Die Spuren, die sich verlieren - Alex Smith - E-Book

Die Spuren, die sich verlieren E-Book

Alex Smith

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Beschreibung

Der 5. Band der internationalen Bestsellerserie um Detective Chief Inspector Robert Kett. Er war immer Jäger. Doch nun wird er zur Beute … Jahrelang hat Detective Chief Inspector Robert Kett die gefährlichsten Entführer und Serienmörder des Landes aufgespürt und sich den Ruf erworben, der Beste in diesem Metier zu sein. Doch nun wendet sich das Blatt. Jemand beginnt, die Kriminellen, die Kett hinter Gitter gebracht hat, brutal zu ermorden. Und auch die, die er nicht fassen konnte. Ein Fall von Selbstjustiz? Als Kett damit beauftragt wird, einen weiteren verurteilten Schwerverbrecher vor dem gleichen Schicksal zu bewahren, muss er feststellen, dass die Gefahr noch größer ist als vermutet. Denn der Killer hat es nicht nur auf die bösen Jungs abgesehen. Er will ihn, Robert Kett. Band 1: Ein Schrei, den niemand hört Band 2: Die Schatten, die dich jagen Band 3: Die Angst, die niemals endet Band 4: Die Stimmen, die dich rufen Band 4: Die Stimmen, die dich rufen

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Seitenzahl: 403

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Alex Smith

Die Spuren, die sich verlieren

Thriller

 

 

Aus dem Englischen von Alice Jakubeit

 

Über dieses Buch

Er war immer Jäger. Doch nun wird er zur Beute …

 

Jahrelang hat Detective Chief Inspector Robert Kett die gefährlichsten Entführer und Serienmörder des Landes aufgespürt und sich den Ruf erworben, der Beste in diesem Metier zu sein. Doch nun wendet sich das Blatt. Jemand beginnt, die Kriminellen, die Kett hinter Gitter gebracht hat, brutal zu ermorden. Und auch die, die Robert nicht fassen konnte. Ein Fall von Selbstjustiz? Als Kett damit beauftragt wird, einen weiteren verurteilten Schwerverbrecher vor dem gleichen Schicksal zu bewahren, muss er feststellen, dass die Gefahr noch größer ist als vermutet. Denn der Killer hat es nicht nur auf die bösen Jungs abgesehen. Er will ihn, Robert Kett.

 

Der fünfte Fall für DCI Robert Kett.

Vita

Alex Smith schrieb sein erstes Buch im Alter von sechs Jahren. Es war nicht gerade gut, aber es kamen übernatürliche Monster darin vor. Später veröffentlichte er Horror-Romane unter seinem vollen Namen Alexander Gordon Smith. Seine drei Töchter inspirierten ihn dazu, über einen Detective zu schreiben, der ebenfalls kleine Kinder hat. In den Thrillern mit DCI Robert Kett geht es wieder um Monster, die sind jedoch menschlicher Natur und daher umso furchteinflößender. Alex Smith lebt in Norwich mit seiner Frau und seinen Kindern.

 

Alice Jakubeit übersetzt Romane, Sachbücher und Reportagen aus dem Englischen und Spanischen, u. a. Alexander McCall Smith, Greer Hendricks & Sarah Pekkanen, Brian McGilloway und Eva García Sáenz. Sie lebt in Düsseldorf.

Impressum

Die englischsprachige Originalausgabe wurde 2020 unter dem Titel «Run Rabbit Run» von Relentless Media weltweit veröffentlicht.

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, November 2025

Copyright © 2025 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

«Run Rabbit Run» Copyright © 2020 by Alex Smith

Redaktion Jan Karsten

Covergestaltung zero-media.net, München

Coverabbildung Karol Franks/Getty Images

ISBN 978-3-644-02410-6

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Für Antoinette.

Mit Dank und den allerbesten Wünschen für deine eigene kriminelle Karriere.

PROLOG

Mittwoch

«Du siehst aus, als würdest du dir gleich in die Hose machen, Mann.»

Christian Stillwater versuchte, diese Bemerkung nicht weiter zu beachten, auch wenn sie wie eine Pistolenkugel durch seinen schmerzenden Kopf schwirrte. Zwei Häftlinge standen rechts von ihm in dem breiten, weiß gestrichenen Gang, der zur Kantine führte, so dicht bei ihm, dass er beinahe ihren säuerlichen Schweiß schmecken konnte. Es war genügend Platz, um aneinander vorbeizugehen, doch so lief es im Gefängnis nicht. Hier war man ein Hindernis, ob man wollte oder nicht. Er drückte sich an die Wand, machte sich möglichst klein und versuchte, sein lädiertes rechtes Knie nicht zu belasten.

«Bist halt eine feige Sau», sagte der andere Mann und grunzte obendrein.

Da irrten sie sich allerdings. Er hatte keine Angst. Er war sich nicht einmal sicher, ob er wusste, wie sich Angst anfühlte. Schon als Kind war es ihm schwergefallen, seine Gefühle zu bestimmen. Angst, Freude, Trauer, Erregung – für ihn hatte sich das alles gleich angefühlt, wie eine Art Druck in der Kopfmitte, als zerbräche in dem gefühllosen, gedämpften Nest seiner Gedanken ein Ei. Er war in seiner Kindheit so schlau gewesen zu lernen, die Gefühle der anderen nachzuahmen, ein Lächeln aufzusetzen oder Tränen zu verdrücken, wenn es angebracht war. Doch er konnte sich nicht erinnern, dass sich ein Gefühl jemals echt angefühlt hatte.

Bis vor Kurzem, hieß das.

Bis zu diesem Zorn.

«Mach Platz, Pädo.»

Der erste der beiden Häftlinge drängte sich an Stillwater vorbei und stieß ihn dabei mit der Schulter gegen die kalte Wand. In seinem Bein schien eine Granate zu explodieren, und er musste das Gewicht verlagern, um nicht zu stürzen. Es gelang ihm, den Schrei herunterzuschlucken, doch sein Kopf schien sich bei dieser Anstrengung aufzublasen wie ein Luftballon – wie bei einer Comicfigur, die eine Bombe verschluckt hat. Er starrte den Mann eine Sekunde an, dann senkte er den Blick. Er hatte schon an seinem ersten Tag hier gelernt, dass es kaum einen stärkeren Auslöser für Gewalt gab als einen falschen Blick zur falschen Zeit.

Lachend gingen die beiden Männer weiter, und Stillwater schluckte schwer. In seinem Inneren regte sich der Zorn wie ein lebendiges Wesen, wand sich wie ein Drache, der Freiheit verlangte. Als er sich wieder aufrichtete, sah er Licht über die Wände pulsieren wie bei einem Alarm. Seine beiden Mithäftlinge stolzierten mit dieser typischen Großspurigkeit davon, die hier alle an den Tag legten, und Stillwater gestattete sich die Vorstellung, wie er ihnen eine Klinge in die weiche Stelle im Nacken rammte bis hinein ins zarte Fleisch ihrer Gehirne – zuerst dem einen, dann dem anderen. Doch darin lag keine Befriedigung, keine Erleichterung. Nur dieser klägliche, ohnmächtige Zorn.

Zorn auf einen bestimmten Mann. Auf den Mann, der ihn hier hereinbefördert hatte.

Robert Kett.

«Nicht rumlungern, Stillwater.»

Der gedrungene, bärtige Wärter stolzierte über den Flur, als wäre er ein König und das Gefängnis seine Burg. Der Mann war peinlich, dachte Stillwater. Er verdiente es nicht, am Leben zu sein. Er stand auf seiner Liste der Personen, die eines grausamen Todes sterben würden, sobald es seinem Bein besser ging, sobald er klarer denken konnte, sobald er sich einen Plan zurechtgelegt hatte.

«Ich meine es ernst», sagte der Schließer. «Entweder gehst du essen, oder du verschwindest hier.»

«Ich kann nicht essen gehen», knurrte Stillwater und bleckte die Zähne, die sich bereits bräunlich verfärbten. «Sie lassen mich nicht.»

Es war jeden Tag das Gleiche. Mit seinem Tablett zu einem Tisch zu gehen, war fast unmöglich für ihn, denn die anderen Häftlinge taten alles, was sie konnten, um es ihm aus den Händen zu schlagen. An manchen Tagen aß er gar nicht. An anderen Tagen war er so hungrig, dass er den Fraß vom Boden aufklaubte. Die Wut in seinem Inneren erzeugte eine Feuerwolke, so hell, dass er einen Moment lang nichts sehen konnte. Es war nicht fair. Nichts daran war fair.

«Sie lassen dich nicht essen?», wiederholte der Beamte. «Das ist ein Problem.»

Stillwater nickte und schluckte, seine Kehle war sandpapiertrocken. Der Wärter beugte sich so dicht zu ihm, dass ihm sein billiges Aftershave in die Nase stieg.

«Aber es ist nicht mein Problem», fuhr er leise fort. «Wenn du essen willst, hättest du nicht versuchen sollen, diese Mädchen zu ermorden. Und jetzt geh mir verdammt noch mal aus den Augen.»

Er war dem Mann nahe genug, um ihn zu beißen, dachte Stillwater. Er könnte die Zähne um seine Nase schließen und sie abreißen. Mal sehen, wie selbstgefällig er dann noch wäre. Doch er stieß sich nur von der Wand ab und humpelte davon. Bei jedem Schritt schoss ein schrill-stechender Schmerz von der Ferse bis hinauf in seinen Hinterkopf, als hätte jemand eine Stromleitung durch seinen Körper verlegt.

Eines Tages würde er es tun – wenn er nicht mehr so starke Schmerzmittel nahm und wieder klarer denken konnte. Er würde sie alle kriegen: die anderen Häftlinge, die Schließer, die Polizisten, die ihn hier hereingebracht hatten. Er würde diese Schlampe kriegen, die ihm mit ihrem Schlagstock das Knie ruiniert hatte. Und er würde Kett kriegen. Er würde herausfinden, wo der Mann lebte, und ihn langsam töten, ihn und alle, die er liebte. Er würde ihnen allen zeigen, dass sie sich mit dem Falschen angelegt hatten.

«Arschlöcher», fluchte er und strich beim Gehen mit einer Schulter an der Wand entlang, um nicht zu stürzen.

Sie waren so nah dran gewesen, mit allem durchzukommen. Noch eine Nacht, und diese Zeitungsmädchen wären tot gewesen. Sie hätten sie verschwinden lassen, und niemand hätte irgendetwas erfahren. Der Plan war perfekt gewesen – Raymond Figgs Plan zugegebenermaßen, doch er selbst hatte ebenfalls mehr als genug Ideen beigetragen. Drei Mörder, drei Opfer, ein Netz aus Lügen und Alibis, das die Polizei hätte verwirren sollen. Noch jetzt erinnerte er sich an das Gefühl, als er diese magere Schlampe in den Armen gehalten hatte, wie gut es getan hatte, etwas zu fühlen, irgendetwas. Das erregende Gefühl bei der Entführung dieser Mädchen hatte sich wie mit dem Lötkolben durch seine Taubheit gebrannt. Und sie zu töten, hätte sich noch viel besser angefühlt. Es hätte ihm ermöglicht, sich lebendig zu fühlen, wie nichts zuvor, stärker noch als das Töten jener Kaninchen und Füchse, Katzen und Hunde.

Sie waren so nah dran gewesen.

Dann war er aufgetaucht.

Es war nicht fair.

Stillwater humpelte in den Zellenblock, hinein in das Stimmengewirr und den Gestank der dort versammelten Männer. Er ignorierte die Schreie, die ihm galten, ignorierte die Körper, die ihn umzingelten, den Druck angedrohter Gewalt. Wenn sie wüssten, mit wem sie es wirklich zu tun hatten, wenn sie wüssten, wozu er fähig war, würden sie sich am anderen Ende des Raums zusammenkauern. Diese Arschlöcher waren hier, weil sie Idioten waren, und ihre Verbrechen waren bedeutungslos. Drogen, Einbruch, sinnlose Morde. Sie waren Neandertaler, jeder Einzelne von ihnen. Er hingegen war ein Genie. Er hatte es nicht verdient, so …

Der Stoß traf ihn unerwartet, und er stürzte gegen den Billardtisch – ein Schmerz, als träte ihn ein Pferd in die Rippen. Dann schlug er mit der Stirn auf den Boden. Die Schmerzen in seinem Bein ließen die ganze Welt aufheulen, und eine Sekunde lang wurde alles dunkel. Dröhnendes Gelächter brachte ihn wieder zu sich, der ganze Raum lachte, als wäre er ein Komiker auf einer Bühne.

«Hoppla», hörte er trotz des Klingelns in seinen Ohren jemanden sagen. «Hab dich da gar nicht gesehen. Alles in Ordnung?»

Neuerliches Gelächter. Stillwater rappelte sich hoch. Übelkeit stieg wie eine Kugel in ihm auf und setzte sich in seinem Rachen fest. Er packte eine Ecke des Billardtischs und drehte sein beschädigtes Knie Zentimeter für Zentimeter, bis es wieder den richtigen Winkel hatte, um ihn zu tragen. Er biss die Zähne zusammen, um nicht zu schreien, aber trotzdem entfuhr ihm ein Schmerzenslaut.

Er konnte nicht einmal sehen, wer ihn geschubst hatte, denn vor Schmerzen hatte er Tränen in den Augen, und wieder zuckten diese Lichter durch den Raum wie der Strahl eines defekten Projektors. Ein anderer Schließer blaffte etwas, und Stillwater nahm wahr, dass die Häftlinge um ihn herum sich entfernten. Vor ihm lag die Treppe, er sah sie nur schemenhaft und humpelte darauf zu. Dies war der schlimmste Teil seines Tages, die endlose Treppe. Sie hätten ihm eine Zelle im Erdgeschoss geben können, doch sie hatten ihn im ersten Stock untergebracht, und der Weg dorthin war wie eine Everest-Besteigung für ihn. Er ging es langsam an – als hätte er eine andere Wahl! – und schleppte sich zu einem Soundtrack aus Nachluftschnappen und Keuchen eine Stufe nach der anderen hinauf.

Oben blieb er stehen, um wieder zu Atem zu kommen und das Inferno in seinem Knie abklingen zu lassen. Dann konzentrierte er sich erneut auf seine Rache, denn nur sie schien ihn zum Weitergehen antreiben zu können. Er malte sich aus, wie er einen Brand legte und zusah, wie die anderen Häftlinge sich an den Rändern einrollten und knusprig brieten. Er würde das Letzte sein, was sie sahen, sein Gesicht würde auf sie hinabgrinsen wie der scheiß Mond, während sie ihre letzten, sengend heißen Atemzüge taten. Vielleicht verbrenne ich Kett auch, dachte er und sah es lange genug vor sich, um zu erkennen, dass das ein zu schneller Tod für ihn wäre. Nein, Kett sollte tagelang leiden. Wochenlang.

Stillwater schleppte sich über den schmalen Steg und atmete Luft ein, der schon längst jeder Sauerstoff ausgegangen zu sein schien. Leute beäugten ihn aus ihren Zellen, kein freundliches Gesicht weit und breit. Seit Monaten hatte ihn niemand mehr freundlich angesehen, aber das störte ihn nicht. Er brauchte keine Freundlichkeit. Er brauchte nichts als das berauschende Wissen, dass er ein klares, schönes Ziel vor Augen hatte.

Einen Lebenszweck.

Wenn er hier herauskam, würde er sich ein anderes Kind suchen. Außerdem würde er Delia Crossan aufstöbern. Er würde sein kleines Zeitungsmädchen finden und beenden, was er begonnen hatte: sie töten, wie er ihre Mutter getötet hatte. Diesmal würde nichts Subtiles daran sein, er würde schnell und unerbittlich zuschlagen, und er würde es auskosten.

Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichte er endlich seine Zelle. Sie zu betreten, fühlte sich an, wie in einem aufgewühlten Meer ein Rettungsboot zu finden, und er atmete zittrig auf. Seine Erleichterung währte nur so lange, bis er das Lachen seines Zellengenossen aus der oberen Etage des Betts hörte.

«Haben dich ordentlich gefickt, was?», sagte Johnny Mayhew mit reinstem Liverpooler Akzent.

Stillwater rieb sich mit dem Handrücken über die Augen und wischte die Tränen ab, ehe der andere Mann sie entdecken konnte. Mayhew war nicht mal der schlimmste der Scheißkerle, die hier untergebracht waren. Er war klein und drahtig wie eine Ratte und hatte bei einer Auseinandersetzung über etwas so Banales, dass Stillwater es sich nicht einmal gemerkt hatte, jemanden umgebracht. Stillwater blickte nach oben und sah Mayhews Rotschopf auf dem Kopfkissen. Mayhew hatte einen mikroskopisch kleinen Lamettastreifen an der Stange befestigt, die einzige Weihnachtsdekoration, die Stillwater im gesamten Knast gesehen hatte, obwohl es nur noch zwei Wochen bis zum Fest waren.

«Kümmert mich einen Scheißdreck», erwiderte Stillwater. «Die bekommen schon noch, was sie verdienen.»

«Logo», knurrte Mayhew in belustigtem Ton. «Bist ja ein richtiger harter Hund.»

Stillwater verfluchte ihn leise und ließ sich auf die untere Koje sinken. Dabei prustete und zischte er wie eine hydraulische Maschine, doch letztlich konnte er den Schrei einfach nicht unterdrücken. Einen Augenblick lang schmetterte ihn das Grauenvolle seiner Situation nieder: dreißig Jahre in diesem Gebäude, dreißig Jahre Qual, dreißig Jahre diese immer gleiche, unerträgliche Wut.

«Schon mal gedacht, dass die anderen besser dran sind?», fragte Mayhew und zog laut die Nase hoch. Er drehte sich um, und das Bett knarrte wie ein sinkendes Schiff.

«Welche anderen?»

«Die beiden Männer, mit denen du gemeinsame Sache gemacht hast. Raymond Figg, oder? Den anderen Namen weiß ich nicht mehr. Beide tot. Ist bestimmt besser als das hier.»

Stillwater runzelte die Stirn und fragte sich, wie der Mann es geschafft hatte, ihm die Gedanken direkt aus dem Schädel zu pflücken.

«Einer von ihnen ist in seiner eigenen Scheiße ersoffen, oder?», fragte Mayhew.

«So hat man es mir gesagt», antwortete Stillwater. Das war Raymond Figg gewesen. Der andere Mann, Lochy Percival, hatte auf ihn eingestochen, dann waren sie in das Belebungsbecken der Kläranlage gestürzt. Stillwater hatte das natürlich nicht selbst gesehen. Er hatte mit Handschellen und höllischen Schmerzen im Haus festgesessen, bewacht von dieser Schlampe von Polizistin.

«Keine schöne Art zu sterben, nicht mal für einen Mann wie ihn», sagte Mayhew.

Stillwater knurrte. Figg hatte es verdient. Er war zu übermütig geworden. Er hatte zu viel verraten und Kett direkt zu ihnen geführt.

«Wie habt ihr euch überhaupt kennengelernt?», fragte Mayhew und zog noch einmal die Nase hoch. Er zog alle scheiß fünf Sekunden die Nase hoch, Tag und Nacht. Stillwater hatte schon davon geträumt, ihm irgendetwas so weit in die Nase zu rammen, dass er sie nie wieder hochziehen würde.

«Was kümmert’s dich?», fragte er. Er hätte sich gern hingelegt, glaubte aber nicht, dass er es schaffen würde, sein lädiertes Bein aufs Bett zu heben, und seine Kopfschmerzen entwickelten sich rasant zu einer Migräne, die noch unendlich viel schlimmer werden würde, wenn er sich bewegte.

«Reine Neugier», erwiderte Mayhew. «Ist jetzt eine andere Welt da draußen, was? Früher, da haben wir alle allein gelitten, aber jetzt kann jeder Saftsack im Netz einen Kumpel finden. Habt ihr euch da gefunden? Anonyme-Kindermörder-dot-com?»

«Leck mich», sagte Stillwater, und Mayhew lachte.

«Schon gut, reg dich ab, bin nur neugierig. Siehst ja mich, ich hab Leute online gefunden, Leute, die mir erklärt haben, wie man jemanden umbringt. Gibt keinen Mangel an denen da draußen. Die Hälfte davon ist auf Facebook, kaum zu glauben.»

Stillwater schnaubte. Er glaubte es tatsächlich, denn er hatte es selbst gesehen. Figg hatte in Chat Rooms an den finstersten Plätzen tief im dunkelsten Darknet mit Dutzenden von Leuten gechattet. Er hatte den ganzen Laptop voll mit solchen Chats gehabt, auch wenn er Stillwater nur eine Handvoll gezeigt hatte.

«Schätze, man müsste aber den Durchblick haben», ertönte wieder Mayhews näselndes Greinen. «Ein Kerl wie du hat bestimmt keinen blassen Schimmer, wo er anfangen sollte.»

«Ein Mann wie ich weiß alles darüber», brauste Stillwater auf.

«Quatsch.»

Stillwater musterte die Unterseite des Betts über sich und stellte sich vor, wie die Spitze eines Messers mühelos durch das Netz und die dünne Matratze in den knochigen Scheißer obendrauf gleiten würde.

«Ich habe zur größten Gruppe von Killern im Internet gehört.» Die Lüge kam ihm ebenso mühelos über die Lippen. «Ich habe mit allen gesprochen, mehr als Figg. Ich war es, der ihnen von unserem Plan erzählt hat. Und sie haben mir auch einiges erzählt. Die Hälfte von dem, was ich weiß, ist so krass, du würdest es nicht glauben. Sie haben zu mir aufgesehen.»

«Du erzählst doch Scheiße, Christian.»

Stillwater benutzte beide Hände, um sein Bein geradezurücken, doch das änderte nichts daran, dass sein Knie schmerzte, als wäre es mit dem Brandeisen bearbeitet worden.

«Beweise es», sagte Mayhew.

Stillwater runzelte die Stirn und versuchte, sich an die Unterhaltungen zu erinnern, deren Zeuge er gewesen war, wenn Figg gearbeitet hatte. Er erinnerte sich an Gesprächsfetzen, aber da war nichts, was nicht schon durch die Nachrichten gegangen war.

«Der Pig Man», sagte er schließlich.

Über ihm drehte Mayhew sich wieder um.

«Der Pig Man», wiederholte er. «Der war jeden Abend in den Nachrichten, seit sie ihn geschnappt haben. Meine linke Klöte weiß alles, was es über den zu wissen gibt. Erzähl mir was Neues.»

Er hatte recht, der Pig Man hatte allabendlich die Nachrichten gefüllt. Allerdings war die Presse bei der Berichterstattung über ihn vorsichtig gewesen, da so viele Familien betroffen waren und die Ermittlungen noch jahrelang andauern würden – vielleicht für immer. Doch Stillwater hatte einige der Chats auf Figgs Laptop gesehen, Nachrichten zwischen Figg und Angus Schofield sowie anderen, bei denen selbst ihm übel geworden war.

«Ich habe ständig mit ihm geredet. Ich wusste alles. Er hat den kleinen Jungen getötet, Efe Khan. Erinnerst du dich daran?»

«Na und? Sonst noch was?»

Stillwater blies die Lippen auf und erwog, sich einfach hinzulegen und den anderen zu ignorieren. Aber irgendwie musste er sich doch beweisen, oder?

«Er, also Angus Schofield, ist deshalb so lange nicht geschnappt worden, weil er so viele Leute bei der Regierung kannte. Bei der Polizei. Er hatte überall Spitzel, die für ihn gearbeitet haben. Dieser Cop, dessen Frau und Kinder entführt wurden, ja? Der in der Zeitung. Kett. Das ist der Wichser, der mich hier reingebracht hat. Tja, was sie einem nicht gesagt haben, ist, dass sein alter Chef in London mit von der Partie war. Ich wusste, dass er Ketts Kinder entführen und dem Pig Man bringen wollte. Was sagst du dazu, hm? Ich wusste es, bevor es passiert ist.»

Es kam keine Antwort.

«Hm?», wiederholte Stillwater. «Wer ist jetzt der Trottel, der von nichts ’ne Ahnung hat?»

Immer noch nichts. War der Scheißkerl eingeschlafen? Wieder verspürte Stillwater diesen Zorn, diese Wut über die Missachtung, die ihm widerfuhr. Was glaubte dieser Mayhew eigentlich, wer er war?

«Mach lieber …»

«Schau mal hier», unterbrach ihn Mayhew. «Ich zeig dir was.»

Stillwater schob den Kopf aus der Koje und sah Mayhews stark tätowierten Arm wie einen Ast aus dem Bett ragen. Er hielt etwas in seinen gelben Fingern, etwas, das im Licht glitzerte. Noch mehr Lametta vielleicht?

«Was ist das denn?»

«Komm her und sieh’s dir an», erwiderte Mayhew. «Wird dir gefallen.»

Verfickt noch mal, dachte Stillwater. Er schob sich ein Stückchen weiter aus dem Bett und drehte den Kopf, um zu sehen, was Mayhew da in der Hand hielt. Diese Bewegung brachte die Schmerzen in seinem Schädel zum Singen, die Migräne blähte sich wie ein Segel im Wind. Der Schwindel folgte gleich darauf, und er musste die Hand in die Matratze krallen, um nicht aus dem Bett zu fallen.

«Was ist das?», fragte er. «Ich bin zu …»

Rasend schnell streckte Mayhew auch den anderen Arm aus. Beide Hände hielten dasselbe gepackt, und Stillwater erkannte es zu spät – es war gar kein Lametta, sondern ein Draht, der ihm nun um den Hals fiel. Gleich darauf wurde er hochgerissen und schnitt ihm in die Kehle. Er knurrte, griff danach, die Schmerzen in Kopf und Knie waren vergessen, als er begriff, was da passierte.

«Schöne Grüße von Robert Kett», meinte er zu hören.

Mayhew zog den Draht fest zusammen, und Stillwater hatte das Gefühl, ihm würde gleich der Kopf platzen. Er versuchte einzuatmen und stellte fest, dass er es nicht konnte. In seinem Inneren heulte die Panik. Er grub sich die Finger in die Haut, um unter den Draht zu gelangen, doch der hatte sich schon zu tief in seinen Hals gegraben, seine Fingerspitzen waren sofort glitschig vom Blut. Da griff er nach oben, spürte aber gleich darauf Mayhews Fuß auf seinem Hinterkopf, der ihn hinabdrückte. Er versuchte zu schreien, doch seine Stimme war fort. Er versuchte, sich zu bewegen, aber sein Körper war auch fort, die Verbindung durchtrennt. Er konnte nicht einmal mehr etwas sehen: Die Welt war so tiefschwarz, wie er es noch nie erlebt hatte, in seinem ganzen Leben noch nicht.

Da war nur noch der Zorn, nur noch die Wut – ein letztes Aufflammen in der Dunkelheit.

Dann war auch das fort.

KAPITEL EINS

«Man erwartet Sie jetzt, Mr Kett.»

Robbie Kett hörte die Stimme, drehte sich aber nicht um. Er war sich nicht sicher, ob er mutig genug war. Vor ihm, vor dem vom Boden zur Decke reichenden Fenster im dreiundzwanzigsten Stock des Metropolitan-Police-Gebäudes in Hammersmith, lag London – so aufgebläht und schön wie immer, obwohl der bedeckte Himmel es vorzeitig in Dunkelheit hüllen wollte. Autos fuhren durch schmale Straßen, die Menschen eigentlich zu klein, um sie überhaupt ausmachen zu können. Mitten hindurch wälzte sich die gewaltige graue Masse des Stroms, uralt und ohne auch nur das Geringste von all diesen kleinen Leben zu ahnen.

London war nicht mehr seine Stadt, aber lange Zeit war sie es gewesen. Von hier aus konnte er die Gassen sehen, in denen er als junger Police Constable Streife gegangen war – mit Pete Porter –, als alles noch entweder gut oder schlecht und nichts dazwischen gewesen war. Er sah die Straßen, durch die er gelaufen war, die Ecken, die er observiert, die Gebäude, die er durchsucht hatte. Er sah die bösen Jungs, die er geschnappt, die Menschen, die er gerettet, die Kinder, die er gefunden hatte.

Er sah auch die, die er verloren hatte.

Alle.

Er hatte in diesen Straßen geblutet, hatte sie mit seinem Blut getauft. Aber nein, London war nicht mehr seine Stadt. Sie hatte ihm zu viel genommen.

«Mr Kett?»

Ketts Seufzen ließ die Scheibe beschlagen. Mit dem Ärmelaufschlag seiner Jacke rieb er sie wieder frei und erhaschte einen Blick auf sein eigenes Gesicht vor dem Hintergrund des trüben Nachmittags. Er hatte sich in den zwei Monaten seit seinem letzten Fall einen Bart stehen lassen, ihn heute allerdings getrimmt. Der Bart hatte die gleiche dunkle Farbe wie sein Haar, durchsetzt mit erschreckend viel Silber, wenn man bedachte, dass er noch nicht mal Mitte vierzig war. Überrascht hatten ihn die vielen kupferroten, wie Draht glänzenden Strähnen, die sich wie Hochstapler dazwischen versteckten. Der Mann, der ihm da von der Fensterscheibe entgegenblickte, hätte der Geist seines Vaters sein können, und er wusste nicht, ob er das gut oder schlecht finden sollte.

«Mr …»

«Ich komme», antwortete er und gestattete es sich schließlich, sich umzudrehen. Die junge Sekretärin lächelte ihn an, doch da lag auch Nervosität in ihrer Miene. Das konnte er verstehen. Es hatte eine Weile gedauerte, bis die ganze, irrwitzige Wahrheit über den Fall Schofield ans Licht gekommen war, und seither widmeten die Zeitungen ihre Aufmacher dem Pig Man und Schofields Vermächtnis von Entführung, Folter und Tod. Kett hatte sich davon so gut es ging ferngehalten, dennoch war sein Gesicht viel zu oft im Fernsehen aufgetaucht.

Robert Kett, der Mann, der Schofield mit einem Hammer den Schädel eingeschlagen hatte, der dafür verantwortlich war, dass der Mann jetzt im Koma lag.

Für manche ein Held. Aber nicht für alle.

Und nicht hier.

«Man erwartet Sie jetzt», wiederholte die Frau und richtete ihre Brille. Sie trug Weihnachtskugeln als Ohrringe, eine rote und eine grüne, und sah damit beinahe wie ein Elf aus einer der Fernsehsendungen aus, die Evie und Moira so gern anschauten. «Ich bringe Sie hin, Mr Kett.»

Er nickte und folgte ihr durch den kleinen Empfangsbereich in einen nichtssagenden Flur. Mr Kett, dachte er. Nicht DCI. Das verhieß nichts Gutes. Neben der Tür zu einem Besprechungsraum blieb sie stehen, öffnete sie und trat beiseite – unnötig weit, fand er. Sie schluckte und bemühte sich um ein Lächeln. Er erwiderte es, doch es wirkte gequält.

«Viel Glück», sagte sie, als er eintrat. Das war lieb von ihr. Er brauchte alles Glück, das er bekommen konnte.

Am hinteren Ende eines Tischs, der einem Märchenriesen hätte gehören können, saßen drei Personen, die aussahen, als hätten sie eigentlich zu einer Beerdigung gewollt. In der Mitte saß ein Assistant Commissioner der Metropolitan Police, Larry Ling, das Gesicht gezeichnet von lebenslangem Amateurboxen. Zu seiner Linken befand sich eine Frau, die das Ebenbild von Julie Andrews als Mary Poppins war, wenn auch gut zehn Jahre älter: Felicity Wilson, die Leiterin des Independent Office for Police Conduct, einer von der Polizei unabhängigen Behörde, die polizeiliches Fehlverhalten untersuchte und Bürgerbeschwerden nachging. Auf Lings anderer Seite saß ein Mann, dessen nichtssagendes Gesicht man sofort vergaß und dessen Name Kett schon wieder entfallen war. Wer er auch sein mochte, er beschäftigte sich mit einem Mikrofon und klopfte darauf, um zu sehen, ob es eingeschaltet war. Kett hatte sie natürlich alle schon kennengelernt. Erst vor einer Woche hatte er ihnen gegenüber seine Aussage gemacht.

Und jetzt war es Zeit für das Urteil.

«Nehmen Sie Platz, Robbie», sagte Ling, ohne den Blick von den Papieren in seinen fleischigen Händen heben. «Möchten Sie einen Tee? Kaffee?»

Kett hätte beinahe abgelehnt, merkte dann aber, wie trocken sein Mund war.

«Ein Tee wäre toll, danke, Sir.»

«Zucker», fragte die junge Frau an der Tür.

«Nur Milch», erwiderte Kett. «Eineinhalb Spritzer.»

Die Tür schloss sich, und der Druck im Raum verstärkte sich so sehr, dass seine Ohren schmerzten, als befänden sie sich tief unter Wasser. Der Raum hatte Fenster, doch die Jalousien waren geschlossen, und alles war in das billige gelbe Deckenlicht getaucht. Trotz seiner Größe fühlte der Raum sich furchtbar beengt an.

«Wie geht es Ihnen?», fragte Ling und hob endlich den Blick. Seine Stimme klang seltsam gedämpft, fast traumähnlich.

«Gut», antwortete Kett und hoffte, die Lüge sei ihm nicht anzumerken. «Nun ja, den Umständen entsprechend. Ich möchte nur, dass es ein Ende hat, so oder so. Die letzten Wochen waren lang.»

«Es ist ein schwieriger Fall», sagte Ling.

Die Tür öffnete sich wieder, die Sekretärin trat ein und stellte eine Tasse vor Kett auf den Tisch. Der aromatische Dampf machte ihn lange genug munter, um zu bemerken, wie blass der Tee war.

«Sie kennen nicht zufällig Pete Porter?», fragte er die junge Frau.

«Ähm, nein. Sollte ich?»

«Egal. Danke für den Tee.»

Sie zog sich mit klirrenden Ohrringen zurück, und erneut wurde es still im Raum. Ling seufzte, und allein diese Geste sagte mehr als tausend Worte. Kett lehnte sich zurück, fuhr sich mit der Hand durchs Haar und wartete darauf, dass die Axt herabfiel.

«Ich meine es ernst», sagte Ling. «Dies ist einer der schwierigsten Fälle, die ich je vorliegen hatte. Ich kann nicht ermessen, was Sie durchgemacht haben müssen. Glauben Sie mir, ich habe es versucht. Ich habe Kinder, schon älter jetzt, aber ich habe tausendmal darüber nachgedacht, was ich an Ihrer Stelle getan hätte.»

«Larry», warf Wilson ein. «Lassen Sie uns beim Thema bleiben. Wir hatten uns darauf geeinigt, dies nicht zu einer emotionalen Angelegenheit werden zu lassen.»

Ling zuckte die Achseln.

«Ich sehe nicht, wie das gehen soll. Aber Sie haben recht. Robbie, Sie haben einen der schlimmsten Straftäter gefasst, den wir je erlebt haben, Sie haben eine Horrorgeschichte aufgeklärt und dadurch ermöglicht, dass Dutzende ungelöster Fälle abgeschlossen werden können. Und Sie haben Gott weiß wie viele Menschen davor bewahrt, zu Opfern zu werden. Das haben Sie gut gemacht, mein Sohn, ich möchte, dass sie das niemals vergessen.»

«Aber …», sagte Kett.

«Aber Sie haben sich nicht an die Regeln gehalten. Sie haben das gottverdammte Regelbuch förmlich geschreddert. In einem anderen Fall, in einer anderen Zeit, hätten wir diese Regelverstöße anderes behandeln können.»

An diesem Punkt warf Wilson Ling einen finsteren Blick zu, doch er blieb unbemerkt.

«Dieser Fall jedoch ist sehr öffentlichkeitswirksam, und das IOPC macht mir die Hölle heiß. Wir dürfen nicht den Eindruck erwecken, als würden wir Selbstjustiz dulden. Das geht einfach nicht. Wir müssen mit gutem Beispiel vorangehen, das ist das Wichtigste. Ich verstehe, warum Sie getan haben, was Sie getan haben, und auf einer persönlichen Ebene billige ich es.»

Ein weiterer böser Blick und ein missbilligendes Zungenschnalzen.

«Aber die Entscheidung liegt nicht bei mir. Sie sind raus, Robbie. Es tut mir sehr leid, aber Sie sind raus.»

Kett schloss die Augen und atmete tief durch – es fühlte sich an wie der erste Atemzug seit Monaten. Er hatte so lange Zeit mit einer entsicherten Handgranate in der Brust gelebt, und jetzt fühlte er sich, als hätte jemand den Stift wieder hineingesteckt. Die Erleichterung, die unvermittelt in ihm aufstieg, zündete ein Feuerwerk in der Dunkelheit, und es klang, als rauschte in seinen Ohren der Ozean. Er musste sich sehr zusammenreißen, um nicht in irres Lachen auszubrechen.

Ich bin frei.

«Robbie?»

Er schlug die Augen auf und stellte fest, dass alle drei ihn anstarrten, als hätte er ein großes Theater gemacht. Sein Kiefer tat weh, und er merkte, dass er sich ein Lächeln verkniff.

«Sie haben Assistant Commissioner Ling gehört?», fragte Wilson. «Ihre Anstellung bei der Metropolitan Police endet mit sofortiger Wirkung. Wie auch jede Beziehung, die Sie zu irgendeiner anderen Polizeidienststelle unterhalten.»

«Ich verstehe», sagte er. «Das ist in Ordnung. Es ist gut.»

«Glauben Sie mir, ich bedauere, dass es dazu gekommen ist», sagte Ling. «Seien Sie versichert, dass keine Anklage gegen Sie erhoben wird, jedenfalls nicht von unserer Seite. Allerdings steht es der Staatsanwaltschaft natürlich frei, nach eigenem Gutdünken zu entscheiden. Wir gehen davon aus, dass Sie in Selbstverteidigung gehandelt haben, und in Verteidigung des Lebens Ihrer Frau und Ihrer Kinder. Möchten Sie noch etwas ergänzen, offiziell?»

Kett schüttelte den Kopf.

«Dann danke ich Ihnen für Ihre Zeit.» Ling stand auf und klopfte mit den Fingerknöcheln auf den Tisch. «Wir kümmern uns um die Papiere.»

«Sie müssen Ihren Dienstausweis abgeben, bevor Sie gehen», sagte Wilson, die sitzen blieb. «Und Sie werden wegen einer Abschlussbesprechung noch einmal herkommen müssen.»

«Sicher», erwiderte Kett und stand auf. Ling ging um den Tisch herum und schüttelt ihm mit dem festen Griff des Boxers die Hand.

«Geben Sie auf sich acht», sagte der Assistant Commissioner. «Wissen Sie, was Sie jetzt tun?»

«Ja.» Kett sah Billie vor sich, sah die Mädchen vor sich, hörte sie lachen. «Ja, das weiß ich.»

Er würde sich eine anständige Tasse Tee besorgen.

Und dann würde er nach Hause fahren.

KAPITEL ZWEI

Das Rattern des Zugs auf der Brücke weckte ihn.

Kett setzte sich auf und öffnete die Augen. Wann hatte er sie geschlossen? Sie fuhren gerade über den Fluss Wensum, und der begleitende Percussion-Soundtrack war für ihn mit Heimkehr verbunden. Ein Stück voraus stand das Fußballstadion von Norwich City, dessen Flutlicht die Nacht zurückdrängte. Er sah auf die Uhr und stellte fest, dass es kurz vor neun war. Er hatte nicht vorgehabt zu schlafen. Er hatte sich einfach Sekunden vor der Abfahrt des Zugs von der London Liverpool Station auf einen Platz im gut besetzten Waggon fallen lassen, und das war das Letzte, woran er sich erinnerte. Sein Tee stand noch unangerührt auf dem heruntergeklappten Tisch.

Es war die Erleichterung, das war ihm klar. Sie hatte ihn außer Gefecht gesetzt.

«Ich hatte schon befürchtet, Sie könnten tot sein», sagte jemand mit starkem Norfolker Akzent auf dem Sitz vor ihm, und ein Gesicht erschien in der Lücke zwischen den Sitzen. Ein grinsender junger Mann. «Fast hätte ich die Polizei gerufen, um sicherzugehen, dass Sie noch leben. Dieser Tee war die reinste Folter für mich. Was für eine Verschwendung.»

«Geradezu kriminell», erwiderte Kett. Der junge Mann lachte und drehte sich wieder nach vorn um. Kett zog das Telefon aus der Tasche und stellte fest, dass er zwei Anrufe verpasst und eine Textnachricht empfangen hatte – alle von Billie.

Hoffe, du bist okay. Wir vermissen dich.

Er hatte ihr natürlich Bescheid gegeben, wie es gelaufen war. Sie war die Erste und Einzige, die er angerufen hatte. Er rieb sich den steifen Nacken und stand auf – seine Gelenke spielten ihren eigenen Percussion-Soundtrack. Kaum jemand fuhr bis Norwich, die meisten Fahrgäste waren in Colchester oder Ipswich ausgestiegen. Übrig geblieben waren nur Studenten, die über Weihnachten nach Hause fuhren. Ihre Taschen steckten in den Gepäckfächern über ihren Köpfen. Ein paar von ihnen warfen ihm seltsame Blicke zu.

Schon gut, ich bin bei der Polizei, wollte er sagen, doch dann fiel ihm wieder ein, dass das nicht mehr stimmte. Eine Sekunde lang spürte er, wie schwer dieser Verlust wog. Schließlich war er so lange ein Polizist gewesen. An erster Stelle Cop, dann erst alles andere.

Doch jetzt nicht mehr. Jetzt war er Ehemann und Vater.

Ganz zu schweigen von arbeitslos.

«Habe ich geschnarcht?», fragte er den jungen Mann vor sich, weil die Leute ihn noch immer argwöhnisch beobachteten. Der Mann lachte und holte eine Tasche aus dem Gepäckfach, die größer zu sein schien als er selbst.

«Schnarchen kann man es vermutlich auch nennen», erwiderte er. «Eine Zeit lang haben Sie geklungen, als würden Sie versuchen, ein Yak zu schlucken. Am Stück.»

Der Zug nahm die letzte Kurve und bremste bei der Einfahrt in den Bahnhof ab. Kett nahm seine Tasche, ging zur Tür und schob ungeduldig das Fenster auf. Die kalte Luft traf ihn wie eine Ohrfeige und verscheuchte die letzten Reste seiner Erschöpfung, während sie quietschend und ruckelnd zum Stehen kamen. Er packte den Türgriff, öffnete die antiquierte Tür und stieg aus.

«Daddy!»

Dieses metallzerschneidende Kreischen hätte er überall wiedererkannt, und als er mit zusammengekniffenen Augen in die Bahnhofshalle starrte, sah er Alice hinter der Schranke auf und ab hüpfen wie ein English Springer Spaniel. Billie stand mit Moira auf dem Arm neben ihr, und selbst von hier aus konnte Kett Evie hören, die auch auf den Arm wollte, damit sie ihren Vater sehen konnte. Er verzog den Mund zu einem Lächeln und stellte fest, dass er stattdessen lachte – aus tiefstem Herzen, überraschend und sehr willkommen.

Er ging auf sie zu, winkte und spürte, wie sämtliche Schmerzen in der Kälte langsam wieder an ihre Plätze rutschten. Von den meisten seiner Verletzungen hatte er sich inzwischen erholt, jedenfalls oberflächlich, doch in seinem Inneren waren Narben zurückgeblieben, und jetzt, nach dem Wetterwechsel, schmerzten sie tagtäglich.

Außerdem war ihm kalt. Seit er in jener Nacht mit Savage fast ertrunken wäre, war ihm ständig kalt, so als hätte das Meer ihn vollkommen ausgefüllt und wäre nie mehr abgeflossen.

«Hey», sagte er, rannte die letzten Schritte und angelte dabei seine Fahrkarte aus der Tasche. Er schob sie in den Schlitz, und die Schranke öffnete sich. Wie der Blitz war Alice hindurch und schlang die Arme so fest um ihn, dass er kaum Luft bekam. Er tätschelte ihr den Kopf und bemerkte, dass ihr Haar mit einem Stückchen Lametta zu einem Pferdeschwanz gebunden war. «Ich freue mich auch, dich zu sehen. Aber pass auf, sonst schließt sich die Schranke.»

Alice ließ los, sauste zurück, und natürlich schloss sich die Schranke hinter ihr, während er noch davorstand. Billie lachte leise. Sie wirkte jetzt wie eine andere Frau, als wäre das, was der Pig Man ihr geraubt hatte, irgendwie wieder nachgewachsen. Hochgewachsen und stark stand sie da, und als er ihr in die Augen sah, wandte sie den Blick nicht ab. Moira zappelte in ihren Armen, streckte die Hände nach ihm aus, und Billie reichte sie ihm über die Schranke. Seine Jüngste packte in seinen Bart, der sie nach wie vor faszinierte, und Kett jaulte auf.

«Sachte», sagte er. «Der ist festgewachsen.»

«Daddy Ase», sagte sie und zog. «Ase, Ase, Ase.»

«Er ist ein Hasenpopo», berichtigte Alice.

«Ich will auch sehen!», brüllte Evie irgendwo neben Billies Beinen. Kett beugte sich über die Schranke und lächelte sie an.

«Ich war doch nur einen Tag weg», sagte er. «Er hat sich nicht verändert.»

«Hasenpopo!», ahmte Evie ihre ältere Schwester nach, und beide lachten schallend. Kett schüttelte den Kopf und sah wieder Billie an. Sie zuckte die Achseln und zog ihren Mantel um sich zusammen.

«Zugegeben, ein bisschen sieht er schon wie ein Hasenpopo aus», sagte sie.

Kett winkte der Aufsichtsperson. Sie musste sie beobachtet haben, denn sie drückte ihren Ausweis an die Schranke, ohne Fragen zu stellen. Kett sprang hindurch, bevor Alice ihn noch einmal aussperren konnte, und reichte Billie seine Tasche, damit er Evie auf den Arm nehmen konnte. Er küsste beide Mädchen auf die Wange.

«Iih, haarig!», sagte Evie aufrichtig angewidert.

«Aarich!», sagte Moira und rieb sich das Gesicht.

«Was für ein Empfang», kommentierte Kett. Er runzelte die Stirn. Ihr Haus befand sich am anderen Ende der Stadt, fast eine Stunde entfernt. «Wie seid ihr überhaupt hergekommen? Schlafenszeit ist längst vorbei, junge Damen.»

«Sie wollten dich sehen», erklärte Billie. «Und es hat uns jemand gefahren.»

«Onkel Pete? Oder Kate?»

Billie brauchte nicht zu antworten.

«Kett!», ertönte ein Bärengebrüll, und Superintendent Colin Clare kam aus der Bahnhofsbuchhandlung gestürmt, das Gesicht verzogen, als hätte er eine Handvoll Wespen verschluckt. Im Laufen packte er einen Bounty-Riegel aus, als befände sich darin ein Verdächtiger, und schob ihn sich zur Hälfte in den Mund.

«Von ihm?», fragte Kett. «Warum?»

«Weil ich es ihnen angeboten habe», antwortete Clare, Kokoskrümel um sich spuckend. «Wie ist es gelaufen?»

«Hätte Sie gar nicht für den Bounty-Typen gehalten», erwiderte Kett.

«Die esse ich, wenn ich gestresst bin», erklärte Clare. «Was haben sie gesagt?»

«Ich bin raus aus der Truppe. Komplett.»

«Verdammter Mist.» Clare verputzte die zweite Hälfte des Schokoriegels. «Das geht mir mächtig auf die Klöten.»

Kett zuckte zusammen.

«Daddy», sagte Evie. «Was sind Klöten?»

«Nichts, Liebes.» Er warf Clare einen warnenden Blick zu. «Es hätte nicht anders laufen können, Sir. Ehrlich, ich kann damit leben.»

«Sie vielleicht», gab Clare zurück. «Ich nicht.»

Er stampfte mit dem Fuß auf wie ein zorniges Kind, so heftig, dass es durch den sich leerenden Bahnhof hallte. Kett sah zu Billie, die ein unglückliches Gesicht machte.

«Was?», fragte er. «Was ist los?»

«Es hat einen Todesfall gegeben», erwiderte Clare. «Einen höchst verdächtigen.»

«Ich wünschte, ich könnte helfen», sagte Kett. «Aber ich kann nicht. Nicht mehr. Es tut mir leid. Das hat alles nichts mehr mit mir zu tun.»

«Sie irren sich», entgegnete Clare. «Ich glaube, es hat sehr viel mit Ihnen zu tun.»

Kett legte den Kopf schräg und wartete. Eine winterliche Böe fegte über den Beton und heulte so laut durch die stählernen Dachsparren, dass sie eine Armee von Tauben von ihren Schlafplätzen aufscheuchte. Wieder einmal hatte Kett das Gefühl, in eisigem Meerwasser zu versinken, im Sand, und er atmete tief und stockend ein, um die Panik zu vertreiben. Irgendetwas kam da, das wusste er. Etwas Schlimmes. Immerhin war es Clare selbst gewesen, der es ihm vor all den Wochen angekündigt hatte.

Robbie, ich weiß nicht, wer, und ich weiß nicht, wann, aber eins weiß ich genau. Jemand ist hinter Ihnen her.

«Er ist im Gefängnis gestorben», fuhr Clare fort. «Sieht aus wie Selbstmord. Aber ich bin mir da nicht so sicher.»

«Im Gefängnis?» Kett kannte einen Haufen Leute hinter Gittern, doch er hatte sofort einen Namen im Kopf. Er öffnete den Mund, um ihn auszusprechen. Clare kam ihm zuvor.

«Es ist Christian Stillwater. Und er sagt, Sie hätten ihn getötet.»

KAPITEL DREI

Das Gefängnis war der letzte Ort, an dem Kett jetzt sein wollte.

Der Gebäudekomplex war ein bizarrer Schatten, der in der ozeanischen Nacht lauerte, und seine Lichter erinnerten an die mancher Tiefseetiere, etwa an den Anglerfisch, von dem er als Kind Albträume bekommen hatte. Dieser Ort verschluckte die Menschen bei lebendigem Leib, und er konnte auch ihn mit einem Bissen fressen.

«Da wären wir», sagte Clare und lenkte seinen uralten panzerähnlichen Mercedes auf den leeren Parkplatz. Bäume tanzten im Wind, und eine Handvoll Flaggen knatterten wie bellende Hunde. Clare fuhr bis vor das Eingangstor, an dem ein Satz Lokomotivräder ausgestellt war, ohne jede Spur vom Rest der Zugmaschine.

Die Metapher war deutlich. Ketts Zug war nicht nur entgleist, er war explodiert.

Er dehnte den Nacken, der knackte wie ein Aufziehspielzeug. Clare hatte zuerst Billie und die Mädchen nach Hause gefahren – Moira hatte auf der Rückbank auf Billies Schoß gesessen, Alice und Evie hatten auf zwei Kindersitzen gethront, die aussahen, als wären sie hundert Jahre alt –, und es hatte Kett seine gesamte Willenskraft gekostet, nicht ebenfalls aus dem Auto zu springen und sich im Haus mit ihnen zu verbarrikadieren. Es ging auf halb elf zu, und er wollte einfach nur noch mit Billie auf dem Sofa sitzen und Tee trinken, bis sie beide einschliefen, Hand in Hand. Stattdessen stand er jetzt hier vor dem Tor zur Hölle.

«Es ist Quatsch», sagte Clare und schaltete den Motor aus. Einen Moment lang schien sogar der Wind nachzulassen, als wollte er ihrer Unterhaltung lauschen. Irgendwo in der Nähe wummerte ein Windrad, ein nervenaufreibendes Geräusch.

«Erzählen Sie noch mal», sagte Kett und rieb sich die Augen. Clare hatte auf der eineinhalbstündigen Fahrt von Norwich nach Cambridgeshire ununterbrochen auf ihn eingeredet, doch die Worte waren über seinen Kopf hinweggeglitten, ohne Bedeutung für ihn, so erschöpft war er. Er war froh, dass er im Zug geschlafen hatte, sonst wäre er jetzt bewusstlos.

«Es ist nicht wichtig.» Clare winkte ab, als wollte er einen üblen Geruch vertreiben. «Sie müssen nur eins wissen. Stillwater hat eine Nachricht hinterlassen, in der steht, dass Sie im Gefängnis einen Killer auf ihn angesetzt hätten. Wie gesagt, totaler Quatsch. Das würden Sie natürlich niemals tun.»

In Clares Stimme klang keinerlei Zweifel an, daher sagte Kett nichts dazu. Es war Quatsch. Der Tod war der einfachste Ausweg, und insgeheim hätte Kett sich gewünscht, dass Stillwater länger für seine Taten büßen musste.

«Gehen wir rein», sagte Clare. «Wir werden erwartet.»

«Sie wissen, dass ich das nicht darf. Ich habe keinen Dienstausweis mehr. Ich bin fertig damit.»

«Falls jemand fragt, sind Sie mein Sekretär», erwiderte Clare. «Aber halten Sie einfach den Mund, dann fragt auch keiner.»

«Na denn.» Kett hob eine Augenbraue. «Wenn Sie das sagen. Sie gehen vor.»

Sie stiegen aus in die Nacht, in den Wind, der mit seinen Fingern nach ihnen schnappte, und den kalten Regen, der auf seine Haut prasselte. Die Tür öffnete sich, noch bevor sie sie erreicht hatten, und zwei zitternde Vollzugsbeamte winkten sie herein.

«Kalt genug für Sie?», fragte die Frau, als sie die Tür zuzog. «Drinnen ist es ehrlich gesagt nicht viel wärmer.»

Sie übertrieb nicht. Das Gefängnis war der reinste Kühlschrank, und Kett sah seinen eigenen Atem, während sie einen Sicherheitssensor passierten und an einen breiten Empfangstresen traten.

«Tragen Sie sich hier ein, dann bringen wir Sie hin», sagte der männliche Beamte, ein gedrungener, bärtiger Bursche, der schamlos in der Nase bohrte, während er sprach.

«Wenn Sie eins meiner Kinder wären, könnten Sie sich jetzt was anhören», schimpfte Clare mit angewiderter Miene. Er schnippte mit den Fingern. «Stift.»

Der Superintendent trug sie in seiner großen, geschwungenen Handschrift beide ein. Kett wandte seine Aufmerksamkeit den Beamten zu, zu erschöpft, um auch nur den Versuch eines Lächelns zu unternehmen.

«Hab Sie in den Nachrichten gesehen», sagte die Frau, der die Zähne klapperten. «Sie haben wirklich den Pig Man erledigt?»

«Kommen Sie», griff Clare ein und warf den Stift auf den Schreibtisch. «Es wird eine lange Nacht. Gehen Sie vor.»

Die beiden Vollzugsbeamten taten wie geheißen und geleiteten sie durch eine Reihe langer, fensterloser Gänge, die durch abgesperrte Türen voneinander getrennt waren. Es dauerte nicht lange, bis Kett klaustrophobische Anwandlungen verspürte, und er zwang sich, lange und tief einzuatmen, um die Panik in Schach zu halten. Er hasste Gefängnisse. Hatte er immer schon getan. Und dieses hasste er umso mehr, als die Beamten nun mit ihnen zu einer Treppe gingen, die nach unten führte.

«Das Büro der Direktorin ist unterirdisch?», fragte Clare.

«Sie will sich im Leichenschauhaus mit Ihnen treffen», erklärte der Vollzugsbeamte.

«Natürlich will sie das», murmelte Kett, als sie die Treppe in Angriff nahmen. Seltsamerweise war es hier wärmer, und als sie die zweiflügelige Tür erreichten, die in die medizinische Einrichtung im Keller führte, schwitzte er praktisch. Der männliche Beamte stieß mit der Schulter einen Türflügel auf und winkte sie hindurch. Die Tür führte in einen kleinen Raum mit einem einzelnen Obduktionstisch, in dem sich zwei Personen befanden. Die erste war eine dunkelhaarige Frau zwischen dreißig und vierzig, die auf der Kante einer Arbeitsfläche hockte.

Die zweite war eine Leiche.

Kett erkannte Stillwater sofort, und er musste die Augen schließen, weil unerfreuliche Erinnerungen auf ihn einstürmten: Delia Crossans Mutter, in ihrer Küche ermordet, die kleine Connie, so fest an einen Stuhl gefesselt, dass ihre Hände blau geworden waren, Stillwater von Kaninchenblut überströmt in einer Küche, dann mit einer Brechstange in der Hand in einem verlassenen Bauernhaus über ihm aufragend. Er hatte versucht, Kett zu töten, er hätte ihn getötet, wenn Savage ihm nicht mit ihrem Schlagstock das Bein gebrochen hätte.

Entführer. Folterknecht. Möchtegernmörder.

Kett verspürte nicht das geringste Mitleid.

«Superintendent Clare?», fragte die Frau, stieß sich von der Arbeitsfläche ab und kam herüber. Sie reichte ihnen nicht die Hand, sondern legte sie bloß auf den Stahltisch neben Stillwaters Kopf. «Ich bin Nadya Scott.»

«Ja, ich bin Clare. Das ist …»

«Ich weiß, wer er ist. Er ist praktisch ein Promi. Was ich nicht verstehe, ist, was er hier macht.»

Kett warf Clare einen Blick zu – ich habe es Ihnen ja gesagt –, doch Clare winkte einfach ab.

«Er ist mein Mann, und mehr brauchen Sie nicht zu wissen», sagte der Superintendent. «Er hat eingewilligt, mitzukommen und zu versuchen, diesen Schlamassel aufzuklären. Das ist es nämlich, Miss Scott, ein Schlamassel.»

«Sie können mich Mrs Scott nennen», gab sie zurück. «Oder Frau Direktorin. Und ja. Es ist ein Schlamassel. Sie erkennen ihn wieder, nehme ich an?»

«Selbstverständlich», antwortete Kett, obwohl Stillwater überhaupt nicht aussah wie damals. Sein Gesicht war geschwollen und fleckig, die Augen so weit hervorgequollen, dass er wie eine verdutzte Comicfigur wirkte. Sein Hals war aufgerissen – er war so brutal erdrosselt worden, dass die Haut dort in zwei Lappen auseinanderklaffte. Der Rest seines Körpers war mit Hämatomen übersät, und sein rechtes Bein lag krumm auf dem Tisch, als versuchte es zu fliehen.»

«Was ist ihm zugestoßen?», fragte Kett.

«Er ist heute Nachmittag ums Leben gekommen», antwortete Scott. «Ein anderer Häftling sah ihn mit einem Draht um den Hals aus seiner Koje hängen. Sah nach Selbstmord aus, wir hatten bereits ein paar andere ungefähr in der gleichen Art.»

Kett trat näher und beugte sich vor, um Stillwaters Finger genauer zu betrachten. Sie waren blutig, und einer seiner Nägel war sauber abgerissen.

«Meinen Sie, er hat es sich anders überlegt?», fragte er.

«Tun Sie das nicht alle?», erwiderte Scott wie aus der Pistole geschossen. «Sie wissen schon – wenn sie merken, wie furchtbar es ist.»

«Er hat eine Nachricht hinterlassen», warf Clare ein. Scott nickte und nahm ein Blatt Papier von der Arbeitsfläche. Sie reichte es Clare, und Kett trat neben ihn, damit sie es beide lesen konnten. Es war die Kopie eines zerknitterten Zettels, der in einer kleinen krakeligen Handschrift in ordentlichen Reihen beschrieben war.

«‹Diese Welt ist ein beschissener Witz›», las Clare laut vor. «‹Nichts davon ist fair. Besser raus da als drin, und scheiß auf Sie, wenn Sie anderer Meinung sind. Es ist das reine Elend hier, und ich habe nichts davon verdient. Also scheiß auf Sie alle, ich hoffe, Sie verrotten in der Hölle. Und falls Sie wissen wollen, warum ich es jetzt tue, dann fragen Sie KETT