne gespürt. »Lauf und such deine mamma«, forderte sie Lia auf, die sofort aufstand und dabei ihr Kunstwerk im Sand zerstörte.

Nachdem sie weg war, blickte Mari zu dem Abhang hinüber, der sich hinter ihnen erhob. Dieser Strand war nicht der Ort, wo sie normalerweise ihren Zauber ausübten. Dazu brachte Mari die Frauen sonst mit kleinen Kähnen, in denen je sechs Frauen Platz fanden, in eine der nahe gelegenen Höhlen oder Grotten, wo sie vor neugierigen Blicken geschützt waren. Aber heute Nacht war es anders gewesen – bei einem der gozzi hatte sich die Vertäuung gelöst, und er war aufs offene Meer hinausgetrieben. Damit war den Frauen nur noch ein Boot geblieben, das nicht groß genug war, um sie alle zu befördern.

»Dann versammeln wir uns stattdessen hier am Strand«, hatte sie gedrängt. »Wir brauchen ja nur ein paar Minuten.« Außerdem war es mitten in der Nacht, und zumeist verbargen Wolken den Mond, sodass es sehr dunkel war.

Obwohl ihr einige der Frauen besorgte Blicke zuwarfen, hatten letztendlich alle zugestimmt.

Mari stand da und drückte Wasser aus ihrem Haar. Es war bald drei Uhr, und alle Frauen gähnten.

Sie stopfte das nasse Seil in ihre Tasche und kleidete sich rasch an. Dabei zog sie das Unterkleid über das schützende cimaruta-Amulett. An ihrer Kette hingen kleine Anhänger aus dem Meer und von der Küste: eine Mondschnecke, ein fossiler Ammonit, ein Stück Bimsstein. Kürzlich hatte Mari ein kleines Korallenstück gefunden, das perfekt wie ein Berg geformt war. Das mochte sie ganz besonders. Berge erinnerten sie an das Innere des Landes, was sie an Freiheit denken ließ.

Als sich die Frauen auf den Weg die Klippe hinauf machten, spürte Mari eine leichte Berührung am Arm. »Pst«, flüsterte Ami. In ihrer Hand hielt sie einen kleinen Umschlag, der in der Mitte fest gefaltet war.

Maris Herz machte einen Satz. »Ein Brief.«

Ami zwinkerte ihr zu. »Er ist gestern gekommen.«

Seit dem letzten waren zwei Wochen vergangen, und obwohl Mari versucht war, den Umschlag sofort aufzureißen und bei Mondlicht zu lesen, steckte sie ihn in ihren Ausschnitt. »Danke«, flüsterte sie.

Plötzlich bemerkte Mari aus dem Augenwinkel eine Bewegung, etwas im Hafenbecken, ganz in der Nähe. Zuerst dachte sie, sie hätte sich das Ganze eingebildet – die Nacht war voller Schatten. Aber dann erkannte sie eine dunkle Gestalt, die sich hastig entfernte und hinter einem kleinen Haus aus ihrem Blickfeld verschwand, und keuchte unwillkürlich auf.

Etwas – jemand – war definitiv dort gewesen. Ein Mann. Vielleicht ein heimliches Rendezvous? Oder war er allein gewesen und hatte die Frauen beobachtet?

Mari wandte sich um und wollte Ami davon erzählen, aber ihre Freundin war bereits vorausgegangen und hatte ihre Hand beschützend auf Lias Schulter gelegt.

Als sie auf den schmutzigen Pfad traten, an dem sich Karren und verschlossene Verkaufsbuden aneinanderreihten, drehte sich Mari nochmals um und blickte zurück zum Hafenbecken. Aber dort war nichts, niemand. Das Hafenbecken lag in der Dunkelheit.

Nur eine Täuschung des Mondlichts, versuchte sie sich zu beruhigen.

Außerdem war da dieser äußerst wichtige Brief, den sie in der Sicherheit ihres Hauses unbedingt sofort lesen wollte.

2: Haven

2

Haven

Montag

An meinem ersten Morgen in Positano erwachte ich von Sirenengeheul.

Ich drehte mich um und tastete vom Bett aus nach meinem Handy. 8.22 Uhr. Ein oder zwei Stündchen Schlaf konnte ich mir eigentlich noch gönnen. Normalerweise wäre ich um diese Zeit längst aufgestanden, doch meine innere Uhr lief noch nach heimischer Zeit – die der Florida Keys, von wo ich stammte.

Das Echo ferner Notarztsirenen hallte immer noch nach, eine Reihe hoher, nerviger Heultöne. Mit einem ärgerlichen Seufzer schlug ich die Decke zurück und band meine dunklen Haare zu einem lockeren Knoten hoch.

Ich brauchte einen Moment, um mich in dieser Ferienvilla, die nun ein Jahr lang mein Zuhause sein würde, zurechtzufinden. Ich schlurfte über die kühlen Terrakotta-Fliesen hinaus auf die kleine Terrasse, die nach Südosten zeigte. Von dort aus hatte man einen Panoramablick über das Städtchen Positano mit seinen vielen Gebäuden, die sich in Rosa, Orange und Weiß den gegenüberliegenden Hang hinaufzogen wie Schichten einer Torte. Am Fuß des Berges befand sich der Hauptstrand, der Spiaggia Grande, mit seinen unzähligen, in Reih und Glied aufgestellten Sonnenschirmen. Und dahinter: das Tyrrhenische Meer, in allen Blauschattierungen schillernd.

Diese Aussicht war der Grund, weshalb ich die Villa ausgewählt und mein Team – vier weitere Frauen, allesamt Unterwasserarchäologinnen – bereitwillig zugestimmt hatte. Der Mietpreis lag durchaus im Rahmen unseres Budgets, was ich erstaunlich fand, bis mir klar wurde, dass wir zwar eine fantastische Aussicht, aber dafür wenig Platz hatten. Es gab nur zwei Schlafzimmer, was bedeutete, dass wir sie uns teilen würden und eine von uns mit der Ausziehcouch vorliebnehmen musste.

Trotzdem, diese Aussicht! Nicht ohne Grund galt Positano als Juwel der Amalfiküste. Mein Leben lang schon tauchte ich in Gewässern der Keys und im Atlantik nach Wracks – aber solch ein Meer hatte ich noch nie gesehen. Ich hatte noch nie ein solches Blau gesehen.

Das ferne Sirenengeheul ließ nicht nach, ich trat nach draußen und sah Richtung Bucht. Etwa eine Viertelmeile vom Strand entfernt rasten zwei Boote mit rot blinkenden Lichtern und kreischendem Martinshorn westwärts.

»Guten Morgen«, ertönte eine Stimme hinter mir.

Ich drehte mich um und sah Mal auf die Terrasse heraustreten, in den Händen einen Becher schwarzen Kaffee. Sie und ich waren gestern gemeinsam angekommen, früher als unsere anderen drei Teamkolleginnen, die kommende Woche zu uns stoßen würden. Mal und ich, beide fünfunddreißig, hatten uns während unserer Promotion an der Texas A&M kennengelernt. Als einzige zwei Frauen in einem unserer Laborkurse waren wir sofort Freundinnen geworden.

»Guten Morgen«, grüßte ich zurück. »Hat dich auch der Lärm geweckt?«

Sie nickte. »Ich hab den Notarzt da hoch Richtung Westen fahren sehen.« Sie zeigte auf die Amalfitana, die Straße, über die wir gestern ins Städtchen gekommen waren. Für die Fahrt von Neapel nach Positano hatten wir über eineinhalb Stunden gebraucht, allerdings mit etlichen Stopps, um Fotos zu machen. Und dann noch einem, um an einem sonnenbeschienenen Stand am Straßenrand eine Tüte Aprikosen und Kaktusfeigen zu kaufen. Es war leicht nachzuvollziehen, weshalb die berühmte Amalfitana, vor allem jetzt im Frühsommer, eine der beliebtesten Küstenstraßen der Welt war. Mit der zum Wasser hin abfallenden Kalkstein-Steilküste und dem glitzernden Meer direkt daneben war die Aussicht unvergleichlich.

»Die Hafenpolizei auch«, sagte ich und zeigte Richtung Bucht. Ich beugte mich über die gemauerte Brüstung, die bereits von der Morgensonne erwärmt war. »Kann aber nicht erkennen, wohin sie unterwegs sind.«

Mal fuhr sich mit der Hand durch ihre blonden Haarstoppeln. »Ich frag mich, was da wohl los ist.«

Mit Blick auf ihren Kaffee erwiderte ich: »Keine Ahnung, aber davon brauch ich dringend auch ’ne Tasse.«

»Ich hab drinnen eine Nespresso-Maschine entdeckt«, erklärte sie lächelnd. »Und jede Menge Kapseln.«

Auf dem Weg in die Küche stolperte ich über den Griff eines Koffers und fluchte leise. Wir waren erst zu zweit, und im Innern dieser Villa herrschte jetzt schon Chaos: Gepäckstücke stapelten sich entlang der Wände, Taucherausrüstung hing über den Stühlen, Unterwasserkamerazubehör bedeckte die Arbeitsplatte. Mal und ich hatten uns gestern nicht die Mühe gemacht, uns einzurichten. Stattdessen hatten wir direkt das nächste ristorante auf der Suche nach frischem Fisch und günstigem Wein aus der Gegend angesteuert. Uns blieben nur wenige freie Tage, ehe unser Projekt startete, und diese kleine Pause wollten wir ausnutzen. Heute würden wir mit der zum Haus gehörenden Vespa an den nahen Strand fahren.

Als ich mit meinem Kaffee auf die Terrasse zurückkehrte, stand Mal an der Brüstung und spähte mit zusammengekniffenen Augen aufs Wasser. »Siehst du dieses weiße Boot dort draußen?« Sie zeigte auf den Horizont, wo ich ein weiteres, schnelleres Gefährt ausmachte, das ebenfalls Richtung Westen düste.

»Mist.« Ich hatte den roten Streifen auf dem Bootsrumpf entdeckt. Die italienische Küstenwache. Während sich die Hafenpolizei um unterschiedlichste Angelegenheiten kümmerte, darunter auch relativ triviale, bedeutete der Einsatz der Küstenwache fast überall, dass es um etwas Ernstes ging. Suchen. Retten. Bergen. Solche Dinge.

»Und sie haben es eilig, irgendwo in diese Richtung zu kommen.« Mal zeigte nach Westen, doch unser Sichtfeld wurde vom felsigen Klippenvorsprung behindert, der Positano von den nächsten Dörfern entlang der Küste trennte. »Wenn nur dieser blöde Berg nicht im Weg wäre …«

Wir sahen das Blitzen in den Augen der jeweils anderen. Ich mochte zwar die Leiterin unseres Projektes sein, aber Mal war Tauchmarshall, also für die Sicherheit des Teams unter Wasser verantwortlich. Wenn es hier vor Ort einen Vorfall gab, der die Küstenwache auf den Plan rief, dann wurde Mal von Neugier überwältigt.

Und ich ebenfalls, wenn ich ehrlich war.

Ich stürzte meinen Kaffee hinunter, plötzlich ganz munter. »Dann mal los!«

Wasser war immer mein Spielplatz gewesen. Doch als Tochter eines international anerkannten Unterwasserarchäologen hatte ich vermutlich auch keine andere Wahl gehabt. Es war unvermeidlich, dass mein Vater seinem einzigen Kind beibrachte, den Ozean ebenso sehr zu lieben, wie er es tat. Im Alter von drei Jahren ließ er mich schnorcheln, mit acht durfte ich tauchen. Kurz darauf tauchte ich zu meinem ersten Schiffswrack hinunter.

Natürlich wohnten wir genau am richtigen Ort für so etwas. Am Meeresgrund um die Florida Keys herum liegen mehr als tausend Schiffswracks, viele davon in so seichtem Wasser, dass man nicht einmal einen Neoprenanzug braucht und ein einzelner Sauerstofftank zwei Stunden ausreichen kann. Mein Vater erstellte und veröffentlichte Lagepläne für viele dieser Wracks, womit er sich einen Namen in der Welt der Unterwasserarchäologie machte.

Mit dem Golf von Mexiko vor der Haustür verbrachte ich eine abenteuerliche, ungewöhnliche Kindheit. Samstagmorgens stand grundsätzlich Wracktauchen auf dem Programm. Wir beide gingen irgendwo vor der Küste vor Anker, hissten unsere rot-weiße Taucherflagge und erkundeten unser Vorgarten-Unterwasserparadies. Schon früh brachte mein Vater mir die Grundlagen des Tauchens bei – wie man navigiert und den Auftrieb kontrolliert –, und nach und nach beherrschte ich auch die technischen Fähigkeiten. Wie man gefahrlos in der höhlenartigen Umgebung von versunkenen Schiffen taucht zum Beispiel.

Ausbildung und Technik waren eine Sache, aber bei meinem Vater kam auch der Spaß nie zu kurz. Schiffswracks waren voller Geheimnisse, und er lehrte mich, sie wie ein Unterwasserarchäologe zu erkunden. Wodurch war das Schiff gesunken? Welche Fracht hatte es geladen? Was war sein Ziel gewesen und warum?

Und vergiss nie die Archive, sagte er immer. Logbücher, Schiffspläne, Berichte über das Unglück – all diese Unterlagen verrieten oft weit mehr über ein Wrack als die eigentlichen Überreste. Manchmal finden sich die Antworten nicht am Meeresboden, sondern an Land.

Doch das Interesse meines Vaters an Schiffswracks galt nicht nur der Recherche und Forschung – sondern auch der Schatzsuche. In seinem Arbeitszimmer hingen mehrere gerahmte Artikel über den ungefähren Wert der gesunkenen Kostbarkeiten auf dieser Welt: mehr als vier Milliarden Dollar, schätzten Experten. Und nur wenige Menschen – jene, die in der Lage und mutig genug waren, in die Tiefen des Ozans hinabzugleiten – hatten eine Chance, sie zu finden.

Und selbst dann war es eine Frage des Glücks. Glück, das mein Vater nie zu haben schien, obwohl er es oft genug versuchte. Jahr für Jahr, Tauchgang für Tauchgang ließ der große Fund auf sich warten.

Sein Freund und ehemaliger Schulkamerad Conrad Cass zog ihn gerne damit auf. »Na, in letzter Zeit mal was außer Schrott gefunden?«, erkundigte sich Conrad jedes Mal, wenn die beiden sich trafen. Conrad, ebenfalls Taucher, hatte leicht reden: Er hatte im Lauf der Jahre offenbar einige Glückstreffer gelandet, wobei er nie verriet, wo diese Wracks lagen oder welche Art von Beute er entdeckt hatte.

Mein Vater fand dieses Verhalten unehrlich. Er bestand darauf, sich an die Regeln zu halten, und wusste, wie wichtig es war, jeden Fund der zuständigen Behörde zu melden, selbst wenn das bedeuten sollte, dass man als Finder letztlich leer ausging. Aber Typen wie Conrad? Da bezweifelte mein Vater stark, dass sie ähnlichen Prinzipen folgten.

Doch weil er ein friedlicher Mensch war, schüttelte er über Conrads Spott jedes Mal nur den Kopf. »Noch nicht«, erwiderte er stets mit einem Lachen.

Ich wusste aber, dass das nur Fassade und er durchaus frustriert war, so viele Enttäuschungen hatte er schon erlebt. Einmal, vor der Küste Südafrikas, fand er etwas, das er für eine Goldmünze aus einem Schiff des frühen siebzehnten Jahrhunderts hielt. Sie wäre mehr als hunderttausend Dollar wert gewesen.

Leider handelte es sich um Pyrit. Narrengold.

Ein anderes Mal war er ausgewählt worden, sich einer Gruppe von Archäologen bei einem vielversprechenden Tauchgang nahe den Azoren anzuschließen. Am entsprechenden Morgen wachte er jedoch mit einer schlimmen Erkältung auf. Jeder Taucher weiß, wie gefährlich es ist, mit verstopften Nebenhöhlen tauchen zu gehen – dadurch kann das Trommelfell platzen –, also blieb mein Vater stattdessen an Bord.

Dieses Wrack enthielt spanische Dublonen im Wert von einer Viertelmillion Dollar.

Endlich die große Entdeckung zu machen, das war sein ewiger Traum, aber es wollte und wollte einfach nicht klappen.

Dann schließlich, vor sechs Monaten, war er auf etwas gestoßen. Etwas Großes, sagte er, größer als alles bisher. Leider fehlten ihm in dem Moment die Möglichkeiten, den Schatz zu bergen, und so war er gezwungen gewesen, mit leeren Händen aufzutauchen. Zurück an Land begann er sofort, seine nächste Tauchexpedition zu diesem Wrack zu planen.

Doch er bekam keine Gelegenheit mehr, an diese Stelle zurückzukehren. Einige Wochen nachdem er diese großeEntdeckung gemacht hatte, war mein Vater tot.

Mal steuerte die Vespa, sodass ich Muße hatte, die kleinen Details zu betrachten, die Positanos Charme ausmachten: leuchtend pinkfarbene Bougainvillea, die sich an den Wänden hochzog, Schwalben, die unter den Dachfirsten heraus- und wieder zurückschossen, hoch am Himmel kreisende Möwen. Es war ein Junitag wie aus dem Bilderbuch mit einigen Wattewölkchen und einer leichten Brise. Sollte es tatsächlich einen Vorfall auf dem Wasser gegeben haben, konnte zumindest niemand dem Wetter die Schuld geben.

An einer Kreuzung spürte ich mein Handy in der Tasche vibrieren. Ich warf einen raschen Blick darauf: eine Nachricht von Conrad Cass.

Ich denke heute an dich, Kleines, stand da. Wenn ich könnte, würd ich ihm ’ne ganze Kiste Pflaumenwein schicken.

Sofort bekam ich einen Kloß im Hals. Mein Vater wäre heute sechzig geworden. Und Pflaumenwein war sein Lieblingslikör.

Ich schob das Handy zurück in die Tasche. Ich wusste Conrads nette Geste zu schätzen. Er war inzwischen im Ruhestand, aber immer noch eine große Nummer. Wohnte in Naples, Florida, auf einem Anwesen mit neun Schlafzimmern und nannte einen Haufen Finanziers und Politiker seine Freunde. Es rührte mich, dass er an mich gedacht hatte. Nicht mal Mal hatte den Geburtstag meines Vaters bisher erwähnt. Wir bogen auf die Amalfitana nach links Richtung Westen ab. Einige Minuten später umrundeten wir die Klippe. Von dieser Stelle aus konnten wir meilenweit die schimmernde italienische Küste hinaufblicken, und sogar Capri war in der Ferne zu erahnen.

Auch Li Galli konnten wir sehen – das aus drei winzigen Inseln bestehende Archipel, wo wir während der nächsten zwölf Monate unsere Unterwasser-Feldforschung betreiben würden. Wie ich so zu den Inseln hinausblickte, überlief mich ein Schauer: Dutzende Wracks häuften sich am Meeresgrund um Li Galli herum. Ein wahrhaftiger Schiffsfriedhof, dreißig Meter unter der Wasseroberfläche.

Wer konnte wissen, welche Geheimnisse sich zwischen diesen Überresten verbargen? Eine unfassbare Menge an Informationen würde sich durch Erkundung und Inventarisierung sammeln lassen: historische Handelsrouten, Piratenüberfälle, Kreuzzüge. Und dabei ging es noch nicht einmal um das, was sich möglicherweise in den Wracks befand: Beutegut, Edelsteine, Schätze.

Wir schlängelten uns durch einige Haarnadelkurven, und ich spürte, wie meine Handflächen zu schwitzen begannen. Zum einen, weil Mal die Kurven schärfer nahm, als mir recht war, aber auch weil wir uns der ersten großen Projektstätte meiner Berufslaufbahn näherten. Nach so vielen Monaten der Vorbereitung waren wir jetzt tatsächlich vor Ort.

Das Gebiet, das wir uns vorgenommen hatten, war bislang wenig erforscht, was tatsächlich an der Fülle der Wracks lag: Die Archäologen wussten einfach nicht, wie sie es angehen sollten. Bestehende Methoden wie Echolot und Seitensonar waren dazu gedacht, Auffälligkeiten auf dem Meeresgrund aufzuspüren – ein flaches Stück Meeresboden, das von einem einzelnen Schiffsrumpf unterbrochen wurde –, doch Li Galli bestand aus einer Viertelquadratmeile dicht aufgehäuften, sich teils überlagernden Trümmern. Es gab einfach keine Technologien, um eine solch unübersichtliche Fundstätte zu dokumentieren, ganz zu schweigen davon, sie zu heben.

Und genau das plante mein Team aus Unterwasserarchäologinnen zu ändern.

Nach ein paar Minuten war die Inselgruppe Li Galli noch deutlicher zu sehen. Doch je klarer ich die Details der kleinen Inseln erkennen konnte – darunter sogar den alten Steinwachturm auf der östlichsten von ihnen –, desto schneller klopfte plötzlich mein Herz.

Die Inseln waren von Rettungsbooten umzingelt. In der Mitte des Archipels befand sich eine Jacht, mit der irgendetwas nicht zu stimmen schien.

Erschrocken schnappte ich nach Luft.

Mal musste es genau im selben Moment erspäht haben, denn sie fuhr an den Straßenrand und stellte den Motor der Vespa aus. Ich stieg ab und rannte zur Leitplanke. Krokusse und Zichorien blühten zu meinen Füßen. Direkt vor mir fiel der zerklüftete Fels steil zum Meer hinab. Ich blickte hinaus aufs Wasser und konnte nicht fassen, was ich sah: Zwischen den Inseln von Li Galli lag eine riesige, bestimmt mehrere Millionen teure Jacht so schräg, dass die Backbordseite fast schon im Wasser hing.

»Mal, sieh nur!« Laut meiner Recherche war das jüngste Wrack in Li Galli fast zehn Jahre alt. Man hatte das Unglück damals einem schweren Sturm zugeschrieben. Und obwohl wir diese Stätte gerade wegen der Vielzahl an Wracks ausgewählt hatten, waren fast alle Überreste … na ja, alt. So alt, dass es sich anfühlte, als wären sie irgendwie von der Realität losgelöst, fast schon Mythen. Aber das hier? Das war eine moderne Jacht, die direkt vor unseren Augen sank.

Ganz automatisch ging ich sofort die Gefahren und möglichen Erklärungen für das durch, was sich da vor uns abspielte.

Tiefe. Mit gerunzelter Stirn rief ich mir die Seekarten in Erinnerung, die ich monatelang studiert hatte. Das Wasser unter der sinkenden Jacht war circa fünfundzwanzig Meter tief. Sie konnte also nicht auf Grund gelaufen sein.

Riffe. In dieser Gegend gab es keine.

Felsen. Auch das war unmöglich, denn die Jacht war weit genug von den Inseln entfernt.

Wetter. Ich warf einen Blick zum Himmel hinauf, der unfassbar klar und ruhig schien. Das Wetter konnte definitiv nicht verantwortlich sein.

»Ein Feuer?«, fragte Mal. »Vielleicht eine Motorexplosion?«

Ich spähte durch mein Fernglas und schüttelte den Kopf. »Da ist kein Rauch. Unterwasserströmungen vielleicht?«, überlegte ich laut. »Irgendwelche Strudel? Jeder weiß, dass das hier unberechenbare Gewässer sind.«

Laut meiner bisherigen Studien stellte Li Galli seit Hunderten von Jahren ein Problem dar. Ein wahrer Sog von Meeresströmungen kam hier zusammen, der durch die Unregelmäßigkeit in der Topografie des Meeresbodens noch verstärkt wurde. Überlebende Seeleute hatten verhängnisvolle Ereignisse oft unvorhergesehenen Strudeln in der Nähe der Inseln zugeschrieben.

Doch an all den Daten, die ich durchforstet hatte, war eines seltsam: Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts gab es eine Häufung von Schiffsunglücken bei Li Galli. Ein Schiff nach dem anderen war in den 1820ern und 1830ern dort untergegangen. Dorfbewohner in der Nähe konnten sich die Vielzahl der Vorfälle nicht erklären, obwohl einige spekuliert hatten, ein Vulkan beziehungsweise ein durch ihn neu entstandener Krater könnte die Topografie um die Inselgruppe herum verändert haben.

Man gab dem Phänomen den Namen Amalfi-Fluch, und fast hundert Jahre lang mieden Seeleute die Gegend komplett.

Dann überquerten in den späten 1920ern einige unwissende Bootsfahrer die Gewässer ohne irgendwelche Probleme. Es schien, als wäre der verhängnisvolle Meeresstrudel verschwunden. Ich vermutete, dass seismologische Aktivität, vielleicht sogar der Klimawandel etwas mit der Veränderung zu tun hatte. Diese Fluch-Theorie hielt ich jedenfalls für lächerlich.

Mal warf mir einen skeptischen Blick zu. »Eine Superjacht wie diese da, von einem Strudel zum Kentern gebracht? Wie heftig müsste der denn gewesen sein? Das ergibt keinen Sinn.«

Ich konnte ihr nicht widersprechen. Das Meer vor uns lag ruhig und völlig reglos da. Nirgends auch nur ein Schaumkrönchen zu sehen. Ich atmete tief durch und reichte Mal das Fernglas. »Verdammt. Da sind Frauen an Deck, sieh nur.« Mir wurde übel. »Sie wirken panisch.«

Auf dem Sonnendeck gestikulierten einige Frauen in Badeanzügen hektisch in Richtung Küstenwache. Eine Frau fiel schluchzend auf die Knie, während eine andere sich über den Rand des Bootes beugte im sinnlosen Versuch, eine der Luken zu erreichen. Bunte Gegenstände dümpelten im Wasser rings um die Jacht, Rettungswesten und Treibgut, das entweder über Bord gefallen oder geworfen worden war.

Das Schiff selbst schien mit Wasser vollzulaufen. Und zwar schnell. Die Kabinen mussten inzwischen geflutet sein.

»Das ist ja schrecklich«, flüsterte Mal.

Tränen stiegen mir in die Augen. Ich erlebte ein Unglück mit, das wahrscheinlich Menschenleben kosten würde.

Doch es ergab einfach keinen Sinn, und das ließ die Wissenschaftlerin in mir nicht los. Allem Anschein nach handelte es sich hier um eine absolut seetaugliche Jacht. Es gab kein schlechtes Wetter, keinen Wind. Das Meer war glatt und ruhig. Auf den Inseln ringsherum konnte ich einige Menschen erkennen, die vom Ufer aus die Szene beobachteten.

Die Jacht, die sich eben noch auf die Seite geneigt hatte, ging nun mit dem Heck voran unter. In zwei oder drei Minuten würde man sie nicht mehr sehen. Ich fühlte mich auf unserem Aussichtspunkt völlig hilflos, wobei mich die nahenden Rettungsboote etwas beruhigten.

Mal warf mir einen Blick zu. Ihre Miene war skeptisch, doch ich wusste genau, was sie gleich sagen würde, obwohl ich es nicht hören wollte.

»Der Amalfi-Fluch«, murmelte sie.

Ich schwieg und wünschte mir sehnlichst, ich könnte mit einer besseren, vernünftigen Erklärung aufwarten.

Doch um ehrlich zu sein, hatte ich keine.

3: Mari

3

Mari

Brief von Matteo Mazza an seinen jüngeren Bruder Massimo

Mittwoch, 11. April 1821

Mein Bruder Massimo,

ich bin gerade bei deinem Haus vorbeigekommen, habe dich aber nicht angetroffen. Verzeih, dass ich solche Neuigkeiten auf diesem Wege überbringe, aber sie sind von größter Wichtigkeit.

In diesem Umschlag befindet sich ein Brief, den ich heute Morgen von einem Herrn aus Positano erhalten habe. Er äußert sich über das verdächtige Glück dieses kleinen, unbedeutenden Dorfes – an Orten dieser Art sind wir nicht interessiert, abgesehen von der Angelegenheit, die uns vor Jahren dorthin geführt hat.

Ich hatte eigentlich gedacht, wir hätten dieses Dorf seines Werts beraubt. Aber was, wenn es dort noch etwas gibt, das wir beim ersten Mal übersehen haben?

Er fordert Geld im Austausch für Informationen, und ich bin durchaus gewillt, darauf einzugehen, und werde ihm umgehend eine entsprechende Antwort zukommen lassen. In der Zwischenzeit würde ich nichtsdestotrotz gerne das Dorf in Augenschein nehmen, das Ganze auskundschaften und selbst Nachforschungen anstellen.

Kommst du mit mir? Wir können die Route von Neapel mit den Pferden über Land nehmen. Meinetwegen können wir bereits morgen in der Früh aufbrechen.

Komm zu mir, sobald du dies gelesen hast. Es gibt viel zu besprechen.

Herzlich,

dein großer Bruder Matteo

4: Mari

4

Mari

Mittwoch, 11. April 1821

Mari machte sich mit zwei anderen streghe auf den Heimweg: Paola, ihre neunzehnjährige Stiefschwester, und Cleila, ihre Stiefmutter. Nach dem Tod ihrer Mutter vor zwölf Jahren hatte Maris Vater eilig Cleila zur Frau genommen, eine Witwe, die nicht weit entfernt von der DeLuca-Familie lebte.

Jetzt musste sich Mari fragen, ob eine der beiden zur neuen Anführerin erwählt werden würde. Keine von ihnen war eine strega finisima, aber sie waren durch die Heirat mit Mari verwandt, und das hatte einiges Gewicht.

Zurück bei der Villa der Familie traten die Frauen in die dunkle Eingangshalle. Mari gähnte und sehnte sich dringend nach ein paar Stunden Schlaf. Aber dann schluckte sie überrascht: Corso – ein entfernter Verwandter, der Mann, den sie heiraten sollte – und ihr Vater waren auf, und das zu dieser irrwitzig frühen Stunde. Corso hielt sich seit ein paar Tagen im Dorf auf, auf Besuch aus Rom, wie er es regelmäßig tat. Die beiden Männer saßen einträchtig beieinander im salotto, auf einem der Tische stand eine erleuchtete Laterne. Ihr Licht flackerte über den kühlen Terrakotta-Boden.

Maris Vater trug dunkle Hosen und ein einfaches weißes Leinenhemd. Corso dagegen war in einen perfekt gebügelten, maßgeschneiderten Anzug in leuchtendem Blau gekleidet. In dem bescheidenen Ort Positano gab es keinen anderen Mann mit solch teurer und farbenprächtiger Kleidung.

Bei Corsos Anblick zupfte sich Paola mit den Fingern ein paar Strähnen zurecht. Sie hatte seine modische Aufmachung und seine babyweiche Haut schon immer sehr geschätzt.

Mari dagegen bevorzugte eine schlichtere äußere Erscheinung. Ihr machte es nichts aus, wenn ein Hemd ein paar Risse hatte. Oder der Mann ein, zwei Narben.

Sie fasste sich an die Brust und dachte an den Brief, der dort verborgen war.

Beim Anblick der Frauen erhoben sich die Männer. »Le mie ragazze«, sagte Vater. Meine Mädchen. »Hat die Strömung etwas Interessantes an Land gebracht?«

Wie die anderen Männer im Dorf ahnten die beiden nichts von ihren Zauberkräften. Sie gingen davon aus, dass sich die Frauen trafen, um zu tratschen, nach Muscheln zu suchen und alle zusammen nackt im kalten Meer zu schwimmen.

Auf ihre Weise waren es gute Männer, diese Ehemänner, Väter und heranwachsenden Söhne. Sie arbeiteten hart und waren gut gebaut. Viele in diesem Dorf waren Fischer mit sehnigen, vernarbten Armen. Ihre Hände waren flink und arbeiteten geschickt mit Angelhaken und Netzen.

Fleißig waren die Männer im Dorf und hatten – wie tatsächlich überall auf der Welt – keine Ahnung, und genauso wollten die streghe das haben. Denn sobald die Männer die Wahrheit erführen, würde es Komplikationen geben. Sie würden es ihren Freunden sagen und ihre Freunde wiederum ihren Freunden. Und innerhalb kürzester Zeit würden die Bewohner der gesamten Küste die Frauen ausbeuten und aus ihren Fähigkeiten Gewinn schlagen.

»Ein paar Kleinigkeiten«, erwiderte Mari, »aber nichts Außergewöhnliches.« Der Riemen ihrer Tasche schnitt in ihre Schulter, beschwert von dem Gewicht des nassen Seils. Paola neben ihr bewegte sich. Sie waren alles andere als beste Freundinnen, aber dieses Geheimnis verband sie. »Ihr seid beide früh auf«, fügte Mari hinzu.

»Einige von uns planen eine Morgenwache.« Vater warf einen Blick auf die Uhr. Eine Tasse mit einem heißen Getränk stand dampfend auf dem Tisch hinter ihm. »In einer Stunde oder so werden wir aufbrechen. Ihr habt heute Nacht nichts Ungewöhnliches bemerkt, oder?«

Natürlich meinte er damit die Piraten. Mari schüttelte den Kopf. »Nein, gar nichts.« Und so würde es auch bleiben.

Corso wies mit dem Kopf auf die Tasche über Maris Schulter. »Kann ich mal sehen?«, fragte er. »Irgendetwas für deine Sammlung von chincaglieria?«

Chincaglieria. Nippes. Kuriositäten. So nannte Corso immer die Dinge, die die Frauen nach Hause brachten, obwohl das vor allem Paola betraf, Mari sammelte längst kein Treibgut mehr. Vom Meer ersehnte sie sich nur noch die beiden Personen, die es ihr geraubt hatte. Und dennoch hatte Corso im Laufe der Jahre immer mal wieder ihre Sammlung sehen wollen. Dann hatte sie ihm ein paar Sachen gezeigt: den Kamm, den sie aus dem Kiefer eines Sägefischs gefertigt hatte, und das Glas mit Seetang-Pulver, mit dem man Hautunreinheiten behandeln konnte. Mari hatte immer Wert darauf gelegt zu erklären, dass alles in ihrer Sammlung einen Zweck oder eine Funktion hatte – dass eine Frau zu mehr in der Lage war, als wertlosen Plunder zu sammeln.

»Das sind Geschenke des Meeres«, hatte Corso einmal bemerkt. »Kleine Gaben.«

Damals hatte Mari fest die Zähne zusammengebissen. Wenn er nur verstehen könnte, wie grausam das Meer war, wie grausam das Leben war. Ihr Plan, ihn eines Tages zu heiraten, war der Beweis dafür.

Maris Vater war einst relativ wohlhabend gewesen, als Besitzer des einzigen Betriebs in Positano, der Fischernetze anfertigte und die Waren anbot, an denen die Männer im Dorf einen täglichen Bedarf hatten: Korken, Gewichte, Nadeln und Hanfseile in verschiedenen Längen und Ausmaßen. Aber nach dem Tod seiner Frau war er in seiner Buchhaltung nachlässig, ja sogar schlampig geworden. Einer der Angestellten begann ihn unbemerkt zu bestehlen, machte sich schließlich mit einer immensen Summe aus dem Staub und ward nie mehr gesehen. Hätte Vater nicht für Maris und Sofias Mitgift Geld beiseitegelegt, wäre die Familie bankrott, wenn nicht gar obdachlos gewesen. Und selbst viele Jahre später war er noch damit beschäftigt, das Geschäft wieder in Schwung zu bringen.

Corso, ein wohlhabender Cousin von Maris Vater, hatte der Familie schon immer regelmäßige Besuche abgestattet. Als sich Mari vor einigen Jahren von einer spindeldürren Halbwüchsigen zu einer wohlproportionierten jungen Frau entwickelt hatte, wandte sich sein Interesse ihr zu. Oft brachte er Mari großzügige Geschenke mit und Vater einen kleinen Beutel mit ducati. Da er von den finanziellen Schwierigkeiten der Familie wusste, stellte Corso klar, dass er keine Mitgift erwartete. Im Gegenteil war er bereit, die Familie zu versorgen, und bot sogar an, Sofias verschwundene Mitgift zu ersetzen.

Obwohl sie Corso keineswegs anziehend fand, wusste Mari doch, dass dieses Arrangement es wenigstens ihrer Schwester ermöglichen würde, eine Liebesheirat einzugehen. Und so wurde beschlossen, dass Mari und Corso irgendwann nach ihrem einundzwanzigsten Geburtstag heiraten würden.

Natürlich hatte Mari nicht ahnen können, dass Sofia ein Jahr nach dieser Abmachung sterben würde. Also war ihr Opfer ganz umsonst gewesen und hinterließ sie unglücklich in der Falle.

Jetzt jedenfalls reagiert Mari mit einem verneinenden Kopfschütteln auf Corsos Bitte, den Inhalt ihrer Tasche sehen zu dürfen. »Nicht jetzt. Vielleicht später, wenn ich die Sachen sauber gemacht habe.«

Er stutzte und dachte darüber nach. »Dein Haar ist nass, aber deine Kleidung ist trocken«, sagte er mit prüfendem Blick. Vater, der hinter ihm stand, mischte sich nicht ein.

»Ich war schwimmen.«

Langsam ließ Corso seinen Blick über ihre Taille und ihre Brüste wandern. Er stellt sich vor, wie ich nackt im Meer schwimme, dachte Mari. Ich bin für ihn nur eine weitere Kuriosität.

»Kommst du einen Moment mit mir auf die Terrasse?«, fragte er sie und fuhr geistesabwesend mit dem Finger den Rand seiner Weste nach. Als er einen Schritt auf sie zutrat, war Mari wie so oft von seiner Größe überrascht. Mit seinen schlaksigen Gliedmaßen, ohne ersichtliche Muskeln, überragte er sie deutlich. Er war ein Terrazzo-Händler, der in Rom hinter einem Schreibtisch saß und mit Zahlen jonglierte, während andere Männer die harte Arbeit verrichteten. In Maris Augen war er ebenso reich wie abstoßend. Alle anderen aber schienen diesen Mann zu verehren. 

Mari wollte ablehnen, erschöpft, wie sie war. Sie sehnte sich danach, endlich ihren Brief zu lesen. »Ich bin so schrecklich müde, ich …«

Sofort erhob sich ihr Vater von seinem Stuhl. »Mari«, zischte er. Eine deutliche Warnung.

Obwohl ihre Heirat vor langer Zeit beschlossen worden war, hatte Corso nie offiziell um ihre Hand angehalten und ihr auch keinen Ring an den Finger gesteckt. Hatte er etwa vor, ihr jetzt auf der Terrasse einen Antrag zu machen, während die Sonne langsam aufging? Sie konnte sich nichts Schlimmeres vorstellen, weder, was die Kulisse anging, noch den Mann.

Unter dem wachsamen Blick ihres Vaters presste sie eine Hand auf ihren Bauch und verzog das Gesicht zu einer schmerzverzerrten Miene. »Ich brauche einen Moment, bitte«, sagte sie zu den Männern. Sie griff regelmäßig zu diesem Trick, Frauenprobleme vorzugeben. »In zehn Minuten treffe ich dich auf der Terrasse, Corso.«

Was machte es schon aus, wenn er sie heute bat, seine Frau zu werden? In ein paar Wochen würden sie alle für tot halten. Corso würde seine Verlobte betrauern und nach einer gewissen Zeit seine Aufmerksamkeit unweigerlich Paola zuwenden, die ihn sowieso unbedingt für sich haben wollte. Vater würde weiterhin seine ducati bekommen. Alles würde ein perfektes Ende finden.

Ohne eine Antwort abzuwarten, lief Mari die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf. Die Tür war noch nicht ganz geschlossen, als sie schon den Brief hervorgeholt hatte. Sie entzündete die Kerze neben ihrem Bett, entfernte den Umschlag und nahm sich die letzte Seite zuerst vor – die Unterschrift –, einfach, um seinen Namen zu lesen. Holmes. Er hatte wie immer unterzeichnet, das Ende des s ein neckischer Schnörkel.

Ein Teerfleck verunzierte das untere Ende des Papiers. Holmes’ Briefe trugen oftmals solche Male, was daher rührte, dass er mit Takelage und Segeln arbeitete, die regelmäßig mit Teer getränkt wurden, um sie wasserfest zu halten. Mari fand solchen Schmutz nicht abstoßend. Wenn, dann fühlte sie sich ihm dadurch näher.

Sie rieb mit dem Daumen über den Fleck, sodass er ihre Haut färbte, und begann zu lesen. Der Brief stammte vom zweiundzwanzigsten März, war also einige Wochen alt.

Mari, meine Schönste. Es sind mehr als drei Wochen vergangen, seit ich dich zuletzt sah. Mich mehr nach dir zu verzehren, ist kaum möglich, andererseits denke ich das, seit ich Positano verlassen habe. Stell dir vor, als wir gen Westen segelten, konnte ich dich dort oben auf deiner Terrasse stehen sehen.

Hier hielt Mari inne. Sie erinnerte sich genau an diesen Moment: Sie hatte zugesehen, wie er sich von ihr entfernte, das Schiff eine Silhouette, der Himmel rosa und orange gefärbt. Dann las sie weiter.

Ich sehe mir unser Meeresschneckenhaus jeden Tag an. Ich habe es so oft in meinen Händen gewendet, dass ich schon befürchte, ich könnte damit die Kanten abstumpfen.

Versprich mir, dass wir auch das nächste Mal wieder Muscheln und Meeresschnecken suchen werden.

Mari lächelte. Unser Schneckenhaus. Er hatte es an dem Tag gefunden, als sie sich im Mai des vergangenen Jahres zum ersten Mal begegnet waren. Holmes war mit seinem Schiff im Hafen von Positano gelegen, und sie waren zufällig zur gleichen Zeit ganz in der Nähe am Strand entlangspaziert. Sie hatte an seinem tiefgebundenen Pferdeschwanz, seinen weiten Hosenbeinen und den Teerflecken an seinen Händen erkannt, dass er ein Seemann war. Er beugte sich nieder, um einen Gegenstand aus dem Sand aufzuheben, und hielt ihn erstaunt hoch.

»Irgendetwas scheint daran ungewöhnlich«, sagte er und warf Mari einen Blick zu. »Aber ich komme nicht darauf, was es ist.«

Sie bemerkte einen fremden Akzent in seiner Redeweise. »Das ist eine linksgewundene Schnecke«, erklärte sie und trat näher. »Die Windung dreht sich links- anstatt rechtsherum.« Sie hob einige Meeresschnecken vom Sand zu ihren Füßen auf und zeigte ihm den Unterschied zu dem in seiner Hand. »Schnecken mit Linkswindung werden hochgeschätzt, da sie so selten sind.«

»Tatsächlich. So eine habe ich nie zuvor gesehen.« Er wollte sie ihr reichen.

Doch sie schüttelte den Kopf und bedeutete ihm, er solle sie selbst behalten. »Ich finde solche andauernd. Sie können sie gerne behalten. Sie wird Ihnen Glück bringen.«

Mit einem Lächeln steckte er sie in seine Jackentasche. »Was haben Sie denn sonst noch entdeckt?«

»Alles Mögliche«, erwiderte sie über ihre Schulter und hoffte, er habe das leichte Zittern in ihrer Stimme nicht bemerkt. Ganz plötzlich fühlte sie sich fiebrig, obwohl die Luft kühl war. Sie tauchte einen Fuß in die seichten Wogen, und sogleich begann das Wasser mit einem orangen und pinken Flimmern zu funkeln. Es erinnerte sie an lumineszierende Meeresbewohner, über die sie schon einige Male gestaunt hatte.

Gemeinsam erkundeten sie den Strand noch etwas länger und untersuchten die verschiedensten Muschel- und Schneckenarten. Dabei stellten sie sich auch einander vor, und irgendwann wandte sie sich um und zeigte hinauf zur Familien-Villa oben auf den Klippen.

Als sie sich kurze Zeit später verabschiedeten, dachte Mari, sie würde ihn nie wiedersehen.

Wie sehr sie sich doch getäuscht hatte.