Deadman's Hostel - Daimon Legion - E-Book

Deadman's Hostel E-Book

Daimon Legion

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Beschreibung

"Tot oder lebendig?", lautet die erste Frage, als Sheryl erschöpft durch die Tür ins Deadman's Hostel stolpert. Eine andere Wahl hat sie nicht, als sich gut mit dem Vermieter der verlassen wirkenden Herberge zu stellen. Ganz gleich, wie merkwürdig Ace ihr auf den ersten Blick erscheinen mag, er ist ihre einzige Rettung. Doch zu welchen Bedingungen?

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Seitenzahl: 399

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Daimon Legion

Deadman’s Hostel

Schlecht bis ins Mark

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

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Die Hitze flirrte am weiten Horizont. Vom wolkenlosen Blau des Himmels brannte eine weißgelbe Sonne herab. Sandteufel fegten über die schwarze Asphaltstraße und warme Luft füllte Sheryls Lungen, als sie einem tiefen Atemzug nahm. Die Anstrengung perlte von ihrer Stirn, doch eine Pause konnte sie sich nicht leisten.

Weiter. Weiter …

Wie lange war sie schon unterwegs?

Zu lange, wenn sie ihre Füße fragte.

Gestern Abend hatte sie ihr letztes Geld genutzt, um die heruntergekommene Absteige zu bezahlen, die sich „Paradise“ nannte. Der Service bestand aus einer mit Stockflecken verzierten Matratze auf einem rostigen Gittergestell – in einem stickigen Zimmer, so groß wie ein Kleiderschrank. Die Fensterscheiben waren blind und es wimmelte von summenden Insekten, dass sie kaum ein Auge zu bekam. Mal ganz abgesehen von der Angst, die widerlichen Viecher könnten ihr irgendwie in die Ohren krabbeln.

Kaum, dass der Tag angebrochen war, versuchte sie eine Mitfahrgelegenheit zu erwischen.

Ein Trucker nahm sie freundlich auf; er fuhr Richtung Mexiko. Doch bereits nach ein paar Meilen griff er nach ihrem Oberschenkel. Auf ihre Abweisung reagierte er nicht, also schlug Sheryl ihm die Nase blutig. Das Ende vom Lied: Er warf sie mitten im Nirgendwo raus. Und seitdem stapfte sie durch die Wüste Arizonas. Ohne einen Bissen im Bauch. Der klägliche Inhalt ihrer Wasserflasche im ramponierten Rucksack kochte innerhalb weniger Minuten.

„So ein verdammter Miiiiist!“, brüllte sie laut durch die einsame Stille. Ein Kaninchen huschte vor dem Geschrei davon.

Wütend trat Sheryl gegen einen Stein, der über den heißen Teer polterte, und fluchte bei jedem Schritt: „Mist, Mist, Mist, Mist, Mist, Mist, Mist, Mist, Mist, Mist, Mist, Mist!“

Ja, im Film sieht alles so leicht aus.

Dort stolperte der heimatlose Held von einem Abenteuer ins nächste und das Schicksal meinte es bei Gefahrensituationen in letzter Sekunde immer gut mit ihm. Auf seinem Weg zur Selbstfindung traf er lauter coole Typen, verbrachte seine Zeit am Lagerfeuer mit schönen Gitarrenklängen und fand mitunter sogar die große Liebe. Dabei schwebte über allem der romantische Geist der Freiheit.

Ihr eigener Road-Movie verlief ganz anders.

Die endlose Straße gab ihren einstmals weißen Turnschuhen den Rest. Bald würde sie auf nackten Sohlen weiterlaufen müssen. Der Magen knurrte wegen des steigenden Hungers und ihre grünen Augen brannten vor Trockenheit. Mit Sicherheit war sie nicht weit von einem Sonnenstich entfernt – bei den Temperaturen schützte sie auch die abgenutzte Baseballkappe nicht mehr ausreichend. Noch dazu hatte diese verfluchte Gluthitze ihr weizenblondes Haar in ein krauses Bündel brüchigen Strohs verwandelt. Ihr ärmelloses Shirt war nass vom Schweiß und die kurzen Jeanshosen standen vor Dreck. Sheryls sonst so blasse Haut war nun rot und sie fühlte sich wie ein Steak im eigenen Saft gebraten.

Zu allem Unglück gab es in der gnadenlosen Weite der Natur kein Zeichen von Erlösung.

Die wenigen Fahrzeuge, die nach ihrem Rauswurf durch diese verlassene Pampa fuhren, ignorierten eiskalt ihren erhobenen Daumen und in letzter Zeit hatte sie überhaupt kein menschliches Leben mehr wahrgenommen. Kein Auto, kein noch so winziges Haus, nicht mal eine stillgelegte Tankstation. Kein psychotischer, stumpfsinniger, verwahrloster Massenmörder, den man ja laut Hollywood öfters in solchen Situationen antraf, verirrte sich in diese entlegene Gegend! Es gab rein gar nichts.

Nur Sand, Steine, Buschwerk, Kakteen und Taranteln. Skorpione. Klapperschlangen. Wenn die Sonne sie nicht umbrachte, dann das Gift eines Tieres.

Und das soll es gewesen sein?

„Na ja“, sprach sie resigniert zu sich selbst, „irgendwo immer noch besser als zu Hause, oder?“

So hatte sie jedenfalls etwas mehr von den USA gesehen als nur die überzogen spießbürgerliche Vorstadt, in der sie aufgewachsen war. Zum Beispiel Los Angeles! Davor sah sie Oakland und war tagelang durch San Francisco gewandert. Später dann trampte sie nach San Diego und Phoenix … Sheryl war die letzten Wochen ganz schön herumgereist.

Es war sehr viel passiert.

Leider.

Wie es jetzt wohl in der Schule ihren Freundinnen erging? Während sie durch die Wüste taumelte, saßen die anderen Mädchen im Klassenzimmer fest und die Lehrer quälten sie mit altenglischer Literatur, öden Geschichtsdaten und Politik. Dabei dachten Jenna, Kate, Ivy und Conny an alles Mögliche – nur nicht an den Unterricht.

… Wie spät ist es?

Sie wusste es nicht. War die Schule für heute schon aus und alle trafen sich im angrenzenden Park?

Sehnsüchtig seufzte Sheryl tief.

Schulschluss im Park. Eis essen, über Klamotten, Musik und diese neue Serie aus Britannien reden, welche die Teenager wegen des coolen (und süßen) Hauptdarstellers in kurzer Zeit begeistert hatte. Lachen. Lehrer hochnehmen. Hausaufgaben diskutieren. Verliebt sein.

Jungs.

Sich mit Jungs verabreden.

Die erste Liebe …

Sie dachte an Nick Johnson aus dem Mathekurs. Er sah so gut aus. Außerdem war er cool, witzig und klug. Alle Mädchen waren in ihn verknallt, auch sie. Und er hatte vor Kurzem erst mit ihr geredet! Sheryl mochte seine schwarzen Kräusellocken, seine kakaobraune Haut, sein Lächeln.

Wenn alles richtig gelaufen wäre …

In ihrer Fantasie sah sie sich selbst mit Nick auf dem Abschlussball tanzen. Als Ballkönig und Königin. Ihre Mitschüler würden ausrasten und jubeln. Ob sie ihn geheiratet hätte? Klar! Warum auch nicht? Er war schließlich ein guter Fang!

Gemeinsam hätten sie irgendwann einen guten Job bekommen, ein schönes großes Haus gekauft, zehn Kinder in die Welt gesetzt und …

… und es hätte noch so viel passieren können.

Es hätte anders sein können als jetzt.

Sheryl wäre erwachsen geworden. Alt geworden.

Umgeben von Freunden und Familie hätte sie ein gewöhnliches, sorgenfreies langes Leben haben können. Sie würde eine Mutter und Großmutter sein, die eines Tages mit über achtzig einschlief und friedlich starb.

Eine wehmütige Träne tropfte auf die verbrannte Erde und verflüchtigte sich zischend zu einer kleinen Dampfwolke.

Für Sheryl kam dieses Ideal nicht infrage – auch nicht, wenn sie geblieben wäre.

Der Tod klopfte an ihre Tür, immer und überall.

Sie konnte vor diesem nur wegrennen und sich niemals nach ihrem alten Leben umdrehen. Es gab kein Zurück mehr. Bloß noch ein Vorwärts, in der Hoffnung auf ein Wunder.

Der Highway hörte schließlich auch nicht einfach so auf.

Und vielleicht …

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Der letzte Schluck Wasser lag weit hinter ihr. Ebenso die nutzlose Flasche, die sie frustriert weggeworfen hatte. Wahrscheinlich schmolz die Sonne bereits das Plastik am Boden fest.

Keuchend blickte Sheryl zurück gen Westen, wo die Sonne orangerot brannte. Es wurde bald Nacht. Die Wüste kühlte ab. Eine lang ersehnte Erfrischung konnte ebenso tödlich sein wie die sengende Hitze.

Sterbe ich am Tag oder in der Nacht?

Warum stellte sie sich diese Frage?

Ihr sollte jetzt eigentlich alles egal sein.

Der Kopf schmerzte. Ihre Glieder waren bleischwer. Stoff und Haut klebten klatschnass zusammen.

Sie war müde. Am liebsten wollte Sheryl sich hinlegen und einschlafen. Der Asphalt erschien ihr so weich wie ein Federbett. Bestimmt würde sie nie mehr aufwachen.

Na ja, und wenn schon?, dachte sie und zuckte schlapp die Schultern. Ist doch eh …

Matt fiel sie auf die Knie.

Winzige Steinchen stachen in ihre Haut.

„Ich weiß, Dad. Tut mir leid. Aber ich kann nicht mehr.“

Schuldgefühle quälten sie. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Hatte sie wahrhaftig geglaubt, ihrem Schicksal irgendwie davonlaufen zu können? Sie war doch nur ein dummes, kleines, hilfloses Ding …

Traurig sah Sheryl auf in den grenzenlosen Himmel, der in der Dämmerung in vielen Rottönen brannte. Roch den klaren Duft der Wüste. Hörte die Grillen zirpen, den Kojoten heulen. Tiere der Wüste, denen ihr Körper Nahrung sein würde. Nichts wird in der Natur verschwendet. Sie hörte das Rauschen des Windes. Und mit ihm kam das Geräusch von -

Sofort war sie wieder auf den Beinen und hörte mit gespannten Nerven genauer hin.

Täuschte sie sich? Halluzinationen wären normal in ihrem Zustand.

Ist das wirklich …

Nach allen Richtungen lauschte Sheryl und – nein, sie hatte sich nicht geirrt: Sie hörte Musik!

Und sie sah etwas! Vielleicht nur eine halbe Meile entfernt!

Wieso war es ihr nicht schon eher aufgefallen? Sie schob es auf den Sonnenstich.

Abseits der Straße stand ein Haus – ein riesiger Gebäudekomplex sogar! Mehrstöckig und wie ein liegendes U aufgebaut. In einigen der über hundert Fenster brannte Licht – es war demnach bewohnt. Obwohl Sheryl am Ende ihrer Kräfte war, fasste sie neuen Mut und stolperte halb im Trab auf das schemenhafte Gemäuer zu.

Sie verfiel in hohes Gelächter, weil dieser rettende Bau wirklich keine irreführende Luftspiegelung war. Die Aussicht auf Essen, Trinken, eine Dusche und ein weiches Bett ließ sie übermütig werden. Ihr Lachen wurde immer lauter, geradezu hysterisch, je näher sie der Zuflucht kam.

Mein Film ist noch nicht vorbei! Kann sein, dass er sogar den Oscar gewinnt!

Ein hart gefahrener Sandpfad führte offiziell vom Highway fort und hinein in den Hof des recht klobig erscheinenden Hauses, welches aus schmucklosen Betonplatten zusammengesetzt war. Trotz der Schlichtheit schien das Gebäude in einem soliden Zustand zu sein, relativ sauber und gepflegt.

Es war ein Hostel, wie Sheryl es beim Eintreffen auf einem gut sichtbaren, im Boden verankerten Kunststoffschild lesen konnte. Es zeigte einen grinsenden Totenschädel, auf dessen riesigen bleichen Zähnen deutlich der Name stand:

DEADMAN´S HOSTEL

Deadman’s?, wunderte sie sich. Wird das nicht normalerweise anders geschrieben?

Entweder hatte der Schreiber keine Ahnung, oder es war ein skurriler Eigenname. Wer hieß schon Totmann mit Nachnamen? Weil jedoch in diesem Land so manches möglich war, zuckte Sheryl die Schultern und machte sich keine Gedanken diesbezüglich mehr.

Ein Richtungspfeil wies ihr den sicheren Weg zum Empfang.

Gut, dieser Wink wäre nicht nötig gewesen.

Die Rezeption hatte ihren Sitz im rechten, unteren Ausläufer des Us. Von außen sah sie nur schief hängende, graue Plastikrollos in den Fenstern, hinter denen ein trübes Licht brannte.

Aus der offenen Tür erreichten sie die Akkorde der Gitarrenmusik, welche in dieser nächtlichen Ruhe laut dröhnend wie ein Düsenjet klangen. Eigentlich war das Gejaule weniger schlimm.

Sheryl wischte sich den Schweiß von der Stirn und folgte auf unsicheren Füßen den verzerrt gemischten Klängen aus Rock und Country. Ganz vorsichtig klopfte sie an den freien Holzrahmen und rief ins Rauminnere: „Hallo?“

„Tot oder lebendig?“, hörte sie eine sehr gelangweilte, fast monotone Stimme hinter dem ihr gegenüberliegenden Tresen antworten.

Auf die unerwartete Gegenfrage, die sie bestimmt falsch verstanden hatte, reagierte Sheryl verdutzt mit: „Wie bitte?“

„Tot oder lebendig?“, fragte der Mann erneut. Sein Ton wurde zwar lauter, aktiver, aber auch rauer.

Achtsam trat Sheryl in das anspruchslos gestaltete Büro und ging zögerlichen Schrittes näher auf die Geschäftstheke zu. Seitlich an der kahlen, mit nichtssagender Tapete verzierten Wand stand ein kleines, abgenutztes schwarzes Ledersofa, das sie zu gern benutzt hätte, um sich darauf niederzulegen. Schmerzlich sentimental dachte sie an den fehlenden Schlaf und vergaß völlig, irgendwas zu erwidern.

„Verdammt!“, fluchte der Mann derb und sein Kopf erhob sich etwas über die Holzkante, um einen zornigen Blick auf den Gast zu werfen, der da leise durch den Raum schlich.

„Biste tot oder lebendig?!“

„Ich“, stammelte Sheryl verschreckt, „ich lebe natürlich!“

„Sicher?“, fragte der Fremde skeptisch.

„Ja!“, blieb sie entschlossen bei ihrer Aussage und trat nun direkt vor ihn.

Launisch atmete der Hausverwalter oder gar Vermieter aus und stand gemächlich von seinem Bürodrehstuhl auf. Große, grobe Hände stützten sich auf der erhöhten Theke ab. Er beugte sich drohend, gleich einem angriffsbereiten Puma, zu ihr vor.

Das erste Merkmal, was Sheryl an ihm auffiel, waren seine Augen. Graubraune Murmeln im rot geäderten Weiß. In ihnen lag weder Güte noch die geschäftliche Neutralität einem Kunden gegenüber. Sie waren hart. Kalt und glanzlos. Der Mann hatte Augen aus Stein. Und darunter derart tiefviolette Schatten, als hätte er zig Nächte lang keine Ruhe gefunden. Sein Gesicht wirkte ausgezehrt durch die deutlich abgezeichneten Wangenknochen, dass es sich kaum von dem Totenkopf-Schild draußen unterschied. Hellbraune Barthaare zierten wild den scharf gezogenen Kiefer und umrandeten einen mürrisch zusammengepressten Mund.

An zweiter Stelle bemerkte sie die vielen bunten Tätowierungen, die sich offensichtlich von der Kehle abwärts über jeden Zoll seiner bleichen Haut zogen. Sie sah einen täuschend echt wirkenden Skorpion auf seiner Hauptschlagader links am Hals pulsieren; einen widerlich grinsenden Zombie-Joker und ein Anzug tragendes Gentleman-Skelett in Gesellschaft von Maden, Spielkarten und Netzen auf den muskulösen Oberarmen prangern; dunkle Nachtfalter im Todeskampf mit Spinnen; einen schwarzen, orange gefleckten Frosch mit finsteren Augen und Käfer, schwarz wie Pistolenkugeln …

Um Himmels willen.

Er stank. Nach herben Männerduft, Alkohol und Zigarettenqualm. Das Unterhemd, welches er trug, musste vor Äonen mal weiß gewesen sein, und die verwaschene Jeans zeigte Spuren von ranzigem Kettenfett und Maschinenöl.

Unwillkürlich wich Sheryl vor ihm zurück. Nicht bloß wegen dem beißenden Geruch und seinem abweisenden Verhalten, sondern auch, weil er über einen Kopf größer war als sie. Er erweckte den Eindruck, gerade erst aus einer langjährigen Haft entlassen worden zu sein. Irgendwie zweifelte sie nicht daran, dass dies durchaus der Fall sein konnte.

„Am Leben, eh?“, raunte er mit einem Knurren und blies ihr dabei den erstickenden Rauch der Zigarette ins Gesicht, die er sich frisch zwischen die trockenen Lippen geklemmt hatte. „Und was zum Geier willste hier?“

„Äh …“, suchte sie nach Worten und blickte dabei auf seine unruhig trommelnden Finger. Selbst die Handrücken waren bis hoch zu den Nägeln zerstochen mit stacheldrahtähnlichen Kerben, ekligen Krabbeltieren und … Sie erkannte jeweils vier Buchstaben auf den knochigen Gliedern, bevor das Trommeln noch schneller wurde.

„Schätzchen, hast hier nichts verloren!“, fuhr er sie kalt an. „Verschwinde!“

„D-das kann ich nicht!“, fand sie endlich die Sprache wieder, da ihr klar wurde, was er von ihr verlangte. Und wohin das führen würde.

„Sicher kannste“, maulte er und wies auf die Tür.

„Nein, das ist unmöglich! Ich habe es gerade so hergeschafft! Ich wäre fast gestorben!“

Er schnaufte verächtlich und meinte: „Früher oder später passiert das allen Menschen.“

Wegen seiner herzlosen Worte stiegen Sheryl brennend Tränen in die Augen und sie flehte verzweifelt: „Bitte! Bitte lassen Sie mich hier übernachten! Nur eine Nacht, ich bitte Sie! Auf dem Sofa! Und morgen bin ich weg, ich verspreche es! Ich mache Ihnen keine Umstände, wirklich! Ich möchte nur etwas Wasser und ein paar Stunden schlafen!“

Sie sah, dass er abschätzig reagieren wollte und setzte noch ein ehrliches „Bitte!“ hinzu.

Der Hausherr des Hostels zog tief an seiner Zigarette und zerdrückte die Kippe in einem bereits vollen Aschenbecher. Den Dampf stieß er schweigend durch die Nase aus. Mit einem Geräusch zwischen Seufzen und Knurren, ließ er sich wieder auf seinen Stuhl sinken und fuhr sich mit der rechten Hand durch seinen zottigen Irokesenschnitt. Der Ansatz war braun, doch die Haare schmutzig-blond gefärbt. Sauberes Wasser berührte sie wohl eher selten.

„Bitte!“, sagte Sheryl abermals.

Er griff nach einer Schachtel und zündete sich einen neuen Glimmstängel an. Immer wieder daran ziehend, sprach er boshaft: „Was biste für ’n Anfänger … Haste endlich gemerkt, dass das Leben hart ist und selten fair? Hätteste dir besser dreimal überlegen sollen, bevor du dein schickes Kleinstadtleben bei Mom und Daddy aufgibst … Wovor rennste weg? Vor den Problem’ in der Schule? Oder hat dich der Wichser, in den du verknallt warst, abserviert?

Schätzchen, kleiner Tipp am Rande: Wenn du vorhast, abzuhauen, dann schnapp dir alle Knete, die du greifen kannst – egal woher – und begib dich auf gar kein’ gottverdammten Fall in irgend so ’n Scheiß-Gebiet wie ’ne verfickte Wüste!“

Seine Schelte nahm sie geknickt hin.

Schnaufend griff er mit der freien Hand nach einem Glas und trank daraus eine goldgelbe Flüssigkeit.

Bourbon, wie Sheryl dem Etikett der dazugehörigen Flasche entnehmen konnte, die auf dem Schreibtisch hinter der Theke stand. Dort sah sie auch Stifte, Dokumente und Schreibhefte – zu oder offen – schwach lesbar liegen. In einem Regal hinter dem riesenhaften Vermieter standen dagegen vielfarbige Aktenordner, welche weggeschlossen werden konnten, sodass niemand Gelegenheit bekam, neugierig in den vertraulichen Daten zu schnüffeln.

„Ich sag’s noch mal“, brummte der Mann leise: „Verzieh dich! Geh wieder zurück in dein hübsches kleines Ponyleben, iss Kuchen und spiel mit Puppen. Die Welt frisst dich sonst mit Haut und Haaren.“

„Ich spiele schon lange nicht mehr mit Puppen!“, antwortete Sheryl gequält und kaute auf ihrer Lippe herum, ehe sie mit aufkommender Wut den Satz weiterführte: „Und Kuchen gibt es zu Hause auch nicht!

Mein Vater ist vor zwei Jahren gestorben. Er war Polizist und wurde im Dienst erschossen. Es hat meiner Mutter das Herz gebrochen! Und dann hat sie diesen Kerl kennengelernt! Er hat ihr Drogen gegeben, bis sie abhängig wurde und sich mehr und mehr verschulden musste! Mich hat er geschlagen! Meine Mutter liegt jetzt im Krankenhaus wegen einer verdammten Überdosis! Und der Mistkerl hat gesagt, dass ich jetzt das Geld verdienen soll! Er wollte mich verkaufen und vergewaltigen!“ Tränen liefen ihr über die Wangen. „Ich kann nicht nach Hause zurück! Und ich will auch nicht zurück! Ich musste dort weg, verstehen Sie das? Egal wohin, Hauptsache weg! Ich bin kein kleines Kind mehr! Ich weiß, dass die Zukunft auf der Straße aussichtslos ist und mir nichts geschenkt wird!

Sie haben doch keine Vorstellung, wie hart das Leben wirklich sein kann!“

Er lachte freudlos auf und trank noch einen Schluck Bourbon. Sie glaubte nicht, dass er ihren Kummer ernst nahm.

„Was weißte denn?“, spottete er grimmig. „Du bist die, keine Ahnung hat, Krümel!

Hast bisher ziemlich Glück gehabt, wie? Andernfalls hätteste dir das Bitten und Betteln gespart und wärst gleich zur Sache gekomm’. Solltest verdammt froh sein, dass du so lang verschont wurdest – sonst hätteste den Schaden längst weg.“

Sheryl war nicht sicher, ob sie ihn richtig verstand. Sein Slang war grauenvoll. Wahrscheinlich war er sehr betrunken.

„Wie alt biste?“, fragte er sie knapp und drückte seine Kippe in einem zweiten Aschenbecher in der Nähe aus. Dieser war auch übervoll. Unverkennbar rauchte er viel. Seine Zähne waren ganz gelb.

Sie rechnete mit der Frage und versuchte, ihren Rücken durchzudrücken. „Neunzehn.“

„Erzähl kein’ Scheiß!“, ließ er sich nicht täuschen.

„Achtzehn.“

Schweigend schüttelte er den Kopf und griff nach der Zigarettenschachtel.

„Okay, siebzehn.“

„Nope.“

„… sechzehn …“

„Wir komm’ der Sache näher“, feixte er und entzündete die Lunte.

Genervt von seiner Hartnäckigkeit, atmete Sheryl aus und gestand: „Ist ja gut! Ich bin fünfzehn! Das ist aber nicht weit von sechzehn entfernt!“

„Klar“, griente er und stieß aufs Neue den blauen Rauch durch die Nase aus. Gemütlich lehnte er sich zurück und hob die langen Beine auf die Tischplatte. Durch die Stofflöcher im Kniebereich der Jeanshose sah sie ungenau weitere Tattoos. Seine Turnschuhe schienen in einem noch erbärmlicheren Zustand als die ihren zu sein. Nur waren sie von vornherein schwarz.

„Haste schon deine Tage?“

Diese intime Frage von einem Fremden ließ Sheryl knallrot werden.

„Denk mal, das heißt ja“, nahm er lässig ihre Reaktion entgegen und zog tief den Rauch in seine Lunge, ehe er sich erklärte: „Schätzchen, ich verrat dir jetzt mal, was bei den Erwachsenen Sache ist.

In erster Linie dreht sich alles ums Geld. Wer welches hat, ist wer – wer keins hat, ist ’n Niemand. Du gehörst im Augenblick zur letzten Kategorie.

Wer kein Geld hat, muss was andres bieten. Irgend’ne Dienstleistung oder Materialgüter. Aber ich bezweifle, dass du irgendwas kannst oder besitzt, was mir von Nutzen wär. Doch haste insofern Glück, dass du … im Groben und Ganzen ’ne Frau bist. Gut, Arsch und Titten sind bei dir noch nicht die Welle, aber hab schon weniger gesehen.

Als Frau kannste ’nem Mann immer ’ne Sache bieten.

Verstehste das?“

Das Blut wich aus ihren Wangen und Sheryl wurde käsebleich. Er meint doch nicht etwa …

„Hab ’nen Vorschlag für dich, Kleine … Ob du annimmst, überlass ich dir.

Willst also unbedingt ’n Zimmer, ’n Ort zum Ausruhen, ’n neues Zuhause – was weiß ich.

Möglich, dass ich dir was vermieten könnte, so unter der Hand. Inoffiziell, so lang wie du bleiben willst. Normalerweise hätteste hier nichts verloren, aber ich kann mal nett mit dem Besitzer reden, der hat vielleicht nichts dagegen.“ Der Mann legte eine Pause ein, um etwas zu trinken, dann fuhr er fort: „Ist kein schlechter Platz hier. Kannst kriegen, was du willst und ich frag dich sicher nicht nach dei’m Ausweis. Komm mir bloß nicht bei mei’m Job in die Quere und mach hier nichts kaputt, dann läuft alles ganz entspannt.“

„Ich … dürfte bleiben?“ Mit Not konnte Sheryl sich zurückhalten, nicht vor Freude in Tränen auszubrechen. Jedoch fürchtete sie zeitgleich die Bedingungen seiner überraschenden Großzügigkeit.

„Bezahlen musste den Service trotzdem irgendwie“, kam er gleich darauf zu sprechen, „schließlich will ich nicht leer ausgehen. Und wie ich vorhin sagte, kannste als halbe Frau ganze Arbeit leisten.

Für die Zeit, die du unter diesem Dach hier verbringst, gehörste mir. Klar?“

Ihr Magen verkrampfte sich. Ein Klumpen Eis rollte durch ihre Eingeweide. Und das Herz schien auch stillzustehen.

Dieser Mann … dieser verschwitzte, stinkende Mann wollte …

Entsetzen breitete sich in ihr aus.

„Was schauste so schockiert?!“, blaffte er Sheryl an. „Bist alt genug für Sex! Ihr Teenies könnt’s doch gar nicht erwarten, endlich loszulegen, also hab dich nicht so pissig. Die Sache mit der Unschuld ist eh ’ne Einbildung der Kirche und den Jugendschutz hat die moderne Gesellschaft erfunden. Zu andern Zeiten wärste längst geschwängert worden.“

„W-wir sind doch nicht im Mittelalter Europas!“, keuchte sie empört über diese haltlose Behauptung.

„In manchen Ländern kannste das auch heute noch haben. Mit zehn oder zwölf kommste untern Hammer und wirst gevögelt, sobald du tropfst“, belehrte er sie gereizt und gab einen kurzen, kräftigen Hieb auf die Stuhllehne.

„Scheiße!“, fluchte er. „Der Deal ist gut! Überleg mal! Bett und Verpflegung fürs Ficken, besser kannste’s in deiner Situation nicht treffen – oder doch?

Wenn ja, dann verzieh dich von hier, da ist die Tür!

Kipp von mir aus draußen um! Vielleicht nimmt dich auch jemand mit, vögelt dich feste durch und dreht dir danach den Hals um – wenn du Glück hast! Ansonsten mach dich drauf gefasst, die nächste Zeit in der Gosse zu verbringen und von jedem verdammten Wichser bestiegen zu werden, bis du an irgendeiner hässlichen Krankheit krepierst! Oder geh zurück und lass’s dir von dem Scheiß-Dealer besorgen, damit du wie deine Alte verreckst! Egal, wie du dich entscheidest, ’n Schwanz zwischen den Bein’ wird dir nicht erspart bleiben!“

Sheryl presste die Lippen aufeinander.

Sie hatte Angst. Angst, weil der Mann recht hatte.

„Logisch betrachtet, Schätzchen“, sprach er ruhiger weiter und goss sich das leere Glas voll, „bin ich deine bessere Wahl. Wir haben beim Deal schließlich beide was von. Du sogar noch mehr als ich …

Aber ist ja dein Leben.“

Sie und … er?

Noch immer wurde ihr schlecht bei dem bloßen Gedanken daran, dass er ihre Haut berühren wollte. Sein ungepflegter Körper würde sich auch mit noch so viel Seife nicht mehr von ihr abwaschen lassen. Er würde sie in Besitz nehmen, damit sie überleben konnte.

Selbst wenn sie nur bis morgen früh bleiben würde … wo sollte sie danach hingehen?

Er hatte recht.

Er hatte leider recht.

Furchtsam kniff Sheryl die Augen zusammen und flehte, dass es doch einen anderen Weg geben könnte, als diesem Mann zu gehören. Doch ihr fiel nichts ein.

Sie dachte an Nick. Und wie schön ein solcher Moment mit ihm gewesen wäre. Reich an Liebe und Küssen.

„Na, wie sieht’s aus?“, holte der Fremde sie aus den Gedanken zurück. „Sind wir im Geschäft?“

Sie umschlang sich fest mit den Armen und blickte ihn an.

Wenn er gewaschen wäre …

Frisch rasiert noch …

Mit aller Kraft versuchte sie, sein abgetragenes Äußeres aufzuwerten. So betrachtet war er eigentlich auch … na ja, etwas hübsch. Zumindest schlank und sehnig. Das war besser als ein gieriger Lustmolch mit Halbglatze und Bierbauch. Wenn selbst ein dreckiger, unbearbeiteter Stein mit Wasser und Schleifpapier glänzen konnte, war dieser Typ vielleicht keine so schlechte Wahl. Jedenfalls hoffte sie das.

Während sie so nachdachte, rauchte er eine neue Zigarette und trommelte mit den Fingern auf seinem Oberschenkel herum. Er war ungeduldig.

„Wie … wie alt bist du?“, fragte Sheryl nervös.

„Nicht so alt, wie du denkst“, knurrte er leise. „Obwohl … für ’nen halb garen Teenie wie dich bin ich bestimmt schon aufm Weg ins Grab.“

„Wie alt?“

„Vierunddreißig.“

Sie atmete durch.

Ja, es könnte schlimmer sein. Wenn er doppelt so alt wäre, zum Beispiel.

„Also …“, versuchte sie die Worte aus sich herauszupressen, „was hast du … dir vorgestellt? Was soll ich für dich tun?“

Er zuckte gelassen die Schultern und sagte: „Wenig kompliziert. ’ne schnelle Nummer. Unpersönlich. Einfach Sex und fertig. Kein Gekuschel, kein Streicheln, kein Küssen. Hasse diese Gefühlsscheiße.“

Sie nickte.

„Für die Zukunft sollteste dir was merken, Krümel. Was wir hier tun, ist nur ’n Geschäft. Mach dir keine Illusion’ von wegen Beziehung oder Liebe. Ich rechne an dir die Miete ab und das war’s. Mehr ist da nicht. Und solang’s nicht unser Geschäft betrifft, sollteste dich weit von mir fernhalten.“

Das hatte sie definitiv vor.

Und was bildete sich dieser arrogante Kerl ein, dass sie ihn jemals lieben könnte? Es gab zigmal mehr schönere Jungen oder Männer, die keine kriminellen Vollversager waren.

Sheryl nickte erneut. „Ich verstehe.“

„Nun?“, forderte er sie auf.

Sie fasste sich noch fester und schaffte es ein drittes Mal zu nicken. „Okay. Ich bin dabei.“

Er sprang sich vom Stuhl auf und reichte ihr die Hand zum Geschäftsabschluss.

Zögerlich ging sie auf die Geste ein und er schüttelte ihre Hand einmal kräftig. Seine Haut klebte.

„Alles klar!“, behauptete er sachlich und ließ sich wieder zurückfallen. Er griff nach einer Tabelle und trug dort mit rechter Hand etwas ein. Dasselbe tat er in einem Buch, legte es nach einigen Zeilen zur Seite und verschränkte die Arme hinter seinem Kopf. Etwas Silbernes huschte kurz über seine Lippen …

„Dein Zimmer ist bezugsfertig, bring dich später hin“, versprach der Vermieter und grinste dann frech: „Doch vorher … Komm’ wir zur ersten Rechnung, Schätzchen.“

Sheryls Herz klopfte bis zum Hals.

„J-jetzt gleich?“, bibberte sie unsicher.

Er nickte entschieden und befahl im kalten Ton: „Komm rum.“

Hinter die Theke?

Verwirrt blickte sie auf das Ledersofa zurück und gab zu: „Ich dachte -“

„Denken ist nicht deine Aufgabe, also komm her!“, schnitt er ihr barsch das Wort ab.

Sheryl gehorchte ihm schweigend und zog mit verkrampften Bewegungen ihren Rucksack von den Schultern, um diesen vor der Theke abzustellen.

In den winzigen Bereich hinter dem Geschäftstresen tretend, nahm sie allen Mut zusammen, als der Mann begann, den Schreibtisch zu räumen. Er trank sein Glas Bourbon wie Wasser und rauchte gleich einer Dampflok.

„Zieh dich aus und setz dich hin“, ordnete er kurz gebunden an und verwies auf die jetzt leere Tischfläche aus schlichtem Buchenholz.

Schüchtern setzte Sheryl die Mütze ab, zog sich das gelbe Shirt über den Kopf und glitt aus Schuhen, Socken und Hose heraus. Ihre Ohren glühten vor Scham, weil er dreist ihre rosarote Unterwäsche betrachtete. Wenn ihre Eltern wüssten, dass ihre Tochter mit diesem abgehalfterten Typen …

„Komm schon, lass dich ansehen“, forderte er sie zum Weitermachen auf.

Ihre Finger zitterten, derweil sie versuchten, den BH-Verschluss zu öffnen.

Er schnaufte, griff nach der Flasche und reichte sie ihr.

„Cheers.“

Gehorsam nahm sie die Flasche an und trank einen Schluck Bourbon. Das Gesöff brannte in ihrer Kehle und Sheryl musste husten. Ein zweiter Schluck klatschte heiß in ihrem zusammengezogenen Magen auf. Der derbe Geschmack schüttelte sie.

Nachdem sie getrunken hatte, nahm er ihr den Alkohol ab und hielt ihr die Zigarette hin.

Sie unternahm einen Versuch und stellte mit erneutem Husten fest, dass das Rauchen ihr absolut nicht schmeckte. Aber in ihrem Kopf breitete sich ein unerklärliches Empfinden aus. Als würde alles in ihr plötzlich in Zeitlupe ablaufen. Die Gedanken wurden träge, wie auch ihre Bewegungen. Ihre Finger hörten auf zu zittern und Sheryl ließ vor diesem unbekannten Mann die letzten Hüllen fallen.

Sein Blick tastete sie ab. Von ihren schmalen Schultern, über die Rundungen ihrer spät wachsenden Brust und hin zu ihren werdenden Hüften. Sie hörte, wie sein Atem sich veränderte. Er war tiefer, wie von einem im Dickicht lauernden Raubtier, das sich zum Sprung bereitmachte. Sogar sein Herz konnte sie dumpf lauter schlagen hören.

Den Bourbon aus der Flasche trinkend, beobachtete er, wie sie an ihm vorbeizog.

Das flaue Gefühl in ihr ließ sie etwas taumeln.

Als Sheryl sich gesetzt hatte, stand er vom Stuhl auf, und sie vernahm betäubt seinen nächsten Befehl: „Beug dich nach hinten und mach die Beine aus’nander.“

Wie selbstverständlich hielt sie ihm die Hand fordernd hin.

Er gab ihr die Flasche und, auch wenn sie den Whiskey hasste, sie trank ihn in großen Schlucken. Die Hoffnung bestand darin, durch einen Rausch diese Szene erträglicher zu machen.

Der Mann schaute überraschend ernst drein und trat näher.

Wie verlangt, beugte sie sich zurück und ließ es zu, dass er zwischen ihre Schenkel sehen konnte. Ihr war mehr als elend zumute. Erneut liefen ihr Tränen über das Gesicht und sie schloss die Augen.

Sheryl zuckte zusammen, als seine Hand plötzlich in ihren Schoß griff. Ihr Körper zitterte gegen ihren Willen immer stärker, weil er ihr Geschlecht berührte und es stetig reizte. Sie wollte die Beine schließen, doch das ließ er nicht zu.

„Was stellste dich so an? Haste’s echt noch nie gemacht?“

Er öffnete ihre Schenkel weiter und drückte einen Finger in sie hinein. Sie hörte ein feuchtes, ekelerregendes Glitschen. Sein Handeln fühlte sich falsch, dreckig, rau und fremd an, und doch löste er durch seine forschenden Bewegungen eine merkwürdige Hitze in ihr aus, welche Sheryl allerdings zuwider war.

„Vertrau mir, so ist’s besser“, hörte sie ihn flüstern.

Ein wehmütiges Seufzen kam unfreiwillig von ihren Lippen, als er seine Hand von ihr nahm. Unter schweren Lidern schaute sie zu ihm hinauf.

„Gut, bist etwas eng“, seufzte der Mann und klang irgendwie enttäuscht. „Aber geil wirste schon, also kann’s nicht so wild sein … Und? Willste mehr, Schätzchen?“ Er griff nach seiner Gürtelschnalle. „Ja?“

Sie konnte nicht antworten. Es verschlug ihr sowieso alle Sprache, als er die Hose öffnete und selbstgefällig grinsend ihr dieses … Ding präsentierte. Noch nie hatte Sheryl jemanden derart nackt gesehen. In ihrem Herzen regte sich abermals die Angst. Sie wollte es nicht in sich haben. Sie wollte nicht!

Er drückte ihr die Beine noch breiter auseinander und brachte sich in Position. Das gespannte Fleisch streifte kurz ihr Becken, brachte sie zum Zucken, zum Stöhnen. Ihr Körper war bereit, ihn zu spüren. Er kribbelte in Erwartung dessen, was der Kerl zu bieten hatte. Ihr Kopf jedoch schrie aus blanker Verzweiflung.

„Willst ihn, ja? Kannste haben. Aber denk nicht, dass du ihn heute schon genießen wirst. Mein Schwanz ist eher was für Erwachsene“, keuchte er fiebrig und beugte sich über sie. Seine Hände packten fest die Tischkanten.

Dann fühlte sie sein Gewicht.

Er drang ein. Seine Hüfte drückte gegen die ihre. Kurz zog er sich zurück, um gleich darauf tiefer zu stoßen. Tiefer. Noch tiefer. Seine Impulse – zuerst langsam – wurden heftig, der ganze Tisch und der Tresen wackelten, und Sheryl biss die Zähne zusammen.

Es tat weh. In ihrem Bauch drückte es, als würden ihre Eingeweide komplett verschoben werden, um ihm und seinem verfluchten Ding Platz zu geben. Sheryl konnte absolut nicht verstehen, warum die Erwachsenen es gern taten. Sie machten es alle und immer wieder! Aber sie …

Ich hasse es! Ich will, dass er aufhört!

Mit ganzer Kraft versuchte sie ihn wegzudrücken, aber ihre schweißnassen Finger glitten von seiner bemalten Haut ab. Er war außerdem zu stark.

Ein mächtiger Stoß ließ ihn kommen.

Der Mann knurrte auf wie ein zorniger Wolf. An seinem Leib spannte sich jeder Muskel.

Zusammensackend pumpte er noch schwach und ließ dann von ihr ab.

Als sein Glied ihre Mitte verließ, fühlte sie eine grässliche Leere in ihrem Fleisch. Und dennoch hatte er etwas darin zurückgelassen. Sie spürte es in ihrem Innern heiß und glibbrig Wurzeln schlagen. Er hatte sie besudelt, seinen Samen in ihr gepflanzt.

Oh mein Gott …

Sie hörte, wie er in den Stuhl fiel und ein Feuerzeug klickte.

Bitte nicht …

Sheryl schluchzte.

Es schmerzte.

Alles.

Ihre Organe.

Ihre Seele.

Ihr Selbstwertgefühl.

Au …

Sie sah auf zur grauen Zimmerdecke. Um sie herum drehte sich der Raum.

Aus weiter Ferne sagte der Mann etwas.

Sie verstand seine Worte nicht.

Ihr war schwindlig.

Und sie war müde.

Sehr müde …

Schlapp schaffte er es, sich eine Zigarette anzuzünden. Tief zog Ace das Nikotin in seine schwarze Lunge, behielt den Rauch ein paar Sekunden lang in sich und atmete dann aus. Ihm zitterten noch etwas die Finger von seinem Orgasmus.

Normalerweise hielt er nichts von Sex am Arbeitsplatz. Auf Zuschauer konnte er verzichten, ganz zu schweigen von irgendwelchen dämlichen Kommentaren hinsichtlich der lieben, doch sehr überschätzten Ethik. Aber heute lief ja komplett alles aus dem Ruder.

Er fuhr sich durch das verschwitzte Haar und schaute auf das Mädchen, das ebenfalls völlig erledigt auf seinem Schreibtisch lag und weinte. Zwischen ihren zarten Schenkeln schimmerte ihm eine rosafarbene Knospe entgegen, die er mit Gewalt geöffnet hatte. Ein dünner roter Fluss zeugte davon.

Erfolgreich entjungfert, bravo …, dachte sein Ego und er schlug sich gegen die Stirn. Bei den heutigen frühreifen Kids wunderte ihn das tatsächlich sehr. Gerade in ihrer ausweglosen Position hätte er erwartet, dass sie schon des Öfteren mit ihrem Körper bezahlt hatte. Sie sollte froh sein, bisher einen guten Schutzengel gehabt zu haben.

Bis er kam und den bescheuerten Vogel abknallte.

Lässig zuckte er die Schultern.

Na ja, jetzt hat sie es hinter sich. Und das sogar mit Stil. Jedenfalls mehr, als wie sie auf der Straße gekriegt hätte. Cool, und ich kann endlich die Jungfrau von meiner Liste streichen …

Ein kurzes Grinsen huschte über sein Gesicht.

Erneut sah er zu ihr hin. Die Kleine rührte sich nicht.

„Alles klar?“, fragte er sie knapp.

Keine Antwort.

„Hey!“, rief Ace lauter.

Nichts.

Ist sie bewusstlos?

Oder nur sauer?

Er nahm einen zweiten tiefen Zug, dass die Glut hell aufleuchtete.

„Scheiße!“, stieß er den Qualm mit einem Fluch aus.

Alter, du bist so was von erledigt.

2

Gerädert erwachte Sheryl aus einem traumlosen Schlaf. Ihr Verstand war wie umnebelt.

Für einen kurzen, irrationalen Moment dachte sie, sie wäre wieder zu Hause, in ihrem eigenen Bett und ihre Mutter käme bald zur Tür herein, um sie an die Schule zu erinnern, während ihr Vater in der Küche das Frühstück vorbereiten würde.

Doch das war eine Illusion.

Dieses Bett hier war fremd. Ebenso das gelbe Sonnenlicht, welches durch die halb geöffnete blaue Jalousie vor dem Fenster zu ihr in den Raum fiel. Es beleuchtete einen Ort, der ihr unbekannt war und von dem sie nicht wusste, wie sie ihn erreicht hatte.

Das Laken unter ihr war weiß und frisch. Auch das mintgrüne Kopfkissen und die Zudecke machten einen guten Eindruck. Sie roch noch den blumigen Weichspüler.

Behutsam setzte sie sich auf. Und ihr Körper meldete sich protestierend zu Wort. Ihr Rücken schmerzte, ihre Beine, ihr Kopf – doch am meisten ihr Bauch. Ihr ganzer Beckenbereich.

Wieso?

Was ist passiert?

Was -

Plötzlich dämmerte es ihr.

Die Wüste. Das Hostel. Und dieser … dieser … Mistkerl!

Zornig sprang sie aus dem Bett, aber ihre Beine wollten Sheryl noch nicht halten und so fiel sie lang auf die kobaltblaue Auslegeware. Jetzt taten ihr auch Knie und Ellenbogen weh.

Die schlechten Neuigkeiten rissen nicht ab. Beschämt wurde sie sich ihrer Nacktheit bewusst. Wo war ihr Rucksack? Wo ihre Klamotten? Ihre Schuhe? Obwohl sie allein war, sehnte sie sich nach dem Schutz der Kleidung.

Suchend betrachtete Sheryl das Zimmer genauer.

Rechts von ihr befand sich eine kleine Küchenzeile mit angrenzendem Waschraum. Ein Esstisch für zwei Personen stand in der freien Ecke und ein Sessel plus Beistelltischchen stilisierte mit einem Schrank links den Wohnbereich abseits vom Bett. Dort entdeckte Sheryl zum Glück einen weißen Bademantel. Wankend stand sie vom Boden auf und griff nach dem weichen Stoff, der auf dem Polster lag. Wie das Bett, roch das Frottee sehr sauber und hastig warf sie es sich über. Als sie den Gürtel zusammenziehen wollte, stutzte sie.

An ihren Schenkelinnenseiten … klebte getrocknetes Blut. Ängstlich legte sie ihre Finger darauf und die empfindliche Haut sendete sofort einen entsprechenden Reiz. Erinnerungsfetzen blitzten in Sheryls Kopf auf. Ein Keuchen entfuhr ihrer Kehle und abermals gaben ihr die Beine nach.

Es war kein Albtraum gewesen.

Sie konnte es fühlen. Wie er sie …

Vor Schreck stand sie ganz starr. Tränen kullerten über ihr Gesicht und tropften auf den Teppich.

Oh Gott. Oh großer Gott! Bin ich etwa von ihm schwanger?, dachte sie fassungslos und das Herz in ihrer Brust hörte auf zu schlagen.

Sheryl erinnerte sich, wie sie einmal bei ihrer Freundin Conny übernachtet hatte. Die beiden Teenager waren lange bis in die Nacht aufgeblieben und hatten sich Late-Night-Talkshows reingezogen. Über die jungen Frauen, die sich von irgendeinem Mann hatten schwängern lassen, der sie dann mit dem Balg zurückließ, um seine Gene noch anderswo zu verteilen, konnten sie nur den Kopf schütteln.

„Gott, sind die blöd!“, hatte Conny gelacht. „Haben die noch nie was von Verhütung gehört? Die müssen echt verzweifelt gewesen sein! Ohne Gummi würde ich keinen Typen an mich ranlassen! Ich bin zu jung für ein Kind!“

Um ein lautes Schluchzen zu verhindern, hielt sich Sheryl den Mund zu. Nun saß sie hier, möglicherweise mit der Brut dieses … Bastards im Bauch.

Und was jetzt?

Sie wischte sich die Tränen fort.

Der Zorn stieg wieder in ihr auf.

„Du Arschloch!“, brüllte sie ihn durch die Wände an.

Entschlossen, ihn für ihre Schmerzen und die Belastung bezahlen zu lassen, stand sie auf, zog den Mantel zu und verließ das Zimmer barfuß durch die Tür nach draußen.

Sheryl betrat einen langen Korridor mit hellgrauen Wänden, an denen keine bunten Bilder hingen und nirgends eine Zimmerpflanze ihr Dasein fristete. Der Boden war mit dem gleichen blauen Teppich ausgelegt, wie das Innere des Raumes hinter ihr. Zu beiden Seiten gingen weitere, mit weißen Ziffern nummerierte Holztüren ab, die wohl in andere Gästezimmer führten.

Doch kein Besucher ließ sich blicken. Oder gar hören. Alles blieb ruhig.

Nervös ging sie erst ein paar Schritte nach links, besann sich dann aber und lief nach rechts. Auf einem letzten Durchgang stand die Aufschrift Stairway. Hastig drückte sie die abgewetzte Messingklinke und kam in ein noch schlichteres Treppenhaus mit Metallgeländer und betonierten Stufen. Der an der Wand stehenden 2 entnahm sie, dass sie sich im zweiten Stock befinden musste, und so gut sie konnte, rannte sie nach unten. Fast wäre sie so manches Mal gestolpert. Weil die 1 nicht wie üblich ebenerdig verlief, stieg sie weiter hinab. Im „Erdgeschoss“ angekommen, ließ Sheryl sich beinahe durch die Außentür fallen.

Heiße Luft blies ihr entgegen.

Ein klarer Morgen, die Sonne stand noch nicht hoch. Im Nord-Westen sah sie noch Ausläufer der schwindenden Nacht.

Der quadratische Innenhof des Hostels, die weite Wüste, der endlose Highway – alles zeigte sich ihr still und ausgestorben. Kein Mensch, kein Tier, kein Wagen, der einen Laut von sich gab. Gerade mal glaubte sie, von irgendwoher einen Adler oder Falken rufen zu hören. Sand knirschte unter ihren Zehen.

Kurz atmete Sheryl durch.

Dann lief sie zur Rezeption.

An der eingefassten Scheibe hing eine feste Notiz mit geregelten Öffnungszeiten, die sie überflog.

MO 10 am - 8 pm

TU - closed -

WE 10 am - 8 pm

TH 10 am - 8 pm

FR 10 am - 6 pm

SA 10 am - 10 pm

SU 12 am - 6 pm

Darunter befand sich ein zweites Schild aus Pappe. Es war von der Innenseite her grob mit Klebeband angebracht und zeigte die handschriftliche Forderung:

Fresse halten! Ihr könnt warten! Ich muss schlafen!

Was für ein freundlicher Kerl …

Sie zögerte, ehe sie nach der Tür fasste. Vielleicht war abgeschlossen, oder der Typ war gar nicht hier zu finden, oder ein Alarm schrillte plötzlich los, der die Polizei benachrichtigte.

Ach, ich komme nicht weiter, wenn ich hier nur rumstehe!, schüttelte Sheryl den Zweifel ab und drehte den silbernen Knauf. Die Pforte sprang mit einem Knarzen der Scharniere auf. Der Raum dahinter wirkte staubig und verlassen. Zumindest die Aktenschränke und Schlüsselbretter waren verschlossen, wenn der Herr Vermieter es schon mit der Haustür nicht so genau nahm. An der Decke über den Eingang sammelte sich eine Kolonie von dünnen Spinnen an, die gut von Motten und Mücken lebte.

Der vermisste Rucksack lag geöffnet auf dem Sofa. Vom restlichen Besitz, den sie von zu Hause mitgenommen hatte, fehlte jedoch jede Spur. Was hat dieser schmierige Penner damit gemacht? Gut, es waren bloß Wechselsachen und ein paar Waschutensilien, aber dennoch ihres!

Langsam ging Sheryl um die Theke herum und warf einen verstohlenen Blick auf den Schreibtisch. Dort hatte sie gelegen und dieser … dieses ekelhafte Schwein! Er hatte sie wie eine billige Hure benutzt! Angewidert schüttelte sie die Erinnerung ab und atmete tief durch. Leider wurde ihr davon nur noch übler. Die muffige Luft in diesem heruntergekommenen Kabuff schmeckte nach kaltem Rauch und roch wie etwas, das sie nicht identifizieren wollte.

Rechts vom Tresen befand sich eine unscheinbare Holztür. Privat verkündete sie und würde ganz sicher in den Wohnraum des Verwalters führen.

Diesmal zögerte Sheryl nicht und klinkte gleich.

Der Zigarettengestank wurde unerträglich und vermischte sich mit dem abscheulichen Dunst der Verwesung. Hustend trat sie in einen wahren Saustall. Auf den ersten Blick war das Zimmer dem ihren nicht unähnlich. Eine Küche, Zugang zum Badezimmer, eine Essecke für zwei. Nur eine graue Falttür markierte die Grenze zum Schlafzimmer. Doch im Gegensatz zu ihren sauberen Wänden, herrschte der Mann über ein Chaos.

Überall standen leere Glasflaschen – ehemals Whiskey – herum. Der Inhalt von Aschenbechern stapelte sich in die Höhe und im Abwasch sammelte sich schmutziges Geschirr. Fliegen summten über einer stehen gelassenen Mahlzeit, die irgendwann Ravioli gewesen sein musste, und deren Jungen genossen das Angebot an Abfällen. Krümel, Staub, Spinnweben … und eine Kakerlake huschte davon.

Schnurstracks lief Sheryl zum Fenster über dem vermoderten Spülbecken und öffnete es. Sauerstoff füllte ihre Lunge und die Insekten schwärmten, zu einer brummenden schwarzen Wolke geformt, nach draußen. Den Teller und die Asche warf sie ihnen gleich hinterher.

Angeekelt von der Unordnung, schüttelte sie das Gefühl ab und wandte sich dann dem Schlafzimmer zu. Irgendwie wollte Sheryl gar nicht wissen, welche hygienischen Abgründe hinter der Schiebetür auf sie lauerten – doch es musste sein.

Der abgestandene Gestank erregte auch hier drinnen Brechreiz. Tabak und Alkohol zählten bei dem Mann scheinbar zur Grundnahrung. Dazu lagen zig Kleidungsstücke kreuz und quer, sauber und dreckig über den ganzen Raum verteilt. Hier ein ausgelatschter Schuh, da eine muffige Socke, ein fleckiges Unterhemd und genug Dinge, über die sie sich sicher nicht den Kopf zerbrechen wollte. An der Längswand standen auf einem schwarzen, sehr staubigen Sideboard ein dunkler Flachbildfernseher und eine silberne Musikanlage. Mehrere abgegriffene CDs stapelten sich neben dem Steinzeitmodell von Gerät, das zudem noch für altmodische Kassetten ausgelegt war. Und – was sie wirklich sehr überraschte – es gab Bücher.

Unter all dem Schmutz und Schund befanden sich zig Bücher. Romane. Nie hätte Sheryl den Kerl für eine Leseratte gehalten. Sie hob eine Taschenbuchausgabe an, die mit durchgebogenem Rücken auf der Kommode lag und las ein paar Zeilen. Der Text war auf Deutsch verfasst und es dauerte etwas, eh sie den Inhalt halbwegs übersetzen konnte.

Es war ein Kinderbuch über märchenhafte Gestalten und fantastische Abenteuer. So etwas Feinfühliges – ja, nahezu Unschuldiges – hatte sie wirklich nicht von jemandem erwartet, der dermaßen abgebrüht und steinern war wie er.

Und wenn schon, er hat mir Schreckliches angetan, reagierte sie grimmig und legte das Buch grob beiseite.

Sheryl trat an das Doppelbett heran, welches den verkommenen Raum dominierte. In die zerwühlten Laken eingewickelt, schlief dort der Mann, seitlich auf den Bauch gedreht und leise schnarchend. Neben ihm auf der Matratze lag eine leere Flasche Bourbon. Von ihrer Anwesenheit hatte er gar nichts mitbekommen. Der Rausch musste ihn fest im Griff haben.

Wenn es nur der Alkohol ist. Wer weiß, was der Typ sich sonst noch spritzt!, dachte sie abfällig, dann schloss Sheryl auch hier das Fenster auf, um klare Luft hereinzulassen. Sonnenlicht flutete die verhangene Räucherhöhle und schien dem Mann direkt auf den bunt tätowierten Rumpf. Hauptsächlich bestand das Motiv aus aufgemalten Knochen. Vom Hals abwärts war das Rückgrat nachgebildet, wobei die einzelnen Wirbel an kleine Schädel erinnerten. Schulterblätter, Rippen … Statt von Muskeln oder Adern, waren sie von Flammen überzogen. Im Schatten des Lendenbereichs wanden sich zwischen verrotteten Organen Würmer, Maden und Aaskäfer.

Sheryls Unterfangen beeindruckte den Schläfer wenig. Er schnarchte weiter und schmatzte kurz im Schlaf.

Wie der so die Ruhe weghaben konnte, war ihr schleierhaft. Während ihr diverse Sorgen und Schmerzen durch Geist und Körper fuhren, war für den alles in bester Ordnung.

Neidisch auf seinen gesunden Schlaf, stieg sie wütend auf die Matratze und stieß ihn kurzerhand – unter Aufbietung all ihrer dem Wahnsinn nahen Kräfte – von dieser runter. Polternd landete er mit einem gequälten Stöhnen am Boden, was ihr nur recht war. Er konnte auch mal ein bisschen leiden, er hatte es mehr als verdient! Am besten, man sperrte ihn gleich weg!

Benommen zog sich der Mann mühsam an der Bettkante hoch. „Scheiße!“, fluchte er mit kratziger Stimme und kniff wegen der ungewohnten Helligkeit die Augen zusammen.

„Du perverser Mistkerl!“, kreischte Sheryl ihn umgehend von oben herab an.

Knurrend hielt er sich den Kopf und murmelte bloß: „Brüll nicht so, verdammt …“

„Du Drecksack!“

„So weit warste schon …“

„Was hast du mir angetan?!“

„Eh?“, verstand er offenbar nicht, was sie von ihm wollte. Seine Stirn legte sich in Falten.

„Du hast mich vergewaltigt, du Arschloch!“

Scheiße.

In der Regel sollte Ace derjenige mit dem Filmriss sein. Der kleinen Ratte hatte er dem Anschein nach das Hirn rausgevögelt! Und wenn die nicht bald mit dem verfluchten Geplärre aufhörte und weiter die Luft an diesem frühen Morgen mit idiotischen Moralpredigten belastete, würde er ihr den dürren Hals umdrehen! Die Schuld konnte sie jemand anderem in die Schuhe schieben, aber doch nicht ihm! Wer wollte denn unbedingt bleiben?! Sie war ja nicht gefangen …

„Halt dein dummes Maul!“, wurde er jetzt richtig laut, dass sein Gebrüll von den Wänden hallte und wahrscheinlich noch meilenweit in die Wüste hinaus zu hören war.

Das hatte gesessen.

Mit großen Augen wurde sie stumm.

Endlich Ruhe. Verdammter Mist.

Schon sackte die Göre kraftlos auf seinem Bett zusammen und fing an zu heulen.

Genervt von ihrer Gefühlskrise, setzte er sich auf den Boden hin und kratzte durch sein Haar.

„Schalt deine Birne ein, Schätzchen!“, fuhr er sie rau an. „Haste sie noch alle?

Wir haben ’nen Deal, klar? Und du warst einverstanden! Haben’s mit Handschlag besiegelt, also komm mir jetzt nicht mit blöden Vorwürfen! Gefickt zu werden ist dein Teil der Abmachung! Kapiert?“

„Ich war verzweifelt!“, jammerte sie und tropfte sein Laken mit Rotz und Wasser voll.

„Klar, was sonst?!“, verstand er nicht, was sie damit sagen wollte. Wer, außer die Verzweifelten, würde freiwillig hierbleiben wollen?

„Ich war nicht zurechnungsfähig!“

„Erzähl kein’ Mist, hast sehr wohl verstanden, worum’s geht! Mach jetzt kein’ beschissenen Rückzieher, bloß weil du Panik bekomm’ hast! Ich hab geliefert und du bezahlst, also hör auf zu flenn’!“

Das Gegenteil war der Fall.

Weinend fiel sie zur Seite und rollte sich wie ein Kätzchen zusammen, um gehörig zu verzweifeln.

Ich hasse Teenager, dachte Ace gereizt.

Unsicher kam er auf die nackten Füße und suchte im Zimmer nach einer vollen Schachtel Zigaretten. Beim Fernseher lagen welche, inklusive Feuerzeug. Rauchend wartete er einige Lungenzüge ab und warf dabei einen kurzen Blick in die Küche.

Er hatte wieder das Abschließen vergessen. Und das blöde Weib riss gleich alle Bretter auf, als hätte sie hier was zu sagen! Wenn er etwas nicht mochte, dann naseweise Bälger, die sich in seinem Domizil breitmachten und glaubten, alles umändern zu können. Schnaufend gab Ace einen wüsten Fluch von sich und kehrte sich wieder dem Bett zu.

Die heult ja immer noch …

„Scheiße, jetzt tu nicht so, als wärste das Opfer!“, schimpfte er. „Hast doch was gekriegt dafür, oder? Und wenn du echt nicht gewollt hättest, hätte ich auch die Bullen rufen könn’, wie auch immer …“

Sie schluchzte.

„Verdammt!“, stöhnte er auf und warf wütend die Kippe in einen eh vollen Aschenbecher. „Kurze, von der Heulerei wird’s nicht besser! Komm gefälligst klar!“

Doch die Kleine kugelte sich nur noch mehr ein.