Die Steinzeitkids - Klaus Steiner - E-Book

Die Steinzeitkids E-Book

Klaus Steiner

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Beschreibung

Penelope, IQ und Big Balt werden viele tausend Jahre in die Vergangenheit versetzt – in die Steinzeit. Dort treffen sie auf die Osohama, ein friedliches Volk, das auf einer großen Waldlichtung lebt. Doch es droht Gefahr. Die wilden Eismänner aus dem Norden wollen das Dorf der Osohama zerstören. Penelope, IQ und Big Balt müssen all ihr Wissen und ihren Mut einsetzen, um gegen die Eismänner bestehen zu können.Es gibt zahlreiche Funde (Höhlenmalereien, Schädelknochen, Skelette, Pfeilspitzen, Tonkrüge,.) aus der Steinzeit. Und es gibt viele Theorien darüber, wie die Steinzeitmenschen damals lebten. Einige Theorien haben sich als falsch erwiesen, andere scheinen gefestigt. Und manch neue werden in den nächsten Jahren wohl noch hinzukommen.Autor Klaus Steiner hat in diesem neuen Buch die unterschiedlichsten Theorien miteinander verbunden und sich ein eigenes Bild von der Steinzeit gemacht. Vielleicht gab es ja wirklich ein Häuflein urzeitlicher Menschen, die so ähnlich wie die Osohama in diesem Buch gedacht, gehandelt und gelebt haben? Jedenfalls versuchte der Autor, gesicherte Erkenntnisse über das Leben in jener Zeit, über die Nahrung, Tiere, Bekleidung, Werkzeuge, Waffen, Umwelt,. authentisch wiederzugeben.Steiner geht davon aus, dass die Steinzeitmenschen eine Art Naturreligion hatten. Man kann diese „Religion“ wohl am ehesten mit dem Schamanismus der heute noch lebenden Naturvölker vergleichen. Der Autor hat sich unter anderem auch als Recherche für sein Buch einer neunmonatigen „Lehre“ bei einem Schamanen unterzogen, sein Krafttier gefunden und sich auf die eine oder andere Traumreise begeben.

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Seitenzahl: 478

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Für die Steinerkids

Impressum

ISBN 978-3-7059-0409-5

E-Book-Veröffentlichung: 2013

© Copyright by Weishaupt Verlag, A-8342 Gnas, Austria, 2013

e-mail: [email protected]

www.weishaupt.at

Umschlagentwurf: Samuel Steiner.

Farbgebung: Gerlinde Steiner.

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Klaus Steiner

Die Steinzeitkids

Vorwort

Es gibt zahlreiche Funde (Höhlenmalereien, Schädelknochen, Skelette, Pfeilspitzen, Tonkrüge ...) aus der Steinzeit. Und es gibt viele Theorien darüber, wie die Steinzeitmenschen damals lebten. Einige Theorien haben sich als falsch erwiesen, andere scheinen gefestigt. Und so manch neue werden in den nächsten Jahren wohl hinzukommen.

Ich habe in meinem Buch die unterschiedlichsten Theorien miteinander verbunden und mir ein eigenes Bild von der Steinzeit gemacht. Vielleicht gab es ja wirklich ein Häuflein urzeitlicher Menschen, die so ähnlich wie die Osohama aus meinem Buch gedacht, gehandelt und gelebt haben? Auf jeden Fall versuchte ich, gesicherte Erkenntnisse (über Nahrung, Tiere, Bekleidung, Werkzeuge, Waffen, Umwelt ...) authentisch wiederzugeben.

Es ist davon auszugehen, dass die Steinzeitmenschen eine Art Naturreligion hatten. Man kann diese „Religion“ wohl am ehesten mit dem Schamanismus der heute noch lebenden Naturvölker vergleichen. Daher habe ich, unter anderem auch als Recherche für mein Buch, eine neunmonatige „Lehre“ bei einem Schamanen absolviert, mein Krafttier gefunden und mich auf die eine oder andere Traumreise begeben.

Ein Buch schreibt man niemals alleine. Daher danke ich meinen Freunden Engelbert Darnhofer, Christian Haider und Maria Moitz. Und natürlich meiner Frau Gerlinde, die mir stets mit Rat, Geduld und Ermunterung zur Seite gestanden ist.

Klaus Steiner

Prolog

Es war früh am Morgen. Nebelschwaden zogen entlang des Waldrandes und umhüllten die riesigen Ahorn-, Schachtelhalm- und Bärlappbäume mit ihren grauen Schleiern. Doch vereinzelt durchdrangen bereits die ersten Sonnenstrahlen den morgendlichen Nebeldunst und wärmten den Boden. Heute würde wieder ein warmer Sommertag werden. Und bald, in ein, zwei Wochen, würden die Früchte der Himbeer- und Brombeersträucher reif sein. Auch die Pilze des Waldes konnten bald gegessen werden. Doch darauf verschwendete Ahambara keinen Gedanken. Eilig hastete sie auf dem schmalen Grasstreifen entlang, der neben den hohen Bäumen des Waldes aus der Erde wuchs. Sorgsam und auch ein wenig ängstlich streiften ihre Augen zwischen den mächtigen Baumstämmen umher. Der Morgen war eine gefährliche Tageszeit. Die Wölfe hatten sich noch nicht zur Ruhe gelegt und die Höhlenlöwen erwachten soeben aus ihrem nächtlichen Schlaf. Es konnte auch durchaus sein, dass man auf eine Herde Waldelefanten traf. Diese großen Tiere mit ihren langen weißen Stoßzähnen waren zwar friedliche Pflanzenfresser, aber es wäre nicht ratsam gewesen, sie bei ihrer morgendlichen Futtersuche zu stören.

Ahambara griff zu ihrer flachen Steinscheibe, die mit einem dünnen Lederband um ihren Hals gebunden war. Ihre runzligen Finger glitten entlang der eingekerbten Symbole. Stundenlang hatte sie ihre Zeichen in den Stein gemeißelt. Es war eine mühsame und langwierige Aufgabe gewesen, die viel Geduld und Geschick erfordert hatte. Aber Ahambara wusste, was sie den Göttern schuldig war. Das Symbol auf ihrer Steinscheibe war eine Spirale. Sie hatte das Gehäuse der Waldschnecken, die in der Nähe ihres Dorfes lebten, als ihr Zeichen gewählt, um so die Wiederkehr der Jahreszeiten und alles Lebens zu symbolisieren. Und natürlich hatte Ahambara die Spirale vor allem deswegen in die Steinscheibe gemeißelt, um den allmächtigen Göttern ihre Demut und Dankbarkeit zu zeigen. Als Schamanin wusste sie, wie wichtig es war, die Götter bei Laune zu halten und sie wohlgesonnen zu stimmen.

Ahambara blickte sich um. Dann verließ sie eilig das flache Grasland und bahnte sich zwischen zwei Holundersträuchern ihren Weg in den dichten urzeitlichen Wald. Erneut berührte sie die Steinscheibe und bat die Götter inständig, dass sie schützend ihre Hände über sie hielten. Ahambara war in den letzten, kalten Wintern zu einer alten Frau geworden. Vierundvierzig Sommer hatte sie bereits erlebt. Ihre dunkle Haut war faltig, die Augen trübe und ihre spärlichen Haare trugen schon lange das Grau des Morgennebels. Nur mehr zwei Zähne, kleine braune Stummeln, die ihr seit Tagen Schmerzen bereiteten, waren ihr geblieben. Bald würde sie mit den anderen Alten und Kranken den Brei von zerstampften Bucheckern schlürfen müssen. Und die Jungen würden ihr das Fleisch der Moschusochsen, Hasen und Wildschweine mit ihren Steinmessern in kleine Streifen schneiden. Ahambara fuhr über ihre müden Augen. Die Verzweiflung drohte sie zu übermannen. Wie konnte sie nur glauben, dass die mächtigen, allwissenden Götter einer alten, schwachen Frau beistehen würden? Sie war unwichtig, dumm und vergänglich. Ahambara blieb stehen und straffte ihre knochigen Schultern. Nein! So durfte sie nicht denken! Sie war die Schamanin der Osohama! Sie war diejenige, die für ihr Dorf die Verbindung zu den Göttern aufrecht hielt. Sie durfte nicht zweifeln und sich ihren trostlosen Gedanken hingeben. Die Götter würden es als Verrat auslegen und in Zukunft ihren großmütigen Segen für das Dorf verweigern.

„Verzeiht mir, ihr Götter“, murmelte Ahambara, und Tränen glitzerten in ihren Augen. Mit zitternden Fingern griff die alte Frau in ihren Medizinbeutel, der an ihrem hirschledernen Gürtel hing, und holte eine Halskette mit Eulenfedern hervor. Sie legte die Kette um. Die Waldeule! Zu ihrer Geburt hatte ihr Orama, die weise alte Schamanin, die vor sieben Wintern zu den Göttern gegangen war, die Waldeulenfeder überreicht und zu Ahambaras Mutter gesagt, dass dies das Totemtier ihrer neugeborenen Tochter sei. Seither beschützte und leitete die Waldeule Ahambara.

„Waldeule, gib mir Kraft und Mut“, bat Ahambara. „Gib mir Kraft und Mut!“

Ihre Stimme wurde flehentlich.

„Waldeule, gib mir Kraft und Mut!“

Immer wieder wiederholte sie ihre Bitte und sank schließlich auf die Knie. Ihre Stimme erhob sich zu einem monotonen Singsang. Ahambara schloss ihre Augen und spürte, wie die Kraft der Waldeule zu ihr kam. Sanfte Schauer liefen entlang ihrer Wirbelsäule und sie fühlte sich beschützt und gestärkt. Nach einer Weile beendete die alte Frau ihren Gesang. Langsam sah sie sich um. Es war töricht von ihr gewesen, hier im Wald zu singen. Zu leicht konnten die Fleischfresser des Waldes angelockt werden. Aber, den Göttern sei Dank, kein Tier näherte sich ihr. Ahambara dankte noch einmal dem Geist der Waldeule. Dann stützte sie sich auf ihren Steinspeer und stand auf. Erfüllt von der Magie ihres Totems machte sie sich weiter auf den Weg zu ihrem vorbestimmten Ziel.

Die Sonne stand mittlerweile hoch am Himmel. Durch das dichte Blätterdach der Bäume drangen nur vereinzelte Sonnenstrahlen. Ahambaras Schritt hatte sich verlangsamt. Ihr Atem ging schwer. Es war mühsam, einen Pfad durch das Gewirr von Ästen und Farnen zu finden. Sie dachte an Maluna, die Clanmutter der Osohama, die die alte Schamanin inständig gebeten hatte, zwei Männer des Dorfes als Schutz und Begleitung mitzunehmen! Aber Ahambara hatte abgelehnt. Diesen Weg musste sie alleine gehen. So war es von den Göttern bestimmt. Aber, dachte die alte Schamanin mit einem Seufzer, wie gut hätte sie jetzt die starken Arme und schnellen Beine von Fewag oder Echon gebrauchen können. Ahambara leckte über ihre rissigen Lippen. Der Durst begann sie zu quälen. Mühsam griff sie zu ihrem ausgehöhlten Kürbis, den sie auf ihren Rücken gebunden hatte und stöhnte. Ihre Gelenke waren steif und schmerzten. In jungen Jahren hatte sie mit einer einzigen fließenden Bewegung den mit Wasser gefüllten Kürbis ergreifen können. Nun war es ein schwieriges und mühsames Unterfangen geworden. Ja, die Götter in ihrer Allwissenheit hatten es klug eingerichtet, dass an und für sich kein Mensch mehr als vierzig Sommer erlebte. Nur die sture Ahambara wollte nicht sterben. Sie war bereits jetzt älter als jeder andere in ihrem Dorf und sie befürchtete, dass sie den einen oder anderen Sommer noch erleben würde. Missmutig trank sie mit gierigen Schlucken das Wasser aus dem ausgehöhlten Kürbis. Irgendetwas mussten die Götter noch mit ihr vorhaben. Warum sonst sollten sie ihr eine derart lange Lebensspanne schenken? Ahambara verstaute den Kürbis wieder hinter ihrem Rücken und ging weiter.

Die Sonne war vier Handbreit gewandert. Keuchend und todmüde stand Ahambara vor einer Felsenhöhle. Ihre Füße schmerzten, in ihrem Kopf summte es und der Rücken tat höllisch weh. Kraftlos sank sie auf den Waldboden und atmete mehrmals durch. Sie hatte es geschafft! Sie hatte die Höhle der Osohama erreicht. Nun würde sie die Vision erhalten, die ihr Dorf retten würde. Ahambaras Gedanken glitten in die Vergangenheit.

Vor vielen Sommern war sie mit Orama, der alten Schamanin, zum ersten Mal hier gewesen und in die Geheimnisse des Waldes und der Menschen eingeweiht worden. Jahre später war sie von Orama zu ihrer Nachfolgerin, zur nächsten Schamanin, bestimmt worden. Und seit diesem Zeitpunkt war Ahambara als neue Schamanin des Dorfes selbst zur Höhle der Osohama gegangen, wenn sie Rat und Hilfe für ihr Dorf bedurfte. Und ihre Visionen in der Höhle waren gut gewesen. Sie hatte den Zug der Lachse vorausgeahnt, sie hatte eine Medizin für den alten Tosto gefunden, sie hatte die Waldlichtung für ihr Dorf entdeckt und gesehen, dass Maluna die neue Clanmutter der Osohama sein sollte. Doch nun ging es um ihre größte Vision. Sie musste all ihr Können und ihr Wissen in die Waagschale werfen, um ihr Dorf vor dem sicheren Untergang zu bewahren. Bald, viel zu bald, würden die Eismänner des Nordens kommen! Und mit ihnen ihr Anführer: Chostun, der Eroberer! Ein riesiger Mann. Grausam und unbeherrscht. Ahambara hatte Chostun und seine Eismänner in ihren Träumen gesehen. Es waren schreckliche Träume gewesen. Die Eismänner waren wilde Krieger, gekleidet mit grauen Wolfsfellen. In ihren bärtigen Gesichtern lagen Wut und Bosheit. Sie kamen um zu morden, brandschatzen, rauben und vergewaltigen. Die Eismänner bewegten sich schnell wie der Wind auf ihren großen, pferdeähnlichen Tieren und besaßen Waffen, die Ahambara noch nie zuvor gesehen hatte. Niemals würden die Männer der Osohama gegen die Eismänner bestehen können. Sie waren viel zu wenige und bei Weitem zu schwach.

Zitternd stand Ahambara auf. Vielleicht sollte ihr Dorf noch einmal ein weites Stück nach Süden fliehen? Vielleicht würden die Eismänner sie dann nicht finden? Nein, Ahambara glaubte nicht daran. Ihr Dorf zählte fünfzig Menschen. Und vier Frauen trugen wieder neues Leben in sich. Das Dorf der Osohama wuchs. Es war fruchtbar und gesegnet von den Göttern und lag an einer Stelle im Wald, die Nahrung in Übermaß gewährleistete und Schutz vor Wind und Wetter bot. Auch die kalten, harten Winter hatten sie dort immer gut überstanden. Ahambara seufzte tief. Es wäre sowieso sehr zweifelhaft, ob die Alten und Kleinen eine weitere Verlegung des Dorfes nach Süden überleben würden. Bei der letzten Wanderung hatten sie beinahe zwei Handvoll Tote zu beklagen gehabt. Ein großer Umzug barg viele Gefahren und niemand wusste, wie es im Süden aussah. Geschichten erzählten von grausamen Monstern und fleischfressenden Bestien. Ahambara wusste zwar nicht, ob ­diese Geschichten wahr waren, aber sie wusste, dass es unendlich viel Kraft kosten würde, die Menschen ihres Dorfes zu einem weiteren Umzug zu überreden.

Ich sollte mir nicht so viele Sorgen machen, dachte die alte Schamanin. Die Götter haben mich sicher zur Höhle geleitet, sie werden uns auch weiterhin beschützen.

Mit neuer Entschlossenheit trat Ahambara vor den Eingang der Höhle. Dann kniete sie nieder und löste ein hohles Moschusochsenhorn aus ihrer Gürtelschleife. Vorsichtig zog sie den Holzpfropfen aus dem Horn und begutachtete argwöhnisch die glühenden Holzstücke im Inneren. Langsam leerte sie zwei Stückchen auf den Waldboden und hielt ein dürres Ästchen daran. Dann blies sie vorsichtig in die Glut. Schnell fing das Ästchen Feuer, und Ahambara hielt einen mit Baumharz getränkten, dicken Ast daran. Sekunden später brannte das eine Ende des Astes. Die Schamanin erhob sich aus ihrer knienden Position und griff mit ihrer freien Hand nach einem Kieselstein. Diesen schleuderte sie mit Schwung durch den schmalen Eingang der Höhle. Sie hörte wie der Stein gegen eine Felswand krachte. Noch eine Weile lauschte die alte Schamanin. Nichts rührte sich. Beruhigt trat Ahambara ein paar Schritte näher. Natürlich hatte sie nicht erwartet, einen Höhlenbären oder Schneeleoparden im Inneren der Höhle anzutreffen. Schließlich war die Höhle heilig und den Göttern geweiht. Aber etwas Vorsicht konnte nicht schaden.

Ahambara drückte den brennenden Ast in eine enge Felsenspalte. Das flackernde Licht tauchte die Höhle in ein schimmerndes Dunkel. Moose und Flechten wuchsen an den rissigen Steinwänden der Höhle. Der Boden war aus massivem Stein und trocken. Ahambara konnte die Ausmaße der Höhle nur ungefähr erahnen, aber die Decke musste deutlich höher sein als zwei übereinanderstehende Männer. Wie weit die Höhle ins Innere des Berges ging, wusste Ahambara nicht. Sie verspürte auch keinerlei Interesse daran, das herauszufinden. Es war schon beängstigend genug, auch nur wenige Schritte vom Höhleneingang entfernt zu sein. Denn selbst wenn dieser Platz heilig war, so hieß es noch lange nicht, dass sich Ahambara hier wohlfühlte. Der Atem der Götter war an diesem Platz für sie deutlich zu spüren und bereitete ihr ein mehr als nur mulmiges Gefühl.

Die alte Schamanin hatte die mitgebrachte Wolfsfelltasche vor ihr auf den steinernen Boden gelegt und einen weiteren hohlen Kürbis, der allerdings wesentlich kleiner als der Trinkkürbis auf ihrem Rücken war, vor sich hingestellt. Neben dem Kürbis lagen die Waldeulenfeder, ihre Steinscheibe mit dem Symbol der Spirale und eine ungelenke Holzschale. Einen Moment blieb Ahambara ruhig sitzen. Dann griff sie zu ihrem Steinmesser und ritzte ihren rechten Zeigefinger bis Blut floss. Anschließend drückte sie mit den Fingern ihrer linken Hand so kräftig gegen die Schnittwunde, bis zehn Blutstropfen in die Holzschale fielen. Mit dem Steinmesser verteilte sie das Blut und zeichnete geheimnisvolle Zeichen. Gleichzeitig fing sie zu singen an. Es war ihr Ruf an die Götter. Nach einer Weile verschleierte sich ihr Blick und die Bewegungen ihres Oberkörpers wurden immer ruckartiger. Ihre Seele, ihr heiliges Chira, begann zu fließen. Sie spürte, wie sie sich langsam mit der Welt der Götter verband. Nach einer Weile ergriff Ahambara den kleinen Kürbis und stand auf. Ihre Füße bewegten sich in einem seltsam abgehackten Tanz. Ihre Hand schüttelte den Kürbis beinahe ekstatisch. Der hohle Kürbis war mit Nüssen gefüllt und gab ein seltsam rasselndes Geräusch von sich. Immer schneller bewegte sich Ahambara. Schließlich war ihr ganzer Körper schweißüberströmt. Ihr Atem ging schwer und stoßweise. Sie begann sich zu drehen. Ihre Beine bewegten sich wie von selbst. Sie drehte sich. Immer wieder. Plötzlich stolperte sie. Ihre Beine knickten ein und Ahambara fiel zu Boden. Und dann kam die Vision:

Sie sah einen jungen Mann. Er war ein Riese mit feuerrotem Haar. Daneben stand ein kleinerer Mann. Er hatte vier Augen. Dann sah sie eine junge Frau mit Haaren in den Farben des Regenbogens. Sie hatte glitzernde Steine in ihrem Gesicht und ihren Ohren. Und da war ein Tier, das sie noch nie zuvor gesehen hatte, aber einem Wolf täuschend ähnlich sah.

Ahambaras Atem beruhigte sich und ihr Chira floss langsam zurück. Nach einer Weile schlug sie die Augen auf. Die Götter hatten ihr eine Vision geschickt. Das bedeutete, dass es eine Möglichkeit gab, Chostun und seine Eismänner zu besiegen. Doch dazu brauchte sie die vier seltsamen Wesen aus ihrem Traum. Ächzend setzte sich Ahambara auf. Sie hatte die Stelle erkannt, wo die vier Boten der Götter zu finden waren. Es war beim Fluss mit den zwei Armen. Ahambara runzelte ihre faltige Stirn. Der Fluss mit den zwei Armen war mindestens drei Tagesreisen von ihrem Dorf entfernt. Sie war zu alt, um diese Reise zu bewältigen. Grübelnd zog Ahambara an ihrer Nase. Dann kam ihr eine Idee. Ihre Enkeltochter Tigora hatte erst einmal zehn und einmal vier Sommer erlebt. Sie war jung, mutig und klug. Und Tigora war in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. Ihre Enkelin sehnte sich nicht wie all die anderen nach der Geborgenheit und Gemeinschaft des Dorfes. Sie verbrachte Stunden alleine im Wald, was ansonsten kein Mensch der Osohama freiwillig tat. Und sie kümmerte sich kaum darum, wenn deswegen ihre Mutter Gusma oder die Clanmutter Maluna mit ihr schimpften. Ja, Tigora war ein außergewöhnlich eigenwilliges Geschöpf und nicht immer leicht für die Gemeinschaft des Dorfes zu ertragen. Seltsamerweise hatte ihre Enkeltochter bis jetzt auch noch kein Leben geboren. Sie zeigte nicht das geringste Interesse daran, zu den abendlichen Tänzen der jungen Jäger zu gehen, um einen Mann zu finden, der für sie eine Pfahlhütte baute. Aber vielleicht war Tigora von den Göttern für etwas anderes bestimmt worden. Ahambara konnte ein zögerliches Lächeln nicht unterdrücken. Auf jeden Fall war Tigora nicht zur nächsten Schamanin bestimmt worden. Dafür besaß ihre Enkelin weder Neigung noch Talent. Dabei hatte Ahambara bei der Geburt von Tigora so gehofft, in ihr ihre Nachfolgerin zu finden. Aber vielleicht war es ja Tigoras Schicksal, diese vier Fremden ins Dorf zu bringen. Und da kam es dann sehr gelegen, dass sie keine Angst vor dem Wald hatte und noch kein Kind versorgen musste. Ahambara strich eine graue Strähne aus ihrem Gesicht. Die Entscheidung war gefallen. Sie würde Tigora mit drei Männern, die sie begleiten sollten, auf die Suche nach den Fremden schicken. Clanmutter Maluna würde diesem Vorschlag sicherlich zustimmen. Und dann würde man ja sehen, ob die vier Sendboten der Götter ihr Dorf vor Chostun und seinen Eismännern beschützen konnten.

Ahambara zog nachdenklich an ihrer Unterlippe. Die beiden jungen Männer und die junge Frau hatten sehr harmlos, beinahe weich und schwächlich ausgesehen, und auch das Tier erschien im Vergleich zu einem Wolf sanft und friedlich. Nun, die Götter würden schon wissen, was sie taten. Wer war Ahambara denn, um den Willen der Götter anzuzweifeln? Langsam legte sich die alte Schamanin zur Seite und schlief, erschöpft von den Ereignissen des Tages, nach wenigen Augenblicken ein.

I. Kapitel

Es war Anfang August und sehr heiß. Die Sonne brannte vom Himmel. Nirgendwo war eine Wolke zu entdecken, die zumindest etwas Schatten spendete. Die Luft flirrte in der Hitze und selbst die Insekten summten träge vor sich hin.

Ein junges Mädchen namens Penelope Huber kniete neben dem langsam dahinfließenden Bach. Sie versuchte angestrengt und mit wachsender Verzweiflung die biegsamen Weiden­zweige in die richtige Form zu bringen und ärgerte sich kräftig. Das war ja wieder einmal typisch für die oberschlauen Betreuer gewesen!

„Kommt, Leute, wir machen ein Survival-Wochenende!“, hatten sie vor wenigen Wochen lauthals verkündet. „Das wird voll cool. Und vielleicht lernt ihr dabei sogar etwas Neues.“

Schwachsinn! Was bitte schön sollte daran cool sein, wenn man bis zu den Knien im kalten Kiesbett eines Baches stand und eine dämliche Reuse aus Weidenzweigen flechten musste? Penelope war sich sicher, dass sie mit diesem verdrehten, klobigen Etwas in ihren Händen erstens sowieso niemals einen Fisch fangen und zweitens auf diesem Seminar auch ganz sicher rein überhaupt gar nichts Neues lernen würde. Denn dass Paul und Jonas wie üblich schrecklich nervten und schon ganz grundsätzlich Idioten waren, hatte sie ja schon vorher gewusst.

Penelope Huber seufzte abgrundtief, während ihre schlanken Finger weiterhin versuchten, die Weidenzweige zurecht zu biegen. Ausgerechnet sie musste mit Paul und Jonas in einem Team sein. Frustriert biss Penelope auf ihrer Unterlippe herum. Schließlich legte sie ihre windschiefe Reuse in den gemütlich dahinplätschernden Bach.

„Mini ist auch endlich fertig geworden!“, grinste Paul. „Preiset den Herrn ob dieses Wunders!“

„Mit dieser hässlichen Reuse wird Mini niemals eine Forelle erwischen“, fügte Jonas hinzu. „Es sei denn, sie erschlägt einen Fisch damit.“

Penelope funkelte die beiden großen, grinsenden Jungs wütend an. „Ihr Idioten könnt mich kreuzweise!“ Sie ballte ihre kleine Hand zu einer Faust und hielt sie Jonas unter die Nase. „Und wenn mich einer von euch Halbaffen noch einmal Mini nennt, dann schlage ich ihn zu Brei.“

Jonas und Paul ließen sich von Penelopes Drohungen nicht im Geringsten beeindrucken. „Du bist ein Zwerg und darum nennen wir dich Mini. Ist das klar, Mini?“

„Ich bin einen Meter und dreiundfünfzig Zentimeter“, fauchte Penelope. In ihren grünen Augen blitzte es gefährlich auf. Dann schnellte ihr rechter Fuß nach vorne und traf punktgenau Jonas Schienbein. Dieser verzog sein eben noch hämisch grinsendes Gesicht und jaulte auf. Sie setzte nach und rammte ihm die Faust in die Magengrube. Jonas atmete ächzend aus.

Penelope triumphierte. „Immerhin bin ich groß genug, um einen miesen Schleimbeutel wie dich fertig zu machen.“

Sekundenbruchteile später wurde sie hinterrücks von Paul ergriffen. Er hob die dünne, kleine Penelope ohne größere Kraftanstrengung hoch und warf sie kurzerhand in den Bach. Mit einem Klatscher landete sie im Wasser und setzte sich auf ihren Hosenboden. Das Wasser ging ihr bis zum Bauch. Paul und auch Jonas, der sich mittlerweile von Schlag und Tritt erholt hatte, lachten schallend. Penelope stand langsam auf. Ihre Mundwinkel zuckten vor Wut. Ihre Jeanshose war pitschnass und auch ihre orangen, grünen und blauen Haarsträhnen hatten ein wenig Bachwasser abbekommen. Vorsichtig befühlte sie die beiden Ringe, die sie links und rechts oberhalb ihrer Augenbrauen durch die Haut gepierct hatte. Gott sei Dank! Die Ringe waren unbeschädigt. Und auch ihr Nasenpiercing hatte nichts abbekommen.

„So, ihr pubertierenden Saftsäcke wollt also Krieg!“ Penelope griff nach einem schönen, runden Kieselstein. „Den könnt ihr haben!“

„Halt!!! Stopp!!!“ Herr Severin Tober, seines Zeichens Jugendbetreuer und Leiter des Survivalseminars, eilte herbei. Wild herumfuchtelnd stellte er sich zwischen der wütenden, mit einem Kieselstein in der erhobenen Hand zum Wurf bereiten Penelope und den etwas unsicher gewordenen Jungs. „Was ist denn jetzt schon wieder los? Kann man euch nicht für fünf Minuten alleine lassen?“

„Mini hat angefangen“, behauptete Jonas. „Sie hat mich ohne Grund geschlagen.“

„Ich wollte Mini dann etwas abkühlen“, erklärte Paul kalt lächelnd. „Und damit sie sich beruhigt, habe ich sie in den Bach geworfen. Aber natürlich ganz vorsichtig.“

Penelope kochte vor Zorn. „Diesen beiden Arschlöchern schlage ich den Schädel ein! Ich erwürge sie eigenhändig! Ich schneide ihnen die Ohren ab und ...“

„Aber, Penelope“, sagte Herr Severin Tober in einem sehr bestimmten Ton. „So geht das nicht! Und deine Kraftausdrücke kannst du dir auch schenken.“

„Also schön.“ Penelope schluckte mühsam weitere Beschimpfungen, die ihr noch eingefallen waren, hinunter und wünschte sich sehnlichst eine Zigarette. Nur ein einziger tiefer Zug. Dann wäre sie eindeutig entspannter und könnte diesen höhnischen Affen wesentlich cooler entgegentreten. Denn so wie es aussah, waren Paul und Jonas gerade dabei, ihr ordentlich eine Linke zu drehen. Und wenn sie nicht höllisch aufpasste, dann würde sie bei der ganzen Sache als Verliererin aussteigen.

„Paul und Jonas haben mich ausgelacht und über meine Reuse gespottet.“ Penelope zeigte ihr unschuldigstes Kleinmädchengesicht. „Dabei habe ich mich so bemüht.“

„Schämt euch“, sagte Severin zu Paul und Jonas. „Ihr zwei großen Lulatsche habt es echt nicht nötig, auf einem jüngeren Mädchen herumzuhacken.“

„Aber ...“, brummten Paul und Jonas.

„Und die ganze Zeit über hat mich Jonas begrapschen wollen“, setzte Penelope noch einen drauf. „Und Paul hat dazu gegrinst.“

„So, jetzt reicht es!“ Severin war sein Ärger deutlich anzumerken. „Paul und Jonas, ihr zwei bleibt hier beim Bach. Und wehe, ihr fangt keinen Fisch. Und du, Penelope, kommst mit mir ins Lager und hilfst beim Küchendienst.“ Severin hob einen Finger. „Heute Abend besprechen wir alles in Ruhe. Es kann ja nicht Sinn dieses Seminars sein, dass ihr euch ständig in die Wolle geratet. Gerade hier in der Natur, wo wir auf unsere ureigensten Möglichkeiten und Fertigkeiten reduziert werden, könnten wir doch zu uns finden und einer stabilen Beziehung zu unseren WG-Kollegen eine faire Chance geben.“

„Amen, lieber Severin“, säuselte Penelope. Paul und Jonas kicherten.

„Sehr witzig, junge Frau!“ Severin schnappte Penelope am Oberarm und zog sie hinter sich her zum Lager. Nach ungefähr hundert Metern blieb er stehen. „Kannst du nie dein vorlautes Mundwerk halten?“, fragte er.

„Doch, das kann ich schon. Aber bei langatmigen Erziehern tu ich mir damit schwer.“

„Ich hätte auf meine Mutter hören und Pfarrer werden sollen“, seufzte Severin. „Der Job mit pubertierenden Jugendlichen ist echt die Hölle.“

Penelope gab Severin einen freundschaftlichen Stoß. „Du bist ja gar kein schlechter Betreuer. Aber bei Jonas und Paul müsstest du eindeutig härter durchgreifen.“

Severin blieb stehen und blickte in Penelopes Augen. „Warum legst du dich immer mit den beiden an?“

„Sie sind gemeine Dummköpfe.“

„Diese gemeinen Dummköpfe sind aber mindestens einen Kopf größer als du.“

„Und wenn schon.“ Penelope zuckte mit ihren schmalen Schultern. „Ich gebe nicht klein bei.“

Severin zeigte ein schmales Lächeln. Er dachte daran, wie Penelope vor zwei Jahren in die sozialpädagogische Wohngemeinschaft Stahamberg bei Weiz, von den Jugendlichen kurz WG genannt, gekommen war. Ihre Eltern und ihr jüngerer Bruder waren bei einem Autounfall gestorben. Da es keine nahen Angehörigen gegeben hatte, die bereit waren, das damals dreizehnjährige Mädchen bei sich aufzunehmen, hatte die Bezirkshauptmannschaft die Obsorge für Penelope übernommen und sie in der WG untergebracht. Klein, dünn und mit ungewöhnlich dunklen, grünen Augen war Penelope bei ihrer Ankunft vor Severin gestanden. Und ihm war schon damals nicht entgangen, was für eine tapfere Kämpferin in diesem jungen Mädchen steckte.

Jetzt, zwei Jahre und viele Auseinandersetzungen später, war Penelope noch viel mehr zu einem willensstarken, mutigen und leider auch sehr konfliktbereiten Wildfang herangewachsen. Severin wusste sehr wohl, dass Penelope auch noch eine ganz andere Seite hatte. Hinter ihrer schroffen Fassade lagen immer noch tiefe Trauer und das Gefühl, verlassen worden zu sein. Wiederholt hatte sich Severin in den letzten Monaten gefragt, ob das junge Mädchen schon bereit war, in der einen oder anderen Form den Tod seiner Eltern und des Bruders zu verarbeiten. Doch wenn Penelope wie jetzt eben mit blitzenden Augen, vorgeschobener Unterlippe, unzähligen bunten Haarsträhnen, Piercings und Ohrringen vor ihm stand und ihre schmalen Schultern straffte, dann befürchtete er, dass der Schmerz für sie noch immer zu groß war, um auch nur in Ansätzen darüber sprechen zu können.

„Du schaust mich schon wieder so an“, knurrte Penelope.

„Wie?“

„So psychologisch-therapeutisch. Ich hasse das.“

„Blödsinn“, entgegnete Severin, obwohl er natürlich wusste, dass sie Recht hatte. „Ich habe nur das neue violette Flinserl in deinem Ohr bestaunt.“

„Das ist dir aufgefallen?“, freute sich Penelope.

„Logisch“, brummte Severin und wandte sich zum Weitergehen.

II. Kapitel

Balthasar Amminger schleppte einen gut drei Meter langen Baumstamm. Schweißperlen rannen über seinen nackten, muskulösen Oberkörper. Seine kräftigen Hände umfassten den runden, etwa zwanzig Zentimeter im Durchmesser starken Baumstamm so fest, dass dicke Adern auf seinen Unterarmen hervortraten. Das Gewicht des Stammes drückte auf seine linke Schulter und schmerzte. Keuchend ging Balthasar weiter.

„Super, Big Balt, weiter so!“, riefen Vera und Susi. „Noch fünfzig Meter und du hast es geschafft!“

„Ja“, keuchte Balthasar und schleppte sich und den Baumstamm weiter. Ein zaghaftes Grinsen zeigte sich in seinem sommersprossigen Gesicht. Es tat gut, von den beiden hübschen, jungen Mädchen angefeuert zu werden. Und er war ja auch wirklich stark. Mit seinen erst siebzehn Jahren maß er bereits über einen Meter neunzig und wog derzeit genau hundertzwei Kilo. Aber da war kein Gramm überflüssiges Fett an seinem Körper, selbst seine Bauchmuskeln waren deutlich zu sehen. Die unzähligen Stunden im Keller der WG, wo seine Hanteln und Gewichte untergebracht waren, hatten sich ausgezahlt. Wenn er noch ein paar Zentimeter weiterwuchs, und das hoffte Balthasar mit seinen siebzehn Jahren inständig, würde er die Zweimetermarke schaffen und möglicherweise einmal sogar einer der stärksten Männer der Welt werden. Und dann würde ihn wohl niemand mehr verarschen und als leicht unterbelichteten Einfaltspinsel betrachten.

„Kämpfe, Big Balt!“, riefen Vera und Susi. Die beiden Mädchen blinzelten sich verschwörerisch zu und kicherten.

„Ja, mach ich“, stöhnte Balthasar und stolperte weiter. Die ersten fünf Baumstämme waren eigentlich gar kein Problem gewesen, auch wenn sie mehr als hundert Meter getragen werden mussten, um sie zu dem recht breiten und tiefen Bach zu bringen. Die nächsten drei waren dann schon sehr anstrengend zu schleppen gewesen, und Balthasar hatte damit begonnen, kräftiger durchzuatmen. Mittlerweile keuchte er nur mehr und sein Gang war schwerfüßig und wackelig geworden. Nur zu gerne hätte er sich eine kurze Rast gegönnt, aber das ging leider nicht. Vera und Susi hatten ihm kategorisch erklärt, dass ein so starker Mann wie er die läppischen zehn Bäumchen locker zum Bach tragen könne, wenn er sich nur ein wenig bemühe. Außerdem hatten sie ja nicht ewig Zeit, denn ihre Betreuerin hatte klipp und klar erklärt, dass das Floss bis am Abend fertig sein musste.

„Noch zehn Meter, Big Balt!“, riefen Vera und Susi und grinsten erneut. Balthasar stapfte heran. Mit einem zwischen zusammengebissenen Zähnen hervorgestoßenem Keuchen ließ er den Stamm von seiner Schulter rollen und auf die anderen acht plumpsen. Dann atmete Balthasar entkräftet aus und sank in das hohe Gras, das entlang des Baches wuchs.

„Aber, Big Balt“, sagte Vera. „Was machst du denn da? Wir brauchen doch noch den letzten Baumstamm.“

„Hopp, hopp, vorwärts, starker Mann“, fügte Susi hinzu.

„Ich gehe ja schon“, ächzte Balthasar und stand mühsam auf. Die Mädchen konnten ganz schön unerbittlich sein. Andererseits hatten sie natürlich Recht. Nur er war stark genug, um die schweren Baumstämme zu schleppen. Und Frau Britta Selm, die Betreuerin von der WG, würde sich ganz sicherlich freuen, wenn er ihr etwas Geld ersparte und die Arbeit des Bäumeschleppens übernahm. Keuchend machte er sich auf den Weg, um den zehnten und letzten Baumstamm zu holen.

„Du bist unser Held, Big Balt“, riefen Vera und Susi.

„Danke“, sagte Balthasar.

Als er Minuten später mit dem zehnten Baumstamm herankam, war er mit seinen Kräften am Ende. Der Schweiß rann mittlerweile in kleinen Rinnsalen entlang seines Körpers. Noch einmal spannte er seine Muskeln an und stemmte den Stamm von seiner Schulter. Krachend fiel er zu Boden. Balthasars Knie gaben nach und er plumpste in das hohe Gras.

„Das hast du gut gemacht, Big Balt“, lobten Vera und Susi und kicherten.

„Hm“, brummte Balthasar. Mehr konnte er im Augenblick nicht sagen. Ermattet lehnte er sich im Gras zurück und schloss die Augen. Nach einer Weile hörte er das Knattern und Brummen eines alten Steyr-Traktors.

„Britta kommt“, sagte Vera und stand auf. Susi folgte ihrem Beispiel und stellte sich neben ihre Freundin. Mühsam rappelte sich auch Balthasar auf und drückte mit einiger Zufriedenheit seinen Brustkorb durch. Britta würde sicherlich unheimlich stolz auf ihn sein. Schließlich hatte er alle Baumstämme zum Bach gebracht. Das Geld für den Bauern und seinen Traktor konnte die WG also getrost sparen.

„Hallo, Kids“, rief Britta Selm und sprang vom Beisitz des Traktors, nachdem der Bauer sein grünes Gefährt zum Stehen gebracht hatte. „So, der Anhänger ist da. Wir können uns gleich alle daran machen, die Stämme zu verladen.“

„Das ist gar nicht nötig“, meinte Vera und deutete zum Bach. „Big Balt hat die Stämme schon heruntergetragen.“

„Er ist sehr stark“, fügte Susi unnötigerweise hinzu.

„Ach ja.“ Britta Selms Blick glitt über die beiden Mädchen und Balthasar, bis er schließlich auf dem Stoß Baumstämme haften blieb.

„Donnerwetter“, brummte der Bauer, der mittlerweile auch ausgestiegen war, beeindruckt. „Der Bub hat ja tatsächlich Kraft.“

Britta Selms Blick wanderte zurück und fixierte abwechselnd die beiden Mädchen. Das selbstsichere Lächeln verschwand aus Veras und Susis Gesicht. Ihre Münder schlossen sich und wirkten mit einem Schlag schmal und verkniffen. Langsam drehte sich Britta Selm zu dem Bauern. „Wie Sie sehen, brauche ich Sie nicht mehr. Die Baumstämme werde ich in den nächsten Tagen bezahlen kommen.“

„Passt schon.“ Mit einer flüchtigen Handbewegung verabschiedete sich der Bauer und kletterte wieder in seinen Traktor.

Balthasar verfolgte das ganze Geschehen stirnrunzelnd und verstand die Welt nicht mehr. Britta Selm wirkte eher verärgert als erfreut, und die beiden Mädchen zeigten mürrische Gesichter. Überhaupt schien die ganze Stimmung ziemlich frostig zu sein. Hatte er irgendetwas falsch gemacht? Penelope schimpfte ja des Öfteren mit ihm, dass er ein rothaariger Schmalspurdenker sei, aber heute konnte er doch nichts falsch gemacht haben. Schließlich hatte er mitgeholfen, Geld zu sparen. Und die Betreuer sagten ja immer wieder, wie wichtig es sei, dass man in einer Gemeinschaft zusammenhält. In einer WG könne nicht jeder tun und lassen, was er wolle. Und Egoisten, zumindest war das die Meinung von Severin, dem Leiter der WG, schadeten im Endeffekt nur sich selbst. Da kam Balthasar ein neuer Gedanke. Vielleicht war Britta ja auch verärgert, weil er dem Bauern seine Arbeit weggenommen hatte? Möglicherweise brauchte der arme Mann das Geld noch viel dringender als die WG?

„Du, Britta, habe ich etwas falsch gemacht?“ Räuspernd trat Balthasar einen Schritt nach vorne. „Ich wollte dem Bauern nicht seine Arbeit wegnehmen.“

In Veras Gesicht stahl sich ein hämisches Grinsen. „Was für ein Idiot!“

Susi stupste ihre Freundin mit dem Ellenbogen. „Pst!“

„Big Balt“, seufzte Britta Selm. „Was haben dir Vera und Susi erzählt?“

„Na ja“, stammelte Balthasar. „Sie sagten, dass die WG dringend sparen muss, damit sie nicht zugesperrt wird. Und dass ich die Baumstämme heruntertragen soll, weil wir uns dann das Geld für den Bauern und seinen Traktor sparen können.“

„So etwas habe ich mir schon gedacht.“ Britta atmete durch. „Big Balt, der Transport der Baumstämme ist natürlich gratis. Wir müssen dem Bauern nur den Preis für das Holz bezahlen. Und da ist er uns schon sehr entgegengekommen.“

„Das heißt, es hätte uns gar nicht mehr gekostet, wenn der Bauer die Stämme mit dem Traktor hergefahren hätte?“ An Balthasars Gesichtausdruck konnte man deutlich erkennen, wie es in ihm arbeitete.

„So ist es.“ Britta Selm trat einen Schritt auf Balthasar zu. „Und unsere WG wird auch nicht zugesperrt. Mach dir keine Sorgen.“

„Gott sei Dank.“ Balthasar schnaufte durch.

„Nun gut“, sagte Britta Selm und wandte sich an die beiden Mädchen. „Nachdem wir ja ein Team sind, werden wir uns auch so verhalten. Big Balt hat ja schon seinen Anteil geleistet, deswegen werden wir Mädels jetzt auch nicht zurückstehen und unseren Teil der Arbeit übernehmen.“

„Und welcher ist das?“, fragte Vera skeptisch.

„An und für sich war ja geplant, dass wir zu viert die Baumstämme zusammenbinden. Da aber Balthasar nach der Schlepperei total müde ist, müssen wir drei Mädels das in die Hand nehmen.“

„Bei diesen schweren Stämmen“, empörte sich Susi. „Die können wir nie hochheben.“

„Habt Ihr schon von der Hebelwirkung gehört?“ Britta Selm lächelte süffisant. „Sie ist eine sehr effektive physikalische Methode.“

„Aber Britta ...“ Vera und Susi hielten ganz offensichtlich nicht viel von der Physik.

„Ruhe, Mädchen.“ Britta Selm klang bestimmt. „Wir machen jetzt einfach mit der Arbeitsteilung weiter. Ihr sucht euch einen runden, stabilen Stab, mit dem ihr die Baumstämme anheben könnt. Dann flechtet ihr sie mit den Weidenruten zusammen. Ich werde dort drüben auf dem Baumstamm sitzen und euch mit meinen Ratschlägen unterstützen.“

„Du sitzt auf dem Baumstamm und wir können uns abschinden!“ Die Gesichter der Mädchen liefen vor Empörung rot an.

„Wir können auch heute Abend im Lager über unsere Vorstellungen von Teamgeist und Gemeinschaft diskutieren.“

„Schon gut.“ Vera und Susi trollten sich, um einen Ast zu suchen.

„Und was soll ich machen?“, fragte Balthasar schüchtern.

„Du bleibst im Gras liegen, genießt das schöne Wetter hier in Burgenland und wartest bis es Abend wird. Und“, Britta Selm hob einen Finger, „du denkst nach. Das hast du ja heute ganz offensichtlich zu wenig getan.“

„Okay.“ Balthasar strich sich mit seinen Wurstfingern durch das kurzgeschnittene rote Haar. Er hatte wieder einmal alles vermasselt. Susi und Vera hatten ihn ganz kräftig verarscht und vor Britta stand er auch wieder wie ein dämlicher Ochse da. Verärgert warf Balthasar einen kleinen Stein in den Bach. Verfluchtes Burgenland! Verfluchter Wald! Verfluchtes Seminar! Penelope hatte von Anfang an Recht gehabt! Wie hatte er auch nur glauben können, dass es lustig werden würde, Reusen zu flechten, Flosse zu bauen, Brote zu backen und am Lagerfeuer zu sitzen. So hatten die Menschen vor zehntausend Jahren gelebt, aber jetzt gab es Supermärkte, Motorboote und einen Fernseher. Da brauchte man keine Natur.

Balthasars Blick glitt gegen die Laufrichtung des Baches. Er wusste, dass Penelope gut sechshundert Meter weiter oben mit Paul und Jonas Fischreusen flocht. Dort war der Bach noch ­schmal und relativ seicht, aber nach einigen hundert Metern wurde er ziemlich breit und tief, und bevor er dann in den Lockensee mündete, wurde er fast zu einem kleinen Fluss. Aber der Bach war ja in Wirklichkeit total egal! Das Entscheidende war, dass er sich wieder einmal zum Idioten gemacht hatte. Balthasar schämte sich. Es war für Susi und Vera so leicht gewesen, ihn fertig zu machen. Er warf einen weiteren Stein, dieses Mal etwas heftiger, in den Bach. Penelope würde so etwas wohl nie passieren. Sie war zwar klein und dünn, aber auch klug und hart. Penelope ließ sich nicht verarschen! Das sollte nur einer versuchen. Sie würde mit jedem fertig werden. Balthasar schleuderte einen weiteren Stein. Er wäre jetzt gerne bei Penelope gewesen, aber das ging natürlich nicht. Er musste noch bis zum Abend warten. Und jetzt war es erst kurz nach Mittag. Balthasar seufzte. Allein war er nichts. Er kam einfach nicht zurecht. Er brauchte Penelope. Und natürlich IQ, seinen besten Freund. Ein kleines Lächeln stahl sich in Balthasars Gesicht. Okay, allein war er vielleicht ein Idiot. Aber mit Penelope und IQ bildete er ein starkes Team. Was machte es da schon, wenn ihn zwei Mädchen verarschten?

III. Kapitel

Ignaz Quantner, von allen IQ genannt, war ein schmächtiger Junge mit dicken Brillengläsern und unzähligen Pickeln im Gesicht. Soeben bearbeitete er mit einem faustgroßen Stein die Weizenkörner, die vor ihm auf einem flachen Felsbrocken lagen. Mit ruhigen, gleichmäßigen Bewegungen zermalmte er die Körner. Wenn er zwei Handvoll zerklopft hatte, schob er sie behutsam vom Felsbrocken in ein kleines Sieb. Dieses schüttelte er so lange, bis das ganze Mehl durch das Sieb in die darunter liegende Plastikschüssel gefallen war und nur mehr die Schalen und Fasern der Weizenkörner übrig blieben. Bedächtig leerte er den Inhalt des Siebes in die Wiese, nahm aus einem großen papierenen Sack, der neben ihm am Boden stand, zwei weitere Handvoll Weizenkörner, legte sie auf den Felsbrocken und begann erneut mit dem Stein auf die Körner einzuschlagen. IQ machte die Arbeit Spaß. Der Gedanke, sich selbst das Mehl für ein Brot zu mahlen, faszinierte ihn durchaus. Andererseits konnte er nicht verhehlen, dass ihm die Methode der eigenen Broterzeugung nicht ganz korrekt erschien. Er war sich sicher, dass die Menschen vor vielen tausend Jahren kein Sieb zu Verfügung gehabt hatten, um das Mehl von den Schalen zu trennen. Damals hatten sie sicherlich mit den Fingern die Schalen und Fasern herausgepickt. Und das hätte IQ auch gereizt. Natürlich war die Methode mit dem Sieb wesentlich einfacher und zeitsparender, aber wenn sie schon auf ein Survival-Wochenende fuhren, dann sollte es doch ziemlich authentisch sein.

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