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Dani sinnt auf Rache. Zusammen mit ihrem Freund Jules, einem Forscher der Mythen und Legenden, sucht sie den Mörder ihrer Eltern: einen Wolfsdämon mit grauen Augen. Eben dieser hat allerdings genug eigene Probleme, als dass er sich auch noch um die Vergeltungspläne einer jungen Menschenfrau den Kopf zerbrechen könnte. Jedoch bleibt keine Zeit für alte Feindschaften – denn in der Dunkelheit lauert mehr als ein tödlicher Jäger darauf, Beute zu schlagen.
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Seitenzahl: 417
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Daimon Legion
Die Stunden der Nacht
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Das letzte Wort
Impressum neobooks
Aus glühenden Augenhöhlen
und mit scharfen, blutverkrusteten Reißzähnen
starrte es mich voll verdorbenem Hohn an,
denn es wusste
um mein unausweichliches Ende.
H. P. Lovecraft
Der Hund
In der Nacht
Die Südvorstadt galt seit jeher als Kneipenmeile.
Es machte keinen Unterschied, ob es Samstag oder unterhalb der Woche war – auf den holprigen Pflastern, die noch aus grauer Vorzeit stammten, und in den Altbauten, welche nur noch durch groben Putz und Schichten aus Werbeplakaten zusammengehalten wurden, tobte das Leben. Hier jubelten Menschen der verschiedensten Klassen, denn für jeden Charakter von ihnen gab es den passenden Tresen. Restaurants lockten mit Burgern und dem American Way of Life, subkulturelle Punks tanzten wild zu einem Stubenkonzert, Biker parkten blinkende Kerosinkarossen vor ihrem Stammklub und in dunklen Kaschemmen versumpften die Niedergeschlagenen zu einem letzten Bier.
Wer an den offenen Eingangspforten vorbeimarschierte, stolperte von einer Geräuschkulisse in die nächste. Bald vermischten sich die Töne mit dem eigenwilligen Musikgeschmack der Passanten, die auf der Straße liefen und ihre Lieblingslieder von Rave bis Hip Hop lauthals über ihre Handys der Welt unaufgefordert präsentieren.
Als ob der Lärm von Straßenbahnen und Autos nicht genügen würde, dachte Issy genervt.
Mit kaltem Wind und einem neuen Besucher kam der ganze Krach zu ihr herein.
Schallend fiel die schwere Holztür kurz darauf wieder ins Schloss und die junge Bardame polierte weiter still konzentriert die Biergläser am Spülbecken hinter der Theke. Sie selber spielte lieber handfesten Rock in ihrer kleinen Schenke, um die lästigen Außengeräusche zu übertönen. Sacht nickte sie mit dem Kopf zu einem Song von Nirvana.
Einige Gäste grölten schon schief mit.
Ja, die Jungs dort drüben beim Darts waren gut unterwegs. Dass die überhaupt noch die Scheibe trafen, grenzte ihres Erachtens nach an ein Wunder. Die Happy Hour hatten die Burschen gut genutzt, um sich mit Bier einzudecken, und Issy hatte nichts dagegen – solange es nicht zum Streit kam.
Erst letzte Woche gab es einen Vorfall, drei Ecken weiter die Straße hinunter. Eine Messerstecherei zwischen verfeindeten Gruppen, ein Toter, drei Schwerverletzte. Auch wenn das Viertel allgemein Amüsement anbot, sollte doch niemand die Gefahr unterschätzen, die unter den Menschen brodelte. Wer bei einem solchen Konflikt in die Schussbahn geriet, hatte oft schlechte Karten. Die Bewohner dieser Stadt sind nichts für schwache oder sanfte Nerven, wusste sie nur zu gut.
Als Issy den Burschen eine Runde Korn vorbeibrachte, meinte einer glatt, mit ihr tanzen zu wollen. Sie wand sich freundlich aus der unangenehmen Situation, machte einen Scherz, der Anklang fand und begab sich zurück auf die sichere Seite der Bar.
Mit dem Sound der Foofighters ließ die überhitzte Studentenverbindung komplett ihr Spiel sein und genoss bloß noch das reiche Angebot an Getränken.
Die Wirtin mit dem braunen Lockenkopf schmunzelte und schaute auf ihrer Playlist nach, ob sie nicht noch etwas Siebzigerjahre-Rock in die ohnehin gelöste Stimmung der Gäste mischen konnte.
Gegen vier Uhr in der Frühe, da Iron Butterflys Groove entspannt die letzten Nachtgestalten nach Hause trieb, wischte Issy noch die Flecken vom schwarzen Holz der Anrichte, leerte die benutzten Aschenbecher und wollte durchfegen, um schlussendlich ihre eigene Wohnung über der Kneipe auszusuchen, damit sie im Bett verschwinden konnte – jedoch lag dort unter dem Tisch ein junger Mann, schon im delirierten Halbschlaf.
Schnaufend brachte sie dem Betrunkenen auf die schlaffen Beine und schüttelte ihn so weit wach, dass der Bursche wieder zur Besinnung kam, um peinlich berührt seine eigene Hilflosigkeit mitzubekommen. Mit roten Ohren und unsicherem Gang schwankte er zur Kommode und griff mehrmals ins Leere, statt nach seinem gefütterten Anorak.
Höflich, wie Issy nun mal erzogen worden war, half sie ihm in die Klamotte.
„Isch danke dir, mei’ Herzbladd“, nuschelte der grüne Student mit schwerer Zunge und zog sie überschwänglich in eine Umarmung. Bevor er ihr noch auf den Schultern im Stehen einschlief, löste sich die Wirtin von ihm, zog die Tür auf und die frostige Luft eines Januarmorgens blies dem Mann Schneeflocken ins milchbärtige Gesicht.
„Kann ich nich’ bei dir bleiben, Süße?“, liebäugelte er trunken mit ihr, aber Issy war keine, die sich von einem niedlichen Dackelblick um den Finger wickeln ließ.
„Komm doch einfach morgen wieder!“, grinste sie lässig und schob ihn etwas zur Tür hinaus.
„Okay“, feixte er schief (das stand ihm nicht mal schlecht, musste sie zugeben), „das is ’n Versprechen, Knuddelmaus …“, und stolperte die zwei Stufen hinunter auf den Bürgersteig. Seine Turnschuhe traten in eine nasskalte Schneewehe. Torkelnd, als bewegte er sich auf Wackelpudding, drehte der Junge eine Achse um sich selbst, um Issy nochmals laut zu grüßen: „Dann bis morgen! Ich heiß Mark! Wie heißt’n du eigentlich?“
„Isabel“, antwortete sie und zog mit einem Winken die Tür zu. „Bye, Mark!“
Das Schloss rastete ein.
Allein mit sich und der Musik, lächelte Issy vor sich hin, während sie Klarschiff machte.
Wäre der Typ nicht so sturzbesoffen gewesen, hätte sie vielleicht länger überlegt. Attraktiv ist er ja, dachte sie, die paar Jahre jünger stören mich wenig. Zumindest ist er über achtzehn … Und wenn er studiert, hat er ja vielleicht doch mehr als Saufen und Darts im Kopf. Was wohl sein Fach ist?
Interesse flammte in ihr auf. Sollte sie ihn morgen danach fragen, solange er nüchtern war?
Ein wenig tat es ihr leid, Mark in seinem bleiernen Zustand vor die Tür gejagt zu haben.
Hätte sie ein Taxi rufen sollen?
Na ja, zuckte sie die schlanken Schultern, geht schon alles gut. Um die Uhrzeit wird ihm sicher kein Mensch mehr auflauern.
Und ist ja nicht so, dass ein großer Junge wie Mark nicht auf sich aufpassen könnte …
Gerade als Issy so an ihn dachte, wurde Mark bewusst, dass alles vorbei war.
Die Vorlesung über plastische Chirurgie würde er verpassen.
Und auch das Examen würde er nicht schaffen.
Er würde niemals Arzt werden.
Oder gar Issy morgen Abend wiedersehen, um ihr zu sagen, dass er sie wunderschön fand.
Dies war das Ende.
Sein Ende.
Der Tod kreuzte ihm den Heimweg.
Mit Reißzähnen und Krallen.
Dani und Jules
„Hey, kleines Kätzchen! Heute schon miaut?“
Bei dieser plump-dreisten Anmache konnte Dani nur seufzend die Augen verdrehen.
Durfte sie nicht einmal den Weg durch die Stadt nehmen, ohne von hormongesteuerten Idioten belagert zu werden? Wie kamen die überhaupt auf den Gedanken – wenn diese Sorte Kerl denn dachte – dass sie auf ein solch billiges Angebot anspringen würde? Sagte ihre ganze Ausstrahlung nicht schon: „Mach mich dumm an und du wirst es bereuen“?
Offenbar nicht.
Ein leichtes Knurren entwich ihrer mit Spinnen tätowierten Kehle und das silberne Piercing in der rechten Braue zuckte, weil sich ihre Stirn in Falten legte. Mit einer leichten Handbewegung strich sie sich eine violett gefärbte Haarsträhne aus der Sicht und wandte ihr hübsches Gesicht diesem verhassten Macho zu, die Arme vor der Brust verschränkt. Ihr blauäugiger Blick aus den mit Mascara und Lidschatten dunkel geschminkten Augen sprach Bände.
Doch der Mann verstand immer noch nicht, dass der Ofen für ihn aus war.
„Na, haste mal Bock auf was Großes?“, fühlte der sich wohl in seinen lächerlichen Avancen bestätigt und grinste dämlich, die weißen Zähne zeigend. Er war viel größer als ihre eins siebzig und schien im Fitnessstudio heimisch zu sein. Dunkle Haare, braune Haut, bartloses Gesicht und gekleidet wie ein Yuppie – mit Polohemd, Wollmantel und Markenhose. Ein überheblicher Typ, der meinte, bei jeder Frau punkten zu können, wenn er mit einem Hunderter wedelte.
Fehlanzeige bei ihr, allein für seinen Stil.
Gegen seine geschniegelte Gestalt wirkte Dani für unwissende Normalbürger heruntergekommen. Ihre arg verbeulte schwarze Lederjacke mit Nieten und abgetragenem Skelettaufdruck schrie nach gesellschaftlicher Rebellion und ihre rot karierte Jeans hing Riss an Riss, dass ihre Blässe durch die losen Fasern blickte. Für ihren schlanken Körper trug sie zu wuchtige Stiefel mit geschraubten Sohlen.
Jene waren ihr stets von Nutzen gegen Feindschaften der penetranten Art. In dieser Stadt musste sie schließlich immer auf der Hut sein. Zu blöd, dass sie gut aussah … andernfalls hätte sie mehr Ruhe.
Die junge Frau ballte die Fäuste.
Sie war bereit. Ihr Gegenüber nicht.
Der Idiot kam sogar bereitwillig in ihre Reichweite, als er die Hand auf ihre linke Schulter legte und frech behauptete: „Komm schon, Puppe, du willst - !“
Hallo, mein Freifahrtschein zur Notwehr!
Dani packte den kräftigen Arm, verdrehte ihn, dass der Mann ihr noch näher kommen musste, und traf mit drei schnellen Schlägen seine rechte Niere. Keuchend kippte er nach vorn und sie riss ihr Knie hoch, um es gegen seinen Kiefer prallen zu lassen.
Tja, für ihn hieß das ein Gang zum Zahnarzt.
Und offiziell würde sie die Rechnung tragen. Aber wo sie schon mal dabei war …
Halbe Sachen lagen ihr nicht. Zum Abschluss trat sie ihm derb in die Weichteile. Ein eindeutiger Denkzettel, der ihn davon abhalten würde, je wieder eine Frau zu belästigen.
Die umstehenden Menschen blickten auf. Ihre kleine heile Winterwunderwelt war unverhofft von Gewalt durchbrochen worden. Sie passte so gar nicht zu der noch weihnachtlich geschmückten Fassade des allzeit beliebten Einkaufszentrums, in dessen belebter Fußgängerzone sie stattgefunden hatte. Während künstliche Tannenbäume und hohle Geschenke im Schaufenster glänzten, schimmerte nun Blutstropfen und Zähne wie Perlen auf dem Pflaster. Ein Kind begann zu heulen.
Die zwei Freunde des Aufschneiders hielten ihre Glühweintassen fest in der Hand und gafften doof. Wie auch der Verkäufer in seiner Marktholzbude, oder die dralle Dame am Zuckerwarenstand. Alle Gesichter, die Dani anstarrten, wirkten wie eingefroren vom Wind. Eigentlich hätte es in der Straße laut zugehen müssen von all dem Stimmengewirr und den zig Straßenmusikern, die trotz der verblassten Feiertage noch immer „Oh du Fröhliche“ anboten. Doch jetzt waren alle Geräusche verstummt. Allein ihretwegen.
Und nun?
Postwendend schossen ihr zwei Möglichkeiten durch den hübschen Kopf.
Sie könnte auf die Polizei warten und sich verteidigen gegen die mit Sicherheit aufkommenden Verleumdungen der Zeugen, die aussagen würden, der Macho hätte bloß einen Scherz versucht, bei dem die asoziale Trulla – natürlich sie – überreagiert hätte.
Sie könnte stiften gehen, volle Möhre, und demnächst die Innenstadt meiden. Praktischerweise war sie in aufgedonnerter Ausgehmontur unterwegs, dann würde sie mit schlichter Alltagskluft unter all den Menschen verschwinden. In ein paar Wochen wäre die Sache vergessen, die Polizei hatte bekanntlich andere Sorgen …
Was stand sie also hier rum?
„Tschüssili!“, feixte die Punkerin und huschte davon.
„Hey!“, rief ihr einer brüllend nach und sicher verfolgte derjenige sie auch durch den Strom der Passanten.
Dani aber würde nicht auf ihn warten. Wie ein Wiesel schlängelte sie sich an den Entgegenkommenden vorbei und verschwand im Schutz der Masse. Eine Gruppe der historischen Stadtführung gab ihr Deckung.
Es sollte zudem ihr Glück sein, dass an den Straßenbahnhaltestellen beim Platz der denkmalgeschützten Oper gerade die richtige Tram nach Hause einfuhr. Gleich einem jungen Reh sprang sie die eisernen Stufen hoch und ließ sich in eine der spärlich gepolsterten Plastikmuscheln fallen. Andere Fahrgäste nahmen ihre Sitze gelassener ein und keiner schenkte ihr ausreichend Beachtung.
Wie gut, dass sie mit ihrem extrovertierten Äußeren in dieser kunterbunten, so scheinheilig viel gepriesenen multikulturellen Studentenstadt nicht mehr auffiel als ein Grevy- unter Steppenzebras. Da erweckte der nach Patschuli riechende und mit Glöckchen klingelnde Goth oder der laut Musik hörende Rapper mehr Aufsehen. Der Oi-Skin mit Fliegerjacke und Hund an der Leine zog sowieso alle Blicke auf sich, weil er sein Bier tönend entkronte. Den kümmerten die Regeln noch weniger als sie …
Während die Bahn ratternd anfuhr und an meterhohen Geschäftsgebäuden, verstaubten Museen, lärmenden Baustellen und modernen Hotels vorbeirauschte, sackte das Erlebnis von eben in Dani nieder.
Sie hatte mal wieder zu impulsiv gehandelt, das stand fest. Irgendwann würde ihr dieses Verhalten noch große Schwierigkeiten einbringen. Aber sie musste sich ja auch nicht alles gefallen lassen, oder? Was kümmerte es sie, dass der Kerl morgen im Krankenhaus aufwachte und seine teure Mahlzeit püriert durch den Schlauch saugen musste? Und wenn es dann noch hieß, dass seine chauvinistischen Gene sich nicht mehr fortpflanzen konnten, war das nur die gerechte Strafe.
Gut, ihrem ehemaligen Budo-Lehrer erzählte sie besser nichts davon. Der predigte zwar zu Recht, dass Menschen mit Macht diese nicht nutzen sollten, um andere zu beherrschen – wohl aber, um ihnen eine zu verpassen, wenn sie es doch verdienten! Jedenfalls war das ihre Meinung.
Angreifen, bevor ich selbst angegriffen werde. Scheiß auf Jesus’ fromme Wangengeschichte. Scheiß auf Gewalt ist keine Lösung. Scheiß auf Vergeben und Vergessen, noch ist mein Hirn zu jung, um verkalkt zu sein. Selber schuld, wer mich provoziert.
Seit sie ein kleines Mädchen war, hatte sie sich geschworen, niemals mehr wem unterlegen zu sein. Nie wieder wollte sie ein Opfer sein und kampflos aufgeben oder gar sterben.
Sie wollte nicht so enden wie ihre Eltern.
Nicht auf die Art …
Schnaufend biss sich Dani auf die Unterlippe. Die Wut stieg in ihr auf und sie wünschte sich irgendeinen elenden Drecksack, den sie ordentlich verprügeln konnte. Das wäre zwar keine Wiedergutmachung für ihre Probleme, täte aber Gewissen und Gemeindewohl gut. Sie war keine Heldin, dennoch forderte sie Gerechtigkeit. Wirkliche Gerechtigkeit, und kein ellenlanges Verfahren, welches am Ende nur im Sand verlief. So einige Verbrechen in dieser Stadt blieben leider zu oft ungesühnt.
Der Waggon hielt an der nächsten Station.
Menschen strömten heraus. Menschen strömten herein.
Hinter ihr nahm eine Mutter mit Kind Platz.
Wie würde es dem kleinen Jungen ergehen, wenn Mama plötzlich nicht mehr da wäre? Wenn seine Eltern aus heiterem Himmel getötet werden würden? Würde er von einem Kinderheim zum andern ziehen? Oder hätte er vielleicht ein Zuhause bei den Großeltern gefunden, die versuchen würden, ihn über seinen Schmerz hinwegzuhelfen? Würde er von dem Gefühl der Rache aufgezehrt werden? An seiner Trauer ersticken? Oder könnte er die Kraft seines Zorns nutzen, um stark zu werden? Und irgendwann wäre die Zeit gekommen, dass er Vergeltung einfordern konnte.
Sie fühlte, dass ihre Nägel sich in die Handballen gegraben hatten und lockerte den Griff.
Irgendwann …
Dani verließ die Bahn mit einem geübten Sprung von der obersten Stufe aus. Mochten die anderen Reisenden darüber denken, was sie wollten, es kümmerte die junge Frau nicht.
Jeder Mensch hat Macken. Ihr eure, ich meine.
Der Fußweg unter ihren dicken Sohlen war uneben, vom Schneematsch verkrustet und mit spärlich wachsendem Unkraut durchsetzt. Vertrocknetes Gras drang durch die Ritzen der offenen Mauerfugen von Hauswänden. Viele Gebäude waren baufällig, die grau-braunen Fassaden rissig und von Farbe beschmiert. Die Mieten – wenn denn für einen Bezug zumutbar – standen niedrig. Aus so manchem Fenster dröhnten lautes Grölen und Musik in allen Facetten. Doch die Nachbarschaft war der eigenwilligen Punkerin egal, solange sie einen guten Schlafplatz hatte.
In ihren Teenagerjahren war Dani viel umhergezogen. Häufig war sie bei Freunden und deren Freunden untergekommen und kannte daher die verschiedensten Lebensstile und Einrichtungsmethoden, von rustikalem Sperrmüll über Selbstgebasteltes bis hin zur Neuware. Die Schule hatte sie lustigerweise nie aus den Augen verloren, war ihr ja bewusst gewesen, dass eine gute Bildung schon mal die Hälfte ihres ganzen Planes ausmachte. Sie hatte sogar das Abitur geschafft, nur für ein Studium fehlte es ihr an Muße. Und selbstverständlich Geld.
Ein kleines Tattoo-Studio bot ihr heute einen Arbeitsplatz und Freiheit zugleich an. Der Lohn reicht für die nötigsten Dinge des geregelten Bürgerlebens, für alles Weitere sorgt sie selbst.
Oder Jules.
Sie bog in die Seitenstraße ein und betrachtete die chaotischen Graffitis an der Wellblechaußenwand der stillgelegten Lebensmittelfabrik. Es handelte sich um die üblichen Spinnersprüche und Gang-Logos. Die knalligen Farben waren an dem Geschmiere noch das Beste. Vielleicht sollte sie ein paar alte Kumpels fragen, ob die etwas Richtiges an die Umwallung bringen konnten. Schließlich sollte ihr Zuhause schon eine gewisse Persönlichkeit ausdrücken.
Wie wäre es mit den Ghostbusters?
… echt, das würde passen wie die Faust aufs Auge.
An der eisernen Zugangstür zog Dani ihren Schlüsselbund aus der Hosentasche und öffnete die Pforte zu einer riesigen Halle, wo früher Rollbänder, Walzen und Industrieöfen gestanden hatten. Diese ehemaligen Inhalte waren vor Jahren verschwunden und hinterließen eine gähnende Leere, die allein durch emporgesetzte Zugangswege und deren Treppenabgänge unterbrochen wurde.
Den zum Teil noch gekachelten Fabrikboden bedeckten nun Stücke von verschiedenen Auslegewaren und alte Perserteppiche, die sie zumeist im Müll gefunden hatte. Massige, mit Büchern vollgestopfte Schrankwände standen scheinbar willkürlich verstreut im Raum herum und gaben dem Ganzen den Eindruck einer fehlerhaften Bibliothek – doch jede der Abertausend Schriften hatte seinen festgelegten Stellplatz. Sitzmöglichkeiten boten ein roter Ledersessel und ein abgenutztes, dennoch ausgedehntes grünes Sofa.
Kabel lagen herum und versorgten beispielsweise einen Fernseher auf dem Sideboard und zwei Computer am großen Schreibtisch mit Strom. Kühlschrank und Gefrierbox summten in einer Küchenecke unterhalb der freien ersten Etage. Es gab auch eine angeschlossene Spüle und sogar eine Waschmaschine. Hinten in der Halle waren Kleiderschränke und ein großes Bett aufgebaut. Und es existierte ein mit grauen Sportmatten ausgelegter Trainingsbereich, wo sie ihre täglichen Übungen machen konnte, um fit zu bleiben. Ein viel gebrauchter Sandsack hing dort von einer der metallischen Brücken.
Es war kein gewöhnliches Zuhause. Vor allem jetzt, im Winter, war es auch nicht gerade gemütlich warm. Durch Lücken in den Fensterscheiben pfiff meistens der Wind. Bei Regen war das Dach stellenweise undicht, weshalb überall ein Eimer griffbereit stand. Vieles müsste dringend ausgebaut und erneuert werden. Doch trotz aller Mängel liebte Dani diesen Schuppen. Er gehörte ihr.
Und Jules.
Sehen konnte sie ihn nicht wirklich, doch hören. Sein Gemurmel drang durch das Metallgitter der Etage über ihr, wo er seine Denktafeln hatte – wie er sie nannte. Eigentlich waren es bloß einfache ausrangierte Schultafeln, auf denen er mit Kreide seine verworrenen Gedanken zurechtrücken konnte. Allerdings sollte man nie den Fehler machen, etwas eigenmächtig darauf zu verändern, wenn man nicht wollte, dass der Herr Professor komplett die Fassung verlor. Eine absteigende blaue Dunstwolke sagte ihr, dass er zu viel rauchte.
„Bin wieder da!“, kündigte Dani sich an und ihre Stimme hallte durch die Fabrik.
Rumpelnd und polternd sah sie ihn undeutlich vom Stuhl fallen. Das war typisch Jules. Wenn er in seiner Welt steckte, vergaß er alles außerhalb. Lächelnd ging Dani auf die Eisentreppe zu, die sie hoch auf die nächste Ebene führte, hinein in ein zerstreutes, kleines Zauberreich.
Jules’ „Büro/Labor“ bestand im Grunde aus alteingesessenem Chaos und spleeniger Kreativität. Ein Schreibtisch voller Aktenordner, Zettelwirtschaft und ein Gestell aus verschiedenen Gläsern für chemische Experimente; Pflanzenbehälter in jeder freien Ecke mit unzähligen Heilkräutern – die sicher längst vertrocknet wären, wenn Dani sie nicht ab und zu gießen würde – und Schränken, angefüllt mit Sammelsurium.
Hinter Glasscheiben lagerten hier Mineralien und Edelsteine, Muscheln und Schmuckgegenstände, Fossilien, Skelette von Kleintieren und steinerne wie hölzerne Artefakte von weltweiten Kulturen. Noch dazu Jules’ älteste und wertvollste Bücher, teils in Leder und Leinen gefasst, noch seltenere nur als Schriftrolle.
Der Professor richtete gerade seinen breitfüßigen Stuhl auf. Er pflegte beim Nachdenken auf dessen Lehne zu hocken, die Sohlen seiner weißen Sneakers auf dem Sitzpolster. Eine unsichere Haltung, wie sich ja zeigte, wenn man ihn aufschrecken ließ. Der metallische Gitterboden war übersät mit zerknülltem Papier und einigen, aus den Händen verlorenen Büchern. Meist balancierte er mehrere auf dem Arm wie ein Kellner Teller. Der Aschenbecher auf dem Tisch quoll über von Kippen.
„Oh, hi!“, grüßte er sie flatterhaft mit der aktuellen Zigarette zwischen den Zähnen. „Ich war gerade …“, aber er brauchte gar nicht weitersprechen. Hinter seiner rundrahmigen Brille las sie in den braunen Augen, dass er noch nicht ganz auf den Planeten Erde zurückgekehrt war. Was er sah, war nicht sie oder die Halle, sondern irgendetwas weit Entferntes. Sphären fern der menschlichen Überlieferungen. Dabei hatte sie ihn bloß ein paar Stunden allein gelassen.
Sein aschblondes, schulterlanges Haar hatte er fahrig zum Zopf gebunden und graue Kreideflecken bedeckten sein schwarzes Hemd und die ebenfalls schwarze Jeans. Die Finger seiner schlanken Hand waren gelb vom Nikotin. Über seine Studien hinweg hatte er natürlich wieder das Essen vergessen – dabei war er schon lang und dünn wie eine Bohnenstange. Wenn sie nicht aufpasste, würde er ihr noch vor den Büchern verhungern.
Beim Anblick der kleinen Schrift auf den dicht beschriebenen Tafeln wurde Dani erneut klar, warum Jules es schwer hatte, an der hiesigen Universität eine Dozentenstelle zu besetzen. Er war schlicht und ergreifend besessen von seinem Fachgebiet – auch wenn ihn das überall bloß Spott einbrachte. Würde er es seriöser angehen, hätte er noch die Kompetenz übrig. Jedoch erschien er allen Zuhörern mehr wie ein Irrer, wenn er einmal in Fahrt kam.
Das Manko eines jeden Genies.
„Beschäftigt?“, schmunzelte sie und lehnte sich an das Eisengerüst.
„Gnostik“, antwortete er beschämt, „ich könnt mich drin verbeißen. Am liebsten würde ich die ganze Bibel neu übersetzen und diese religiösen Ungereimtheiten -“
„Der Vatikan hat dich bereits verteufelt, mehr kannst du bei der Kirche nicht erreichen. Verbeiß dich lieber in die Lasagne, die im Kühlschrank liegt.“
„Ich hab keinen Hunger …“, winkte er ab und atmete Rauch aus.
„Jules“, klang sie leicht drohend, „die hab ich dir gestern Abend für heute Mittag gemacht. Soll ich mich etwa umsonst hingestellt haben? Der Doktor kriegt einen Anfall, wenn ich dich noch mal zu ihm schleifen muss und deine Werte jenseits von Somalia liegen …“
Offenbar zog die Schelte, denn er wurde recht klein. Obwohl er älter war als sie, hatte sie ihn besser im Griff. Blinzelnd sah Jules auf seine Armbanduhr und stöhnte lang. „Wo ist die ganze Zeit hin? Mir kommt es vor, als wärst du erst vor einer Stunde oder so gegangen!“
„Vor fünf Stunden“, korrigierte sie ihn bissig lächelnd. „Robert hat das Studio heute früher dicht gemacht, weil sein Junge Geburtstag feiert. Hab ich dir gestern gesagt.“
„Ach, sorry …“, seufzte er und rieb sich die Augen, „ich bin raus.“
„Dann lass die Gnostik Gnostik sein und wir essen zusammen, okay?“, schlug sie vor und setzte gleich an: „Ich hab auch Neuigkeiten erfahren, die dich interessieren werden.“
Jules hob eine dünne Braue. „So? Worum geht es?“
„Ich erzähl es dir nach dem Essen.“
„Mist.“
Lichtfänger
Jules rieb sich die geschlagene Schulter. Nachdem er unachtsam Dani gestanden hatte, dass er in den fünf Stunden auch nichts getrunken hatte, ließ sie mehrere Treffer auf ihn landen.
Seine junge Freundin war hart und manchmal sehr brutal, doch er wusste, sie war nur deshalb so grob zu ihm, weil sie ihn aufrichtig liebte und sich mehr als große Sorgen um ihn machte.
Er sah ja auch vollkommen ein, dass sie recht hatte.
Bevor er sie vor zwei Jahren kennengelernt hatte, brachte ihn seine damalige Freundin unter Wut und Tränen ins Krankenhaus, nachdem er über der Arbeit zusammengebrochen war und an Unterernährung litt, die schon als lebensbedrohlich galt. Kaum, dass er wieder stehen konnte und zu Stift und Zettel griff, verließ sie ihn und die Ärzte hielten es für ratsam, ihn weiter festzuhalten – in der psychiatrischen Abteilung.
Wenn seine französische Mutter und sein englischer Erzeuger sich jemals ernsthaft für ihn interessiert hätten, statt quer durch die heile weite Welt zu irgendwelchen diplomatischen Seminarsitzungen und archäologischen Ausgrabungen zu reisen, wären sie vielleicht sogar enttäuscht gewesen, dass ihr einst vielversprechender Junge nicht an einer Hochschule lehrte, sondern in der Klapse gelandet war. Welch ein Glück, dass der Kontakt seit Jahren miserabel verlief …
Bei einer albernen Gruppensitzung war ihm dort in der weißen Hölle dieser störrische Wirbelwind begegnet und ihr unbeugsames Temperament hatte ihn schlichtweg umgehauen. Von anderen Gemeinsamkeiten ganz zu schweigen, weswegen sie auch später noch miteinander sprachen und bald glücklich zusammenlebten.
Na ja, mehr oder weniger …
Ihre felsenfeste Haltung ließ ihn öfters an seine Grenzen stoßen und er war blöderweise ein unverbesserlicher Workaholic. Seinen selbstzerstörerischen Wissensdrang konnte er nie abschalten. Er musste einfach lesen. Denken. Forschen. Fragen beantworten, die andere als unlösbaren, unerklärlichen, unbegreiflichen Humbug abspeisten. An Langeweile würde er ebenso sterben wie an einem leeren Magen. Dazu wollte er es jedoch nicht kommen lassen – und Dani auch nicht. Es war schwer, aber nötig, dass sie ständig über ihm schwebte.
Es erschien irgendwo paradox, dass er, ein Genie mit einem IQ von über hundertachtzig, nicht in der Lage war, einen normalen Tagesablauf zu führen. Magister in allen Dingen, nur nicht im Kochen, Waschen, Pflegen.
In seinem Kopf war Platz für Medizin, Theologie und sonstige Wissenschaften, die ihn jedoch nur am Rande etwas bedeuteten – und dann gab es ja noch diese verbohrten Fakultätsaffen, die ihm widerwillig zwar Auszeichnungen und Urkunden aushändigen mussten, ihn doch hinterrücks als wahnwitzigen Narren für seinen Lebensinhalt abstempelten – ah! – Jules verstand sich manchmal selber nicht. In seinem Geist herrschte eben kein Stillstand und nun kam er von den eigenen Gedanken ab.
Wo war ich gerade gewesen?
Dass Dani das ganze Theater mit ihm so gut mitmachte, war für Jules ein achtes Weltwunder. Jede andere berufstätige Frau, die nach der Arbeit noch den Haushalt für ihren nutzlosen Kerl schmeißen musste, hätte ihm schon längst den Laufpass gegeben. Ein Riesentrottel, das war er …
„Tut mir wirklich leid“, meinte er es ehrlich, als er mit hängendem Kopf auf den Esstisch zuschlappte, wogegen Dani schon die Mikrowelle auf der Küchenzeile bediente. Eine schlichte Handhabung, eine kleine Bewegung nur – er würde bestimmt das Gerät in die Luft jagen! Mit technischen Geräten stand er auf Kriegsfuß.
„Schwamm drüber“, zuckte sie die Achseln.
„Nee!“, wischte er ihren Einwand energisch fort. „Ich hatte echt vor, mir was zu machen! Ich hätte hier auch mal was tun können! Wenn ich ein Handwerker wäre, hätte ich was Sinnvolleres mit meiner Zeit angefangen, das Dach geteert, Fenster repariert oder was … aber ich pack nichts an!“
„Außerdem hast du zwei linke Hände. Lass das lieber, bevor du dir wehtust.“
Er biss auf den Zigarettenfilter.
Wieder hatte sie recht. Das letzte Mal, als er den guten Hausmann spielen wollte, hätte er sich fast den Daumen abgesägt! Und davor war er von der Leiter gefallen und hatte sich das Kreuz verrenkt! Noch weiter gedacht – aber besser nicht, er war schon ganz unten.
Missmutig nahm er zwei Teller aus dem Küchenschrank und Besteck aus der Schublade, um beides auf den Tisch zu platzieren. Immerhin ging dabei nichts zu Bruch. Wenn er es nicht vergaß – und er wettete fast, dass das abermals der Fall sein würde – wollte er morgen zumindest den Abwasch machen.
Die Mikrowelle gab einen Ton von sich und Dani kam mit der dampfenden Lasagne zu ihm an den Esstisch, wo sie ihr Werk auf die Teller aufteilte. Wenn sie sich derart häuslich gab, vergaß er beinahe, was für eine charmante Art in ihrem Sturkopf vorherrschte.
„Wie war die Arbeit?“, fragte Jules entspannt, um etwas von ihrer Fürsorge zurückzugeben. Er wollte sich auch nicht mehr über seine eigene Unfähigkeit aufregen und Stille konnte er ohnehin schwer ertragen.
„Ganz okay“, gab sie eine blasse Auskunft und schaute ihn dabei an. Irgendwas liegt dem Mädchen auf der Seele – das sagte ihm nicht seine Menschenkenntnis, sondern das Psychologiestudium, welches er mal so nebenbei abgeschlossen hatte.
Dani erzählte von einem Kunden, der ein Cover-up über ein missglücktes Tattoo haben wollte, dann von einer Zwölfjährigen, die unbedingt ein Zungenpiercing forderte – was Robert als fürsorglicher Vater und ehrbarer Ladenführer natürlich abgelehnt hatte – und berichtete davon, dass ihre Kollegin Nancy wieder auf Solopfaden unterwegs war. Ihr Musiker-Freund schien ein kompletter Vollidiot gewesen zu sein. Hatte ja nur zwei Monate gedauert, um zu dieser (ihn nicht überraschenden) Erkenntnis zu kommen. Die Frau sollte ihre Ansprüche überdenken …
Jules stocherte mit der Gabel im Essen herum. Es schmeckte, keine Frage, aber sein Appetit war schwerlich zu finden. Lieber wollte er an den Tafeln sitzen.
„Und sonst?“, keuchte er nach einem viel zu großen Bissen, der ihm schmerzhaft den Hals runterrutschte.
„Sonst“, überlegte sie gespielt und nuschelte dann etwas Unverständliches.
„Wie war das?“, musste er nachfragen.
Sie stöhnte genervt auf und gestand: „Ich hab so einem Arsch die Fresse poliert.“
Mit großen Augen blickte Jules sie an. „Schon wieder? Dani, das neue Jahr ist noch keine Woche alt!“
„Was kann ich dafür, wenn solche Typen ständig mich anquatschen?! Hab ich ein Schild um den Hals hängen, das mich als Nutte kennzeichnet? Nein! Also gibt’s eine drauf!“
„Na ja … Du bist ziemlich süß“, gestand er ihr offen.
„Das darfst du zu mir sagen, doch nicht jeder Dritte von der Straße!“
„Ich fühle mich geehrt.“
Schmollend aß Dani einen Happen und sagte kauend: „Na, jetzt ist es sowieso zu spät. Ich werde mir dann erst mal wieder die Haare färben und geh irgendwann zum Friseur für einen Kurzhaarschnitt. Ich denke kaum, dass wegen dem Penner hier die Bullen auf der Matte stehen werden.“
„Dein Wort im Ohr eines jeden Gottes.“
„Die Polizei hat dringendere Probleme als mich“, nahm sie das Geschehene leicht auf.
Jules zwang sich zu einem weiteren Stück Lasagne, ehe er fragte: „Zum Beispiel? Sind etwa noch mehr Leute verschwunden? Gut, im Winter geht so einiges um, aber dieses Jahr sind es auffällig viele …“
„Ich sage nichts, bevor du nicht aufgegessen hast“, tadelte Dani ihn wie eine Mutter.
„Bin satt, Schatz.“
„Jules.“
Wie sie seinen Namen aussprach … Tief durchatmend machte er sich daran, seinen Teller zu leeren.
„Ich bin an der Uni vorbeigelaufen“, fing Dani an zu erzählen, da er das letzte Stück Tofu-Hackfleisch in den Mund steckte. „Hab dort den alten Reinert am Rande gesehen.“
Bissig zischte Jules ein fremdländisches Schimpfwort beim bloßen Gedanken an den verhassten Dozenten, mit dem er sich bereits angelegt hatte, als er noch Student war. Selbstverständlich leuchtete ihm ein, dass dies nicht die Neuigkeit war, auf die seine Freundin es anlegen wollte. Trotzdem musste er sich konzentrieren, den Mistkerl aus seiner Gedankenwelt wegzuschieben und das eigentliche Thema zu erfassen.
„Jedenfalls“, fuhr sie fort, „hab ich dabei gehört, dass ein Student vermisst wird …“
„Bei den Betonköpfen im Lehrstuhl keine Überraschung“, konnte er sich den Spott nicht verkneifen.
„… das war vor zwei Tagen. Er war mit Freunden Darts spielen und das ging bis tief in die Nacht hinein. In seiner WG ist er nie angekommen und es gibt keinerlei Hinweise, was mit ihm geschehen sein könnte.
Auf Arbeit habe ich außerdem im Radio gehört, wie die Polizei eine Leiche gefunden hat. Oder zumindest das, was von ihr übrig war. Vielleicht ist es der Student, vielleicht auch jemand von den anderen, die verschwunden sind – wird sich zeigen, doch es hieß, die Knochenteile sahen aus, als hätte ein Hund oder Wolf daran genagt. Ein ziemlich großer noch dazu, größer als die bekannten Rassen.
Was würdest du also vermuten?“
Jules fingerte nach einer neuen Zigarette und sog den Rauch in seine Lunge. Seine ersten Gedanken zum Thema äußerte er sachlich: „Die allgemeinen Gottheiten in Wolfsgestalt schließe ich komplett aus. Die hätten wenig Interesse an einem simplen Menschenleben und erst recht keines am Fleisch ihrer Opfer. Solange sie keinen festen Leib besitzen, verzehren Geisterwesen auch nur geistige Nahrung.
Wenn Ragnarök nicht gerade bevorsteht, fallen Garm und Fenrir auch aus und für Anubis, einen Inugami, Barguest, Crocotas, Diwo, Wendigo und die ganzen ausländischen hundeartigen Dämonen ist hier kein übliches Jagdgebiet. Beschränken wir uns also auf die heimischen oder umherziehenden Arten.
Klushund, Welthund, Roggenwolf, Bärenwolf, Kludde, Eisengrind – die Liste ist lang. Allerdings sind viele dieser Wesen in ländlichen Regionen zu Hause und meiden die Großstädte, die ihnen mit ihren hellen Nächten zuwider sind. Schwer zu glauben, dass auch Kreaturen der Hölle etwas abscheulich finden, wie?
Nur wenige Dämonenhunde suchen bewusst die Nähe vieler Menschen auf, scheuen das künstliche Licht nicht und fressen bevorzugt viel im Winter, wenn die Nächte lang sind, um dem Sonnenlicht zu entgehen.
Ich will den Teufel nicht an die Wand malen, aber in Anbetracht der in kurzer Zeit gestiegenen Zahl an Vermissten, der abgenagten Knochen und der partiell auftretenden Versorgungsprobleme der Stromwerke, rechne ich damit, dass diese Stadt aktuell von einem Rudel Lichtfänger heimgesucht wird.“
Jeder andere hätte nach diesem Vortrag gelacht und die Ambulanz angerufen. Für kluge, rationale Ohren war das, was Jules erzählte, ein Fall für die Anstalt. Wie oft hatte man ihn für seine Theorien verhöhnt und sein Wissen als Fantasie abgetan? Ammenmärchen, Gruselgeschichten und wilde Spekulationen – zu mehr genügte den Leuten „sein kleines Hobby“ nicht. Er sollte lieber Romane schreiben als wissenschaftliche Texte zu verfassen. Dann würde er zumindest was daran verdienen.
Dani jedoch lachte nicht. Er wusste, dass für sie diese Vermutung alles änderte. Siebzehn Jahre hatte sie fieberhaft darauf gewartet, dass diese Geschöpfe auf ihrer Route zurückkehrten. Die Zeit für ihre lang ersehnte Rache war gekommen.
Lichtfänger. Canis lucis flagrare. Dämonen in der Gestalt großer Hunde oder Wölfe. Überaus gefährlich für jeden Menschen, der sich des Nachts auf die Straße wagt. Ihre Krallen sind hart und scharf wie Damaszenerstahl und ihre Zähne machen auch vor einer Eisenrüstung nicht Halt. Sie leben in kleinen Gruppen, ihre Territorien sind weltweite Landstriche und sie wandern stets umher, immer auf der Suche nach Nahrung. Dabei fressen sie nicht nur Menschenfleisch, sondern auch Energie, was oft zu Stromausfällen führt. Stromzehrer werden sie deswegen auch genannt. Kurokiba oder der Schwarze Wolf, der mit Blitz und Donner erscheint und seine Opfer verschlingt. Der böse Meister Isegrim bei Rotkäppchen ist kein Märchen. Unaufgeklärt ist der Fall der mörderischen Bestie von Cévaudan. Meneur des Loups nannten die Franzosen eine Bestie, die mit Menschenzunge sprach …
Unzählige Berichte aus jedem Buch, dass er zum Thema Monster gelesen hatte, fluteten Jules’ Hirn. Wissen aus Jahrhunderten, Tausende von Volkssagen und Millionen von Gerüchten.
Sollten Kleingeister wie Immanuel Reinert denken, bei ihm seien zig Schrauben locker. Es gab Titel, die die stumpfsinnige Universität ihm nicht verleihen konnte.
Jules war Professor für paranormale Erscheinungen, Dämonologie, Kryptozoologie und Metaphysik. Rein „hobbymäßig“.
Und Dani glaubte ihm.
Sie hatte ihm auch schon bedingungslos geglaubt, als sie sich gerade erst kennengelernt hatten.
War es doch ein Lichtfänger gewesen, der ihre Eltern tötete.
Kindheitserinnerungen
Zur Weihnachtszeit putzte sich die Innenstadt festlich heraus mit goldenen Schleifen und riesigen roten Schmuckkugeln. Überall roch es nach Zuckerwatte, Gewürz und Glühwein. Menschenmassen trafen auf dem Markt zusammen, während auf der Schaubühne ein Kinderchor Lieder vom Heiligen Christ sang und ein verkleideter Mann den Nikolaus mimte.
Die siebenjährige Dani verfolgte mit offenem Mund die wackelnden Holzspielzeuge in einer Bude, derweil ihre Eltern Grog tranken. Ihre Mutter hatte Kerzen zum Verschenken gekauft. Sie war eine schöne, schlanke Frau mit langen blonden Haaren, die ihre Tochter geerbt hatte.
Auch wenn kein Schnee lag, ließ ein kalter Luftzug das Mädchen frösteln. Allmählich wurde es spät. Die Ziegen bei der aufgestellten Krippe hatte man bereits in den provisorischen Stall gesperrt und die hiesige Großstadtjugend begann laut auf ihre Art die Festtage zu genießen.
„Lass uns heimgehen, Daniela“, sagte ihr Vater. Wenn sie ihn so in seiner dicken Winterjacke betrachtete, erinnerte er sie an einen großen Teddybären mit dunklem Fell. Mit Leichtigkeit hob er sie in die Höhe und nahm sie auf die breiten Schultern, um sie unbeschadet durch das Gedränge führen zu können.
Die Straßenbahnen waren auch voll. Ihr Vater beschützte sie und ihre Mutter vor betrunkenen Fahrgästen und überließ ihnen den sicheren Sitzplatz. Zu diesem Zeitpunkt glaubte Dani, dass ihr Vater der stärkste Mann der Welt war. Er schien nichts und niemanden zu fürchten.
Auf dem Heimweg gähnte das Mädchen und ihre Mutter flüsterte beruhigend: „Wir sind gleich zu Hause.“
Die Nacht war still. Alle Menschen waren wohl in der Stadt auf dem Weihnachtsmarkt. Schwibbögen und Abendsterne leuchteten in den schwarzen Fenstern.
Aus heiterem Himmel hörte sie plötzlich ihren Vater fluchen: „Was zum Teufel …“ Erstarrt blieb er auf dem Weg stehen. Auch ihre Mutter rührte sich nicht mehr. Dani sah müde in ihre Blickrichtung.
Ein Stromkasten stand seitlich des Pfades. Das Plastikgehäuse war aufgebrochen und etwas riss mit kräftigen Zähnen an den elektrischen Kabeln, dass gelb-blaue Funken sprühten. Ein Mensch hätte sich einen Schlag geholt, doch dieses Wesen schien die austretende Energie wie einen Saft zu trinken. Hätte es das nicht getan, würde Dani denken, dort stände bloß ein riesiger, pechschwarzer Hund vor ihnen.
Kaum dass dieser seine Beobachter bemerkte, ließ er von seiner Strommahlzeit ab. Mit hochgezogenen Lefzen zeigte er ihnen seinen mächtigen Kiefer und knurrte aus tiefer Kehle. Die gewaltigen Tatzen traten näher an die Menschen heran.
Vater stellte sich vor Mutter und Tochter und sprach: „Lauft! Ich werde das Biest aufhalten!“
Danis Mutter wollte protestieren, doch das Monster griff an. Es sprang mit ungeheurer Schnelligkeit vorwärts und verbiss sich im Hals des Mannes, dass er nur noch gurgelnd schreien konnte von all dem Blut in seinem Rachen. Es drückte ihn zu Boden und schlug erneut zu, bis der Körper aufhörte zu zucken.
Mit triefendem Maul hob der Dämon den Schädel und lachte heiser. Ja, er lachte so schadenfroh und furchtbar, dass die Mutter Dani von sich stieß und brüllte: „Lauf weg!“, bevor er auch sie anfiel. Aber er tötete sein unterlegenes Opfer nicht sofort wie ihren Mann. Das Kind wankte zitternd einige Schritte zurück und sah mit tränenden Augen, wie der Wolf die Frau gierig betrachtete. Sein widerliches Grinsen wurde breiter, als sie von Angst zerfressen um Worte rang.
„Lauf weg!“, hörte Dani sie schluchzen, ehe das Ungeheuer seine Krallen an ihr schärfte.
Und sie rannte. Blind rannte das kleine Mädchen die Straße zurück, vorbei an der Haltestelle, immer weiter. Sie rannte, bis ihr alles schmerzte, und hörte nicht auf, denn sie wusste, er war direkt hinter ihr. Seine Pfoten hörte sie wie Hufschläge auf dem Asphalt trommeln.
Ihre Kräfte ließen nach. Ein schwarzer Schatten zog an ihr vorbei und riss ihr den Arm zu einer klaffenden Wunde auf. Dani taumelte, stürzte, blieb keuchend am Boden liegen. Es war aus mit ihr. Jetzt würde sie sterben. Das Letzte, was sie auf Erden sehen würde, waren die Zähne dieser grausamen Kreatur, die um sie her ihre Kreise enger zog.
Furchtsam blickte sie den Wolf in die eisengrauen Augen, die sie hungrig besahen. Er trat ihr auf den verletzten Arm, um sie unten zu halten. Etwas an dieser Pelzpranke war merkwürdig. Unvollständig …
Dani wimmerte.
Ihr war ganz schlecht vor nackter Angst.
Sie wusste, sie würde sterben.
Aufgefressen.
Gerade wollte ihr Bezwinger seinen dunklen Rachen öffnen, da stoppte er abrupt. Den Kopf gen Himmel erhoben, erschnüffelte das Wesen etwas in der kalten Abendluft. Ein Heulen kam mit dem Wind.
„Kaarn … Du hast diese Nacht noch Glück“, raunte er ihr Menschenlaute kalt ins Ohr und seine kratzige Stimme sollte sie noch Nächte lang verfolgen. „Pass gut auf dich auf. Ich werde in der Dunkelheit auf dich warten, um dich zu verschlingen.“ Dann ließ er von ihr ab. Als sich das Mädchen aufrichtete, war der Wolfsdämon in der Finsternis verschwunden. Und Dani konnte die Scherben ihres zerstörten Lebens einsammeln.
Der Sandsack musste so einiges einstecken. Die erwachsene Dani schlug und trat in ihrer Wut gegen das gefüllte Leder, dass die haltende Gliederkette schwer ächzte. Beinahe wollte man befürchten, die Halterung könnte brechen.
„Und was jetzt?“, wollte Jules von ihr wissen, während sie weiterdrosch. „Willst du raus in die Nacht und den Einen finden? Du weißt doch nicht mal, ob es dasselbe Rudel ist. Es ist eine lange Zeit vergangen, vielleicht ist der Kerl schon gar nicht mehr mit dabei …
Abgesehen davon ist es gefährlich. Wenn sie nur halbwegs wie Wölfe handeln, jagen sie sicher auch in der Gemeinschaft. Das heißt, du hättest nicht bloß diesen einen Gegner. Die zerfetzen dich, Dani, und du bist tot. Du kannst noch so trainiert sein, du bist nicht Buffy!“
Bei dem Vergleich stoppte die junge Frau für einen Moment und lachte leicht außer Atem. „Buffy? Mich kümmern doch keine Vampire! Außerdem wäre die Vorstellung, dass du die Rolle von Giles innehättest, absurd!“
Ihm fröstelte es bei dem Gedanken. Er war Mitte dreißig, keine fünfzig … Okay, im Gegensatz zu ihr, war er vielleicht so was wie alt, aber nicht so alt!
„Wenn es Vampire wären, wäre ich nur halb so besorgt!“, gab er schließlich zu. „Ich mach hier keine Scherze. Wenn du derart unvernünftig bist und dem Tod ins Maul rennst, bereue ich es zutiefst, die Lichtfänger überhaupt erwähnt zu haben!“
„Du kennst sie doch!“, argumentierte sie und trat kräftig gegen den Sack. „Du kennst ihre Schwachpunkte!“
„Einen Schwachpunkt: Sonnenlicht! Das ist aber keine Garantie für einen erfolgreichen Kampf gegen ein ganzes Rudel! Du hast eine kleine UV-Lampe, nichts weiter. Und ob die hilft, kann ich nicht beweisen.
Wir gehen davon aus, dass sie durch die Strahlung eben wie die Blutsauger zu Staub zerfallen. Es ist aber nur eine Vermutung, weil ich niemals gehört habe, dass sie jemanden bei Tage angriffen. Die Köter vertreten voll die dunkle Seite der Macht. Trotzdem weiß ich nicht, liegt es am UV oder an etwas völlig anderem?
Ich habe mein ganzes Leben lang schon Monster und Ungeheuer, Dämonen und Götter studiert, dennoch kann ich dich allein theoretisch beraten! Ist ja nicht so, dass ich bereits einem Dämon gegenübergestanden habe, um ihn auszufragen! Mir fehlt es schlicht an Praxiserfahrung!“
„Schon klar!“, rief Dani und boxte eine Salve von Schlägen ab. Allmählich bekam er mit ihren Knöcheln Mitleid. Schnaufend kam sie zum Schluss und atmete durch.
„Den Punkt hab ich dir voraus!“, sprach sie verbittert. „Ich stand ihm gegenüber.“
„Aber der gefährliche Wolfsmann hat dich laufen lassen“, warf Jules ein.
„Gezwungenermaßen, wie mir scheint“, erinnerte sie ihn und wies auf ihren rechten Oberarm. Unter ihren bunten Tätowierungen konnte er die Narbe von damals noch deutlich erkennen. Die Bissspuren einer Bestie, die keiner außer ihr gesehen und für die es nie Zeugen gegeben hatte. „Ihm kam was Wichtigeres dazwischen, als mir den Hals zu zerfetzen!
Jules, ich hatte jahrelang Albträume und Nachtangst wegen dem verdammten Vieh! Wegen dem Flohfänger habe ich meine Zeit mit nutzlosen Therapien vergeuden müssen und durfte mir von sogenannten Experten anhören, wie verrückt, selbstverletzend und armselig ich angeblich sei! Schon deshalb werde ich ihm nie verzeihen, dass er mir mein Leben versaut hat! Jetzt bin ich nämlich stark und werde diesen Dämon jagen, damit der mal selber lernt, was Angst ist!“
Resigniert stöhnte er auf. „Deine Kraft ist beeindruckend, ja, aber er ist kein Mensch. Er ist keiner von den Machos, die du immer verprügelst. Er wird sein Versprechen halten und dich töten. Das lasse ich nicht zu.“
Mit einem Handtuch wischte sie sich den Schweiß von der Haut.
„Ich werde mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. Ich hab keinen Bock, noch mal siebzehn Jahre zu warten. Schließlich werde ich nicht jünger.“
„Dani“, nutzte er jetzt ihren üblichen Tonfall der Belehrung, „willst du dir seinetwegen die Nächte um die Ohren schlagen? Was ist dann mit deinem Job? Und mit mir? Willst du mich einfach zurücklassen?“
„Du würdest es verstehen, wenn du Ähnliches erlebt hättest“, sagte sie entschlossen. „Zur Not mach ich halt im Job Kasse. Und du wusstest, wie ich mich entscheiden würde, schon als wir uns begegnet sind. Das ist mein Ziel, Jules. Rache für meine Familie und dafür, dass er mir eine normale Jugend verwehrt hat! Ich habe die Schnauze gestrichen voll von diesem Dämon! Ich will Vergeltung!
Danach kann ich endlich abschließen.“
Ja, weil du dann tot bist, traute er sich nicht, die Worte laut auszusprechen.
Nächtlicher Jäger
Dani traf ihre Vorbereitungen.
Ihre frisch cyanblau gefärbten Haare band sie zu einem praktischen Pferdeschwanz zusammen, die silbernen Piercings nahm sie aus Ohren und Augenbraue, um nicht daran hängen zu bleiben, und die Fingernägel wurden verschnitten. Zwar konnte sie damit niemandem mehr die Augen auskratzen, doch ihr Gegner hatte ohnehin schärfere Krallen. Beim Nahkampf waren zu lange Spaten sowieso hinderlich.
Bei der Kleidung setzte sie auf unscheinbare Farben, robusten Stoff und gute Bewegungsfreiheit als auf Stil. Die Wahl fiel daher bescheiden aus, auf schwarze Hosen, Schuhe, Winterjacke, Wollmütze und Handschuhe. Inständig hoffte sie, dass keine Polizei sie anhalten würde, weil sie ausschaute wie für einen Bankraub bereit.
Schweigsam sah Jules ihr beim Anziehen zu.
Ihr Streit stand nicht mehr zur Debatte. Die junge Frau hatte sich einmal entschieden und er wusste, dass er sie nicht aufhalten konnte. Somit ließ er sie gewähren.
Die kleine Taschenlampe mit der UV-Birne steckte Dani wie eine Schusswaffe in ein am Gürtel befestigtes Holster. Wer gegen Ungeheuer ins Feld zog, brauchte keine Messer oder Stahlkugeln. Diese Geschöpfe kämpften mit anderen Bandagen und Jules gab ihr zur Unterstützung ein Säckchen getrockneter Kräuter mit. Dill, Mohn und Johanniskraut sollten laut seinen Büchern nützlich sein gegen die meisten hundeartigen Dämonen. Dill würde ihren Geruchssinn betäuben, der Mohn ihren Blick trüben und Johanniskraut ihre Haut reizen – es klang immerhin sehr nach einer Hilfe. Selbst ein Mensch wäre von der Mischung nicht sehr angetan, wenn er sie in die Nase bekäme.
Mit einer liebevollen Umarmung entließ er sie in die Dunkelheit.
Es war schon nach Mitternacht, da Dani meinte, über leere Fußwege, verwinkelte Gassen und stillgelegte Werkhöfe wie auch Gleisanlagen zu marschieren. Der Wind trieb kleine Eiskristalle frostig vor sich her. Wenn man die Geräusche aus den Häusern ausblendete, konnte man vermuten, die äußeren Viertel der Stadt seien ausgestorben. Ratten und Katzen jagten kreischend durch die Finsternis. Von irgendeinem der kahlen Bäume rief ein Käuzchen daher.
Zuerst lief Dani durch die Straßen ihres Gebiets. Und nichts passierte.
Hier und dort standen ein paar Menschen herum, rauchten vor einem Klub oder warteten auf die Straßenbahn oder einen Zug. Aber sehen konnte sie nichts Verdächtiges. Sie hörte auch keine seltsamen Geräusche oder irgendwoher einen Schrei.
Also ging sie weiter.
In Nachbarviertel war vor zwei Wochen ein Mädchen verschwunden, dreizehn Jahre alt. Am Abend hatte sie sich mit Freunden bei einem Spielplatz getroffen, ganz in der Nähe ihres Elternhauses. Trotzdem kehrte sie von dort nicht mehr zurück. Ihr Anorak wurde gefunden, zerrissen wie von einem wilden Tier. Mehr jedoch nicht.
Die Polizei ging von den üblichen Gewaltverbrechen aus. Diebe, Mörder, Vergewaltiger – Menschen. Die Herrn Beamten würden Dani oder Jules niemals glauben, wenn sie ihnen gesagt hätten, dass riesige Wölfe die Täter waren.
Bei besagtem Spielplatz sah die junge Frau sich noch mal um. Natürlich gab es keine Indizien mehr für das Geschehene, dennoch hätte sie vermutet, dass die Dämonen vielleicht alte Jagdrouten verfolgen könnten. Allerdings Fehlanzeige. Beim Tischtennisspiel trafen sich weiterhin Jugendliche, um Alkohol zu trinken und Gras zu rauchen. Eine Freiheit fern ihrer Familien, die sie ja bloß bremsten und bemutterten.
Ich Glückspilz, dachte Dani ironisch, weil ihre Eltern definitiv von keiner ihrer Eskapaden je erfahren hatten. Diese idiotischen Kinder hatten keine Ahnung, wie schwer das Leben sein konnte, wenn man keinen sicheren Hafen wie bei Mutter und Vater besaß.
Weiter.
In einer schmuddeligen Bahnunterführung kam es ebenfalls zu einem tragischen Zwischenfall. Er hatte sich direkt in der Silvesternacht ereignet. Zwei erwachsene Männer, Familienväter von durchaus wehrhafter Gestalt, verschwanden spurlos. Auf dem verschwommenen Film der Sicherheitskameras hatte sie etwas Großes gepackt und weggezerrt – wohin auch immer. Wie bei vielen Opfern würde ihr Tod ungelöst bleiben. In welcher Gruft wohl ihre Knochen verrotteten?
Seufzend lief Dani durch den weiß gestrichenen, doch mit Graffiti beschmierten Gang, um auf der anderen Seite sicher nach oben zu gelangen.
Nicht jedem ist dieser Erfolg vergönnt …
Die Zeit schritt voran und die Nacht blieb ereignislos.
Obwohl es bereits fünf Uhr morgens war, tönte aus manchem Fenster noch immer der Fernseher. Oder die lauten Stimmen von Menschen, die stritten, lachten, weinten, sich liebten.
Die Lampe schwang ungenutzt in Danis Hand mit.
Sie gähnte vor Langeweile.
Vielleicht war das Rudel diesmal nicht in der Gegend. Wenn in der Zeitung bald eine neue Vermisstenanzeige stünde, wüsste sie möglicherweise besser Bescheid über deren Gepflogenheiten bei der Menschenjagd. Sie sollte die ihr bekannten Fälle noch mal gründlich studieren.
Schnaufend trat sie eine leere Dose vor sich her.
Ein Marder schreckte auf und verschwand unter einem Auto.
Umsonst, dachte sie resigniert und peilte den Rückzug an. Alles umsonst.
Müde schlenderte sie den Heimweg entlang.
Ein alter Flaschensammler, ein zitterndes Muttchen und eine Gruppe betrunkener Halbstarker kamen ihr entgegen. Ohne Probleme zogen sie vorüber.
Ein ruhiger, kalter Tag kündigte sich langsam an. Krähen krächzten in verschiedenen Oktaven.
Bei einem Bäcker brannte bereits Licht und Dani überlegte ernsthaft, ob sie sich frische Brötchen leisten sollte. Quasi auch als Wiedergutmachung für Jules. In ihren Jackentaschen suchte sie nach ein paar Euros, als ihre Ohren unverhofft doch etwas vernahmen.
Ein kurzes, schnell erstickendes … Weinen? Ein Kind hatte geschrien, ein sehr kleines noch, und jemand hatte ihm rasch den Mund verboten, ehe es lauter werden konnte.
In einer Großstadt war diese verstohlene Geräuschkombination nie gut. Ein Täter wollte Aufmerksamkeit vermeiden. Egal ob von Mensch oder Dämon, ein Leben wurde bedroht. Es hoffte auf Hilfe.
Wie angewurzelt blieb Dani stehen.
Sie stand vor einem hohen Torbogen, dem Zugang zum unbeleuchteten Hinterhof eines Wohnhauses, welches bestimmt bessere Tage gesehen hatte, und dennoch in Benutzung schien. Die raue Fassade bröckelte und die hölzernen Fensterrahmen benötigten eine umfassende Renovierung. Hinter keiner Scheibe glimmte ein Licht, folglich mussten die etwaigen Bewohner schlafen.
Entschlossen, im Falle einer möglichen Gewalttat dem Opfer zu helfen, nahm Dani die Spur auf. Mit wachsamer Vorsicht trat sie unter den Bogen in den Schatten der Straßenlaternen ein.
Die seitlich angebrachte Haustür war verriegelt.
Ihr Licht einschaltend, ging die Frau nach hinten, auf den holprig gepflasterten Platz mit Rasenfläche, wo im Sommer bestimmt die Hausgemeinschaft unter einem weißen Plastikpavillon Steaks zu grillen pflegte. Jetzt im Winter wirkte das Gelände grau und schmucklos. Jemand hatte versucht, aus dem Eismatsch einen Schneemann zu brauen.
Vorsichtig beleuchtete der bläulich-weiße Lichtkegel die Rückwand des Hauses. Zu beiden Seiten des Türbogens gab es je eine Balkonreihe aus Holz, deren Körbe unterschiedlich gestaltet waren. Einige der moosgrünen Gestelle trugen leere Pflanzkübel, wurden mit Wäscheleinen bespannt oder als großer Katzenkäfig genutzt.
Alles schien still und friedlich.
Doch ihre Ohren hatten sich nicht getäuscht, also …
Ein Windstoß ließ ein weit offenes Fenster zuschlagen und Dani fuhr erschrocken zusammen. Suchend fand sie die Geräuschquelle und der Lichtschein tanzte über -
Etwas huschte in den Schatten.
Na bitte.
Dani schwenkte zurück und wieder wich es ihr aus. Fast lautlos sprang es von einem Balkon zum anderen und verbarg sich vor dem grässlichen kalten Licht. Rötliche Punkte funkelten auf.
Fangfrage, schmunzelte Dani in sich hinein, was ist schwarz und hat rote Augen?
