Die Spione des Papstes - Mark Riebling - E-Book

Die Spione des Papstes E-Book

Mark Riebling

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Beschreibung

Das Schweigen des Vatikans zum millionenfachen Morden der Nazis ist und bleibt eine der großen Kontroversen unserer Zeit. Bis heute wird diskutiert, warum Papst Pius XII. öffentlich nicht deutlicher intervenierte. Mark Rieblings fesselnde Aufarbeitung der Rolle des Vatikans im Widerstand gegen Hitler fügt der historischen Wahrheitssuche neue, wichtige Facetten hinzu. Denn während Papst Pius noch Geburtstagskarten an Hitler schrieb, unterstützte er im Geheimen die Attentatspläne des deutschen militärischen Widerstands. Riebling beschreibt das doppelte Spiel des Papstes historisch präzise und zugleich "spannend und faszinierend" (Wall Street Journal).

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Veröffentlichungsjahr: 2017

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www.piper.de

Für Robin

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Enrico Heinemann und Norbert Juraschitz

ISBN 978-3-492-97601-5

Juni 2017

© 2015 by Mark Riebling

Deutschsprachige Ausgabe:

© Piper Verlag GmbH, München 2017

Covergestaltung: Büro Jorge Schmidt, München

Covermotiv: AKG-Images und ullstein-bild

Datenkonvertierung: Kösel Media GmbH, Krugzell

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Wie stellen wir unsere Religion dar?

Nur als ein System oder als Glut?

– Pater Alfred Delp, deutscher Jesuit

Prolog

Im April 1945 versuchten die Nationalsozialisten den Mann zu brechen, den sie als den besten Agenten des Vatikan-Geheimdienstes in Deutschland bezeichneten. Oberflächlich betrachtet, war Josef Müller nur ein bayerischer Rechtsanwalt mit auffallend großen Ohren, Pfeifenraucher und Briefmarkensammler. Aber seit seiner Verhaftung, die deshalb erfolgt war, weil er Juden mit falschen Papieren und Geld ausgestattet hatte, erschien er plötzlich als Akteur in einem Kriminalfall von sensationeller Bedeutung. Die Gestapo warf Müller vor, er habe an einem Komplott zur Ermordung Hitlers teilgenommen, mit »der katholischen Geistlichkeit«, die »hier ein[en] besondere[n] Nachrichtendienst aufgezogen« habe.[1]

Müller dachte allerdings gar nicht daran, ein Geständnis abzulegen. Er »hatte Nerven wie Drahtseile und beherrschte die Situation«, erinnerte sich ein Mitarbeiter des Gefängnisses. Als ihm die Wärter die Fesseln abnahmen, stürzte er sich auf sie und versuchte sie mit Jiu-Jitsu niederzuringen. Seine Entschlossenheit nötigte den Mitgefangenen, die ihn für einen Durchschnittsmenschen gehalten hatten, Ehrfurcht ab. »Wenn man ihn ansah«, schrieb ein britischer Spion, der mit Müller einsaß, »war er nur ein gewöhnlicher vierschrötiger Mann mit rosigem Teint und einem aschblonden Bürstenschnitt, der Typ, den man keines zweiten Blicks würdigt, wenn man ihm irgendwo begegnet, dabei aber der tapferste und entschlossenste Mann, den man sich vorstellen kann«.[2]

Ein einbeiniger SS-Hüne trat in Müllers Zelle. Sturmführer Kurt Stawizki kettete Müller an seinen Fußschellen an das Gitter an. Müllers Zellennachbarn im Konzentrationslager Flossenbürg sahen mit an, wie er mit auf den Rücken gefesselten Händen seine Essensration wie ein Hund von einem Teller auf dem Boden essen musste.[3]

Stawizki durchwühlte Müllers Koffer und nahm einen Umschlag heraus. Dieser enthielt einen Brief von Müllers Frau, die wissen wollte, was aus ihm geworden war. In einem beigefügten Brief teilte ihm seine Tochter mit, dass sie am kommenden Sonntag ihre Erstkommunion feiern würde. Stawizki nahm beide Briefe und zerriss sie.[4]

Er wollte mehr über Müllers Verbindungen zum Vatikan herausbekommen. In einer Akte zum Fall wurde dieser »ein ungewöhnlich geschickter Mann aus der jesuitischen Schule« genannt, über den regimekritische deutsche Generäle »Verbindungen zum Papst« unterhielten. Wie aus beschlagnahmten Unterlagen zu Plänen für einen Putsch hervorging, hatte Pius XII. Müller mitgeteilt, dass ein Frieden mit dem Deutschen Reich grundsätzlich nur nach einem Regierungswechsel möglich sei.[5]

Stawizki konfrontierte Müller mit einem Papier zum Putschplan. Der einleitende Satz lautete: »Anständige Deutsche haben sich entschlossen, über den Vatikan mit den Engländern Verhandlungen aufzunehmen.« Stawizki las den Text laut vor und schlug Müller jedes Mal, wenn er auf die Worte »anständige Deutsche« stieß, mit der Handkante auf die Oberlippe, bis ihm Zähne ausfielen. Am Ende versetzte er ihm einen so heftigen Hieb, dass Müller auf seinem Stuhl umkippte. Dann trat er auf ihn ein und brüllte: »Verrecke, du Hund!«[6]

Am Sonntag, den 8. April, ging Müller mit einem verschwollenen Gesicht voller Blutergüsse schlurfend in seiner Zelle auf und ab, um wieder etwas Blut in seinen tauben Füßen zirkulieren zu lassen. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen. »Jetzt geht das Theater zu Ende«, sagte Stawizki und schrie durch den Korridor: »Ist der Adjutant im Liquidationshof?«[7]

Der Galgen stand auf dem Paradeplatz. Sechs Stufenleitern führten zu einer Reihe Haken hinauf, an der Schlingen hingen. »Oftmals wurden die Personen nackt aufgehängt«, hieß es in einem Bericht zu Kriegsverbrechen über Flossenbürg. »Die unglücklichen Opfer wurden vor dem Aufknüpfen häufig so lange geprügelt, bis sie darum bettelten, endlich erhängt zu werden, damit ihre Qualen ein Ende hätten. Eine andere Hinrichtungsmethode bestand darin, die betreffende Person an den Handgelenken aufzuhängen und an den Knöcheln ein schweres Fass zu befestigen. Risse in inneren Organen führten zum Tod.«[8]

Der sowjetische Kriegsgefangene Generalmajor Pjotr Priwalow sah mit an, wie Müller zum Galgen geführt wurde. Er rief ihm etwas zu in der Hoffnung, dass ihn ein letzter Blick noch einmal aufrichten könnte. Weil er Russisch redete, reagierte Müller allerdings zunächst nicht. Als er schließlich doch aufschaute, wirkte er »zufrieden« und verschwand aus Priwalows Blickfeld.[9]

KAPITEL 1Dunkelheit über der Erde

Sechs Monate vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs strömten die Kardinäle der katholischen Kirche in Rom zusammen. Die Türen zur Sixtinischen Kapelle schlossen sich. Die Schweizergardisten pflanzten ihre Hellebarden auf, um so lange keinen mehr hinein- oder hinauszulassen, bis das Konklave den neuen Führer der weltgrößten Religionsgemeinschaft auserwählt haben würde. Am nächsten Tag, dem 2. März 1939, blickten Tausende Zuschauer erwartungsvoll auf den Schornstein über der Kapelle. Zweimal stieg schwarzer Rauch als Zeichen einer gescheiterten Wahl auf. Als weiterer Rauch auf sich warten ließ, steigerte sich wie gewöhnlich Spannung. Erstmals in der Geschichte des Papsttums hatte dieses Spektakel einen gewaltigen Andrang an ausländischen Presseleuten verursacht. Deren Fotoobjektive erinnerten einen Zeitzeugen an »Panzerabwehrkanonen«. Während Europa dem Krieg entgegendriftete, konnten die Worte des neuen Pontifex die Stimmungslage verändern. Vielleicht würde seine diskrete Diplomatie die Entwicklungen in eine neue Richtung lenken. »Noch nie seit der Reformation«, so schrieb ein Beobachter, »war die Wahl eines Pontifex von der gesamten Welt mit solcher Besorgnis erwartet worden.«[10]

Um 17 Uhr 29 stieg über dem Schornstein eine weiße Qualmwolke in den Himmel. Hüte flogen empor, Kanonen donnerten, Glocken läuteten. Auf dem Balkon des Petersdoms beugte sich der Dekan des Kardinalskollegiums über ein Mikrofon. »Ich verkünde euch große Freude. Habemus Papam! Den hochwürdigsten Kardinal Eugenio Pacelli, der den Namen Pius XII. angenommen hat.«[11]

Mit zögernden Schritten trat der neue Papst an die Balustrade. Er war majestätisch groß. In seinem totenblassen Gesicht glänzten Augen wie schwarze Diamanten. Als er eine Hand hob, legte sich Stille über den Petersplatz. Die Menge sank in die Knie. Dreimal schlug der Papst ein Kreuz. Unter aufbrandendem Getöse erhoben sich die Menschen wieder. Rufe wie »Eviva il papa!« erschollen über dem Stakkato des »Pacelli, Pacelli, Pacelli!«. Auf dem Balkon breitete Pius mit Ärmeln, die wie weiße Flügel schwangen, in einer segnenden Geste die Arme aus. Dann drehte er sich abrupt um und verschwand im Petersdom.[12]

Im Apostolischen Palast trat Pacelli in das Schlafgemach eines kranken Freundes ein. Kardinal Marchetti Selvaggiani versuchte sich aufzurichten und flüsterte: »Heiliger Vater.« Pacelli, so ein Bericht, soll seine Hand ergriffen und gesagt haben: »Lass mich heute Abend noch Eugenio sein.« Aber den Mantel des Pontifex Maximus, den vor ihm 257 Heilige und Schurken für sich beansprucht hatten, trug der Papst schon jetzt. Ab dem ersten Augenblick seiner Wahl, so schrieb er später, habe er »die ganze Wucht der schweren Verantwortung« des Amts gespürt.[13]

Nach der Rückkehr in seine Privaträume fand er eine Geburtstagstorte mit 63 Kerzen vor. Er dankte seiner Haushälterin, rührte die Torte aber nicht an. Nach einem Rosenkranzgebet rief er seinen langjährigen Weggefährten Monsignore Ludwig Kaas zu sich. Zusammen verließen sie die Privatwohnung und kehrten erst um zwei Uhr morgens zurück.[14]

Was während dieses Gangs geschah, sollte einer der ersten autorisierten Biografen des Papstes so schildern: Pacelli und Kaas schritten durch entlegene Flure des Apostolischen Palastes und gelangten zu einer Nische an der Südwand der Petersbasilika. Zwischen Statuen des heiligen Andreas und der heiligen Veronika öffneten sie eine Tür, die in einen Tunnel führte, und kamen schließlich an eine schwere Bronzetür mit drei Schlössern. Kaas schloss sie mit seinen Schlüsseln auf, sperrte hinter ihnen ab und folgte Pacelli über eine Metalltreppe in die Vatikanischen Grotten hinab.[15]

Die Luft war heiß und stickig, angefeuchtet vom nahe gelegenen Tiber. Durch das Gewölbe führte ein gewundener Gang, in dem Päpste und Könige in ihren Särgen übereinandergestapelt zur letzten Ruhe gebettet waren. Pacelli raffte seine Soutane zusammen und kniete vor einem flachen Aufbau nieder, unter dem eine Höhlung verborgen war. Nach kurzer Besinnung fasste er seinen ersten Entschluss als Papst. Sein Pro-Staatssekretär bezeichnete diesen als einen »Stern, der seinen beschwerlichen Weg erleuchtete […], aus dem er Kraft und Standhaftigkeit zog und aus dem […] so das Programm seines Pontifikats hervorging«. Mit dieser Entscheidung wollte Pacelli das rätselhafteste Geheimnis des Vatikans lüften. Und die Geister, denen er auf dieser Suche begegnete, sollten zu seinen Führern werden.[16]

Das Rätsel, das Pacelli zu lösen beschloss, war so alt wie die Kirche. Irgendwann im 1. Jahrhundert war Petrus nach Rom gezogen, hatte eine Kirche geführt, die ihn in Konflikt mit der Staatsgewalt brachte, und war im Sumpfgebiet des Vatikanum, das für seine großen Schlangen und seinen schlechten Wein bekannt war, an einem Kreuz gestorben. Die junge Kirche tauchte daraufhin buchstäblich in den Untergrund ab und suchte, so die Legende, in den Katakomben Zuflucht. Die Nachfolger von Petrus, dem ersten Papst, hielten den Standort von dessen Grabstätte vorsichtshalber geheim. Gleichwohl kursierte unter den Römern lange Zeit das Gerücht, dass es unter dem Hochaltar der nach ihm benannten Basilika liegen sollte. Die Gerüchte drehten sich um einen sechs mal zwölf Meter großen Haufen aus Ziegelwerk und anderem unbekanntem Material. Niemand wusste, was in seinem mysteriösen Inneren oder unter ihm verborgen lag. Manchen zufolge sollte dort ein Schacht sein, in den mittelalterliche Priester Silber- und Goldgerät hinabgeworfen hatten, wohingegen andere meinten, er enthalte einen »Bronzekasten« mit den Gebeinen Petri. Bislang war noch kein Erkundungsteam diesen Legenden auf den Grund gegangen. Laut dem Vatikan lastete auf der sagenumwobenen Grabstätte ein tausendjähriger Fluch, der in Geheimdokumenten mit apokalyptischem Inhalt erläutert sei: Über jeden, der an dem Grab rühren würde, bräche größtes Unheil herein.[17]

Pacelli hatte dieses Tabu schon 1935 gebrochen. Als Pius XI. darum bat, unter dem Hochaltar bestattet zu werden, musste die Krypta erweitert werden, um seinen Sarg später dort unterzubringen. Verantwortlich war damals Pacelli, der neben anderen Ämtern auch das des Magnus Cancellarius des Päpstlichen Instituts für christliche Archäologie ausübte. Er beschloss, den Fußboden abgraben zu lassen, um einen knappen Meter mehr an Raumhöhe zu gewinnen. Auf einer Tiefe von gut 70 Zentimetern stießen die päpstlichen Ausgräber überraschend auf die Fassade eines Mausoleums mit schmückenden Friesen, die Schädel und Pygmäen darstellten – eine heidnische Allegorie auf den Zweikampf zwischen Leben und Tod. Wie sich herausstellte, lag die vatikanische Krypta über einer verschollenen Nekropole, an der seit der römischen Kaiserzeit keiner mehr gerührt hatte.[18]

In seiner Ahnung, Petrus’ Gebeine könnten in ihr verborgen liegen, wollte Pacelli weitergraben lassen, aber Pius XI. stellte sich quer. Seine Kardinäle bezeichneten das Vorhaben als Sakrileg. Und seine Architekten hielten es für gefährlich. Wenn die Ausgräber die Stützpfeiler von Michelangelos gewaltigem Dom beschädigten, würde die größte Kirche der Welt womöglich einstürzen.

Pacelli vertraute allerdings mehr als jeder Papst vor ihm auf die Wissenschaft. Er hatte sich als frommer katholischer Schüler an einem staatlichen Gymnasium wegen des Unrechts, das die Kirche an Galilei begangen hatte, Sticheleien anhören müssen, hatte zum Ausgleich aber Hochachtung vor den Abenteuern des Verstands entwickelt. »O Abtaster des Himmels!«, schwärmte er, »Giganten, wenn ihr die Sterne vermesst und Nebel benennt.« Er pries die Wissenschaften und ihre Anwendungen: Seine Lobeshymnen auf Eisenbahnen und Fabriken lesen sich wie Auszüge aus Ayn Rands Roman Atlas wirft die Welt ab. Kein Ingenieursproblem konnte ihn schrecken, kein religiöser Fluch eine Recherche behindern. »Die Helden der Forschung«, sagte Pacelli, fürchteten keine »Stolpersteine und Risiken«. Jetzt, da er in seiner ersten Nacht als Papst vor der stillgelegten Grabungsstätte kniete, entschloss er sich, eine umfassende archäologische Erkundung durchführen zu lassen.[19]

Diese Untersuchung kündigte, gleichsam im Kleinen, das gewaltige Geheimunternehmen seines Pontifikats an. Denn hier, an der Stätte dieses kühnen Projekts, sollten Pacellis Mitarbeiter mit seinem Segen zusammentreffen, um ein noch kühneres in Angriff zu nehmen. Dieses zweite Vorhaben trug wie das erste die Signatur von Pacellis Papstherrschaft. Beide Projekte wurden unter obsessiver Geheimhaltung betrieben. Beide brachten es mit sich, dass zwischen öffentlichen Äußerungen und verstecktem Tun eine riesige Lücke aufklaffte. Beide brachten sie die katholische – also die größte – Kirche der Welt in Gefahr. Und beide sollten Kontroversen heraufbeschwören, die Pacellis Herrschaft so unglückselig erscheinen ließen, dass manche meinten, der Papst habe sich tatsächlich den Fluch des geschändeten Grabes zugezogen.

Während Pacelli in der Krypta unter dem Petersdom betete, brannten in der gefürchtetsten Adresse Deutschlands bis spät in die Nacht die Lichter. Der fünfgeschossige Bau in der Prinz-Albrecht-Straße 8 in Berlin hatte als Kunstgewerbeschule gedient, bis die Nationalsozialisten seine Bildhauerateliers in Gefängniszellen umfunktionierten. An der großen Vordertreppe standen zwei Wachen mit Pistolen und Schlagstöcken. Im obersten Stock des Nachbargebäudes – des ehemaligen Hotels Prinz Albrecht – arbeitete der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, der Leiter der Schutzstaffel (SS), die Hitler als Terrortruppe diente. In einem angrenzenden Büro tippte Himmlers Vatikan-Experte Hartl hektisch auf einer Schreibmaschine, um zum frisch gewählten Papst ein Dossier vorzubereiten.[20]

Sturmbannführer Albert Hartl war ehemaliger Priester. Er trug runde Brillengläser im runden Gesicht und erinnerte mit seinem Büschel Haar auf dem Kopf an einen Irokesen. Seine Frau beschrieb ihn als »wortkarg, pingelig, ausweichend [… und] sehr launisch«. Nach dem Tod seines Vaters, eines Freidenkers, war er Priester geworden, um der frommen Mutter einen Gefallen zu tun. Seine Oberen verärgerten ihn mit der Feststellung, dass er »für den Umgang mit Mädchen nicht geeignet erscheine«. Nachdem er seinen besten Freund, einen Priesterkollegen, an die Nazis verraten hatte, kehrte er unter mysteriösen Umständen der Kirche den Rücken.[21]

»Er behauptet«, so ein Vernehmer nach dem Krieg, »er sei eines Morgens im Januar 1934 im Hauptquartier der Gestapo aufgewacht, voller schwarzer und blauer Flecken und mit heftigen Schmerzen. An einem Fuß habe er eine große Wunde gehabt. Sein Kopf sei überall geschwollen und voller eitriger Wunden gewesen – mit blauen und aufgedunsenen Lippen. Zwei Zähne hätten gefehlt. Er sei gnadenlos verprügelt worden, habe sich aber an nichts mehr erinnern können.« Hartl hatte einen großen Mann mit dem ovalen Gesicht eines »gefallenen Engels« über sich. SS-Spionagechef Reinhard Heydrich erklärte, Hartl sei »von Fanatikern der Kirche verprügelt und vergiftet worden«.[22]

Heydrich bot ihm an, in den NS-Geheimdienst einzutreten. Als Chef der Abteilung II/113 im Sicherheitsdienst der SS (SD) würde er einen Stab aus ehemaligen Priestern leiten, die katholische NS-Gegner ausspionierten. Zu Hartls Aufgaben gehörte es, die »Verbindungen, Wirkungsmöglichkeiten und Einflussgebiete der wichtigsten Persönlichkeiten […] aufzudecken, die entscheidenden Aktivisten zur Strecke zu bringen«.[23]Wie Hitler selbst gesagt hatte: »Wir wollen keinen anderen Gott haben als nur Deutschland allein.«[24]Hartl war sofort zum Eintritt in die SS entschlossen. Wie sich ein Kollege erinnerte, habe er ihr dann mit dem ganzen Hass eines Abtrünnigen gedient. In seinem aktualisierten Lebenslauf schrieb er, dass der Kampf gegen die Welt, die er so gut gekannt habe, zu seinem Lebenswerk geworden sei.[25]

Die Wahl des neuen Papstes gab Hartl die Chance zu brillieren. Er hoffte, dass höhere Führungsfiguren, vielleicht sogar Hitler, sein SD-Dossier über Pius lesen würden. Er durchforstete unter Verschluss gehaltene und öffentliche Quellen, siebte anhand der eigenen Erfahrungen Fakten aus und stellte sie in prägnanter Kürze dar, um viel beschäftigten Politikern entgegenzukommen.[26]

Papst Pius XII. (Kardinal Pacelli)

Lebenslauf:

2. März 1876 in Rom geboren

1917 Nuntius in München, intensive Mitwirkung in den Friedensbemühungen des Vatikans

1920 Nuntius in Berlin [, bis 1925 auch bayerischer Nuntius (in Personalunion)] 1929 Kardinal

1930 Kardinalstaatssekretär: Reisen nach Amerika und Frankreich.

Haltung gegenüber Deutschland: Pacelli war zunächst stets besonders deutschfreundlich und für seine herausragende Kenntnis der deutschen Sprache bekannt. Dennoch führte ihn die Verteidigung einer orthodoxen Politik der Kirche in eine grundlegende Gegnerschaft zum Nationalsozialismus.[27]

Begonnen hatte der Zweikampf zwischen der katholischen Kirche und dem Nationalsozialismus mit einer Übereinkunft. Bei der NS-Machtübertragung 1933 pries Pius XI. Hitlers Antikommunismus und ging auf ein Angebot ein, die Rechte der Katholiken im Reich offiziell zu machen. Sein Kardinalstaatssekretär Pacelli handelte ein Konkordat aus, das der Kirche jährliche Steuereinnahmen von 500 Millionen Reichsmark verschaffte. »Mit der Unterzeichnung dieses Konkordats«, schrieb Hartl, »wies der Papst Millionen bislang auf Distanz bedachten Katholiken den Weg zu Hitler.« Gegen Mitte des Jahrzehnts erwies sich das Reichskonkordat für Hitler allerdings als hinderlich. Pacelli bombardierte Berlin mit 55 Protestnoten, in denen er Vertragsbrüche anprangerte. Es wurde klar, so ein SS-Offizier, dass es »absurd wäre, Pacelli NS-Freundlichkeit vorzuwerfen«.[28]

Pacellis öffentliche Äußerungen verärgerten Berlin. In der Enzyklika Mit brennender Sorge von 1937, die Pius XI. veröffentlicht hatte, war der deutsche Staat beschuldigt worden, sich zur Ausrottung der Kirche verschworen zu haben. Die drastischsten Worte, so vermerkten NS-Beobachter, stammten aus Pacellis Protesten: »Hass«, »Machenschaften«, »Vernichtungskampf«. Mit diesen Begriffen, so sah es Hartl, habe Pacelli die ganze Welt zum Kampf gegen das Reich aufgerufen.[29]

Und am schlimmsten: Pacelli predigte die Gleichwertigkeit der Rassen: »Das Christentum habe alle Rassen, ob es nun Neger oder Weiße seien, zu einer einzigen großen Gottesfamilie zusammenzufassen«, spottete Hartl. »Deshalb stünde die Kirche auch dem Antisemitismus fern.« Bei einer Rede in Frankreich hatte Pacelli den »Aberglauben der Rasse und des Blutes« verdammt. Infolgedessen zeichneten NS-Karikaturisten einen hakennasigen Pacelli, der mit dem schwarzen Leichtathleten Jesse Owens und Rabbis herumtollt. Derweil verkündete Hartl, dass »fast ausnahmslos die gesamte verjudete USA-Presse Pacelli« begrüßt habe.[30]

Eine Gefahr stellten diese Lehren deshalb dar, weil sie mehr als Rhetorik waren. Die Gestapo befand Katholiken für »ideologisch unbelehrbar«, da sie fortgesetzt jüdische Händler schützten. Wie die SS notierte: In eben jenen Bezirken, in denen noch der politische Katholizismus herrsche, seien die Bauern von dessen Lehren so infiziert, dass sie gegenüber jeder Diskussion über rassische Probleme taub seien. Katholische Bauern tauschten ein Schild mit der Aufschrift »Juden nicht erwünscht« gegen eines mit »Juden sehr erwünscht« aus.[31]

Hartl führte diese unbeugsame Haltung auf ein finsteres Anliegen zurück, das durch Pater Joachim Birkner, einen Freund Pacellis aus dem Priesterseminar, der im Vatikanischen Geheimarchiv arbeitete, wo er angeblich Forschungen zur Kirchendiplomatie im 16. Jahrhundert durchführte. Tatsächlich spionierte Birkner für die SS. Er fixierte sich auf Pacellis persönlichen Mitarbeiter Robert Leiber, der bisweilen als »böser Geist des Papstes« bezeichnet wurde.[32]

Pater Leiber habe dem Informanten mitgeteilt, so der Bericht der SS, die größte Hoffnung der Kirche bestehe darin, dass das nationalsozialistische System in naher Zukunft durch einen Krieg zerstört werde. Sollte der Krieg ausbleiben, erwarte die Diplomatie des Vatikans eine Veränderung der Lage in Deutschland spätestens nach dem Tod des Führers. Birkners Bericht fiel mit einem Appell Pacellis an die Christen zusammen. Hartl fasste diesen als Aufruf zum Widerstand gegen Hitler auf.[33]

Damals erschien Pacelli als das innerste Zentrum eines Kriegs gegen das Reich, der nicht so bald enden würde. Solange es eine römische Kirche gebe, warnte Hartl, würden sie deren ewige politische Ansprüche in einen Kampf mit jedem völkisch-bewussten Staat zwingen. Die Frage laute also nicht, ob, sondern wie der neue Papst Hitler bekämpfen würde.[34]

Dem stimmte Hitler selbst zu. Wie Propagandaminister Goebbels vermerkte: »4. März 1939 (Samstag): Mittags beim Führer. Er erwägt, ob wir nicht aufgrund der Wahl Pacellis zum Papst das Konkordat kündigen sollen. Das wird bestimmt bei der ersten Kampfmaßnahme Pacellis der Fall sein.«[35]

Am Sonntag, den 5. März, hob Pius am Schreibtisch den Hörer seines Telefons ab und teilte seinem engsten Mitarbeiter mit, dass er ihn erwarte. Pater Robert Leiber trat in die päpstlichen Gemächer ein. Im Vatikan als der »kleine Asthmatiker« bekannt, wirkte der 51-jährige bayerische Jesuit wie ein melancholischer Gnom. Obwohl er zweimal täglich mit Pius redete und fast alles las, was über dessen Schreibtisch ging, wusste niemand, welches Amt er eigentlich bekleidete. Er lief verschiedentlich als »Beauftragter für deutsche Fragen«, päpstlicher Bibliothekar, Professor für Kirchengeschichte oder als eine »Art wissenschaftlicher Sekretär«.[36]

Tatsächlich führte er gar keinen Titel. »Pater Leiber war niemals ein Amtsträger des Vatikan«, sagte ein Jesuitenkollege. »Er war ein enger Mitarbeiter des Papstes, im Vatikan aber nie als offizielles Mitglied des Vatikans zugelassen worden.« Leiber hatte dort ein Amt inne, ohne im offiziellen Verzeichnis aufzutauchen. Er fungierte als inoffizieller Offizieller.[37]

Wegen des fehlenden Titels war Leiber für Geheimmissionen bestens geeignet. Ein Priester, der während der NS-Diktatur für den amerikanischen Geheimdienst gearbeitet hatte, erklärte später: »Es leuchtet ein, dass offizielle Behörden nicht im Kern in die Verantwortung genommen werden dürfen, wenn sie Fehler machen oder scheitern. Sie müssen verkünden können, dass sie von dem, was gesagt und getan wurde, nie etwas wussten.« Da Leiber nicht für den Vatikan arbeitete, konnte der Heilige Stuhl jedwede Beteiligung an all seinen Aktivitäten bestreiten.[38]

Leiber kam zugute, dass er den Mund halten konnte, wie Jesuitenkollegen anmerkten. Insbesondere zur Kirchenpolitik, sagte einer, der ihn kannte, habe Pater Leiber eine Haltung absoluter Geheimhaltung eingenommen. In dieser Hinsicht entsprach er dem Musterbild des persönlichen päpstlichen Mitarbeiters, das Papst Sixtus V. im 16. Jahrhundert entworfen hatte: Dieser müsse alles wissen, lesen und verstehen, dürfe aber nichts sagen.[39]

Wenn Leiber doch etwas sagte, wurde er direkt: Sein Wort sei scharf wie geschliffener Stahl, so fasste es ein Diplomat. Als Pacelli in den 1920er-Jahren als Apostolischer Nuntius in München diente, äußerte Leiber sich sogar missbilligend über den künftigen Papst, weil dieser mit der bayerischen Nonne Pascalina Lehnert zusammenlebte. Als ein Kardinal die Nuntiatur inspizierte, bezeichnete er dieses Zusammenleben als unangemessen. Lehnert sah Pacelli nach eigenem Bekunden gerne »im Reitanzug, der ihm ganz vortrefflich stand«. Als Leiber erfuhr, dass der Kardinal seine Beschwerde Pacelli übermittelt hatte, bot er seinen Rücktritt an. Pacelli lehnte ab mit den Worten: »Nein, nein, nein. Sie dürfen denken und sagen, was immer Sie wollen. Ich werde Sie nicht entlassen.«[40]

Leibers Direktheit, die bei Pacelli gut ankam, stieß andere allerdings vor den Kopf. So nannte ein Priesterkollege seine Art bissig, ja verletzend, und fügte hinzu: »Sehen Sie, er ist ein wenig sonderlich geworden.« Um sein Asthma zu kurieren, probierte Leiber sogar eine »Frischzellentherapie« aus, bei der er sich ein Präparat aus Gewebe eines frisch geschlachteten Lamms einspritzen ließ. Manche bezogen ein lateinisches Scherzwort auf ihn: Timeo non Petrum sed secretarium eius – Ich fürchte nicht Petrus [den Papst], sondern dessen Sekretär.[41]

An jenem Sonntagmorgen überbrachte Leiber Pius eine dringende Mitteilung. Der Münchner Kardinal Michael von Faulhaber hatte den Vatikan lange dazu gedrängt, dem Nationalsozialismus öffentlich entgegenzutreten, weil er Prinzipien verletze, die so ewig wie die Sterne über jedem Kompromiss zu stehen hätten. In einem Brief mit der Überschrift »Ehrerbietigste Vorschläge« mahnte Faulhaber jetzt aber einen Waffenstillstand an.

Er befürchtete, dass Hitler die katholische Kirche Deutschlands von Rom abspalten würde. Nicht als Katholiken, aber als Deutsche glaubten viele Katholiken im Reich an den Führer. Dass »Katholiken Herrn Hitler trotz seines Hasses auf die Kirche als einen Helden bewunderten«, hatte Pacelli bereits selbst bemerkt. Faulhaber sah die Gefahr eines Schismas im »Lande der Reformation außerordentlich gehoben«. Vor die Wahl zwischen Hitler und der katholischen Kirche gestellt, würden sich zahlreiche deutsche Glaubensbrüder für Hitler entscheiden. »Ein besonderes Augenmerk«, so mahnte Faulhaber, »werden die Bischöfe auf die Bestrebungen zur Gründung einer Nationalkirche haben« müssen. Sollte der Vatikan keine Übereinkunft suchen, könne Hitler die Kirche nationalisieren, wie es König Heinrich VIII. mit der englischen vorgemacht habe.[42]

Die Nationalsozialisten seien inzwischen selbst zu einer Kirche mutiert. Ihre Philosophie, sagte Faulhaber, sei eine De-facto-Religion. Sie hätten sich für Taufe und Konfirmation, Heirat und Begräbnisse eigene sakramentale Riten geschaffen. Aschermittwoch hätten sie zum Wotanstag und Himmelfahrt zum Fest von Thors Hammer umgewidmet. Den Weihnachtsbaum bekrönten sie inzwischen anstatt mit einem Stern mit dem Hakenkreuz. Die Nationalsozialisten stellten sogar die blasphemische Behauptung auf, »Adolf Hitler sei genauso groß wie Christus«.[43]

Über diese üblen Vorzeichen wollte Faulhaber mit dem Papst diskutieren. Als er und die drei anderen Kardinäle aus dem Dritten Reich zum Konklave nach Rom gekommen waren, hatte Pius sie eingeladen, um in einer Audienz am nächsten Tag »einige Gedanken an die Oberfläche zu holen«. Die Begegnung war für Pius allerdings insofern ein Problem, als er einem der Kardinäle misstraute.

Im Vorjahr hatte der Wiener Kardinal Innitzer, der Primas von Österreich, für einen Skandal gesorgt. Als Hitler Österreich annektiert hatte, sagte er dem NS-Staat die Unterstützung der Kirche zu. Als damaliger Kardinalstaatssekretär rief Pacelli Innitzer nach Rom, um ihn einen Widerruf unterschreiben zu lassen. Innitzer folgte, doch als Papst war Pius sich über ihn jetzt im Ungewissen. Der gutmütige und sentimentale Österreicher reagierte offenbar anfällig auf Druck. Angesichts des heraufziehenden Kriegs wollten alle, die in die Bibliothek des Papstes kamen, die Besprechung mit einer Erklärung verlassen, dass Gott ihrem Land zur Seite stehe. Selbst wenn Innitzer die vertraulichen Worte des Papstes in der Öffentlichkeit nicht verdreht wiedergeben würde, bestand die Gefahr, dass die NS-Propagandisten dies an seiner Stelle erledigten.[44]

Folglich beschloss Pius, von der Audienz mit den Kardinälen eine vertrauliche Mitschrift anfertigen zu lassen. Ein beweiskräftiges Dokument mit dem Wortlaut sollte helfen, jedwede entstellende Darstellung seiner Äußerungen zu widerlegen. Deswegen stattete Pius seine Bibliothek schon zu Anfang seines Pontifikats mit einer Abhöranlage aus.[45]

Die Tonbandüberwachung sollte eines der bestgehütetsten Geheimnisse des Vatikans bleiben. Erst sieben Jahrzehnte später bestätigte das letzte noch lebende Mitglied des geheimen katholischen Widerstands gegen die NS-Herrschaft, der deutsche Jesuitenpater Peter Gumpel, dass es eine solche tatsächlich gegeben hatte. Bis dahin hatte Gumpel 40 Jahre damit zugebracht, den Prozess zu Pacellis Seligsprechung zu leiten.

»In die Wand wurde ein Loch gebohrt«, sagte Gumpel. »Ich erfuhr dies zufällig, und zwar von sehr hoher Stelle […] Die Sache ist sicher. Ich habe es ermittelt, aus der unmittelbaren Umgebung des Papstes.«[46]

Abhörmethoden gelangten zu der Zeit, als Pacelli Papst wurde, gerade zur Reife. In den nächsten Jahren sollten Hitler, Stalin, Churchill und Roosevelt alle heimlich Gesprächsmitschnitte anfertigen lassen. Wenige Tage vor dem Konklave hatte ein Schornsteinfeger in der Sixtinischen Kapelle ein verstecktes Diktafon entdeckt. Die Abhörfähigkeit des Vatikans konnte mit der sämtlicher weltlicher Staaten mithalten: Der Heilige Stuhl wurde von Guglielmo Marconi, dem Erfinder des Radios, verdrahtet.[47]

Pacelli hatte Marconi persönlich angeworben, um den Hauptsitz der katholischen Kirche zu modernisieren. Marconi hatte gratis eine Telefonvermittlung, eine Radiostation und eine Kurzwellenverbindung zur päpstlichen Sommervilla eingerichtet. Im Gegenzug löste Rom Marconis Ehe auf, um ihm eine neue zu ermöglichen. Die Tochter, die aus der neuen Verbindung hervorging, erhielt passenderweise den Namen Elettra (= Elektra). Einige von Marconis Ingenieuren arbeiteten nach wie vor für den Papst unter einem jesuitischen Physiker, der Radio Vatikan betrieb. Sie erfüllten »institutionelle Aufgaben«, wie es in den kirchlichen Unterlagen hieß, so Aufzeichnungen der Reden des Pontifex und »außergewöhnliche Dienste« wie das Abhören seiner Besucher.[48]

In der Theorie erschien die Aufgabe eher einfach. Das Personal von Radio Vatikan kannte die Örtlichkeiten und hatte zu ihnen kontrollierten Zugang. Der Papst empfing seine Besucher in der Päpstlichen Bibliothek, die durch Türen mit zwei Vorzimmern verbunden war, in denen Marconis jesuitische Techniker unbemerkt arbeiten konnten. Der Termin für die Audienz mit den deutschen Kardinälen am 6. März ließ ihnen allerdings nur einen Tag Zeit, um ihren Einsatzort zu begutachten, einen Zugang zu schaffen, ein Mikrofon zu installieren, Leitungen zum Abhörposten zu verlegen und das gesamte System durchzutesten.[49]

Sie zogen Orte in der Bibliothek in Betracht, an denen sie ein Mikrofon verstecken konnten. Bilderrahmen, Tischleuchten, die Verstrebung unter einem Tischbein, das Telefon, Deckenleuchten – überall boten sich Möglichkeiten. Am Ende, so sollte sich Pater Leiber später erinnern, entschied sich das Team für eine »Anlage, die es ermöglichte, alles im Nachbarraum mitzuhören«. Dazu bohrten sie in mühevoller nächtlicher Arbeit ein Loch in die Wand und verwanzten es.[50]

Am Morgen des 6. März, so legen verfügbare Hinweise nahe, bediente ein Techniker einen Wandschalter, worauf an der Apparatur eine weiße Lampe aufleuchtete. Der Bediener wartete eine ganze Minute, bis sich die Kathoden aufgewärmt hatten, und bewegte den Steuerungshebel dann in die Position »Aufnahme«.[51]

Sechs Minuten vor neun Uhr trat Pius in die Päpstliche Bibliothek ein. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt sah Monsignore Enrico Pucci von einem Kämmerchen am San-Damaso-Hof aus, wie die vier Kardinäle in den Apostolischen Palast eintraten. Jeder trug ein purpurnes Scheitelkäppchen, eine purpurne Schärpe und ein goldenes Kreuz auf der Brust. Nachdem sie ein Labyrinth aus Fluren und Höfen durchschritten hatten, fuhren sie mit einem knarrenden Fahrstuhl nach oben. Er öffnete sich zu einem rotsamtenen Wartesaal, geschmückt mit Medaillons neuerer Päpste. Alberto Arborio Mella, der päpstliche Maestro di Camera, führte die Kardinäle in die Bibliothek.[52]

Das Eckzimmer blickte auf den Petersplatz hinaus. Unter Gemälden mit Tierdarstellungen zogen sich an den Wänden Bücherschränke entlang. Ein Kristalllüster hing von der Decke. Ein Plüschteppich bedeckte den Boden. Aus Nischen starrten drei finstere Porträts holländischer Meister herab. Ein Mahagonitisch erstreckte sich zu den drei Fenstern, deren zur Seite geraffte Vorhänge an Messer gemahnende weiße Lichtstrahlen einfallen ließen.[53]

Pius saß an einem Schreibtisch, die gefalteten Hände im Sonnenlicht. Er trug ein weißes Käppchen und rote absatzlose Pantoffeln. Nur sein goldenes Brustkreuz schmückte seine schneeweiße Soutane. Nacheinander beugten sich die Kardinäle herab, um seinen Siegelring zu küssen: Adolf Bertram aus Breslau, Michael von Faulhaber aus München, Karl Joseph Schulte aus Köln und Theodor Innitzer aus Wien.

Sie nahmen dem Papst gegenüber auf Stühlen mit Rohrlehnen Platz. Der Schreibtisch war mit aufgetürmten Unterlagen und einem Kruzifix bedeckt, nebst einem goldbeschlagenen Telefon mit königsblauen Fingerlöchern. Eine silberne Plakette wies den Schreibtisch als ein Geschenk aus, mit dem sich die deutschen Bischöfe für Pacellis zwölf Jahre währenden Dienst als Nuntius in Deutschland bedankt hatten.

»Wir wollen die Zeit, wo Eure Eminenzen hier weilen, nutzen«, begann Pius, »um zu überlegen, wie der Sache der katholischen Kirche in Deutschland im gegenwärtigen Augenblick geholfen werden kann.« Er verlas in Latein einen Entwurf für einen Brief an Hitler. Unter den verschnörkelten protokollarischen Höflichkeiten stand der Satz: »Gott schütze Sie, ehrenwerter Herr.«[54]

Pius fragte: »Glauben Sie, der Brief passt, oder soll man etwas beifügen oder ändern?« Während ihn drei Kardinäle billigten, sah Faulhaber ein Problem.

»Muss es Lateinisch sein? Bei seiner Empfindlichkeit gegen die nichtdeutsche Sprache würde der Führer es vielleicht wünschen, nicht erst einen Theologen rufen zu müssen.«

»Man kann deutsch schreiben«, sagte Pius. »Man muss an das denken, was für die Kirche in Deutschland recht ist. Für mich ist das die wichtigste Frage.«

Dann wandte sich der Papst direkt dem Konflikt zwischen Kirche und Drittem Reich zu. Er verlas eine Liste mit Beschwerden, die Kardinal Bertram zusammengetragen hatte. Die Nationalsozialisten hatten die Verbreitung der Lehren der Kirche behindert, ihre Organisationen verboten, ihre Presse zensiert, Seminare aufgelöst, Besitztümer konfisziert, Lehrer entlassen und Schulen geschlossen. Dieses Vorgehen lief auf eine umfassende Verfolgung hinaus. Parteifunktionäre prahlten damit, dass »nach Niederwerfung des Bolschewismus und des Judentums […] nur noch die katholische Kirche der Feind des heutigen Staates« sei.[55]

Pius erteilte Faulhaber das Wort, der daraufhin einen noch finstereren Bericht abgab. »Das Vorurteil vom politischen Katholizismus […] will nicht verstummen«, warnte er. Er führte Hitlers jüngste Rede im Reichstag an, in der es in einem furchterregenden Satz geheißen hatte: »Den Priester als politischen Feind der Deutschen werden wir vernichten!« Braunhemden hatten die Worte als Freibrief aufgefasst, um Statuen an Kirchen die Köpfe abzuschlagen, Kruzifixe als Zielscheiben zu missbrauchen und Altäre mit Exkrementen zu beschmieren. Jüngst hatte ein Mob Faulhabers Wohnsitz umzingelt, sämtliche Scheiben eingeworfen und das Gebäude in Brand zu stecken versucht.[56]

Die Übergriffe führte Faulhaber auf die päpstliche Enzyklika von 1937 zurück. Er hatte diesen päpstlichen Protest gegen die NS-Politik selbst aufgesetzt, worauf Pacelli als Staatssekretär die Formulierungen verschärft hatte. Aus Faulhabers Klage hatte er eine kämpferische Anklage gemacht. Er änderte den Titel von Mit beträchtlicher Sorge zu Mit brennender Sorge. In der verschärften Fassung hieß es, der Nationalsozialismus habe mit Blick auf die Kirche »von Anfang an kein anderes Ziel [gekannt] als den Vernichtungskampf«. Hitler, so wandte Faulhaber ein, habe in seiner ersten Rede als Reichskanzler gesagt, dass er mit der Kirche Frieden wolle, und sei deswegen »über das obige Wort in der Enzyklika entrüstet und hat seitdem die Beziehungen zur kirchlichen Behörde fast ganz abgebrochen«. Auch wenn sich Faulhaber die Äußerung verkneifen konnte, hatte Pacelli als Kardinal seiner Ansicht nach stark zu der Krise beigetragen, mit der er jetzt als Papst konfrontiert war.[57]

Faulhaber stellte eine weitere Spitze Pacellis in der Enzyklika infrage. Laut ihrem Text sei »die Apotheose eines Kreuzes gefeiert worden, das dem christlichen Kreuz feindlich« gegenüberstehe. Faulhaber wandte ein: »Das Hakenkreuz war vom Führer nicht als Gegensatz zum christlichen Kreuz gewählt [und] wird vom Volk auch nicht so empfunden.« Ein Staat müsse das Recht haben, seine Flagge zu wählen, und »eine Ablehnung dieser Flagge [würde] als unfreundliche Haltung« aufgefasst. Habe Kardinal Pacelli, so deutete Faulhaber an, nicht auch hier ein Feuer entfacht, das er jetzt als Papst löschen müsse?[58]

»Eminenz Faulhaber [sieht dies] sehr richtig«, sagte Pius und hob damit in der Audienz ein einziges Mal einen Kardinal lobend hervor: ein subtiles Signal dafür, dass er Faulhaber – und nicht Bertram, den offiziellen Führer der deutschen Kirche – damit betrauen würde, eine Politik gegenüber Hitler zu schmieden.

Faulhabers bevorzugte Politik bestand aus zwei Teilen. Der erste war vordergründige Ergebung. »Sie [die Nationalsozialisten] fühlen sich so als Kämpfer, dass es ihnen lieber scheint, wenn sie Kampfgründe bekommen. Besonders wenn es gegen die Kirche geht! Aber ich glaube auch, dass wir Bischöfe tun müssen, als ob wir das nicht sehen würden.« Die Bischöfe sollten sich mit Hitler nicht in einen Krieg der Worte hineinziehen lassen – und ebenso wenig Pius. »Dass ferner dann, wenn die Sache praktisch werden sollte, vonseiten des Heiligen Vaters auch etwas gegeben werden müsste.«

»Ich habe Polemik […] verboten«, sagte Pius. Er hatte bereits die Tageszeitung des Vatikans, den L’Osservatore Romano, angewiesen, Angriffe auf die deutsche Politik zu unterlassen: »Ich habe sie dort wissen lassen, sie sollten jetzt kein scharfes Wort sagen.«

Der zweite Teil der Politik bestand in einer Vermittlung unter der Hand. Um dem Nationalsozialismus zu begegnen, brauche es »Persönlichkeit«, keine förmlichen Proteste. Zuverlässige Mitarbeiter könnten den Konflikt hinter den Kulissen lösen – sofern sie sich auf dem Laufenden hielten. »Die deutschen Bischöfe müssen an das Staatssekretariat Eurer Heiligkeit über alle Streitfälle und Eingaben rasche und genaue Informationen senden.« Notfalls sollten sie die offiziellen amtlichen Wege umgehen.[59]

Dies verstehe sich von selbst, sagte Pius. Wichtige Fäden behielt er gerne in der Hand. »Die deutsche Frage ist mir die wichtigste«, sagte er. »Ich werde mir ihre Behandlung vorbehalten.«[60]

Diese Aussicht schien die deutschen Kardinäle zu beunruhigen. »Wir müssen uns ein Gewissen machen wegen der Gesundheit Eurer Heiligkeit«, brachten plötzlich mehrere vor.

»Ich bin gesund«, entgegnete Pius. Dann stand er auf. »Eminenzen, vielleicht können wir uns wiedersehen.« Als sich die Kardinäle zum Gehen anschickten, versuchte er sie in ihrer Entschlossenheit zu bestärken.

»Grundsätze kann man nicht preisgeben«, verkündete der Papst. »Wir wollen sehen, einen Versuch wagen. Wenn sie den Kampf wollen, fürchten wir uns nicht. Aber wir wollen sehen, ob es irgendwie möglich ist, zum Frieden zu kommen. […] Wenn wir dann alles versucht haben und sie doch unbedingt Krieg wollen, werden wir uns wehren.« Er wiederholte: »Lehnen sie ab, so müssen wir kämpfen.«[61]

Im SS-Hauptquartier war Albert Hartl noch immer emsig bei der Arbeit. Seine Vorgesetzten hatten verlangt, sein Dossier zum neuen Papst so zu erweitern, dass sie Auszüge als Pamphlet veröffentlichen konnten. Letzteres sollte die Parteilinie zu Pius festlegen und Mitte März in Druck gehen. Hartl baute in sein Porträt Kampfszenarien ein. Sollte Pacelli weitere Angriffe starten, war das Wissen, welche Waffen und Taktiken er einsetzen würde, von entscheidender Bedeutung.

Pacelli würde nicht unbedacht handeln. Seine öffentlichen Äußerungen gegen den Nationalsozialismus spiegelten eher den ungestümen Stil Pius’ XI. als seinen eigenen wider. Als neuer Papst war er kein geifernder Mystiker, sondern ein genauer Beobachter, der scharfsinnig Dinge wahrnahm, die robusteren Naturen entgingen. »Was er aufgenommen hat«, so Hartl, »ist in ihm verborgen. Was er empfindet, zeigt er nicht. Der Ausdruck seiner Augen ist immer gleich versunken und verhalten.« Pacelli wäge jedes seiner Worte ab und vermeide jeden unbedachten Schritt. Dadurch könne er oberflächlich, pedantisch oder auch kleinlich erscheinen. Nur selten, gegenüber Amerikanern oder Kindern, trete beim Reden manchmal ein Glanz in seine Augen und hebe sich seine Stimme.[62]

Und doch scheute Pacelli nicht nur als Stilfrage vor einer direkten Konfrontation zurück. Als politischer Realist vermied er es, aus einer Position der Schwäche zu agieren. Gegenüber Massenbewegungen erschien die Kirche veraltet, kraftlos und ohnmächtig. Die Eroberung Abessiniens durch Italien und die Annexion Österreichs durch das Dritte Reich hatten zwischen dem friedliebenden Vatikan und den nationalistischen Bischöfen bereits eine tiefe Kluft offenbart. Auch wenn Pacelli auf die örtlichen Kirchen theoretisch umfassenden Einfluss hatte, konnte er diesen in der Praxis nur teilweise geltend machen.[63]

Folglich würde er indirekt kämpfen. »Da, wo die Kirche sich nicht im Besitze der Macht fühlt«, schrieb Hartl, »wendet sie selbstverständlich schlauere Methoden zur Erreichung ihrer Ziele an.« Dabei hob er drei Mittel hervor: Militanz, Meuterei und Spionage, von denen die zuletzt genannte die bedeutendste war.[64]

»Streng genommen«, so schrieb er, »gibt es keinen vatikanischen Geheimdienst.« Dennoch hatte die Kirche Geheimagenten – Geistliche, die sie mit Berichten versorgten. Bei der Auswertung dieser Berichte habe der Vatikan sie einer »geheimdienstlichen Bearbeitung« unterzogen. Auch habe das päpstliche Personal Vertreter unter Geistlichen und Laien mit »Geheimmissionen« betraut. Da der Vatikan mit nachrichtendienstlichen Agenten, Auswertern, Berichten und Missionen operiere, habe der Papst einen »De-facto-Geheimdienst« unterhalten.[65]

Einige dieser angeblichen Missionen zeichneten sich durch einen geradezu mittelalterlichen, kriegerischen Glaubenseifer aus. Hartl berichtete zum Beispiel, dass Kardinal Faulhaber für rechte Kräfte in München Waffen versteckt gehalten habe. Während seiner Arbeit von 1919 bis 1923 für das Freisinger Priesterseminar hatte er erfahren, dass »mit Faulhabers Genehmigung eine beträchtliche Menge an Waffen und Munition versteckt gehalten wurde. […] Darunter waren Gewehre, Maschinenpistolen und zwei kleine Geschütze.« Hartl berichtete, er habe diese Waffen mit eigenen Augen gesehen. »Einige lagerten in einem Versteck […], das über eine Geheimtreppe unter einer Steinplatte neben dem Hauptaltar zugänglich war.« Bayerische Reaktionäre, so Hartl, hätten die Waffen für geheime Wehrübungen und vielleicht auch bei Operationen gegen linke Terroristen genutzt. Dazu gedrängt, könne die Kirche ähnliche Methoden einsetzen, um Gewaltaktionen gegen die Nationalsozialisten zu unterstützen.[66]

Auf diese Weise werde militanter Eifer zur Auflehnung. »So beansprucht der katholische Papst grundsätzlich für sich das Recht«, so Hartl, »Staatsoberhäupter, die im Gegensatz zur Kirche stehen, abzusetzen, und er hat bis in die Neuzeit hinein diesen von ihm aufgestellten Anspruch auch mehrfach verwirklicht.« Während der Gegenreformation ermordeten jesuitische Agenten angeblich die französischen Könige Heinrich III. und Heinrich IV. und schmiedeten ein Komplott, um das britische Parlament in die Luft zu jagen. Von Pacellis jesuitischem Mitarbeiter, Pater Leiber, wusste Hartl bereits, dass er gegen ein solches Vorgehen gegen Hitler keinerlei moralische Bedenken hatte. Die SS müsse folglich sämtliche militanten deutschen Katholiken mit Verbindung zu Leiber aufstöbern und »ihre Kampfstellung […] brechen«.[67]

Diese Verbindungen auszumachen, so räumte Hartl ein, sei »äußerst schwierig«. Nur der innerste Kreis um den Papst war im Einzelnen in Geheimoperationen eingeweiht. Auch oblag das Aufspüren päpstlicher Spione dem Militärischen Geheimdienst (Abwehr), einer rivalisierenden Spionageabteilung, in der Gerüchten zufolge konservative Gegner Hitlers operieren sollten. Als Ergebnis verfügte die SS nur über ein »dürftiges« Wissen zu den »Persönlichkeiten im vatikanischen Geheimdienst«.[68]

Hartl hoffte, dass sich die Fleischeslust nutzen lasse, um sich in die geheime Welt des Vatikans Einblick zu verschaffen. So hieß es von Erzbischof Conrad Gröber von Freiburg, er habe eine halbjüdische Geliebte. »Aus Furcht, dass seine Liebesaffäre ans Licht kommen würde«, so dachte Hartl, habe er mit der SS kooperiert. Die SS hatte Mönche in Nachtklubs erwischt, in denen Homosexuelle verkehrten. Diese Fehltritte zu nutzen, um Spione der Kirche zu entlarven, hatte allerdings nicht zum Erfolg geführt.[69]

Es gab noch einen weiteren möglichen Zugang zu dieser verborgenen Welt. Geheimagenten mussten gewonnene Informationen ihren Betreuern zuleiten. Diese Übergabe bedeutete für jeden die größte Gefahr: Die meisten enttarnten Spione wurden dann gefasst, wenn sie Informationen weiterzugeben versuchten. Deswegen setzten Agenten und ihre Betreuer als Vorsichtsmaßnahme Verbindungsleute oder Mittelsmänner als Kuriere ein.[70]

Zunächst meinte Hartl, dass er in das System eingedrungen sei. Wie er berichtete, hatte ein Dr. Johannes Denk »eine Kurierstation des vatikanischen Geheimdienstes im München betrieben und war gleichzeitig Agent der Berliner Gestapo gewesen«. Die Schreiben, die durch Denks Hände gingen, brachten allerdings keine Agenten zum Vorschein. Hartl schloss daraus, dass die Kirche ein noch unentdecktes Kuriersystem unterhielt, und da es ihm nicht gelungen war, dessen deutsche Seite zu infiltrieren, wandte er seine spionierenden Augen nach Rom.[71]

Am Donnerstag, den 9. März, traf sich Pius erneut mit den Kardinälen des Reichs. Rasch kam er auf den wichtigsten Punkt seiner Agenda zu sprechen und hob dessen Bedeutung besonders hervor. Beim ersten Teil der deutschen Frage, die an diesem Morgen erörtert werden musste, ging es nicht um die Gewissensnot einzelner Katholiken, sondern vielmehr um ein Problem verdeckter Operationen.

»Die erste Frage«, sagte der Papst, »betrifft den Kurierdienst zwischen dem Hl. Stuhl und den deutschen Bischöfen.« Er fügte hinzu: »Die Frage ist wichtig, weil der Kurierdienst die einzige Möglichkeit ist, um die Korrespondenz aufrechtzuerhalten.« Faulhabers kirchenpolitischer Referent, Monsignore Johannes Neuhäusler, hatte zwei Vorschläge eingereicht. Pius las sie laut vor:

a)Der Hl. Stuhl sendet periodisch (alle Monate oder alle zwei Monate) eine diplomatische Persönlichkeit, mit der die Hochwürdigsten Bischöfe Fragen besprechen und der sie auch schriftliches Material nach Rom mitgeben können. Die Route wäre in diesem Falle etwa: Rom, Wien, München, Freiburg, Köln, Berlin, Breslau, Rom (über Wien oder München).

b)Es wird ein doppelter Kurierdienst benutzt. Erstens der schon funktionierende zwischen Rom und Berlin (Frage, ob Zwischenstation in München möglich). Zweitens ein innerdeutscher: Berlin, München, Freiburg, Köln, Berlin. An diesen Punkten sammelt sich das nach Rom zu gebende Material, der Kurier bringt es nach Berlin, von wo es durch den erstgenannten Kurierdienst nach Rom geht. Auch der innerdeutsche Kurier müsste wohl diplomatischen Charakter haben, um vor Zugriff sicher zu sein.

Daraufhin kommentierte Pius »technische« Fragen: »Es handelt sich um einen Kurier, nicht des Hl. Stuhls, der aber ganz sicher ist. Er fährt einmal jede Woche. Von Rom geht er Samstag ab, kommt Montag in Berlin an. Umgekehrt erhält der Hl. Stuhl die Post aus Berlin immer Montag. Der Verkehr zwischen Rom und Berlin ist also gesichert, jede Woche. Wir haben den besten Beweis für die Sicherheit dieser Kurierverbindung aus der Zeit der Enzyklika Mit brennender Sorge. Kein Mensch hat etwas gewusst.«

Problematischer war das innerdeutsche Netzwerk. Bischöfliche Agenten mussten sich vor dem Sicherheitsdienst (SD), dem SS-Spionagedienst, in Acht nehmen. »Das ist das große Unheil«, sagte Kardinal Bertram. Die Gruppe diskutierte, wie sich verstreute Diözesen mit Berlin verbinden ließen.[72]

KD. BERTRAM: Wir müssen das geheim machen. Als der hl. Paulus sich im Korb an der Stadtmauer von Damaskus herunterließ, hatte er auch keine Erlaubnis der Polizei.[73]

HEIL. VATER: Ja, da haben wir ja einen guten Präzedenzfall. Pius XI. hat schon genehmigt, dass die Auslagen für den Kurier von München, Breslau und Köln nach Berlin vom Peterspfennig beglichen werden. Ist der Botendienst auf diesen Wegen möglich und leicht?

KD. INNITZER: Ja, und sicher muss er auch sein.

KD. SCHULTE: Es war bisher nicht immer dieselbe Person, die den Kurierdienst versah. Es wäre gut, wenn es immer dieselbe wäre.

KD. FAULHABER: Wir in Bayern wechseln viel, weil die Polizei leicht aufmerksam wird. In München ist das leicht zu machen. Der Europäische Hof ist das Stelldichein des reisenden Klerus, da findet man fast immer einen Herrn aus Berlin.[74]

HEIL. VATER: Aber Wien?

KD. INNITZER: Es geht wohl auch von dort.

KD. FAULHABER: Die Bischöfe wussten nicht, wann der Kurier Rom – Berlin geht.

HEIL. VATER: Jeden Samstag, jede Woche.

KD. FAULHABER: Dürfen wir das den Bischöfen sagen?

HEIL. VATER: Sicher! Montagabend bekomme ich immer das Paket aus Berlin. Ganz regelmäßig, sicher und zuverlässig. Wie gesagt, Pius XI. hat mich beauftragt, [alle] wissen zu lassen, dass die Auslagen, welche die Bischöfe mit der Kurie haben, sehr gut vom Peterspfennig beglichen werden können.

Sichere Verbindungen würden entscheidend sein, sollte die Kirche die Nazipartei bekämpfen müssen. Pius fragte: »Sind auf der Gegenseite Zeichen wahrnehmbar, dass man zum Frieden kommen will mit der Kirche?«

Innitzer sah die Sache tendenziell als »schwer« an. Auf dem Land versuche die Partei, die Priester daran zu hindern, Religionsunterricht zu erteilen. Aber einige Bauern hätten Widerstand geleistet. »Die Schule, haben sie gesagt, gehört uns. […] Wenn kein Religionsunterricht mehr ist, wird Krawall geschlagen.«

»Wir dürfen den Mut nicht verlieren«, meinte Pius. »Einfach preisgeben, das dürfen wir nicht.«

Kardinal Bertram warnte: »Die Gefahr ist groß.«[75]

Am Sonntag, den 12. März, schlängelte sich morgens um sechs Uhr eine Prozession zum Bronzetor des Petersdoms. Angeführt von Schweizergarden und barfüßigen, mit Seilen gegürteten Mönchen, dahinter folgte am Ende der neue Papst Pius XII., getragen auf der Sedia gestatoria und umgeben von lautlos schwingenden Straußenfedern, die an Anführungszeichen erinnerten.

Unter einem Fanfarenstoß aus silbernen Trompeten und aufbrandendem Applaus zog Pius in die Basilika ein. Inmitten der Schwaden des Weihrauchs segnete er die Menge. Am Hochaltar legten ihm Messdiener einen Wollschal mit eingewobenen schwarzen Kreuzen über die Schultern.

Draußen drängten Polizisten die Massen zurück. Menschen, die auf Gesimse geklettert waren oder auf Kaminen balancierten, reckten die Hälse, um einen Blick auf die Loggia des Petersdoms zu erhaschen.

Um die Mittagszeit erschien dort Pius. Der Dekan des Kardinalskollegiums stellte sich neben ihn und setzte ihm eine Perlenkrone in Gestalt eines Bienenstocks aufs Haupt. »Nimm diese dreifache Krone in Empfang und wisse«, sprach er, »dass Du der Vater der Fürsten und Könige bist, der Lenker der Welt.«[76]

Der deutsche Botschafter am Heiligen Stuhl, Diego von Bergen, soll über die Zeremonie gesagt haben: »Sehr bewegend und schön, aber es wird die letzte sein.«[77]

Während Pacelli gekrönt wurde, wohnte Hitler in Berlin einem Staatsakt bei. In einer Rede zum Heldengedenktag in der Staatsoper Berlin sagte Großadmiral Erich Raeder: »Wo ein Vorsprung erreicht wurde, wird der gehalten! Wo eine Lücke auftreten sollte, wird sie geschlossen! […] Deutschland trifft schnell und hart!« Hitler ließ die Ehrengarde Revue passieren und legte am Grabmal des unbekannten Soldaten einen Kranz nieder. Am selben Tag erteilte er seinen Soldaten den Befehl, die Tschechoslowakei zu besetzen.[78]

Am 15. März marschierte die Wehrmacht in Prag ein. Durch Nebel und Schnee folgte ihr in seinem dreiachsigen Mercedes mit kugelsicheren Scheiben Hitler über die vereisten Straßen. Himmlers Schergen, 800 SS-Offiziere, machten Jagd auf unerwünschte Personen. Ein päpstlicher Vertreter telegrafierte »auf vertraulichem Wege erhaltene Einzelheiten« nach Rom, wonach all jene verhaftet worden seien, die sich mündlich oder schriftlich »gegen das Dritte Reich und seinen Führer« gewandt hätten. Bald darauf landeten 487 tschechische und slowakische Jesuiten in Gefangenenlagern. Dort wurde es zu einem »gewohnten Anblick«, so ein Zeitzeuge, dass »ein in Lumpen gehüllter Priester erschöpft einen Karren zog, während ihn ein junger SA-Mann mit einer Peitsche« vorantrieb.[79]

Die Besetzung der Tschechoslowakei stürzte Europa in die Krise. Hitler hatte das Münchner Abkommen gebrochen, in dem er sechs Monate zuvor zugesagt hatte, die tschechische Integrität zu respektieren. Die Übereinkunft hätte laut dem britischen Premierminister Neville Chamberlain »den Frieden in unserer Zeit« sichern sollen. Jetzt verurteilte London »Deutschlands Versuch, die Weltherrschaft zu erringen. Es ist im Interesse aller Länder, sich dem zu widersetzen.« Angesichts eines deutschen Ultimatums, Danzig zurückzugeben und eine Anbindung Ostpreußens ans übrige Reich zuzulassen, mobilisierte Polens Regierung einen Teil ihrer Armee. Am 18. März berichtete der päpstliche Vertreter von einem »Spannungszustand« zwischen dem Reich und Polen, »der ernsthafteste Konsequenzen haben könnte«. In einem weiteren Geheimdienstbericht, der den Vatikan erreichte, wurde die Lage als »verzweifelt ernst« bezeichnet.[80]

Seit einem Jahrtausend hatte wohl noch kein Papst die Macht in einem solchen Klima der Angst übernommen. »[J]a selbst die Papstwahl stand unter dem Zeichen des Hakenkreuzes«, prahlte Robert Ley, der NS-Leiter der Deutschen Arbeitsfront. »Sie haben von nichts anderem geredet – davon bin ich überzeugt – als wie bekommen wir jetzt einen Bewerber auf Petri Stuhl, der Adolf Hitler wenigstens ein wenig gewachsen ist.«[81]

Tatsächlich hatte die politische Krise einen politischen Papst hervorgebracht. Inmitten des sich zusammenbrauenden Sturms hatten die Kardinäle im kürzesten Konklave seit vier Jahrhunderten den Kandidaten gewählt, der in der Staatskunst am erfahrensten war. Seine lange Karriere im päpstlichen Auslandsdienst machte Pacelli zum Doyen der kirchlichen Diplomaten. Er war mit preußischen Generälen zur Jagd ausgeritten, hatte bei Abendessen Hetztiraden von Exilkönigen über sich ergehen lassen und nur mit seinem juwelenbesetzten Kreuz bewaffnete Revolutionäre in Schach gehalten. Als Kardinalstaatssekretär hatte er diskret den Schulterschluss mit befreundeten Staaten gesucht und feindlichen Regierungen Rechte für Katholiken abgerungen. Jeder Regierung nützlich, aber keiner gegenüber servil, beeindruckte er einen deutschen Diplomaten als einen Politiker, der bis zum Äußersten gehe.[82]

Politik lag Pacelli im Blut. Sein Großvater war Vize-Innenminister des Kirchenstaats gewesen, eines Gürtel aus Territorien, die zusammen größer als Dänemark waren und die die Päpste seit dem Frühmittelalter beherrscht hatten. In der Überzeugung, dass diese Gebiete dem Papsttum politische Unabhängigkeit sicherten, verteidigten die Pacellis – Großvater und Vater von Pius – sie gegen Ansprüche italienischer Nationalisten. Aber sie unterlagen. 1870 herrschten die Päpste nur noch über die Vatikanstadt, ein Reich in Form eines Brillanten von der Größe eines Golfplatzes. Der sechs Jahre später in Rom geborene Eugenio Pacelli, der im Schatten der Petersbasilika aufwuchs, hatte so ein hochpolitisches Sendungsbewusstsein in die Wiege gelegt bekommen. Als Ministrant betete er für den Kirchenstaat, in der Schule begehrte er in Aufsätzen gegen weltliche Ansprüche auf und sah als Papst in der Politik eine Fortsetzung der Religion mit anderen Mitteln.[83]

Manche erachteten seine priesterliche Einmischung in die Politik als Widerspruch. Pacelli barg derer zahlreiche in sich. Er besuchte mehr Länder und sprach mehr Sprachen als jeder Papst vor ihm – und blieb doch ein Stubenhocker, der bis zum Alter von 41 Jahren bei seiner Mutter wohnte. Der kinderliebe Mann, der den Umgang mit Diktatoren nicht scheute, zeigte sich Bischöfen und Priestern gegenüber schüchtern. Sein Leben war eines der öffentlichsten und zugleich einsamsten der Welt. Milliarden Menschen bekannt, hatte er einen Distelfinken zum besten Freund. Fremden trat er mit Offenheit und Freunden mit Nachdenklichkeit gegenüber. Seine Mitarbeiter blickten nicht in seine Seele. Für einige war er scheinbar kein »Mensch mit Antrieben, Gefühlsregungen und Leidenschaften«, während andere sich daran erinnerten, dass er über dem Schicksal der Juden in Tränen ausbrach. Ein Beobachter empfand ihn als »mitleiderregend und furchtbar«, ein anderer als »despotisch und unsicher«. Die eine Hälfte von ihm, so schien es, wirkte stets der anderen entgegen.[84]

Dass er sich gleichzeitig der Frömmigkeit und der Politik verschrieb, sorgte für eine tiefe innere Spaltung. Niemand konnte ihn einen reinen Machiavellisten oder Medici-Papst nennen: Er las täglich die Messe, redete stundenlang mit Gott und berichtete von Visionen von Jesus und Maria. Besucher empfanden ihn als heilige Erscheinung. Einer nannte ihn »einen Mann wie ein Lichtstrahl«. Doch täuschten sich diejenigen, die Pius als einen Mann sahen, der nicht von dieser Welt war. Übertriebene Spiritualität, ein Rückzug in die rein religiöse Sphäre, war seine Sache nicht. Wie ein US-Geheimdienstoffizier in Rom anmerkte, widmete Pius der Politik sehr viel Zeit und überwachte im Einzelnen sehr genau, was sich in der Außenpolitik des Vatikans abspielte. Während er auf der einen Seite eine Enzyklika zum mystischen Leib Christi verfasste, kam er in einer Einschätzung der strategischen Auswirkungen von Atomwaffen auf der anderen Seite zu dem Ergebnis, dass sie »nützliche Verteidigungsmittel« seien.[85]

Pacellis enges Verhältnis zur weltlichen Macht missfiel sogar einigen, die ihn mochten. »Fast möchte man sagen«, schrieb Jacques Maritain, französischer Botschafter im Vatikan in der Nachkriegszeit, »dass die Aufmerksamkeit für das Politische zu weit geht, wenn man die eigentliche Rolle der Kirche betrachtet.« Letztere bestand schließlich in der Rettung von Seelen. In der Praxis umfasste das spirituelle Ziel freilich auch ein weltliches: politische Verhältnisse herzustellen, unter denen Seelen gerettet werden konnten. Priester mussten ohne staatliche Einmischung die Taufe spenden, die Messe lesen und geschlossene Ehen segnen können. Die Furcht vor der Staatsmacht prägte entscheidend das kirchliche Denken: Die Cäsaren hatten nicht nur Jesus, sondern auch Petrus und Paulus getötet.[86]

Damit hatte der Papst nicht nur eine, sondern gleich zwei Rollen zu erfüllen. Er musste Gott geben, was Gott gehörte, und dabei den weltlichen Herrscher in Schach halten. Jeder Papst war zugleich Politiker. Einige führten Armeen an. Das Pontifikat, das Pacelli erbte, war ebenso zwiespältig wie er selbst. Pius erfasste lediglich in komprimierter Form das existenzielle Problem der Kirche: Wie konnte sie als eine geistliche Institution in einer physischen und höchst politischen Welt bestehen?[87]

Dieses Problem konnte nicht endgültig gelöst, sondern nur zeitweilig bewältigt werden. Dieses Dilemma, das 20 Jahrhunderte hindurch zwischen Kirche und Staat immer wieder Kriege heraufbeschworen hatte, erreichte seinen Höhepunkt nicht nur zu dem Zeitpunkt, da Pacelli Papst wurde, sondern auch noch zu Beginn eines Pontifikats, in dem der Katholizismus mit sich selbst einen Konflikt austragen sollte. Denn die tektonischen Kräfte sorgten für Spannungen zwischen geistlichen und weltlichen Imperativen, die in den Fundamenten der Kirche einen Riss hervorriefen, der nicht zu kitten war. Im Idealfall sollten die geistlichen Aufgaben eines Papstes mit seinen politischen nicht in Konflikt geraten. Wenn dies aber doch geschah, welche hatten dann Vorrang? Diese stets heikle Frage stellte sich niemals auf schwierigere Weise als während der blutigsten Jahre der Geschichte, in denen Pius XII. seine Antwort auf den Zwiespalt finden musste.

Am 1. September 1939 wachte Pius gegen sechs Uhr in seiner Sommerresidenz in Castel Gandolfo auf, einer einst mittelalterlichen Festung, die auf einem schlafenden Vulkan thront. Seine Haushälterin, Schwester Pascalina, hatte soeben seine Kanarienvögel aus den Käfigen gelassen, als an seinem Bett das Telefon klingelte. Er antwortete wie üblich »E’qui Pacelli« (»Hier Pacelli«) und hörte die zitternde Stimme von Kardinal Luigi Maglione, der ihm Neuigkeiten vom päpstlichen Nuntius aus Berlin übermittelte: Vor 15 Minuten war die deutsche Wehrmacht in Polen einmarschiert.[88]

Pius hielt zunächst an seinem üblichen Tagesablauf als Papst fest. Er ging in seine Privatkapelle und kniete zum Gebet nieder. Nach einer kalten Dusche und einer elektrischen Rasur feierte er mit bayerischen Nonnen die Messe. Aber beim Frühstück, so sollte sich Schwester Pascalina später erinnern, begutachtete er seine Brötchen und seinen Kaffee so misstrauisch, »als ob er einen Stapel Rechnungen aus seiner Post öffnen würde«. In den nächsten sechs Jahren aß er nur noch so wenig, dass er am Ende des Kriegs bei über 1,80 Meter nur etwa 60 Kilogramm wiegen sollte. Die moralische und politische Bürde sollten seine Nerven so stark angreifen, dass sich Pascalina mehrfach an »ein ausgemergeltes Rotkehlchen oder ein gehetztes Pferd« erinnert fühlte. Mit einem tieftraurigen Seufzer reflektierte sein Pro-Staatssekretär Domenico Tardini: »Diesem Mann, der vom Temperament, der Bildung und Überzeugung her friedliebend war, sollte etwas bevorstehen, das man ein Kriegspontifikat nennen könnte.«[89]

In Kriegszeiten versuchte der Vatikan, Neutralität zu wahren. Da der Papst die Katholiken aller Nationen vertrat, musste er unparteiisch erscheinen. Hätte er Position bezogen, hätten manche Katholiken ihr Land und manch andere ihren Glauben verraten müssen.[90]

Polen war freilich ein Sonderfall. Jahrhundertelang hatte das Land als katholisches Bollwerk zwischen dem protestantischen Preußen und dem orthodoxen Russland fungiert. Statt des NS-Protektorats sollte Pius die polnische Exilregierung anerkennen. »Neutralität« beschrieb seine offizielle, nicht seine tatsächliche Haltung. Wie er Frankreichs Botschafter beim Fall Warschaus sagte: »Sie wissen, auf welcher Seite meine Sympathien liegen. Aber sagen darf ich das nicht.«[91]

Als sich die Kunde von Massakern in Polen verbreitete, fühlte sich Pius allerdings doch zum Reden gezwungen. Im Oktober erreichten den Vatikan Berichte über Juden, die in Synagogen erschossen und in Gruben verscharrt worden waren. Dabei nahmen die Nazischergen auch polnische Katholiken aufs Korn. Bei »nichtmilitärischen Tötungsoperationen« sollten sie bis zum Ende rund 2,4 Millionen katholische Polen ermorden. Auch wenn die Verfolgung nichtjüdischer Polen hinter dem industriellen Völkermord an Europas Juden zurückblieb, kam sie einem Genozid nahe und bereitete den nachfolgenden Ereignissen den Weg.[92]

Am 20. Oktober 1939 bezog Pius öffentlich Stellung. In seiner Enzyklika Summi pontificatus, in der er von einer »Stunde der Dunkelheit« sprach, prangerte er eingangs die Angriffe auf die Kirche an: »Welcher Streiter Christi – er sei Priester oder Laie – wird sich nicht zu gesteigerter Wachsamkeit, zu entschlossener Abwehr aufgerufen fühlen, wenn er die Front der Christusfeinde wachsen sieht? Muss er doch Zeuge sein, wie die Wortführer dieser Richtungen die Lebenswahrheiten und Lebenswerte unseres christlichen Gottesglaubens ablehnen oder doch tatsächlich verdrängen; wie sie die Tafeln der Gottesgebote mit frevelnder Hand zerbrechen, um an ihre Stelle neue Gesetzestafeln zu stellen, aus denen der sittliche Gehalt der Sinaioffenbarung, der Geist der Bergpredigt und des Kreuzes verbannt sind.« Sogar »um den Preis von Verfolgung und blutigem Tod«, so schrieb er, müsse man verkünden: »Non licet, es ist nicht erlaubt!« Daraufhin unterstrich Pius die »Einheit des Menschengeschlechts«. Mit dem nachdrücklichen Hinweis, dass diese Einheit dem Rassismus entgegenstehe, kündigte er an, in der Krypta unter dem Petersdom Bischöfe aus zwölf Ethnien zu weihen. Mit Nachdruck beharrte er auf dem Punkt, »dass Geist, Lehre und Tun der Kirche nicht abweichen können von der Predigt des Völkerapostels: […] Da heißt es nicht mehr Heide oder Jude«.[93]

Die Weltöffentlichkeit beurteilte diese Schrift als Angriff auf Nazideutschland. »Papst verurteilt Diktatoren, Vertragsbrüchige, Rassismus«, titelte die New York Times auf der ersten Seite. »Die vorbehaltlose Verurteilung, die Papst Pius XII. in seiner Enzyklika Summi pontificatus über den totalitaristischen, rassistischen und materialistischen Theorien ausgoss, sorgte für großen Aufregung«, berichtete die Jewish Telegraphic Agency. »Auch wenn erwartet worden war, dass der Papst Ideologien, die der katholischen Kirche feindlich gesinnt sind, angreifen würde, waren auf ein so unverblümtes Dokument nur wenige Beobachter gefasst gewesen.« Pius gelobte sogar, seine Stimme, falls notwendig, erneut zu erheben. »Wir haben gegenüber unserem Amt und unserer Zeit keine größere Pflicht, als die Wahrheit zu bezeugen«, schrieb er. »In Erfüllung dieser unserer Pflicht werden wir uns von keinerlei irdischen Erwägungen beeinflussen lassen.«[94]

Dieses tapfere Gelöbnis erwies sich indes als inhaltsleer. Pius sollte das Wort »Jude« in der Öffentlichkeit bis 1945 komplett vermeiden. Auch wenn alliierte und jüdische Presseagenturen ihn während des Kriegs weiterhin als NS-feindlich priesen, sorgte sein Schweigen mit der Zeit für katholisch-jüdische Spannungen und untergrub die moralische Glaubwürdigkeit seiner Institution. Warum Pius schwieg und wie sich dies auswirkte, sollte bis ins nächste Jahrhundert hinein debattiert werden. Es bildete das bedeutendste Rätsel in der Biografie dieses Papstes und in der Geschichte der modernen Kirche.

Wenn man Pius nach dem beurteilte, was er nicht sagte, konnte man nur den Stab über ihn brechen. Angesichts der Bilder von Bergen aus bis zum Skelett abgemagerten Leichen; angesichts der Frauen und kleinen Kinder, die von ihren Folterknechten gezwungen wurden, ihresgleichen zu töten; angesichts Millionen Unschuldiger, die wie Verbrecher eingesperrt, wie Vieh abgeschlachtet und wie Müll verbrannt wurden, hätte der Papst reden müssen. Dies war seine Pflicht – nicht nur als Pontifex, sondern als Mensch. Nach seiner ersten Enzyklika äußerte er erneut, dass zwischen Rassenhass und christlicher Nächstenliebe ein fundamentaler Unterschied bestand, geizte aber mit der Münze seiner moralischen Autorität. Während er im Privaten die »satanischen Kräfte« geißelte, zeigte er öffentlich Mäßigung. Wo kein Gewissen neutral bleiben konnte, hielt sich die Kirche scheinbar zurück. Angesichts der größten moralischen Krise der Welt schienen ihrem obersten moralischen Führer die Worte zu fehlen.

Der Vatikan wirkte allerdings nicht nur durch Reden. Am 20. Oktober 1939, als Pius seine Unterschrift unter die Enzyklika Summi pontificatus setzte, war er in einen Krieg verwickelt, der sich jenseits der Kriegsschauplätze abspielte. Diejenigen, die später seine gewundene Politik erkundeten, ohne etwas von seinen geheimen Aktionen zu ahnen, fragten sich, warum er trotz seiner scheinbaren Feindschaft gegenüber dem Nationalsozialismus plötzlich verstummt war. Aber wenn man seine verdeckten Aktivitäten mit seinen öffentlichen Äußerungen vergleicht, ergibt sich ein deutlicher Zusammenhang. Das letzte Mal, dass Pius während des Kriegs öffentlich das Wort »Jude« äußerte, war tatsächlich der erste Tag, für den sich seine historische Entscheidung belegen lässt, die Ermordung Adolf Hitlers zu unterstützen.[95]

KAPITEL 2Das Ende von Deutschland

Am 22. August 1939, zehn Tage vor dem deutschen Einmarsch in Polen, rief Hitler seine Generäle und Admirale in seiner Privatresidenz am Obersalzberg in Bayern zusammen. Nachdem die Einbestellten die Sicherheitskontrollen passiert hatten, traten sie in Hitlers Berghof ein. Ein Panoramafenster, das sich elektrisch im Boden versenken ließ, bot einen so grandiosen Alpenblick, dass ein Gast das Gefühl hatte, frei im Raum zu schweben. In der Ferne glommen die Gipfel des Untersbergs, eines Massivs der Berchtesgadener Alpen, in dem einem Mythos zufolge die Grabstätte Karls des Großen liegen sollte.

Auf einen Flügel gestützt, hielt Hitler seinen Vortrag, weitgehend ohne in die Notizen in seiner linken Hand zu blicken. Hinten im Raum saß, nervös und angestrengt, ein mausartiger Mann mit durchdringenden blauen Augen und einem weißen Haarschopf. Er zog Block und Bleistift hervor. Als Chef der deutschen Abwehr durfte sich Admiral Wilhelm Canaris zu geheimen Militärbesprechungen Notizen machen. Dass seine Mitschrift in der Substanz korrekt war, sollten später andere Anwesende bestätigen, als diese zu einem Beweisstück im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess geworden war.[96]